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2.3 Prozesse und Verfahren der Bestandsdisposition in:

Andreas Huber, Klaus Laverentz

Logistik, page 51 - 65

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3642-6, ISBN online: 978-3-8006-4183-3, https://doi.org/10.15358/9783800641833_51

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 38 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 39 2.3 Prozesse und Verfahren der Bestandsdisposition 39 (z. B. DIN) als auch auf internationaler Ebene (z. B. ISO) angeboten. Weiterhin stellen einige Branchenverbände diese ihren Mitgliedern zur Verfügung (z. B. VDI-Richtlinien). Man unterscheidet zwischen der Typung, d. h. der Standardisierung von Fertigprodukten, und der Normung, d. h. der Standardisierung von Materialien. Eine neue Normung innerhalb der Materialien einzuführen bedeutet immer einen Aufwand, da die Teile, die noch nicht dem Standard entsprechen, geändert werden müssen. Das führt zu Mehrarbeit in der Pflege der Materialstammdaten, der Stücklisten und der Teileverwendungslisten, aber auch in der Konstruktion, der Beschaffung, der Produktion und der Lagerbestandsführung. Vorteile, die durch die Mehrfachverwendung der genormten Materialien entstehen, sind: (a)  Tendenzielle Verbesserung der Bedarfsprognosen, weil sich Unter- und Überschätzungen besser ausgleichen. Das bedeutet geringere Sicherheitsbestände, daher auch geringere Lagerkosten und eine Erhöhung der Liquidität. (b) Vereinfachtes Handling bei Transport, Lagerung, Produktion und Qualitätsprüfung, dadurch sinken die Komplexitätskosten. (c) Senkung der Stückkosten durch größere Bestell- oder Produktionsmengen. Dadurch können auch die Fertigproduktkosten gesenkt werden, was zu einer Stärkung der Wettbewerbssituation führt. 2.3 Prozesse und Verfahren der Bestandsdisposition 2.3.1 Bestände und ihre Funktion Sieht man von den Kunden- bzw. Lieferantenretouren ab, so repräsentieren die von den Lieferanten zu beschaffenden Sachgüter die Eingangsobjekte des logistischen Systems ,Unternehmenslogistik‘ und die an den Kunden ausgelieferten Produkte die Ausgangsobjekte. Eingangsobjekte Ausgangsobjekte Unternehmenslogistik Bedarfsstelle Transport Lager Bestand in Arbeit Lagerbestand Abbildung 2.10: Bestandsnetz Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 40 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 41 2 Bereichsübergreifende Prozesse der Unternehmenslogistik 40 Die logistischen Objekte, die sich zwischen diesen beiden Grenzpunkten im Unternehmen befinden, bilden die Bestände des Unternehmens. Idealtypisch fließen diese Bestände nach Eintritt in das logistische System kontinuierlich durch ein Netz von Bedarfsstellen bis zu ihrem Austritt aus dem System. Dabei stellen die Bedarfsstellen Subsysteme dar, die abgegrenzte Arbeiten an den logistischen Objekten vornehmen. Damit werden die Bestände während der gesamten Zeit in der einen oder anderen Art physisch oder örtlich transformiert, d. h. sie werden bearbeitet oder transportiert. Diese Bestände werden als in Arbeit befindliche Bestände bezeichnet. Wird die Kontinuität des Materialflusses unterbrochen, entstehen Lagerbestände. Das bedeutet, dass diese Bestände weder physisch bearbeitet noch transportiert, sondern lediglich zeitlich transformiert werden, also lagern. Lagerbestände entstehen nicht immer unfreiwillig, quasi als Störung des Materialflusses, sondern sie können in einem bestimmten Systemumfeld sehr wohl sinnvolle Funktionen übernehmen. Beispiele sind im Folgenden aufgeführt: ●● Sicherungsfunktion: Bei schwankendem Bedarf einer Bedarfsstelle können Bestände vor dieser Bedarfsstelle eine kontinuierliche Versorgung sicherstellen. Bedarfsschwankungen können beispielsweise durch unsichere Prozesse in der Bedarfsstelle entstehen, wie z. B. eine nichtkontinuierliche Ausschussrate in der Produktion, etc., oder durch eine erhöhte Nachfrage nach den Ausgangsobjekten, wie z. B. unsicheres Kundenverhalten, etc. ●● Ausgleichsfunktion: Wenn bei einer Bedarfsstelle die zeitliche Taktung und Mengenverteilung der zufließenden Materialströme von der Taktung und Verteilung der abfließenden Materialströme abweicht, können Bestände zu einem Ausgleich beitragen. Bei bestimmten Produktionsschritten kann es beispielsweise wirtschaftlich sinnvoll sein, größere Mengen herzustellen, obwohl in den nachfolgenden Bedarfsstellen diese Mengen nicht sofort weiterbearbeitet werden können. In diesem Fall entsteht ein Bestand zwischen den Bedarfsstellen, der diesen Ausgleich schafft. ●● Spekulationsfunktion: Liegt die Vermutung vor, dass die Preise für Sachgüter auf den Beschaffungs- oder Absatzmärkten steigen, können Bestände spekulativ eingesetzt werden. Neben den genannten Funktionen wird in der Literatur auch die Veredelungsfunktion angeführt. Diese Bestände dienen der physischen