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Kapitel 19 Dr. Jeckyll und Mr. Hyde – zur Psychologie von Gut und Böse in:

Detlef Fetchenhauer

Psychologie, page 415 - 436

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3713-3, ISBN online: 978-3-8006-3940-3, https://doi.org/10.15358/9783800639403_415

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427 Kapitel 19 Kapitel 19 Dr. Jeckyll und Mr. Hyde – zur Psychologie von Gut und Böse Jedes Jahr werden in Deutschland rund sechs Millionen Straftaten begangen. Doch ebenso werden jedes Jahr etwa drei Milliarden Euro gespendet. Auch im Alltag stoßen wir Menschen immer wieder auf andere Personen, die mal extrem hilfsbereit und gutmütig sind und sich ein anderes Mal sehr aggressiv und eigennützig verhalten. Wie Dr. Jeckyl und Mr. Hyde scheinen die meisten Menschen – und vor allem die Menschheit als solche – zwei Gesichter zu haben. Welche möglichen Ursachen es dafür gibt und wie sich Aggression, Altruismus und Gerechtigkeitswunsch aus psychologischer Sicht darstellen, darum wird es in diesem Kapitel gehen. InhaltWarum sind Menschen aggressiv? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 428 Warum Professoren sich so selten prügeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 431 Aggression als kontingentes Verhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 432 Das Märchen von den „edlen Wilden“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 432 Frauen, Männer und Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 433 Altruismus versus Eigennutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 436 Theorien zur Erklärung (scheinbar) altruistischen Verhaltens . . . . . . . . . . . . . 437 Das Diktator Spiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 439 Das Commitment Modell von Frank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 440 Zur Psychologie von Fairness und Gerechtigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 441 Distributive Gerechtigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 441 Prozedurale Gerechtigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 443 Das Leben als Fußballspiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 444 Der Mensch zwischen Moralität und Scheinheiligkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 445 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 447 Kurz und gut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 448 Studentenfutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 448 Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 427 428 Dr. Jeckyll und Mr. Hyde – zur Psychologie von Gut und Böse Kapitel 19 Warum sind Menschen aggressiv? Für die meisten Psychologen sind Gewalt und Aggression Ausdruck defizitärer Konfliktlösungsstrategien, die auf ungünstige Lebens- und Sozialisationsbedingungen zurückgeführt werden. Evolutionspsychologen betrachten dieses Phänomen hingegen aus einem grundsätzlich anderen Blickwinkel. Die Ubiquität von Gewalt und Aggression bei Menschen und bei nichtmenschlichen Spezies lässt es als sehr unwahrscheinlich erscheinen, dass Gewalt ein Verhalten darstellt, das dem Gewalttäter grundsätzlich eher schadet als das es ihm nutzt. Denn wenn Gewalt überwiegend maladaptiv wäre, so stellte sich die Frage, warum im Verlauf der (menschlichen) Evolutionsgeschichte eine solche Verhaltenstendenz jemals hat entstehen können. Eine der Hauptaussagen der Evolutionspsychologie besteht ja darin, dass sich all jene physischen und psychischen Merkmale durchsetzen, welche die reproduktive Fitness eines Merkmalsträgers steigern. Folgerichtig betrachten Evolutionspsychologen Gewalt und Aggression als adaptive Mechanismen zur Lösung spezifischer Probleme. Hierbei lassen sich folgende Funktionen von Gewalt unterschieden (Buss & Shackleford, 1997): 1) Vereinnahmung der Ressourcen anderer. Menschen unterscheiden sich von allen anderen Spezies in dem Maß, in dem sie materielle Ressourcen horten und konservieren können (z. B. Nahrungsmittel, Trinkwasser, Waffen). Da die möglichst umfassende Ausstattung mit solchen Ressourcen die eigene reproduktive Fitness erhöht, haben Menschen ein Bedürfnis danach, möglichst viele solcher Ressourcen zu besitzen. Eine Möglichkeit, in den Besitz solcher Ressourcen zu gelangen, besteht darin, sie anderen wegzunehmen. Ein solches Vorgehen bei der Akquisition eigener Ressourcen ist dann adaptiv, wenn der Nutzen eines solchen Verhaltens die Kosten übersteigt. Dieses Nutzen- Kostenverhältnis ist umso günstiger, je mehr ein Täter in der Lage ist, seine Bereitschaft und seine Fähigkeit zur Ausübung von Gewalt gegenüber anderen zu signalisieren. Denn kann er durch derartige Drohgebärden mögliche Racheakte im Vorfeld verhindern, ist die Chance groß, dass er dauerhaft im Besitz der geraubten Ressourcen bleiben wird. 2) Verteidigung eigener Ressourcen. Die Kosten für Diebstahl und Raub für den Täter sind jedoch umso höher, je mehr ein Opfer bereit ist, sich gegen einen Täter zur Wehr zu setzen. Aus diesem Grund erscheint es adaptiv, dass Menschen eine starke Neigung haben, ihre materiellen Ressourcen notfalls mit Gewalt gegen andere zu verteidigen. Im Erfolgsfall ist ein solches Verhalten in der Lage, nicht nur den aktuellen Verlust von Ressourcen abzuwehren, sondern auch potentielle „Was ist es, dass in uns stiehlt, lügt und mordet?“ Georg Büchner (1813–1837), deutscher Schriftsteller Ubiquität von Gewalt und Aggression Funktionen von Gewalt Vereinnahmung von Ressourcen Verteidigung eigener Ressourcen Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 428 429 Warum sind Menschen aggressiv? Kapitel 19 zukünftige Angreifer abzuschrecken. Umgekehrt kann die kampflose Aufgabe eigener Ressourcen dazu führen, dass eine Person auch in der Zukunft das Opfer der Angriffe anderer wird, weil potentielle Angreifer antizipieren, dass die Wegnahme von Ressourcen bei einem bestimmten Opfer nur mit niedrigen Kosten und Risiken verbunden ist. Auch hinsichtlich der Verteidigung eigener Ressourcen zeigt sich somit, dass in vielen Fällen das bloße Androhen von Gewalt ausreicht: je mehr ein potentielles Opfer seine Verteidigungsbereitschaft signalisiert, desto weniger wird es zu eigentlichen gewalttätigen Auseinadersetzungen kommen. Dies ist z. B. ein Grund, warum Besitzer von Diskotheken Bodybuilder als Türsteher bevorzugen. Ähnliches lässt sich auch bei anderen Tierarten beobachten. So muss sich z. B. das Alpha-Männchen einer Schimpansenhorde umso weniger aggressiv verhalten, je gesicherter sein sozialer Status in der Horde ist und desto mehr konkurrierende Hordenmitglieder davon ausgehen, dass das Alpha-Männchen bereit wäre, seinen Status notfalls mit Gewalt und Aggression zu verteidigen. 