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5.4 Störungen der Risikoberichterstattung in:

Marc Diederichs

Risikomanagement und Risikocontrolling, page 216 - 219

3. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4222-9, ISBN online: 978-3-8006-4223-6, https://doi.org/10.15358/9783800642236_216

Series: Finance Competence

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5. Risikoberichterstattung und Risikokommunikation196 5.4 Störungen der Risikoberichterstattung Die Übermittlung risikorelevanter Informationen kann durch eine Vielzahl von Einflüssen gestört werden, die zu Informationsverlusten führen und die Wirksamkeit der Risikokommunikation beeinträchtigen oder vollständig verhindern kann.417 Zudem bieten die mit der formellen und materiellen Berichtsgestaltung einhergehenden Einflussmöglichkeiten Ansatzpunkte für bewusste und unbewusste Manipulationen. Um eine optimale Gestaltung der Risikoberichterstattung zu gewährleisten, ist es wichtig, die potentiellen Störungen und ihre Ursachen zu kennen.418 Daher wird zunächst der allgemeine Prozess der Informationsübermittlung untersucht, bevor die Störungen konkretisiert werden, die bei der Risikoberichterstattung und Risikokommunikation auftreten können. Im Allgemeinen werden die Vielzahl von Störungen und deren Ursachen nach den semiotischen Ebenen der Information oder den Phasen des Kommunikationsprozesses differenziert (vgl. Abb. 5-25). Nach den semiotischen Ebenen lassen sich syntaktische, semantische und pragmatische Störungen unterscheiden, die auf dem Weg vom Sender über den Informationskanal bis zum Empfänger auftreten können. pragmatischmotivational pragmatischfunktional Sy nt ak tis ch e St ör un ge n Se m an tis ch e St ör un ge n Pr ag m at is ch e St ör un ge n Planung und Entscheidung der Informationsabgabe Durchführung der Informationsabgabe Transmission der Berichte Transmission der Zeichen Akzeptanz der Berichte Wahrnehmung (Perzeption) Verstehen (Apperzeption) Beurteilung der Zweckorientierung Akzeptanz der Information Informationssender Kanal Informationsempfänger Abb. 5-25: Allgemeine Störungsquellen im Rahmen der Berichterstattung419 Syntaktische Störungen sind in der fehlenden Übereinstimmung der Intention gesendeter und der Wahrnehmung empfangener Zeichenfolgen begründet. Sie resultieren aus Fehlern technischer Hilfsmittel bei der Informationsübermittlung und aus durch den Sender und 417 Vgl. allgemein Koch (1994), S. 71. 418 Vgl. Horváth (2002), S. 618; Koch (1994), S. 71 ff.; Heinrich (1964), S. 144 f. Heinrich betont, dass eine optimale Berichterstattung nicht einer störungsfreien Berichterstattung entsprechen muss. Vielmehr sind die Kosten gegen den Nutzen der Ausschaltung der Störung abzuwägen. 419 In Anlehnung an Koch (1994), S. 99; Horváth (2002), S. 619. 5.4 Störungen der Risikoberichterstattung 197 Empfänger selbst verursachten Fehlern (zum Beispiel Sprach-, Schreib-, Druck-, Hör- oder Sehfehler). Semantische Störungen liegen vor, wenn Sender und Empfänger den übermittelten Zeichen nicht die gleiche Bedeutung zumessen. Die Störung tritt beispielsweise dann auf, wenn ein Fachbegriff durch den Sender nicht richtig verwendet oder durch den Empfänger falsch interpretiert wird. Pragmatische Störungen resultieren aus Beziehungen zwischen den Zeichen und Benutzern (also Sendern und Empfängern) und deren Verhalten.420 Sie lassen sich in pragmatisch-motivationale und pragmatisch-funktionale Störungen unterscheiden. Zu den pragmatisch-motivationalen Störungen zählt die fehlende Akzeptanz von Berichten oder Informationen durch den Empfänger. Unter die pragmatisch-funktionalen Störungen werden die Übermittlung nicht zweckorientierter Informationen durch den Sender, keine oder eine verspätete Übermittlung zweckorientierter Informationen durch den Sender oder durch den Kanal sowie eine falsche Beurteilung der Zweckorientierung der Informationen durch den Empfänger subsumiert. Wie eingangs erwähnt, lassen sich die Störungen und deren Ursachen