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8.1 IT-Management in der Logistik in:

Andreas Huber, Klaus Laverentz

Logistik, page 171 - 180

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3642-6, ISBN online: 978-3-8006-4183-3, https://doi.org/10.15358/9783800641833_171

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 160 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 161 8 Logistische Supportsysteme 8.1 IT Management in der Logistik 8.1.1 Aufgaben und Systematisierung der Logistik IT Die Informationstechnik (IT) unterstützt die Logistik in vielfacher Weise: Sie kennzeichnet die logistischen Objekte, wie z. B. Waren oder Ladehilfsmittel, mit einem eindeutigen Code, so dass die Objekte während des gesamten Prozessablaufs zu identifizieren und zu lokalisieren sind. Die IT sorgt für die Kommunikation zwischen den einzelnen Prozessteilnehmern und kann die Arbeitsergebnisse der Prozesse protokollieren. Sie unterstützt die Planung, Steuerung, Abwicklung und Kontrolle aller logistischen Prozesse. Im Sinne eines Modells bildet die IT reale, logistische Systeme in vereinfachte virtuelle Systeme auf Rechnern ab und liefert damit die Möglichkeit, Vorgänge im realen Umfeld planerisch mit zeitlichem Vorgriff zu simulieren oder als Protokoll nachzuvollziehen. Dies bedarf einer engen, inhaltlichen und zeitlichen Kopplung zwischen den physischen Prozessen, den Ressourcen, der Organisation und den logistischen Objekten einerseits und den Elementen und Relationen des virtuellen IT-Systems andererseits. Die Aufgaben und die zur Verfügung gestellten Werkzeuge der Logistik-IT lassen sich nach Ebenen ordnen. Die Abbildung gibt anhand von Stichworten einige Schwerpunkte der Ebenen wieder. Lernziele Kapitel 3 } } Le rn zi el e }} Überblick über Aufgaben und Systematisierung der Logistik-IT sowie strategische und operative Aufgaben eines Logistikmarketings und Logistikcontrollings als auch über logistische Dienstleistungen und Kennzahlen. }} Verständnis für Bereiche der Logistik-IT im Sinne von Funktionen der Identifikations- und Kommunikationsebene, Optimierungsstrategien und Servicedenken im Marketing sowie controllingorientierte Sichtweisen von Logistikleistungen und Logistikkosten, einschließlich ausgewählter Instrumente des strategischen und operativen Logistikcontrollings. }} Einsicht in Aufgaben und Anwendung der Logistik-IT im Bereich der Abwicklungs- und Planungsebene, in strategische und operative Bereiche des Marketingmanagements sowie ausgewählte Instrumente des strategischen und operativen Logistikcontrollings. Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 162 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 163 8 Logistische Supportsysteme162 8.1.2 Logistik IT der Identifikations und Kommunikations ebene Die Identifikationsebene der IT dient der Kopplung von physischen und informatorischen Geschehnissen, wie z. B. im Bereich der Warenflüsse, der Lagerung oder der Umschlagprozesse. Dazu bedarf es der Erzeugung einer Information über ein Objekt, dem Anbringen der Informationen am Objekt und dem Lesen der Information zur Identifikation des Objekts. Da diese Daten allen am Prozess Beteiligten dienen sollen, muss eine Vereinheitlichung der Identifikationssysteme etabliert sein. So wird beispielsweise von der internationalen Standardisierungsorganisation Global Standards One (GS1), in Deutschland GS1 Germany, eine einheitliche Produktnummer Global Trade Item Number (GTIN) für Handelsartikel vergeben, welche die European Article Number (EAN) in 2009 abgelöst hat. Sie ist 8- oder 13-stellig und