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9.4 Aufgaben der innerbetrieblichen Entsorgungslogistik in:

Christof Schulte

Logistik, page 518 - 525

Wege zur Optimierung der Supply Chain

6. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3995-3, ISBN online: 978-3-8006-3996-0, https://doi.org/10.15358/9783800639960_544

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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518 9 Entsorgungslogistik Druckerei C. H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 23.11.2012 9.4 Aufgaben der innerbetrieblichen Entsorgungslogistik 9.4.1 Kernleistungen: Lager-, Transport- und Umschlagprozesse 9.4.1.1 Lagerprozesse Die Motive für die Lagerhaltung von Rückständen unterscheiden sich insofern von jenen für die Lagerung von Zwischen- und Endprodukten, als es nicht primär um den Ausgleich unterschiedlicher Produktionskapazitäten oder Schwankungen bzw. Unsicherheiten in der Nachfrage geht (vgl. Brodersen 1987, S. 37). Lagerprozesse in der Entsorgungslogistik dienen insbesondere der Schaffung wirtschaftlicher Transporteinheiten beim Sammeln oder Umladen von Rückständen sowie der Bereitstellung von Rückständen für Verwertungsanlagen in solchen Mengen, dass bei kontinuierlicher Kapazitätsauslastung eine fortlaufende Aufbereitung bzw. Behandlung möglich ist (vgl. Pfohl/Stölzle 1992, S. 581). Das Ziel der Aufrechterhaltung eines Lieferbereitschaftsgrades spielt im Rahmen der Entsorgungslogistik nur dann eine Rolle, wenn Lieferzusagen in mengen- und wertmäßiger sowie zeitlicher Hinsicht gegenüber Abnehmern bestehen. Dies dürfte jedoch die Ausnahme sein, so dass es bei der Lagerhaltung im Bereich der Entsorgungslogistik primär darum geht, ausreichende Lagerkapazitäten zur Verfügung zu stellen, die den produktions-, distributions- und konsumbedingten Rückstandsanfall in einem definierten Zeitintervall aufnehmen können (vgl. Stölzle 1993, S. 225). Hierbei wird – bei Einhaltung aller erforderlichen Sicherheitsstandards – eine Minimierung der lagerungsbedingten Kosten verfolgt. Für die Bedarfsermittlung des benötigten Lagerraums stehen drei Methoden zur Verfügung (vgl. Abschnitt 7.2.1.3.1). Die analytische Ermittlung des Rückstandsanfalls nach Art und Menge im Rahmen der deterministischen Bedarfsermittlung setzt die genaue Kenntnis über die Relationen zwischen Produktionsprogramm und Rückstandsanfall voraus. Diese Zusammenhänge lassen sich mithilfe von erweiterten Stücklisten oder Rezepturen abbilden. Da dies zwar für den produktionsbedingten Rückstandsanfall, nicht aber für den distributions- und konsuminduzierten Rückstandsanfall praktikabel ist, beschränkt sich der Anwendungsbereich der deterministischen Methoden auf einen Teil der Lagerbedarfsermittlung für Rückstände. Grundlage für die stochastische bzw. verbrauchsgebundene Bedarfsermittlung ist der Rückstandsanfall vergangener Perioden. Mithilfe von Prognoseverfahren wird der Lagerbedarf der Planperiode(n) errechnet. Diese Vorgehensweise eignet sich für alle Arten von rückstandserzeugenden Prozessen und ist durch einen geringeren Rechenaufwand als die deterministischen Methoden gekennzeichnet. Wesentlich für die Genauigkeit und damit die Qualität des Prognoseergebnisses ist, ob die Rahmenbedingungen der Vergangenheit auch für die Zukunft repräsentativ sind. Liegen die Voraussetzungen der deterministischen und stochastischen Bedarfsermittlung nicht vor, werden Methoden der subjektiven Schätzung angewendet. Darüber hinaus werden diese Verfahren auch dann