auch nach den Phasen des Kommunikationsprozesses unterscheiden, also nach dem Sender, Informationskanal und Empfänger. Störungen im Bereich des Informationssenders können bei der Planung und Entscheidung oder der Durchführung der Informationsabgabe entstehen. Während Störungen im Kanal die Informationsübertragung betreffen, können beim Empfänger Störungen hinsichtlich der Akzeptanz, der Wahrnehmung, des Verstehens, der Beurteilung der Zweckorientierung sowie der Akzeptanz der Informationen auftreten. Im Rahmen des Risikomanagements und Risikocontrollings stößt die Informationsbeschaffung und -versorgung sowohl auf technische Probleme (wie beispielsweise auf Inkompatibilitäten mit den informationsliefernden Systemen), als auch auf Schwierigkeiten, die über die rationale Gestaltung des Systems hinausgehen. Hierzu zählen insbesondere dysfunktionale Verhaltensweisen der am Informationsprozess beteiligten Personen.421 Störungen treten oftmals in Verbindung mit der Verwendung von Fachbegriffen auf. Da häufig ein Betriebsjargon vorherrscht und Fachausdrücke betriebsindividuell genutzt werden oder sogar abteilungs- oder regionenspezifisch unterschiedliche Bedeutung haben können, kann deren Verwendung die Verständigung erschweren. Außerdem können Sprachbarrieren, die vor allem in international agierenden Unternehmen vorkommen, Störungen Vorschub leisten. Um Störungen auszuschließen, die durch eine unterschiedliche Interpretation eines Fachbegriffes auftreten können, sollten Fachbegriffe in einer unternehmensweit einheitlichen (gegebenenfalls mehrsprachigen) Risikomanagement-Richtlinie definiert, dokumentiert und den Mitarbeitern kommuniziert werden. Außerdem sollte sie permanent zugänglich sein. Ein weiteres Problem besteht darin, dass trotz zur Verfügung stehender Informationen diese häufig nur unzureichend in die unternehmerischen Entscheidungen einbezogen werden.422 420 Vgl. Koch (1994), S. 71 ff.; Heinrich (1964), S. 147; Coenenberg (1966), S. 43 ff.; Heinen (1966), S. 231 f.; Hax (1969), S. 825 ff.; Kuhn (1990), S. 196 f.; Pausenberger/Glaum (1994), S. 91 ff.; Küpper (1997), S. 159. 421 Vgl. Bleuel/Schmitting (2000), S. 103. 422 Vgl. Macharzina (1984), S. 80 ff.; Haller (1986a), S. 21 ff.; Bleuel/Schmitting (2000), S. 103. 5. Risikoberichterstattung und Risikokommunikation198 Die unzureichende Fundierung unternehmerischer Entscheidungen wird mit einer Vielzahl von Informationspathologien begründet. Hierzu zählen unter anderem die Verfälschung von Informationen im Kommunikationsprozess aufgrund von Standardisierungen und Formalisierungen in Informationssystemen, eine bewusste oder unbewusste selektive Informationsbeschaffung, Machtausübung mittels Informationsvorsprüngen der am Informationsprozess beteiligten Personen, denen am Erhalt von Informationsasymmetrien gelegen ist sowie die Manipulation von Daten, um Ansichten und Standpunkte durchzusetzen. Meist liegt die Tatsache aber darin begründet, dass Empfänger die Zweckorientierung der zur Verfügung gestellten Informationen und deren Relevanz für ihren Aufgabenbereich nicht erkennen und entsprechende Entscheidungen ausbleiben. Um die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer derartigen Störung zu verringern, sollte das Risikobewusstsein durch Schulungen, funktionsund hierarchieübergreifende Workshops, Präsentationen oder Beiträge in internen Broschüren, Zeitschriften und im Unternehmensintranet sowie durch eine offene, breit gefächerte Kommunikation gestärkt werden (wie zum Beispiel durch Einbindung großer Personenkreise in die Risikoberichterstattung). Eine weitere Störung kann in einer nicht stattfindenden Kommunikation risikorelevanter Informationen liegen. Eine Ursache für eine derartige Unterlassung kann ein im Unternehmen vorherrschendes Sanktionssystem sein, welches es für die am Informationsprozess Beteiligten ratsam erscheinen lässt, negative Informationen nicht zu kommunizieren.423 Da die Bereitschaft der Mitarbeiter zur Offenlegung ihrer Kenntnisse über