enthält neben der eindeutigen Artikelnummer auch Informationen über die Ausgestaltung des Artikels und das herstellende Unternehmen, wobei der Hersteller über die Globale Lokationsnummer (GLN), früher ILN für Internationale Lokationsnummer, gekennzeichnet wird. Versandeinheiten, wie z. B. Paletten oder Container, werden überschneidungsfrei mit dem Serial Shipping Container Code (SSCC/NVE), früher Nummer der Versandeinheit (NVE), identifiziert. Für einen speziellen Einsatz wird ein Electronic Product Code (EPC) angeboten, der ein weites Einsatzfeld von der Identifikation von Einzelprodukten über Verkaufseinheiten bis zu Versandeinheiten abdeckt und dementsprechend umfänglich ist. Neben der Standardisierung der Nummerninhalte muss auch die physische Darstellung einer Vereinheitlichung zugeführt werden, um den effizienzsteigernden Effekt zu gewährleisten: Physische Ebene Logistische Objekte, Prozesse, Ressourcen, Organisation Identifikationsebene EAN/GTIN, Barcode, OCR, RFID, etc. Kommunikationsebene EDI, EDIFACT, Odette, SEDAS, Internet, etc. Abwicklungsebene Planungsebene Planungsmodule der ERP-und SCM-Systeme, Einzelsysteme für PPS, Tourenplanung, etc. Abwicklungsmodule der ERP-Systeme, Einzelsysteme für Auftragsabwicklung, Transportabwicklung, Tracking & Tracing, etc. Abbildung 8.1: Ebenen der Logistik-IT Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 162 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 163 8.1 IT Management in der Logistik 163 ●● Barcodes, auch Strichcodes genannt, sind am weitesten verbreitet. Sie bestehen aus einer Abfolge von verschieden breiten Balken. Dieser codierte Strang kann eindimensional in verschiedenen Längen und auch zweidimensional eingesetzt werden. Druck- und Lesegeräte laufen in der Regel sehr stabil, so dass der Barcode in allen logistischen Bereichen Anwendung findet. Als Lesehilfe für die Mitarbeiter wird häufig die Identifikationsnummer in Klarschrift hinzugedruckt. Neben dem Barcode werden auch reine Klarschriften Optical Charakter Recognition-Schriften (OCR-Schrift) zur Kennzeichnung verwendet, die von entsprechenden Druckern und Lesegeräten verarbeitet werden können. ●● Radio Frequency Identification (RFID) ist eine Technik, die in der Logistik zwar schon eingesetzt wird, aber noch hohes Entwicklungspotential besitzt. Anstatt eines optischen Mediums wird bei der RFID ein sogenannter Transponder, auch als Tag bezeichnet, verwendet, der einen Mikrochip zur Informationsspeicherung und eine Antenne zum Senden und Empfangen von Nachrichten enthält. Handelt es sich um einen aktiven Transponder, so steht zusätzlich eine Batterie zur Verfügung, die das eigenständige Senden und Empfangen von Informationen ermöglicht. Ein passiver Transponder hingegen verfügt über keine Stromquelle und kann nur über Induktion von außen zum Senden veranlasst werden. Das Beschreiben und Lesen von RFID- Tags erfolgt sicht- und kontaktlos, was den großen Vorteil dieser Methode begründet. Dadurch können auch über weite Entfernungen hinweg güterund versandstückbezogene Informationen zur Identifikation übermittelt werden. So können bei flächendeckendem Einsatz von Transpondern z. B. Inventuren oder Warenidentifikationen auf einem Lkw erheblich erleichtert werden. Der Electronic Product Code (EPC) ist speziell für diese Technik entwickelt worden, da Transponder deutlich mehr an Informationen aufnehmen und abgeben können, als das etwa auf einem Barcode praktisch umsetzbar wäre. Durch die höhere Speicherkapazität der Tags können auch Daten, die während der logistischen Prozesse anfallen, wie etwa