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Kapitel 14 Is there anybody in there? Warum es so schwer ist, sich selbst zu erkennen in:

Detlef Fetchenhauer

Psychologie, page 307 - 330

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3713-3, ISBN online: 978-3-8006-3940-3, https://doi.org/10.15358/9783800639403_307

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311 Kapitel 14 Kapitel 14 Is there anybody in there? Warum es so schwer ist, sich selbst zu erkennen Wer bin ich? Es gibt keinen Menschen, dem wir so nahe sind wie uns selbst. Seitdem wir denken können, beobachten wir unser Verhalten 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. Hierbei sehen wir uns in den unterschiedlichsten Situationen und in den unterschiedlichsten sozialen Rollen (z. B. als Vorgesetzter, als Kollege, als Vater oder Mutter, als Freund), während andere uns immer nur in bestimmten Kontexten erleben (z. B. als Vorgesetzten, als Kollegen, als Vater oder Mutter, als Freund). Aber wir haben nicht nur mehr Informationen über uns selbst als jeder andere Mensch, wir haben auch einen exklusiven Zugang zu unseren eigenen Gedanken und Gefühlen, die andere bestenfalls erraten bzw. aus unserem Verhalten erschließen können. Wie ein Freund von mir einmal meinte: „Wenn ich zu meiner „Einmal auf der Welt, und dann ausgerechnet als Klempner in Detmold.“ Christian Dietrich Grabbe (1801–1836), deutscher Dramatiker InhaltWer bin ich? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 311 Selbsterkenntnis: Wollen wir das überhaupt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313 Das Erkennen eigener Fähigkeiten und Defizite . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 314 Warum erkennen inkompetente Menschen ihre Unfähigkeit nicht? . . . . . . . . 316 Warum unterschätzen kompetente Menschen ihre Fähigkeiten? . . . . . . . . . . 317 Warum lernen Menschen nicht aus ihren Erfahrungen? . . . . . . . . . . . . . . . . 318 Der „Better-than-average“ Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319 Der Kern unseres Selbst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 320 Unser Leben als Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321 Bewusstes versus unbewusstes Selbst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323 Wie gelangen wir zu besserer Selbsterkenntnis? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324 Introspektion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324 Feedback durch andere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327 Systematische Variation unserer eigenen Umwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329 Lohnt sich Selbsterkenntnis? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330 Kurz und gut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 333 Studentenfutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 333 Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 311 312 Is there anybody in there? Warum es so schwer ist, sich selbst zu erkennen Kapitel 14 Freundin sage, dass ich sie liebe, weiß ich ganz genau, dass dies stimmt. Wenn sie das Gleiche zu mir sagt, kann ich dies nur hoffen.“ Mit anderen Worten: Introspektion (d. h. die unmittelbare Wahrnehmung von Gefühlen und Gedanken) ist immer nur bei uns selber möglich. Hieraus ließe sich der Schluss ableiten, dass wir über niemanden so viel wissen wie über uns selbst und dass wir sehr gut in der Lage sind, einzuschätzen, wie intelligent oder attraktiv wir im Vergleich zu anderen sind, welche Vorlieben und Abneigungen wir haben oder was in unserem Leben fehlt, damit wir endlich glücklich werden. Andererseits scheint Selbsterkenntnis keineswegs einfach zu sein. Schon Wilhelm von Humboldt hielt „Selbsterkenntnis für schwierig und selten, die Selbsttäuschung dagegen für sehr leicht und gewöhnlich.“ Und auch wir Heutigen bemühen uns nach wie vor, uns selber besser zu verstehen, wie ein Blick in die Abteilung „Psychologie und Esoterik“ jeder Bahnhofsbuchhandlung oder ein Blick ins Internet lehrt (wenn man den Begriff „Selbsterkenntnis“ in die Internet- Suchmaschine „Google“ eingibt, gelangt man zu 728 000 Einträgen). Ein Grund, warum Selbsterkenntnis durchaus schwierig ist, liegt in der Tatsache, dass wir uns immer nur von innen wahrnehmen, aber niemals von außen beobachten können. Ein Beispiel: Wenn wir uns fragen, welcher unserer beiden besten Freunde mehr Humor habe, können wir uns an Situationen erinnern, in denen diese witzige Anekdoten aus ihrem Leben erzählt haben und können uns daran erinnern, wie sehr wir selbst und andere darüber gelacht haben. Wenn wir uns aber fragen, wer mehr Humor habe, unser bester Freund oder wir selbst, haben wir mit dem Problem zu kämpfen, dass wir uns niemals von außen sehen, wenn wir anderen einen Witz erzählen, was den Vergleich zwischen unserem Freund und uns selber ungleich schwieriger macht. Selbsterkenntnis ist nicht trivial Abbildung 14.1: Selbsterkenntnis ist wichtig, aber schwierig. Denn man kann sich nie selbst von außen sehen und so wahrnehmen, wie andere es tun. (Quelle: unbekannt) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 312 313 Selbsterkenntnis: Wollen wir das überhaupt? Kapitel 14 Dieses Kapitel wird Ihnen zeigen, dass Sie tatsächlich verblüffend wenig über sich selber wissen und wie die moderne Psychologie diese Tatsache erklärt. Zunächst aber soll es um die Frage gehen, ob Menschen überhaupt daran interessiert sein sollten, sich selbst zu erkennen. Selbsterkenntnis: Wollen wir das überhaupt? Während meines Studiums sind mir manchmal Menschen begegnet, die mir sagten, „Psychologie“ klänge zwar ungemein spannend, aber ein solches Studium käme für sie selber nicht in Betracht. Am Ende würden sie dort Dinge über sich selbst erfahren, die sie gar nicht wissen wollten. In der Tat sind Menschen nicht immer darum bestrebt, möglichst viel über sich selber zu lernen. So haben Menschen nur wenig Interesse daran, zu erfahren, ob sie an einer bestimmten Krankheit leiden, wenn diese Krankheit unheilbar ist (Dawson et al., 2006). Schon Goethe sagte, sich selbst zu erkennen sei „eine seltsame Forderung, der bis jetzt niemand genüget hat und der auch niemand genügen soll.