3) Abwehr von intra-sexuelle Rivalen. Gewalt und Aggression kann auch gegen gleichgeschlechtliche Rivalen eingesetzt werden, um diese davon abzuhalten, eine sexuelle Beziehung mit dem eigenen Sexualpartner einzugehen. Eine solche Form der Aggression wird in vielen Kulturen juristisch sehr milde beurteilt oder teilweise sogar offiziell toleriert (Daly & Wilson, 1988). So war es z. B. in Texas bis Ende der siebziger Jahre erlaubt, einen Rivalen zu erschießen, wenn man diesen „in flagranti“ beim Geschlechtsverkehr mit der eigenen Ehefrau erwischte. Auch hinsichtlich dieser Aggressionsform ist darauf hinzuweisen, dass ein „Image“ von Gewaltbereitschaft die Notwendigkeit der Ausübung tatsächlicher Gewalt erheblich senken kann. Männliche Leser können sich diese Logik an folgendem Gedankenexperiment verdeutlichen: Stellen Sie sich vor, in einer Kneipe werden Sie von einer äußerst attraktiven Frau angelächelt. Würde sich ihr Verhalten gegenüber dieser Frau ändern, wenn diese Frau in Begleitung eines Mannes Abwehr von Rivalen Abbildung 19.1: Aggression dienen u. a. dazu, eigene Ressourcen zu verteidigen. (© TMAX – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 429 430 Dr. Jeckyll und Mr. Hyde – zur Psychologie von Gut und Böse Kapitel 19 wäre? Würde sich ihr Verhalten ändern, wenn es sich bei diesem Begleiter um ein Mitglied der „Hell’s Angels“ handelte? 4) Wettbewerbsvorteil im Kampf um Status und Macht. In vielen menschlichen (Sub-)Kulturen finden aggressive Auseinandersetzungen statt, deren Funktion es ist, den sozialen Status der verschiedenen Gruppenmitglieder zu bestimmen. So kommt es beispielsweise in vielen Jäger- und Sammlergesellschaften zu ritualisierten Zweikämpfen, deren Gewinner mit einem Zuwachs an Ansehen und Einfluss rechnen können. In Schulklassen und bei Straßenbanden lassen sich ähnliche Phänomene beobachten. Darüber hinaus steigt in vielen Kulturen der soziale Status von Männern, wenn diese erfolgreich an kriegerischen Auseinandersetzungen mit feindlichen Gruppen teilgenommen haben. So haben z. B. bei den Yamananö (einem Indianerstamm am Amazonas) Männer, die Mitglieder eines anderen Stammes getötet haben, mehr Frauen und mehr Kinder (d. h. einen höheren reproduktiven Erfolg) als Männer, die noch nie getötet haben (Chagnon, 1988). Eine ähnliche Funktion haben militärische Orden nach wie vor in vielen westlichen Gesellschaften. Mit dieser Funktion von Gewalt könnte es übrigens auch zu tun haben, dass nicht nur die Täter, sondern auch die Opfer von Raubtaten oftmals junge Männer sind. Ginge es beim Raub lediglich um die Erlangung materieller Güter, dann wären Raubtäter gut beraten, ihre Taten vor allem gegenüber Älteren und Frauen zu verüben, weil diese sich im Zweifel schlechter wehren könnten. Seinen eigenen Status zu demonstrieren gelingt jedoch viel besser, wenn man einem (potenziellen) Rivalen beraubt. Auch bezüglich dieser Form von Aggression gilt, dass es in hohem Maße adaptiv sein kann, der sozialen Umwelt die eigene Aggressionsbereitschaft überzeugend zu signalisieren, weil ein solches Signal die Notwendigkeit zur tatsächlichen Aggressionsausübung senkt (man denke z. B. an das Verhalten von Mafiabossen). 5) Verhinderung sexueller Untreue. Oftmals wird Aggression und Gewalt auch eingesetzt, um die sexuelle Untreue des Partners zu „bestrafen“ und somit zukünftige Untreue des Partners zu verhindern. Frauen, die vor ihren prügelnden Partnern in ein Frauenhaus fliehen, berichten übereinstimmend, dass der Auslöser der Gewalt ihrer Ehemänner ganz überwiegend in deren – berechtigter oder unberechtigter – Eifersucht lag. Zusammenfassend lässt sich also festhalten: Aggression und Gewalt sind evolviert, weil sie für den Täter in hohem Maße adaptiv waren. Damit sollen diese Phänomene in keiner Weise verteidigt werden (siehe die Ausführungen zum naturalistischen Fehlschluss in Kapitel 1). Ganz im Gegenteil wird man Aggression und Gewalt nur dann wirksam bekämpfen können, wenn man ihre evolutionären Wurzeln nicht ignoriert (und z. B. den Grund für die Gewalt von Jugendlichen in den modernen Massenmedien sucht). Erwerb und Sicherung von Status und Macht Verhinderung sexueller Untreue Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 430 431 Warum sind Menschen aggressiv? Kapitel 19 Warum Professoren sich so selten prügeln Vor dem Hintergrund der bisherigen Ausführungen fällt jedoch auf, dass die Ausübung von Gewalt in modernen westlichen Gesellschaften negativ mit dem sozialen Status korreliert ist. Männer mit hohem sozialen Status verhalten sich sehr viel seltener körperlich aggressiv als Männer mit niedrigem sozialen Status. Darüber hinaus fällt auf, dass Gewalt als Mittel zur Lösung von Konflikten um so weniger akzeptiert ist, je höher das Bildungsniveau der beiden involvierten Konfliktparteien ist. So ist es z. B. sehr unüblich, dass Professoren sich um die Zuweisung von Assistentenstellen prügeln. Und ein Professor, der dies täte, müsste für ein solches Verhalten mit negativen Sanktionen rechnen und könnte keinesfalls darauf vertrauen, sein Ansehen zu steigern, wenn er sich in einer solchen Prügelei gegenüber seinem Konkurrenten durchsetzen könnte. Diese Tatsache ist aus evolutionspsychologischer Perspektive nur schwer zu erklären. Buss erklärt hierzu lapidar, menschliches Verhalten sei in hohem Maße kontextabhängig und Menschen hätten die Fähigkeit, zu erkennen, in welchen Kontexten sich Aggression lohnt und in welchen nicht (Buss, 2004). Dennoch erscheint der negative Zusammenhang zwischen sozialem Status auf der einen Seite und der Ausübung bzw. Akzeptanz von Aggression auf der anderen Seite nur bedingt durch eine evolutionspsychologische Perspektive erklärbar. Sinnvoller erscheint diesbezüglich eine Orientierung an der Annahme, dass legale und soziale Normen durch die Mächtigen in einer Gesellschaft bestimmt werden (Vold & Bernard, 1986). Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welches Interesse Menschen mit hohem sozialen Status haben könnten, den Gebrauch körperlicher Gewalt zu verdammen. Es liegt nahe, dass in modernen Gesellschaften sozialer Status und körperliche Stärke weitgehend nicht – oder sogar negativ – miteinander korreliert sind. Dies hat zum einen mit dem Alter zu tun: Lebensalter korreliert positiv mit dem sozialen Status, aber negativ mit körperlichem Durchsetzungsvermögen (sprich, wer älter ist, hat in der Regel mehr erreicht, ist aber auch nicht mehr so fit). Zum anderen beinhalten Berufe mit Zusammenhang von Status und Gewalt Abbildung 19.2: Peace and Love waren nicht nur der Wunsch der Hippies in den 70er Jahren. Doch um Gewalt vorzubeugen, muss man zunächst ihre Ursachen und evolutionären Hintergründe verstehen. (© ra2 studio – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 431 432 Dr. Jeckyll und Mr. Hyde – zur Psychologie von Gut und Böse Kapitel 19 hohem sozialen Status zumeist keinerlei körperliche Anstrengungen, während dies bei Berufen mit niedrigem sozialen Status eher der Fall ist: Man denke z. B. an die körperliche Auseinandersetzung zwischen einem 25jährigen Doktoranden der Rechtswissenschaften und einem 25jährigen Bauarbeiter. Vor diesem Hintergrund ist es höchst funktional, dass wir die körperliche Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung geächtet haben. Stattdessen besteht die Norm, interpersonale Konflikte durch Argumente zu lösen. Dieses Credo aber sollte nicht missverstanden werden als Zeichen überlegener moralischer Reife. Vielleicht hat diese Norm auch damit zu tun, dass seine Verfechter mit Worten und Argumenten besser umgehen können und zugleich körperlich schwächer sind als jene, die dazu neigen, Konflikte gewaltsam zu lösen. Aggression als kontingentes Verhalten Die neuere Evolutionspsychologie erklärt Aggressivität und Gewalt sehr viel kontextspezifischer als frühere, ebenfalls biologisch inspirierte Instinkttheorien (Euler, 2004). So ging z. B. Konrad Lorenz davon aus, dass aggressives Verhalten als das Produkt eines angeborenen Aggressionsinstinktes verstanden werden könne (Lorenz, 1963). In diesem „Dampfkesselmodell“ führte demzufolge die Unterdrückung von Aggressionen nach einer gewissen Latenzperiode zu einem gewaltsamen und unkontrollierbaren Ausbruch von Aggression. Heutige Evolutionspsychologen betonen demgegenüber sehr viel stärker, dass Aggressionen spezifische Reaktionen auf bestimmte Auslösebedingungen in der Umwelt eines Organismus sind. Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Junge Männer reagieren sehr viel heftiger auf verbale Provokationen eines Konkurrenten, wenn diese vor einem Publikum Gleichaltriger erfolgen als wenn kein solches Publikum anwesend ist. Offensichtlich sind verbale Provokationen also sehr viel aggressionsauslösender, wenn ihr Ignorieren zu einem öffentlichen Gesichtsverlust führen würde. Mit dieser funktionalistischen Perspektive auf menschliche Aggression erscheint es auch plausibel, dass Menschen sich keineswegs besser fühlen, wenn sie ihrem Ärger „Luft machen“, ohne sich dabei unmittelbar an den Auslöser ihrer Aggressionen zu wenden (z. B. indem sie auf einen Boxsack einhauen) (siehe Kapitel 11). Das Märchen von den „edlen Wilden“ Viele Menschen sehen in Aggression und Gewalt eine Folge der spezifischen Lebensbedingungen des modernen Menschen und argumentieren, dass Menschen in anderen, ursprünglicheren Gesellschaften friedlich und konfliktlos Instinkttheorien Aggression als Reaktion auf Auslösebedingungen Konrad Lorenz (1903–1989) Österreichischer Zoologe und Verhaltensforscher – Lorenz war gleichzeitig einer der Hauptvertreter der Evolutionären Erkenntnistheorie (s. Kapitel 13) und der Gründervater der Verhaltensbiologie. Aufgrund seiner Beobachtungen von Tieren – vor allem Gänsen – schlussfolgerte er, dass Verhalten vor allem durch innere Instinkte statt durch äuße re Auslöser gesteuert werde. 1973 erhielt er für seine Entdeckung von Verhaltensmustern den Nobelpreis für Medizin. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 432 433 Warum sind Menschen aggressiv? Kapitel 19 zusammenleben. Dieses Argument wurde als erstes von Margaret Mead (vgl. Kapitel 9) formuliert (1934) und basierte auf den Ergebnissen ihrer Feldforschung auf einigen Südseeinseln. Spätere Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass es sich hierbei um einen Mythos handelt. Tatsächlich verweist die Mehrzahl aller anthropologischen Befunde darauf, dass Mord und Totschlag im Laufe der Menschheitsgeschichte dramatisch abgenommen haben. Auch wenn es überraschen mag: Gegenüber der Welt unserer Vorfahren erscheint selbst das blutgetränkte zwanzigste Jahrhundert als vergleichsweise harmlos. Weltweit sind vom Jahr 1900 bis zum Jahr 2000 weniger als 1 % der männlichen Bevölkerung der USA und Westeuropas eines gewaltsamen Todes gestorben (inklusiver zweier Weltkriege und Genoziden wie z. B. dem Holocaust). Das ist ein enormer Blutzoll – aber trotzdem sehr viel weniger als in Jäger und Sammler Gesellschaften, in denen zwischen 10 % und 50 % der Gewalt ihrer Mitmenschen zum Opfer fallen (Keeley, 1996). Frauen, Männer und Gewalt Im Hinblick auf Ihre Gewaltbereitschaft unterscheiden sich die Geschlechter deutlich. Eine Vielzahl an Studien belegt, dass Männer häufiger aggressive Phantasien haben als Frauen, physisch aggressiver sind, auf Provokationen durch andere häufiger mit Aggressionen reagieren, in Konflikten eher dazu neigen, von sich aus Aggressionen einzusetzen und eher bereit sind, in kontrollierten Laborexperimenten anderen einen elektrischen Schock zu verabreichen (Pinker, 2008). Dem gegenüber zeigen sich übrigens keine Unterschiede hinsichtlich der Feindseligkeit von Männern und Frauen. Auch dieses Ergebnis macht aus evolutionspsychologischer Perspektive Sinn. Frauen sind keineswegs von „Natur aus gut“, sondern stehen – ähnlich wie Männer – mit anderen im Wettbewerb um knappe Ressourcen wie z. B. Nahrung oder attraktive Männer. Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, dass auch Frauen zu Aggressionen neigen, allerdings „The life of man, solitary, poor, nasty, brutish, and short.“ Thomas Hobbes (1588–1679), Staatstheoretiker und Philosoph Unterschiede bezüglich der Form der Gewalt Abbildung 19.3: Oft ist Aggression nicht in der Persönlichkeit des Aggressors begründet, sondern wurde durch eine Provokation ausgelöst und hat daher auch eine gewisse Funktion. (© olly – Fotolia.com). Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 433 434 Dr. Jeckyll und Mr. Hyde – zur Psychologie von Gut und Böse Kapitel 19 handelt es sich hierbei oftmals um verbale Aggressionen wie Hänseln oder üble Nachrede (z. B. indem eine Frau über ihre Konkurrentin das Gerücht verbreitet, diese sei sexuell untreu, um dadurch deren Attraktivität für Männer zu senken). Ganz besonders prägnant sind Unterschiede zwischen Männern und Frauen hinsichtlich der denkbar schwersten Form von Aggression, nämlich Mord und Totschlag. Daly und Wilson (1988) haben hierzu die Daten von 18 verschiedenen Studien ausgewertet, in denen die Häufigkeit gleichgeschlechtlicher Tötungsdelikte zwischen Männern bzw. Frauen untersucht wurde. Diese Studien bezogen sich auf moderne Gesellschaften in Nordamerika und Europa, aber auch auf einige südamerikanische und afrikanische Jäger- und Sammlergesellschaften. Mit einer einzigen Ausnahme kam die Kombination männlicher Täter/männliches Opfer mindestens 19mal so häufig vor wie die Kombination weiblicher Täter/ weibliches Opfer. Aber auch bei weniger schweren Gewaltdelikten zeigen sowohl offizielle Kriminalstatistiken als auch Täterbefragungen, dass Männer häufiger solche Straftaten begehen als Frauen, wobei dieser Geschlechtsunterschied in der Häufigkeit umso stärker ausfällt, je schwerer das jeweilige Delikt ist. So gaben in einer Untersuchung von Bochumer Jura-Studenten 66 % aller befragten Männer, aber auch 59 % aller befragten Frauen an, einem anderen schon einmal „eine Ohrfeige“ gegeben zu haben. Hinsichtlich dieser leichten Form von Körperverletzung ergab sich somit kaum ein Geschlechtsunterschied. Das Bild änderte sich jedoch, wenn danach gefragt wurde, ob die Befragten einen anderen schon einmal „zusammengeschlagen“ haben. Dies bejahten nur 6 % aller Frauen, aber immerhin 37 % aller Männer. Noch dramatischer wurde der Geschlechtsunterschied, wenn danach gefragt wurde, ob man jemanden schon einmal so geschlagen habe, dass dieser „zum Arzt“ musste. Nach eigenen Angaben hatten dies nur 1 % aller Frauen jemals getan, aber 22 % aller Männer (Fetchenhauer, unveröffentlichte Daten). Diese Geschlechtsunterschiede in Gewalt und Aggression lassen sich nicht nur bei Erwachsenen nachweisen, sondern auch bei Jugendlichen und Schülern (Olweus, 1978). Männliche Schüler sind häufiger in Prügeleien verwickelt, schubsen andere eher oder stellen ihnen ein Bein (Ahmed & Smith, 1994). Mädchen hingegen sind stärker darin involviert, über andere zu lästern oder Gerüchte zu verbreiten. Diese Unterschiede finden sich in verschiedenen Altersstufen und Schulformen und sind in den unterschiedlichsten Kulturen dokumentiert worden (Ittel & Salisch, 2005). Es ist diesbezüglich aber klarzustellen, dass (männliche) Aggression nicht das Ergebnis eines unspezifischen Aggressionsinstinkts ist, der von Zeit zu Zeit und unabhängig von den sozialen Kontextbedingungen nach Entladung sucht. Vielmehr tritt Gewalt vor allem in solchen Kontexten auf, in denen der mögliche Unterschiede schon im Kindesalter Martin Daly Kanadischer Evolutionspsychologe – Daly beschäftigt sich aus evolutionspsychologischer Sicht mit zwischenmenschlicher Gewalt – vor allem innerhalb von Familien und zwischen Männern. Er ist einer der Hauptforscher zum so genannten Cinderella Effekt, der davon handelt, dass Stiefkinder wesentlich häufiger misshandelt und missbraucht werden als genetisch eigene Kinder. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 434 435 Warum sind Menschen aggressiv? Kapitel 19 Gewinn einer aggressiven Handlung sehr hoch, die möglichen Verluste hingegen eher niedrig erscheinen. Eine eindrucksvolle Untermauerung dieser Hypothese entstammt einer Studie von Wilson und Daly (1997), in welcher diese zeigen konnten, dass die Homizidraten (d. h. die Häufigkeit von Tötungsdelikten) in den verschiedenen Stadtteilen von Chicago außerordentlich hoch und negativ mit der Lebenserwartung in diesen Stadtteilen korrelierte (r = –.88). Die Interpretation der Autoren für dieses Ergebnis besteht darin, dass Jugendliche Informationen über die Langlebigkeit von Menschen in ihrer sozialen Umwelt als Indikator dafür nehmen, inwiefern es sich lohnt, langfristig in den Erwerb von Ressourcen (wie z. B. Bildung und Studium) zu investieren. Erscheint die Lebenserwartung eher niedrig, liegt es nahe, solche Strategien zu verfolgen, die auf den kurzfristigen Erwerb materieller Ressourcen durch Aggression und Gewalt angelegt sind. Zusammenfassend lässt sich somit festhalten, dass Männer häufiger zu körperlichen Aggressionen neigen als Frauen. Die Tatsache, dass sich solche Unterschiede bis in die jüngste Zeit auch bei Schülerinnen und Schülern zeigen, lassen es zumindest zweifelhaft erscheinen, ob sich an diesem Bild – zumindest in der näheren Zukunft – etwas ändern wird. 0 10 20 30 40 50 60 70 Männer Frauen Ohrfeige „Zusammen geschlagen“ „Krankenhausreif geschlagen“ Abbildung 19.4: Männer neigen mehr zu Gewalt als Frauen. Der Geschlechtsunterschied fällt jedoch umso größer aus, je schwerwiegender das Delikt ist. (Quelle: Eigene Darstellung) Margo Wilson (1942–2009) Kanadische Psychologin – Wilson gilt zusammen mit ihrem Mann und Kollegen Martin Daly als eine der Gründer der Evolutionspsychologie. Sie arbeitete wie Daly hauptsächlich zu interpersonellen Konflikten und Gewalttätigkeiten, vor allem in Ehe und Familie. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 435 436 Dr. Jeckyll und Mr. Hyde – zur Psychologie von Gut und Böse Kapitel 19 Altruismus versus Eigennutz Menschen schlagen, quälen und ermorden andere Menschen. Aber auf der anderen Seite springen Menschen in eiskalte Flüsse, um wildfremde Andere vor dem Ertrinken zu retten oder spenden an Flutopfer, die tausende Kilometer entfernt wohnen. Wie ist dieser scheinbare Widerspruch zu erklären? Bevor wir versuchen, menschlichen Altruismus zu erklären, müssen wir zunächst einmal definieren, was wir unter „Altruismus“ verstehen. Von vielen Sozialpsychologen wie Batson (1991) wird Altruismus über die Motive einer Handlung definiert: Ein Mensch verhält sich dann und nur dann altruistisch, wenn sein Handeln einzig durch den Wunsch motiviert ist, einer anderen Person zu helfen. In diesem Sinn wäre ein Verhalten z. B. nicht altruistisch, wenn es dadurch motiviert wäre, eigene psychische Belastungen abzubauen (z. B. wenn man dem Opfer eines Verkehrsunfalls erste Hilfe leistet, um dem Gefühl der Hilflosigkeit zu entgehen) oder ein schlechtes Gewissen zu verhindern. Von Evolutionsbiologen wird Altruismus hingegen nicht über die Motive, sondern die intendierten Konsequenzen einer Handlung definiert: Eine Handlung ist dann altruistisch, wenn ein Akteur eigene Ressourcen opfert, um die Ressourcenausstattung eines anderen zu erhöhen, ohne die Erwartung zu haben, dafür auf lange Sicht kompensiert zu werden. Es kann damit ironischerweise Altruismus nicht nur definiert, sondern zugleich vorhergesagt werden, dass wahrer Altruismus nicht existiert. Man stelle sich eine Population von Menschen vor, bei der es sowohl Egoisten als auch Altruisten gibt. „Tugend will ermuntert sein, boshaft kann man schon allein.“ Wilhelm Busch (1832–1908), deutscher Dichter Definition von Altruismus Daniel Batson (*1943) US-amerikanischer Sozialpsychologe und Theologe – Batson hat sowohl einen Doktortitel in Psychologie als auch in Theologie und arbeitet mit seinen Forschungen zu Altruismus, Mitgefühl und Religion an der Schnittstelle beider Disziplinen. Er ist einer der stärksten Verfechter der Ansicht, dass Menschen oft aus bloßer Gutmütigkeit und Sorge um andere handeln sowie Co-Autor der in Kapitel 8 zitierten Barmherziger- Samariter-Studie. Abbildung 19.5: Altruismus scheint aus evolutionärer Sicht auf den ersten Blick maladaptiv zu sein. Tatsächlich gibt es nur wenige Extrem-Altruisten wie Mutter Theresa, dennoch verhalten sich die meisten Menschen gelegentlich altruistisch und spenden z. B. Blut oder gar Knochenmark. (Quelle: wikicommons) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 436 437 Altruismus versus Eigennutz Kapitel 19 Weil Altruismus die Aufgabe eigener Ressourcen impliziert, sollten Egoisten über zunehmend mehr, Altruisten über zunehmend weniger Ressourcen verfügen. Da aber die Ausstattung mit materiellen Ressourcen positiv mit reproduktiver Fitness korreliert, sollte es im Laufe der menschlichen Evolutionsgeschichte einen starken Selektionsdruck gegen die Verbreitung altruistischen Verhaltens gegeben haben. Theorien zur Erklärung (scheinbar) altruistischen Verhaltens Sowohl von evolutionären Biologen, als auch von Ökonomen und einigen Evolutionspsychologen wird deshalb argumentiert, dass Menschen sich nur dann (scheinbar) altruistisch verhalten, wenn dies zumindest langfristig zu ihrem eigenen Vorteil ist: „Scratch an altruist and watch a hypocrite bleed“ (Ghiselin, 1974, S. 247). Folgende Theorien wurden formuliert, um zu erklären, warum Menschen ihren langfristigen Nutzen maximieren, wenn sie mit anderen kooperieren: 1) Die Theorie der Verwandtenselektion (Theory of kin selection). Im Sinne unserer inklusiven Fitness kann es höchst adaptiv sein, wenn wir solchen Menschen helfen, die mit uns genetisch verwandt sind (Hamilton, 1964). So teilen wir uns mit unseren Geschwistern, unseren Kindern und unseren Eltern 50 % unserer Gene, und bei unseren Cousins, unseren Nichten und Neffen sowie unseren Tanten und Onkeln sind dies immerhin 25 %. Altruismus unter Verwandten ist somit nichts anderes als der verdeckte Egoismus unserer Gene. Eine Vielzahl an Studien zeigt, dass sowohl Menschen als auch andere Spezies bereit sind, anderen zu helfen, wenn sie mit diesen genetisch verwandt sind. 2) Die Theorie des reziproken Altruismus (Trivers, 1971). Gemäß dieser Theorie lässt sich Kooperation unter