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8.1 Einflussfaktoren auf die Distributionslogistik in:

Christof Schulte

Logistik, page 467 - 470

Wege zur Optimierung der Supply Chain

6. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3995-3, ISBN online: 978-3-8006-3996-0, https://doi.org/10.15358/9783800639960_493

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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8.1 Einflussfaktoren auf die Distributionslogistik 467 Druckerei C.H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 23.11.2012 Revision 8 Distributionslogistik Die Distributionslogistik stellt das Bindeglied zwischen der Produktion und der Absatzseite des Unternehmens dar. Sie umfasst alle Lager- und Transportvorgänge von Waren zum Abnehmer sowie die damit verbundenen Informations-, Steuerungs- und Kontrolltätigkeiten (vgl. Pfohl 1972, S. 26). Ziel ist es, die richtige Ware zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort in der richtigen Menge und Qualität bereitzustellen und dabei einen optimalen Zustand zwischen einem bestimmten Lieferservice, den das Unternehmen erbringen will oder der vom Kunden gefordert wird, und den anfallenden Kosten zu finden. Es geht also darum, die gewählten Absatzwege optimal zu bedienen (vgl. Traumann 1976, S. 32). Zunehmend setzen Unternehmen die Warenverteilung neben anderen absatzpolitischen Instrumenten als Wettbewerbsinstrument ein (vgl. Klee 1971, S. 15), um gegenüber der Konkurrenz Vorteile durch einen verbesserten Lieferservice zu erlangen. Hierzu ist es notwendig, den Anforderungen der Abnehmer Rechnung zu tragen, die vielfach in der Übernahme zusätzlicher Leistungen wie Lagerhaltung oder Vorsortimentierung liegen (vgl. Poth 1973, S. 22). Die Kunden suchen verstärkt, ihre eigenen Bestände zu senken, indem sie möglichst bedarfssynchron in kürzeren Abständen kleinere Mengen bestellen; dies zwingt das liefernde Unternehmen, Lieferstrategien zu entwickeln, die eine hohe Lieferbereitschaft gewährleisten, ohne zu einer Kostenexplosion zu führen. Die wichtigsten Problemstellungen der Distributionslogistik betreffen – die Standortwahl der Distributionsläger, – die Lagerhaltung, – Auftragsabwicklung, – Kommissionierung und Verpackung, – Warenausgang und Ladungssicherung sowie – Transport. Während die Kommissionierung und der Transport bereits in den vorangegangenen Kapiteln behandelt wurden, soll im Folgenden auf die verbleibenden Themen eingegangen werden. Aspekte der Lagerhaltung werden speziell unter distributionslogistischen Gesichtspunkten betrachtet. 8.1 Einflussfaktoren auf die Distributionslogistik Die Einflüsse auf die Distributionslogistik sind geprägt durch die Markt- und Kundenanforderungen einerseits sowie die Rahmenbedingungen und Möglichkeiten zur Leistungserbringung andererseits (vgl. Abb. 8–1). Seitens der Kunden steigen die Anforderungen an die Lieferleistung und damit an die Ausstattung und Qualität des Distributionssystems. So eröffnet die zunehmende Verbreitung rechnergestützter Warenwirtschaftssysteme im Handel diesem die Möglichkeit, ganz gezieltes Bestandsmanagement zu betreiben. Auch bei vielen industriellen Abnehmern hat das Ziel, Bestände abzubauen, zur verstärkten Forderung nach Just-in-Time (JIT-)Lieferungen geführt, d. h. bedarfssynchronen Anlieferungen und zwar tages- bis stundengenau. Die hieraus resultierende höhere Lieferfrequenz und Intensivierung des Informations- 468 8 Distributionslogistik Druckerei C.H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 23.11.2012 flusses erfordert regelmäßig eine Überprüfung der Distributionsstruktur, da ansonsten die Anforderungen nicht oder nur bei steigenden Logistikkosten erfüllt werden können. Dar- über hinaus sinkt tendenziell die Bereitschaft der Abnehmer, Teillieferungen oder Lieferverzögerungen hinzunehmen. Komplettlieferungen sind deshalb seitens der Hersteller durch ein die Termintreue sicherstellendes