Veränderung, wie z. B. dem Lagern von Wein zur Reifung oder von Bier zur Gärung, etc. Diese Art der Lagerung bedeutet zwar eine zeitliche Transformation der Sachgüter, der Zweck aber, der damit verfolgt wird, ist eine physische Transformation. Deshalb werden diese Bestände im Folgenden als in Arbeit befindliche Bestände aufgefasst, die entsprechende Lagerung als Produktionsschritt. Bezüglich vorgenannter Funktionen können Bestände positive Effekte erzielen, wie z. B. eine wirtschaftliche Herstellung von Produkten (Ausgleichs- oder Spekulationsfunktion), eine unterbrechungsfreie Produktion (Sicherungsfunktion) oder eine verkürzte Lieferzeit (Ausgleichsfunktion), etc. Für Unternehmen ergeben sich aber auch nachteilige Effekte durch Bestände: Zum einen belasten sie die finanzielle Struktur durch Bestandskosten und eine verringerte Liqui- Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 40 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 41 2.3 Prozesse und Verfahren der Bestandsdisposition 41 dität, zum anderen können Bestände organisatorische Missstände verdecken. Dazu gehören nicht abgestimmte Kapazitäten, Störungen im Prozessablauf oder eine fehlerhafte Planung. Durch eine Erhöhung der Bestände fallen diese Mängel nicht auf. In Projekten, die eine Verbesserung der Organisation zum Ziel haben, wird daher häufig zu Anfang eine Bestandsanalyse durchgeführt, die wirtschaftlich sinnvolle Bestände von überflüssigen Beständen trennt. 2.3.2 Bestandsdisposition mit Bestands , Bedarfs und Bestellrechnung Die Bestandsdisposition sorgt planerisch dafür, dass jede Bedarfsstelle genau die logistischen Objekte/Bestände erhält, die sie zu einem bestimmten Zeitpunkt benötigt. Sie setzt also nicht nur bei der externen Beschaffung an, sondern unterstützt auch Bestandsentscheidungen über alle Stufen der Produktion und Distribution. Die Bestandsdisposition gliedert sich in folgende Bereiche: (a) Bestandsrechnung, (b) Bedarfsrechnung inklusive Bestimmung des Sicherheitsbestandes sowie (c) Bestellrechnung. Basierend auf der genauen Kenntnis der Bestandssituation auf jeder Wertschöpfungsstufe (Bestandsrechnung) ermittelt diese mit speziellen Verfahren die Bedarfe der Zukunft (Bedarfsrechnung), federt Unwägbarkeiten über Sicherheitsbestände ab (Bestimmung des Sicherheitsbestandes), um dann unter Berücksichtigung von verschiedenen Rahmenbedingungen die interne und externe Beschaffung punktgenau anzustoßen (Bestellrechnung). Die Bestandsrechnung ist eine fundamentale Aufgabe der Bestandsdisposition und umfasst die Planung, Steuerung und Kontrolle aller Maßnahmen, um jederzeit einen mengen- und wertmäßigen Überblick über alle Bestände des Unternehmens zu liefern. Da im Allgemeinen eine spontane Auskunft über physische Bestände logische Bestände physische Zugänge physische Abgänge logische Zugänge logische Abgänge Protokollierung der Zugänge Protokollierung der Abgänge Inventur Lager Bestandssystem Abbildung 2.11: Bestandssystem Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 42 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 43 2 Bereichsübergreifende Prozesse der Unternehmenslogistik 42 die Bestandshöhe nicht durch Zählung der physischen Bestände in den Lagern möglich ist, muss die Bestandsrechnung über ein System verfügen, aus dem man die Höhe der Bestände ablesen kann. Dieses Bestandssystem kann z. B. aus Karteikarten bestehen, auf denen die Bestände im Einzelnen verzeichnet sind. Üblich ist eine Datei oder Datenbank, in der beispielsweise je Material, je Fertigware, je Handelsware, etc. die entsprechende Menge angegeben ist. Den im Lager befindlichen körperlichen Bestand nennt man physischen Bestand, die Bestandsinformationen im Bestandssystem bilden den logischen Bestand oder Buchbestand. Die Bestandsrechnung hat dafür zu sorgen, dass der physische Bestand mit dem logischen Bestand übereinstimmt, mit folgenden Vorgehensweisen: (a) Sinnvolle Nummerierung der Sachgüter: Wie die Nummerierung aufgebaut ist, hängt von den Sachgütern ab. Sie muss zumindest sicherstellen, dass alle Sachgüter, die die gleiche Nummer haben, für die Logistik als homogen gelten. Wenn beispielsweise der gesamte Bestand aus Schrauben der gleichen Legierung, aber verschiedener Größe besteht, genügt es, je Größe eine Artikelnummer festzulegen. Zwei individuelle Schrauben der gleichen Größe sind dann nicht mehr im Bestandssystem unterscheidbar. Bei anderen Sachgütern müssen unter Umständen weitere Unterscheidungsmerkmale berücksichtigt werden. (b) Implementiertes Inventurverfahren: Mit diesem wird der physische Bestand gezählt und im Bestandssystem vermerkt. Zu diesem Zeitpunkt sind – bei fehlerfreier Zählung und Übertragung – physischer und logischer Bestand identisch. Die verschiedenen Arten und Funktionen der Inventur werden im Rahmen der Lagerwirtschaft abgehandelt. (c) Protokollierung