kritische Themen und Risiken stark von der Unternehmenskultur und Risikomanagement-Philosophie beeinflusst wird, ist die Schaffung einer offenen Kommunikation von besonderer Bedeutung. Eine sehr offensive Möglichkeit, um eine aktive Informationsweitergabe zu fördern, besteht darin, die Zurückhaltung von Informationen ausdrücklich als Sanktionierungsgrund zu fixieren, den betreffenden Mitarbeiter in Abhängigkeit von der Tragweite abzumahnen oder eine Kündigung auszusprechen. Der Leitgedanke sollte jedenfalls derart gestaltet sein, dass jeder Mitarbeiter, der ein maßgebliches Risiko identifiziert und kommuniziert, einen Beitrag zu einem effizienten Risikomanagement und damit zur Erreichung der Unternehmensziele leistet.424 Darüber hinaus stößt die Risikoberichterstattung an ihre Grenzen, wenn sich risikorelevante Sachverhalte nicht quantitativ, sondern nur qualitativ beurteilen lassen. Insbesondere bei schlecht greifbaren, nur vage beschreibbaren Sachverhalten mit komplexen Ursache- Wirkungs-Zusammenhängen können leicht bewusste oder unbewusste Informationsverfälschungen entstehen.425 Es ist festzuhalten, dass aufgrund vielfältiger Störfaktoren das alleinige Installieren einer Risikoberichterstattung die Funktionsfähigkeit des Risikomanagements zwar unterstützen, nicht aber allein garantieren kann. Es bedarf zahlreicher ergänzender organisatorischer Maßnahmen zur Vermeidung dysfunktionaler Verhaltensweisen. 423 Vgl. Claassen (2000), S. 833 f.; Bleuel/Schmitting (2000), S. 103. 424 Vgl. Wittmann (2000a), S. 818 f. 425 Vgl. Saitz (1999), S. 94; Bleuel/Schmitting (2000), S. 103. 6.1 Vorbemerkung 199 6. Risikomanagement im DAX30 Nach der Vorstellung praxiserprobter Instrumente zur Erkennung, Beurteilung und Steuerung von Risiken sowie von Empfehlungen zum Aufbau einer Risikomanagement- Organisation und Risikoberichterstattung wird aufgezeigt, wie die DAX 30-Unternehmen ihre Systeme in den Grundzügen gestalten.426 Die Ergebnisse im Überblick zeigt Abb. 6-1. 6.1 Vorbemerkung Die folgenden Ausführungen beleuchten den Stand des Risikomanagements in den Bereichen Organisation und Berichterstattung, der Mitte 2010 im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Hamburg, untersucht wurde. Das Ziel bestand in der Ableitung allgemeiner Tendenzaussagen zur Umsetzung des Risikomanagements im DAX30. Im Rahmen von Telefoninterviews wurden die Informationen auf Basis eines strukturierten Leitfadens erhoben, der den Teilnehmern vorab zugesendet wurde. Die Auswertung der erhobenen Informationen erfolgte anonymisiert. Insgesamt nahmen 24 Unternehmen teil. Die Rücklaufquote lag damit bei 80 %. Bei der Ergebnisdarstellung wird bewusst auf eine Bewertung der Risikomanagement- Systeme und ihrer Ausprägungen verzichtet. Da es sich bei den etablierten Systemen um Maßanzüge handelt und sie entsprechend Größe, Branche und Struktur ausgeprägt sind, kann es kein richtig oder falsch, besser oder schlechter geben. Es wird beschrieben, in welchen Bandbreiten sich die Unternehmen bewegen und ihr Risikomanagement in den Bereichen Organisation und Berichterstattung gestalten.427 Jedes Unternehmen kann damit selbständig ausloten, wo es mit seinem System im Vergleich zum DAX30 in den untersuchten Bereichen positioniert ist. 6.2 Ergebnisse 6.2.1 Vorstandszuordnung, organisatorische Aufhängung und personelle Ausstattung Die Auswertung zeigt, dass bei 19 von 24 Unternehmen (79 %) das Risikomanagement dem Finanzressort (CFO) zugeordnet ist. Davon sind 71 % auf Unternehmen zurückzuführen, die das Risikomanagement alleinig in die Berichtslinie des CFO eingebunden haben. Die anderen zwei Unternehmen (8 %) haben eine doppelte Berichtslinie, über die das Risikomana- 426 Die Ergebnisse sind erstmalig erschienen in Diederichs/Macke/Fricke: Risikomanagement im DAX30 – Untersuchung des State-of-the-Art, in: Der Betrieb (2011), S. 1461-1465. 427 Auf kausale Zusammenhänge und Abhängigkeiten wird nur an den Stellen näher eingegangen, an denen sie für die Auswertung relevant sind.