Nichtverwandten dadurch erklären, dass Interaktionspartner dem schon in Kapitel 17 diskutiertem Reziprozitätsprinzip folgen. Menschen helfen anderen Menschen, weil sie die berechtigte Erwartung haben, dass diese ihnen zu gegebener Zeit ebenfalls helfen werden. Als Voraussetzungen, unter denen ein solches System evolviert sein könnte, gelten die Folgenden (Trivers, 1971): 1) Die Kosten für einen Helfer sind vergleichsweise niedrig; 2) der Nutzen für den Empfänger der Hilfe ist groß; 3) der Hilfeempfänger verfügt über die Ressourcen, um sich in der Zukunft reziprok zu verhalten und 4) Geber und Empfänger werden auch in Zukunft miteinander interagieren. Die Evolutionsgeschichte von homo sapiens lässt es plausibel erscheinen, dass ein solches System tatsächlich entstehen konnte. So ist der Erfolg bei der Jagd höchst wechselhaft, die Kosten des Teilens von Nahrung relativ niedrig (da Fleisch nicht gelagert werden konnte), und der Nutzen für den Empfänger ausgesprochen hoch (da Theorie der Verwandtenselektion Theorie des reziproken Altruismus Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 437 438 Dr. Jeckyll und Mr. Hyde – zur Psychologie von Gut und Böse Kapitel 19 Hunger ein ständiger Begleiter des Menschen war). Zudem war durch das Leben in kleinen, überschaubaren Gruppen sichergestellt, dass sich Menschen nicht aus den Augen verlieren und somit Reziprozitätsleistungen von anderen eingefordert werden konnten. 3) Altruismus als aufgeklärtes Eigeninteresse: In vielen Situationen ist es strategisch sinnvoll, sich auch anderen, Nichtverwandten gegenüber kooperativ zu verhalten, weil eine solche Kooperativität als Investition in zukünftige Erträge interpretiert werden kann. So mag z. B. ein Mitarbeiter seinem Chef helfen, ein dringendes Projekt abzuschließen, aber er wird dies nur deshalb tun, weil er sich langfristig eine Beförderung davon verspricht. Theorien rationaler Kooperation sagen keineswegs vorher, dass Menschen (und andere Spezies) niemals miteinander kooperieren werden, sondern lediglich, dass es zu solcher Kooperation nur kommen wird, wenn sie für alle Beteiligten von Vorteil ist (Verkaufstrainer sprechen hierbei von einer so genannten Win-Win-Situation). 4) Indirekte Reziprozität (Alexander, 1987). Eine Reihe von Studien zeigt, dass Menschen durch eigenes kooperatives Verhalten eine bestimmte Reputation aufbauen können, die dazu führt, dass ihnen selber ebenfalls geholfen werden, wenn sie eine solche Hilfe benötigen (Nowak & Sigmund 2005). Hierbei erstreckt sich unsere Bereitschaft, hilfreiches Verhalten mit hilfreichem Verhalten zu belohnen, auch auf solche Fälle, in denen wir selber nicht der Empfänger dieser Hilfe waren, sondern das hilfreiche Verhalten lediglich beobachtet haben. Altruistisches Verhalten wäre somit deshalb adaptiv, weil wir für altruistisches Verhalten von anderen belohnt werden. Paul beobachtet also, dass Jens sich hilfsbereit gegenüber Klaus verhält, und ist deshalb bereit, Jens bei nächster Gelegenheit behilflich zu sein. 5) Altruistisches Bestrafen. Im Kapitel 17 hatten wir bereits diskutiert, dass Menschen bereits sind, andere zu bestrafen, wenn diese sich nicht an bestimmte Fairnessnormen halten und dass diese Bestrafungsbereitschaft auch dann erhalten bleibt, wenn ein solches Bestrafen kostspielig ist. Altruistisches Verhalten wäre somit deshalb adaptiv, weil egoistisch handelnde Personen mit Strafen durch Dritte rechnen müssen. Altruismus als auf geklärtes Eigeninteresse Indirekte Reziprozität Altruistisches Bestrafen Abbildung 19.6: Indirekt-reziproker Altruismus: Unbewusst helfen Menschen anderen in Not auch, da sie hoffen, dass ihnen selbst geholfen würde, wenn ihnen ähnliches widerfährt. (© Dron – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 438 439 Altruismus versus Eigennutz Kapitel 19 Letztlich leugnen alle diese Theorien die Existenz von echtem Altruismus. „Moralische Akteure sind in letzter Analyse eigeninteressierte Nutzenmaximierer“ (Voland 2007, S. 118). Jeder dieser Theorien liefert einen wichtigen Beitrag zur Erklärung menschlichen Verhaltens, aber können mit diesen Theorien wirklich alle Facetten des menschlichen Altruismus erklärt werden? Das Diktator Spiel Durch die bloße Beobachtung alltäglichen Verhaltens lässt sich nicht abschlie- ßend bewerten, ob Menschen tatsächlich immer nur ihren eigenen Nutzen maximieren, denn bei jedem noch so altruistisch wirkendem Verhalten lässt sich ja nicht ausschließen, dass es letztendlich doch den langfristigen Interessen des handelnden Akteurs dient. Experimentelle Ökonomen haben jedoch in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Studien durchgeführt, in denen mögliche eigennützige Erklärungen anscheinend altruistischen Verhaltens weitgehend ausgeschlossen wurden (Camerer, 2003). Ein wichtiges Beispiel für diese Art von Forschung ist das so genannte Diktator Spiel (dictator game) (Forsythe et al., 1994). In diesem Spiel gibt es zwei Personen (Person A und Person B), die sich nicht kennen und sich auch während bzw. nach dem Spiel nie kennen lernen werden, da sie beide ausschließlich über den Versuchsleiter miteinander kommunizieren. Person A erhält einen bestimmten Betrag Geldes vom Versuchsleiter (z. B. 10 €) und ihre Aufgabe ist es, diesen Betrag zwischen sich selbst und der anderen Person (Person B) aufzuteilen. Wie sie dies tut, ist ihr völlig freigestellt. Sie kann z. B. die Hälfte des Geldes an Person B geben, sie kann aber auch den gesamten Betrag für sich behalten. Person B wird über die von Person A vorgenommene Aufteilung lediglich durch den Versuchsleiter informiert. Sie hat aber keinerlei Möglichkeit, diese Aufteilung zu beeinflussen. Beide Personen wissen, dass sie nur einmal miteinander interagieren werden und dass sie nach der Aufteilung des Geldes nichts mehr miteinander zu tun haben werden. In diesem Spiel hat Person A somit keinerlei strategischen Grund, irgendetwas von ihrem Geld an Person B zu geben. Dennoch zeigt sich in einer Vielzahl an Studien sowohl in westlichen Industriegesellschaften (Camerer, 2003) als auch in zeitgenössischen Jäger und Sammlergesellschaften (Henrich et al., 2004), dass der durchschnittlich an Person B gegebene Betrag deutlich oberhalb eines Wertes von Null liegt, selbst dann, wenn Person A sehr große Geldbeträge zur Verfügung gestellt werden (Camerer, 2003). So teilten in einer Studie mit Kölner BWL- Studenten 66 % aller Versuchsteilnehmer einen Betrag von 10 Euro gleichmäßig zwischen sich und Person B auf (Fetchenhauer, unveröffentlichte Daten). Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 439 440 Dr. Jeckyll und Mr. Hyde – zur Psychologie von Gut und Böse Kapitel 19 Das Commitment Modell von Frank Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass keine der weiter oben diskutierten Theorien in der Lage ist, das Verhalten von Versuchspersonen im Diktator Spiel zu erklären. Da die Versuchspersonen miteinander nicht verwandt sind, können die Ergebnisse nicht über die Theorie der Verwandtenselektion erklärt werden. Da die Versuchspersonen vollkommen unbeobachtet sind und nur einmal miteinander interagieren, ist Altruismus im Diktator Spiel weder als aufgeklärtes Eigeninteresse zu interpretieren, noch kann es über die Theorie des reziproken Altruismus, die Hoffnung auf indirekte Reziprozität oder die Furcht vor altruistischem Bestrafen erklärt werden. Deshalb soll an dieser Stelle mit dem Commitment Modell von Robert H. Frank eine weitere Theorie vorgestellt werden, die sehr genau vorhersagt, dass (einige) Menschen sich auch dann altruistisch verhalten, wenn dies nicht in ihrem strategischen Interesse ist (Frank, 1988, 2005, 2008). Ausgangspunkt dieser Theorie ist die Beobachtung, dass Menschen – anders als in den meisten psychologischen und ökonomischen Experimenten – sich ihre Interaktionspartner selber aussuchen. Ein wichtiges Kriterium hierbei ist die Frage, wie zuverlässig und hilfsbereit (d. h. altruistisch) die Menschen sind, mit denen wir zu tun haben, sei es als Geschäftspartner, als Chef in einem Unternehmen, als Freund oder als Intimpartner. Weil es vorteilhaft ist, von anderen als altruistisch wahrgenommen zu werden, haben auch solche Menschen einen Anreiz, altruistisch zu erscheinen, die dies in Wahrheit nicht sind. Da es im Gegenzug vorteilhaft ist, wahren von nur vorgetäuschten Altruismus zu unterscheiden, haben Menschen einen Anreiz, beides voneinander unterscheiden zu können. Frank argumentiert, dass Menschen in der Tat in der Lage sind, den Altruismus ihrer Interaktionspartner zu erkennen. Dies führe dazu, dass Altruisten sich gegenseitig als Kooperationspartner wählen und durch ihren wechselseitigen Altruismus mehr Ressourcen akkumulieren (d. h. anhäufen) können als Egoisten. Fähigkeit, Altruisten zu „erkennen“ Abbildung 19.7: Beim so genannten Diktatorspiel, bei dem Menschen wie ein Diktator ohne Angst vor Widerspruch, bestimmen können, ob sie von zuvor geschenktem Geld etwas an eine andere Person abgeben oder nicht, zeigt sich immer wieder, dass die Teilnehmer das Geld freiwillig teilen, obwohl sie die Person nicht kennen und nie wieder mit ihr interagieren werden. (© Magda Fischer – Fotolia.com) Robert H. Frank US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler – Frank befasst sich u. a. mit den Themen Status und Rolle von Emotionen bei Entscheidungen. Bekannt wurde er zudem durch monatliche Kolumnen in der New York Times und populärwissenschaftliche Bücher mit politisch liberalem Hintergrund. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 440 441 Zur Psychologie von Fairness und Gerechtigkeit Kapitel 19 Mittlerweile liegen eine Reihe von Studien vor, in denen diese Theorie empirisch bestätigt werden konnte (für eine Zusammenfassung dieser Befunde siehe Pradel & Fetchenhauer, im Druck). So sind Menschen in der Lage, das Verhalten anderer in einem Gefangenendilemma vorherzusagen, wenn sie sich zuvor 30 Minuten mit diesen unterhalten haben (Frank et al., 1993). In einer anderen Studie waren Versuchspersonen aufgrund eines 20sekündigen Videos (ohne Ton) besser als zufällig in der Lage vorherzusagen, wie die ihnen gezeigten Stimuluspersonen sich in einem Diktatorspiel verhalten hatten (Fetchenhauer et al., 2010). Es konnte darüber hinaus belegt werden, dass Schüler im Alter von 12 bis 18 Jahren valide einschätzen konnten, wie sich ihre Mitschüler in einem Diktatorspiel verhalten hatten und, dass altruistische Schüler auch altruistische Freunde hatten (Pradel et al., 2009). Zur Psychologie von Fairness und Gerechtigkeit Für die meisten Menschen ist Gerechtigkeit ein hohes Gut. Sokrates formulierte sogar, es sei das höchste Gut überhaupt. Studien zum „Gerechte Welt Glauben“ (Lerner, 1980) zeigen zudem, dass für die meisten Menschen Gerechtigkeit nicht nur eine wichtige moralische Norm ist, sondern sie zudem glauben, dass die Welt tatsächlich ein gerechter Ort ist. Lerner argumentiert diesbezüglich, dass ein solcher Glauben eine wichtige Funktion hat, weil wir ohne ihn nicht in der Lage wären, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Distributive Gerechtigkeit Grundsätzlich können knappe Ressourcen nach drei unterschiedlichen Prinzipien aufgeteilt werden: 1) Herrschaft, 2) Markt, und 3) Gerechtigkeit. Da Herrschaft von den Herrschenden zumeist ausgenutzt wird und Märkte oftmals zu sehr un- Abbildung 19.8: Den meisten Menschen ist Gerechtigkeit sehr wichtig und sie glauben auch daran, dass Justicia über die Welt wacht, es also im Großen und Ganzen gerecht auf der Welt zugeht. (© liveostockimages – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 441 442 Dr. Jeckyll und Mr. Hyde – zur Psychologie von Gut und Böse Kapitel 19 gleichen Verteilungen führen, erscheint es nicht verwunderlich, dass Menschen eine starke Präferenz dafür haben, dass Ressourcen nach Gerechtigkeitsprinzipien verteilt werden (Fetchenhauer, 2010). Die Psychologie hat drei allgemeine Prinzipien identifiziert, nach der die Aufteilung von Ressourcen unter Gerechtigkeitsperspektive bewertet wird. Gleichheitsprinzip: jeder bekommt das Gleiche. Bei diesem Prinzip werden sowohl Beiträge als auch Erträge auf alle Mitglieder eines Kollektivs – unabhängig von ihren Leistungen und Bedürfnissen – gleichmäßig verteilt. Bedürfnisprinzip: jeder bekommt, was er braucht. Bei diesem Prinzip werden sowohl Beiträge als auch Auszahlungen nach der Bedürftigkeit der einzelnen Mitglieder eines Kollektivs festgelegt. Equity-Prinzip: jeder bekommt soviel, wie er anteilig beigetragen hat. Bei Aufteilungen nach dem Equity Prinzip werden die Aufteilungen so vorgenommen, dass die Relation aus den Beiträgen einer Person und den Auszahlungen an diese Person möglichst der Relation von Beiträgen und Auszahlungen der anderen Gruppenmitglieder entspricht. Wenn es keine guten Gründe dagegen gibt, bevorzugen Menschen in den meisten Situationen das Gleichheitsprinzip. Dieses Prinzip ist sowohl phylogenetisch (stammesgeschichtlich) als auch ontogenetisch (d. h. auf der Ebene des einzelnen Individuums) das älteste Gerechtigkeitsprinzip. Man findet es schon bei nichtmenschlichen Primaten sowie bei kleinen Kindern – vielleicht weil es schlicht am einfachsten umzusetzen ist. Was als gerecht empfunden wird, ist in verschiedenen Domänen allerdings sehr unterschiedlich. Bei der Aufteilung von Ressourcen innerhalb einer Gruppe dominiert oftmals das Gleichheitsprinzip, zwischen Gruppen herrscht jedoch oftmals Konkurrenz und Missgunst (siehe Kapitel 10). So ist nur jeder zehnte Deutsche bereit, den Verlust eines Arbeitsplatzes in Deutschland hinzunehmen, wenn dadurch in einem anderen Land 10 neue Arbeitsplätze geschaffen werden (Enste et al., 2009) Interessanterweise gibt es einen zentralen Lebensbereich, in dem knappe Ressourcen seit jeher und auch schon in Jäger- und Sammlergesellschaften ganz überwiegend nach Marktprinzipien verteilt werden: Die Allokation von Frauen und Männern als Sexualpartnern. Männer und Frauen verpaaren sich gemäß den Gesetzen von Angebot und Nachfrage: Je attraktiver eine Frau, desto attraktiver in aller Regel auch ihr Partner – und umgekehrt. Gerecht ist dies nicht, aber dennoch gibt es keine politische Partei und keine Bewegung, die etwas daran ändern Gleichheitsprinzip Bedürfnisprinzip Equity-Prinzip Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 442 443 Zur Psychologie von Fairness und Gerechtigkeit Kapitel 19 wollte. Selbst die Linkspartei fordert nicht, dass auch ein Hartz IV Empfänger