eingesetzt, wenn aus Sicht der Entscheidungsträger der Bedarfsermittlung lediglich eine untergeordnete Bedeutung zukommt und demzufolge auch größere Ungenauigkeiten hingenommen werden können. Bei der Gestaltung von Rückstandslägern steht die Gewährleistung eines möglichst hohen Sicherheitsstandards im Vordergrund. Als generelle Sicherheitsvorkehrungen sind bei der Lagerplanung zu beachten: 9.4 Aufgaben der innerbetrieblichen Entsorgungslogistik 519 Druckerei C. H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 23.11.2012 – Zusammenlagerungsverbote, die die Clusterbildung unterschiedlicher Rückstände, das Getrennthalten von festen, pastösen und flüssigen Rückständen sowie die Möglichkeit zur Bestandsdokumentation umfassen, – Mengenschwellenüberwachung, die der Begrenzung der eingelagerten Rückstandsmengen auf Volumina im unkritischen Bereich dient, – Brandschutzanforderungen durch Brandschutzmauern, automatische Feuerlöscheinrichtungen, Messsysteme, undurchlässigen Boden, Auffangwannen und -rinnen, regelmäßige Leckagekontrollen etc. – Mögliche Strukturveränderungen bei den einzulagernden Rückständen. Im Rahmen der Lagerorganisation ist über die Lagerplatzzuordnung zu entscheiden, wobei als Alternativen getrennte Lagerzonen (für jede Rückstandsart gibt es eine separate Lagerzone) oder gemeinsame Lagerzonen (eine Lagerfläche wird durch mehrere Rückstandsarten gemeinsam genutzt) in Frage kommen (vgl. Teller 1982, S. 32 f.). In jedem Fall sind die einzelnen Rückstandsarten – beispielsweise in Behältern – so zu lagern, dass sie untereinander nicht vermischt werden können. Die Vorteile getrennter Lagerzonen liegen in einer einfachen Bestandskontrolle, einer schnellen Zugriffsmöglichkeit sowie der Verhinderung eines versehentlichen Zusammenführens unterschiedlicher Rückstandsarten. Den Sicherheitsanforderungen wird somit tendenziell stärker Rechnung getragen, als bei gemeinsamen Lagerzonen. Letztere zeichnen sich dadurch aus, dass eine bessere Nutzung des Lagerraums möglich ist und folglich die Lagerraumkapazität kleiner bemessen werden kann (vgl. Stölzle 1993, S. 228 f.). Bei der Lagerbauform kann zwischen den Varianten Freilager, überdachte Lager und geschlossene Lager gewählt werden. Freilager sind ausschließlich für witterungsunempfindliche Rückstände geeignet. Demgegenüber sind die gelagerten Rückstände in überdachten Lägern keinen Witterungseinflüssen ausgesetzt. Da die einzelnen Lagerzonen nicht durch Zwischenwände räumlich voneinander getrennt sind, kann eine isolierte Lagerung der einzelnen Rückstandsarten nicht sichergestellt werden. Durch das völlige Getrennthalten der Rückstandsarten weisen die geschlossenen Lagerbauformen (z. B. Bunker-, Silo- und Tankläger für Reststoffe mit Schüttguteigenschaften und flüssige Reststoffe) die höchste Sicherheit auf (vgl. Stölzle 1993, S. 229). 9.4.1.2 Transportprozesse Die Anforderungen an die Transportaufgabe in der Entsorgungslogistik leiten sich aus der Art der Rückstände ab. Wertstoffe als sekundäre Einsatzstoffe sind ähnlich zu behandeln wie primäre Rohstoffe, beispielsweise in Bezug auf das Ziel, die Durchlaufzeiten zu minimieren. Demgegenüber sind Abfallstoffe in der Regel als zeitunkritisch und geringwertig, also transportkostenempfindlich anzusehen. Die Transportzeit weist im Unterschied zu den anderen logistischen Subsystemen eine geringe Bedeutung auf. Andererseits können von den Stoffen umweltschädigende Wirkungen ausgehen, so dass besondere Sicherheitsvorkehrungen erforderlich werden (z. B. Sicherheitsbehälter, Kennzeichnungspflicht für die Verkehrsträger und die beförderten Güter) (vgl. Becker/Rosemann 1993, S. 149). Der außerbetriebliche Transport kann als Phasen den Sammel-, Nah- und Ferntransport umfassen. Im Rahmen des Sammeltransportes werden die für die Sammlung der Rückstände erforderlichen Beförderungsvorgänge durchgeführt. Der Nahtransport dient dem Direkttransport vom Zwischenlager zu einer Umladestation, einer Aufbereitungs- oder einer Behandlungsanlage. Der konsolidierte Transport der Rückstände zum Ort ihres 520 9 Entsorgungslogistik Druckerei C. H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 23.11.2012 Wiedereinsatzes oder ihrer Beseitigung ist Gegenstand des Ferntransportes. Während bei Sammel- und Nahtransporten meist infolge fehlender Gleis- und Wasserstraßenanschlüsse der Verkehrsträger Straße dominiert, eignen sich für den Ferntransport die Eisenbahn oder das Binnenschiff. Der innerbetriebliche Transport umfasst (vgl. Pfohl/Stölzle 1992, S. 583): – den mit der Sammlung verbundenen Transport von den Abfallstellen bis zum Zwischenlager, – die Bewegungsprozesse innerhalb eines Lagers, – den Transport vom Zwischenlager zu einer innerbetrieblichen Aufbereitungs- oder Behandlungsanlage bzw. zur Sammelstelle für die Übergabe an den außerbetrieblichen Transport. Im Rahmen der Gestaltung des Systems für den innerbetrieblichen Rückstandstransport sind insbesondere die einzusetzenden Transportmittel und die Transportorganisation festzulegen. Neben den ökonomischen Kriterien Transportkosten und -leistung (vgl. Abschnitt 4.2.1) ist zur Beurteilung von Systemen für den Transport von Rückständen die Sicherheit in Bezug auf störfallbedingte Umweltbelastungen als transportobjektspezifischer Zielmaßstab zugrundezulegen (vgl. Brauer/Krieger 1982, S. 93). Auf die generelle Beurteilung der Fördermittelalternativen „Stetigförderer“ und „Unstetigförderer“ wurde bereits in Abschnitt 4.2 eingegangen. Unter dem Aspekt der Unfallsicherheit weisen Stetigförderer insoweit einen Vorteil auf, als die einzelnen Fördereinheiten infolge der ortsfesten Einrichtungen nicht kollidieren können. Andererseits sind die in räumlicher Hinsicht flexiblen Unstetigförderer in der Lage, bestimmte Gefährdungsbereiche zu umfahren (vgl. Stölzle 1993, S. 234). Die Organisation innerbetrieblicher Reststofftransporte umfasst die Entsorgung mehrerer Anfallstellen an unterschiedlichen Standorten mit differierenden Reststoffmengen durch einen bestimmten Bestand an Fördermitteln. Zu beachtende Restriktionen sind hierbei – vollständige Entsorgung aller Anfallstellen, – Beachtung der maximalen gewichts- und volumenmäßigen Kapazität der Fördermittel, – Einhaltung etwaiger maximaler Gesamteinsatzzeiten der Fördermittel, – Aufsuchen der Anfallstellen nur innerhalb vorgegebener Zeitintervalle, – Berücksichtigung zeitlicher Beschränkungen (z. B. auf Grund der Betriebszeit von Aufbereitungs- oder Behandlungsanlagen) bei der Abgabe der Rückstände nach deren Beförderung (vgl. Stölzle 1993, S. 235). Die Komplexität des Tourenplanungsproblems erhöht sich, wenn als zusätzliche Restriktion vorgegeben wird, dass für den Rückstandstransport dieselben Fördermittel einzusetzen sind, die auch den versorgungsorientierten innerbetrieblichen Transport durchführen. Bei der Transportorganisation kommen bezüglich der Anzahl der von einem Fördermittel bei einer Tour bedienten Reststoffquellen der Direktverkehr und der Stern- oder Ringverkehr in Betracht. Während beim Direktverkehr die Fördermittel