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1.1 Grundverständnis und Begriffe der Logistik in:

Andreas Huber, Klaus Laverentz

Logistik, page 13 - 22

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3642-6, ISBN online: 978-3-8006-4183-3, https://doi.org/10.15358/9783800641833_13

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 1 1 Einführung in die Logistik 1.1 Grundverständnis und Begriffe der Logistik 1.1.1 Herkunft des Logistikbegriffs Der Ursprung des Begriffs Logistik ist nicht eindeutig geklärt. In der Mathematik verstand man bis zum Ende des Mittelalters unter Logistik die praktische Rechenkunst, im Gegensatz zur Arithmetik, welche die Theorie beinhaltete. In der Folge bezeichnete man die formale, symbolische oder mathematische Logik als Logistik. Diese Sprachentwicklung in einen nachvollziehbaren Zusammenhang zu unserem heutigen Begriffsverständnis von Logistik zu setzten ist allerdings schwer. Ein anderer Ansatz scheint plausibler: Im 19. Jahrhundert taucht der Begriff Logistik zum ersten Mal im Bereich der militärischen Führung auf, und zwar als Aufgabe, die materielle Versorgung der Truppe, inklusive ihrer Unterkunft und ihres Transportes zu gewährleisten. Die Übernahme des Begriffs in den Bereich der Wirtschaft erfolgte in den 1950er Jahren zuerst in den USA, danach in den 1970er Jahren auch in Deutschland. Seitdem hat der Begriff eine regelrechte Erfolgsgeschichte geschrieben, teilweise zu Lasten anderer Begrifflichkeiten, aber auch auf Kosten der eigenen Aussagekraft, bedingt durch die zum Teil inflationäre Nutzung dieses Wortes. Deshalb wird in den folgenden Kapiteln Wert darauf gelegt, die Inhalte des Begriffs eindeutig zu benennen und gegen andere Begriffe abzugrenzen. 1.1.2 Logistische Objekte, Prozesse und Systeme Gegenstände, die von der Logistik bearbeitet werden, heißen logistische Objekte. Dazu zählen Sachgüter und Personen. Im Folgenden wird der Hauptfokus im Bereich der Sachgüter liegen. In der Literatur werden auch andere Entitäten, wie Informationen, Finanzen, Software, Lizenzen, etc. als logistische Objekte angeführt. Deshalb wird dann von Informationslogistik, Finanzlogistik, Softwarelogistik, etc. gesprochen. An die- Lernziele Kapitel 1 } } Le rn zi el e }} Überblick über wesentliche Grundbegriffe, logistische Prozesse und Sys-teme sowie institutionelle und funktionale Abgrenzungen in der Logistik soll gegeben werden. }} Verständnis einer Spezifizierung des Systembegriffs für die Lo gistik sowie logistische Aufgaben und logistische Ziele soll erreicht werden. }} Einsicht in konzeptionelle Ansätze der Logistik. Dazu gehören unter anderem der systemtheoretische Ansatz und die Entwicklung der funktionsorientierten zur prozessorientierten Logistik. Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 2 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 3 1 Einführung in die Logistik2 ser Stelle wird die Überdehnung des Begriffs Logistik deutlich, der hier nicht gefolgt werden soll. Material ist ein Oberbegriff für die angeführten Objekte: ●● Rohstoffe bilden in der Produktion die Haupteingangsstoffe eines Produktes. ●● Hilfsstoffe gehen auch in das Endprodukt ein, sind aber von untergeordneter Bedeutung. Bei der Produktion eines Tisches wäre das Holz z. B. ein Rohstoff, der Leim ein Hilfsstoff. ●● Betriebsstoffe werden für den Betrieb von Anlagen, Maschinen, etc. gebraucht. Dazu gehören z. B. Schmier- und Kühlmittel, Energieträger, Putzmittel. ●● Halbfabrikate sind Arbeitsergebnisse von Zwischenstufen der eigenen Produktion oder vorgefertigte Zulieferteile. ●● Verpackungen werden zur Umhüllung von Sachgütern verwendet und dienen dem Schutz, der Lagerung und dem Transport des Guts. Fertigprodukte sind die Arbeitsergebnisse der letzten Produktionsstufe. Handelswaren sind verkaufsfähige Produkte, die nicht eigen produziert sind, sondern von außen