Planungs- und Steuerungssystem für dessen Beschaffungs- und Produktionslogistik zu gewährleisten. Die Konsequenzen von Fehlmengen verdeutlicht Abb. 8–2. Selbstverständlicher Bestandteil der Logistikleistung ist in diesem Zusammenhang natürlich die jederzeitige Auskunftsbereitschaft über den Auftragsstatus, die auch den Spediteur einzubeziehen hat. Steigende Anforderungen an die Lieferleistung Just-in-Time-Anlieferungen (tages- bis stundengenau) Komplettlieferungen Jederzeitige Auskunftsbereitschaft über Auftragsstatus Übernahme zusätzlicher Serviceleistungen EU -Binnenmarkt Europaweite Konzentration von Kunden Umstrukturierung von Produktion und Distribution Neue Wettbewerber Öffnung osteuropäischer Märkte Notwendigkeit zur Ausdehnung des Distributionsnetzes Markt- und Kundenanforderungen Ökologische Anforderungen Reduzierung des Verpackungsmitteleinsatzes Verringerung von Straßentransport und Leerfahrten Aufbau von Entsorgungssystemen Computer-gestützte Technologien Internet Standardisierung von Daten Clearing-Stellen Zunehmendes europaweites Angebot von Logistik- Dienstleistern Wegfall des Kabotageverbotes Stärker leistungsbezogene Tarife Vereinfachung der Grenzformalitäten Defizite in der Verkehrsinfrastruktur Staus Knappes Angebot an Bahnkapazität Einflussfaktoren auf die Distributionslogistik Rahmenbedingungen und Möglichkeiten zur Leistungserbringung Arbeitsmarktentwicklung Engpässe bei qualifizierten Logistik-Mitarbeitern Reduzierung der Arbeitszeiten Steigende Personalkosten Abb. 8–1: Einflussfaktoren auf die Distributionslogistik Die verstärkte Messung und Kontrolle der direkten Produktrentabilität im Handel zwingt die Hersteller zur Entwicklung und Umsetzung hochrentabler Vermarktungskonzepte, zum Beispiel über die Verpackungsgestaltung, kostenoptimale Warenträger und Versandeinheiten. Zur eigenen Entlastung verlagern viele Kunden bestimmte Leistungen auf ihre Lieferanten, beispielsweise die Preisauszeichnung der Produkte. Auch dies verlangt eine entsprechende organisatorische Gestaltung, um möglichst niedrige Logistikkosten sicher- 8.1 Einflussfaktoren auf die Distributionslogistik 469 Druckerei C.H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 23.11.2012 zustellen. Erschwerend für die Gestaltung des distributionslogistischen Systems kommt schließlich hinzu, dass die einzelnen Kunden vielfach sehr heterogene Anforderungen aufweisen. So gibt es Handelsunternehmen, die die Feinverteilung der Waren in die einzelnen Filialen selbst vornehmen (über sog. Güterverteilzentren), während andere die Direktbelieferung der Filialen durch den Hersteller verlangen. Unterschiede existieren auch bei den Lieferzeitanforderungen, wobei beispielsweise ein 24-Stunden-Lieferservice durch eine geeignete Lagerstandort- und Verkehrsträgerfestlegung zu unterstützen ist. Kunde bestellt das Produkt A das nächste Mal wieder Kunde zieht Auftrag für Produkt A zurück; Verlust des Auftrags für Produkt A Kunde verlangt Einhaltung des Liefertermins Kunde bestellt das Produkt A nicht mehr; Verlust des Kunden für Produkt A Fehlmenge bei Produkt A Kunde kann aufgrund von Sondermaßnahmen beliefert werden Kunde bestellt die anderen Produkte des Lieferanten wieder Kunde bestellt kein Produkt mehr; vollständiger Verlust des Kunden Sondermaßnahme beim Lieferant notwendig, damit Lieferverzögerung nicht zu lang wird Kunde akzeptiert Lieferverzögerung Lager kann im normalen Bestellverfahren aufgefüllt und Kunde anschließend beliefert werden Abb. 8–2: Folgen des Auftretens von Fehlmengen Die Integration des Europäischen Binnenmarktes macht in einer Reihe von Unternehmen die Überarbeitung der Produkt-Markt-Strategien erforderlich, die in eine Ausdehnung der regionalen Absatzmärkte, in die Etablierung neuer Standorte für Vertriebs- oder Produktionsgesellschaften etc. münden können. Durch die europaweite Konzentration des Handels und die zunehmende Auslandsmarktbearbeitung durch ehemals rein