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I. Überblick in:

Jürgen Weibler

Personalführung, page 16 - 18

2. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-4185-7, ISBN online: 978-3-8006-4186-4, https://doi.org/10.15358/9783800641864_16

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
A. Führung und Führungsbeziehungen I. Überblick Führung ist ein Phänomen unserer Alltagswelt, das in allen menschlichen Gemeinschaften zu beobachten ist. Es spielt dabei keine Rolle, ob es sich um Gruppen von Jägern und Sammlern, Stämme, Nationen oder Organisationen modernen Typs handelt. Immer wieder tritt Führung auf, immer wieder gibt es Führende und Geführte, immer wieder wird Führung als wichtig erachtet. Führung als solcher kann man sich in sozialen Verbänden auch gar nicht entziehen (vgl. Bass/Bass 2008; Burns 1978; Weber 1980/1922). Der Nobelpreisträger William Golding hat dies in seinem 1954 erschienenen Roman „Lord of the Flies“ literarisch sehr eindringlich an dem Verhalten und Interaktionen von 6–12jährigen Jungen illustriert, die sich nach einem Flugzeugabsturz auf einer unbewohnten Insel alleine durchschlagen müssen. Die Entstehung von Führung und die Bereitschaft zum Gehorsam ist schon bei diesen Kindern aus zwei miteinander rivalisierenden Gruppen ein überlebenswichtiges Thema. Die Entstehung von Führung wurde – um eine andere aus Alltagssicht ungewöhnliche Situation aufzugreifen – erstmals innerhalb eines Laborexperimentes systematisch beobachtet: Der Sozialpsychologe und Führungsforscher Robert Bales (1950) gab einer kleinen Gruppe von Menschen, die sich zum ersten Mal in einem Laboratorium trafen, eine zu lösende Aufgabe und beobachtete, dass sich nach kurzer Zeit Personen hervortaten, die die Gruppe stärker beeinflussten als sie selbst von der Gruppe beeinflusst wurden. Aus diesem Experiment lässt sich schließen, dass Menschen generell in der Lage sind, sehr schnell das Führungspotenzial bei anderen in einer bestimmten Situation zu erkennen. Allerdings neigen Menschen gleichzeitig auch dazu, in Führungsverantwortung stehenden Personen Einfluss auf Ergebnisse und Ereignisse über Gebühr zuzuschreiben bzw. die Wirksamkeit von Führung zu überschätzen: So kann es sein, dass manche (positiven) Ergebnisse und Ereignisse auf günstige Umstände zurückzuführen sind oder sich mehr oder minder zufällig so ergaben. Oftmals sind Ereignisse und Ergebnisse auch ohne das Zutun anderer Personen, die dabei übersehen werden, nicht denkbar (vgl. auch Meindl 1995). Bass und Bass (2008) haben in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass das Studium der Menschheitsgeschichte immer auch ein Studium der in ihr hervorgetretenen Führungsgestalten gewesen ist. Dokumentiert ist dies bereits bei den Ägyptern vor 5000 Jahren, deren Hieroglyphen Entsprechungen für den Führungsbegriff besaßen (vgl. Abb. A.1). In der altgriechischen Mythologie finden sich in der Ilias und in der Odyssee Homers beredte Zeugnisse zur Auseinandersetzung mit Führungsfragen, und die einflussreichsten Philosophen der damaligen Zeit, Platon und Aristoteles, haben sich hierzu ebenso geäußert wie große Gelehrte des ostasiatischen Raumes (z.B. Konfuzius, Lao-Tse). Der jüdisch-arabische Philosoph Maimonides sah das Vermögen über die Leitung von Menschen selbst für Propheten als eine von sechs Vermögensformen an. Diese Aufzählung von Beispielen, welche sich als Mischungen aus abgewogenen Grundsatzbetrachtungen und mythischen Verklärungen, oftmals gepaart mit Erfolg versprechenden Handlungsempfehlungen (exemplarisch hierfür das bis heute einflussreiche Renaissancewerk Machiavellis „Il Principe“) darstellen, ließe sich beliebig verlängern. Wie eh und je sind es vor allem die Biografien, die WeiblerPersonalführung.pdf 17 17.01.2012 11:19:31 2 A. Führung und Führungsbeziehungen uns mit mehr oder minder bekannten Führungsfiguren besser vertraut machen sollen. Bei allen Verdiensten dieses Genres bezieht sich Führung hier jedoch stets auf eine hervorstechende Person, sei sie nachahmens- oder verdammenswert. Damit wird der Führungsbegriff jedoch sehr undifferenziert verwendet, und wir können hieraus keine sichere Erkenntnis ziehen, denn ein Verstehen des Führungsphänomens bedarf nicht eines personenfixierten, oft anekdotischen oder kursorischen, sondern eines systematischen Zugangs. Eine solche Annäherung erweist sich jedoch als schwierig, wie Neuberger (1995a, S. 2f.) bildhaft beschreibt: „Will man sich auf dem Gebiet der Führung orientieren, so trifft man auf unübersichtliches Gelände: Es gibt beeindruckende Pracht-Straßen, die aber ins Nichts führen, kleine Schleichwege zu faszinierenden Aussichtspunkten, Nebellöcher und sumpfige Stellen. Auf der Landkarte der Führung finden sich auch eine ganze Reihe Potemkinscher Dörfer, uneinnehmbarer Festungen oder wild wuchernder Slums.