zugekauft und ohne weitere Bearbeitung dem Absatzmarkt angeboten werden. Das Sortiment eines Handelsunternehmens besteht ausschließlich aus Handelswaren. In Industriebetrieben werden Handelswaren im Allgemeinen zur Komplettierung des eigen gefertigten Produktspektrums eingesetzt. Entsorgungsgüter fallen entlang der gesamten Wertschöpfungskette an. Das können beispielsweise nicht mehr verwendbare Verpackungsmaterialien, Schnittabfälle, Fehlproduktionen oder Abwässer sein. Zu den Entsorgungsgütern gehören auch die aus der Konsumption zurückkehrenden Verpackungen oder Altgeräte. Ladehilfsmittel dienen der Bildung von Lade- und Lagereinheiten. Dazu gehören z. B. Paletten, Container, Gitterboxen, etc. Betriebsmittel sind beispielsweise alle Anlagen, Maschinen und Gerätschaften, die zur Leistungserstellung eines Unternehmens notwendig sind. Sie sind zwar in den meisten Logistische Objekte PersonenSachgüter Material Betriebs-mittel Fertigprodukte Handelsware Entsorgungsgüter Ladehilfsmittel Rohstoffe BetriebsstoffeHilfsstoffe Halbfabrikate Verpackungen Abbildung 1.1: Logistische Objekte Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 2 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 3 1.1 Grundverständnis und Begriffe der Logistik 3 Fällen Voraussetzung für die Funktionsfähigkeit einer Logistik, spielen aber nur in Ausnahmefällen, z. B. in der Baustellenfertigung, als logistische Objekte eine Rolle. Aufgabe der Logistik ist es, logistische Objekte zu bearbeiten. Nach der Bearbeitung wird sich das Objekt geändert haben, es wird andere Eigenschaften besitzen. Das Eingangsobjekt (Objekt vor der Bearbeitung) ist also durch die Bearbeitung in ein Ausgangsobjekt (Objekt nach der Bearbeitung) transformiert worden. Abhängig von den Eigenschaften, die geändert wurden, werden logistische Transformationen in drei Kategorien eingeteilt: (1) Örtliche Transformationen verändern die Eigenschaft des Objekts bezüglich seiner Position im Raum, d. h. das Objekt wird von einem Punkt im Raum zu einem anderen bewegt. (2) Zeitliche Transformationen verändern die Eigenschaft des Objekts bezüglich seiner Position auf der Zeitachse. Das Objekt wird also im Allgemeinen unter Beibehaltung aller anderen Eigenschaften gelagert, bis der Zeitpunkt der weiteren Verwendung erreicht ist. (3) Physische Transformationen verändern die physischen Eigenschaften des Objekts, z. B. die Form, das Gewicht, die Farbe, etc. In erster Linie finden physische Transformationen in der Produktion statt. Trotzdem zählen sie auch zu den logistischen Transformationen, da z. B. das Verpacken von Ware, das Etikettieren von Paletten oder die Sicherung eines Transportguts ebenso physische Transformationen sind. Mathematisch kann man eine logistische Transformation LT als Abbildung eines logistischen Eingangsobjekts X, definiert über die Eigenschaften (x1, x2, … , xn), in ein logistisches Ausgangsobjekt Y, definiert über die Eigenschaften (y1, y2, … , yn), beschreiben: LT(x1, x2, … , xn) = (y1, y2, … , yn) Abbildung 1.2: Logistische Transformationen und Transformationsketten Logistisches Eingangsobjekt Mit der Eigenschaft ‚liegt in München‘ Örtliche Transformation Mit der Eigenschaft ‚liegt in Hamburg‘ Logistisches Eingangsobjekt Zeitliche Transformation Mit der Eigenschaft ‚am 1.4.2011 verfügbar‘ Logistisches Ausgangsobjekt Logistisches Ausgangsobjekt Mit der Eigenschaft ‚am 1.6.2011 verfügbar‘ Logistisches Eingangsobjekt Mit der Eigenschaft ‚ohne Barcode‘ Logistisches Ausgangsobjekt Mit der Eigenschaft ‚mit Barcode‘ Physische Transformation X LT1 Y ZLT2 LTm Logistische Transformationen (x1, x2, ... , xn) (z1, z2, ... , zn) Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 4 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 5 1 Einführung in die Logistik4 Mehrere Transformationen LT1, LT2, … , LTm können nacheinander auf das Eingangsobjekt angewendet