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4.1 Definition, Aufgaben und Formen der Produktionslogistik in:

Andreas Huber, Klaus Laverentz

Logistik, page 101 - 110

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3642-6, ISBN online: 978-3-8006-4183-3, https://doi.org/10.15358/9783800641833_101

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 90 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 91 4 Produktionslogistik 4.1 Definition, Aufgaben und Formen der Produktionslogistik 4.1.1 Definition und Aufgaben der Produktionslogistik Unter Produktion versteht man das System, das die Eingangsobjekte Roh- und Hilfsstoffe, Halbfabrikate und Verpackungen in die Ausgangsobjekte verkaufsfähige Produkte (nutzenstiftend) und Entsorgungsgüter (nicht nutzenstiftend) mittels Produktionsprozessen physisch transformiert. Der Produktionsprozess beinhaltet neben dem reinen Herstellungsprozess auch den vorgeschalteten Entwicklungsprozess der Güter. Die Ressourcen eines Produktionssystems bestehen aus der menschlichen Arbeitskraft, d. h. der Produktionsmitarbeiter, den Betriebsmitteln, den Betriebsstoffen und sonstiger Mittel, wie beispielsweise den Patenten und Rechten. Auch alle benötigten Informationen, wie z. B. Materialdaten, Stücklisten, Arbeitspläne, etc., und IT-Systeme, wie z. B. Hardware und Software, zählen zu den Ressourcen. Die Organisation der Produktion umfasst alle Festlegungen zur Aufbaustruktur und zum Ablauf der Produktion und dem abgestimmten Einsatz der Ressourcen. Dies reicht von der Koordination der Produktion in verschiedenen Standorten, über die Aufstellung der Maschinen in einer Produktionshalle, bis hin zu den Einsatzplänen der nächsten Produktionswoche. Die Produktionslogistik ist ein Subsystem der Produktion und übernimmt die folgenden Aufgaben: ●● Strategische Aufgaben: (a) Beratende Mitarbeit bei der Erarbeitung des Produktionsprogramms, der Entwicklung neuer Produkte und der Festlegung Lernziele Kapitel 4 } } Le rn zi el e }} Überblick über wesentliche Ziele und Aufgaben der strategischen und operativen Produktionslogistik sowie eine Systematisierung der Produktionsformen, Aspekte der Produktionsplanung, -steuerung, Standortplanung und erweiterte Planungs- bzw. Steuerungskonzepte in der Produktionslogistik. }} Verständnis für strategische Aspekte der Produktionslogistik im Bereich von Produktionsprogramm, Produktentwicklung und Standortplanung sowie für operative Aspekte im Bereich von Produktionsplanung und -steuerung }} Einsicht in konzeptionelle Zusammenhänge und Abgrenzungen zwischen strategischer und operativer Produktionslogistik auf der Basis eines systemtheoretischen Ansatzes zur Abbildung komplexer Sachverhalte. Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 92 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 93 4 Produktionslogistik92 der Fertigungstiefe, (b) logistikgerechte betriebliche und innerbetriebliche Standortplanung ●● Operative Aufgaben: (a) Operative Produktionsplanung und -steuerung (PPS), (b) passgenaue Versorgung der Produktion mit Materialien mittels Bestandsdisposition und der Planung sowie Steuerung der benötigten TUL-Prozesse Die Form und Ausprägung der jeweiligen Produktionslogistik hängt direkt von der Form und Ausprägung der Produktion ab und wird im Folgenden beschrieben. 4.1.2 Systematisierung der Produktionsformen Die Produktionsform, also die Ausgestaltung der Prozesse, der Ressourcen und der Organisation eines Produktionssystems, wird von verschiedenen Faktoren bestimmt: ●● Art des Erzeugnisses: Die Produktionsform hat beim Schiffbau andere Anforderungen abzudecken, als bei der Herstellung von Tiefkühlkost. ●● Anforderungen des Markts: Bei Artikeln des täglichen Bedarfs erwartet der Kunde eine sofortige Lieferung durch den Hersteller. Auf eine individuell zusammengestellte Autovariante warten Kunden dagegen mehrere Wochen, dieser Unterschied beeinflusst die Produktionsform. ●● Eingesetzte Technologie: Eine vollautomatisierte Produktion erfordert eine andere Produktionsform, als