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3.9 Anwendungssysteme in:

Christof Schulte

Logistik, page 130 - 140

Wege zur Optimierung der Supply Chain

6. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3995-3, ISBN online: 978-3-8006-3996-0, https://doi.org/10.15358/9783800639960_158

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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130 3 Informations- und Kommunikationssysteme in der Logistik Druckerei C. H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 22.11.2012 Zu den strategischen Entscheidungskriterien gehören – die wirtschaftliche Potenz des Netzanbieters, – die Flexibilität des Netzanbieters im Hinblick auf künftige Veränderungen bei den spezifischen Anforderungen, – der Umfang und die Qualität des Service, – die voraussichtliche technologische Entwicklung in der Netztechnologie, – der bereits im Unternehmen vorhandene oder anzustrebende Netzstandard, d. h. die Beschränkung auf möglichst wenige Netztechniken. 3.9 Anwendungssysteme Die für die Logistik relevanten Anwendungssysteme umfassen – Abwicklungssysteme, – Büroinformationssysteme sowie – Planungs- und Entscheidungsunterstützungssysteme. 3.9.1 Abwicklungssysteme 3.9.1.1 Funktionale Abwicklungssysteme Bei funktionalen Abwicklungssystemen handelt es sich um vorstrukturierte EDV-Programme, die der Unterstützung operativer, d. h. administrativer und dispositiver Aufgaben dienen, die aus der Strukturierung nach Funktionen (z. B. Vertrieb, Beschaffung, Fertigung, Rechnungswesen) resultieren. Bei diesen Aufgaben handelt es sich primär um Routineaufgaben, d. h. weitgehend gleichartige, sich häufig wiederholende Geschäftsvorfälle (z. B. Disponieren von Beschaffungsmengen, Zusammenstellen von Versandaufträgen). Zur Darstellung des fachlichen Leistungsprofils derartiger Abwicklungssysteme werden meist Funktionsstrukturen herangezogen. 3.9.1.2 Prozessorientierte Abwicklungssysteme Die in Form von Prozessen auf Basis einer prozessorientierten Unternehmensorganisation durchzuführenden Aufgaben können durch prozessorientierte Abwicklungssysteme unterstützt werden. Eine allgemeingültige „Normierung“ des fachlichen Leistungsprofils prozessorientierter Abwicklungssysteme ist auf Grund der unternehmensspezifischen Ausprägung der Gestaltungsobjekte nicht möglich. Prozessorientierte Abwicklungssysteme müssen deshalb folgende Anforderungen erfüllen (vgl. Kargl 1998, S. 65): – unternehmensindividuelle und problemspezifische Definition der Prozesse entsprechend ihrer Bearbeitungsreihenfolge; – Verfügbarkeit modular konzipierter Software, die die Anforderungen an Integration innerhalb der Prozesse und prozessübergreifend erfüllen kann. Während die Informationssysteme die zur Bearbeitung der Prozesse benötigten Informationen vorhalten, werden durch die Anwendungsmodule unmittelbar die Prozesse bzw. die einzelnen Prozessschritte unterstützt. Aus der festgelegten Abfolge von Prozessschritten lassen sich zum einen die Zuordnung der Module zu den Prozessen und zum anderen die Nutzung der einzelnen Funktionen der Module ableiten. 