werden. Es entstehen Transformationsketten der Form: LTm(…(LT2(LT1(x1, x2, … , xn)))…) = (z1, z2, … , zn) Logistische Transformationen finden im Rahmen von logistischen Aktivitäten statt, also Tätigkeiten, die dem Transport, der Lagerung oder der physischen Veränderung von Objekten dienen. Bei bestimmten Abfolgen von Aktivitäten ist die Wiederholungsrate relativ hoch. Beispielsweise ist die Abfolge folgender Aktivitäten ein fixer Ablauf im Lager: (a) Entladung des LKWs im Wareneingang, (b) Prüfung und Verbuchung der Ware im Warenwirtschaftssystem, schließlich (c) Einlagerung auf einem Lagerplatz. Es ist sinnvoll, einen solchen festen Ablauf, bei dem Eingangsobjekte und Ausgangsobjekte eindeutig identifiziert werden können, als eine Einheit zu betrachten. Diese Einheit wird Prozess genannt. Die oben erwähnten Aktivitäten können beispielsweise zu dem Prozess Wareneingangsprozess zusammengefasst werden. Die eindeutig identifizierbaren Eingangsobjekte sind in diesem Fall die auf dem LKW liegenden Waren, die Ausgangsobjekte sind die auf einem Lagerplatz befindlichen, geprüften und verbuchten Waren. Um speziell logistische Prozesse zu definieren, sollen zuerst logistische Grundprozesse vorgestellt werden. Fünf logistische Grund prozesse können unterschieden werden: (1) Transportprozesse führen eine örtliche Transformation am Objekt aus. (2) Umschlagprozesse setzen sich aus dem Be- und Entladen von Fahrzeugen, dem Ein- und Auslagern und dem Sortieren der Güter zusammen. Umschlagprozesse stehen immer dann an, wenn Güter das Fahrzeug oder das Ladehilfsmittel wechseln sollen. Solche Wechsel bieten sich an, wenn man z.B ankommende Güterströme zusammenfassen, umsortieren und auf abgehende Güterströme neu verteilen möchte. (3) Lagerprozesse dienen der zeitlichen Transformation. Man kann auch alle Prozesse innerhalb eines Lagers zu den Lagerprozessen zählen, also z. B. auch das Ein- und Auslagern. Im Sinne eines Grundprozesses ist im Folgenden die reine Lagerung gemeint. (4) Bearbeitungsprozesse bestehen in erster Linie aus allen Handhabungen, die das Gut selbst verändern, und sind damit physische Transformationen, wie z. B. Verpacken, Etikettieren, Sichern, etc. Neben den Bearbeitungsprozessen, die das Gut physisch verändern, existieren auch Bearbeitungen, die physisch neutral wirken. Dazu gehören die Prüfabwicklungen, die in logistischen Prozessen anfallen, wie z. B. die Konturenkontrolle von beladenen Paletten bei der Einlagerung, etc. (5) Informationsprozesse unterscheiden sich von den bisher behandelten Prozessen, weil sie nicht direkt auf die logistischen Objekte wirken, sondern nur mittelbar Einfluss nehmen. Alle Planungs-, Steuerungs- und Kontrollaktivitäten gehören zu dieser Kategorie. Diese Prozesse transformieren nicht die Sachgüter, wie oben beschrieben, sondern behandeln Informationsobjekte, wie z. B. Material da ten, Ladehilfsmitteldaten, etc., die in der Realität ihre Entsprechung in Sachgütern haben, wie z. B. Materialien, Ladehilfsmittel, Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 4 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 5 1.1 Grundverständnis und Begriffe der Logistik 5 etc. Soll beispielsweise ein Kundenauftrag aus dem Lager bedient (kommissioniert) werden, muss im Vorfeld das Informationssystem die entsprechenden Güter im Lagerverwaltungssystem identifizieren, die Lagerplätze und die zu entnehmenden Mengen bestimmen, den dazugehörigen Kundenauftrag markieren und den Ziel-Ver sand be reich definieren, an dem der Auftrag zusammengeführt werden soll. All das passiert in der virtuellen Welt des Informationssystems, die Objekte heißen hier Lagerplatzdaten, Bestandsdaten und Lagerbereichsdaten. Erst wenn die Informationen in reale Prozesse umgesetzt werden, nehmen sie Einfluss auf die logistischen Entsprechungsobjekte Lagerplatz, Güterbestand und Lagerbereich. Deshalb