eine handwerklich geprägte Fertigung. Dementsprechend groß ist die Vielfalt von eingesetzten Produktionsformen. Zur Darstellung der wichtigsten Varianten, werden die Produktionsformen nach verschiedenen Merkmalen strukturiert. Roh- und Hilfsstoffe Verkaufsfähige Produkte Physische Transformation Produktionsprozesse Ressourcen Produktionsorganisation Organisation Produktionssystem Eingangsobjekte Ausgangsobjekte Verpackungen Entsorgungsgüter z.B. Mitarbeiter Betriebsmittel Betriebsstoffe Halbfabrikate Abbildung 4.1: Die Produktion als System Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 92 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 93 4.1 Definition, Aufgaben und Formen der Produktionslogistik 93 Um die Merkmale zu verstehen, werden zwei wichtige Begriffe eingeführt: Eine physische Transformation im Herstellungsprozess ist zeitlich limitiert und bezieht sich im Allgemeinen auf eine vorab definierte Menge an Ausgangsobjekten. Diese abgrenzbare Menge wird Produktionslos genannt. Die Arbeitsanweisung, dieses Produktionslos durch einen speziellen Herstellungsprozess zu erzeugen, nennt man Produktionsauftrag. 4.1.3 Systematisierung nach Anzahl der Produktionsstufen/ Komplexität Man unterscheidet einstufige und mehrstufige Produktion, wobei in der einstufigen Variante die Eingangsobjekte in einem einzigen Schritt in die Ausgangsobjekte transformiert werden. Mehrstufige Produktionen benötigen für die Bearbeitung n > 1 Schritte. Dabei können für jede Stufe andere Prozesse, andere Ressourcen und eine andere (Sub-) Organisation benötigt werden. In der Praxis sind mehrstufige Produktionen der Regelfall. Die Komplexität der Produktionsstruktur wird über das Verhältnis der Eingangsobjekte Ei zu den Ausgangsobjekten Aj auf den verschiedenen Produktionsstufen und der Eindeutigkeit der Produktionsrichtung bestimmt und beeinflusst damit auch die Produktionsform. Bei der linearen Struktur hat ein Eingangsobjekt genau ein Ausgangsobjekt und umgekehrt. Eine solche Produktionsform findet man in der Veredelungsfertigung, bei der ein Material/Halbfabrikat über mehrere Stufen hinweg bearbeitet wird. Bei der synthetischen Struktur kann ein Ausgangsobjekt mehrere Eingangsobjekte besitzen, aber jedes Eingangsobjekt hat nur ein Ausgangs- Systematisierung nach Fertigungsstufen Systematisierung nach Anordnung der Ressourcen Systematisierung nach Losgröße Systematisierung nach Entkopplungspunkt Werkstattfertigung Fließfertigung Gruppenfertigung Baustellenfertigung Einzelfertigung Serienfertigung Massenfertigung lineare Struktur synthetische Struktur allgemeine Struktur komplexe Struktur Kundenauftragsfertiger Lagerfertiger Variantenfertiger Systematisierung nach Komplexität einstufige Fertigung mehrstufige Fertigung Systematisierung der Produktionsformen Abbildung 4.2: Systematisierung der Produktionsformen nach verschiedenen Merkmalen Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 94 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 95 4 Produktionslogistik94 objekt. Assemblierende Produktionen, wie die Montage im Maschinen- oder Fahrzeugbau, entsprechen dieser Struktur. Die allgemeine Struktur erlaubt neben der synthetischen Struktur auch eine analytische Struktur: Ein Eingangsobjekt kann mehrere Ausgangsobjekte erzeugen. Chemische Prozesse, bei denen gleichzeitig verschiedene Ausgangsprodukte erzeugt werden, wie z. B. Kuppelprodukte bei der Erdölverarbeitung, unterliegen dieser Struktur. Betrachtet man die Produktion aus der Sicht der Entsorgung, so werden beim Erzeugen eines Produktes auch nicht nutzenstiftende Rückstände in Form von Schnittabfall, Abluft, Abwasser, etc. gebildet. Aus dieser Perspektive hat jede Produktionsform auch eine analytische Struktur. Die komplexe Struktur verzichtet auf die Eindeutigkeit der Produktionsrichtung, d. h., dass ein Ausgangsobjekt auf derselben oder einer früheren Produktionsstufe wieder als Eingangsobjekt dienen kann. Solche Strukturen findet man in der chemischen Industrie oder bei Berücksichtigung von wieder verwendbaren Rückständen. 