3.9 Anwendungssysteme 131 Druckerei C. H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 22.11.2012 3.9.1.3 Vorgangssteuerungssysteme Vorgangssteuerungssysteme (synonym: Workflow-Management-Systeme) unterstützen – ebenso wie prozessorientierte Abwicklungssysteme – Prozesse. Im Rahmen von Vorgangssteuerungssystemen werden die von verschiedenen Stellen durchzuführenden Teilaktivitäten als durchgängiger Vorgang bzw. Geschäftsprozess definiert. Bezugsobjekt bei Vorgangssteuerungssystemen ist jedoch der Vorgang, der aus einer Folge von Bearbeitungsschritten besteht. Letztere werden durch ein Ereignis ausgelöst, in der Regel in verschiedenen Abteilungen durchgeführt und stehen in einem fachlichen und zeitlichen Zusammenhang. Für die einzelnen Bearbeitungsschritte lassen sich Bearbeitungsvorschriften definieren. Abfolge und Art der Bearbeitungsschritte sind im Voraus definierbar, aber flexibel gestaltbar. An ihrer Abarbeitung sind mehrere Mitarbeiter beteiligt. Unter Workflow-Management-Systemen versteht man Software-Systeme, die die Modellierung, Analyse, Simulation und Steuerung beliebiger Geschäftsprozesse unterstützen und die Einbindung anderer computergestützter Hilfsmittel ermöglichen, die zur Vorgangsbearbeitung benötigt werden. Derartige Hilfsmittel umfassen beispielsweise die bei den Vorgangsschritten eingesetzte Anwendungssoftware oder Dokumentenmanagementsysteme für die Bereitstellung erforderlicher Dokumente. Workflow-Managementsysteme sind im Unterschied zur klassischen Bürokommunikation aktiv. Sie steuern und überwachen den Ablauf von Vorgängen. Auf der Basis vorgegebener Bedingungen entscheidet die Workflow-Managementsoftware selbstständig über den Weg eines Vorgangs, der termingerecht an die zuständigen Stellen weitergeleitet wird. Verzögerungen in der Vorgangskette werden durch automatische Erinnerungen, Wiedervorlagen und Weiterleitungen vermieden. Die Zwischenprodukte vorhergehender Stellen erhält jede nachfolgende Bearbeitungsstation ohne Medienbruch sowie ohne Transportund Liegezeiten. Dies ermöglicht eine integrierte Bearbeitung von Geschäftsprozessen und eine starke Reduzierung der Durchlaufzeit. Durch die Zusammenfassung von einzelnen Vorgangsschritten eines Geschäftsprozesses zu ganzheitlichen Aufgabenkomplexen lässt sich die vorhandene Arbeitsteilung verringern. Typische Vorgänge, die sich in der Logistik zur Bearbeitung durch Vorgangssteuerungssysteme eignen, sind bspw. – Beschaffungsanforderungen, – Bearbeitung von lagerbezogenen Kundenaufträgen, – Bearbeitung von Investitionsanträgen für logistische Betriebsmittel. Workflow-Managementsysteme bestehen aus folgenden Subsystemen (vgl. Kargl 1998, S. 77): – Modellierungssystem, das dem Entwurf, der Beschreibung und der modellhaften Abbildung von Vorgängen (Prozess- und Funktionssicht einer Vorgangsbearbeitung) sowie der Zuordnung der Bearbeitungsschritte zu den Aufgabenträgern bzw. ihren Stellvertretern dient (Organisations- und Stellvertretersicht der Vorgangsbearbeitung). – Steuerungssystem, das die Laufwegsteuerung (Routing) regelt und die Verwaltung des Arbeitsvorrats an den einzelnen Arbeitsplätzen übernimmt. – Bearbeitungssystem zur eigentlichen Vorgangsbearbeitung; hierzu gehören die Vorgangseröffnung, die Ausführung der einzelnen Bearbeitungsschritte, die Hinzufügung von Referenzunterlagen, das Anbringen von Bearbeitungsvermerken, die Wiedervorlage etc. 132 3 Informations- und Kommunikationssysteme in der Logistik Druckerei C. H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 22.11.2012 – Überwachungssystem zur Verfolgung des Bearbeitungsstandes von Vorgängen sowie zur Auswertung der im Zusammenhang mit der Vorgangsbearbeitung anfallenden Daten (Vorgangsmonitoring). – Schnittstellensystem, das den Zugang zu den Komponenten der IT-Infrastruktur regelt, die vom Vorgangssteuerungssystem benötigt werden. Workflows werden üblicherweise mit einer „Engine“ implementiert, einem Steuerprogramm, das die einzelnen Workflow-Vorgänge in einer Datenbank verwaltet, die Anwender informiert und Schnittstellen bedient. Die