wird hier auch die Kommissionierung nicht als eigenständiger Grundprozess definiert, sondern als eine Kombination von Informations- und Transportprozess (manchmal auch Bearbeitungsprozess) aufgefasst. Gleiches gilt für das Sortieren. Die drei erstgenannten Prozesse werden als TUL-Prozesse zusammengefasst. Logistische Prozesse sind logistische Grundprozesse oder Kombinationen von ihnen. So kann die Belieferung eines Kunden beispielsweise aus den logistischen Grundprozessen Lagern, Transport und Umschlag bestehen. Diese Kette selbst, die Distribution, ist wiederum ein logistischer Prozess. Prozesse werden unter zu Hilfenahme von Ressourcen abgewickelt. Unter Ressourcen werden alle materiellen, personellen, finanziellen und rechtlichen Mittel und Voraussetzungen verstanden, die zur Durchführung der Prozesse notwendig sind. Dazu gehören z. B. Fabrikhallen, Lager, Maschinen, LKWs, Mitarbeiter, Patente, Kooperationsvereinbarungen, etc. Informationssysteme und die in ihnen verwendeten Informationen sind ebenfalls Ressourcen. Die Kopplung der Aktivitäten zu Prozessen und der koordinierte Einsatz der Ressourcen bedürfen einer Organisation, die die Planung, Steuerung und Kontrolle der Abläufe ermöglicht. Unterschieden werden hier: ●● Aufbauorganisation, die für eine Aufteilung der Ressourcen in organisatorische Einheiten sorgt, z. B. in Produktion, Distribution, Beschaffung, Personalwesen, etc. Diese Aufteilung erfolgt im Allgemeinen mehrstufig. Bildliches Ergebnis einer solchen Aufteilung ist beispielsweise das Organigramm eines Unternehmens. Jeder organisatorischen Einheit werden Aufgaben (Aktivitäten/Prozesse), Verantwortlichkeiten und Weisungsbefugnisse zugeteilt. ●● Ablauforganisation, die für die zeitliche sowie örtliche Kopplung der Prozesse sorgt und ihren Weg durch die organisatorischen Einheiten bestimmt. Die Gesamtheit, bestehend aus Ressourcen, Organisation, und den damit möglichen logistischen Prozessen, bildet ein logistisches System, das Eingansobjekte in Ausgangsobjekte transformiert. Aufgabe eines logistischen Systems ist es, die darin ablaufenden Prozesse so gut wie möglich abzuwickeln, d. h., dass man die Prozesse passgenau mit entsprechenden Ressourcen ausstattet und eine Ablauf- und Aufbauorganisationsform wählt, die den Zweck der Prozesse besonders begünstigt. Diese drei Grundelemente eines Systems beeinflussen sich gegenseitig und stehen daher in einer starken Abhängigkeit zueinander. Die Änderung eines Elements bewirkt im Allgemeinen eine Änderung bei den jeweils anderen zwei Elementen. Nachdem Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 6 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 7 1 Einführung in die Logistik6 die Kernbegriffe Logistikprozess und Logistiksystem eingeführt worden sind, können auch die Begriffe Logistik und Logistikmanagement definiert werden. Die Logistik umfasst: ●● Logistikmanagement bezeichnet die Planung, Steuerung und Kontrolle logistischer Systeme mit ihren Prozessen, den eingesetzten Ressourcen und der Organisation auf der Basis von Transformationsanforderungen. ●● Logistikdurchführung betrifft das Ausführen der logistischen Prozesse, also des eigentlichen Transports, der Lagerung, des Umschlags und der Bearbeitung der logistischen Objekte. Im Weiteren wird auf die Darstellung der Logistikdurchführung verzichtet. Das unterstreicht die Auffassung, dass die Logistik ihrem Wesen nach managementorientiert ist. Für die Planung, Steuerung und Kontrolle müssen logistische Prozesse bewertet werden können. Dazu sollen im Folgenden die logistischen Kennzahlen Leistung, Qualität, Kosten und – abgeleitet – Effizienz eines Prozesses definiert werden. Hierfür ist eine Formalisierung des Prozessbegriffes hilfreich. Ein Prozess P transformiert n Eingangsobjekte Xi mit m Eigenschaften (xij) in n Ausgangsobjekte Yi mit m Eigenschaften (yij): P (xij) = yij