4.1.4 Systematisierung nach der Anordnung der Ressourcen Abhängig von den Notwendigkeiten der jeweiligen Produktion, können Ressourcen in Arbeitseinheiten zusammengefasst werden, sie können zu Reihen gekoppelt oder sie können relativ zum Erzeugnis beweglich/unbeweglich eingesetzt werden. Aus diesen Freiheitsgraden ergeben sich verschiedene Produktionsorganisationen, von denen hier die wichtigsten besprochen werden. Abbildung 4.3: Systematisierung nach der Komplexität der Produktion Lineare Struktur Synthetische Struktur Allgemeine Struktur Komplexe Struktur Ein- und Ausgangsobjekte Produktionsstufen Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 94 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 95 4.1 Definition, Aufgaben und Formen der Produktionslogistik 95 ●● Werkstattfertigung bedeutet, dass alle Betriebsmittel und Arbeitskräfte, welche die gleiche Verrichtung durchführen, zu Werkstätten zusammengefasst werden. Diese Fertigungsart ist also verrichtungsorientiert bzw. funktionsorientiert. Beispielsweise kann die Produktion von kundenspezifischen Verpackungen in die Werkstätten Wellpappeherstellung, Druckerei und Stanzerei aufgeteilt werden. Abbildung 4.4 zeigt das Prinzip der Werkstattfertigung. Die spezifischen Maschinen, Werkzeuge und Mitarbeiter sind in drei Werkstätten zusammengefasst. Die Rohmaterialien bzw. die Halbfabrikate, die weiterverarbeitet werden sollen, durchlaufen in diesem Fall erst Werkstatt 1. Hier können sie, falls die für den ersten Arbeitsgang benötigte Maschine nicht frei ist, auf Warteplätze abgelegt werden. Das geschieht in Werkstätten häufig, da sie in der Regel viele Produktionsaufträge parallel fahren. Nach der Verarbeitung können die Rohmaterialien und Halbfabrikate innerhalb der gleichen Werkstatt weitere Arbeitsgänge durchlaufen, falls nötig mit Zwischenstopps auf den Warteplätzen, oder sie werden in die nächste Werkstatt transportiert. Hier erfolgt die gleiche Prozedur. Nach Durchlauf aller an der Herstellung des Produktionsloses beteiligten Werkstätten werden die produzierten Teile in das Fertigwarenlager oder – falls es sich um Zwischenprodukte handelt – in das Halbfabrikatelager gebracht. Die Reihenfolge der beteiligten Werkstätten ist variabel und richtet sich ausschließlich nach den Produktionsnotwendigkeiten. Auch können aus gleichem Grund Werkstätten ausgelassen werden. Innerhalb einer Werkstatt ist der Durchlauf durch die einzelnen Bearbeitungsstationen (Ressourcen) entsprechend variabel gestaltet. Zudem können die Maschinen im Allgemeinen durch den Einsatz verschiedener Werkzeuge in vielfacher Weise verwendet werden. Merkmale der Werkstattfertigung sind die hohe Flexibilität durch Variabilität des Produk- Werkstatt 1 Werkstatt 2 Werkstatt 3 Rohmateriallager Fertigwarenlager Werkstatt 1 Warteplätze Werkstatt 3 Warteplätze Werkstatt 2 Warteplätze Halbfabrikatelager Abbildung 4.4: Struktur der Werkstattfertigung Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 96 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 97 4 Produktionslogistik96 tionsdurchlaufs dieser Produktionsform, lange Durchlaufzeiten und damit auch tendenziell hohe Bestände durch Wartezeiten zwischen den einzelnen Arbeitsgängen und der hohe Planungs- und Steuerungsaufwand durch die Parallelität der mehrstufigen Produktionsaufträge. Teilweise erhöhen sich die Durchlaufzeiten nochmals durch aufwendige Transporte zwischen und in den Werkstätten und durch die Rüstzeiten der Maschinen. Die weitgehende Flexibilität macht die Werkstattfertigung attraktiv für Hersteller, die eine große Anzahl verschiedener Produkte mit entsprechend unterschiedlichen Arbeitsabläufen in eher kleinen bis mittleren Losen fertigen. ●● Fließfertigung wird eingesetzt, wenn wenige, ähnliche Produkte in jeweils großen Mengen hergestellt werden und die Flexibilität der Werkstattfertigung nicht nötig ist. Zum einen existieren aufgrund der geringen Produktanzahl nur wenige unterschiedliche Produktionsabläufe, zum anderen muss wegen der