“ Sollen wir also gar nicht erst versuchen, uns zu erkennen? Gegen diesen Standpunkt lässt sich einwenden, dass ein Mindestmaß an Selbsterkenntnis für jeden Menschen hilfreich ist und zwar mindestens in zweierlei Hinsicht: Zum einen müssen wir in vielen Situationen einschätzen, welche Eigenschaften wir im Vergleich zu anderen haben. Ein Beispiel: Wenn Menschen ihre eigene berufliche Qualifikation systematisch überschätzen, führt dies dazu, dass sie sich ständig auf Stellen bewerben, die sie niemals bekommen werden. Wenn Menschen hingegen ihre eigene berufliche Qualifikation systematisch unterschätzen führt dies zu verpassten Gelegenheiten und dazu, dass diese sich „unter Wert verkaufen“. Mit anderen Worten lohnt es sich also, wenn Menschen in der Lage sind, ihre eigenen Fähigkeiten im Vergleich zu anderen valide einzuschätzen. Zum anderen brauchen Menschen ein – zumindest intuitives – Wissen darüber, was sie überhaupt wollen bzw. was zu ihrer Persönlichkeit passt, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Nur wenn wir unsere eigenen Motive, Vorlieben und Sehnsüchte kennen, sind wir in der Lage, das richtige Fach zu studieren, das richtige Hobby zu finden, die richtige Wohnung in der richtigen Stadt zu wählen, den richtigen Mann oder die richtige Frau zu heiraten und uns im richtigen Moment scheiden zu lassen (oder nicht). Kurz: Um in ihrem Leben glücklich zu werden, müssen Menschen wissen, was sie eigentlich wollen. Wie schwierig dies ist, weiß jeder, der schon einmal vor einer schweren Entscheidung in seinem Leben stand. Adaptivität von Selbsterkenntnis Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 313 314 Is there anybody in there? Warum es so schwer ist, sich selbst zu erkennen Kapitel 14 Das Erkennen eigener Fähigkeiten und Defizite Es gibt eine Vielzahl an Studien zu der Frage, wie gut Menschen in der Lage sind, ihre eigenen Fähigkeiten im Vergleich zu den Fähigkeiten anderer einzuschätzen. In all’ diesen Studien geht es darum, dass die Selbstbewertung der Versuchs teilnehmer (z. B. hinsichtlich ihrer Intelligenz) in Beziehung gesetzt wird zu einem objektiven Verhaltenskriterium (z. B. ihrem Abschneiden in einem Intelligenztest). Ihre Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen: In der Tendenz gibt es einen positiven und signifikanten Zusammenhang zwischen der Selbsteinschätzung der Probanden und ihrem tatsächlichen Wert, aber dieser Zusammenhang ist zumeist recht schwach und liegt im Mittel bei einem Korrelationskoeffizienten von ca. r =.30 (für eine Übersicht siehe Dunning, 2005). Dies bedeutet: Im Durchschnitt schätzen sich objektiv kompetente Menschen fähiger ein als inkompetente Menschen, aber es gibt sehr viele inkompetente Menschen, die ihre Fähigkeiten dramatisch über- und viele kompetente Menschen, die ihre Fähigkeiten dramatisch unterschätzen. Dieses Ergebnis konnte hinsichtlich einer Vielzahl von Dimensionen gefunden werden, z. B. hinsichtlich kognitiver Fähigkeitsmaße wie logisches Denken (Hansford & Hettie, 1982), Humor (Kruger & Dunning, 1999), beruflicher Qualifikationen (Hodges et al., 2001; Edwards et al., 2003; Haun et al., 2000; Marteau et al., 1989; Tracy et al., 1997), der Fähigkeit, zu erkennen, ob andere die Wahrheit sagen oder lügen (DePaulo et al., 1997) oder dem eigenen Wissen über die Benutzung von Kondomen (Crosby & Yarber, 2001). Eine Studie hat beispielsweise demonstriert, wie wenig wir über unsere eigene Intelligenz Bescheid wissen (Borkenau & Liebler, 1993). In dieser Studie nahmen Versuchspersonen an einem Intelligenztest teil und wurden gebeten, ihre eigene Intelligenz einzuschätzen. Danach wurden die gleichen Personen auf Video aufgenommen, während sie ein Büro betraten, einen vorgefertigten Wetterbericht verlasen und das Büro wieder verließen. Anschließend wurden diese Videos einer Gruppe von Beurteilern vorgelegt, die den Intelligenzquotienten der Stimuluspersonen (d. h. der Personen auf den Videos) einschätzen sollten. Das Ergebnis: Die Korrelation zwischen der Selbsteinschätzung der Stimuluspersonen und dem Ergebnis ihres IQ-Tests betrug r =.32. Die Korrelation zwischen den IQ-Tests und der Einschätzung der Stimuluspersonen durch die Beobachter betrug r =.30. Mit anderen Worten: Nach 60 Sekunden eines recht ereignislosen Videos wussten die Beobachter genau so viel über die Intelligenz der Stimuluspersonen wie diese nach einem ganzen Leben. Wie lässt es sich erklären, dass Menschen offensichtlich nur sehr begrenzt in der Lage sind, ihre eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen einzuschätzen? Hierzu wurde von Dave Dunning (Kruger & Dunning, 1999; zu genaueren Erklärungen Korrelation von Selbsteinschätzung und Realität David Dunning US-amerikanischer Sozialpsychologe – Dunning ist Experte für die Fehlerhaftigkeit von menschlichen Selbsteinschätzungen und Augenzeugenberichten. Er forscht außerdem zum Thema Vertrauen (s. Kapitel 17). Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 314 315 Das Erkennen eigener Fähigkeiten und Defizite Kapitel 14 siehe Dunning, Heath & Suls, 2004; Dunning, 2005) eine Vielzahl an Experimenten durchgeführt, in denen die Probanden verschiedene Fähigkeiten unter Beweis stellen mussten (z. B. die Fähigkeit zu logischem Denken, ihre Rechtschreib- und Grammatikkenntnisse sowie ihre Fähigkeit, gute von schlechten Witzen zu unterscheiden). Anschließend wurden die Probanden nach ihren objektiven Fähigkeiten in vier gleichgroße Gruppen (d. h. Quartile) unterteilt. Jedem Quartil kann ein bestimmter Prozentrang zugeordnet werden, d. h. er gibt an, wie viel Prozent der Versuchspersonen ein schlechteres Ergebnis erzielt haben. Beispiel: Im obersten Quartil sind all’ jene Versuchspersonen zusammengefasst, die zum besten Viertel gehörten, d. h. Versuchspersonen mit einem Prozentrang zwischen 75 % und 100 %. Hieraus lässt sich ableiten, dass der durchschnittliche Prozentrang dieser Gruppe bei 87,5 % liegt. Nachdem die Versuchspersonen einen Test beendet hatten, wurden sie darum gebeten, einzuschätzen, wie viel Prozent aller anderen Versuchspersonen schlechter waren als sie selbst. Die Ergebnisse in einer Vielzahl an Studien waren sehr ähnlich und sind in der Abbildung auf der nächsten Seite zusammengefasst. Wie man sieht zeigt sich auch in den Experimenten von Dunning ein positiver, allerdings nur schwacher Zusammenhang zwischen der objektiven Testleistung der Probanden und ihrer Selbsteinschätzung. Abbildung 14.2: Selbst unsere eigene Intelligenz können wir Menschen oft nicht valide einschätzen. (Quelle: Werner Stangl in Anlehnung an Gary Larson) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 315 316 Is there anybody in there? Warum es so schwer ist, sich selbst zu erkennen Kapitel 14 Warum erkennen inkompetente Menschen ihre Unfähigkeit nicht? Bei Betrachtung der Selbsteinschätzungen fällt besonders auf, dass die objektiv inkompetenten Versuchspersonen ihre Fähigkeiten massiv überschätzen. Die Versuchspersonen im unteren Quartil hatten einen objektiven Prozentrang von 12,5 %, schätzten diesen jedoch auf ca. 60 %. Dass Menschen ihre eigene Inkompetenz nicht erkennen, zeigt sich nicht nur im sozialpsychologischen Labor, sondern auch bei den in den letzten Jahren so erfolgreichen „Casting-Shows“ wie z. B. „Deutschland sucht den Superstar“. Für diese Sendung bewerben sich jedes Mal zehntausende junge Menschen, von denen nur ein kleiner Teil über musikalisches und sängerisches Talent verfügt. Warum erkennt die große Zahl der völlig Unbegabten nicht, dass ihr Gesang selbst in der Badewanne kaum erträglich ist, geschweige denn auf einer Bühne vor Millionen von Fernsehzuschauern? Einen Teil dieses Phänomens erklärt Dunning folgendermaßen: Um das Versagen bei einer Aufgabe zu erkennen, sind genau jene Fähigkeiten notwendig, die zum Bewältigen der Aufgabe erforderlich gewesen wären (Kruger & Dunning, 1999). Ein Beispiel: Einer Gruppe von Versuchspersonen wurde ein Text vorgelegt, der auf Rechtschreib- und Grammatikfehler hin überprüft werden sollte. Anschließend hatten die Versuchspersonen die Aufgabe, ihre eigene Leistung im Vergleich zu allen