Engine verfügt über eine Basis von Regeln, nach denen sie entscheidet, wie Workflow-Elemente weitergeleitet werden. Die Abläufe innerhalb der Workflows werden deklarativ festgelegt. Dazu verfügen viele Systeme über entsprechende Editorprogramme, die zum größten Teil auch eine grafische Darstellung erlauben. Dabei ist es in der Praxis die Ausnahme, dass ein Workflow als einfache lineare Abfolge von Prozess-Schritten definiert ist. Interessant werden Workflows, die bedingte Verzweigungen, Ressourcen-Pools, Schleifen und externe Schnittstellen aufweisen. Workflows lassen sich mit Hilfe der Grafentheorie oder als sogenannte Petri-Netze aufbauen und modellieren. Dies kann notwendig sein, um z. B. die Vollständigkeit und die Konsistenz eines Workflows automatisch analysieren zu lassen. Im Umfeld des E-Business sollten Workflows mit einer Browser-Oberfläche bedient werden können. Es sollte ein „Single Sign-On“ ausreichen, um alle Funktionen im Workflow nutzen zu können. Workflows können auch eine Art einheitlicher Benutzeroberfläche darstellen, aus der heraus Anwender Teil-Applikationen aufrufen, mit denen sie ihre Aufgaben abarbeiten. Diese Teil-Applikationen sind oft Bürokommunikationsprogramme, es kann sich aber auch um Prozess-Schritte in ERP-Systemen (vgl. Abschnitt 3.11.3) handeln. Auf jeden Fall sollten Workflows ohne größere Medienbrüche auskommen. Außerdem sollten Anwender aktiv informiert werden („Push“-Ansatz) statt sie zu regelmäßigem Nachfragen („Pull“) anzuhalten. Je nachdem, ob Anwender häufig oder eher selten mit dem Workflow arbeiten, sollte durch Parametrierung personalisiert werden können, ob der Anwender per Push oder per Pull am Workflow teilnimmt. Es sollte revisionssicher nachvollziehbar sein, wie ein Workflow abgelaufen ist, und wer was entschieden hat. Dementsprechend müssen sich bei kritischen Workflows die Anwender hinreichend authentifizieren. Die Belange des Datenschutzes müssen gewahrt bleiben. Dies gilt vor allem für vertrauliche Abläufe. Man kann Workflows nur dann sinnvoll einsetzen, wenn die zu automatisierenden Geschäftsprozesse klar geregelt sind. Für Arbeitsformen ohne klares Prozessmodell eignen sich Systeme aus dem Bereich E-Collaboration, die eher auf ad-hoc Kommunikation ausgerichtet sind. Für die Einrichtung eines Workflow-Systems müssen die folgenden Vorarbeiten geleistet werden (vgl. Abb. 3–45): – Definition bestimmter Vorgangstypen (z. B. Eröffnen einer Bedarfsanforderung). Jeder Vorgang wird mit Hilfe von Vorgangstyp, Vorgangsschritt und Aktivitäten beschrieben. Eine Aktivität ist die kleinste Einheit eines Vorganges. Eine formale Beschreibung des Vorganges mit Terminvorgaben wird angelegt. – Definition und Beschreibung der Stellenstruktur mit Rechten und Kompetenzen der einzelnen Stellen und Festlegung der Vertreterregelungen. 3.9 Anwendungssysteme 133 Druckerei C. H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 22.11.2012 Stellenstruktur • Kompetenzregelung • Vertretungsregelung • Aufgabendefinition Vorgangsstruktur • Vorgangsbeschreibung • Arbeitsanweisungen Informationsstruktur • Dokumentenart • Benutzungsgrad • Datenbanken • Archive / Registraturen • Zugriffsberechtigung A C EDB Abb. 3–45: Definition einer Workflow-Anwendung (Fraunhofer IAO 1996) – Beschreibung der Objekte und Betriebsmittel (Datenbanken, Drucker etc.) mit Attributen, Anwendungen, Methoden. – Beschreibung der Informationen und Dokumente mit ihrem Fluss sowie der logischen Ablagestruktur. Attribute wir Originator, Erstellungsdatum, Wiedervorlage, Speicherart, beteiligte Sachbearbeiter und Methoden werden den Informationen hinzugefügt. – Zuordnung von Aktivitäten zu Stellen, Ressourcen, Objekten und Informationen. 