der physischen Zu- und Abgänge: Diese muss gegeben sein, um sie im logischen Bestand zeitnah nachzuvollziehen. Dabei dürfen nicht nur die regulären Zu- und Abgänge berücksichtigt werden, sondern auch durch Fehler verursachte Bestandsänderungen, z. B. müssen Abgänge durch Diebstahl und Zerstörung (Schwund und Schrott) und Zugänge durch Zähl- und Übermittlungsfehler im Bestandssystem nachvollzogen werden, sobald sie bemerkt werden. Moderne Bestandssysteme bieten neben diesen drei Funktionen weitere Möglichkeiten, wie z. B. die Protokollierung aller fixen, zukünftigen Bestandszugänge (durch den internen/externen Lieferanten fest zugesagte Lieferungen) und Bestandsabgänge (durch den internen/externen Kunden fest zugesagte Aufträge). Bestände der Zukunft in diesem Sinne nennt man auch virtuelle Bestände. Die Bedarfsrechnung schätzt die Bedarfe der Zukunft ab, bestimmt den Sicherheitsbestand und liefert damit die Eckwerte für die Bestellrechnung (zugekaufte Güter) und Produktionsplanung (eigengefertigte Güter). Bedarfe lassen sich nach verschiedenen Gesichtspunkten strukturieren. Die gängigsten Gliederungen sind die nach Brutto- und Nettobedarf und nach (a) Primärbedarf, (b) Sekundärbedarf und (c) Tertiärbedarf. Der Bruttobedarf ist der Bedarf ohne Berücksichtigung der frei verfügbaren Lagerbestände. Frei verfügbar ist der Bestand, wenn er noch nicht für bestimmte Aufträge oder andere Zwecke reserviert ist. Der Nettobedarf ist der Bruttobedarf abzüglich des frei verfügbaren Bestands. Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 42 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 43 2.3 Prozesse und Verfahren der Bestandsdisposition 43 (a) Der Primärbedarf wird definiert als unabhängiger Bedarf an Gütern, also einem Bedarf, der nicht in Beziehung zu einem anderen Bedarf steht, z. B. weil andere Güter daraus erzeugt werden sollen. Damit umfasst er den Bedarf an verkaufsfähigen Erzeugnissen, d. h. an Fertigware, an Handelsware und an zum Verkauf bestimmten Ersatzteilen Dieser Bedarf kann einerseits markseitig bestehen, also als Marktbedarf, oder als Eigenbedarf, d. h. als Bedarf des Unternehmens an den oben genannten Erzeugnissen, z. B. für Qualitätsprüfungen. Zur Ermittlung des Primärbedarfs stehen drei Verfahrenstypen zur Verfügung: (1) Deterministische Verfahren beruhen auf festen, vorgegebenen Tatsachen, aus denen der Bedarf abgeleitet wird. (2) Stochastische Verfahren nehmen Bezug auf vergangene Bedarfsdaten und bilden daraus eine Prognose über die zukünftigen Bedarfe. (3) Subjektive Verfahren werden angewendet, wenn in verlässlichem Ausmaß weder vorgegebene Tatsachen, noch Vergangenheitsdaten zur Verfügung stehen und dafür persönliche Einschätzungen des zukünftigen Bedarfs herangezogen werden. Diese Einschätzungen können durch Marktbeobachtungen untermauert werden. Die deterministische Ermittlung des Primärbedarfs erfolgt als Zusammenfassung der Bedarfe aus schon bekannten, festen Kunden- und Eigenaufträgen. Für die stochastische Ermittlung des Primärbedarfs steht eine Reihe von Prognoseverfahren zur Verfügung, unter anderem die weiter oben vorgestellten Zeitreihenmodelle. In diesem Fall besteht die Zeitreihe aus den zeitlich geordneten Absatzwerten, ergänzt um die Eigenentnahmen, des betrachteten, verkaufsfähigen Produkts. Bei kurzlebigen Produkten liegen keine oder zumindest nicht genügend viele Vergangenheitsdaten vor. In diesem Fall werden die Absatzverläufe ähnlicher Produkte gewählt, um erste Aussagen zu ermöglichen. Da stochastische Verfahren rein vergangenheitsbezogen sind, können ihre Ergebnisse im Bedarfsfall um eine subjektive Ermittlung des Primärbedarfs durch die Marketing- und Vertriebsabteilung unter Ver- Bedarfsarten Gliederung 1 Primärbedarf Bedarf an verkaufsfähigen Erzeugnissen (Marktbedarf + Eigenbedarf) Sekundärbedarf Bedarf an Rohstoffen und Halbfabrikaten zur Fertigung des Primärbedarfs Tertiärbedarf Bedarf an Hilfs- und Betriebsstoffen Bruttobedarf Primär-, Sekundär oder Tertiärbedarf ohne Berücksichtigung der frei verfügbaren Lagerbestände Nettobedarf Bruttobedarf minus frei verfügbarer Lagerbestand Gliederung 2 Abbildung 2.12: Bedarfsarten Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 44 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 45 2 Bereichsübergreifende Prozesse der Unternehmenslogistik 44 wendung markttechnischer Informationen ergänzt werden. Diese können beispielsweise beinhalten, dass ein bestimmter Artikel in den nächsten zwei Monaten intensiv beworben wird, oder ein Konkurrenzprodukt in Kürze vom Markt genommen wird. In welcher Gewichtung die Verfahrenstypen bei der Ermittlung des Primärbedarfs zum Einsatz kommen, hängt vom Einzelfall ab. Bei einem reinen Kundenauftragsfertiger, also einem Unternehmen, das erst fertigt, wenn der Kunde einen Auftrag erteilt hat, wird