anderen Probanden einzuschätzen. Hierbei ergab sich das gewohnte Bild: Objektiv inkompetente Versuchspersonen überschätzten ihre eigenen Fähigkeiten ganz dramatisch. Selbsteinschätzung und Deutschland sucht den Superstar 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 1 2 3 4 Pe rz en til Tatsächliches Leistungsquartil Wahrgenommene Leistung Tatsächliche Leistung Abbildung 14.3: Über- und Unterschätzung: Bei den meisten Menschen stimmt die tatsächliche Leistung kaum mit der selbst wahrgenommenen überein. (Quelle: Eigene Darstellung, nach Dunning, 2005) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 316 317 Das Erkennen eigener Fähigkeiten und Defizite Kapitel 14 Anschließend wurden diejenigen Versuchspersonen, die zum objektiv besten bzw. objektiv schlechtesten Viertel gehörten, noch einmal eingeladen, um an einem zweiten Teil des Experiments teilzunehmen. Hierbei wurden ihnen ihre eigenen Lösungsblätter sowie die Lösungsblätter von zehn anderen Versuchspersonen vorgelegt, die bewusst so ausgewählt waren, dass sie die gesamte Breite aller Lösungen abdeckten. Im Anschluss daran wurden die Versuchspersonen gebeten, noch einmal ihren eigenen Prozentrang einzuschätzen. Während diese Einschätzung bei den Kompetenten von 70 % auf 80 % stieg, blieb die Einschätzung bei den Inkompetenten konstant bei 60 %. Die Erklärung hierfür: Ihre eigene Inkompetenz sorgte dafür, dass die objektiv Unfähigen nicht in der Lage waren, zu erkennen, dass die Mehrheit der ihnen vorgelegten Lösungsblätter besser war als ihre eigenen Lösungen. Warum unterschätzen kompetente Menschen ihre Fähigkeiten? Ein weiteres Ergebnis der Studien von Dunning besteht in dem Befund, dass objektiv kompetente Versuchspersonen ihre eigenen relativen Fähigkeiten in der Regel unterschätzen. Eine mögliche Erklärung dafür sieht Dunning (2005b) im so genannten „False Consensus Effect“ (Marks & Miller, 1998; Ross et al., 1977). Dieser besteht darin, dass Menschen dazu neigen, die Häufigkeit eigener Eigenschaften in der Gesamtbevölkerung zu überschätzen (Fussel & Kraus, 1992; Nickerson et al., 1987; Murstein & Pryer, 1959). Mit anderen Worten: Die meisten Menschen glauben, dass die meisten Menschen so sind wie sie selbst. Dies führt dazu, dass objektiv kompetente Menschen nicht in der Lage sind, zu erkennen, dass ihre eigenen Fähigkeiten überdurchschnittlich sind und dazu führen, bestimmte Aufgaben als einfach und trivial zu empfinden, die für andere durchaus schwierig und herausfordernd sind. False Consensus Effect Abbildung 14.4: Viele begabte Menschen sind sich ihrer eigenen Außergewöhnlichkeit gar nicht bewusst. So wie der Gewinner bei „Wer wird Millionär“, Hochbegabte wie der Brite Daniel Tammet (re. ob), der die Zahl Pi bis auf über 22.000 Nachkommastellen auswendig kennt, der russische Mathematiker Grigori Perelman, der schon mehrere hohe Auszeichnungen ausschlug oder Sportler, die selbst davon überrascht sind, dass sie Weltrekorde brechen. (Quelle ob. li. RTL, ob. re. unbekannt, u. li. dpa, u. re. Fotothek, Emil Zátopek) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 317 318 Is there anybody in there? Warum es so schwer ist, sich selbst zu erkennen Kapitel 14 Warum lernen Menschen nicht aus ihren Erfahrungen? Man mag argumentieren, dass sich die Unfähigkeit von Menschen, ihre eigenen Fähigkeiten im Vergleich zu anderen valide einzuschätzen, auf jene Bereiche beschränkt, über die wir nur wenig Feedback erhalten. Hinsichtlich zentraler Bereiche unseres Lebens aber sollten wir uns selber sehr genau einschätzen können, weil wir „aus Erfahrung klug“ werden, d. h. weil wir Illusionen über uns selber immer nur eine begrenzte Zeit aufrechterhalten können. Gegen dieses Argument gibt es eine Reihe empirischer Einwände. So zeigen Studien, dass Menschen nicht nur dann Schwierigkeiten haben, ihre Fähigkeiten valide einzuschätzen, wenn es dabei um relativ periphere Eigenschaften geht (wie z. B. Humor), sondern auch hinsichtlich zentraler, täglich relevanter beruflicher Qualifikationen. Es konnte z. B. belegt werden, dass Chirurgen ihr eigenes chirurgisches Vermögen nur sehr unzureichend einschätzen können (Risucci et al., 1989). Warum aber lernen wir mit der Zeit nicht immer mehr über uns? Zum einen zeigt sich, dass das Feedback, das wir über unsere eigenen Leistungen und Fähigkeiten erhalten, oftmals ambivalent (d. h. doppeldeutig) und unvollständig ist. Beispiel: Sie bewerben sich bei Firma X für eine Stelle und erhalten nach einer Woche Ihre Bewerbungsunterlagen zurück, mit dem Hinweis, dass aufgrund der Vielzahl an Bewerbungen auch sehr gute Bewerber nicht berücksichtigt werden konnten. Bedeutet dies, dass Sie sich zukünftig nur noch auf Stellen bewerben sollten, bei denen weniger Anforderungen gestellt werden (und das Gehalt entsprechend niedriger ist)? Eine solche Entscheidung wäre vermutlich voreilig, weil die Tatsache, dass Sie eine ganz bestimmte Stelle nicht erhalten, nur sehr ungenaue Auskunft darüber gibt, wie gut Ihre Arbeitsmarktchancen ganz allgemein sind. Aber ab der wievielten Ablehnung sollten Sie sich durchaus Gedanken darüber machen, Ihre Bewerbungsstrategie zu ändern? Hinzu kommt ein Phänomen, dem wir schon häufiger begegnet sind: der Confirmation Bias. Wenn Menschen einmal davon überzeugt sind, über eine bestimmte Fähigkeit zu verfügen, lassen sie sich auch durch empirische Widersprüche nicht vom Gegenteil überzeugen, weil es immer auch Beispiele geben wird, die für eine hohe Fähigkeit sprechen („wie intelligent ich bin, sieht man doch schon daran, wie geschickt ich jeweils die besten Schnäppchen bei Ebay mache“). Darüber hinaus neigen Menschen dazu, positives Feedback unkritisch zu akzeptieren, negatives Feedback jedoch kritisch zu hinterfragen (Dawson et al. 2002, Ditto & Lopez, 1992). Ein Beispiel: An meiner Fakultät werden alle Lehrveranstaltungen von den Studierenden evaluiert (d. h. in aufwändigen Frage- Ambivalenz von Feedback Umgang mit positivem und negativem Feedback Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 318 319 Das Erkennen eigener Fähigkeiten und Defizite Kapitel 14 bogenuntersuchungen werden die Studierenden danach gefragt, wie gut ihnen die verschiedenen Lehrveranstaltungen gefallen). Viele meiner Kollegen, die bei solchen Evaluationen eher schlecht abschneiden, argumentieren, dies habe vor allem mit der Schwierigkeit ihres Faches zu tun oder damit, dass sie selber hohe Ansprüche an ihre Studierenden haben und die Studenten die Qualität ihrer Lehre nicht erkennen. Eine weitere Verzerrung, die Menschen beim Umgang mit Feedback zeigen, besteht darin, Erfolge als Indikator für eine sehr allgemeine Fähigkeit zu interpretieren („Ich bin sehr intelligent“), Misserfolge hingegen lediglich als Indikator für eine sehr spezifische Fähigkeit („Mit Computern habe ich nur wenig Erfahrung“) (Fiske & Neuberg, 1990, Dunning et al., 1991). Zusammenfassend lässt sich somit festhalten, dass Menschen oftmals Probleme haben, aus ihren Erfahrungen valide Informationen über ihre eigenen Fähigkeiten und Eigenschaften abzuleiten. Dies liegt daran, dass Feedback zumeist ambivalent und uneindeutig ist, dass wir dazu