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Kapitel 16 Von Kölnern und Düsseldorfern – über Stereotype, Vorurteile und soziale Identitäten in:

Detlef Fetchenhauer

Psychologie, page 355 - 376

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3713-3, ISBN online: 978-3-8006-3940-3, https://doi.org/10.15358/9783800639403_355

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363 Kapitel 16 Kapitel 16 Von Kölnern und Düsseldorfern – über Stereotype, Vorurteile und soziale Identitäten Wir und die anderen Am 12. Oktober 1492 schrieb Christoph Columbus über seine erste Begegnung mit den Ureinwohnern von San Salvador die folgenden Sätze in sein Tagebuch: „… Sie schwammen zu unserem Schiff und begannen sogleich einen regen Handel mit uns (z. B. über Glaskugeln, die wir ihnen zum Tausch anboten). Hierbei zeigten sie eine große Gutmütigkeit. … Sie sind wunderschön und haben kräftige, aber dennoch elegante Körper. … Sie tragen keine Waffen und sie kennen auch keine Waffen… Sie sind ziemlich groß, gut aussehend und wohlproportioniert …“ Offensichtlich war Columbus von diesen Indianern sehr beeindruckt und er beschreibt sie mit durchweg positiven Worten. Was glauben Sie, war der nächste Satz in dieser Tagebuchaufzeichnung? Columbus schrieb: „Sie werden hervorragende Sklaven sein.“ In diesem Kapitel geht es um die Frage, woher es kommt, dass wir andere Menschen oftmals diskriminieren und ihnen mit Abfälligkeit oder Feindseligkeit InhaltWir und die anderen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363 Die motivationale Perspektive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 366 Social Identity Theory . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 366 Terror Management Theorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 368 Die ökonomische Perspektive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 370 Das Ferienlagerexperiment von Sherif et al. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371 Rationale Diskriminierung auf Arbeitsmärkten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 372 Die kognitive Perspektive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 374 Die evolutionäre Perspektive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377 Zum Umgang mit Stereotypen und Vorurteilen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 379 Stereotype als Informationen über das eigene Selbst . . . . . . . . . . . . . . . . . . 379 Attributionale Ambiguität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 380 Bedrohung durch Stereotype . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 381 Kurz und gut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383 Studentenfutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383 Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 363 364 Von Kölnern und Düsseldorfern – über Stereotype, Vorurteile und soziale Identitäten Kapitel 16 begegnen. Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass wir uns oftmals als Teil einer sozialen Einheit wahrnehmen und deshalb dazu neigen, die Welt in „Wir“ und „Die Anderen“ zu trennen. Die Kriterien, nach denen solche „Ingroups“ und „Outgroups“ unterschieden werden, sind dabei höchst vielfältig. Hier einige Beispiele: (1) Ethnische Zugehörigkeit (Deutsche versus Türken), (2) Regionale Herkunft (Kölner versus Düsseldorfer), (3) Geschlecht (Frauen versus Männer), (4) Religionszugehörigkeit (Christen versus Moslems), (5) Identifikation mit bestimmten Institutionen oder Vereinen (Anhänger des FC Bayern München versus Anhänger des 1. FC Köln). Bei genauerer Betrachtung wird schnell deutlich, dass sich die Kriterien zur Einteilung in verschiedene Gruppen überlappen können: Sowohl Kölner als auch Düsseldorfer sind Deutsche. Aber nicht alle Deutschen sind Männer. Je nach Kontext kann deshalb ein und dieselbe Person einmal als Mitglied einer Outgroup und einmal als Mitglied der Ingroup definiert werden. Bei vielen dieser Kategorisierungen gehen Menschen (zumindest implizit) von folgenden Annahmen aus (Tajfel, 1982). (1) Die Mitglieder der eigenen Ingroup sowie die Mitglieder der jeweiligen Fremdgruppe sind durch spezifische Eigenschaften gekennzeichnet, die sich deutlich voneinander unterscheiden. Ingroups vs. Outgroups Abbildung 16.1: Ganz automatisch ordnen wir Menschen, die wir zum ersten Mal sehen, einer bestimmten Gruppe zu. So meinte Christoph Kolumbus in den Ureinwohner Amerikas den Prototyp des Sklaven zu entdecken. (Quelle: Theodore de Bry: Landung des Kolumbus auf Guanahani) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 364 365 Wir und die anderen Kapitel 16 (2) Die typischen Eigenschaften der Ingroup sind positiver zu bewerten als die typischen Eigenschaften der Outgroup. Bevor wir verschiedene theoretische Erklärungen für dieses Phänomen diskutieren, sollen zunächst einige definitorische Unterscheidungen zwischen den Begriffen „Stereotyp“, „Vorurteil“, „Diskriminierung“ und „Ethnozentrismus“ vorgenommen werden. Stereotype sind Vorstellungen über typische Eigenschaften einer Personengruppe. Diese Vorstellungen lassen es als wahrscheinlich erscheinen, dass ein bestimmtes Mitglied der Gruppe X die Eigenschaft Y aufweist. Beispiel: „Alle Italiener sind gute Liebhaber. Luigi ist Italiener. Also ist Luigi ein guter Liebhaber.“ Stereotype sind dabei zunächst wertneutral und können sowohl eine positive als auch eine negative Konnotation haben. Vorurteile hingegen sind Stereotype über negative Eigenschaften von Personengruppen. Das bedeutet, dass Vorurteile emotional nicht neutral sind, sondern eine negative und (teilweise) feindselige Bewertung von anderen implizieren. Der Stereotyp, alle Italiener seien gute Liebhaber, ist somit – zumindest aus Sicht von Frauen – kein Vorurteil, der Stereotyp, Italiener seien faul, hingegen schon. Als Diskriminierung wird die negative und feindselige Behandlung von Angehörigen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen bezeichnet. Diese wird häufig durch Vorurteile hervorgerufen. Zudem können Diskriminierungen allerdings auch durch kalten und wohl kalkulierten Eigennutz motiviert sein (z. B. wenn der Herrscher eines Landes bestimmte ethnische Minderheiten mit Strafsteuern belegt). Ethnozentrismus schließlich beschreibt die Neigung von Menschen, andere Kulturen aus der Perspektive der eigenen Kultur zu bewerten, wobei die Werte und Eigenschaften der eigenen Kultur unhinterfragt positiv, Abweichungen von der Stereotype Vorurteile „Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom.“ Albert Einstein (1879–1955), dt. Physiker Diskriminierung Ethnozentrismus Abbildung 16.2: Neutraler Stereotyp versus negatives Vorurteil: Dass Frauen nicht Autofahren können, ist ein Vorurteil, dass sie fürsorglicher sind als Männer hingegen ein Stereotyp. (Quelle: li: Ulli Stein; re: Persscheid) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 365 366 Von Kölnern und Düsseldorfern – über Stereotype, Vorurteile und soziale Identitäten Kapitel 16 eigenen Kultur hingegen negativ bewertet werden. Diese Tendenz ist uralt. Bereits die Griechen unterschieden zwischen „Griechen“ und „Barbaren“. Wir werden im Folgenden diskutieren, wie diese Phänomene aus motivationaler, ökonomischer, kognitiver und evolutionärer Perspektive erklärt werden können. Diese verschiedenen Perspektiven sollten jedoch nicht als Gegensätze verstanden werden. Tatsächlich ergänzen sie sich und sind notwendig, um die verschiedenen Dimensionen des Phänomens zu verstehen (Gilovich et al., 2006). Die motivationale Perspektive Aus einer motivationalen Perspektive haben Stereotype und Vorurteile die Funktion, Menschen dabei zu helfen, ein positives Selbstbild aufrecht zu erhalten oder aber die Angst vor dem eigenen Tod zu lindern. Social Identity Theory Die von Tajfel und Turner (1979) geprägte Theorie der sozialen Identität (Social Identity Theory) verweist darauf, dass Menschen ihr Selbstkonzept und ihre Identität unter anderem aus ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen ableiten. Darum streben Menschen danach, eine soziale Identität zu entwickeln, die a) möglichst deutlich definiert, und b) möglichst positiv ist. Aus diesem Grunde sind sie darum bemüht, ihre eigene Gruppe von anderen Gruppen abzugrenzen, indem der eigenen Gruppe spezifische positive Eigenschaften, Fremdgruppen hingegen negative Eigenschaften zugeschrieben werden. Das Bedürfnis nach positiver Distinktheit kann erklären, warum italienische Gastarbeiter einen Autokorso auf dem Kölner Ring bilden, wenn „ihre“ Fußballmannschaft Weltmeister wird, warum Mancher „stolz“ darauf ist „ein Deutscher zu sein“ oder warum japanische Arbeitnehmer morgens vor der Arbeit stolz ihre „Unternehmenshymne“ singen. Solche Hymnen gibt es übrigens auch in deutschen Unternehmen. So singen die Mitarbeiter von Kaufland: „Ein Lächeln ist mehr wert als du denkst. Ein Lächeln ist Gold, das du verschenkst. Ein Lächeln ist billig, kostet gar kein Geld, und erobert dir trotzdem die Kundenwelt.“ Die relative Bedeutung, die Menschen verschiedenen sozialen Identitäten zuschreiben, hängt immer auch davon ab, inwiefern diese geeignet ist, zu einem positiven Selbstbild beizutragen. Der Wunsch nach positiver Distinktheit kann auch erklären, warum amerikanische Studenten sehr viel häufiger ein T-Shirt ihrer Universität tragen, wenn das eigene Footballteam am Tag zuvor gewonnen als wenn es am Tag zuvor verloren hat (Cialdini et al., 1976). Henri Tajfel (1919–1982) Britisch-polnischer Sozialpsychologe – Tajfel wurde bekannt durch seine „Minimalgruppen“- Experimente und die Entwicklung der Theorie der sozialen Identität gemeinsam mit John Turner. John Turner Britischer Sozialpsychologe – Turners Spezialgebiet sind Gruppenprozesse sowie Vorurteile und Stereotype. Gemeinsam mit Tajfel entwickelte er in den 1970er Jahren die Theorie der sozialen Identität. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 366 367 Die motivationale Perspektive Kapitel 16 Aus der Theorie der sozialen Identität kann abgeleitet werden, dass Gefühle von Distinktheit unter anderem dadurch bedroht werden können, dass es objektive Ähnlichkeiten mit einer anderen sozialen Gruppe gibt, von der man sich abgrenzen will. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn diese Vergleichsgruppe als größer oder mächtiger und somit als Bedrohung erlebt wird (Bar-Ta, 1997). Diese Hypothese wurde in einer spannenden Studie (van Oudenhoven et al., 2002, van Oudenhoven & Matser, 2007) anhand der Einstellungen von Einwohnern verschiedener europäischer Länder über ihre jeweiligen Nachbarn bestätigt. So halten die meisten Deutschen Niederländer für sympathisch und betrachten die niederländische Sprache oftmals als einen deutschen Dialekt. Niederländer auf der anderen Seite sind sehr darum bemüht, sich von ihren deutschen Nachbarn zu unterscheiden. Deutsche werden oftmals als arrogant und unsympathisch wahrgenommen, vor allem aber werden die Unterschiede zwischen Niederländern und Deutschen betont. Diese Vorbehalte gegenüber Deutschen erklären viele Niederländer mit den Erfahrungen des zweiten Weltkriegs. Die Autoren der Studie konnten jedoch zeigen, dass diese Erklärung nicht hinreichend ist, weil sich in den Verhältnissen zu anderen Nachbarländern ganz ähnliche Effekte beobachten lassen. Hierzu untersuchten sie die Einstellungen von Niederländern zu Flamen und von Flamen zu Niederländern (als Flamen wird der niederländisch sprechende Teil Belgiens bezeichnet). In dieser Konstellation sind die Niederländer der große und mächtige Nachbar. Und tatsächlich: Die meisten Niederländer finden Flamen sympathisch und „knuffig“, halten allerdings die Unterschiede zwischen den Niederlanden und Flamen insgesamt für eher gering. Flamen hingegen erleben ihre niederländischen Nachbarn als arrogant und unsympathisch und betonen die Unterschiede zwischen sich und den Niederlanden. „Der Mensch ist von Natur ein Gemeinschaft bildendes Wesen.“ Aristoteles (384–322 v. Chr.), griech. Philosoph Abbildung 16.3: Groß, klein, noch kleiner: Wenn Menschen sich objektiv sehr ähnlich sind, sind sie sich sympathisch – allerdings nur solange keine Bedrohung vom jeweils anderen ausgeht. Fühlen sie sich durch den anderen bedroht (z. B. weil er einflussreicher ist), sind sie umso mehr darum bemüht, sich abzugrenzen und solche Unterschiede herauszustellen, die sie selbst in positivem und den anderen in negativem Licht erscheinen lassen. So halten Niederländer die Deutschen für arrogant und die Flamen wiederum die Niederländer. (Quelle: Eigene Darstellung) Tom Pyszcynski (*1954) US-amerikanischer Sozialpsychologe – Pyszcynski hat bedeutend zur Entwicklung der so genannten Experimentellen Existentiellen Psychologie beigetragen, die sich damit beschäftigt, wie Menschen auf die Konfrontation mit existentiellen Problemen wie Tod, Freiheits verlust, Isolation und Naturgewalt reagieren. Teil davon ist die von ihm gemeinsam mit Jeff Greenberg und Sheldon Solomon entwickelte Terror Management Theorie (TMT). Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 367 368 Von Kölnern und Düsseldorfern – über Stereotype, Vorurteile und soziale Identitäten Kapitel 16 Terror Management Theorie Eine andere Erklärung der Tatsache, dass Menschen ihre eigene Gruppe auf- und andere Gruppen abwerten, liefert die Terror Management Theorie (Solomon et al., 2004). Diese von Pyszczynski, Greenberg und Solomon entwickelte Theorie basiert auf den folgenden Annahmen: (1) Menschen haben, wie alle anderen Organismen, ein starkes Motiv, das eigene Überleben zu sichern (siehe Kapitel 3). (2) Menschen wissen, im Gegensatz zu allen anderen Tieren, dass ihnen dies auf Dauer nicht gelingen wird. (3) Dieses Wissen um die eigene Sterblichkeit führt zu einem Gefühl existentieller Bedrohung. (4) Um mit dieser Bedrohung leben zu können, versuchen Menschen sich zumindest symbolisch unsterblich zu machen. Eine Möglichkeit, mit Todesangst umzugehen, besteht darin, eigene Werke zu schaffen, die den eigenen Tod überdauern werden (z. B. indem man ein „unsterbliches“ Gedicht schreibt). Eine zweite Möglichkeit, symbolische Unsterblichkeit zu erlangen, besteht in der Identifikation mit größeren sozialen Einheiten, die auch dann noch existieren werden, wenn man selber bereits tot ist. Die Terror Management Theorie erklärt damit die Bereitschaft von Menschen, sich mit ihrer Religion oder ihrem Staat zu identifizieren und für diese teilweise sogar ihr eigenes Leben zu opfern. Aus der Terror Management Theorie lässt sich ableiten, dass Menschen vor allem unter hoher Mortalitätssalienz (d. h., wenn sie zuvor an ihre eigene Sterblichkeit erinnert werden) zu einer Aufwertung der eigenen Ingroup und zu einer Abwertung von Outgroups neigen werden. Diese Hypothese konnte in einer Vielzahl empirischer Studien bestätigt werden (Greenberg et al., 1990; Ochsmann, 2002; Ochsmann & Reichelt, 1994). So steigt z. B. unter Mortalitätssalienz die Bereitschaft von Muslimen, sich an Selbstmordattentaten gegen die USA zu beteiligen (Pyszczynski et al., 2006). In einer anderen Studie hatten amerikanische Studenten die Aufgabe, ein Kreuz an einer Wand aufzuhängen. Hierzu stand ihnen zwar ein Nagel, aber kein Hammer zur Verfügung. In Übereinstimmung mit der Terror Management Theorie zögerten Versuchspersonen unter Mortalitätssalienz sehr viel länger, das Kreuz als Hammer zu gebrauchen als Versuchspersonen in einer Kontrollgruppe. Die Erklärung: Unter Mortalitätssalienz fand eine Aufwertung der eigenen – christlichen – Kultur und ihrer Symbole statt, so dass es als Blas- Symbolische Unsterblichkeit Jeff Greenberg US-amerikanischer Psychologe – Greenberg ist einer der Mitentwickler der Terror Management Theorie (TMT). Nach eigenen Angaben wurde er bereits in seiner Jugend von dem Kulturanthropologen Ernest Becker beeinflusst, der in seinem Buch „The denial of death“ argumentierte, jegliche menschliche Zivilisation diene bloß dem Zweck, unsere eigne Sterblichkeit zu leugnen, und damit quasi die Grundlagen für die TMT legte. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 368 369 Die motivationale Perspektive Kapitel 16 phemie empfunden wurde, ein Kreuz als Werkzeug zu verwenden (Greenberg et al., 1995). An meinem Institut wurden diese Hypothesen auf den Bereich der Konsumpsychologie übertragen und anhand der Frage überprüft, wie von Kölnern und Düsseldorfern der Geschmack von Kölschbier und Altbier bewertet wird (Marchlewski, 2007). Hierzu muss man wissen, dass Kölner und Düsseldorfer sich seit Jahrhunderten als gegenseitige Konkurrenten betrachten. Demzufolge ist es in Köln nahezu unmöglich, in einer Kneipe ein (Düsseldorfer) Altbier zu erhalten ebenso wie es nahezu unmöglich ist, in Düsseldorf ein Kölsch zu trinken. Die erste Hypothese lautete somit, dass Düsseldorfern Altbier besser schmeckt als Kölsch und Kölnern Kölsch besser schmeckt als Altbier. Diese Hypothese konnte in der Tat bestätigt werden, allerdings nur, wenn die Versuchspersonen wussten, welches Bier sie tranken. Wenn ihnen zuvor die Augen verbunden wurden, konnten sie die beiden Biere nicht auseinander halten. Die spannendste Hypothese aber lautete, dass die Bevorzugung des jeweils eigenen Bieres und die Abwertung des jeweils fremden Bieres noch stärker wird, wenn die Versuchspersonen vorher an ihren eigenen Tod erinnert werden. Zur Induzierung von Mortalitätssalienz wurde – wie in vielen anderen Studien zur Überprüfung der Terror Management Theorie – die Hälfte aller Versuchspersonen darum gebeten, aufzuschreiben, was mit ihnen physisch und psychisch in den Minuten passieren wird, in denen sie sterben werden. Die andere Hälfte aller Versuchspersonen wurde hingegen gefragt, was mit ihnen physisch und psychisch passiert, während sie Fernsehen gucken. Im Anschluss daran wurde den Versuchspersonen entweder ein Glas Kölsch oder ein Glas Altbier angeboten und sie wurden darum gebeten, dessen Geschmack auf einer Skala von 0 bis 100 anzugeben. Die folgende Abbildung zeigt, dass diese Hypothese tatsächlich bestätigt werden konnte. Die Bevorzugung des eigenen Bieres war stärker, wenn die Versuchspersonen zuvor an ihren eigenen Tod erinnert wurden. Kölner vs. Düsseldorfer Sheldon Solomon US-amerikanischer Psychologe – Solomon ist durch die Entwicklung der Terror Management Theorie gemeinsam mit Greenberg und Pyszynski bekannt geworden. Den übergeordneten Rahmen dafür bildet seine Forschung zu psychologischen Funktionen von Selbstvertrauen und der Auswirkung spezieller politischer und wirtschaftlicher Institutionen auf die psychische Gesundheit. Abbildung 16.4: Düsseldorfer und Kölner verbindet seit je her eine Hassliebe, bei der man sich auch über die Gewohnheiten der jeweils anderen lustig macht. Für Kölner gilt z. B. nur Kölsch als wahres Bier; mit einem Altbier der Düsseldorfer Schickeria darf man da nicht kommen (Quelle: Früh Brauerei) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 369 370 Von Kölnern und Düsseldorfern – über Stereotype, Vorurteile und soziale Identitäten Kapitel 16 Die ökonomische Perspektive Aus einer ökonomischen Perspektive sind Vorurteile und Diskriminierung keine Folge der motivational verzerrten Wahrnehmung anderer. Stattdessen haben sie die Funktion, der eigenen Gruppe einen möglichst ungehinderten Zugang zu knappen Ressourcen zu ermöglichen. So gibt es in Deutschland eine negative Korrelation zwischen Einkommen und Bildung einerseits, und Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass andererseits (Staas, 1994; Stolz, 2000): Wer wenig Geld hat, neigt eher zur Fremdenfeindlichkeit als jemand, der sich um seine materielle Existenz keine Sorgen macht. Aus bildungsbürgerlicher Perspektive mag man solche Fremdenfeindlichkeit verurteilen. Aber eine offene Haltung gegenüber Nichtdeutschen fällt leichter, wenn man seine Kinder auf deutsche Privatschulen schickt, bei denen der Ausländeranteil sehr niedrig ist und das eigene Kind allenfalls mit dem Kind eines pakistanischen Oberarztes oder eines britischen Spitzenmanagers spielt. Ein marokkanischer Freund erzählte mir einmal, er habe in Deutschland studiert, weil er den Ausländerhass seiner Mitstudenten in Frankreich nicht länger ertragen habe. Seine Interpretation: Für seine französischen Kommilitonen war er durch sein perfektes Französisch ein viel ernstzunehmenderer Konkurrent als später mit seinem gebrochenen Deutsch für seine deutschen Mitstudenten. Zusammenhang von Einkommen und Fremdenfeindlichkeit 30 40 50 60 70 80 B ew er tu ng Kölsch Alt Kontrollgruppe Unter Mortalitässallienz Abbildung 16.5: Unter Mortalitätssalienz wird die Ingroup und deren Symbole noch mehr aufgewertet, die Outgroup noch mehr abgewertet: So schmeckte