die Temperaturentwicklungen während eines Kühltransportes, dokumentiert werden. Für die Identifikation von Transportfahrzeugen werden vermehrt Lösungen aus dem Bereich Global Positioning System (GPS) eingesetzt. Sie bestimmen die geografische Position des Fahrzeugs und können, abhängig vom Funktionsumfang des verwendeten Geräts, weitere Informationen sammeln, wie z. B. Lenkzeiten, Ruhezeiten, Tankfüllungen, etc. Diese Daten werden über Funknetze an den Zentralrechner des Unternehmens geschickt und stehen dort für Softwarepakete, wie z. B. das Flottenmanagement, das Tracking & Tracing, etc., zur Verfügung. Systeme dieser Art, die zwei Informationssysteme mittels der Telekommunikation miteinander verbinden, nennt man Telematik-Systeme. Die Kommunikationsebene sorgt für eine einheitliche Form der Benachrichtigung aller an einer logistischen Kette beteiligten Partner. Ein probates Mittel dazu ist der elektronische Datenaustausch, Electronic Data Interchange (EDI), der den automatischen Austausch von strukturierten Nachrichten zwischen Anwendungsprogrammen bezeichnet. Dazu bedarf es neben der Verständigung auf vereinheitlichte Übertragungswege und Übertragungsverfahren auch einer Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 164 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 165 8 Logistische Supportsysteme164 Festlegung der Formate, in denen die Daten ausgetauscht werden können. Eine dazu geschaffene Form stellt das Electronic Data Interchange for Administration, Commerce and Transport (EDIFACT) dar. Dieses umfasst mittlerweile mehr als zweihundert standardisierte Nachrichtentypen, wie z. B. Lieferscheine, Angebote, Rechnungen, Zollanmeldungen, etc., und soll den elektronischen Datenaustausch zwischen allen Wirtschaftsbereichen ermöglichen. Im Laufe der Zeit haben sich Untermengen (Subsets) zu EDIFACT gebildet, die z. B. branchenspezifischen Verzicht auf unnötige Nachrichtentypen zulassen. Die bekannteste von EDIFACT abgeleitete Untermenge ist das European Article Number Communication (EANCOM). Daneben haben sich bisher bestehende Standards wie SEDAS (Standardregelung Einheitlicher Datenaustauschsysteme) im Konsumgüterhandel oder ODETTE (Organization for Data Exchange and Teletransmission) in der Automobilindustrie zu Subsets von EDIFACT entwickelt. Durch den verstärkten Einsatz von Internetanwendungen haben sich Web-EDI Verfahren gebildet, die auf Basis der Standards Extensible Markup Language (XML) eine Vereinheitlichung anbieten. Zur Datenübertragung stehen verschiedene Netze zur Verfügung, die nach Fest- und Funknetzen unterschieden werden können. Zu den Festnetzen gehören z. B. das Integrated Digital Network (IDN), das Datex-P-Netz oder auch das Integrated Services Digital Network (ISDN). Bei den Funknetzen gewinnt der Standard Universal Mobile Telecommunications System (UMTS) immer mehr an Bedeutung. Das Internet stellt ebenfalls ein globales Rechnernetz dar, das als Verbund verschiedener Netze besteht, deren Rechner alle über das Netzwerkprotokoll TCP/IP miteinander kommunizieren. Soll ein Subnetz entstehen, das zwar mittels der gleichen Protokolle und Techniken wie das Internet arbeitet, aber nur für einen speziellen Nutzerkreis reserviert ist, etwa für die Mitarbeiter eines Unternehmens, dann stehen eine Reihe von Abschirmungsmöglichkeiten zur Verfügung. Ein solches nichtöffentliches Netz nennt man Intranet. Wird der Nutzerkreis erweitert, etwa um Geschäftspartner, entsteht ein Extranet. 