neigen, an einmal entwickelten Überzeugungen über uns selber festzuhalten (auch wenn die Mehrzahl aller Erfahrungen dagegen spricht) und dass wir Feedback in solcher Weise interpretieren, dass es uns in einem positiven Licht erscheinen lässt. Der „Better-than-average“ Effekt Aus dem soeben Gesagten lässt sich ableiten, dass Menschen ihre positiven Eigenschaften überschätzen und ihre negativen Eigenschaften unterschätzen sollten. Dass dies in der Tat so ist, sieht man bereits in Abbildung 1. In den Studien von Dunning gab sich die durchschnittliche Versuchsperson jeweils einen Prozentrang von etwas über 60 % (obwohl dieser logischerweise bei 50 % liegen sollte). Ein solcher „Better than Average“ Effekt – auch „Overaverage Effekt“ genannt Abbildung 14.5: „Der andere war Schuld“, „Das Auto hat nicht gemacht, was ich wollte“, „Die Straßenführung ist auch objektiv unlogisch“ oder „Nur wenn die Sonne blendet, kann ich nicht gut Auto fahren“: Menschen finden fast immer einen Weg, um negatives Feedback so umzudeuten, dass es ihrem Selbstwertgefühl nicht schadet. (Quelle: Daniel Bujack − Fotolia.com). Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 319 320 Is there anybody in there? Warum es so schwer ist, sich selbst zu erkennen Kapitel 14 – konnte auch in einer Vielzahl anderer Studien nachgewiesen werden (Krueger & Mueller, 2002; Harrison & Shaffer, 1994; Rutter et al. 1998). So waren in einer Studie 60 % aller befragten amerikanischen High School Schüler davon überzeugt, sportlicher zu sein als der Durchschnitt, 34 % hielten sich für durchschnittlich und nur 6 % aller Befragten hielten sich für unterdurchschnittlich sportlich (College Board 1976–1977). Da aber der durchschnittliche Schüler nicht sportlicher sein kann als der durchschnittliche Schüler, zeigt sich in diesem Ergebnis eine deutliche Verzerrung. In der gleichen Studie wurden die Teilnehmer nach ihrer Fähigkeit gefragt, „mit anderen Menschen zurecht zu kommen“: Keine einzige Versuchsperson beschrieb sich auf dieser Dimension als unterdurchschnittlich, 25 % aller Befragten gaben sich einen Prozentrang von 99 % (College Board 1976–1977). Ironischerweise konnte empirisch belegt werden, dass dieser „Better than Average“-Effekt selbst für die Fähigkeit gilt, „sich selbst unvoreingenommen und zutreffend einzuschätzen“ (Friedrich, 1996, Pronin et al., 2002). Und auch Professoren sind vor dem „Better than Average“ Effekt nicht gefeit: In einer Studie glaubten 94 % von ihnen, bessere Professoren zu sein als der Durchschnitt ihrer Kollegen (Cross, 1977). Somit lässt sich festhalten: Die meisten Menschen sind nur sehr unzureichend in der Lage, ihre eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen valide einzuschätzen. Stattdessen zeigen sich zwischen objektiv vorhandenen und subjektiv wahrgenommenen Fähigkeiten zumeist nur recht schwache Zusammenhänge. Anstatt ein realistisches Bild von sich selbst zu haben, sehen sich die meisten Menschen lieber durch eine rosarote Brille. Der Kern unseres Selbst Bisher ging es in diesem Kapitel vor allem darum, inwiefern Menschen in der Lage sind, ihre eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen im Vergleich zu anderen einzuschätzen. Im Folgenden beschäftigen wir uns mit einer anderen Art der Selbsterkenntnis, nämlich damit, inwiefern wir einen introspektiven Zugang zu unserer Persönlichkeit, unseren Wünschen und unseren Sehnsüchten haben, d. h. es geht um die Frage: Was will ich und wer bin ich? Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 320 321 Der Kern unseres Selbst Kapitel 14 Unser Leben als Geschichte Wenn Menschen über sich selbst nachdenken, denken sie selten in abstrakten Eigenschaften. Es gibt z. B. kaum Menschen, die sich durch ihre relative Ausprägung auf verschiedenen Eigenschaftsdimensionen definieren („Ich bin durchschnittlich neurotisch, aber überdurchschnittlich gewissenhaft“) (zu allgemeinen Persönlichkeitsmerkmalen siehe Kapitel  8). Stattdessen beschreiben die meisten Menschen sich und ihr Leben in der Form von Geschichten, deren Hauptdarsteller sie sind. Nach McAdams (2008) lassen sich hierbei unterschiedliche Genres unterscheiden, in denen Menschen ihre Lebensgeschichte konstruieren. Einige Menschen sehen sich als Hauptdarsteller in einer Komödie, in der sie einige Irrungen und Wirrungen zu bestehen haben, das „Happy End“ aber niemals in Frage steht (siehe Shakespeare’s „A Midsummernights’s Dream“). Andere sehen sich als Held eines romantischen Epos. Auch hier gibt es ein Happy End, aber dieses muss hart erkämpft werden und winkt erst, nachdem der Hauptdarsteller einige gefährliche Abenteuer bestanden hat, die ihn weit in die Welt hinaustreiben (Homers „Odyssee“ ist ein Beispiel für diese Art von Lebensgeschichte). Wieder andere Menschen begreifen ihr Leben als Tragödie, in der ihre Aufgabe vor allem darin besteht, ein hartes und ungerechtes Schicksal mit Würde zu ertragen (ein Beispiel hierfür sind „Die Leiden des jungen Werther“ von Goethe). Eine sehr moderne Form schließlich ist die Satire, in welcher der Held die Absurdität allen menschlichen Daseins erkennt und zynisch kommentiert, während viele seiner naiven Mitmenschen diese Absurdität noch nicht begriffen haben (siehe z. B. den Hauptdarsteller in dem amerikanischen Film „American Beauty“). Eine andere Klassifikation von „Lebensgeschichten“ verweist darauf, dass die meisten Menschen einen bestimmten Verlauf in ihrem Leben wahrnehmen. Hierbei lassen sich vier unterschiedliche Muster unterscheiden (Hankiss, 1981): Erstens: Das Leben beginnt gut und geht ebenso gut weiter (siehe „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ von Goethe). Dies sind die Geschichten von Menschen, die sich „on the sunny side of life“ wahrnehmen. Diese „Sonntagskinder“ betonen in ihren Lebensgeschichten oftmals die eigene glückliche Kindheit, die sie als Basis dafür sehen, auch als Erwachsener ein zufriedenes und erfolgreiches Leben zu führen. Zweitens: Das Leben beginnt schlecht, wird aber immer besser. Dieser Typus entspricht dem Selbstbild vieler Menschen, die sich selber als „Aufsteiger“ bezeichnen. In diesen Geschichten wird oftmals auf eine harte und entbehrungsreiche Kindheit verwiesen, aus der sich der Held aus eigener Kraft befreit und „nach Klassifikation von „Lebensgeschichten“ Dan McAdams US-amerikanischer Psychologe – McAdams beschäftigt sich mit dem autobiografischen Gedächtnis und damit, wie Menschen ihre eigene Identität und Entwicklung im Laufe des Lebens wahrnehmen. Er hat die so genannte Life-Story-Theorie entwickelt, wonach Menschen ihrem Leben durch Verpackung in eine Geschichte Sinn, Konsistenz und Einzigartigkeit verleihen. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 321 322 Is there anybody in there? Warum es so schwer ist, sich selbst zu erkennen Kapitel 14 oben“ arbeitet (ein literarisches Beispiel hierfür wäre die Hauptfigur in Charles Dickens Oliver Twist). Drittens: Das Leben beginnt gut, wird aber immer schlechter. Der Ton solcher Lebensgeschichten ist oftmals nostalgisch und sentimental, indem einer unbeschwerten Kindheit hinterher getrauert wird (in seinem Roman „Die Buddenbrocks“ hat Thomas Mann in der Figur der „Toni“ diesem Typus ein literarisches Denkmal gesetzt). Viertens: Das Leben beginnt schlecht und geht schlecht weiter. Negative Erfahrungen in der frühen Kindheit bestimmen das weitere Leben und machen es unmöglich, jemals ein glückliches Leben zu führen (wie z. B. in der Geschichte „Unterm Rad“ von Herrmann Hesse). Je nachdem, welchem Genre unsere Lebensgeschichte angehört und welchen Verlauf sie nimmt, spielen wir in diesen Geschichten ganz bestimmte Rollen, wie z. B. den „lustigen Gesellen“ oder den „einsamen Wanderer“. Solche Lebensgeschichten sind zu begreifen als elaborierte Schemata, die Menschen von Lebenszeit Verlauf der Lebensgeschichte Der Glückspilz Der Pechvogel Abbildung 14.6: Die meisten Menschen nehmen ihr Leben als Geschichte wahr und sehen sich selbst z. B. als Hauptdarsteller in einer Tragödie oder Komödie und erleben sich selbst als typischen Aufsteiger oder Glückspilz. (Quelle: Eigene Darstellung) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 322 323 Der Kern unseres Selbst Kapitel 14 sich selber im Laufe ihres Lebens entwickeln. Man kann sie auch verstehen als komplexe Systeme von Hypothesen, die Menschen über sich selber haben und die – wie alle Hypothesen – falsch sein können. Allerdings sind sich die meisten Menschen dieses hypothetischen Charakters ihres Selbstbildes selten bewusst. Wie wir bereits beschrieben haben, neigen Menschen dazu, an einem einmal entwickelten Hypothesensystem festzuhalten, auch wenn dies durch die Realität nicht gerechtfertigt ist. Der Schriftsteller Max Frisch hat einmal gesagt: „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“ (1998, 49). In seinem Roman „Mein Name sei Gantenbein“ erzählt Frisch von einem Menschen, der sich selbst für einen Pechvogel hielt. „Kaum ein Tag verging für diesen Mann, ohne dass er Grund hatte, zu klagen … und in der Tat, es stieß ihm immer etwas zu, was den anderen erspart bleibt.“ Doch dann passierte „das Unglaubliche“: Er gewann im Lotto. Der Mann aber „konnte es nicht fassen, dass er kein Pechvogel sei, und war so verwirrt, dass er, als er von der Bank kam, tatsächlich seine Brieftasche verlor. Und ich glaube, es war ihm lieber so, andernfalls hätte er sich ja ein anderes Ich erfinden müssen, der Gute, er könnte sich nicht mehr als Pechvogel sehen. Ein anderes Ich, das ist kostspieliger als der Verlust einer vollen Brieftasche, versteht sich, er müsste die ganze Geschichte seines Lebens aufgeben, alle Vorkommnisse noch einmal erleben und zwar anders, da sie nicht mehr zu seinem Ich passen“ (Frisch, 1998, S. 51). Dass es sich bei diesem Phänomen keineswegs nur um Fiktion handelt, wissen wir aus der Beziehungsforschung. Wer der Meinung ist, in seinen intimen Beziehungen niemals glücklich zu werden, wird gar nicht erst den Mut entwickeln, sich auf das Wagnis einer wirklich tiefen Beziehung einzulassen. Stattdessen wird er zu einem „ambivalent ängstlichen Bindungsstil“ neigen. Ein solcher Bindungsstil führt jedoch zu einer niedrigen Beziehungszufriedenheit und -stabilität und damit genau zu der Art von Beziehung, die von vorneherein befürchtet wurde (Hazan & Shaver, 1987; Levy & Davis, 1988). Mit anderen Worten: Die Geschichten, mit denen wir unserem Leben Sinn zu vergeben versuchen, wirken oftmals wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen. Bewusstes versus unbewusstes Selbst Von Timothy Wilson (2002) ist allerdings darauf aufmerksam gemacht worden, dass unsere Selbstbildnisse nicht notwendigerweise unser Handeln bestimmen, sondern unter Umständen lediglich ex post als Erklärung herangezogen werden für Handlungen, die uns ansonsten nicht erklärlich wären. Nach Wilson ist unser Verhalten nicht von unseren Lebensgeschichten, d. h. von unserem bewussten Max Frisch (1911−1991) Schweizer Schriftsteller – Wie viele Schriftsteller mit hervorragender Beobachtungsgabe deckte Frisch in seinen Romanen und Theaterstücken beinahe besser als manch ein Psychologe die menschliche Natur auf. Zu den Themen seiner Werke gehören vor allem Identitätsund Beziehungsprobleme und der Tod. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 323 324 Is there anybody in there? Warum es so schwer ist, sich selbst zu erkennen Kapitel 14 Selbstkonzept, sondern vor allem von dem determiniert, was er als das „Adaptive Unbewusste“ beschreibt. Unserer Introspektion weitestgehend unzugänglich wird, so Wilson, unser Verhalten hauptsächlich von Motiven und Präferenzen beeinflusst, deren wir uns nicht bewusst sind – und auch kaum bewusst werden können. Dem Gedanken, dass unser Denken, Fühlen und Handeln weniger durch unser Bewusstsein, sondern durch unbewusste Prozesse gesteuert werden, sind wir in diesem Buch ja schon häufiger begegnet (so z. B. in Kapitel 3, wo auf die Wirksamkeit unbewusster Motive hingewiesen wurde). Wir hatten bereits erörtert, dass Menschen ein Bildnis von sich selber machen, indem sie sich als Hauptdarsteller einer ganz bestimmten Geschichte begreifen. Einem solchen Leitmotiv zu folgen, ist auch deshalb gefährlich, weil es bestenfalls unser explizites Motivsystem, nicht aber unser implizites Motivsystem abbilden wird. Wie genau das explizite Selbstbildnis eines Menschen seine Handlungen beeinflusst und Bewertungen färbt, ist nicht ganz geklärt – unstrittig ist allerdings, dass Selbsterkenntnis ein sehr komplexer Prozess auf vielen Ebenen ist. Wie gelangen wir zu besserer Selbsterkenntnis? Bisher haben wir betrachtet, warum es alles andere als trivial ist, sich selbst zu erkennen und warum Menschen von sich selbst erstaunlich wenig wissen. Was aber können wir tun, um uns selbst ein wenig besser zu verstehen und Entscheidungen zu treffen, die übereinstimmen mit unseren wahren Bedürfnissen und Wünschen? Wilson (2002) diskutiert drei mögliche Wege, dies zu tun, nämlich 1) Introspektion, 2) Feedback durch andere sowie 3) die Beobachtung unseres eigenen Verhaltens. Alle diese Verfahren beinhalten mögliche Fehler und Verzerrungen, weswegen ich nach ihrer Diskussion eine weitere Alternative vorschlagen will. Introspektion Die meisten Menschen würden argumentieren, es sei wichtig, „in sich zu gehen“ bzw. „in sich hinein zu horchen“, wenn man erkennen möchte, was einem wirklich wichtig ist. Wie heisst es in einem alten Song der Band Supertramp: „Feel all you can, let your heart speak and guide you “. Aber nicht nur amerikanische Softrocker sind der Meinung, dass wir auf unsere „innere Stimme“ hören sollten, schon Cicero war der Meinung: „Niemand kann Dich besser beraten als Du selbst.“ Das adaptive Unbewusste Timothy Wilson US-amerikanischer Psychologe – Wilson beschäftigt sich mit Selbsterkenntnis und der Vorhersage von Emotionen (affective forecasting). Er arbeitet häufig gemeinsam mit Daniel Gilbert (vgl. Kapitel 3) und publizierte mit dem ebenfalls bekannten Kognitions- und Kulturpsychologen Richard Nisbett einen der meistzitierten Artikel darüber, wie wenig Zugang Menschen zu ihren eigenen kognitiven Prozessen haben. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 324 325 Wie gelangen wir zu besserer Selbsterkenntnis? Kapitel 14 Moderne Psychologen würden dieser Aussage allerdings nicht ohne weiteres zustimmen. Wie wir bereits näher beleuchtet haben, führt Introspektion zwar zu mehr Einsichten in unser bewusstes Selbst (d. h. unser bewusstes Selbstbild und unsere bewussten Motive), unser unbewusstes Selbst ist aber der Introspektion – definitionsgemäß – nicht zugänglich. Wenn Menschen vor einer wichtigen Entscheidung darüber nachdenken, für welche Alternative sie sich entscheiden sollen, greifen sie manchmal zu Stift und Papier und machen eine Liste mit allen Argumenten, die für bzw. gegen die einzelnen Alternativen sprechen. Dies ist in Übereinstimmung mit dem, was die meisten Ökonomen ihren Studenten mit auf den Weg geben würden: Vor dem Treffen einer Entscheidung möglichst detailliert über mögliche Vor- und Nachteile aller Alternative nachzudenken und sich dann für die Alternative zu entscheiden, die den größten erwarteten Nutzen aufweist (siehe hierzu Kapitel 11). Eine Studie von Timothy Wilson und seinem Kollegen Jonathan Schooler (1991) illustriert allerdings, dass dieser Rat nicht immer sehr hilfreich sein muss: Versuchspersonen (amerikanische College-Studenten) bekamen die Gelegenheit, sich ein Poster ihrer Wahl aus einer Vielzahl an Alternativen auszusuchen. Während sich ein Teil der Versuchspersonen spontan für ein Poster entscheiden konnte, wurde die andere Hälfte gebeten, ihre Entscheidung zunächst möglichst ausführlich schriftlich zu begründen und erst dann mit einer Posterrolle unterm Arm nach Hause zu gehen. Einige Wochen danach wurden alle Versuchspersonen angerufen und danach gefragt, ob ihnen das Poster nach wie vor gefalle, ob es in ihrem Zimmer an der Wand hänge und zu welchem Preis sie bereit wären, es wieder zu verkaufen. Das Ergebnis: Jene Versuchspersonen, die ihre Entscheidung weitgehend spontan getroffen hatten, bewerteten ihr Poster positiver, hatten es häufiger in ihrem Zimmer hängen und verlangten einen höheren Preis für ihr Poster als jene Versuchspersonen, die über ihre Entscheidung nachgedacht und diese schriftlich begründet hatten. Warum war dies so? Eine Antwort auf diese Frage ergab sich, als die beiden Wissenschaftler die Art von Poster analysierten, Entscheidungen und gründliches Nachdenken Abbildung 14.7: Selbsterkenntnis durch tiefgreifende Beschäftigung mit sich selbst und seinem Inneren ist Hauptziel und -strategie der Psychoanalyse. Doch funktioniert diese Strategie immer? (Quelle: Couch in Freuds Arbeitszimmer, Wikicommons, Konstantine Binder) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 325 326 Is there anybody in there? Warum es so schwer ist, sich selbst zu erkennen Kapitel 14 für welche die beiden Gruppen sich entschieden hatten. Versuchspersonen, die über ihre Entscheidung nachdenken sollten, hatten sich eher für Cartoons und seltener für Landschaftsaufnahmen entschieden als solche Versuchspersonen, die sich spontan entschieden hatten. Der Grund: Es ist leichter, zu verbalisieren, warum man einen bestimmten Cartoon lustig und amüsant findet, als zu erläutern, warum man von einem bestimmten Landschaftsbild angerührt wird. Ein Nachteil von Cartoons aber besteht darin, dass sie nur für eine kurze Zeit witzig sind – wenn wir sie uns zum zwanzigsten Mal anschauen, können wir auch über das beste Cartoon nicht mehr lachen. Kurz gesagt: Wenn Menschen lange über eine Entscheidung nachdenken, berücksichtigen sie vor allem solche Attribute der verschiedenen Alternativen, für die sich auf einer bewussten Ebene gute Gründe finden lassen (d. h. sich leicht verbalisieren lassen). Die Ergebnisse dieser Studie zeigen somit, dass wir manchmal zu besseren Entscheidungen kommen, wenn wir diese „intuitiv“ treffen, d. h. unseren unbewussten Präferenzen vertrauen. Allzu langes Nachdenken führt nicht notwendigerweise dazu, dass wir uns dieser unbewussten Präferenzen bewusster werden. Ganz im Gegenteil kann es dazu führen, dass wir uns bei unserer Entscheidung ausschließlich an unseren bewussten Präferenzen orientieren. Auch beim Nachdenken über unsere Vergangenheit ist allzu ausgiebige Introspektion nicht immer hilfreich. Viele Studien zeigen, dass vor allem langes Nachdenken über eigene Misserfolge oder Niederlagen („warum hat mein Partner mich verlassen?“) nicht dazu führt, dass wir die Ursache dieser kritischen Lebensereignisse besser verstehen, sondern dass solches „Ruminieren“ (Grübeln) lediglich das eigene Selbstwertgefühl beeinträchtigt (u. a. Nolen-Hoeksema, 2000). Nachteile übermäßigen Ruminierens Abbildung 14.8: Lieber Comic oder lieber Landschaftsbild für die eigene Wohnung? Mit Nachdenken können wir unsere wahren Präferenzen oft nicht erkennen. (li. (c) Kiru100 www.snafu-comics.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 326 327 Wie gelangen wir zu besserer Selbsterkenntnis? Kapitel 14 Feedback durch andere Eine andere Möglichkeit, uns selbst besser zu erkennen, besteht darin, andere Menschen um eine Einschätzung unserer eigenen Persönlichkeit bzw. unserer Lebenssituation zu bitten. In der Tat gibt es Hinweise darauf, dass unsere Freunde uns oftmals besser kennen als wir selbst. So wurden in einer Studie amerikanische College-Sudenten darum gebeten, die Stabilität ihrer eigenen romantischen Liebesbeziehung und die ihres Zimmergenossen einzuschätzen. Das Ergebnis: Die Zimmergenossen waren deutlich besser als die Befragten selber in der Lage, vorzusagen, ob ihre Beziehung ein halbes Jahr später noch Bestand haben würde oder nicht (MacDonald & Ross, 1999). Auch andere Studien zeigen: zumindest manchmal sehen uns gute Freunde und uns nahe stehende Personen anders als wir selbst uns sehen – und oftmals ist ihr Blick auf uns und unser Leben realistischer als unserer eigener (Funder & Colvin, 1996; Bass & Yammarino, 1991; MacDonald & Ross, 1999; Harris & Schaubroeck, 1988; Risucci et al., 1989). Allerdings sind wir uns dieser Tatsache nur selten bewusst. Zumeist gehen Menschen im Sinne des im vorigen Kapitels vorgestellten „naiven Realismus“ davon aus, dass andere sie genauso sehen wie sie sich selbst. Auch dies hat mit dem zuvor besprochenen Confirmation Bias zu tun: Wir nehmen vor allem solches Feedback aus unserer Umgebung wahr, dass mit unserem eigenen Selbstkonzept kompatibel ist. Ein anderes Problem besteht darin, dass Freunde auch deshalb unsere Freunde sind, weil sie bereit sind, unser eigenes Bild von uns selbst zu akzeptieren. Zumindest wissen Freunde, was uns wichtig und was uns unwichtig ist. Gerade deshalb aber werden Freunde dazu neigen, uns solches Feedback zu ersparen, das im Widerspruch zu unserem Selbstbild steht. Einem anderen Menschen das zu sagen, was er hören will, spart uns oftmals Zeit und Stress. Ein Beispiel: Würden Sie einem guten Freund sagen, dass er Mundgeruch hat – oder würden Sie lieber darauf hoffen, dass ein anderer diese Wahrheit ausspricht? Im Übrigen: Wenn Sie dies tun, könnte es sein, dass Ihr Freund mit den Worten reagiert: „Das glaube ich nicht, das hat noch niemand zu mir gesagt.“ Manchmal sind Freunde auch deshalb nicht ehrlich zu uns, weil sie glauben, dass wir die Wahrheit selber – zumindest zum jetzigen Zeitpunkt – gar nicht wissen wollen. Sie wären nicht die erste Person, die nach ihrer Scheidung zu hören bekommt: „Ich habe mir gleich gedacht, dass Ihr überhaupt nicht zusammen passt, aber damals warst Du so verliebt – das wolltest Du doch ohnehin nicht einsehen!