Kölnern und Düsseldorfern ihr jeweiliges Bier (Kölsch bzw. Alt) im Vergleich zum Bier der anderen Stadt umso besser, wenn sie zuvor über den Tod nachgedacht haben. (Quelle: Eigene Darstellung) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 370 371 Die ökonomische Perspektive Kapitel 16 Das Ferienlagerexperiment von Sherif et al. Die Idee, dass Konflikte zwischen Gruppen durch die Konkurrenz um knappe Ressourcen genährt werden, kann an den Ergebnissen des berühmten „Ferienlagerexperiments“ verdeutlicht werden, das in den 50er Jahren von Muzafer Sherif und seinen Mitarbeitern durchgeführt wurde (Sherif et al., 1961). Teilnehmer dieser Studie waren 22 Jungen im Alter von ca. zehn Jahren, die einen Teil ihrer Sommerferien in einem so genannten Ferienlager verbrachten (wobei die Kinder übrigens nicht wussten, dass sie an einem Versuch teilnahmen). Während dieses Experiments ließen sich die folgenden Phasen unterscheiden. Phase 1: Die Gesamtgruppe der Jungs wurde in zwei Untergruppen aufgeteilt, die an zwei unterschiedlichen Stellen in einem Nationalpark ihr Zeltlager aufschlugen. Während dieser Phase wussten beide Gruppen nichts von der Existenz der jeweils anderen Gruppe. Gemeinsame Aktivitäten führten alsbald zu einer hohen Kohäsion (d. h. einem starken Zusammenhalt) innerhalb der Gruppen. Phase 2: In der zweiten Phase traten beide Gruppen über mehrere Tage in einem Wettkampf an, bei dem für die siegreiche Partei eine Medaille und ein wertvolles Taschenmesser ausgelobt wurden. Der Verlierer hingegen sollte leer ausgehen. Durch diesen Wettbewerb verstärkte sich der Zusammenhalt innerhalb beider Gruppen, zugleich entwickelte sich sehr schnell ein Gefühl von Feindseligkeit gegenüber der jeweils anderen Gruppe. Die Andersartigkeit der Eigengruppe gegenüber der Fremdgruppe unterstrichen die Jungen dadurch, dass sie der eigenen Gruppe martialische Namen gaben („Adler“ versus „Klapperschlangen“) und sich gegenseitig mit Schimpfwörtern belegten. Phase 3: Auch nachdem der Wettbewerb vorbei war, hielt das feindselige Klima zwischen beiden Gruppen an, da die Jungen ihre Vorurteile gegenüber ihren „Feinden“ offensichtlich verinnerlicht hatten. Phase 4: In der letzten Phase des Experiments wurden die beiden Gruppen von ihren Teamleitern schließlich mit einer Herausforderung konfrontiert, die nur durch beide Gruppen gemeinsam bewältigt werden konnte. So steckte z. B. der Lastwagen, der frische Nahrung und Getränke liefern sollte, im Morast fest und konnte nur dadurch befreit werden, dass alle Kinder ihn gemeinsam herauszogen. Diese gemeinsamen Aufgaben führten in kurzer Zeit zu einer dramatischen Verbesserung der Beziehungen, zwischen Mitgliedern der ehemals verfeindeten Gruppen entspannen sich Freundschaften und für die Heimfahrt bestanden beide Gruppen darauf, gemeinsam in einem Bus zu fahren und nicht in zwei verschiedenen Bussen, wie dies auf der Hinfahrt der Fall gewesen war. Muzafer Sherif (1906–1988) Türkischstämmiger US-amerikanischer Sozialpsychologe – Sherif beschäftigte sich mit Inter- und Intragruppen-Konflikten sowie Gruppendruck und Konformität und wurde dabei vor allem durch sein „Ferienlagerexperiment“ bekannt. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 371 372 Von Kölnern und Düsseldorfern – über Stereotype, Vorurteile und soziale Identitäten Kapitel 16 Die Tatsache, dass aus Feinden Freunde werden können, wenn diese gegen einen gemeinsamen Feind kämpfen, wird auch in einer ganzen Reihe von Hollywoodfilmen reflektiert. So steht im Film „Independence Day“ die ganze Menschheit zusammen, um sich gegen den Angriff von Außerirdischen zu wehren (auch wenn es natürlich die Amerikaner sind, die dabei die Führung übernehmen). Rationale Diskriminierung auf Arbeitsmärkten In vielen Gesellschaften lässt sich beobachten, dass bestimmte Personengruppen auf dem Arbeitsmarkt systematisch diskriminiert werden, auch dann, wenn eine solche Diskriminierung gesetzlich verboten ist. So haben z. B. Frauen, Behinderte oder Nichtdeutsche Probleme, eine Stelle zu finden bzw. sie verdienen weniger als andere (u. a. Granato & Kalter, 2001; Diekmann et al., 1993; Abrahan & Hinz, 2005). Warum kommt es zu solchen Benachteiligungen? Hierbei lassen sich zwei mögliche Erklärungen unterscheiden: Erstens: Vorurteile von Arbeitgebern, die zu chauvinistischem Verhalten gegen- über Frauen und rassistischem bzw. ausländerfeindlichem Verhalten gegenüber Nichtdeutschen führen. Allerdings sollte man sich klar machen, dass solche Vorurteile in dem Sinne irrational sind, dass sie mit Kosten nicht nur für die diskriminierten Personengruppen verbunden sind, sondern auch für denjenigen, der sie diskriminiert. Wenn z. B. auf einem bestimmten Arbeitsmarkt Frauen 20 % weniger verdienen als Männer, obwohl ihre Leistung identisch ist, sollte ein rationaler Arbeitgeber bevorzugt Frauen einstellen und diesen etwas mehr zahlen als sie bei anderen Arbeitgebern verdienen. Wenn alle (rationalen) Arbeitgeber sich so verhalten würden, sollte der Verdienst von Frauen und Männern im Laufe der Zeit immer ähnlicher werden. Abbildung 16.6: Der Rest der Welt gegen Deutschland, Italien und Japan: Im zweiten Weltkrieg verbündeten sich Länder, die sonst alles andere als die besten Freunde sind, um der alle betreffenden Bedrohung durch Hitler und den Faschismus gemeinsam Herr zu werden (Die Oberbefehlshaber der vier Besatzungsmächte (v.l.n.r.): Tassigny, Schukow, Eisenhower, Montgomery). (Quelle: Deutsches Historisches Museum, Berlin) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 372 373 Die ökonomische Perspektive Kapitel 16 Zweitens: Es kann aus der Sicht von Arbeitgebern rational sein, bestimmte Personengruppen zu diskriminieren, wenn es zwischen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe und der zu erwartenden beruflichen Leistung tatsächlich einen statistischen Zusammenhang gibt – auch wenn dieser sehr klein ist und dazu führt, dass die meisten Angehörigen der diskriminierten Gruppen gänzlich zu Unrecht benachteiligt werden (Arrow, 1973). Dies gilt besonders dann, wenn es sehr aufwändig bzw. schwierig ist, individuelle Eigenschaften einer Person zu erheben, deren Vorhersagekraft höher ist als ihre Gruppenzugehörigkeit. Dieses Verfahren wird z. B. sehr regelmäßig von Versicherungsgesellschaften angewandt. So zahlen junge Männer höhere Prämien für ihre Kfz-Versicherung als junge Frauen, weil junge Männer häufiger in Unfälle verwickelt sind als Frauen. Dieses Verfahren ist für die Versicherer außerordentlich simpel und effizient, weil es viel kostengünstiger ist, das Geschlecht eines Versicherungsnehmers zu erheben als seine Persönlichkeit zu messen. Die Logik einer solchen „rationalen Diskriminierung“ lässt sich an folgendem Experiment verdeutlichen (Fryer, Goeree & Holt, 2005): Die Versuchspersonen wurden zunächst zufällig entweder der Rolle eines „Arbeitgebers“ oder eines