8.1.3 Logistik IT der Abwicklungs und Planungsebene Die Abwicklungsebene der Logistik-IT unterstützt alle Tätigkeiten, die im Logistikbetrieb immer wieder anstehen und sich in ihrem Arbeitsinhalt kaum unterscheiden. Dazu gehören Arbeiten, wie z. B. die Auftragsabwicklung, die Lagerprozesse, die Bestellabwicklung, die Transporte, etc. Für diese Bereiche existiert eine große Anzahl von Standardsoftwarepaketen, die mit entsprechenden Anpassungen alle Belange der Nutzer abdecken, diese in erheblichem Maße von administrativer Tätigkeit entlasten und die Qualität und Effizienz der Arbeit erhöhen. Beispiel 8.1 Ein Kundenauftrag wird an das Lager, das ohne Festplatzzuordnung arbeitet, zur Kommissionierung übergeben. Das Lagerverwaltungssystem (LVS), als Teil der Abwicklungsebenen-IT, übernimmt den Auftrag, sucht für die angeforderten Produkte die Lagerplätze mit ausreichendem Bestand aus, optimiert den Weg Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 164 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 165 8.1 IT Management in der Logistik 165 des Kommissionierers durch das Lager, druckt die Entnahmebelege aus, nimmt die Entnahmemeldung entgegen, bucht die Ware ab, führt die einzelnen Warenmengen an der Verpackung zusammen, druckt Lieferschein und sonstige Versandpapiere und leitet gegebenenfalls Informationen an Spediteure, Buchhaltung, etc. weiter. Treten Fehler im Lager auf, die dem Lagerverwaltungssystem gemeldet werden, werden nötige Gegenmaßnahmen vom System eingeleitet wie etwa eine Inventurzählung, eine Lagerplatzsperrung oder die zeitweilige Stornierung eines Auftrages. Die Abwicklungsebene kommuniziert nicht nur, wie im Beispiel dargestellt, mit den Mitarbeitern, sondern kann auch eine Verbindung zu untergeordneten IT-Schichten haben. In vollautomatischen Lagern etwa wird das Lagerverwaltungssystem (LVS) der unterlagerten Steuerung eine Palettenauslagerung folgendermaßen bekannt geben: Palettenauslagerung von Lagerplatz X an Zielort Y. Die unterlagerte Steuerung übersetzt diese Angaben in Befehle für die Fördertechnikelemente und überwacht deren Erfüllung. Nach Abschluss der Förderung benachrichtigt die unterlagerte Steuerung das LVS über den Vollzug. Ebenso können in anderen Bereichen die IT-Systeme der Abwicklungsebene mit darunterliegenden Steuerungsebenen interagieren, z. B. im Rahmen eines CIM-Konzepts in der Produktion. Große Standardsoftwarehäuser bieten die einzelnen Anwendungen der Abwicklungsebene im Allgemeinen im Rahmen ihrer Enterprise Resource Planning- Systeme (ERP-Systeme) an. Damit wird die Durchgängigkeit der Informationsweiterreichung über die verschiedenen Bearbeitungsstufen hinweg zumindest erleichtert. Um den Informationsfluss in Analogie zum Waren- und Arbeitsfluss prozessorientiert zu gestalten, stehen Workflow-Management-Systeme zur Verfügung, in denen die einzelnen Arbeitsschritte zu einem Vorgang oder Prozess gekoppelt werden können. Ein solcher Vorgang wird in der Regel an verschiedenen Stationen bearbeitet, dieser soll aber als eine Einheit aufgefasst werden. Neben den im ERP-System enthaltenen Anwendungen können spezielle Anforderungen des Unternehmens auch Fremdsoftware erfordern. So haben sich auf dem Gebiet des Flottenmanagements, des Tracking & Tracing, etc. Nischenanbieter etabliert, die ihre Produkte kompatibel zu den großen ERP-Paketen anbieten. Unter Tracking & Tracing versteht man eine Sendungsverfolgung, wobei die zu verfolgende physische Sendungseinheit mit einer Identifikation, z. B. mit einem Barcode oder einem RFID-Tag, versehen wird. Vor Verlassen des Versandorts wird die Identifikation gelesen und im Zentralrechner gespeichert. Ist der Transport mehrgliedrig, etwa