“ „Die Freunde nennen sich aufrichtig. Die Feinde sind es – daher man ihren Tadel zur Selbsterkenntnis benutzen sollte, als eine bittere Arznei.“ Arthur Schopenhauer (1788−1860), deutscher Philosoph Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 327 328 Is there anybody in there? Warum es so schwer ist, sich selbst zu erkennen Kapitel 14 Ganz allgemein gilt: Hüten Sie sich davor, Freunde danach zu fragen, wie diese Ihre Fähigkeiten einschätzen („meinst Du, ich bin klug genug, um Medizin zu studieren?“) – die Antwort wird oftmals aufmunternd und selten ehrlich sein. Beobachtung unseres eigenen Verhaltens und Schluss auf unsere Motive Als dritte Möglichkeit zu besserer Selbsterkenntnis bietet sich der Versuch an, von unserem eigenen Verhalten auf unsere eigene Persönlichkeit und Motive zu schließen. Ein Problem dabei ist das folgende: Die Tatsache, dass wir etwas häufig oder selten tun, ist kein hinreichender Grund zu der Annahme, dass wir es gerne oder ungern tun. Es wäre z. B. unsinnig zu denken, dass jemand im Gefängnis sitzt, weil es ihm Spaß macht. Ein weiteres Problem besteht darin, dass wir uns unseres Verhaltens oftmals gar nicht bewusst sind. So zeigt beispielsweise die neuere Vorurteilsforschung, dass es notwendig ist, zwischen bewussten und unbewussten Vorurteilen zu unterscheiden (z. B. gegenüber nichtdeutschen Mitbürgern) (Crosby et al., 1980, für eine Übersicht siehe Blair, 2001). Jemand mit bewussten Vorurteilen würde diese in einem Fragebogen offen zugeben und würde sich in solchen Situationen gemäß seinen Vorurteilen verhalten, in denen er bewusste Entscheidungen trifft (so würde er z. B. einen türkischen Stellenbewerber nicht zum Vorstellungsgespräch einladen) (Hardin & Rothman, 1993). Vieler unserer Vorurteile sind wir uns hingegen selber gar nicht bewusst – und sie beeinflussen unser Verhalten vor allem in solchen Situationen, in denen wir uns auch der Tatsache nicht bewusst sind, uns von solchen impliziten Vorurteilen leiten zu lassen (Greenwald & Banaji, 1995). Beispiel: Wie weit entfernt von einem türkischen Mitbürger setzen Sie sich im Wartezimmer eines Arztes? (mehr zum Thema explizite versus implizite Vorurteile im Kapitel 16). Abbildung 14.9: Für Selbsterkenntnis unverzichtbares negatives Feedback erleben wir im „wahren“ Leben so gut wie nie, sei es aus Rücksichtnahme, Pietät oder Angst unserer Mitmenschen. Online-Plattformen wie Mein.Prof, Ebay, Amazon und Holidaychecks bieten eine Möglichkeit, auch negatives Feedback loszuwerden. Doch selbst hier schrecken die meisten Nutzer vor Negativbewertungen zurück, sobald Ihre Anonymität nicht völlig gewahrt ist. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 328 329 Wie gelangen wir zu besserer Selbsterkenntnis? Kapitel 14 Systematische Variation unserer eigenen Umwelt Die bislang vorgestellten Wege zu mehr Selbsterkenntnis wurden eher pessimistisch beurteilt. Durch Introspektion ist Selbsterkenntnis nur bedingt möglich, Freunde und andere sagen uns oftmals nicht die Wahrheit (oder wir wollen sie nicht hören) und der Schluss von unserem eigenen Verhalten auf unseren Charakter gelingt nur dann, wenn wir uns unseres Verhaltens zumindest bewusst sind. Eine andere Möglichkeit, uns selbst besser zu verstehen, besteht darin, dass wir uns verschiedenen Umweltbedingungen aussetzen und registrieren, wie wir uns in diesen verschiedenen Umwelten fühlen und verhalten. „Wenn Du ein System verstehen willst, musst Du es verändern“ (Bronfenbrenner, 1981, 268). Dies gilt sowohl für soziale Systeme, aber auch für das System unseres eigenen Selbst. Dadurch, dass wir uns bewusst in vielen verschiedenen Kontexten und Umwelten erleben, können wir lernen, was uns glücklich und was uns unglücklich macht. Aber auch dies ist kein Königsweg zu mehr Selbsterkenntnis. In Kapitel 11 hatten wir bereits reflektiert, dass wir zu jedem gegebenen Moment unseres Lebens immer nur eine Entscheidung treffen können und mit dieser Entscheidung leben müssen, ohne jemals zu erfahren, wie es uns mit einer anderen Entscheidung ergangen wäre. Wahrscheinlich bleibt uns nur, die verschiedenen Möglichkeiten so miteinander zu kombinieren, dass wir – in einer „Politik der kleinen Schritte“ – tatsächlich mehr und mehr über uns erfahren. Abbildung 14.10: Eher intro- oder extrovertiert? Dies lässt sich zum Beispiel testen, indem man verschiedene Hobbys ausprobiert – z. B. Disko mit Freunden versus Lesen alleine Zuhause – und beobachtet, wobei es einem besser geht. (© Adam Radosavljevic und © Galina Barskaya – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 329 330 Is there anybody in there? Warum es so schwer ist, sich selbst zu erkennen Kapitel 14 Lohnt sich Selbsterkenntnis? Nachdem wir so viel darüber gesprochen haben, wie schwer es ist, sich selbst zu erkennen, wollen wir zum Abschluss dieses Kapitels zu einer Frage zurückkommen, die wir bereits am Anfang kurz gestreift haben. Lohnt sich Selbsterkenntnis überhaupt? Oder ist es besser, wenn wir in einer „positiven Illusion“ von uns selber leben? Aus einer evolutionären (d. h. funktionalistischen) Perspektive ist zu vermuten, dass Menschen sich vor allem dann überschätzen, wenn sie solche Einschätzungen abstrakt und ohne Risiko vornehmen. Wenn es aber um spezifische Fähigkeiten geht, sollten Menschen eher dazu neigen, sich selbst und ihre eigenen Kompetenzen realistisch wahrzunehmen. Tatsächlich gibt es Hinweise dafür, dass Menschen genau dies tun. Nehmen Sie als Beispiel die Fernsehsendung „Wer wird Millionär?“ Ein Reiz dieser Sendung liegt darin, dass man als Fernsehzuschauer jeden Abend das Gefühl hat, man hätte sehr viel mehr gewusst als die „dummen“ Kandidaten. Allerdings sollten Sie sich dieses Gefühls nicht zu sicher sein. Viele Studien zum „Overconfidence Bias“ zeigen, dass Menschen ihre eigenen Lösungswahrscheinlichkeiten bei solchen Aufgaben massiv überschätzen (Fischhoff et al., 1977). Vermutlich erinnern Sie sich selektiv an Fragen, deren Antworten Sie wussten, der Kandidat aber nicht („wie lange dauerte der dreißigjährige Krieg?“). Auf der anderen Seite vergessen Sie selektiv Fragen, deren Antworten Sie nicht wussten, der Kandidat aber sehr wohl („wie lautet der bürgerliche Name der Sängerin Madonna?