potentiellen „Arbeitnehmers“ zugeordnet, wobei allen Arbeitnehmern zufällig eine bestimmte Farbe zugewiesen wurde (entweder grün oder lila). In einem zweiten Schritt konnten die Arbeitnehmer entscheiden, ob sie eine bestimmte Summe Geldes (echtes Geld) in eine „Ausbildung“ investieren, wodurch die Wahrscheinlichkeit erhöht wurde, in einem bestimmten Test ein gutes Ergebnis zu erzielen. In einem dritten Schritt schließlich wurden die Arbeitgeber über die Testergebnisse der Arbeitnehmer informiert und konnten sich entscheiden, wem sie eine Stelle anboten. Hierbei hatten sie einen finanziellen Anreiz, möglichst gut ausgebildete Arbeitnehmer einzustellen. Dieser Versuchsaufbau wurde über 20 Runden wiederholt, wobei alle Versuchsteilnehmer über die Testergebnisse aller Arbeitnehmer informiert waren, sowie darüber, ob diese einen Job hatten und welcher Farbe sie zugeordnet waren. In der ersten Runde hatten die grünen Arbeitnehmer zufällig etwas mehr in ihre Ausbildung investiert als die lila Arbeitnehmer. Aus diesem Grunde wurden grüne Arbeitnehmer in der zweiten Runde von den Arbeitgebern etwas bevorzugt. Dies setzte in den nachfolgenden Runden eine enorme Dynamik frei. Für lila Arbeitnehmer erwies es sich als zunehmend weniger lohnend, in die eigene Ausbildung zu investieren, weil sie selbst dann keine Stelle bekamen, wenn sie die Kosten für eine solche Ausbildung investiert hatten. Für die Arbeitgeber erwies es sich als zunehmend weniger sinnvoll, lila Arbeitnehmer einzustellen, weil diese tatsächlich schlechter ausgebildet waren. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 373 374 Von Kölnern und Düsseldorfern – über Stereotype, Vorurteile und soziale Identitäten Kapitel 16 Aus einem kleinen und völlig zufälligen Unterschied war durch das rationale Verhalten aller Marktteilnehmer ein Zustand systematischer Diskriminierung entstanden (Harford, 2008). Die kognitive Perspektive Aus der Sicht der Social Cognition Forschung sind Vorurteile und Stereotype weder durch bestimmte Motive noch durch ökonomisches Kalkül zu erklären. Stattdessen werden diese auf die kognitiven Limitationen des Menschen zurückgeführt. Dies zeigt sich zum einen darin, dass Menschen periphere (d. h. oberflächliche) Hinweisreize verwenden, um eine Person einer bestimmten Kategorie zuzuweisen und daraus Schlüsse auf Eigenschaften dieser spezifischen Person zu ziehen. Kognitionspsychologen verweisen darauf, dass Kategorisierungsprozesse zu den wesentlichen Kennzeichen jeglicher menschlicher Wahrnehmungsprozesse gehören. Alles, was wir wahrnehmen, ordnen wir automatisch einer bestimmten übergeordneten Kategorie zu, weil wir ansonsten ständig von der schieren Menge dessen, was an Informationen und Sinnesreizen auf uns herniederprasselt, überwältigt würden (siehe Kapitel 2). Das folgende Beispiel verdeutlicht diesen Mechanismus. Betrachten Sie die drei Vierecke in der folgenden Abbildung. Was sehen Sie? Vermutlich werden Sie sagen, dass es sich bei dem linken Teil der Abbildung um ein hellrotes Viereck und bei dem mittleren Teil der Abbildung um ein dunkelrotes Viereck handelt. Das rechte Viereck werden Sie vermutlich als violett bezeichnen. Aus physikalischer Perspektive ist der Unterschied zwischen dem mittlerem Viereck und dem linken bzw. rechten Viereck genau gleich. Im einen Fall aber werden beide als Element der gleichen Kategorie wahrgenommen, im anderen Fall hingegen nicht. Ähnlich verfahren wir bei der Wahrnehmung von Personen, wenn wir diese bestimmten Kategorien bzw. bestimmten Schemata zuordnen. Die Verwendung solcher Kategorien spart dabei kognitive Energie: Daher neigen Menschen auch Stereotype als Kategorisierungsprozesse Abbildung 16.7: Noch Rot oder schon Violett? Kategorien sind nicht sehr präzise, dafür aber sparen sie kogni tive Energie. (Quelle: Eigene Darstellung) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 374 375 Die kognitive Perspektive Kapitel 16 vermehrt zur Verwendung von Stereotypen, wenn sie müder oder abgelenkt sind (Sherman, Macrae & Bodenhause, 2000). Bei der Anwendung solcher kognitiv bedingter Stereotype lässt sich oftmals der so genannte „Outgroup Homogeneity Effect“ beobachten (Quattrone, 1986). Dieser besteht darin, dass die Unterschiede zwischen Mitgliedern einer Outgroup systematisch unterschätzt werden (Park & Rothbarth, 1982; Ostrom & Sedikides, 1992; Haslam et al., 1996). So wurden Studenten der Universitäten Princeton und Rutgers Videos eines anderen Studenten gezeigt, in dem dieser eine Präferenz für Rockmusik oder für klassische Musik äußerte (Quattrone & Jones, 1980). Der einen Hälfte wurde gesagt, es handle sich um einen Studenten der eigenen Universität, der zweiten Hälfte wurde gesagt, es handle sich um einen Studenten der jeweils anderen Universität. Danach wurde ermittelt, für wie repräsentativ die Versuchspersonen das Urteil des Studenten auf dem Video für die Studentenschaft der gesamten Universität hielten. Hierbei zeigte sich, dass die Versuchspersonen bei einer Stimulusperson von der jeweils anderen Universität davon ausgingen, deren Urteil sei repräsentativ für ihre gesamte Universität, während sie – korrekterweise – angaben, von einer Einzelperson nicht auf den Geschmack ihrer Mitstudierenden schließen zu können, wenn es sich um einen Studenten der eigenen Universität handelte. In Kapitel 7 hatten wir uns bereits eingehend mit dem Confirmation Bias beschäftigt (d. h. unserer Tendenz, vor allem solche Informationen wahrzunehmen, die unsere zuvor aufgestellte Hypothese bestätigen). Beim Umgang mit Stereotypen führt der Confirmation Bias dazu, dass Stereotype als valide wahrgenommen werden, obwohl sie objektiv nicht zutreffen. Vielfach wird versucht, Vorurteile dadurch abzubauen, dass man Menschen unterschiedlicher Gruppen in Kontakt miteinander bringt und darauf hofft, dass dadurch gegenseitige Stereotype und Vorurteile abgebaut werden. Diese als „Kontakthypothese“ bezeichnete Vermutung lässt sich in dieser einfachen Form empirisch allerdings kaum bestätigen (Alpheis, 1990; Amir, 1998; Rothbart, 1996; Thomas, 2004). Stattdessen kommt es Outgroup Homogeneity Effect Kontakthypothese Abbildung 16.8: „Alles Rockfans“ versus „Alles Klassikliebhaber“ – so dachten Studierende zweier US-amerikanischer Universitäten über die Studierenden der jeweils anderen Hochschule. Denn Mitgliedern der Outgroup schert man schnell alle über einen Kamm, während man in der eigenen Gruppe die Individualität der einzelnen Mitglieder sehr wohl wahrnimmt. (© Franz Metelec und © Sean Gladwell – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 375 376 Von Kölnern und Düsseldorfern – über Stereotype, Vorurteile und soziale Identitäten Kapitel 16 manchmal sogar zu einem gegenteiligen Effekt, weil durch den Confirmation Bias zuvor bestehende Vorurteile sich sogar zu bestätigen scheinen. Zudem führen Stereotype und Vorurteile oftmals zu sich