durch zwischengeschaltete Umschlagpunkte, wird die Identifikation immer wieder gescannt und an den Zentralrechner gemeldet. So kann jederzeit aktuell bestimmt werden, zwischen welchen zwei Lesestationen die Sendung sich befindet. Koppelt man die Identifikation der Sendung mit der Kennzeichnung des Lkw-GPS-Geräts, kann jederzeit der exakte, geografische Ort der Sendung angegeben werden. Die Planungsebene der Logistik-IT ist über lange Zeit eine Sammlung von Insellösungen gewesen, die nur locker miteinander verbunden waren. Erst mit Markteinführung der ERP-Systeme verbesserte sich die Vernetzung sowohl der Daten als auch der Verarbeitungen. Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 166 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 167 8 Logistische Supportsysteme166 Unter den Planungssystemen waren die PPS-Module mit ihrer MRPII-Methodik am weitesten entwickelt. Trotzdem wiesen sie einige gravierende Mängel auf, zu denen unter anderem die Sukzessivität von Mengen- und Zeitplanung, die eingeschränkte Kostenbetrachtung und das Fehlen von leistungsfähigen Algorithmen bei der Entscheidungsunterstützung zählten, zudem dauerten die Planungsläufe sehr lang. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wurden die ersten Systeme zur Supply Chain Management-Planung (SCM-Planung) vorgestellt, die erstens ganze Logistikketten kooperierender Unternehmen planen können, also sehr umfassend sind, und zweitens mittels neuer Algorithmen, den sogenannten Advanced Planning and Scheduling-Systemen (APS-Systeme), deutlich leistungsfähiger und auch schneller sind. Daher soll ein solches SCM-System im Folgenden, stellvertretend für alle anderen Planungssysteme, vorgestellt werden. Ein IT-System, das ein Supply Chain Management unterstützt, muss die ERP-Systeme der Partner in ein Gesamtkonzept einbinden. Es gibt verschiedene Realisierungsansätze, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass man die ERP-Systeme über eine SCM- Schicht miteinander koppelt. Ein SCM-IT-System besitzt folgende Struktur: (a) Der Konfigurator dient dem Design der Supply Chain. Mit ihm kann das Netz von Ressourcen und Transportstrecken in der Übersicht entworfen und mit Daten versehen werden, so dass der Entwurf als Grundlage einer übergeordneten Planung dienen kann. (b) Die Planung enthält im Allgemeinen nur Planungskomponenten, welche die übergeordnete Planung betreffen. Bei der Detailplanung werden die Daten an das Planungsmodul des entsprechenden ERP-Systems weitergegeben. Finanzwirtschaft Personalwirtschaft Produktion Distribution Beschaffung Vertrieb weitere Bereiche ERP Datenbank Abbildung 8.2: Datenhaltung eines ERP-Systems Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 166 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 167 8.1 IT Management in der Logistik 167 (c) Das Controlling wird mit den Daten aus den ERP-Systemen gespeist und gibt eine Gesamtsicht der Supply Chain wieder. Das Controlling kann sowohl Aussagen über die Gesamtkette als auch über einzelne Partner treffen, dabei sollten Funktionen eines modernen Executive Information Systems (EIS), wie etwa slice and dice und drill down zur Verfügung stehen. (d) Die Kommunikation sorgt für den Datenaustausch der ERP-Systeme untereinander und für die Verbindung der ERP-Systeme mit der SCM-Schicht. Die ERP-Planungssysteme enthalten die Planungsmöglichkeiten für alle Bereiche des jeweiligen Unternehmens, beginnend bei der Absatzplanung, der Transportplanung, der Produktionsplanung bis hin zur Beschaffungsplanung. Sie geben den ERP-Abwicklungssystemen die Plandaten