3.9.1.4 Integrierte versus nicht-integrierte Abwicklungssoftware Prägendes Merkmal nicht-integrierter Abwicklungssoftware ist die Beschränkung auf die Unterstützung einzelner Aufgaben oder Anwendungsfelder. Ursächlich hierfür sind die traditionellen Organisationsparadigmen der funktionalen Arbeitsteilung und mehrstufiger, hierarchisch gegliederter Führungsstrukturen. Falls sich die Konzipierung von Informations- und Kommunikationssystemen an derartigen Organisationsstrukturen orientiert, resultieren hieraus Anwendungsinseln (vgl. Abb. 3–46). Bei der informationstechnischen Unterstützung von Aufgaben wird der sachliche Gesamtzusammenhang gar nicht oder unzureichend berücksichtigt. Ein Beispiel aus der Logistik möge dies verdeutlichen: Die Aufgabenbereiche Auftragsbearbeitung, Bedarfsermittlung, Lieferantenabruf, Terminplanung, Produktionssteuerung und Auslieferung sind einerseits das Ergebnis der funktionalen Arbeitsteilung, stehen aber in einem sachlichen Gesamtzusammenhang, da sie über das Ereignis „Kundenauftrag“ infolge der dadurch ausgelösten Bearbeitungsschritte zwingend miteinander verknüpft sind. Bei lediglich partieller, inselhafter IT-Unterstützung dieser Aufgabenkette treten folgende Probleme bzw. Nachteile auf: Medienbrüche im Bearbeitungsprozess (Papier-Anwendungssoftware-Papier-Anwendungssoftware . . .), die eine wiederholte fehleranfällige Datenerfassung erfordern und zu höheren Durchlaufzeiten führen; redundante Datenhaltung; ungleicher Informationsstand der Sachbearbeiter; inflexible Bearbeitung. Schulte_025.eps 134 3 Informations- und Kommunikationssysteme in der Logistik Druckerei C. H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 22.11.2012 Abb. 3–46: Entstehen von IT-Anwendungsinseln (Kargl 1998) Die Anwendungssystemlandschaft vieler Unternehmen stellt sich oftmals sehr heterogen dar. Wesentliche Ursachen hierfür sind, dass im Zuge der Geschäftsentwicklung notwendig werdende neue Funktionalitäten mit Hilfe zusätzlicher Systeme realisiert werden. Darüber hinaus umfassen sog. integrierte Systeme nicht immer die für alle Unternehmensprozesse erforderliche durchgängige Unterstützung. Vor allem Großunternehmen mit zahlreichen Tochtergesellschaften oder Niederlassungen weisen in der Regel eine Vielzahl unterschiedlicher Anwendungssysteme auf. Abb. 3–47: Peer-to-Peer-Integration versus EAI-Plattformen (Paffrath u. a. 2010, S. 37) Um die Anwendungssysteme miteinander zu verbinden, die gemeinsam einen Geschäftsprozess unterstützen, stehen folgende Lösungsansätze zur Verfügung (vgl. Paffrath u. a. 2010, S. 37): – die Peer-to-Peer-Integration, bei der die Systeme, die im Laufe eines Geschäftsprozesses zum Einsatz gelangen, direkt miteinander verbunden werden. Dieser Ansatz 03-33.tif 3.9 Anwendungssysteme 135 Druckerei C. H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 22.11.2012 geht mit hohen Schnittstellenaufwänden (in der Entwicklungs-, Administrations- und Wartungsphase), geringer Flexibilität und wenig Transparenz einher (vgl. Allweyer 2005, S. 338 f.). Änderungen der Geschäftsprozesse führen in der Regel zur Anpassung oder Neuentwicklung zahlreicher Schnittstellen zwischen den Systemen. – EAI (Enterprise Application Integration)-Plattformen, bei denen an Stelle direkter Schnittstellen der Anwendungssysteme untereinander ausschließlich eine Verknüpfung der jeweiligen Systeme mit der EAI-Plattform tritt. Dies führt zu einer deutlich geringeren Zahl an Schnittstellen (vgl. Abb. 3–47). In modernen EAI-Plattformen stehen für gängige Anwendungssysteme Adapter zur Verfügung, eine Programmierung der Schnittstellen ist lediglich für proprietäre Systeme erforderlich. Integrationslösungen auf Basis von EAI-Plattformen sind flexibel und lassen sich leichter und schneller erweitern als Peer-to-Peer-Lösungen. So können auch unterschiedliche Anwendungssysteme verschiedener Hersteller miteinander verbunden werden. 