nationale Kunden wird für viele Hersteller die europaweite Distribution zur Überlebensfrage. Nicht zuletzt erzwingen neue Wettbewerber oder aber die eigenen Abnehmer eine Europastrategie. Auch die Öffnung osteuropäischer Märkte und deren verstärkte Belieferung erfordert die Notwendigkeit zur Ausdehnung des Distributionsnetzes. Die deutlich gestiegene Umweltbelastung und Umweltsensibilität der Bevölkerung werden künftig zu weiteren Änderungen des Rechtsrahmens führen, die die Gestaltung 470 8 Distributionslogistik Druckerei C.H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 23.11.2012 logistischer Systeme wesentlich beeinflussen werden. Als für die Distributionslogistik wesentliche Forderungen sind zu nennen: – Verringerung des Einsatzes von Verpackungsmitteln und völlige Vermeidung umweltschädlicher Verpackungsmaterialien – Reduzierung des Transportaufkommens durch weniger Leerfahrten und Verringerung des Transports auf der Straße – Aufbau von Entsorgungssystemen der Industrie bzw. des Handels zur Rücknahme von Paletten und Verpackungsmaterial. Dies erfordert eine Erweiterung bestehender logistischer Distributionssysteme um Systeme der Entsorgungslogistik. Neben einer (unter Umständen kostenintensiven) Anpassung an ökologische Anforderungen auf Grund gesetzlicher Auflagen bietet eine ökologieorientierte Gestaltung der Distribution darüber hinaus Möglichkeiten zur Differenzierung im Wettbewerb und damit der Erschließung von Erfolgspotenzialen. Dies macht sich beispielsweise ein Hersteller von technischen Gebrauchsgütern zunutze, der in seiner Werbung herausstellt, dass er seine Produkte primär per Bahn transportiert. Auf die Rahmenbedingungen und Möglichkeiten der Leistungserbringung wurde bereits in den vorangegangenen Kapiteln ausführlich eingegangen. 8.2 Standortdeterminierung Ein wichtiger Fragenkomplex innerhalb der Distribution eines Unternehmens umfasst die Standortbestimmung der Fertigwarenläger. Je nach Branche und der sie charakterisierenden Produkt- und Marktmerkmale ergeben sich unterschiedliche Anforderungen an die Distributionsstruktur. Die Distributionsstruktur eines Warenverteilungssystems lässt sich im Wesentlichen durch folgende Elemente beschreiben (vgl. Blank 1980, S. 31): – Zahl der Läger – Zahl der unterschiedlichen Lagerstufen, – Standorte der Läger sowie – räumliche Zuordnung der Läger zu Absatzgebieten. Zwischen diesen Merkmalen bestehen enge Verbindungen, weshalb eine jeweils vollständig isolierte Betrachtung nicht möglich ist (vgl. Abb. 8–3). Anzahlproblem: In welcher Anzahl sind Lager oder Umschlagszentren sinnvoll? Stufenproblem: In welcher Stufung ist das Logistiksystem sinnvoll? Standortproblem: An welchen Standorten sind Lager o. ä. sinnvoll? Zuordnungsproblem: Welche Kunden, Aufträge, Produkte, Kapazitäten sind den Standorten zuzuweisen? Abb. 8–3: Planung der Distributionsstruktur (Pawellek 1996, S. 6)

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Zusammenfassung

Der 360°-Blickwinkel auf die Logistik

Dieses Buch präsentiert Ihnen in einer umfassenden und systematischen Darstellung den aktuellen Stand der Logistik. Dabei werden Ihnen neben den klassischen Logistikkonzepten insbesondere neue Entwicklungen, die großen Einfluss auf das Supply Chain Management haben, erläutert. Aus diesem Grund findet das Buch nicht nur an vielen Hochschulen sondern auch in der Praxis regen Einsatz.

Aus dem Inhalt:

- Logistikstrategie und nachhaltige Logistik

- Erfolgsfaktoren der Logistik

- Beschaffungs- und Produktionslogistik

- Distributions- und Entsorgungslogistik

- Supply Chain Management

- Informations- und Kommunikationssysteme in der Logistik

- Transport- und Umschlagsysteme

- Lager- und Kommissioniersysteme

- Aufbauorganisation und personelle Aspekte der Logistik

- Logistik-Controlling

Über den Autor:

Dr. Christof Schulte ist Mitglied des Vorstandes (Chief Financial Officer) eines Unternehmens der Energiebranche.