vor und erhalten als Rückmeldung die Ist-Daten. Die zitierten APS-Systeme sind unter anderem für die Planung in der verbindenden SCM-Schicht entworfen worden. Mittlerweile werden sie auch in den ERP-Systemen eingesetzt. Stellvertretend für die am Markt befindlichen SCM-Systeme wird im Folgenden das Paket SAP SCM der SAP AG vorgestellt. Dieses kann mit eigenen ERP- Systemen, aber auch mit Software von Drittanbietern, über standardisierte Schnittstellen kommunizieren, es beinhaltet folgende Schlüsselfunktionen: ●● Das Network Design entspricht dem Konfigurator und bindet Standorte, Transportwege, Ressourcen und die zugeordneten Produkte, die gefertigt, gelagert oder bewegt werden, in ein Netz ein. Es steht unter anderem die Funktion drill down zur Verfügung, mit der man das Modell auf verschiedenen Stufen der Detaillierung betrachten kann. Die für die Detaillierung nötigen Daten, wie z. B. Produktinformationen, können über eine standardisierte Schnittstelle aus dem jeweiligen ERP-System übernommen werden. Weiter- Kommunikation Konfigurator Planung Controlling ERP Abwicklungssysteme ERP Planungssysteme Unternehmen 1 ERP Planungssysteme ERP Abwicklungssysteme Unternehmen 3 ERP Planungssysteme ERP Abwicklungssysteme Unternehmen 2 Verbindende SCM-Schicht Abbildung 8.3: Struktur eines SCM-IT-Systems Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 168 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 169 8 Logistische Supportsysteme168 hin können physische Lokationen für spezielle Fragestellungen zu virtuellen Lokationen zusammengefasst werden. Dieses Modul enthält auch einen alert monitor, der den Nutzer auf Alarmsituationen in der Planung aufmerksam macht. Außerdem steht eine grafische Schalttafel zur Verfügung, mit welcher der Nutzer die Supply Chain nach verschiedenen Gesichtspunkten verwalten und kontrollieren kann, unter anderem auf Kennzahlenbasis. ●● Das Supply Chain Analytics liefert das eigentliche Controlling zur Supply Chain. Es misst verschiedene Performance-Indikatoren, wie z. B. die Performance von Lieferanten, der Kollaboration, der operativen Abwicklungen, etc. Definierte Key Performance-Indikatoren, also strategisch wichtige Kennzahlen, werden erhoben und innerhalb und außerhalb der Kette über Benchmarks verglichen, z. B. mit den Kennzahlen aus dem SCOR-Modell. Auf Basis dieser internen Kennzahlen, die um Kennzahlen aus z. B. Wirtschaftsredaktionen, etc. ergänzt werden können, stehen Analysen zur Verfügung, die verschiedene Auswertungen zulassen. Wenn Soll-Kennzahlen definiert wurden, können über Alarmfunktionen Abweichungen angezeigt werden. ●● Das Demand Planning (Absatzplanung) unterstützt die Absatzplanung im Rahmen verschiedener, regionaler, produktbezogener und kundenbezogener Strukturen. Mit Hilfe von Prognose- und/oder Kausalmodellen wird auf der Basis von Vergangenheitsdaten ein erster Absatzplan erstellt, der danach mit Marketing- und Vertriebsinformationen manuell justiert werden kann. Simulationen helfen, verschiedene Ansätze miteinander zu vergleichen. ●● Das Supply Network Planning (SNP) nimmt den Absatzplan als Input auf. SNP stellt das zentrale Modul dar, in dem im ersten Schritt auf Basis des im Network Design erstellten Gesamtmodells definiert wird, welcher Teil der Supply Chain geplant werden soll. Das kann die gesamte Supply Chain oder SAP SCM Network Design Transportation Planning and Vehicle Scheduling PP/DS Supply Chain Analytics Demand Planning Available to Promise Anwendungs- übergreifende SAP Programme Supply Network Planning Abbildung 8.4: Schlüsselfunktionen im SAP