“ So ist es nun an uns, metaphorisch gesprochen, die Landkarte der Führung lesen zu lernen. Dies ist kein leichtes Unterfangen, wurde doch der Umfang der in der Führungsliteratur dokumentierten Studien im ausgehenden letzten Jahrhundert allein im englischsprachigen Raum auf über 10 000 geschätzt (vgl. Hunt 1991). Es ist ohne weiteres nachvollziehbar, dass sich kein konsistentes Bild innerhalb der selbstverständlich vorliegenden Systematisierungsversuche ergeben hat (vgl. Goethals/Sorenson 2006). Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Führung mit einer Fülle von Bedeutungsinhalten belegt und in den verschiedensten Anwendungszusammenhängen aufgegriffen wurde (vgl. hierzu genauer Weibler 1996c). Wenn wir das Phänomen Führung im Folgenden näher untersuchen, wollen wir daher bei den folgenden ganz grundlegenden Fragen ansetzen: • Warum gibt es Führung? ( A. II. 1.1: Evolutionstheoretische Fundierung von Führung) • Auf welchen Ebenen und in welchen Feldern wird Führung betrachtet? ( A. II. 1.2: Führungsebenen und Führungsfelder) • Wann wird Führung ideologisch? ( A. II. 1.3: Führungsideologien) • Was versteht man eigentlich genau unter Führung? ( A. II. 2: Was Führung ist und wie sie zugeschrieben wird) • Wie ist eine Führungsbeziehung konstitutiv zu fassen? ( A. III.: Führungsbeziehungen als Orte lebendiger Führung) Abb. A.1: Hieroglyphen für Führung, Führer und Geführter (vgl. Bass/Bass 2008, S. 5) Seshemet = Führung Shemsu = Geführter Seshemu = Führer WeiblerPersonalführung.pdf 18 17.01.2012 11:19:31 II. Führung als soziale Tatsache 3 • Welche Besonderheiten gelten für Führung von Gruppen? ( A. IV. 1: Was die Führung von Gruppen auszeichnet) • Welche Besonderheiten gelten für Führung in Organisationen? ( A. IV. 2: Wie sich Führung und Organisation ergänzen) II. Führung als soziale Tatsache 1. Warum Führung existiert und wodurch sie sich legitimiert 1.1 Evolutionstheoretische Fundierung von Führung Führung erscheint als Phänomen der Alltagswelt als etwas so Selbstverständliches, dass nur selten die Frage gestellt wird, warum es Führung überhaupt gibt bzw. warum es im Zusammenleben und Zusammenwirken von Menschen Führung überhaupt bedarf. Daher müssen wir – wollen wir Führung in Organisationen unserer Zeit verstehen – genau an dieser Frage ansetzen und uns zunächst intensiver mit den Ursprüngen von Führung beschäftigen. Dieser Ursprung von Führung ist unmittelbar mit der evolutionsbiologischen Entwicklung des Menschen verknüpft. Wenn man so möchte, setzen alle Überlegungen zur Führung in der Neuzeit hierauf auf. An dieser Stelle verdanken wir dem Psychologen Mark Van Vugt wichtige Einsichten, die er durch seine interdisziplinären Arbeiten zur Evolution des Menschen gewonnen hat. Mit seiner Evolutionstheorie der Führung schafft er einen übergeordneten, anthropologisch fundierten Rahmen zum Verständnis von Führung für menschliche Gemeinschaften (vgl. Van Vugt/Ahuja 2010; Van Vugt 2012), der damit auch für das Verständnis von Führung in Organisationen bedeutsam ist. Dies ist sogleich einer der seltenen evolutionsbiologisch fundierten Beiträge zur Führung, wobei allerdings selbst die Biologie rund 60 Jahre benötigte, der Forderung ihres Vertreters Warder Clyde Allee aus dem Jahre 1947 zu folgen, die vorhandenen Erkenntnisse zur Führung innerhalb von Tiergruppen systematisch zu untersuchen (vgl. die Ausarbeitungen von Dyer/Johansson/Helbing/ Couzin/Krause 2009; King/Cowlishaw 2009; vgl. zur Historie genauer King/Johnson/Van Vugt 2009). Die Grundidee dieser Studien in ihrer Bedeutung für heutige Organisationen ist, dass der innere Kompass von Individuen durch evolutionäre Entwicklungen mitgeprägt ist, auch wenn uns dies selten bewusst ist. Als eine eingängige Programmatik kann hier die schöne Formulierung des berühmten Primatenforschers Frans de Waal gelten: „Man kann den Affen aus dem Urwald nehmen, aber nicht den Urwald aus dem Affen“ (2005, S. 9). Auch wenn die Befundlage zur menschlichen Natur hierbei nicht eineindeutig ist (vgl. Boehm 2001, S. 225ff. und die dort aufgeführte Literatur), ist unstrittig, dass die evolutionäre Eignung des Menschen für die Jetztzeit von seiner Entwicklung mitbestimmt ist, ohne ihn jedoch zu determinieren. Denn im Gegensatz zu oder in erkennbarer Einzigartigkeit hinsichtlich aller anderen Säugetiere verfügt der Mensch über eine ungemein produktive Möglichkeit, Wissen an nachfolgende Generationen außerhalb des Fortpflanzungsgeschehens weiterzugeben bzw. zu nutzen: Die Kultur. Diese wird um eigene Erfahrungen und Interpretationen sowie derer anderer angereichert (vgl. Wieser 2007). Damit ist die Kultur eine eigenständige Form der Entwicklung und Ausgestaltung menschlicher Gemeinschaften. Auch wenn die geschichtliche Entwicklung der Kulturen nicht vollkommen losgelöst von Evolutionsprinzipien zu sehen ist (vgl. Lorenz 1975, S. 310; über die Wirkung mittels variabler psychologischer Prinzipien informiert die evolutionäre Psychologie, z.B. Moore 2006), besitzt sie die Kraft, dem Menschen immanente Handlungstendenzen zu ver- WeiblerPersonalführung.pdf 19 17.01.2012 11:19:32