selbst erfüllenden Prophezeiungen (Greytemeier, 2008). Ein solcher Effekt kann z. B. bei der Interaktion mit vermeintlich „lebensfrohen“ und „fröhlichen“ Individuen und Gruppen auftreten: Ein Italiener, der in Deutschland lebt und eigentlich eher ruhig und in sich gekehrt ist, mag sich extravertiert und fröhlich verhalten, wenn auch sein deutscher Gesprächspartner das tut – z. B. in dem er ihn anlacht und Witze erzählt. Vielfach wird aber der Deutsche sich gerade deswegen humorvoll verhalten, weil er meint, der Italiener sei eine fröhliche und extravertierte Person. Ähnliches gilt, wenn Mitglieder zweier Gruppen miteinander agieren, die sich gegenseitig als aggressiv und feindselig wahrnehmen. Unter Umständen wird genau diese Wahrnehmung zu einer Bestätigung der gegenseitigen Vorurteile führen, weil beide Gruppen sich zum Schutz vor der Feindseligkeit der anderen Gruppe tatsächlich aggressiv verhalten. Genau dieser Effekt wurde in einer Studie (Word et al., 1974) anhand des Verhaltens gegenüber weißen und schwarzen Stellenbewerbern nachgewiesen. In der ersten Phase des Experiments wurden weiße und schwarze Stellenbewerber in einem fiktiven Bewerbungsgespräch interviewt. Eine Analyse der ausschließlich weißen Interviewer zeigte, dass die schwarzen Bewerber weniger freundlich behandelt und ihnen weniger Fragen gestellt wurden als den weißen Bewerbern. In einer zweiten Phase wurden Schauspieler dazu angewiesen, eine Gruppe von ausschließlich weißen Bewerber entweder ausnehmend freundlich und ausführlich oder aber eher unfreundlich und kurz angebunden zu interviewen. Schließlich wurde das Verhalten aller Stellenbewerber aus beiden Phasen des Interviews nach einem vorgegebenen Schema ausgewertet. Hierbei zeigte sich, dass in der Stereotype und Vorurteile als sich selbst erfüllende Prophezeiungen Abbildung 16.9: Sich selbsterfüllende Prophezeiungen: Zwischen Staaten kommt es immer wieder zum Wettrüsten – so z. B. zwischen Deutschland und England am Vorabend des ersten Weltkrieges oder zwischen den USA und der UdSSR während des kalten Krieges. Der Grund: Das eine Land geht davon aus, dass das andere bedrohlich ist und rüstet daher auf. Daraufhin fühlt sich das andere Land wiederum bedroht, rüstet ebenfalls auf und wird dadurch tatsächlich zur Bedrohung. (Quelle: Britisches Schlachtschiff von 1907; wikicommons) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 376 377 Die evolutionäre Perspektive Kapitel 16 ersten Phase die schwarzen Stellenbewerber tatsächlich einen aggressiveren und weniger kompetenten Eindruck hinterlassen hatten als die weißen. In der zweiten Phase zeigte sich allerdings genau der gleiche Unterschied zwischen den (weißen) Bewerbern, die freundlich bzw. unfreundlich behandelt wurden. Viele Studien zeigen, dass Angehörigen ethnischer Minderheiten oftmals ungerechtfertigterweise negative Eigenschaften (wie z. B. kriminelles Verhalten) zugeschrieben werden (u. a. Hormel, 2006). Auch diese Wahrnehmungsverzerrung könnte ihren Ursprung in der kognitiven Architektur unserer Informationsverarbeitung haben. Allgemein erinnern sich Menschen besser an distinkte, außergewöhnliche sowie an negative Ereignisse als an alltägliche, gewöhnliche und positive. Wenn wir z. B. sehen, wie eine Person eine andere Person brutal zusammenschlägt, dann können wir uns an dieses Ereignis lange erinnern. Aber auch Angehörige von ethnischen Minderheiten fallen durch ihre Andersartigkeit mehr auf als ein typischer Deutscher. Wenn nun beides zusammenkommt (z. B. dadurch, dass ein Angehöriger einer Minderheit sich auffallend antisozial verhält), dann führt dies zu einer nochmals gesteigerten Aufmerksamkeit und Erinnerung beim Betrachter. Die evolutionäre Perspektive Die meisten Menschen sind sich wahrscheinlich darin einig, dass Stereotype und Vorurteile bekämpft werden sollten, wobei wir dazu neigen, Vorurteile vor allem bei anderen zu sehen (z. B. bei kleinbürgerlichen Schrebergartenbesitzern oder bei glatzköpfigen Neonazis), während sich unser eigenes Urteil auf objektiven Tatsachen gründet. Die Ubiquität (d. h. Allgegenwart) von Vorurteilen verweist jedoch aus evolutionärer Perspektive darauf, dass diese – zumindest in der Environment of Evolutionary Adaptedness – einen funktionalen Nutzen gehabt haben. Diese Vermutung liegt schon deshalb nahe, weil die oftmals mit Stereotypen und Vorurteilen einhergehende Feindseligkeit potentiell zu gewalttätigen und damit gefährlichen Konflikten führt. Aus einer evolutionären Perspektive ist es nur sinnvoll, diese Kosten aufzuwenden, wenn demgegenüber ein Nutzen steht. Doch was könnte dieser Nutzen durch Vorurteile sein? Hierzu ist folgendes festzuhalten: In der „Environment of Evolutionary Adaptedness“ stellten Mitglieder anderer Stämme Konkurrenten um knappe Ressourcen (wie z. B. Wasser, Nahrung oder Frauen, etc.) dar. Beim Umgang mit Fremden konnten dabei zwei mögliche Fehler gemacht werden: Erster möglicher Fehler: Fremde werden als feindselig betrachtet, obwohl sie es nicht sind. „Wie man in den Wald hineinruf, so schallt es auch wieder heraus.“ Deutsches Sprichwort Funktionaler Nutzen von Stereotypen und Vorurteilen Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 377 378 Von Kölnern und Düsseldorfern – über Stereotype, Vorurteile und soziale Identitäten Kapitel 16 Zweiter möglicher Fehler: Fremde werden als friedfertig betrachtet, obwohl sie es nicht sind. Der erste Fehler führte u. U. zu verpassten Chancen gegenseitiger Kooperation, während der zweite – wesentlich gravierende – Fehler u. U. den eigenen Tod zur Folge hatte. Vor diesem Hintergrund scheint die menschliche Tendenz, Fremden mit Vorbehalten und Feindseligkeit zu begegnen, durchaus adaptiv und als ein Anwendungsbeispiel der in Kapitel 13 diskutierten Error Management Theory. Auch die Automatizität, mit der Menschen zwischen Mitgliedern ihrer Ingroup und einer Outgroup unterscheiden, erscheint aus evolutionärer Perspektive adaptiv. Ein solcher Automatismus lässt sich anhand der Forschungen zum so genannten „Minimal Group Paradigm“ verdeutlichen (Tajfel, 1970). Verteilt man z. B. auf eine Gruppe von Menschen zufällig blaue und gelbe Hüte, so definieren diese sich in kürzester Zeit als „die Gelben“ bzw. als „die Blauen“, neigen zu Solidarität gegenüber der eigenen und zur antisozialem Verhalten gegenüber der jeweils anderen Gruppe. Auch wenn diese Experimente zeigen, wie leicht wir Menschen hinsichtlich willkürlicher Merkmale kategorisieren, so spielen bei Konflikten zwischen Gruppen doch vorrangig Indikatoren der Stammeszugehörigkeit eine Rolle: Intergruppenkonflikte finden vor allem zwischen solchen Gruppen statt, die sich durch Hautfarbe, Sprache, Religion oder andere ethnische Unterschiede definieren. Dass Stereotype und Vorurteile einst adaptiv waren, heißt natürlich nicht, dass wir sie gutheißen sollten. Doch nur wenn wir anerkennen, dass Vorurteile