mit i = 1, … , n und j = 1, … , m Die Stärke der Änderung der p-ten Eigenschaft des q-ten Eingangsobjekts xqp in die p-te Eigenschaft des q-ten Ausgangsobjekts yqp lässt sich als Abstand oder Differenz Δ der beiden Eigenschaften darstellen: Änderung = Δ (xqp,yqp) Diese Differenz hat nichts mit der arithmetischen Subtraktion zu tun, weil keine entsprechende Metrik definiert ist. Sie soll aber das Ausmaß der Änderung dokumentieren. Logistische Eingangsobjekte Logistische Ausgangsobjekte Logistische Transformation Logistische Prozesse Ressourcen Organisation Logistisches System Abbildung 1.3: Komponenten eines logistischen Systems Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 6 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 7 1.1 Grundverständnis und Begriffe der Logistik 7 Beispiel 1.1 Ein Paket wird von Hamburg nach Berlin transportiert. Es findet eine örtliche Transformation des Eingangsobjektes ,Paket‘ mit der Eigenschaft ,in Hamburg verfügbar‘ in das Ausgangsobjekt ,Paket‘ mit der Eigenschaft ,in Berlin verfügbar‘ statt. Alle anderen Eigenschaften bleiben unberührt. Dann lässt sich die Änderung in folgender Form darstellen: Änderung = Δ (,in Hamburg verfügbar‘, ,in Berlin verfügbar‘) Wäre das Paket auf dem Transport noch bearbeitet worden, träte als zweite Änderung hinzu: Änderung = Δ (,unbearbeitet‘, ,bearbeitet‘) In der Praxis werden die Änderungen eines Prozesses summarisch angegeben, beispielsweise in Form von gefahrenen Tonnen-Kilometer oder der Anzahl bearbeiteter Pakete, und sagen etwas über den Umfang des Prozesses aus. Daher bezeichnet die Leistung eines Prozesses die Gesamtheit aller durch den Prozess erzeugten Änderungen innerhalb einer Zeiteinheit. Bei Prozessen mit nichtlinearer Struktur, etwa wenn mehrere Eingangsobjekte zu einem Ausgangsobjekt verbunden werden, wie z. B. Palette, Ware, Sicherungsfolie zu einer Ladeeinheit, etc., kann die Leistung analog definiert werden. Das Ergebnis eines Prozesses, d. h. die Eigenschaften der Ausgangsobjekte, ist kein Zufallsereignis sondern im Allgemeinen geplant. Das bedeutet, dass eine Erwartungshaltung gegenüber dem Ergebnis besteht. Weicht das tatsächliche Ergebnis vom erwarteten Ergebnis ab, spricht man von fehlender Qualität. Die Qualität eines Prozesses ist ein Maß für die Abweichungen oder die Differenz Δ* der tatsächlichen Eigenschaften yij der Ausgangsobjekte von den erwarteten Eigenschaften y’ij. Je größer die Abweichung ist, desto schlechter/geringer ist die Qualität: Qualität = Δ* (yij, y’ij) Anstatt Qualität wird auch der Begriff Effektivität gebraucht. Bei dem obigen Beispiel kann eine Eigenschaft sein ,Beginn der Verfügbarkeit in Berlin am Montag um 20 Uhr‘. In diesem Fall bedeutet jede Abweichung, ob zu früh oder zu spät abgeliefert, eine Qualitätseinbuße. In der Praxis wird die Qualität im Allgemeinen angegeben als das Verhältnis der Anzahl qualitativ nicht beanstandeter Ausgangsobjekte (AONB) zu der Gesamtanzahl der Ausgangsobjekte (AOG) in Prozent: Qualität = (AONB · 100)/AOG % Wenn beispielsweise von 2000 Paketen nur 1900 rechtzeitig angekommen sind, so wäre die gemessene Qualität bezüglich der Termintreue: Qualität = (1900 · 100)/2000 % = 95 % Eine Leistung L, die in einer bestimmten Qualität Q erbracht wird, soll mit Leistung (Q) bezeichnet werden. Während der Leistungserstellung greift der Prozess auf die benötigten Ressourcen zurück und gebraucht bzw. verbraucht sie. Die Kosten eines Prozesses sind der wertmäßige Ge- und Verbrauch der für den Prozess nötigen Ressourcen. Unter der Effizienz eines Prozesses versteht Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 8 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 9 1 Einführung in die Logistik8 man den Quotienten der Leistung des Prozesses, die in einer bestimmten Qualität erbracht wurde, und den Kosten des Prozesses: Effizienz = Leistung (Q)/Kosten