3.9.1.5 Individual- versus Standardsoftware Die in Unternehmen eingesetzte Anwendungssoftware lässt sich von der Entstehungsseite her unterscheiden in Individual- und Standardsoftware (vgl. Abb. 3–48). Individualsoftware ist auf eine singuläre Nutzung ausgerichtet und wird im Hinblick auf einen einzelnen Anwendungsfall entwickelt. Demgegenüber kann Standardsoftware „von der Stange“ gekauft werden und ist für eine breite Nutzung bestimmt. Mit Hilfe spezieller Einstellungen (durch sog. Customizing) wird die Standardsoftware an die jeweiligen Unternehmensspezifika angepasst (vgl. Krupp/Wolf 2010, S. 19). Software Basis- Software Anwendungs- Software Individual- Software Standard- Software Eigenentwicklung Vergabe an Dritte „Vertikalvermutung“ Vertikale Standard- Software Horizontale Standard- Software Unternehmens- bzw. Branchenlösung Abb. 3–48: Typisierung von Software (Krupp/Wolf 2010, S. 19) Das derzeit verfügbare Angebot an Standard-Anwendungssoftware ermöglicht es, nahezu sämtliche Aufgabenbereiche der Logistik-Teilsysteme, d. h. der Beschaffungs-, der Produktions-, der Distributions- und der Entsorgungslogistik abzudecken. Die fachinhalt- 136 3 Informations- und Kommunikationssysteme in der Logistik Druckerei C. H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 22.11.2012 lichen Anforderungen an die Abwicklungssysteme ergeben sich im Einzelnen aus den Ausführungen der folgenden Kapitel bzw. deren unternehmensspezifischer Ausprägung. Standard-Software weist gegenüber Individual-Software in der Regel folgende Vorteile auf: niedrigere Investitionen, schnellere Verfügbarkeit, geringere Know-how-Anforderungen an das eigene Personal und ausgereiftere Softwarequalität wegen der breiteren Installationsbasis. Demgegenüber sind als Nachteile von Standard-Software gegenüber Individual-Software zu nennen: Notwendigkeit organisatorischer Anpassungen, Notwendigkeit von individuellen Anpassungen, Abhängigkeit vom Software-Lieferanten, keine bzw. niedrige individuelle Gestaltungsspielräume zum Aufbau von Wettbewerbsvorteilen. Horizontale Softwarelösungen können branchenübergreifend eingesetzt werden. Typisch hierfür sind die im nächsten Abschnitt dargestellten Büroinformationssysteme. Demgegen- über weisen vertikale Lösungen einen klaren Branchenbezug auf (vgl. Abb. 3–48). So hat ein Unternehmen aus der Automobilzulieferindustrie andere Anforderungsschwerpunkte als ein Maschinenbauunternehmen (z.B. elektronischer Nachrichtenaustausch für kurzfristige Abrufe versus Projektabwicklung im Rahmen der Produktionslogistik). Ein Kontraktlogistikunternehmen benötigt wiederum andere Funktionalitäten als ein reiner Frachtführer. 