direkt zwischen jeder Anfallstelle und der korrespondierenden Abladestelle verkehren, werden beim Sternoder Ringverkehr auf einer Tour verschiedene Anfallstellen verbunden. Aus ökonomischer Sicht hängt die Wahl zwischen beiden Alternativen von der räumlichen Struktur der Anfallstellen, den jeweils zu entsorgenden Reststoffmengen und den Kapazitäten der Fördermittel ab. Unter Umweltschutzgesichtspunkten bietet sich bei Rückständen mit Gefahrgutcharakter der Direktverkehr an, da bei dieser Variante nur wenige (im Grenzfall 9.4 Aufgaben der innerbetrieblichen Entsorgungslogistik 521 Druckerei C. H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 23.11.2012 lediglich eine) Reststoffarten befördert werden. Es verringert sich das Vermischungsrisiko sowie das hieraus resultierende Umweltbelastungsrisiko. Für den Transport von Rückständen mit niedriger Umweltgefährdung ist im Hinblick auf die ökologischen Ziele tendenziell der Stern- oder Ringverkehr ausreichend (vgl. Stölzle 1993, S. 235). 9.4.1.3 Umschlagprozesse Bei einem Wechsel des Transportmittels oder einer erforderlichen Zwischenlagerung des Transportgutes finden Umschlagprozesse statt. Sowohl aus Kosten- als auch aus ökologischen Gründen sollte die Anzahl der entsorgungslogistischen Umschlagprozesse möglichst gering gehalten werden. Jeder Umschlagprozess erhöht die Gefahr, dass Rückstände freigesetzt und unkontrolliert an die Umwelt abgegeben werden (vgl. Pfohl/Stölzle 1991, S. 191). Der Schnittstellencharakter des Umschlags lässt sich durch eine Kategorisierung nach Maßgabe des Umschlagortes verdeutlichen (vgl. Teller 1982, S. 16 f.): – eine extern-extern-Schnittstelle betrifft zwei außerbetriebliche Prozesse (z. B. Übergang der Sammel- und Nahtransporte mit Spezialfahrzeugen auf großvolumige Ferntransporte), – eine extern-intern-Schnittstelle dient als Bindeglied zwischen außer- und innerbetrieblichen Logistikprozessen (z. B. Reststoffe werden in einem anderen Unternehmen aufbereitet und wieder eingesetzt), – eine intern-intern-Schnittstelle betrifft den Übergang zwischen zwei innerbetrieblichen entsorgungslogistischen Prozessen. Stellt der Umschlagpunkt die Schnittstelle zweier logistischer Kontrollspannen dar, ist es insbesondere bei schädigenden Stoffen bedeutsam, dass neben den Gütern auch die sie begleitenden bzw. die ihnen vorauseilenden Informationen ausgetauscht werden. In Analogie zu den Fördermitteln lassen sich nach der Kontinuität des Umschlagmitteleinsatzes stetige und unstetige Umschlagmittel unterscheiden (vgl. Teller 1982, S. 18). Stetige Umschlagmittel sind beispielsweise Band- und Kreisförderer oder Rutschen und Rollenbahnen. Zu den unstetigen Umschlagmitteln gehören Gabelstapler, Drehkräne, Hebebühnen und Hängebahnen. Bei der Umschlagorganisation kommen als Gestaltungsalternativen das Umleer- und das Wechselverfahren in Frage. Bei Umleerverfahren werden die Rückstände aus einem Behälter heraus umgefüllt. Während bei der direkten Umleerung die Umfüllung unmittelbar in einen anderen Behälter erfolgt, werden bei einer indirekten Umleerung die Rückstände zunächst zwischengelagert, um erst zu einem späteren Zeitpunkt wieder in Behälter gefüllt zu werden. Damit weist das direkte Umleerverfahren den Vorteil des geringeren technischen Aufwandes auf. Das indirekte Umleerverfahren ermöglicht eine zusätzliche Zeit- überbrückung (vgl. Hirschberger/Reher 1991, S. 12). Das Wechselverfahren ist durch ein Umsetzen der Behälter gekennzeichnet. Es werden also nicht die Rückstände an sich, sondern