Der allgemeine Begriff ,logistisches System‘ lässt sich spezifizieren. Dazu müssen die Komponenten logistische Eingangs-/Ausgangsobjekte, Prozesse, Ressourcen und Organisation eine entsprechende Interpretation erfahren. So entsteht z. B. das spezifische logistische System Distributionslager dadurch, dass die Systemkomponenten folgendermaßen interpretiert werden: ●● Eingangsobjekte: angelieferte Ware ●● Ausgangsobjekte: versandfähige Kundenauftragsware ●● Prozesse: z. B. Wareneingangsprüfung, Einlagerung, Inventur, Kommissionierung, Verpackung, Versandbereitstellung, etc. ●● Ressourcen: z. B. Gebäude, Regale, Fördertechnik, Lagermitarbeiter, etc. ●● Organisation: z. B. Organigramm des Lagers mit Stellenbeschreibungen, standardisierte Ablaufbeschreibungen, etc. Ebenso sind auch Spezifizierungen der Systemkomponenten unter anderem z. B. in Richtung eines Beschaffungssystems, Produktionssystems, etc. möglich. 1.1.3 Institutionelle und funktionale Gliederung der Logistiksysteme Logistiksysteme lassen sich nach der Aggregationsstufe der Betrachtung durch eine institutionelle Gliederung darstellen: ●● Mikrologistik behandelt einzelwirtschaftliche Logistiksysteme, d. h. Systeme von privaten oder öffentlichen Einzelorganisationen. Im Folgenden wird Logistik MetalogistikMakrologistik Industrielogistik Unternehmenslogistik Logistik sonstiger Organisationen Dienstleistungslogistik Handelslogistik Mikrologistik Logistik sonstiger Unternehmen Supply Chains Logistik sonstiger Kooperationsformen Abbildung 1.4: Institutionelle Gliederung der Logistiksysteme Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 8 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 9 1.1 Grundverständnis und Begriffe der Logistik 9 die Betrachtung der Mikrologistik auf Unternehmen beschränkt. Andere mikrologistische Systeme, wie z. B. militärische Systeme, etc., werden nicht behandelt. Bei den Dienstleistungen interessieren in diesem Zusammenhang nur die Unternehmen, die Logistik als primäre Leistung anbieten, wie z. B. Spediteure, Carrier, Lagergesellschaften, etc. Nicht untersucht werden Unternehmen, die zwar logistische Leistungen anbieten, sie aber nicht als Unternehmenszweck haben, wie z. B. Banken, Versicherungen, etc. ●● Metalogistik hat höher aggregierte Systeme zum Betrachtungsgegenstand, die entstehen, wenn mikrologistische Systeme miteinander kooperieren. Solche Kooperationen gewinnen in der Praxis immer mehr an Bedeutung und finden in Formen der Zusammenarbeit zwischen Konsumgüterindustrie und Handel (z. B. ECR, etc.), zwischen Industrie bzw. Handel und Logistikdienstleistern (z. B. Kontraktlogistik, etc.) oder zwischen Logistikdienstleistern (z. B. Güterverkehrs zentren, etc.) ihren Niederschlag. Metalogistische Systeme werden im Kapitel Supply Chain Management eingehend behandelt. ●● Makrologistik stellt die höchste Aggregationsstufe mit den gesamtwirtschaftlichen Logistiksystemen, wie z. B. das Verkehrssystem in einer Volkswirtschaft, etc., dar. Um eine funktionale Gliederung der Logistik zu erzeugen, genügt es, dem Güterfluss, also dem Fluss der logistischen Objekte, eines Unternehmens zu folgen. Sie durchlaufen gütertransformierende Kernbereiche, nämlich Beschaffung, Produktion, Distribution und Entsorgung. Diese Kernbereiche bieten sich als funktionale Gliederung der Unternehmenslogistik an, da in jedem der Kernbereiche – und ausschließlich hier – logistische Abwicklungen von Interesse stattfinden. Beispiele für logistische Abwicklungen sind im Folgenden aufgeführt: L BL PS1 + PL1 PSn + PLn DL K Entsorgung DistributionProduktionBeschaffung EL ELE Gütertransformierende Kernbereiche L = Lieferanten PLx = Produktionslager x BL = Beschaffungslager DL = Distributionslager PSx = Produktionsstufe x K = Kunden E = Entsorgungsdienstleister EL = Entsorgungslager Abbildung 1.5: Materialfluss durch die gütertransformierenden