3.9.2 Basissysteme 3.9.2.1 Büroinformationssysteme Büroinformationssysteme (synonym: Office-Systeme) dienen der Unterstützung dokumentbezogener Tätigkeiten und der Kommunikation im Unternehmen. Hierbei kann es darum gehen, Dokumente (z.B. Notizen, Formulare, Briefe, Berichte, Akten etc.) zu erzeugen, zu gestalten, entgegenzunehmen, zu bearbeiten, weiterzuleiten, abzulegen, wiederaufzufinden, zu versenden, zu registrieren oder zu vernichten. Büroinformationssysteme verfügen in der Regel über folgende Funktionen zur Durchführung dokumentbezogener Aktivitäten: – Textverarbeitung, – Tabellenkalkulation, – Grafik, – Desktop-Publishing, – lokale Datenhaltung, – Schriftgut-Archivierung. Um die Kommunikation im Unternehmen zu unterstützen kann auf folgende Funktionen von Büroinformationssystemen zurückgegriffen werden: – Komforttelefon, – PC-Fax, – elektronische Post, – Zugriff zu Online-Diensten, – Internet-Zugang, – Computer-Conferencing, – Bildübertragung. Typische Benutzeroberfläche für Büroinformationssysteme stellt der PC als „elektronischer Schreibtisch“ dar, der diese Funktionen unter einer einheitlichen graphischen Soft- 3.9 Anwendungssysteme 137 Druckerei C. H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 22.11.2012 ware vereint, und der über ein LAN in die IT-Infrastruktur des Unternehmens eingebunden ist. 3.9.2.2 Projekt-Managementsysteme Projekt-Managementsysteme können für die Bearbeitung von Logistikprojekten herangezogen werden. Dies bietet sich vor allem dann an, wenn es sich um komplexe Einzelprojekte handelt oder gleichzeitig mehrere, sich gegenseitig beeinflussende Projekte durchgeführt werden. Hierbei sollten die Projekte nach einem Konzept der Netzplantechnik strukturiert werden können. Das Funktionsspektrum von Projekt-Managementsystemen umfasst üblicherweise (vgl. Kargl 1998, S. 99): – Strukturierung von Projekten, – Erstellung und Verwaltung von Projektnetzplänen, – Darstellung von Projekten in Form von Netzplänen und Balkendiagrammen, – Mehrprojektplanung, – Termin- und Kostenplanung, – Zeiterfassung und -auswertung, – Kostenerfassung und -auswertung, – Ressourcenzuordnung, – Hochrechnung von Terminen, Kapazitäten und Kosten. 3.9.2.3 Dokumenten-Management-Systeme Dokumenten-Management-Systeme (DMS) gehen über Bürokommunikation hinaus. Sie unterstützen besonders die zwischen Personengruppen verteilte Handhabung von Unterlagen und deren Archivierung. Teil der Archivierung ist oft auch die Belegerfassung per Scanner. Scanner Drucker Langzeitarchiv graphikfähiges Terminal Datenbank Dokumenten- Verwaltungssoftware Archiv-Server Netzsoftware Abb. 3–49: Aufbau eines Dokumenten-Management-Systems (Fraunhofer IAO 1996) Schulte_026.eps 138 3 Informations- und Kommunikationssysteme in der Logistik Druckerei C. H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 22.11.2012 Der Zugriff auf DMS sollte sowohl im Intranet als auch im Internet möglich sein, um Projektteams, die aus internen und externen Mitarbeitern zusammengesetzt sind, zu unterstützen. Typische Aufgabenbereiche von Dokumenten-Management-Systemen umfassen: – Einlesen (Scannen von Belegen), – elektronische Archivierung, – elektronische Bearbeitung und Weiterleitung, – Output Management (Drucken). Schnittstellen bestehen insbesondere zu: – Bürokommunikationssystemen, – Groupware-Systemen, – Workflow-Management-Systemen. Den Aufbau eines Dokumenten-Management-Systems zeigt Abb. 3–49. 3.9.3 Planungs- und entscheidungsunterstützende Systeme 3.9.3.1 Simulationssysteme Simulationen und die dazugehörende Software stellen dann geeignete Planungshilfsmittel dar, wenn – keine mathematisch lösbaren Gesetzmäßigkeiten vorliegen, – der Systeminput und/oder -output nur stochastisch beschrieben werden kann, – das zu untersuchende System sich dynamisch verhält. Im Rahmen von Simulationen werden existierende oder geplante dynamische Prozesse mit Hilfe eines EDV-Systems nachgebildet, um Erkenntnisse zu gewinnen, die auf die Realität übertragbar sind. Hierzu wird das Simulationsmodell (z. B. die Fördertechnik eines Hochregallagers) mit erwarteten