die Behälter umgeschlagen. Da die Rückstände den Behälter nicht verlassen können, sofern geschlossene und gesicherte Behälter eingesetzt werden, können selbst Störungen im Umschlagbetrieb in der Regel nicht zu Umweltbelastungen führen. Nachteile des Wechselverfahrens sind die relativ hohen Investitionen in die Behälter und Umschlagtechnik, der Steuerungs- und Verwaltungsaufwand, der mit dem prozessübergreifenden Behältereinsatz einhergeht, sowie die fehlende Möglichkeit, die Rückstände außerhalb der Behälter zwischenzulagern (vgl. Stölzle 1993, S. 238). 522 9 Entsorgungslogistik Druckerei C. H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 23.11.2012 9.4.2 Zusatzleistungen: Sammlung und Sortierung, Verpackung 9.4.2.1 Sammlung und Sortierung Rückstände fallen an den Quellen ihrer Entstehung meist in gemischter Form an. Es bedarf deshalb in der Regel einer Sortierung der Rückstandsgemische, um die Anforderungen der Senken nach möglichst homogenen Rückstandsströmen zu erfüllen. Durch die Sortierung wird die angestrebte höhere Sortenreinheit der Rückstände herbeigeführt (vgl. Pfohl/Stölzle 1992, S. 586). Die Sammlung von Rückständen erstreckt sich von der Füllung des Sammelbehälters bis zur Beladung des Sammelfahrzeugs (vgl. Bilitewski u. a. 1990, S. 39). Da die Teilaufgaben der Sortierung und Sammlung von Rückständen vielfach kombiniert werden, ist es sinnvoll, sie im Folgenden zu einem Aufgabenbereich zusammenzufassen. Zwischen Sammeln und Sortieren bestehen folgende Interdependenzen. Durch das Sammeln sollen Degressionseffekte infolge hoher Transport-, Umschlag- und Lagermengen erreicht werden. Eine frühe stoffliche Sortierung führt zu kleinen, sortenreinen Transportmengen. Je früher die stoffliche Sortierung erfolgt, desto logistikkostenintensiver ist der nachfolgende Sammelaufwand. Zentrale Informationsgrundlage für Gestaltungsentscheidungen im Bereich „Sammeln und Sortieren“ ist zunächst die genaue Kenntnis der Anfallstruktur der Rückstände, d. h. der stofflichen Zusammensetzung sowie der Anfallmengen, -orte und -zeiten (vgl. Pfohl/Stölzle 1991, S. 203). Kriterium für die Beurteilung alternativer Systeme zur Sammlung und Sortierung ist aus ökologischer Sicht der Grad der Sortenreinheit, der die zu realisierende Wiedereinsatzquote bestimmt. Die Wiedereinsatzquote gibt den Anteil der wiedereinzusetzenden Rückstände aus der Gesamtmenge der angefallenen Rückstände in einer Periode an. Aus ökonomischer Sicht gilt es, die systemspezifischen Kosten sowie die möglichen Erlöse aus der Vermarktung der Wertstoffe abzuschätzen. Als Modelle für die Organisation von Sammlung und Sortierung kommen in Betracht: – gemischte Sammlung ohne nachträgliche Sortierung, – gemischte Sammlung mit nachträglicher Sortierung, – getrennte Sammlung. Die jeweiligen Charakteristika und eine Grobbeurteilung dieser drei Gestaltungsalternativen enthält Abb. 9–5 (vgl. hierzu Stölzle 1993, S. 241 ff. und die dort angegebene Literatur). Die Festlegung des Sammelprinzips hat die Frage zu klären, in welcher zeitlichen Relation zum Anfall der Rückstände deren Sammlung erfolgt (vgl. zum Folgenden Stölzle 1993, S. 243). Die Organisation von Sammelzyklen kann entweder dergestalt erfolgen, dass der Anfall eines Rückstands sofort einen Sammelzyklus auslöst (synchrone Sammlung) oder dergestalt, dass die Sammlung unabhängig vom Zeitpunkt der Rückstandsentstehung angestoßen wird (nicht-synchrone Sammlung). Bei letzterer Alternative kann die Sammlung regelmäßig (z. B. jeden fünften Arbeitstag) oder