der Primärbedarf vollständig deterministisch sein, da der Bedarf durch die vorliegenden Kundenaufträge fest bestimmt ist. Bei einem reinen Lagerfertiger, der auf eigenes Risiko vorproduziert, um dann die Kundenaufträge von seinem Lager aus zu bedienen, ist der Bedarf umso stärker stochastisch geprägt, je weniger das zukünftige Kundenverhalten bekannt ist. Diese Unterscheidung hat im Handel seine Entsprechung. Es gibt Handelsunternehmen, die Teile der Ware erst dann bei ihren Lieferanten bestellen, wenn ein entsprechender Kundenauftrag vorliegt. Auf der anderen Seite werden aber im Regelfall die Waren für den sofortigen Verkauf auf Lager gehalten. Die subjektive Komponente wird im Allgemeinen als Korrektiv der stochastischen Ergebnisse angewendet. Unter Einbezug der frei verfügbaren Lagerbestände werden die Netto-Primärbedarfe erzeugt, die dann entweder – bei Handelswaren – an die Bestellrechnung, oder – bei eigenproduzierten Waren – an die Produktionsplanung übergeben und dort in Bestellungen bzw. Produktionsaufträge umgesetzt werden. Die zeitlich geordneten Produktionsaufträge einer Periode bilden das Produktionsprogramm dieser Periode, denn sie geben an, welche Produkte in welcher Menge, zu welchem Zeitpunkt gefertigt werden sollen. Fahrrad VZ = 1 Rahmen LenkerRad K-Schraube Grundrahmen Aufhängung K-Schraube Rohling M=1 VZ=2 M=2 VZ=1 M=1 VZ=1 M=5 VZ=3 M=1 VZ=2 M=4 VZ=3 M=1 VZ=2M=2 VZ=1 Primärbedarf z.B. 10 Fahrräder Sekundärbedarf Tertiärbedarf z.B. 0,5 l Öl 3 x Sandpapier Benötigte Hilfs- und Betriebsstoffe Stufe 1 Stufe 2 z.B. 20 Räder z.B. 10Rohlinge Abbildung 2.13: Primär-, Sekundär- und Tertiärbedarf Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 44 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 45 2.3 Prozesse und Verfahren der Bestandsdisposition 45 (b) Der Sekundärbedarf leitet sich strukturell aus dem Primärbedarf ab und ist damit ein abhängiger Bedarf. Definiert wird der Sekundärbedarf als der Bedarf an Materialien, die in die Produktion der Erzeugnisse des Primärbedarfs einfließen. Der Zusammenhang zwischen Fertig-Erzeugnissen und den einfließenden Materialien wird durch Stücklisten dargestellt. Es sei hier darauf hingewiesen, dass alle in der Stückliste des verkaufsfähigen Produkts angegebenen Materialien, außer das verkaufsfähige Produkt selbst, in den Sekundärbedarf fließen, unabhängig von der Stufe, auf der sie stehen. Die Ermittlung des Sekundärbedarfs kann prinzipiell, wie bei der Primärbedarfsermittlung, über die drei genannten Verfahrenstypen erfolgen, wobei im Allgemeinen deterministisch oder stochastisch vorgegangen wird. Die deterministischen Verfahren setzen auf dem Produktionsprogramm auf und leiten aus den dort dokumentierten Netto-Primärbedarfen die Sekundärbedarfe ab. Das kann über Stücklistenauflösung oder Gozintographen geschehen. Bei den Stücklisten werden die Netto-Primärbedarfe anhand der Mengenangaben in Brutto-Sekundärbedarfe der ersten Stufe aufgelöst und gegen den jeweiligen freien Lagerbestand abgeglichen. Die daraus entstehenden Netto-Sekundärbedarfe werden nach dem gleichen Schema stufenweise weiter aufgelöst. Nach der vollständigen Bearbeitung bis zur letzten Stufe werden Netto-Sekundärbedarfe materialweise zusammengefasst und anhand der Vorlaufzeiten zeitlich eingeordnet. Das Prinzip des Gozintographen soll anhand eines Beispiels kurz erklärt werden: Es besteht darin, Knoten mit gerichteten Kanten zu verbinden, ähnlich wie bei der graphischen Stückliste. Die Knoten repräsentieren die einzelnen Materialien, die Kanten zeigen, welche Materialien in andere einfließen. Abbildung 2.14: Periodengerechte Sekundärbedarfsermittlung durch Stücklistenauflösung Fahrrad VZ = 1 Rahmen M=1 VZ=2 Lenker M=1 VZ=1 Rad M=2 VZ=1 K-Schraube M=5 VZ=3 Grundrahmen M=1 VZ=2 Aufhängung M=2 VZ=1 K-Schraube M=4 VZ=3 Rohling M=1 VZ=2 Brutto-Primärbedarf 20 Fahrräder in der KW 9Stufe 1 Vorlaufzeit in Wochen Fahrrad Rahmen Rad K-Schraube Lenker Grundrahmen Aufhängung Rohling = = = = = = = = 12 1 2 70 3 1 2 1 Frei verfügbare Lagerstände Stufe 2 Stufe 0 7 14 0 5 Netto-Primärbedarf Netto-Sekundärbedarfe Rahmen Rad K-Schraube Lenker Perioden 6 7 8 9 8Stufe 0 Stufe 1 Stufe 2 6 12 0 4 Stücklisten- auflösung Grundrahmen Aufhängung K-Schraube Rohling Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 46 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 47 2 Bereichsübergreifende Prozesse der Unternehmenslogistik 46 Die Zahlen an den Kanten geben die Mengenbeziehungen an. Die Zahl im obersten Knoten gibt den Primärbedarf des Endprodukts an. Die Zahlen in den darunter liegenden Knoten liefern den Zusatzbedarf für dieses Material. So sollen im Beispiel neben den für den Primärbedarf nötigen 20 Rahmen weitere 5 Rahmen produziert werden, z. B. um den Lagerbestand aufzufüllen. Im Unterschied zur besprochenen Stückliste wird