oder tatsächlichen Systembelastungen (z. B. Einund Auslagerungsaufträgen) beansprucht und die Systemzustände (z. B. Auslastung der Fördertechnik, Wartezeit von Aufträgen) werden beobachtet. Aus der Analyse der beobachteten Systemzustände, der gegebenenfalls erforderlichen Variation des Simulationsmodells (z. B. Erhöhung der Anzahl der Förderfahrzeuge oder Erhöhung der Fördergeschwindigkeit) und der erneuten Simulation können optimale Lösungen ermittelt werden. Grundsätzlich lassen sich vier Simulationsfragestellungen unterscheiden (vgl. Jünemann 1989, S. 593): – Simulation der technischen Funktionalität und der Systemorganisation (System und Systemlast sind vorgegeben), – Bestimmung der Leistungsgrenzen eines Systems (System ist vorgegeben, Systemlast ist nicht vorgegeben), – Ermittlung technischer und organisatorischer Systemvarianten (System ist nicht vorgegeben, Systemlast ist vorgegeben), – allgemeingültige Aussagen über Systemstrukturen (System und Systemlast sind nicht vorgegeben). In der Logistik liegt das Haupteinsatzfeld der Simulation in der innerbetrieblichen Struktur- und Prozessplanung. Insbesondere wird die Simulation herangezogen, um technischorganisatorische Varianten für Förder- und Lagertechniken, ihre Kapazitäten sowie Layout und Streckenführung zu bewerten. 3.9 Anwendungssysteme 139 Druckerei C. H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 22.11.2012 3.9.3.2 Expertensysteme Expertensysteme sind intelligente Computerprogramme, die das Wissen von Fachleuten und Inferenzverfahren benutzen, um komplexe Probleme zu lösen. Den Schwerpunkt der logistischen Expertensysteme bilden Anwendungen in der Produktionslogistik, wobei Systeme zur Unterstützung der Produktionsplanung und -steuerung besonders stark vertreten sind (vgl. Mertens 1999, S. 128). Ein weiteres Anwendungsfeld ist die Betriebsmittel- und Fabriklayoutplanung. In der Distributionslogistik werden Expertensysteme eingesetzt für die Transportdurchführungsplanung sowie die Transportsteuerung und -kontrolle. Im zahlenmäßig schwächsten Einsatzbereich von logistischen Expertensystemen finden sich solche für die Lieferantenauswahl und -bewertung, die Ermittlung optimaler Sicherheitsbestände und Lagerbestandsprognosen. Expertensysteme setzen sich aus folgenden Teilsystemen zusammen: – Wissensbasis, die Fakten und Regeln enthält. – Problemlösungskomponente, die die Fakten und Regeln verknüpft sowie die Abarbeitung steuert. – Wissenserwerbskomponente, um neues Wissen einzugeben oder bestehendes Wissen zu verändern. – Dialogkomponente zur strukturierten Kommunikation mit dem Benutzer. – Erklärungskomponente zur Erläuterung und Begründung gewählter Problemlösungen. Insgesamt ist aber zu konstatieren, dass der Einsatz von Expertensystemen für logistische Fragestellungen in Deutschland relativ wenig verbreitet ist. 3.9.3 Führungsinformationssysteme Führungsinformationssysteme dienen zur Unterstützung von Planungs-, Entscheidungsund Kontrollaufgaben. Sie setzen auf den Daten auf, die in der Anwendungssoftware zur Verfügung stehen. Abb. 3–50: Führungsebenen und Strukturen des Berichtswesens (Kargl 1998, S. 89) 03-34.tif 140 3 Informations- und Kommunikationssysteme in der Logistik Druckerei C. H . Beck Schulte, Logistik (Vahlen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Medien mit Zukunft Revision, 22.11.2012 Um dem spezifischen Informationsbedarf der Führungskräfte Rechnung zu tragen, muss ein Führungsinformationssystem sowohl ebenenspezifische Informationsverdichtung als auch Informationsdetaillierungen vornehmen können (vgl. Abb. 