unregelmäßig (z. B. auf Abruf bei Vorliegen eines definierten Behälterfüllgrades) erfolgen (vgl. Abb. 9–6). Bei Durchführung synchroner Sammlungen findet eine Zwischenlagerung an den Anfallstellen kaum statt. Vor dem Hintergrund der in aller Regel niedrigen Werte der Rückstände liegen die Gründe für eine synchrone Sammlung vor allem im Nichtvorhandensein ausrei- 9.4 Aufgaben der innerbetrieblichen Entsorgungslogistik 523 Druckerei C. H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 23.11.2012 chender Lagerkapazitäten an den Anfallstellen, umgehenden Wiedereinsatz der Rückstände und starken Gefährdungspotenzial der Rückstände, das durch einen schnellen Abtransport vermindert werden soll. Sind an den Anfallstellen genügend Lagerkapazitäten für die Lagerung der zwischen zwei aufeinander folgenden Sammelzyklen anfallenden Rückstandsmengen vorhanden, so empfiehlt sich eine regelmäßige Sammlung. Die unregelmä- ßige Einsammlung kommt in Betracht, wenn die Einsatzvoraussetzungen der beiden vorgenannten Prinzipien nicht vorliegen. Neben erschöpften Bevorratungskapazitäten an den Anfallstellen kann auch das Vorliegen eines Rückstandsbedarfs zu Zwecken des Wiedereinsatzes einen Sammelprozess auslösen. Organisationsprinzip Merkmal Gemischte Sammlung ohne nachträgliche Sortierung Gemischte Sammlung mit nachträglicher Sortierung Getrennte Sammlung Ablauforganisation Bereitstellung der verschiedenen Rückstandsarten in gemischter Form an den Anfallstellen Einsammlung Bereitstellung der verschiedenen Rückstandsarten in gemischter Form an den Anfallstellen Einsammlung Separierung der verschiedenen Rückstandsarten Getrennte Sammlung der Rückstandsarten an den Anfallstellen Zuführung der Rückstände zu ihrer spezifischen Verwendung, Verwertung bzw. Bereitstellung Sortenreinheit nicht gegeben gegeben am größten Ökologische Zielerreichung Kaum möglich, die in den Rückstandsgemischen enthaltenen Wertstoffe wiedereinzusetzen Deutlich höhere Wiedereinsatzquote als bei Verzicht auf nachträgliche Sortierung Umweltrelevante Unfallrisiken während nachträglicher Sortierung Hohe Wiedereinsatzquote, da umfassender Wiedereinsatz der Rückstände möglich Ökonomische Beurteilung Geringer Aufwand für die Behälterbereitstellung und die Durchführung des Sammelvorgangs Hohe Beseitigungskosten, da diese für das gesamte Gemisch von der Rückstandsart mit dem höchsten Gefährdungspotential abhängen Geringer Aufwand für die Behälterbereitstellung und Sammlung Zusätzliche Lager-, Transport- und Umschlagprozesse durch nachträgliche Sortierung Beseitigungskosten abhängig von der Sortenreinheit Eventuell Erlöse aus der Vermarktung der Wertstoffe Hohe Behälterkosten durch Vielzahl von Behältern Hoher Platzbedarf an Sammelstellen Zahlreiche Transportprozesse mit kleinen Mengen (spezifische Sammelfahrt für jede Rückstandsart) Relativ niedrigste Beseitigungskosten Eventuell Erlöse aus der Vermarktung der Wertstoffe Abb. 9–5: Beurteilung der Organisationsalternativen für Sammlung und Sortierung Organisation von Sammelzyklen Synchrone Sammlung Nicht synchrone Sammlung regelmäßig unregelmäßig Abb. 9–6: Sammelprinzipien 524 9 Entsorgungslogistik Druckerei C. H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 23.11.2012 9.4.2.2 Verpackung Packgüter im Rahmen der Entsorgungslogistik stellen die Rückstände dar. Über den reinen Verpackungsprozess hinaus ist Ziel der Verpackung immer auch die Bildung von Ladeeinheiten (vgl. Jünemann 1989, S. 122). Durch die Änderung der logistischen Eigenschaften der