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Zusammenfassung

Jürgen Weibler ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der FernUniversität in Hagen. Er beschäftigt sich vor allem mit Fragen des Personalmanagements sowie der Organisation und gilt als einer "der renommiertesten deutschen Experten in Sachen Mitarbeiterführung (Leadership)" (Wirtschaftswoche 2011).

Führung bewegt Menschen. Sie berührt jeden - Führende wie Geführte.

Dieses Lehr- und Nachschlagewerk bietet eine anschauliche und ausgewogene Einführung in das Gebiet der Führung in Organisationen. Es werden alle grundlegenden Themen zur Personalführung aufgegriffen und um eine Vielzahl neuester Ansätze erweitert. Das Buch wendet sich an Studierende und Dozenten der Wirtschaftswissenschaften, der Psychologie, der Soziologie, der Politik- und Erziehungswissenschaft sowie an Fach- und Führungskräfte in Wirtschaft, Verwaltung, Schule und anderen Bereichen - auch in der Weiterbildung.

Aus dem Inhalt:

* Führung und Führungsbeziehungen - Führung als Erfolgsfaktor und Führungsbeziehungen als Orte lebendiger Führung

* Entstehung und Entwicklung von Führungsbeziehungen - Theoretischer Zugriff zur Erklärung von Führen und Geführtwerden

* Ausrichtung von Führungsbeziehungen - Motivation und Lernen in Führungsbeziehungen

* Gestaltung von Führungsbeziehungen - Führungsstile, Führungsinstrumente und Führungscontrolling

* Führungswandel - Female Leadership, E-Leadership, Shared Leadership, Führung und Emotionen, Führung und Gesundheit, Netzwerkführung, multikulturelle Führung, Complexity Leadership, integrale Führung etc.