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References

Zusammenfassung

Risikomanagement und Risikocontrolling

Dieses Standardwerk beschäftigt sich mit Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten bei der Einrichtung und Weiterentwicklung von Risikomanagement- und Risikocontrolling-Systemen. Es bietet sowohl für den lösungssuchenden Praktiker als auch für den Wissenschaftler einen großen Fundus an wertvollem Wissen und liefert zahlreiche Anregungen und Hilfestellungen sowie in der Unternehmenspraxis erprobte Lösungen und Instrumente.

Aus dem Inhalt:

- Grundlagen des Risikomanagements und Risikocontrollings

- Anforderungskatalog an das Risikomanagement und die risikoorientierte Lageberichterstattung seitens des Gesetzgebers und des Wirtschaftsprüfers

- Internes Kontrollsystem (IKS), COSO und Internes Kontroll- und Risikomanagementsystem bezogen auf den Rechnungslegungsprozess

- Prozessschritte des Risikomanagements und Vorstellung praxiserprobter Instrumente zu deren Unterstützung

- Gestaltung einer Risikomanagement-Organisation, Abgrenzung von Risikomanagement und Interner Revision sowie Anforderungen an den Risikomanager

- Empfehlungen zum Aufbau einer chancen- und risikoorientierten Berichterstattung (Balanced Chance und Risk Card)

- Risikomanagement im DAX30

Der Autor:

Dr. Marc Diederichs leitet das Konzernrisikomanagement der Aurubis AG, Hamburg. Davor war er verantwortlich für das Corporate Risk & Insurance Management der Beiersdorf AG, Hamburg. Neben seiner beruflichen Laufbahn veröffentlicht der Autor Beiträge in Fachzeitschriften und Fachbüchern, leitet Seminare und hält Vorträge zu den Themen Risikomanagement und Risikocontrolling.

"Dr. Diederichs gelingt es auf konstruktive und anschauliche Weise, die Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten des Risikomanagements sowie des Risikocontrollings herauszustellen. Er bietet damit Praktikern und Wissenschaftlern ein Standardwerk, welches durch seine anschauliche Struktur sowie seine unkomplizierte Ausdrucksweise besticht. Mit zahlreichen Abbildungen und präzisen Begriffserklärungen ist es eine verständliche Lektüre, die einen breiten Überblick über das Themenfeld liefert."

Antonia Köhler, ZfCM - Zeitschrift Controlling & Management, 6/2012, S.450

"Diederichs Ansatz des Risikomanagements und des Risikocontrollings, vor allem die hier vorgeschlagenen Aufgaben und Instrumente, können in verschiedenen Branchen angewandt werden. Selbstverständlich müssen Aufgaben und Instrumente hier entsprechend konkretisiert und angepasst werden, aber auch hierzu gibt das Buch Hinweise... Das Buch kann daher jedem empfohlen werden, der sich in Theorie und Praxis mit Risikomanagement und Risikocontrolling beschäftigt."

Peter Bömelburg, Zeitschrift Die Wirtschaftsprüfung, 15-2011, zur Vorauflage