Rückstände erleichtert die Verpackung die Durchführung der übrigen Aufgaben in der Entsorgungslogistik. Im Rahmen der Entsorgungslogistik sind die Verpackungsfunktionen aus zwei verschiedenen Sichtweisen abzuleiten (vgl. Pfohl/Stölzle 1992, S. 587). Einerseits können Verpackungen Rückstände darstellen, so dass sie zum Objektbereich der Entsorgungslogistik gehören. Andererseits nehmen Verpackungen Rückstände auf. Bezüglich der Verpackungsfunktionen kann auf Abschnitt 8.5 verwiesen werden. Besondere Bedeutung weist im Rahmen der Entsorgungslogistik die Schutzfunktion auf. Die Anforderungen an die Verpackungsgestaltung ergeben sich insbesondere aus den Merkmalen der Rückstände (Gewicht, Maße, Form, Art, umweltrelevante Eigenschaften) und der Ausprägung der übrigen entsorgungslogistischen Aufgabenfelder. So können sich beispielsweise transportspezifische Anforderungen aus den jeweils eingesetzten Sammelfahrzeugen und lagerspezifische Anforderungen aus den erforderlichen Sicherheitsvorkehrungen an den verfügbaren Behälterstandplätzen ergeben. Bei den Behälterformen ist in Abhängigkeit von den Funktionsanforderungen zu wählen zwischen tragenden, umschließenden und abschließenden Behältern (vgl. Abschnitt 4.1). Tragende Behälter, die ohne andere logistische Einheiten zum Einsatz gelangen, sind für Rückstände dann geeignet, wenn diese ausreichend stabil sind und ein entsprechendes Gewicht aufweisen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Rückstände bei schnellen oder abrupten Handhabungsvorgängen von der Palette rutschen. In der Regel werden Paletten jedoch in Kombination mit anderen Behältern eingesetzt, so dass die logistischen Funktionen von den Paletten, die Schutzfunktion jedoch primär von den anderen Behältern übernommen wird. Die Seitenwände umschließender Behälter ermöglichen deren Beladung mit forminstabilen Rückständen. Verglichen mit nur tragenden Behältern stellt sich die Handhabbarkeit infolge der größeren Behälterhöhe etwas schwieriger dar. Die Schutzfunktion kann durch die Seitenwände besser wahrgenommen werden, solange es sich nicht um flüssige Rückstände oder solche mit einem hohen Umweltgefährdungspotenzial handelt. Bei abschließenden Behältern (gekennzeichnet durch Seitenwände und eine feste Höhenbegrenzung) ist die Wahrnehmung der Schutzfunktion tendenziell am besten möglich. So gewährleisten beispielsweise Sicherheitsbehälter, dass keine Rückstände in die Umwelt entweichen können. 9.4.3 Informationsleistungen: Auftragsabwicklung Die Auftragsabwicklung muss mit dem durch sie bewirkten Informationsfluss als Bindeglied die Koordination der einzelnen logistischen Prozesse sicherstellen (vgl. Kirsch u. a. 1973, S. 352). Hierzu dient die Übermittlung, Aufbereitung und Umsetzung von Aufträgen. Im Rahmen der Auftragsabwicklung im Entsorgungsbereich ist besonderes Augenmerk auf den umweltschutzrelevanten Informationsfluss zu richten, da – im Unterschied zur Auftragsabwicklung in der Versorgungslogistik – zahlreiche rechtliche Vorschriften zu beachten sind. Der Informationsfluss beginnt beispielsweise mit einem internen Auftrag, der ausgelöst wird, wenn ein in der Produktion befindlicher Sammelbehälter einen bestimmten Befül- 9.5 Aufgaben der externen Entsorgungslogistik 525 Druckerei C. H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 23.11.2012 lungsgrad erreicht hat und von den zuständigen Mitarbeitern die Behälterleerung bzw. der Behälterwechsel veranlasst wird. Auch eine Produktionsumstellung, die zum Anfall anderer Reststoffe führt, kann