SCM Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 168 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 169 8.1 IT Management in der Logistik 169 ein Submodell sein. Weiterhin gibt es die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Optimierungsverfahren zu wählen und manuelle Veränderungen zu berücksichtigen. In einem zweiten Schritt erarbeitet das Modul mit den Daten des Absatzplans für den lang- bis mittelfristigen Bereich eine durchgängige Planung für Beschaffung, Produktion, Distribution und Bestand des gesamten Netzes. Unter Verwendung von vereinfachten Stücklisten und Arbeitsplänen liefert es auf dieser Ebene einen durchführbaren Plan in Form von Bestellanforderungen, Planaufträgen, etc. Dafür stehen neben den Heuristiken auch Optimierungsverfahren zur Verfügung. In diesem Bereich werden Advanced Planning and Scheduling-Systeme (APS-Systeme) verwendet, die ebenfalls Simulationsmöglichkeiten bieten. ●● Die Production Planning/Detailed Scheduling (PP/DS) als Produktionsplanung und -steuerung übernimmt diesen durchführbaren Plan von SNP und erstellt eine Feinplanung für die Produktion oder Beschaffung mit Hilfe von APS. Bei der Eigenfertigung können Reihenfolgen und Rüstzeitoptimierungen berücksichtigt werden. Die Planung erfolgt simultan, d. h. die Restriktionen von Mengen und Kapazitäten werden gleichzeitig berücksichtigt. ●● Das Transportation Planning and Vehicle Scheduling für Transport- und Fahrzeugplanung plant alle Transporte von Kundenaufträgen, Bestellungen, Retouren und Umlagerungen detailliert auf Fahrzeugebene. ●● Das Available to Promise stellt auf Anfrage fest, ob ein bestimmtes Produkt in einer bestimmten Menge zu einer bestimmten Zeit verfügbar ist. Dabei können nicht nur die virtuellen Bestände und Transportbedingungen zum nachgefragten Zeitpunkt überprüft werden, sondern es wird bei fehlendem Bestand auch die Möglichkeit einer Fertigung/Beschaffung der fehlenden Artikel untersucht. ●● Die anwendungsübergreifenden SAP-Programme liefern unter anderem die technischen Voraussetzungen für die Kommunikation zwischen den SCM- Modulen und den ERP-Systemen sowie die Verbindung zur Außenwelt über das Internet. Damit wird auch eine weitere, angebotene Anwendung möglich, eine kollaborative Planung, zusätzlich Pakete, welche die SCM-Konzepte Vendor Managed Invetory (VMI) und das Collaborative Planning, Forecasting and Replenishment (CPFR) unterstützen. Die Entwicklungen im Bereich Electronic Commerce (E-Commerce) wirken sich auch auf die Logistik aus. Durch erweiterte Möglichkeiten der Anwendung des Internets, wie z. B. elektronische Marktplätze und Einkaufsplattformen, konnten sich einerseits neue Geschäftsmodelle entwickeln, die geänderte Anforderungen an die Logistik stellen. Andererseits bietet das Internet eine umfassendere, kostengünstigere Kommunikationsform zwischen Unternehmen an und wirkt damit als Treiber für die Entstehung neuer logistischer Funktionen. Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 170 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 171 8 Logistische Supportsysteme170 8.2 Marketingmanagement in der Logistik 8.2.1 Marketing im Bereich logistischer Dienstleistungen Logistische Dienstleistungen haben sich als spezifische Produkte oder Kompetenzen über logistische Funktionen, Prozesse und Konzeptionen in den letzten Jahren zu wichtigen Schlüsselbereichen im System logistischer Leistungserstellung für bestimmte Branchen und deren Unternehmen entwickelt. Die damit einhergehende Zunahme des Wettbewerbs führte speziell in der Logistik, wie auch in anderen