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Guido Neubeck, Fabian Kinalzik, 4.4 Besonderheiten der Bewertung von Prototypenwerkzeugen in:

Deloitte & Touche GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, Dirk Fischer, Guido Neubeck, Holger Reichmann (Ed.)

Rechnungslegung in der Automobilzulieferindustrie, page 69 - 70

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3947-2, ISBN online: 978-3-8006-3948-9, https://doi.org/10.15358/9783800639489_69

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Vahlen – Deloitte Press – Fischer, Rechnungslegung in der Automobilzulieferindustrie – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 22.05.12 Status: Druckdaten Seite 56 4 Werkzeuge56 4.4 Besonderheiten der Bewertung von Prototypenwerkzeugen Das Prototypenwerkzeug ist ein Versuchs- und Demonstrations objekt, teilweise aber auch ein Hilfsobjekt, welches in der Regel mit einem hohen Entwicklungsaufwand verbunden ist und sowohl ein Eigen- als auch ein Kundenwerkzeug sein kann. Für die Bilanzierung gelten die Ausführungen aus den Abschnitten 4.1 und 4.2 entsprechend. Die nachfolgenden Ausführungen gelten grundsätzlich jedoch auch für Werkzeuge, die einmalig für einen Auftrag hergestellt werden. Häufig hat der OEM kein Interesse am Eigentum des Prototypenwerkzeugs, sondern ausschließlich an dem Serienwerkzeug bzw. der damit verbundenen Entwicklungsleistung (Know-how). Daher konzentrieren sich die folgenden Ausführungen auf Eigenwerkzeuge. Besonderheiten bestehen häufig in der Kostenstruktur der Prototypenwerkzeuge. Oft sind mit der Erstellung des Prototypenwerkzeugs hohe Forschungs- und Entwicklungskosten verbunden. Es stellt sich zunächst die Frage, ob überhaupt und was für ein Vermögensgegenstand vorliegt. Teilweise liegt nur ein Prototypenwerkzeug (Sachanlage, ggf. unfertiges Erzeugnis) vor, teilweise aber auch eine selbst geschaffene Entwicklungsleistung, teilweise beides. Die Unterscheidung ist nicht nur vor dem Hintergrund des Ausweises in der Bilanz, sondern auch vor dem Hintergrund des Wahlrechts der Aktivierung selbst geschaffener immaterieller Vermögensgegenstände des Anlagevermögens nach § 248 Abs. 2 HGB bedeutsam. Ein selbst geschaffener Vermögensgegenstand des immateriellen Anlagevermögens liegt vor, wenn die Entwicklungstätigkeit den größten Teil der Kosten ausmacht und die Entwicklungsleistung selbständig verwertbar, bewertbar und nutzbar ist.86 Zu den genauen Abgrenzungskriterien sowie der sich daraus ergebenden Bilanzierung wird auf Kapitel 3 verwiesen. Die Forschungs- und Entwicklungskosten können aber auch Fertigungskosten des Prototypenwerkzeugs sein. Forschungskosten dürfen nach § 255 Abs. 2 Satz 4 HGB nicht in die Herstellungskosten des Prototypenwerkzeugs eingehen, sondern mindern als Aufwand das Ergebnis des Geschäftsjahres, in dem sie anfallen. Zur Abgrenzung von Forschungs- und Entwicklungskosten wird 86 Z. B. ist eine DVD mit Software nicht als materieller Vermögensgegenstand zu aktivieren, sondern regelmäßig die Software als eigenständiger immaterieller Wert, da die Software auch losgelöst von der DVD verwertbar ist. 4.4 Besonderheiten der Bewertung von Prototypenwerkzeugen Behandlung nach IFRS Rückstellungen für unterlassene Instandhaltungen, die innerhalb der nächsten drei Monate nach Abschlussstichtag nachgeholt werden, sind nach IFRS nicht zulässig, da der Rückstellungsbegriff der IFRS ausschließlich an Außenverpflichtungen anknüpft. Vahlen – Deloitte Press – Fischer, Rechnungslegung in der Automobilzulieferindustrie – Herstellung: Frau Deuringer Stand: 22.05.12 Status: Druckdaten Seite 57 4.5 Bildung von Festwerten 57 ausführlich auf Kapitel 3 verwiesen. Bei den Entwicklungskosten ist zudem zu unterscheiden, ob es sich um (Sonder-)Einzelkosten der Fertigung handelt, die dem Prototypenwerkzeug einzeln zugeordnet werden können, oder ob es sich um Gemeinkosten handelt. Während (Sonder-)Einzelkosten stets verpflichtend mit in die Herstellungskosten einzubeziehen sind, müssen Gemeinkosten im Herstellungszeitraum des Prototypenwerkzeugs angefallen sein. Des Weiteren sind nur angemessene Gemeinkosten in die Herstellungskosten einzubeziehen. Bei im Verhältnis zu den Einzelkosten hohen (Entwicklungs-)Gemeinkosten ist im Regelfall nicht von einer Angemessenheit auszugehen. Kommt es zu einem Ansatz einer Entwicklungsleistung für das Werkzeug im immateriellen Anlagevermögen, sind die hieraus resultierenden planmäßigen Abschreibungen als Werteverzehr des Anlagevermögens in die Herstellungskosten der Serienwerkzeuge unter Berücksichtigung des Angemessenheitsprinzips einzubeziehen, soweit sie auf den Zeitraum der Herstellung entfallen. Außerplanmäßige Abschreibungen sind nur bei einer voraussichtlich dauernden Wertminderung zwingend vorzunehmen (§ 253 Abs. 3 Satz 4 HGB). Sie sind bspw. erforderlich, wenn der Prototyp in seiner Funktion als Versuchs- oder Demonstrationsobjekt nicht mehr benötigt wird und auch nicht in der Serienproduktion verwendet werden kann. 4.5 Bildung von Festwerten 4.5.1 Ansatz Das in den §§ 240 Abs. 3, 256 Satz 2 HGB kodifizierte Festwertverfahren bietet dem Bilanzierenden eine Erleichterung bei der Bestandserfassung und Bewertung bestimmter Güter des Sachanlagevermögens sowie von Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen. Das Verfahren ermöglicht Ausnahmen von der jährlichen Bestandsaufnahme durch eine Inventur sowie eine Ausnahme vom Grundsatz der Einzelbewertung und vom Stichtagsprinzip. Die Relevanz dieses Wahlrechts für die Automobilindustrie lässt sich den Anhängen von Abschlüssen verschiedener Zulieferunternehmen entnehmen.87 Insbesondere bei der Inventarisierung und Bewertung der Werkzeugbestände können sich Erleichterungen ergeben. 87 So geben etwa die Benteler Gruppe im Anhang ihres letzten offen gelegten handelsrechtlichen Konzernabschlusses und die ZF Friedrichshafen AG im Anhang ihres 4.5 Bildung von Festwerten Behandlung nach IFRS Eigene Prototypenwerkzeuge werden regelmäßig als immaterielle Vermögenswerte bilanziert, da Entwurf, Konstruktion und Testen von Prototypen/Modellen in IAS 38 (IAS 38.59) explizit als Beispiel für aktivierbare Entwicklungskosten genannt werden, sofern auch die anderen Voraussetzungen des IAS 38 vorliegen.