einen Auftrag zur Auswechslung von Behältern und Bereitstellung von Transport-, Umschlag- und Lagerungskapazitäten auslösen (vgl. Pfohl/Stölzle 1991, S. 192). Zur Abwicklung dieser internen Aufträge werden vielfach interne Begleitscheine herangezogen, die über – die Anfallstelle, – die Reststoffart und -menge, – erforderliche Überwachungstätigkeiten, – den vorgesehenen Entsorgungsweg, – die Behälterkennzeichnung sowie – die an der Auftragsabwicklung beteiligten Mitarbeiter informieren (vgl. Krell 1985, S. 2 f.). Bei der Bearbeitung der internen und externen (z. B. an Spediteure, Frachtführer, Entsorgungsdienstleister) Aufträge sind zwei allgemeine Grundsätze zu beachten (vgl. Krulis- Randa 1977, S. 265). Zum einen sollte ein Auftrag möglichst schnell durchgeführt werden, um die Risiken aus einer auftragsbearbeitungsbedingten Lagerung von Rückständen zu minimieren und keine Überbeanspruchung der Lagerkapazitäten an den Anfallstellen herbeizuführen. Zum zweiten ist tendenziell eine automatische Auftragsabwicklung gegenüber einer manuellen zu präferieren. Aus diesem Grund empfiehlt sich eine weitgehende Standardisierung der Aufträge. Je nachdem, ob die entsorgungslogistisch relevanten Informationen vor allem zwischen den Mitarbeitern übermittelt werden oder der Informationsaustausch primär mit externen Adressaten stattfindet, liegt ein intraorganisatorischer oder ein interorganisatorischer Schwerpunkt vor (vgl. Stölzle 1993, S. 251). 9.4.4 Zusammenfassung Die in den vorangegangenen Abschnitten dargestellten entsorgungslogistischen Aufgabenbereiche sind mit ihren jeweiligen Gestaltungsalternativen in Abb. 9–7 zusammenfassend dargestellt. Während bislang die innerbetrieblichen Prozesse der Entsorgungslogistik im Vordergrund standen, sollen im Folgenden ausgewählte Aspekte der externen Entsorgungslogistik vorgestellt werden. 9.5 Aufgaben der externen Entsorgungslogistik Die bislang weitestgehende Vorschrift zum Aufbau eines unternehmensexternen entsorgungslogistischen Systems stellt die Verordnung über die Vermeidung von Verpackungsabfällen (VerpackVO) vom 12. Juni 1991 dar. Durch diese werden Hersteller und Handel verpflichtet, sämtliche gebrauchten Verpackungen außerhalb der bestehenden öffentlichen Entsorgung zu erfassen und zu verwerten. Bei den Rücknahme- und Pfandpflichten wird zwischen – Transportverpackungen, – Umverpackungen, – Verkaufsverpackungen und – Getränkeverpackungen unterschieden (siehe hierzu Abb. 9–8).

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References

Zusammenfassung

Der 360°-Blickwinkel auf die Logistik

Dieses Buch präsentiert Ihnen in einer umfassenden und systematischen Darstellung den aktuellen Stand der Logistik. Dabei werden Ihnen neben den klassischen Logistikkonzepten insbesondere neue Entwicklungen, die großen Einfluss auf das Supply Chain Management haben, erläutert. Aus diesem Grund findet das Buch nicht nur an vielen Hochschulen sondern auch in der Praxis regen Einsatz.

Aus dem Inhalt:

- Logistikstrategie und nachhaltige Logistik

- Erfolgsfaktoren der Logistik

- Beschaffungs- und Produktionslogistik

- Distributions- und Entsorgungslogistik

- Supply Chain Management

- Informations- und Kommunikationssysteme in der Logistik

- Transport- und Umschlagsysteme

- Lager- und Kommissioniersysteme

- Aufbauorganisation und personelle Aspekte der Logistik

- Logistik-Controlling

Über den Autor:

Dr. Christof Schulte ist Mitglied des Vorstandes (Chief Financial Officer) eines Unternehmens der Energiebranche.