Teil unseres stammesgeschichtlichen Erbes sind, werden wir in der Lage sein, diese effektiv zu bekämpfen. Abbildung 16.10: Selbst aufgrund noch so unwichtiger oder gar zufälliger Merkmale fühlen sich Menschen motiviert, sich und andere in In- und Outgroup einzuteilen. Bei dem ersten Experiment zum Minimal Group Paradigm mussten sich die Versuchspersonen über Bilder der Maler Wassily Kandinsky und Paul Klee äußern. Danach wurde ihnen willkürlich eine Präferenz für einen der Maler nachgesagt. Sofort identifizierten sich die Versuchspersonen mit denjenigen Studienteilnehmern, die angeblich eine Vorliebe für den selben Maler hatten. (Quelle: li: Balancement 1925, Kandinsky; re: Südliche Gärten, Klee) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 378 379 Zum Umgang mit Stereotypen und Vorurteilen Kapitel 16 Zum Umgang mit Stereotypen und Vorurteilen Bisher haben wir uns mit der Frage beschäftigt, warum Menschen anderen mit Stereotypen und Vorurteilen begegnen. Im Folgenden soll es darum gehen, wie Menschen darauf reagieren, Gegenstand solcher Stereotypen und Vorurteile zu sein. Stereotype als Informationen über das eigene Selbst In den Kapiteln 13 und 14 haben wir erörtert, wie Menschen Wissen über ihre Umwelt, ihre Mitmenschen, aber auch sich selbst erwerben. Es wurde deutlich, dass unser Weltbild (d. h. die Welt, in der wir subjektiv leben) in hohem Maße sozial vermittelt ist. Mit anderen Worten: Wer wir selber sind, leiten wir maßgeblich daraus ab, wie wir von anderen gesehen werden. Dies bedeutet, dass Stereotype oftmals die Funktion sich selbst erfüllender Prophezeiungen haben. Max Frisch hat dies in seinem Theaterstück Andorra eindrucksvoll dargestellt. Die Hauptperson, der junge Andri, wird von den Einwohnern des Landes für einen Juden gehalten, der bei seinem nichtjüdischen Ziehvater aufgewachsen sei (Tatsächlich aber ist er dessen leiblicher Sohn und auch seine Mutter nicht jüdischer Abstammung). Aufgrund seiner vermeintlichen Herkunft wird Andri permanent mit Vorurteilen konfrontiert, z. B. dass er kein handwerkliches Geschick habe, aber sehr gut mit Geld umgehen könne. Er wehrt sich lange gegen diese Vorurteile, akzeptiert aber schließlich seine vermeintliche jüdische Identität und beharrt schließlich selbst dann darauf, Jude zu sein, als ihm seine wahre Herkunft eröffnet wird. Am Ende wird Andri ermordet, weil ihm aufgrund seines angeblich jüdischen Ursprungs ein Mord zur Last gelegt wird, den er gar nicht begangen hat. Ebenso wie man mit seiner vermeintlichen religiösen Zugehörigkeit stark identifiziert ist, kann man seiner nationalen Identität nur schwer entkommen. Darauf hat der Schriftsteller H.M. Enzensberger eindrücklich hingewiesen (Enzensberger, 1964): „Seit Jahren höre ich die einen wie die anderen sagen, dass ich ein Deutscher bin … Ich sehe es ihren Gesichtern an, dass sie das Gefühl haben, als hätten sie damit etwas bewiesen, als hätten sie mich aufgeklärt über meine eigene Natur und als wäre es nun an mir, mich entsprechend, nämlich als Deutscher, zu verhalten. Aber wie? Soll ich stolz sein? Soll ich mich genieren? Soll ich die Verantwortung übernehmen, und wenn ja, wofür? Soll ich mich verteidigen, und wenn ja, wogegen? Ich weiß es nicht, aber wenn ich das Gesicht meines Gegen- übers aufmerksam betrachte, kann ich erraten, welche Rolle er mir zugedacht hat. Ich kann diese Rolle ausschlagen oder akzeptieren. Aber selbst indem ich sie ausschlage, werde ich sie nicht los; denn in der Miene meines Gegenübers Zusammenhang von Eigen- und Fremdwahrnehmung Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 379 380 Von Kölnern und Düsseldorfern – über Stereotype, Vorurteile und soziale Identitäten Kapitel 16 zeichnet sich bereits die Reaktion auf meine Reaktion ab: Empörung oder Genugtuung, Billigung oder Wut, nämlich darüber, dass ich mich, als Deutscher, so oder anders verhalte.“ Mit anderen Worten: Wir werden von anderen Menschen oftmals nicht als Individuen wahrgenommen, sondern als Mitglieder bestimmter sozialer Gruppen, von denen aufgrund dieser Gruppenzugehörigkeit ein bestimmtes Verhalten erwartet wird und das beeinflusst sowohl unser Selbstbild als auch unser tatsächliches Verhalten. Attributionale Ambiguität In den USA habe ich einmal einen Native American (d. h. einen Indianer) kennengelernt, den ich als solchen gar nicht erkannt hätte. Dieser aber war davon überzeugt, dass alle anderen ihn sofort als Indianer identifizierten und dass sehr viele Amerikaner ihm aufgrund dessen mit Vorbehalten begegnen. Zum Beispiel erzählte er mir, dass noch vor wenigen Stunden die Mitarbeiterin eines Fitnessstudios seine Einladung zum Dinner nur deshalb ausgeschlagen habe, weil er Indianer sei. Aber vielleicht hatte sie an diesem Abend schon etwas vor oder sie hatte einen Freund? Diese Anekdote verweist auf ein grundsätzliches Problem: Oftmals fällt es uns schwer, zu entscheiden, ob wir nur deshalb in bestimmter Weise behandelt werden, weil wir einer bestimmten sozialen Gruppe angehören. Wenn z. B. eine Frau feststellt, dass nicht sie, sondern ihr männlicher Kollege die erhoffte Beförderung erhält, dann kann dies daran liegen, dass ihr Vorgesetzter Vorbehalte gegenüber Abbildung 16.11: Auf der Karriereleiter sto- ßen Frauen oft gegen eine gläserne Decke. D. h. sie bleiben trotz hoher Qualifikation aufgrund ihres Geschlechtes im mittleren Management hängen, der so genannte Glass-Ceiling-Effect. Doch woran liegt es im Einzelfall, wenn eine Frau bei einer Beförderung hinter einem männlichen Kollegen zurückstecken muss? Wird sie wirklich wegen Ihres Geschlechts diskriminiert oder sind es doch andere individuelle Gründe? Oftmals gehen wir davon aus, dass andere uns nur anhand von Stereotypen beurteilen, obwohl jenes nicht der Fall ist. (Quelle: Morris) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 380 381 Zum Umgang mit Stereotypen und Vorurteilen Kapitel 16 Frauen hat, es kann aber auch ganz andere Ursachen haben. Dennoch, falls die Frau ihre Nichtbeförderung auf Vorbehalte ihres Chefs gegenüber Frauen in Führungsrollen attribuiert, wird sie sich in der Zukunft vielleicht gar nicht mehr um eine Beförderung bemühen. Solche attributionalen Ambiguitäten können jedoch auch dann vorliegen, wenn Menschen etwas Positives widerfährt und sie sich eigentlich über einen Erfolg freuen könnten. In den USA, aber auch in Deutschland wird versucht, durch „positive Diskriminierung“ bestimmte Personengruppen besonders zu fördern. So gibt es an vielen amerikanischen Universitäten feste Quoten für die Vergabe von Studienplätzen an afroamerikanische Bewerber. Wenn nun ein Afroamerikaner einen Studienplatz erhält, wird er sich unter Umständen fragen, ob dies vor allem dem Bestreben der Universität zugeschrieben werden kann, einen bestimmten Prozentsatz schwarzer Bewerber aufzunehmen oder das Ergebnis seiner eigenen Leistung ist. Bedrohung