jedes Teil nur über einen Knoten angegeben (siehe K-Schraube). Zur Berechnung des Sekundärbedarfs kann die gesamte Bedarfsstruktur in ein lineares Gleichungssystem überführt werden. Weil Stücklistenauflösung und Gozintographen auf dem Produktionsprogramm, also festen Produktionsaufträgen, aufsetzen, werden sie programmorientiert oder auftragsgebunden genannt. Diese Verfahren sind exakt, aber rechenaufwendig und werden daher im Allgemeinen für die Bedarfsermittlung von Materialien mit hohem Verbrauchswert (z. B. A-Teile) eingesetzt. Bei Teilen geringerer Bedeutung bietet sich ein stochastisches Verfahren an. Hier geht man nicht vom Primärbedarf aus, sondern betrachtet den Verbrauch eines Materials, losgelöst von dem ihn erzeugenden Primärbedarf. Daher wird dieses Verfahren unter dem gebräuchlichen Namen verbrauchsorientiertes Verfahren geführt. Man bildet eine Zeitreihe der vergangenen Verbrauchswerte und verwendet dann Prognoseverfahren, wie sie auch bei der Primärbedarfsentwicklung eingesetzt werden können. (c) Der Tertiärbedarf setzt sich aus dem Bedarf an Hilfs- und Betriebsstoffen zusammen. Die Ermittlung des Tertiärbedarfs an Hilfsstoffen erfolgt im Allgemeinen stochastisch, also verbrauchsorientiert, da Hilfsstoffe in der Produktion zu den C-Teilen gehören. Dabei kommen teilweise sehr stark vereinfachte Verfahren zum Zug, die aber von ihrer Logik her auf der Verbrauchsorientierung gründen. Die Betriebsstoffe können ähnlich behandelt Fahrrad Rahmen Lenker Rad K-Schraube Rohling 20 AufhängungGrundrahmen 16 5 1 1 5 2 2 4 1 1 Abbildung 2.15: Gozintograph Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 46 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 47 2.3 Prozesse und Verfahren der Bestandsdisposition 47 werden oder ihr Bedarf wird aus den errechneten Betriebsstunden der Betriebsmittel abgeleitet. Die Bestimmung der Sicherheitsbestände ist notwendig, weil Aussagen über Bedarfe der Zukunft fehlerbehaftet und damit unsicher sind. Durch die Wahl geeigneter mathematischer Prognoseverfahren und durch intensive Marktbeobachtung können diese Fehler eingeschränkt jedoch nicht vermieden werden. Daher muss die Bedarfsermittlung neben dem vorhergesagten Bedarf auch immer dafür sorgen, einen möglichen Zusatzbedarf zu berücksichtigen, der die Fehler der Ermittlung ausgleicht. Dieser Zusatzbedarf wird über Sicherheitsbestände abgedeckt, deren Höhe im Folgenden ermittelt werden soll. Die Unsicherheit der Bedarfsermittlung zeigt sich in den Differenzen zwischen den tatsächlichen und den prognostizierten Periodenbedarfen (Bi – BPi), wobei die Abweichungen tendenziell umso größer werden, je länger die Wiederbeschaffungszeit des Materials ist. Diese Differenzen können negativ (der tatsächliche Bedarf ist niedriger als prognostiziert) oder positiv (der tatsächliche Bedarf ist höher als prognostiziert) sein. Beide Abweichungen haben unerwünschte Konsequenzen: (a) Ist die Abweichung negativ, wird also weniger gebraucht als vorhergesagt, baut sich im Lager eine Überbestandssituation mit den beschriebenen, nachteiligen Auswirkungen auf. (b) Ist die Abweichung positiv, wird also mehr gebraucht als prognostiziert, läuft das Lager, wenn keine Vorräte vorhanden sind, in eine Nullbestandssituation und der interne/externe Kunde kann nicht bedient werden. Diese Abweichungen werden in der Regel als schwerwiegender angesehen. Die Prognosefehler streuen im Allgemeinen um einen Mittelwert 0 und ihre Häufigkeitsverteilung kann durch die Dichtefunktion der Normalverteilung approximiert werden. Ist der Mittelwert deutlich ≠ 0, muss die Passgenauigkeit des Prognoseverfahrens überprüft werden. Im Idealfall handelt es sich um eine Normalverteilung mit dem Mittelwert 0 und der Standardabweichung σ. Die Fläche eines Segments unterhalb der Dichtefunktion gibt die Wahrscheinlichkeit an, mit der ein Prognosefehler in dem entsprechenden Abschnitt der 0- 1 σ 1 σ 2σ 3σ- 3σ - 2σ 34,1334,13 13,5913,592,15 2,15 x = (B i – BPi) Lieferbereitschaftsgrade 50% 84,13% 97,72% 99,87% Abbildung 2.16: Fehlerverteilung, Lieferbereitschaft, Sicherheitsbestand Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 48 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 49 2 Bereichsübergreifende Prozesse der Unternehmenslogistik 48 x-Achse liegt. Beispielsweise beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Prognosefehler zwischen 0 und σ liegt, 34,13 %. Entsprechend ist die Wahrscheinlichkeit 13,59 %, dass der Prognosefehler eine Größe zwischen σ und 2 σ hat. Für die Bestimmung des Sicherheitsbestands sind die negativen Abweichungen uninteressant, in denen also der tatsächliche Bedarf geringer ist, als prognostiziert, denn diese Bedarfe werden alle über den Bestand abgedeckt, der aufgrund der Prognose zur Verfügung gestellt wurde. Da die Fehler symmetrisch streuen, kann mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % der tatsächliche Bedarf durch den prognostizierten Bedarf abgedeckt werden. Will man mehr Fälle abdecken, muss der geplante Bedarf höher angesetzt werden. Steigert man den geplanten Bedarf z. B. um die Menge σ, so hat man schon 84,13 % der Fälle abgedeckt, d. h., man ist mit einer Wahrscheinlichkeit von 84,13 % lieferfähig. Weitere Steigerungen erhöhen die Lieferfähigkeit. Man erkennt, dass die Höhe des Sicherheitsbestands von σ und der geforderten Lieferfähigkeit abhängt. Ist σ groß, ist also die Prognose schlecht, muss entsprechend viel an Sicherheitsbestand bereitgestellt werden. Will man eine hohe Lieferbereitschaft haben, dann muss auch der Sicherheitsbestand hoch angesetzt werden. Der Sicherheitsbestand lässt sich folgendermaßen berechnen: Sicherheitsbestand = σ F mit σ = Standardabweichung der Verteilung der Prognosefehler und F = Sicherheitsfaktor. Die Höhe des Sicherheitsbestands eines Materials ist eine konstante Größe, solange sich die Fehlerverteilung und die gewünschte Lieferbereitschaft nicht ändern. Die Fehlerverteilung wiederum ändert sich im Allgemeinen nur, wenn entweder das Prognoseverfahren ausgetauscht wird oder die Systematik des Bedarfsverlaufs eine andere wird. Da das Prognoseverfahren und die Lieferbereitschaft von Unternehmen gesetzte Parameter sind, kann die Disposition die Sicherheitsbestandshöhe konstant lassen, solange die Bedarfsverlaufscharakteristik stabil bleibt. Die beschriebenen Verfahren zur Bedarfsermittlung und zur Bestimmung des Sicherheitsbestands gelten für alle Bedarfsstellen in Unternehmen. In der Praxis konzentriert sich die dispositive Arbeit der Bedarfsermittlung im Allgemeinen auf zwei Bedarfsstellen: (1) Beschaffungslager in Industrieunternehmen. Objekte der Betrachtung sind z. B. Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe, eingekaufte Halbfabrikate, etc., Lieferanten sind externe Zulieferer, Kunde ist die Produktion, deren Sekundär- und Tertiärbedarfe abgedeckt werden müssen. (2) Fertigwarenlager in Industrieunternehmen. Objekte sind z. B. alle verkaufsfähigen Produkte, Lieferanten sind die Produktion für eigen gefertigte Güter und externe Lieferanten für Handelsware, Kunden sind die externen Kunden des Absatzmarkts, deren Primärbedarfe bestimmt werden müssen. Die Bedarfe an eigen erzeugten Produkten im Fertigwarenlager werden der Produktion gemeldet, in der sie im Rahmen der operativen Produktionsplanung bearbeitet und letztlich in Produktionsaufträge umgesetzt werden. Die Bestellrechnung kümmert sich um die ermittelten Bedarfe an fremdbezogenen Gütern des Beschaffungslagers und erzeugt Bestellungen bei externen Lieferanten. Um diese Aufgabe zu erfüllen, muss die Bestellrechnung die Höhe der Bestellmenge und den genauen Bestellzeitpunkt ermitteln. Bei der Festle- Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 48 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 49 2.3 Prozesse und Verfahren der Bestandsdisposition 49 gung der Höhe der Bestellmenge ist es sinnvoll, neben den reinen Bedarfen auch Kostenaspekte zu berücksichtigen. Die folgenden Überlegungen beziehen sich auf Bestellmengen, können aber mit einer kleinen Änderung der Parameterinterpretation auch auf Produktionsmengen übertragen werden. Ziel der Bestellmengenrechnung ist es, die kostenoptimalen Bestellmengen innerhalb einer Planungsperiode festzulegen, d. h. bei einer vorgegebenen Planungsperiode und einem angenommenen Gesamtbedarf innerhalb dieser Periode sollen Anzahl und Größe der Bestellungen so festgelegt werden, dass die Gesamtkosten der Beschaffung minimal sind. Viele der heute gängigen Verfahren zur Berechnung dieser optimalen Bestellmenge gehen auf die Andler-Formel zurück. Sie ist in ihrer ursprünglichen Gestalt an eine ganze Reihe restriktiver Voraussetzungen gebunden, sie bietet dennoch eine breite Basis für Weiterentwicklungen. Daher werden im Folgenden die Grundgedanken dieser Formel dargestellt, die in den heutigen Verfahren weiterwirken. Zu den erwähnten Voraussetzungen zählen: (a) Verbrauch und Bestellkosten sind konstant, (b) Beschaffungspreise berücksichtigen keine Rabatte, (c) Lieferzeitpunkte unterliegen keinerlei Einschränkungen und (d) ein Ein-Material-Modell unterstellt wird, d. h. Synergien mit der Beschaffung anderer Materialien werden vernachlässigt. Betrachtet werden die Gesamtkosten für beschaffte Ware einer Periode. Im Folgenden wird Periode gleich Jahr gesetzt. Die Gesamtkosten setzen sich zusammen aus den Bestellkosten (alle Abwicklungskosten einer Bestellung) und den Bestandskosten (alle Kosten im Zusammenhang mit dem Lagerbetrieb plus Zinskosten auf das gebundene Kapital) für die eingekaufte Ware. Andere Kosten werden nicht berücksichtigt. Um die Bestellkosten zu senken, sollte möglichst nur einmal im Jahr bestellt werden, da die