großen Produktionslose nur selten zwischen den Produktionsabläufen gewechselt werden. In diesen Fällen ist es sinnvoll, die Ressourcen entsprechend den Produktionsabläufen anzuordnen. Damit ist die Fließfertigung fertigungsablauforientiert. Die einzelnen Bearbeitungsstationen sind im Allgemeinen hoch spezialisiert und führen nur eng begrenzte Arbeiten durch. Häufig sind sie über automatische Förderanlagen miteinander verbunden. Diese Verbindung kann starr sein, z. B. über ein gemeinsam genutztes Förderband, oder es enthält zwischen den Bearbeitungsstationen Puffer, um Kapazitätsschwankungen, wie z. B. bei Ausfall einer Bearbeitungsstation, etc., ausgleichen zu können. Im statistischen Mittel sollten die Kapazitäten aufeinander abgestimmt sein. Die Fließfertigung muss nicht linear angeordnet sein, sondern kann z. B. auch synthetische Strukturabschnitte haben. Merkmale der Fließfertigung sind kurze Durchlaufzeiten und daher niedrige Bestände in der Produktion, eine hohe Ausstoßmenge pro Zeit Fertigwarenlager Lineare Fließfertigung Synthetische Fließfertigung Fertigwarenlager Rohmateriallager Halbfabrikatelager Rohmateriallager Halbfabrikatelager Abbildung 4.5: Struktur der Fließfertigung Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 96 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 97 4.1 Definition, Aufgaben und Formen der Produktionslogistik 97 und geringer Planungs- und Steuerungsaufwand, aber auch eine geringe Flexibilität und eine erhöhte Störanfälligkeit. Vorteilhaft ist diese Fertigungsart für Unternehmen, die eine kleine Produktpalette von ähnlichen Erzeugnissen in großen Losen herstellen. ●● Gruppenfertigung ist ein Versuch, die Vorteile der Werkstatt- und Fließfertigung in einem Verfahren zu einen. Dazu werden sogenannte Teilefamilien gebildet, in der alle Fertigprodukte oder Halbfabrikate, die einen ähnlichen Fertigungsablauf haben, zusammengefasst werden. Für die Teilefamilien werden dann Arbeitseinheiten gebildet, in denen die für die Fertigung benötigten Betriebsmittel und Mitarbeiter räumlich nah gruppiert werden. Diese Arbeitsgruppen, auch Fertigungsinseln genannt, stellen organisatorische Einheiten dar, die weitgehend autonom bezüglich Planung, Steuerung und Durchführung ihrer Produktion agieren. Flexible Fertigungssysteme (FFS) sind Fertigungsinseln mit einem hohen Automatisierungsgrad, die teilweise auch mit einem Werkzeuglager ausgestattet sind. Merkmale der Gruppenfertigung ergeben sich durch die Fertigungsähnlichkeit der Teile innerhalb einer Familie: Tendenziell geringere Rüstzeiten und damit kürzere Auftragsdurchlaufzeiten, d. h. auch geringere Bestände in der Produktion gegenüber der Werkstattfertigung. Durch die räumliche Nähe entfallen auch ein Teil der Transportzeiten, was die Durchlaufzeiten der Aufträge nochmals verkürzen kann. Ein weiteres Merkmal der Inselproduktion ist die weitgehende Übertragung von Arbeitsverantwortung auf die Gruppe, die dispositive, wie ausführende Tätigkeiten umfasst. Empirische Studien legen nahe, dass die Motivation der Mitarbeiter dadurch steigt und ebenso eine Produktivitätssteigerung möglich ist. Allerdings kann bei verschieden starker Auslastung der Inseln kein Kapazitätsausgleich zwischen den Inseln bei Maschinen gleicher Funktion stattfinden, weil die Aufträge in der Inselfertigung an die Arbeitsgruppe gebunden sind. Insel 1 FFS 1 Rohmateriallager Fertigwarenlager Insel 2 Halbfabrikatelager Teilefamilie 1 Teilefamilie 2 Teilefamilie 3 Abbildung 4.6: Struktur der Gruppenfertigung Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 98 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 99 4 Produktionslogistik98 ●● Baustellenfertigung findet statt, wenn die Ressourcen zum Fertigungsobjekt bewegt werden, und nicht, wie in den bisherigen Beispielen, die Erzeugnisse der verschiedenen Produktionsstufen zu den Ressourcen transportiert werden. Aufgrund der physikalischen Eigenschaften der Erzeugnisse, wie z. B. bei Schiffen, Straßen, Kraftwerken, etc., ist eine andere Form nicht möglich oder zumindest nicht zweckdienlich, daher nennt man diese Produktionsform fertigungsobjektorientiert. Der Baustellenfertigung geht die Herstellung der Einzelteile voraus, die wiederum im Rahmen der besprochenen Produktionsarten erfolgen kann. Merkmale der Baustellenfertigung sind ein hoher Planungs-, Steuerungs- und Kontrollaufwand und ein großer Anteil an Ingenieursleistung. Große Produktionen können eine Kombination aus verschiedenen Produktionsformen enthalten, abhängig von den jeweiligen Anforderungen bestimmter Fertigungsabschnitte. 