Anspruch auf ein attraktives Photomodell haben solle. Prozedurale Gerechtigkeit In den letzten 20 Jahren haben sich Gerechtigkeitspsychologen vor allem mit der Frage beschäftigt, nach welchen Regeln und Prozeduren Ressourcen verteilt werden sollen. Hierbei zeigt sich, dass sowohl in juristischen, politischen aber auch betrieblichen Kontexten der Weg zur eigentlichen Entscheidung, also der Entscheidungsprozess, für das Gerechtigkeitsempfinden große Bedeutung hat. Er ist genauso wichtig oder sogar wichtiger als die jeweiligen daraus resultierenden Ergebnisse (Lind & Tyler, 1988). Beispielsweise scheinen Einstellungen gegen- über dem Arbeitgeber, Vertrauen in Vorgesetzte sowie die Einsatzbereitschaft und Loyalität zugunsten des Betriebs stärker durch die Fairness betrieblicher Verfahrensweisen bedingt zu sein als durch die Resultate von Entscheidungen (Farlin & Sweeny, 1992). Was aber bedeutet Verfahrensgerechtigkeit? Man unterscheidet zwei relativ abstrakte Prinzipien (Thibaut & Walker, 1975): (1) Einflussmöglichkeiten auf die Spielregeln eines Verfahrens (process control) und (2) Einflussmöglichkeiten auf die Entscheidung selbst (decision control). Ursprünglich wurden diese Konzepte für juristische Kontexte entwickelt, sie lassen sich aber auch auf andere Konfliktbereiche übertragen. Unter diese relativ abstrakten Konzepte der Prozess- und Entscheidungskontrolle lassen sich die meisten konkreten Verfah renskriterien subsu mieren. Relevanz des Entscheidungsprozesses Prinzipien der Verfahrensgerechtigkeit Abbildung 19.9: Ein gutes Beispiel für prozedurale Gerechtigkeit sind Volksentscheide. Weil dieses Verfahren als fair erachtet wird, sorgen Volksentscheide meist selbst im Empfinden derjenigen Menschen für mehr Gerechtigkeit, die mit dem Ergebnis des Entscheides unzufrieden sind. (Quelle: APN) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 443 444 Dr. Jeckyll und Mr. Hyde – zur Psychologie von Gut und Böse Kapitel 19 Besonders bekannt geworden ist in diesem Zusammenhang die von dem USamerikanischen Psychologen Gerald S. Leventhal (1980) aufgestellte Taxonomie, die sechs Aspekte umfasst: (1) Konsistenz (d. h. gleiche Regeln für alle Betroffenen), (2) Neutralität bzw. Unparteilichkeit des Beurteilenden, (3) Genauigkeit bei der Entscheidungsfindung, (4) Korrigierbarkeit des Urteils, (5) Repräsentativität (der Daten, auf deren Basis Entscheidungen gefällt werden) und (6) Übereinstimmung mit übergeordneten moralischen Standards. Prozedurale Gerechtigkeit unterscheidet sich von distributiver in einem wesentlichen Punkt: Distributive Gerechtigkeitsprinzipien schließen einander aus. Man kann eine Ressource nicht gleichzeitig nach Leistung, nach Bedürfnis oder zu gleichen Anteilen verteilen. Prozedurale Kriterien sind hinsichtlich ihrer subjektiven Fairness additiv: Ein Verfahren ist maximal gerecht, wenn alle Kriterien der Verfahrensgerechtigkeit (z. B. die von Leventhal) erfüllt sind. Das Leben als Fußballspiel Von vielen Psychologen wird argumentiert, dass im wirtschaftlichen Kontext (z. B. am Arbeitsplatz) Ressourcen gemäß dem Equity-Prinzip verteilt werden. Bei näherem Hinsehen ist dies allerdings nur selten der Fall. Stattdessen werden Ressourcen oftmals im Sinne einer Wettbewerbsethik verteilt, bei der Gerechtigkeit als Einhalten von Spielregeln definiert wird. Wie ist das zu verstehen? Am deutlichsten wird es vielleicht, wenn wir das Leben als eine Art Fußballspiel betrachten, bei dem es das Ziel ist, zu gewinnen. Hierbei gibt es die klare Regel: „The winner takes all“. Und es gewinnt nicht zwingend die bessere Mannschaft, sondern ganz einfach die, die am Ende die meisten Tore geschossen hat. Wenn Mannschaften ähnlich gut sind, gibt es keinen 45 %-Fußballweltmeister und einen 55 %-Weltmeister – nur einer gewinnt den Pokal! Natürlich sollte die Anzahl der Tore in den meisten Fällen mit der Spielgüte korreliert sein, doch spielen immer auch gewisse situationale Faktoren und Glück eine wichtige Rolle – wie im echten Leben. Nichtsdestotrotz sind „Fußball- Regeln“ klar definiert und akzeptiert. Das bedeutet: Es wird als legitim erachtet, dass die Verteilung von Outcomes extrem ungleich ist und dass Mitspieler streng eigennützige Interessen verfolgen. Es gibt nur eine Einschränkung: Sie müssen sich an die Spielregeln halten und „Fair Play“ zeigen. Wenn wir unsere Umwelt analysieren, werden wir feststellen, dass die oben beschriebene Metapher des Fußballspiels sehr vielen Aufteilungsentscheidungen in der realen Welt zugrunde liegt. Nehmen wir das Beispiel individueller Gehaltsverhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern: Je gefragter eine bestimmte Qualifikation ist, desto höher ist das Gehalt? Der beste Formel- Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 444 445 Der Mensch zwischen Moralität und Scheinheiligkeit Kapitel 19 1-Fahrer verdient ein Vielfaches dessen, was der beste Volleyballspieler dieser Welt verdient – ist das gerecht? Auf Märkten bilden sich Preise von materiellen Gütern nach ähnlichen Grundsätzen. So sind die Einwohner von vielen Skiorten in den letzten Jahrzehnten extrem wohlhabend geworden. Dieser Wohlstand korreliert stark mit der geographischen Lage der Skiorte. Während die Einwohner bestimmter Orte als Hotelbesitzer einen enormen Wohlstand erwerben, müssen die Einwohner benachbarter Orte als Kellner arbeiten – ist das gerecht? Gehen wir einen extremen Schritt weiter: Menschen in der ersten Welt sind immer häufiger übergewichtig und fettleibig, während in der Dritten Welt Millionen von Menschen an Hunger sterben – ist das gerecht? Wie wollen wir mit Erbschaftsregelungen umgehen? Der eine erbt, der andere nicht – ist das gerecht? Ein sehr deutliches Beispiel sind schließlich (Arbeits- und) Beziehungsmärkte. Wie schon erwähnt, haben attraktive Menschen mehr Erfolg im Beruf und die attraktiveren Sexualpartner – ist das gerecht? Der Mensch zwischen Moralität und Scheinheiligkeit In diesem Kapitel haben wir diskutiert, dass Menschen sich nicht immer nur egoistisch verhalten, sondern bereit sind, sich in ihrem Verhalten an Normen von Fairness und Gerechtigkeit zu orientieren. Damit soll jedoch nicht gesagt sein, dass Menschen „Heilige“ sind, die nicht an ihrem eigenen Vorteil interessiert „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“ J. W. Goethe Abbildung 19.10: Viele Dinge sind nicht wirklich gerecht und doch akzeptiert. Manche Menschen sind extrem reich, obwohl sie der Welt nichts wirklich Bedeutendes gegeben haben, während andere Großes leisten und arm bleiben. Manche Menschen sind so intelligent, dass ihnen alles in den Schoß fällt, während andere hart arbeiten müssen. Andere wiederum haben Glück im Lotto, während viele, die das Geld nötiger hätten, nie gewinnen. (Quellen: wikicommons, celeboy; © Nicole Effinger und © by-studio – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 445 446 Dr. Jeckyll und Mr. Hyde – zur Psychologie von Gut und Böse Kapitel 19 sind. Stattdessen sind Menschen hin und hergerissen zwischen Altruismus und Eigennutz. Wie treffen Menschen vor diesem Hintergrund moralische Entscheidungen? Bereits von Adam Smith stammt der Gedanke eines „dialogischen Selbst“: Wenn Menschen moralische Entscheidungen