Bestellkosten bei jeder Bestellung in voller Höhe anfallen. Andererseits erhöhen sich dadurch die Bestandskosten, die an den Durchschnittsbestand = Bestellmenge/2 = n/6 Bestand Bestellmenge = n/3 Bestellmenge = n Durchschnittsbestand = Bestellmenge/2 = n/2 Planperiode 1 Bestellung je Planperiode 3 Bestellungen je Planperiode Zeit Zeit Bestand Abbildung 2.17: Zusammenhang von Bestellmenge und Durchschnittsbestand Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 50 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 51 2 Bereichsübergreifende Prozesse der Unternehmenslogistik 50 Durchschnittsbestand gekoppelt sind. Den Zusammenhang zwischen Durchschnittsbestand und Anzahl der Bestellungen verdeutlicht Abbildung 2.17. Es gilt nun, die kostenoptimale Anzahl an Bestellungen pro Jahr zu ermitteln beziehungsweise die optimale Bestellmenge festzulegen, bei der die Gesamtkosten minimal sind. Die Antwort liefert die Andler-Formel durch eine einfache Ableitung der Gesamtkosten-Funktion nach der Bestellmenge und deren Null- Setzung. 2x (opt) (2 B k)/(p j)= ⋅ ⋅ ⋅ mit x(opt) = optimale Bestellmenge B = Gesamtbedarf des Materials pro Jahr k = mengenunabhängige Bestellkosten pro Bestellung p = Einstandspreis pro Mengeneinheit j = Lagerhaltungskostensatz in % (Zinsen plus Lagerkostensatz). Zur Ableitung der Andler-Formel sei auf die gängigen Formelsammlungen verwiesen. Wie erwähnt werden heute viele Varianten der Ursprungsformel eingesetzt, die die verschiedenen Einschränkungen von Andler aufheben. Dazu gehören die Berücksichtigung von Rabatten, Fehlmengen und Preiserhöhungen. Bei Bestellungen können Bestellmengen und Bestellzeitpunkte entweder fix oder variabel gehandhabt werden. Daraus ergeben sich bezüglich dieser Aspekte grundsätzlich vier Möglichkeiten der Bestellabwicklung, für die in der Praxis auch Strategien entwickelt worden sind. Dabei haben die Variablen folgende Bedeutung: t = Länge der Zeit zwischen zwei Bestellungen q = Bestellmenge Bestellmenge Bestandskosten/ Planperiode Bestellkosten/Planperiode Optimale Bestellmenge Gesamtkosten/Planperiode Kosten Abbildung 2.18: Optimale Bestellmenge nach Andler Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 50 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 51 2.3 Prozesse und Verfahren der Bestandsdisposition 51 s = Bestellpunkt/Meldebestand (Bestandsmenge, bei deren Unterschreitung bestellt wird) S = Sollbestand (Bestandsmenge, auf die mit einer Bestellung wieder aufgefüllt wird) (1) Strategie 1 (t, q)-Strategie: Hier wird zu festen Zeitpunkten, deren Abstand t° fix ist, eine feste Menge q° bestellt. Es bietet sich an, für q° die optimale Bestellmenge zu wählen. Dieses Verfahren ist sehr starr und passt sich schwankenden Bedarfsverläufen nur unzureichend an. Deshalb wird es in der Praxis selten verwendet. (2) Strategie 2 (t, S)-Strategie: Die Bestellzeitpunkte sind äquidistant, die Bestellungen erfolgen also immer in festen Abständen t°. Die Höhe der Bestellmenge q variiert. Ein Sollbestand S wird definiert. Wird der Bestellzeitpunkt erreicht, wird die Menge q = S minus aktueller Bestand bestellt, d. h., der Bestand wird bei jeder Bestellung bis zum Sollbestand aufgefüllt. Ein solches Verfahren kann zum Einsatz kommen, wenn z. B. die Bestellungen bei einem Vertreter abgegeben werden, der das Unternehmen in festen Zeitrhythmen besucht. Die Strategien 1 und 2 nennt man daher Bestellrhythmusverfahren. (3) Strategie 3 (s, q)-Strategie: Diese Strategie agiert mit einer festen Bestellmenge q°, variiert die Zeitabstände zwischen den Bestellungen. Dazu wird eine Bestandsmenge s als Bestellpunkt (Meldebestand) definiert. Nach jeder Entnahme wird der verbleibende Bestand mit s verglichen. Ist er kleiner als s, wird eine Bestellung in Höhe von q° ausgelöst. Für q° bietet sich wie bei der (t, q)-Strategie die optimale Bestellmenge an. Diese Bestellstrategie passt sich Bedarfsschwankungen an; wenn weniger entnommen wird, dann wird der Bestellpunkt s später unterschritten, es wird also später bestellt. Bestellzeitpunkt Bestellmenge fix fix variabel variabel (t,q)-Strategie (t,S)-Strategie (s,S)-Strategie (s,q)-Strategie q t Zeit B es ta n d B es ta n d s B es ta n d B es ta n d Zeit ZeitZeit S q1 q3 q2 t1 t2 t3 s S t2 t3t1 q1 q2 q3 q q qqq tt t t t Bestellrhythmus- Strategien Bestellpunkt- Strategien Abbildung 2.19: Bestellstrategien Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 52 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 53 2 Bereichsübergreifende Prozesse der Unternehmenslogistik 52 Bei erhöhten Entnahmen reagiert die Strategie mit kürzeren Zeitabständen zwischen den Bestellungen. Das bedeutet, dass die Anpassungsfähigkeit über die Variabilität der Zeitabstände ti erreicht wird. Im Allgemeinen wird tk ≠ tl sein für k ≠ l. Dieses Verfahren ist aufgrund einer sehr einfachen Handhabung