Bereichen der Wirtschaft zu einer gezielten, ganzheitlich orientierten Wertschöpfung, zur Ausrichtung von logistischen Unternehmensaktivitäten an Kernkompetenzen sowie zu verstärkten Kooperationen mit Netzwerkcharakter und zum Supply Chain Management. Wertschöpfungs- und kundennutzenorientiertes Denken wirkt hier unmittelbar auf die Gestaltung der Vermarktung von Logistikaktivitäten ein. Märkte für logistische Dienstleistungen zeichnen sich zunächst durch Komplexität und Vielfalt aus. Unabhängig davon, dass es sich beim Logistikmarketing um die Spezialform eines Dienstleistungsmarketings handelt, sind bis in die Gegenwart trotz des Bedarfs an Differenzierungen und Spezifizierungen für ein Logistikmarketing Teilbereiche desselben nicht dezidiert entwickelt worden. Vielmehr werden häufig allgemeine Marketingkonzeptionen teilweise unspezifisch auf Logistikbereiche übertragen. Die Vermarktung von logistischen Dienstleistungen als spezifische Leistungen und Produkte der Logistik, erfordert zunächst die Unterscheidung von drei für Dienstleistungen charakteristischen Eigenschaften: (1) Immaterialität bzw. Intangibilität, welche Werbung und einen persönlichen Verkauf erschwert (2) Integrativität eines externen Faktors, wodurch Qualitätssicherung und Produktionsstandards nicht gewährleistet sind (3) Auftragsfertigung bzw. Nicht-Lagerbarkeit, die eine Produktion auf Vorrat ausschließt Logistikmarketing bezieht sich vor dem Hintergrund eines weiten Spektrums unterschiedlichster Logistikmärkte zum einen auf komplexe Produkte, wie Produktionsprozesse oder Serviceketten, zum anderen entweder auf weniger bis hoch industrialisierte Branchenmärkte oder auf Einzelelemente oder die Gesamtheit kooperativer Netzwerkstrukturen und das Supply Chain Management. Für die konzeptionelle Gesamtausrichtung eines Logistikmarketings bedeutet dies, dass allgemeine Rahmenbedingungen und Voraussetzungen für die Vermarktung spezifischer Logistikdienstleistungen zwar angegeben werden können, diese jedoch im Einzelfall einem hohen Individualisierungs- und damit Anpassungsbedarf unterliegen. Zur Profilierung eines Logistikmarketings zwischen den Extremzielen Kostenminimierungs- und Kundennutzenoptimierungskalkül werden für die Vermarktung logistischer Dienstleistungen und die Profilierung von Alleinstellungsmerkmalen/Unique Selling Proposition (USP) kunden- und prozessorientierte Optimierungsstrategien eingesetzt: Operational Excellence versus Service Excellence bezeichnet dabei eine kosten- und qualitäts-

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Zusammenfassung

Der perfekte Einstieg in die Logistik

Das Lehrbuch behandelt den klassischen Lehrstoff der Logistik und berücksichtigt gleichzeitig auch aktuelle Entwicklungen. Ziel des Buches ist es, den theoriebezogenen und praxisrelevanten Stoff der Logistik zu verzahnen.

Das Lehrbuch erläutert die wichtigsten Logistik-Themen:

* Unternehmenslogistik

* Beschaffungslogistik

* Produktionslogistik

* Distributionslogistik

* Entsorgungslogistik.

Neben Supply Chain Management werden auch logistische Supportsysteme, wie IT-Management, Marketingmanagement und Controlling dargestellt.

"In der Gesamtbeurteiiung liegt für den Logistikinteressierten ein gelungenes Werk mit einer soliden Darstellung des Stoffes unter Berücksichtigung der innovativen Logistikthemen vor. Darüber hinaus bietet das Buch Unternehmen und Organisationen die Möglichkeit, sich an den beschriebenen Ansätzen zu orientieren und damit eine ?passende" Logistik zu implementieren bzw. fortzuentwickeln." in: Der Betriebswirt 02/12