3–50). Führungsinformationssysteme unterscheiden sich hinsichtlich der Nutzungsmodalitäten. Benutzerinaktive Führungsinformationssysteme stellen Informationen bereit, die nach Art, Inhalt und Darstellungsform vorbestimmt sind, so dass der Benutzer in der Regel nur die Möglichkeit hat, diese Information am Bildschirm sequentiell „durchzublättern“. Im Gegensatz zu diesen veralteten Führungsinformationssystemen ermöglichen benutzeraktive Systeme – gezielt auf die gewünschten Informationen nach unterschiedlichsten Selektionskriterien zuzugreifen, – Berechnungen durchzuführen (z. B. Parametervariation, Wirkungsanalyse) sowie – Ergebnisse in verschiedenen Formen zu präsentieren. 3 Informations- und Kommunikationssysteme in der Logistik 3.10 IT-Sicherheitsmanagement Größe und Komplexität der IT-Systeme haben in den letzten Jahren ständig zugenommen. Die Menge der bearbeiteten Daten wächst permanent in allen Unternehmen. Durch den Informationsaustausch über das Internet nimmt die Offenheit und damit Verwundbarkeit an den Systemgrenzen zu. Die größten Gefahren für die IT-Sicherheit liegen in Virenangriffen, Datenverlust und -diebstahl, Wirtschaftsspionage, Sabotage und Missbrauch. Beispielsweise können Datenverluste infolge fehlender oder unzureichender Datensicherung, eines unzureichenden Berechtigungskonzeptes, des Defekts eingesetzter Betriebsmittel, fehlender Katastrophenvorsorge (z. B. Brand), fehlender datenschutzgerechter Entsorgung von Datenträgern, Viren, Sabotage etc. auftreten. Folgen von auftretenden Sicherheitsproblemen umfassen: – Vertrauensverlust bei Kunden und Mitarbeitern, – Verschlechterung der Wettbewerbsposition, – Personen- und Sachschäden, – Verstoß gegen Gesetze, Vorschriften und Verträge, – Unternehmensgefährdung im schlimmsten Fall. Vor diesem Hintergrund ist ein bewusster Umgang mit den genannten Risiken erforderlich. Es gilt die relevanten Gesetze, Vorschriften und Verträge einzuhalten. Hierbei ist stets die Angemessenheit bzw. Wirtschaftlichkeit der durchzuführenden Sicherheitsmaßnahmen zu beachten. Vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) wurde ein Vorgehensmodell zum Schutz unternehmenskritischer Infrastrukturen entwickelt, das als Grundlage zur Etablierung eines IT-Sicherheitsmanagements dienen kann. Es umfasst folgendes Phasen- sowie Aktivitätenschema: 1. „Festlegung einer Unternehmensstrategie für den Umgang mit unternehmenskritischen Infrastrukturen 2. Zusammenstellen aller IT-Verfahren und IT-Komponenten unter Berücksichtigung von gegenseitigen Abhängigkeiten

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Zusammenfassung

Der 360°-Blickwinkel auf die Logistik

Dieses Buch präsentiert Ihnen in einer umfassenden und systematischen Darstellung den aktuellen Stand der Logistik. Dabei werden Ihnen neben den klassischen Logistikkonzepten insbesondere neue Entwicklungen, die großen Einfluss auf das Supply Chain Management haben, erläutert. Aus diesem Grund findet das Buch nicht nur an vielen Hochschulen sondern auch in der Praxis regen Einsatz.

Aus dem Inhalt:

- Logistikstrategie und nachhaltige Logistik

- Erfolgsfaktoren der Logistik

- Beschaffungs- und Produktionslogistik

- Distributions- und Entsorgungslogistik

- Supply Chain Management

- Informations- und Kommunikationssysteme in der Logistik

- Transport- und Umschlagsysteme

- Lager- und Kommissioniersysteme

- Aufbauorganisation und personelle Aspekte der Logistik

- Logistik-Controlling

Über den Autor:

Dr. Christof Schulte ist Mitglied des Vorstandes (Chief Financial Officer) eines Unternehmens der Energiebranche.