und der guten Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse in Unternehmen weit verbreitet. Allerdings müssen für den Praxiseinsatz noch zwei Bedingungen angepasst werden: Zum einen finden in der Abbildung 2.19 zwischen dem Bemerken eines Bedarfs und der physischen Auffüllung des Lagers (diese Zeitspanne entspricht der Wiederbeschaffungszeit des Materials) keine Entnahmen statt. Diese Annahme ist in den allermeisten Fällen unrealistisch und muss entsprechend geändert werden. Das geschieht, indem man die benötigten Entnahmen, also den Bedarf für den Zeitraum der Wiederbeschaffungszeit, schätzt. Der Bestellpunkt s muss mindestens so hoch liegen, dass der Bedarf während der Wiederbeschaffungszeit durch Bestand abgedeckt ist. Da es sich um eine Schätzung handelt, sollten die Schätzfehler zusätzlich über einen Sicherheitsbestand abgefedert werden. Damit hat man die Möglichkeit, einen Richtwert für s anzugeben. s = prognostizierter Bedarf während der Wiederbeschaffungszeit + Sicherheitsbestand, der die Prognosefehler in der Wiederbeschaffungszeit im Rahmen der gewünschten Lieferfähigkeit abdeckt. Diese Festlegungen erfolgen in den meisten Unternehmen für die Mehrheit der Materialien einmalig, und sie werden im Allgemeinen nur dann angepasst, wenn sich die Charakteristik des Bedarfsverlaufs oder die Wiederbeschaffungszeit verändert. Das Verfahren erlaubt eine Automatisierung Verbrauch in der Wiederbeschaffungszeit Sicherheitsbestand Bestellpunkt Bestellpunkt Wiederbeschaffungszeit Wiederbeschaffungszeit Bestellmenge (q) Bestellpunkt (s) Zeit Bestand Abbildung 2.20: Bestellpunktverfahren mit Sicherheitsbestand Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 52 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 53 2.4 Innerbetriebliche Transportprozesse 53 der Bestellabwicklung. Sind optimale Bestellmenge, Sicherheitsbestand, Wiederbeschaffungszeit und damit auch Bestellpunkt einmalig festgelegt, kann die Bestellung ohne Zutun der Disposition an den Lieferanten erzeugt werden. In der Praxis wird dies im Allgemeinen nur bei geringwertigen Gütern angewendet, bei höherwertigen Materialien wird die Disposition den Vorschlag des Systems erneut prüfen. (4) Strategie 4 (s, S)-Strategie: Diese Strategie überprüft bei jeder Entnahme, ob der Bestellpunkt s unterschritten wurde. Bei Unterschreitung wird bis zum Sollbestand S nachbestellt. Damit sind sowohl Bestellzeitpunkte als auch Bestellmengen variabel. Da sowohl in Strategie 3 als auch in Strategie 4 die Bestellauslösung über den Bestellpunkt s gesteuert werden, nennt man diese Methoden auch Bestellpunktverfahren. Neben diesen Standardstrategien werden in den Unternehmen auch Verfahren angewendet, die weitere Aspekte, wie etwa die Ergebnisse täglicher Prognosen, berücksichtigen. 2.4 Innerbetriebliche Transportprozesse 2.4.1 Struktur und Aufgaben des innerbetrieblichen Transports Ein innerbetrieblicher Transport umfasst alle Transporte und Umschlagprozesse innerhalb der geographischen Grenzen eines Betriebes, der sich in einem Industriebetrieb vom Wareneingang über alle Stufen des Lagerns und Verarbeitens bis hin zum Warenausgang erstreckt. Bei Handelsunternehmen gilt Analoges. Der innerbetriebliche Transport hat die Aufgabe, die Güter effektiv und effizient an den verschiedenen Bedarfspunkten des Betriebs bereitzustellen. Anstatt von ,innerbetrieblichem Transport‘ wird in der Literatur auch der Begriff Fördern verwendet. Folgende vier Gesichtspunkte prägen die Form und Ausgestaltung des innerbetrieblichen Transports eines Unternehmens: Stetigförderer Unstetigförderer flurfrei flurgebunden Deckenkreisförderer Brückenkran Hängebahn Gabelstapler Regalförderzeug Bandförderer Rollenförderer Hängeförderer Abbildung 2.21: Beispiele für Fördermittel

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Zusammenfassung

Der perfekte Einstieg in die Logistik

Das Lehrbuch behandelt den klassischen Lehrstoff der Logistik und berücksichtigt gleichzeitig auch aktuelle Entwicklungen. Ziel des Buches ist es, den theoriebezogenen und praxisrelevanten Stoff der Logistik zu verzahnen.

Das Lehrbuch erläutert die wichtigsten Logistik-Themen:

* Unternehmenslogistik

* Beschaffungslogistik

* Produktionslogistik

* Distributionslogistik

* Entsorgungslogistik.

Neben Supply Chain Management werden auch logistische Supportsysteme, wie IT-Management, Marketingmanagement und Controlling dargestellt.

"In der Gesamtbeurteiiung liegt für den Logistikinteressierten ein gelungenes Werk mit einer soliden Darstellung des Stoffes unter Berücksichtigung der innovativen Logistikthemen vor. Darüber hinaus bietet das Buch Unternehmen und Organisationen die Möglichkeit, sich an den beschriebenen Ansätzen zu orientieren und damit eine ?passende" Logistik zu implementieren bzw. fortzuentwickeln." in: Der Betriebswirt 02/12