durch Stereotype Stereotype können nicht nur durch die Erwartungen des Gegenübers zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden. Auch die Angst, ein Stereotyp zu erfüllen – der sogenannte „Stereotype Threat“ (Steele & Aronson, 1995), kann bei Angehörigen diskriminierter Minderheiten eben dieses stereotypkonforme Verhalten auslösen. So besteht z. B. bei vielen Menschen das Stereotyp, dass Frauen mathematisch weniger begabt seien als Männer. Im Kapitel 9 hatten wir bereits diskutiert, dass ein solcher Unterschied nicht besteht. Dennoch schneiden Frauen tatsächlich in manchen mathematischen Tests schlechter ab als Männer – nämlich dann, wenn sie vorher auf das Vorurteil aufmerksam gemacht werden. So wurde in einer Studie mit einem Mathematiktest den Teilnehmern entweder mitgeteilt, dass Männer in diesem Test bessere Leistungen erzielen als Frauen oder aber es wurde den Teilnehmern mitgeteilt, dass bei diesem Test Frauen im Schnitt genauso gut abschneiden wie Männer. Die folgende Abbildung zeigt, dass Frauen tatsächlich sehr viel schlechtere Testleistungen erbrachten, wenn sie zuvor auf einen vermeintlichen Geschlechtsunterschied in den zu erwartenden Testleistungen aufmerksam gemacht wurden. Gab es keinen solchen Hinweis, unterschieden sich die Testleistungen von Männern und Frauen hingegen nicht signifikant (Spencer, Steele & Quinn, 1999). In einer Folgestudie konnte gezeigt werden, dass ein solcher Effekt auch dann zu beobachten ist, wenn die Testteilnehmer sehr viel subtiler auf ihr eigenes Geschlecht aufmerksam gemacht wurden. Wenn weibliche Versuchspersonen einen Stereotype Threat Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 381 382 Von Kölnern und Düsseldorfern – über Stereotype, Vorurteile und soziale Identitäten Kapitel 16 Mathematiktest in Anwesenheit zwei weiterer Frauen ausfüllten, waren ihre Testleistungen signifikant höher als wenn dies in Anwesenheit zweier Männer geschah (Inzlicht & Ben-Zeev, 2000). Vor allem in den USA gibt es das Stereotyp, dass Weiße intelligenter seien als Schwarze, diese aber athletischer seien als Weiße. In einer Studie (Stone et al., 1999), in denen die Versuchspersonen an einem virtuellen Golfspiel teilnahmen, wurde den weißen bzw. schwarzen Versuchspersonen dieses Spiel entweder als „sportpsychologischer“ Test beschrieben, als ein Test zur Messung der „sportlichen Intelligenz“ oder aber als ein Test zur Messung der „natürlichen athletischen Fähigkeiten“. Die Ergebnisse zeigten, dass sich keinerlei Unterschiede zwischen weißen und schwarzen Versuchspersonen finden ließen, wenn der Versuch als „sportpsychologischer“ Test beschrieben wurde. Wenn der Test hingegen vermeintlich die „sportliche Intelligenz“ der Versuchspersonen maß, erzielten weiße Versuchspersonen bessere Ergebnisse als schwarze. Wenn es bei dem Test jedoch vermeintlich um die Messung der „natürlichen athletischen Fähigkeiten“ ging, schnitten schwarze Versuchspersonen im Durchschnitt besser ab als weiße. 0 5 10 15 20 25 30 T es te rg eb n is Kein Gechlechterunterschied Gechlechterunterschied Testbedingung Männer Frauen Abbildung 16.12: Stereotype Threat: Werden wir auf unsere Zugehörigkeit zu einer gewissen sozialen Gruppe aufmerksam gemacht, verhalten wir uns meist automatisch im Einklang mit Stereotypen, welche mit der Gruppe assoziiert werden. So schneiden Frauen bei Intelligenztests schlechter ab als Männer, wenn ihnen ihr Geschlecht bewusst ist – und zwar nur dann. (Quelle: Eigene Darstellung) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 382 383 Studentenfutter Kapitel 16 Kurz und gut 1. Die Theorie der sozialen Identität (Social Identity Theory) verweist darauf, dass Menschen ihr Selbstkonzept und ihre Identität unter anderem aus ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen ableiten. 2. Menschen sind darum bemüht, ihre eigene Gruppe von anderen Gruppen abzugrenzen, indem der eigenen Gruppe spezifische positive Eigenschaften, Fremdgruppen hingegen negative Eigenschaften zugeschrieben werden. 3. Die Terror Management Theorie argumentiert, dass Menschen versuchen, „symbolische Unsterblichkeit“ zu erlangen, indem sie sich mit sozialen Gruppen identifizieren, die auch nach ihrem eigenen Tod fortbestehen werden. 4. Aus einer ökonomischen Perspektive haben Vorurteile und Diskriminierung die Funktion, der eigenen Gruppe einen möglichst ungehinderten Zugang zu knappen Ressourcen zu ermöglichen. 5. Aus der Sicht der Social Cognition Forschung sind Vorurteile und Stereotype auf die kognitiven Limitationen des Menschen zurückzuführen. 6. Die Allgegenwart von Vorurteilen verweist aus evolutionärer Perspektive darauf, dass diese – zumindest in der Environment of Evolutionary Adaptedness – einen funktionalen Nutzen gehabt haben. 7. Stereotype führen oftmals zu sich selbst erfüllenden Prophezeiungen. 8. Der Confirmation Bias führt dazu, dass wir auch dann an Stereotypen festhalten, wenn diese empirisch nicht bestätigt werden. 9. Menschen haben oftmals Schwierigkeiten, zu entscheiden, ob das Verhalten eines Interaktionspartners auf dessen Vorurteile zurückzuführen ist. 10. Die Angst, ein bestimmtes Stereotyp zu erfüllen, kann bei Angehörigen diskriminierter Minderheiten ein stereotypkonformes Verhalten auslösen. Studentenfutter Förster, J. (2007). Kleine Einführung in das Schubladendenken: Über Nutzen und Nachteil des Vorurteils. München: Deutsche Verlags-Anstalt. Tajfel, H. (1982). Social psychology of intergroup relations. Annual Review of Psychology, 33, 1–39. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 383 Kapitel 17 Die Furcht vor dem Alleinsein oder „Die Hölle, das sind die Anderen“. Warum sind Menschen soziale Wesen? Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 385

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Zusammenfassung

Vorteile

- Die psychologischen Grundlagen für das wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Studium: von der Allgemeinen über die Sozial- bis zur Wahrnehmungspsychologie

- Kompakter Aufbau

- Komplett vierfarbig

Zum Werk

In den Wirtschaftswissenschaften gilt das Bild des rational denkenden Menschen als überholt. Kenntnisse aus der Psychologie spielen dagegen eine immer größere Bedeutung für die Analyse, was sich nicht zuletzt in der aktuellen Diskussion um die Glücksforschung widerspiegelt.

Dieses Lehrbuch führt Wirtschaftswissenschaftler an die Grundlagen der Psychologie heran und stellt dar, wie sie das menschliche Verhalten (und damit auch das für die Wirtschaftwissenschaften wichtige Entscheidungsverhalten) beeinflussen.

Autor

Prof. Dr. Detlef Fetchenhauer ist Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität zu Köln. Er lehrt darüber hinaus an der Universität Wien.

Zielgruppe

Für Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten und Fachhochschulen sowie Studierende, die im Nebenfach Psychologie belegen müssen (z.B. Lehramt).