“). Wie aber ist es mit den Kandidaten? Leiden diese auch unter einem solchen Overconfidence Bias? In der Sendung „Wer wird Millionär“ gibt es zwei Gründe, warum ein Spiel beendet wird: (1) Der Kandidat gibt eine falsche Antwort und verliert einen erheblichen Teil des Geldes, das bislang gewonnen wurde. (2) Der Kandidat verzichtet auf die Beantwortung der Frage und erhält den bislang gewonnenen Betrag. Tatsächlich ist der zweite Fall sehr viel häufiger als der erste. Die Kandidaten wissen also ganz gut einzuschätzen, ob sie eine Frage richtig beantworten können oder nicht. Aus einer funktionalistischen Perspektive erscheint es ausgesprochen adaptiv, dass wir vor allem dann dazu neigen, uns zu überschätzen, wenn dies nicht mit negativen Konsequenzen verbunden ist. Positive Illusionen Overconfidence Bias Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 330 331 Lohnt sich Selbsterkenntnis? Kapitel 14 Andererseits können uns positive Illusionen dabei helfen, Hürden zu überwinden und die nötige Ausdauer für objektiv schwierige Aufgaben zu entwickeln (Armor et al., 2008; Benabou & Tirole, 2002; Greenwald, 1980). So zeigen beispielsweise Untersuchungen zur so genannten „Planning Fallacy“, dass Menschen dazu neigen, die erforderliche Zeit für den Abschluss eines bestimmten Projekts massiv zu unterschätzen (Buehler, Griffin, & Ross, 1994). Allerdings besteht zwischen der eingeschätzten und tatsächlich benötigten Zeit durchaus ein Zusammenhang. Beispiel: sie brauchen für Projekt A 4 Monate, planen aber nur 2 Monate dafür ein; für Projekt B brauchen Sie 10 Monate, planen aber nur 5 Monate dafür ein. In beiden Fällen benötigen Sie genau doppelt so lange für das Projekt wie Sie anfangs geglaubt haben. Vielleicht neigen wir auch deshalb dazu, die für schwierige Aufgaben erforderliche Zeit zu unterschätzen, um uns nicht den Mut zu nehmen, mit einer solchen Aufgabe überhaupt zu beginnen? Vor diesem Hintergrund könnte es ausgesprochen adaptiv sein, dass Kinder noch mehr als Erwachsene dazu neigen, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen (Bjorklund, 1997). So erzählte z. B. mein damals vierjähriger Sohn voller Begeisterung seiner Großmutter von seinem ersten Tag in der internationalen Schule, auf die seine Eltern ihn schickten, als sie mit ihm in den Niederlanden lebten. „Mensch, klasse, dann lernst Du ja jetzt Englisch“, sagte seine Großmutter. „Hab’ ich doch schon gelernt“, antwortete mein Sohn (tatsächlich hatte er an seinem ersten Schultag die beiden Worte „hello“ und „goodbye“ gelernt). Woher sollten kleine Kinder den Mut nehmen, sich den vielen unermesslich schwierigen Entwicklungsaufgaben zu stellen, die das Leben ihnen aufträgt, wenn sie die Schwere dieser Aufgaben realistisch einschätzen würden? Planning Fallacy Abbildung 14.11: Die Oper in Sydney ist ein Paradebeispiel für die so genannte Planning Fallacy, denn die Bauherren hatten die Bauzeit um ganze zehn Jahre unterschätzt. Auch Buchautoren und Studierende unterschätzen oft die Zeit, die sie für ihr Projekt benötigen. Doch die Planungsfehler haben auch ihr Gutes: ohne sie würde es heute vermutlich viele Bauwerke, gute Bücher und ausgezeichnete Akademiker nicht geben. Auch dieses Buch ist im Übrigen der Planning Fallacy erlegen. (Quelle: li. wikicommons, Matthew Field; re. wikicommons) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 331 332 Is there anybody in there? Warum es so schwer ist, sich selbst zu erkennen Kapitel 14 Auch bei Erwachsenen ist ein unrealistischer Optimismus manchmal besser als eine realistische Einschätzung. So zeigen verschiedene Studien, dass unheilbar an Krebs erkrankte Patienten sich in einem besseren subjektiven und objektiven Gesundheitszustand befinden und tatsächlich länger leben, wenn sie davon überzeugt sind, ihre Krankheit überwinden zu können – und zwar unabhängig von ihrer objektiven Diagnose (Taylor, Lichtman & Wood, 1984). Gilt also tatsächlich „Don’t worry, be happy“? Dave Dunning (2005) verweist darauf, dass eine solche Sichtweise zu einseitig ist. So haben bislang ca. 4000 Bergsteiger den Gipfel des Mount Everest erreicht. Jede einzelne dieser Gipfelbesteigungen ist eine enorme Leistung. Allerdings hat jeder 20te dieser Bergsteiger die 24 Stunden nach diesem persönlichen Triumph nicht überlebt, sondern ist beim Abstieg abgestürzt oder erfroren. Ein ähnliches Bild zeigt sich hinsichtlich der Überlebenschance von neu gegründeten Unternehmen. In einer Studie von Cooper et al. (1988) gaben 81 % der befragten Unternehmer an, die Erfolgschance ihres Unternehmens liege bei mindestens 70 %. Tatsächlich überlebten aber nur 25 % dieser Unternehmen die nächsten fünf Jahre. Mit anderen Worten: Es kann sehr hilfreich sein, wenn wir uns ein wenig überschätzen, aber es kann buchstäblich tödlich enden, wenn wir uns allzu positiven Illusionen hingeben. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 332 333 Studentenfutter Kapitel 14 Kurz und gut 1. Über niemanden wissen wir so viel und gleichzeitig so wenig wie über uns selbst. 2. Nur wenn wir ein halbwegs zutreffendes Bild von uns selbst haben, sind wir in der Lage, unsere Fähigkeiten realistisch einzuschätzen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. 3. Die meisten Menschen überschätzen das Ausmaß ihrer positiven und unterschätzen das Ausmaß ihrer negativen Eigenschaften („better than Average Effect“). 4. Inkompetente Menschen erkennen ihre Inkompetenz oftmals deshalb nicht, weil sie hierfür genau jene Kompetenz benötigten, über die sie nicht verfügen. 5. Menschen konstruieren ihr eigenes Leben oftmals als Geschichte, deren Hauptdarsteller sie sind. 6. Überzeugungen über uns selbst und unsere Zukunft wirken oftmals wie „sich selbst erfüllende Prophezeiungen.“ 7. Menschen haben nur einen sehr limitierten Zugang zu ihren eigenen unbewussten Einstellungen und Motiven. 8. Wenn wir mehr über unsere Wünsche und Fähigkeiten erfahren wollen, ist es hilfreich, uns selbst systematisch in verschiedenen Situationen zu beobachten. 9. Positive Illusionen helfen uns, auch bei schwierigen Aufgaben nicht den Mut zu verlieren. 10. Allzu positive Illusionen über unsere eigenen Fähigkeiten sind gefährlich und können uns buchstäblich das Leben kosten. Studentenfutter Dunning, D. (2005). Self-insight: Roadblocks and detours on the path to knowing thyself. New York: Psychology Press Wilson, T. D. (2002). Strangers to ourselves: Discovering the adaptive unconscious. Cambridge: The Belknap Press of Harvard University Press. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 333 Kapitel 15 Das komplexe Verhältnis von Einstellungen und Verhalten – nur wer sich ändert, bleibt sich treu Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 335

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References

Zusammenfassung

Vorteile

- Die psychologischen Grundlagen für das wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Studium: von der Allgemeinen über die Sozial- bis zur Wahrnehmungspsychologie

- Kompakter Aufbau

- Komplett vierfarbig

Zum Werk

In den Wirtschaftswissenschaften gilt das Bild des rational denkenden Menschen als überholt. Kenntnisse aus der Psychologie spielen dagegen eine immer größere Bedeutung für die Analyse, was sich nicht zuletzt in der aktuellen Diskussion um die Glücksforschung widerspiegelt.

Dieses Lehrbuch führt Wirtschaftswissenschaftler an die Grundlagen der Psychologie heran und stellt dar, wie sie das menschliche Verhalten (und damit auch das für die Wirtschaftwissenschaften wichtige Entscheidungsverhalten) beeinflussen.

Autor

Prof. Dr. Detlef Fetchenhauer ist Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität zu Köln. Er lehrt darüber hinaus an der Universität Wien.

Zielgruppe

Für Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten und Fachhochschulen sowie Studierende, die im Nebenfach Psychologie belegen müssen (z.B. Lehramt).