4.1.5 Systematisierung nach der Losgröße und dem Entkopplungspunkt Die Losgröße, in der produziert wird, unterscheidet die Produktionsformen Einzel-, Massen- und Serienfertigung: ●● Einzelfertigung richtet die Prozesse, die Ressourcen und die Organisation auf die Erzeugung eines einzelnen Produkts aus. In der Reinform wird ein Erzeugnis nur ein einziges Mal hergestellt. Jedes weitere Produkt ist wieder ein Einzelstück. In der Praxis stellen die einzelnen Produkte aber meistens Varianten eines Grundmusters dar. Einzelfertigungen findet man z. B. im Sondermaschinenbau, im Straßen- und Schiffsbau. Hier können je nach Fertigungsstufe verschiedene Fertigungsformen eingesetzt werden. ●● Massenfertigung erzeugt ein Produkt über eine längere Zeit in hoher Stückzahl. Die Zigaretten-, Glühbirnen- oder Zement-Produktionen sind Beispiele für diese Art der Fertigung. Bei einer Massenfertigung ist die Fließfertigung die passende Fertigungsform. ●● Serienfertigung liegt bei der erzeugten Stückzahl zwischen der Einzel- und der Massenfertigung und produziert eine Serie (Los) in einem Stück. Unterschieden wird nach Klein-, Mittel- und Großserien. Eingesetzte Fertigungsverfahren können sowohl Fließ-, Werkstatt- als auch Gruppenfertigung sein. Die Entscheidung, in welchen Größenordnungen die Lose gewählt werden, ist strategisch determiniert, da das gesamte Produktionssystem darauf abgestimmt werden muss. Bei der Feinabstimmung der Losgröße auf operativer Ebene können neben den Gesichtspunkten der Kostenminimierung wie in der Andler-Formel auch Durchlaufzeitaspekte berücksichtigt werden. Dabei wird z. B. bei der Werkstattfertigung analysiert, mit welcher Losgröße der Auftrag am schnellsten durch die Werkstatt laufen kann, was im Rahmen der Just-in- Time-Ausrichtung an Bedeutung gewinnt. Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 98 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 99 4.1 Definition, Aufgaben und Formen der Produktionslogistik 99 Der Entkopplungspunkt kennzeichnet die Grenze zwischen kundenanonymer und kundenauftragsbezogener Fertigung. Wird kundenanonym gefertigt, liegt zum Zeitpunkt der Fertigung noch kein konkreter Kundenauftrag vor, es wird also auf Lager produziert. Kundenauftragsbezogen gefertigt wird erst nach Eingang eines Kundenauftrags. Die Position des Entkopplungspunkts im Gesamtprozess der Produktion unterscheidet verschiedene Produktionsformen, wobei der Gesamtprozess aus den folgenden Prozessschritten besteht: (a) Entwicklung des Produkts bis zur Fertigungsreife, (b) Entwicklung des Systems mit Aufbau aller für die Fertigung benötigten Prozesse, Ressourcen und Organisationen, (c) Beschaffung der Materialien, (d) Herstellung des Produkts und Verbringung des Produkts in das Fertigwarenlager. Vom Fertigwarenlager aus kann das Produkt dem Kunden zur Verfügung gestellt werden. Folgende Produktionsformen lassen sich hier unterscheiden: ●● Lagerfertiger führen den beschriebenen Prozess auf eigene Kosten und auf eigenes Risiko bis zum Fertigwarenlager aus. Da bis zu diesem Zeitpunkt keine konkreten Kundenaufträge vorliegen müssen, ist diese Art der Fertigung kundenanonym. Treffen Kundenaufträge ein, werden sie kurzfristig vom Fertigwarenlager aus bedient (Punkt 1), d. h., dass der Entkopplungspunkt bei einem Lagerfertiger im Fertigwarenlager liegt. ●● Kundenauftragsfertiger werden erst tätig, wenn ein Kundenauftrag vorliegt. Das kann im Extremfall bedeuten, dass der Kunde ein vollkommen neues Produkt