* Reflexion von Führung - Bad Leadership, Legitimation und Ethik der Führung

"Obwohl viel Theorie vermittelt wird, ist das Lehrbuch vergleichsweise kurzweilig. Mit grafischen Abbildungen und sinnvollen Textformatierungen wird der Text aufgelockert. Durch den Vergleich mit Alltagssituationen wird die Theorie greifbarer und die Verweise auf weiterführende Literatur vermeiden zu viel Tiefgang ... Alles in allem eine tolle, fundierte Darstellung des Themas, die das Buch zu Recht bereits als führendes Standardwerk etabliert hat."

Informationsdienst des Deutschen Führungskräfteverbandes, Ausgabe 6/2012

"...der Inhalt erfüllt die Erwartungen in jeder Hinsicht...Zudem überzeugt der Einbezug neuer Fragestellungen wie Shared Leadership, Netzwerkführung, lernförderliche Führungsbeziehungen, E-Leadership, Führungscontrolling oder emotionssensible Führung. Auch eine ethische Reflexion über dunkle Seiten der Führung, toxische Führungsprozesse und schädliche Ziele fehlt nicht.

Methodisch ist sehr ansprechend, dass durchgehend in den Kästen "Empirie" und "Experiment" Studien mit ihrer Durchführung und Ergebnissen detailliert dargestellt werden, in den Kästen "Beispiele" sind kurze Praxisfälle erläutert. Zudem erfolgt pro Kapitel eine explizite "kritische Würdigung".

Prof. Dr. Erika Regnet in Personalnewsletter Nr. 9, Hochschule Augsburg

"Dieses Buch ist ein vortreffliches Lehrbuch, ein Grundlagenwerk, für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Führung und sollte auch so gesehen werden. Und es erfordert zurecht deutlich mehr Aufmerksamkeit, als andere Werke, die den Anspruch erheben, Führung erklären zu wollen."

in: Human Resources Manager 04-05/12

"Wer sich umfassend über die Themen Führung und Personalmanagement informieren will, liegt mit dem Lehrbuch 'Personalführung' richtig. (...)

Jürgen Weibler hat den Anspruch, eine Vielzahl von Zielgruppen zu bedienen. Für Bachelor-Studierende werden die Verständnisfragen am Ende jedes Teils sicher mitunter fast zu anspruchsvoll sein. Wissenschaftler finden Bezugspunkte und Anregungen für eigene Studien; Praktikern bietet der umfassende Überblick über die aktuellen Themenstränge zu Fragen der Personalführung ein solides theoretisches Fundament für ihre Arbeit."

in: Personalführung 03/12

"Dank seines Detailreichtums, seiner umfassenden Literaturrecherchen, seines stets brillianten Urteilsvermögens und nicht zuletzt aufgrund der enormen Vielschichtigkeit seiner Themenfelder hat Jürgen Weibler ein beeindruckendes Werk vorgelegt, das wohl als Referenzklasse der deutschsprachigen Führungsforschung gelten darf."

Prof. Dr. Hugo Kehr, Lehrstuhl für Psychologie, TU München

"Jürgen Weibler gelingt es mit diesem Lehrbuch, alle mit Personalführung im Zusammenhang stehenden Themen darzustellen, zu strukturieren und miteinander zu verknüpfen. Das Lehrbuch eignet sich daher sowohl als Einstieg ins Thema als auch als Nachschlagewerk für "Fortgeschrittene". Wer sich für Führung interessiert - ob Praktiker, Student oder Forscher - wird in diesem Buch eine Fülle von Informationen und Anregungen finden."

Prof. Dr. Eric Kearney, Lehrstuhl für Organizational Behavior & Human Resource Management, GISMA Business School / Leibniz Universität Hannover

Dass "in 2. Auflage erschienene Buch 'Personalführung' hat mich sehr beeindruckt. Es ist zugleich umfassendes Grundlagenwerk für die Wissenschaft und nützliches Nachschlagewerk für gestandene Praktiker - mit vielen Hintergrundinformationen und konkreten Handlungsalternativen".

Dr. Jörn Kreke, Aufsichtsratsvorsitzender der Douglas Holding AG