treffen, ist dieser Prozess zu verstehen als das Ergebnis eines Aushandlungsprozess, bei dem unterschiedliche Teile unseres Selbst als Staatsanwalt, Verteidiger und Richter fungieren. Der „Verteidiger“ in uns argumentiert, warum ein bestimmtes egoistisches Verhalten eigentlich doch legitim ist, der „Staatsanwalt“ hingegen vertritt abstrakte Normen und Werte. Der „Richter“ schließlich wägt beides gegeneinander ab und kommt zu einer Entscheidung. Hierbei ist es keinesfalls so, dass dieser „Richter“ beliebige Argumente der Verteidigung akzeptiert und der Staatsanwaltschaft kein Gehör schenken würde. Aber dieser Richter in uns ist oftmals sehr milde – und zumeist milder als er gegenüber dem Ansinnen einer anderen, dritten Person wäre. Mit anderen Worten: Menschen neigen zu „motivated reasoning“ und akzeptieren Entschuldigungen für ihr eigenes unmoralisches Verhalten, die sie bei anderen niemals akzeptieren würden. Eine Studie zur moralischen Scheinheiligkeit (Hypokrasie) verdeutlicht diesen Gedanken (Batson et al., 1997). Versuchspersonen hatten die Aufgabe, sich selbst und eine andere Person zwei verschiedenen Experimentalbedingungen zuzuordnen. Die „positive“ Bedingung beinhaltete die Möglichkeit, Geld zu gewinnen und wurde als sehr interessant dargestellt, die „negative“ Bedingung beinhaltete hingegen keine Chance, Geld zu gewinnen und wurde als eher langweilig umschrieben. In einer ersten Studie wurden die Versuchspersonen gefragt, welcher der beiden Bedingungen sie sich selber zuordnen wollten. Die meisten Versuchspersonen entschieden, dass sie selber der positiven Versuchsbedingung zugewiesen werden sollten. In einer zweiten Studie wurde den Versuchspersonen angeboten, die Entscheidung per Münzwurf zu treffen. Ungefähr die Hälfte aller Versuchspersonen verzichtete auf den Münzwurf und ordnete sich unmittelbar der positiven Bedingung zu. Diejenigen, die eine Münze warfen, wurden dazu alleine im Laborraum zurückgelassen. „Erstaunlicherweise“ erfolgte auch bei diesem Münzwurf in 9 von 10 Fällen einer Zuordnung der Versuchspersonen auf die positive Bedingung. Spätere Studien, bei denen die Versuchspersonen mit einer Kamera beim Münzwurf beobachtet wurden, konnten zeigen, dass das „zufällige Münzwurf-Ergebnis“ teilweise dadurch entstand, dass die Probanden äußerst erfinderisch in der Gestaltung neuer Regeln waren: einige warfen die Münze so lange, bis ihnen das Ergebnis zusagte, andere warfen mehrfach und spielten eine Art „Best out of 5 or 6 or 7 …“; manche verließen den Laborraum schlicht und gaben vor, die Münze hätte sie der positiven Versuchsbedingung zugeteilt, obwohl sie gar nicht gewürfelt hatten. Dialogisches Selbst „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ Matthäus Evangelium, 7.4 Adam Smith (1723–1790) Schottischer Moralphilosoph und Ökonom – Smith bezeichnete die Sympathie für die Mitmenschen als Grundlage der Moral und Triebfeder der Arbeit. Aus Missverständnis oft dazu im Widerspruch gesehen wird sein bekanntestes Werk „Der Wohlstand der Nationen“. Durch das Buch gilt Smith als Begründer der klassischen Nationalökonomie, welche davon ausgeht, das Eigennutz rational und wirtschaftlich vorteilhaft und die auch heute noch dominierende Wirtschaftsdoktrin ist. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 446 447 Zusammenfassung Kapitel 19 Zusammenfassung In diesem Kapitel ging es um die Frage, wie moralisch Menschen sich verhalten. Hierbei haben wir gesehen, dass Menschen zu echtem Altruismus in der Lage sind. Sie springen in eiskalte Flüsse, um wildfremde andere vor dem Ertrinken zu retten oder spenden an Flutopfer, die tausende Kilometer entfernt wohnen. Menschen sind aber auch bereit, andere zu diskriminieren oder gar zu töten, nur weil diese eine andere Hautfarbe haben oder einer anderen Religion angehören als sie selbst. Die meisten Menschen sind keine hemmungslosen Egoisten, aber Heilige sind sie eben auch nicht. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 447 448 Dr. Jeckyll und Mr. Hyde – zur Psychologie von Gut und Böse Kapitel 19 Kurz und gut 1. Aggressionen sollten nicht einseitig als defizitäres Verhalten kategorisiert werden, da sie für den Aggressor oftmals eine positive Funktion erfüllen. 2. In westlichen Wohlstandsgesellschaften wird der Einsatz körperlicher Gewalt negativ sanktioniert. Dies ist erklärbar durch die Tatsache, dass hoher sozialer Status dort zumeist nicht mit körperlicher Durchsetzungsfähigkeit korrespondiert. 3. Menschen haben kein situationsunabhängiges Aggressionsmotiv. Aggressionen sind vielmehr zu verstehen als kontingente Reaktionen auf spezifische situationale Randbedingungen. 4. Aggression und Gewalt haben im Laufe des menschlichen Zivilisationsprozesses kontinuierlich abgenommen. 5. Männer neigen kulturübergreifend zu mehr körperlicher Gewalt als Frauen. 6. Die Evolution von Altruismus wird von den meisten Forschern entweder über die Theorie der Verwandtenselektion, die Theorie des reziproken Altruismus, als aufgeklärtes Eigeninteresse, als Ergebnis indirekter Reziprozität oder als Furcht vor altruistischem Bestrafen erklärt. 7. Diese Theorien können jedoch nicht erklären, warum Menschen sich auch dann altruistisch verhalten, wenn sie anonym und einmalig mit einem fremden Interaktionspartner kooperieren (Diktatorspiel). 8. Das Commitment Modell von Frank postuliert, dass altruistische Menschen einander erkennen können und wechselseitig miteinander kooperieren. 9. Innerhalb der Gerechtigkeitspsychologie wird zwischen distributiver Fairness (wer bekommt wie viel?) und prozeduraler Fairness unterschieden (nach welchen Regeln werden Ressourcen aufgeteilt)? 10. Auch wenn sich nicht alle Menschen ständig egoistisch verhalten, sind die meisten Menschen keine Heiligen und suchen nach Gründen, eigennütziges Verhalten als legitim erscheinen lassen. Studentenfutter Frank, R. H. (1988). Passions within reason: the strategic role of the emotions. New York: W.W. Norton. Krahé, B. (2001). The social psychology of aggression. Hove: Psychology Press. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 448

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Vorteile

- Die psychologischen Grundlagen für das wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Studium: von der Allgemeinen über die Sozial- bis zur Wahrnehmungspsychologie

- Kompakter Aufbau

- Komplett vierfarbig

Zum Werk

In den Wirtschaftswissenschaften gilt das Bild des rational denkenden Menschen als überholt. Kenntnisse aus der Psychologie spielen dagegen eine immer größere Bedeutung für die Analyse, was sich nicht zuletzt in der aktuellen Diskussion um die Glücksforschung widerspiegelt.

Dieses Lehrbuch führt Wirtschaftswissenschaftler an die Grundlagen der Psychologie heran und stellt dar, wie sie das menschliche Verhalten (und damit auch das für die Wirtschaftwissenschaften wichtige Entscheidungsverhalten) beeinflussen.

Autor

Prof. Dr. Detlef Fetchenhauer ist Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität zu Köln. Er lehrt darüber hinaus an der Universität Wien.

Zielgruppe

Für Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten und Fachhochschulen sowie Studierende, die im Nebenfach Psychologie belegen müssen (z.B. Lehramt).