Kernbereiche Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 10 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 11 1 Einführung in die Logistik10 ●● Beschaffungslogistik: Nach dem Einkauf am Beschaffungsmarkt müssen die Materialien und Handelsgüter von den Lieferantenlagern in das eigene Beschaffungslager (Material) bzw. Distributionslager (Handelsware) transportiert und dort gelagert werden. Dies kann direkt oder mehrstufig abgewickelt werden. ●● Produktionslogistik: Das Material wird aus dem Beschaffungslager durch Transport der ersten Produktionsstufe zugeführt, danach als Halbfabrikat in einem Produktionslager zwischengelagert oder direkt zu den weiteren Stufen der Produktion transportiert. Nach der letzten Produktionsstufe werden die verkaufsfähigen Produkte (Fertigprodukte oder verkaufsfähige Halbfabrikate, wie Ersatzteile) in das Distributionslager gebracht. ●● Distributionslogistik: Aus dem Distributionslager heraus wird der Absatzmarkt mit verkaufsfähigen Produkten ein- oder mehrstufig versorgt. Dies umfasst Lagerungen, Transporte und Umschlagtätigkeiten. ●● Entsorgungslogistik: Beim Durchlaufen der ersten drei Kernbereiche entstehen Entsorgungsgüter, die weiterbehandelt werden müssen. Darüber hinaus müssen die in der Konsumption verbrauchten Güter entsorgt werden. Auch in diesem Kernbereich fallen Transporte (z. B. Rückführung der Altgeräte), Lagerungen (z. B. das Deponieren) oder Umschlagprozesse (Sortierung von Müll an einer Sammelstelle und Weiterleitung) an. In der Literatur und in Unternehmen wird die Materialwirtschaft häufig als die Unternehmensfunktion beschrieben, die für die Versorgung des Unternehmens mit Materialien verantwortlich ist. Im Folgenden wird auf diesen Begriff verzichtet, weil alle materialwirtschaftlichen Funktionen, wie z. B. die Disposition, der innerbetriebliche Transport oder die Lagerwirtschaft, von der Logistik abgedeckt sind. 1.2 Aufgabenspektrum und Ziele der Logistik 1.2.1 Logistische Aufgaben Ohne die Logistikdurchführung bestehen logistische Aufgaben in der Planung, Steuerung und Kontrolle logistischer Systeme auf Basis der Transformationsanforderungen, die an das jeweilige System gestellt werden, d. h., dass zuallererst die geforderten Transformationen nach Art, Leistung, Qualität und zulässigen Kosten bestimmt sein müssen. Diese Parameter hängen kausal von den Eingangs- und Ausgangsobjekten ab, genauer gesagt vom ,Δ‘ zwischen den Eingangs- und Ausgangsobjekten. Damit lassen sich die logistischen Aufgaben konkretisieren: ●● Bestimmung der logistischen Ausgangsobjekte nach Art, Menge, Zeitpunkt und Ort der Verfügbarkeit, Qualität und Preis ●● Definition der Leistungstiefe des Systems, also die Festlegung, auf welcher Stufe der Wertschöpfung das System aufsetzen soll, d. h. welche Eingangsobjekte

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Zusammenfassung

Der perfekte Einstieg in die Logistik

Das Lehrbuch behandelt den klassischen Lehrstoff der Logistik und berücksichtigt gleichzeitig auch aktuelle Entwicklungen. Ziel des Buches ist es, den theoriebezogenen und praxisrelevanten Stoff der Logistik zu verzahnen.

Das Lehrbuch erläutert die wichtigsten Logistik-Themen:

* Unternehmenslogistik

* Beschaffungslogistik

* Produktionslogistik

* Distributionslogistik

* Entsorgungslogistik.

Neben Supply Chain Management werden auch logistische Supportsysteme, wie IT-Management, Marketingmanagement und Controlling dargestellt.

"In der Gesamtbeurteiiung liegt für den Logistikinteressierten ein gelungenes Werk mit einer soliden Darstellung des Stoffes unter Berücksichtigung der innovativen Logistikthemen vor. Darüber hinaus bietet das Buch Unternehmen und Organisationen die Möglichkeit, sich an den beschriebenen Ansätzen zu orientieren und damit eine ?passende" Logistik zu implementieren bzw. fortzuentwickeln." in: Der Betriebswirt 02/12