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Zusammenfassung

Antworten auf Bilanzierungsfragen bei Automobilzulieferunternehmen

Dieses Werk liefert Ihnen einen Überblick über die besonderen Herausforderungen in der Bilanzierung von Geschäftsvorfällen von Unternehmen der Automobilzulieferindustrie. Dabei bilden die Beantwortung von Fragestellungen zur handelsrechtlichen Rechnungslegung, insbesondere zur handelsbilanziellen Abbildung von Eintrittsgeldern, Forschungs- und Entwicklungskosten, Werkzeugkosten, Verlusten im Auftragsbestand und Gewährleistungsrückstellungen, den Schwerpunkt der Ausführungen. Zudem werden Abweichungen, die sich zu den International Financial Reporting Standards (IFRS) und zum Bilanzsteuerrecht ergeben, dargestellt. Auf Grund der aktuellen Diskussionen zu Standardentwürfen des IASB wurden zudem Beiträge zur zukünftigen Umsatzrealisierung nach IFRS und zur zukünftigen Leasing-Bilanzierung nach IFRS aufgenommen.

Alle Kapitel dieses Buches wurden prozessorientiert, von der Auftragsanbahnung bis zur Auftragsabwicklung, angeordnet. Zu Beginn jedes Kapitels wird eine prägnante Zusammenfassung vorangestellt. Im Anschluss wird systematisch auf Fragen des Ansatzes, der Bewertung und des Ausweises (einschließlich von Anhangangaben) eingegangen.