verlangt, das im ersten Schritt technisch und technologisch von Grund auf neu entwickelt werden muss. Hier liegt der Entkopplungspunkt ganz am Anfang der Prozesskette (Punkt 2), wobei diese reine Form der Kundenauftragsfertigung äußerst selten ist. ●● Variantenfertiger stellen die ,gemilderte‘ Form der Kundenauftragsfertiger dar, wobei hier die Produkte auf einem schon vorhandenen Kernprodukt aufbauen, so dass die Entwicklung nicht vollständig durchlaufen werden muss und lediglich Varianten kundenbezogen gefertigt werden. In diesem Fall Abbildung 4.7: Systematisierung nach Entkopplungspunkt Kunde Produktentwicklung Systementwicklung Beschaffung Herstellung Distribution Kundenauftrag bei einem Lagerfertiger Möglichkeiten eines Kundenauftrags bei einem Kundenauftrags-/Variantenfertiger Fertigwarenlager 1 2 3 4 65 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 100 Vahlens Kurzlehrbücher – Huber/Laverentz – Logistik, 1. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Status: Imprimatur Stand: 23.11.11 Seite: 101 4 Produktionslogistik100 liegt der Entkopplungspunkt innerhalb der Produkt- und Systementwicklung (Punkt 3). Es gibt auch eine Art der Kundenauftragsfertigung, die nicht auf neue Produkte abzielt. Dies ist der Fall, wenn ein Kunde große Mengen ordert, die nicht vom normalen Fertigwarenlagerbestand abgedeckt werden können oder sollen. Unter diesen Umständen braucht keine Entwicklungsarbeit geleistet zu werden, sondern es genügt, eine kundenauftragsbezogene Produktion, notfalls auch eine entsprechende Beschaffung der Rohstoffe, aufzusetzen (Punkte 4 und 5). Eine Mischung aus Lager- und Kundenauftragsfertigung ist die individuelle Massenfertigung, auch mass customization genannt, bei der die Komponenten auf Lager produziert werden, die letzte Zusammensetzung zum Fertigprodukt aber auf Kundenwunsch erfolgt (Punkt 6). Dieser Ansatz beruht auf der Erkenntnis, dass es wirtschaftlich günstig sein kann, nicht das Fertigwarenlager, sondern das Komponentenlager als Entkopplungspunkt zu definieren, weil dadurch unter anderem die Sicherheitsbestände durch den statistischen Ausgleich der Schwankungen sinken und damit die Kosten für die Lagerung verringert werden. Zudem werden die Sicherheitsbestände auf einer niedrigeren Wertschöpfungsstufe gehalten, was wiederum zu geringeren Bestandskosten führt. Die Strategie, den Entkopplungspunkt flussaufwärts zu verschieben oder, anders ausgedrückt, mit der Fertigwarenherstellung so lange wie möglich zu warten, nennt man postponement und wird eingesetzt, um Prozesse effizienter zu gestalten. 4.2 Strategische Produktionslogistik 4.2.1 Strategisches Produktionsprogramm und Produkt entwicklung Das strategische Produktionsprogramm bestimmt die zu fertigende Produktpalette der nächsten Jahre. Es legt fest, welche Produkte grob spezifiziert, in welchen Zeiträumen pro Jahr, in etwa welchen Mengen, zu welchen Preisen und in welcher Qualität produziert werden. Die Beurteilung, wie das Sortiment zu gestalten ist, wird sowohl marktseitig (Absatzplan von Marketing/ Vertrieb) als auch durch interne Unternehmensvorgaben geprägt, z. B. können Deckungsbeitragsziele die Gestaltung des Sortiments beeinflussen. Das strategische Produktionsprogramm kann auch auf neue oder modifizierte Produkte verweisen, die erst entwickelt bzw. weiterentwickelt werden müssen. Während der Produktentwicklung wird das Produkt über die Stufen Planen, Konzipieren, Entwerfen und Ausarbeiten (VDI-Richtlinie) von der Idee bis zur Marktreife geführt. Bei jedem Produkt muss die Fertigungstiefe festgelegt werden. Dabei wird bestimmt, welche der Vorprodukte eigen gefertigt und welche beschafft werden sollen. Diese Festlegung ist gleichzeitig eine Vorgabe für die Beschaffung, welche die entsprechenden Kooperationen initiieren muss. An der Erstellung des strategischen Produktionsprogramms und bei den Arbeiten

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Zusammenfassung

Der perfekte Einstieg in die Logistik

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