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Kapitel 13 Is there anybody out there? Wie Menschen ihre soziale Umwelt sehen in:

Detlef Fetchenhauer

Psychologie, page 285 - 306

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3713-3, ISBN online: 978-3-8006-3940-3, https://doi.org/10.15358/9783800639403_285

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287 Kapitel 13 Kapitel 13 Is there anybody out there? Wie Menschen ihre soziale Umwelt sehen Grundlegende Perspektiven sozialer Wahrnehmung Um sich in ihrer physikalischen und sozialen Umwelt zurechtzufinden, müssen Menschen diese Umwelten wahrnehmen, die wahrgenommenen Informationen verarbeiten und schließlich in ihrem eigenen Verhalten berücksichtigen. In diesem Kapitel geht es darum, welchen Gesetzmäßigkeiten unsere Wahrnehmung folgt und wie diese zu erklären sind. Naiver Realismus und Egozentrismus Menschen folgen in der Wahrnehmung ihrer physikalischen und ihrer sozialen Umwelt zumeist einer Haltung, die man als „naiven Realismus“ bezeichnen kann (Haug, 2004; Fish, 2009). Dieser basiert auf den folgenden Annahmen: (1) „Die Welt ist so, wie ich sie wahrnehme.“ (2) „Es gibt eine objektive Realität.“ (3) „Diese Realität ist aus meiner Perspektive die gleiche wie aus Deiner Perspektive, unabhängig von der Lokation und der Zeit meiner bzw. Deiner Wahrnehmung.“ „Es hört doch jeder nur, was er versteht.“ Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) Annahmen des naiven Realismus InhaltGrundlegende Perspektiven sozialer Wahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287 Naiver Realismus und Egozentrismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287 Konstruktivismus versus evolutionäre Erkenntnistheorie . . . . . . . . . . . . . . . . 291 Erkennen versus Durchwurschteln – wie Menschen ihren Alltag bestehen . . 294 Exkurs: Wie ökonomische Laien die Wirtschaft sehen . . . . . . . . . . . . . . . . . 296 Wahrnehmung und Erwartung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299 Warum hat der das getan? Zur Psychologie von Attributionen . . . . . . . . . . . . . . 302 Internale versus externale Attributionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303 Selbstwertdienliche Attributionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 306 Kurz und gut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307 Studentenfutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307 Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 287 288 Is there anybody out there? Wie Menschen ihre soziale Umwelt sehen Kapitel 13 Diese grundsätzliche Haltung offenbart sich bereits im Begriff der „Wahrnehmung“ selbst – „Wahr“Nehmung als das für wahr nehmen (halten) unserer Sinneseindrücke. Ein solcher naiver Realismus basiert jedoch oftmals auf einer Illusion. Dieser Gedanke soll zunächst am Beispiel der visuellen Wahrnehmung unserer physikalischen Umwelt verdeutlicht werden: Optische Täuschungen sind ein von Psychologen oftmals verwandtes Mittel, um zu veranschaulichen, dass die physikalische Welt oftmals ganz anders ist als wir sie wahrnehmen. Schauen Sie sich z. B. die folgende Abbildung an. Ziemlich sicher haben Sie den Eindruck, das Feld A sei dunkler als das Feld B. Tatsächlich aber haben beide Felder den gleichen Grauton. Auch andere Befunde zeigen, dass wir physikalische Stimuli niemals absolut, sondern immer relativ zu ihrer Umgebung wahrnehmen (Wertheim, 1981). So wurden in einem klassischen Versuch von Ernst Heinrich Weber Versuchspersonen gebeten, die linke Hand in eine Schale mit kaltem Wasser zu halten und die rechte in eine mit warmem Wasser. Anschließend sollten die Versuchspersonen beide Hände in zwei weitere Schalen halten, die beide mit Wasser mittlerer Temperatur gefüllt waren. Die Versuchspersonen waren in ihrer Wahrnehmung jedoch dramatisch davon beeinflusst, in welcher Schale sie zuvor ihre Hand gehalten hatten und nahmen deshalb die objektiv identische Temperatur in beiden Schalen als sehr unterschiedlich wahr. Die schon mehrfach erwähnten Studien zu Labelingeffekten bei der Geschmackswahrnehmung zeigen ebenfalls, dass wir unsere physikalische Umwelt keineswegs immer so wahrnehmen, wie sie tatsächlich ist. In einer Studie (Christandl et al., 2010) wurde den Versuchspersonen entweder teures Mineralwasser der Marke „S. Pellegrino“ verkostet (Preis pro Liter: 0,98 €) oder mit Kohlensäure Subjektivität von Wahrnehmung Abbildung 13.1: Wahrnehmungsfehler: Obwohl Feld A dunkler erscheint als Feld B, weisen beide den gleichen Grauton auf. (Quelle: Edward Adelson) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 288 289 Grundlegende Perspektiven sozialer Wahrnehmung Kapitel 13 versetztes Leitungswasser (Preis pro Liter: 0,09 €). Unabhängig davon, welches Wasser die Versuchspersonen tranken, wurde der Hälfte gesagt, sie tränken Sankt Pellegrino und der anderen Hälfte, sie tränken mit Kohlensäure versetztes Leitungswasser. Versuchspersonen, die glaubten, sie tränken eine italienische Edelmarke, schmeckte das Wasser deutlich besser als Menschen, die glaubten, sie tränken Leitungswasser. Welches Wasser die Versuchspersonen tatsächlich tranken, war für die Geschmacksbeurteilung hingegen vollkommen irrelevant. Dass Menschen naive Realisten sind, zeigt sich auch daran, wie sie mit Krankheiten bzw. objektiven Fehlfunktionen ihrer Wahrnehmungsorgane umgehen. Wenn ältere Menschen schwerhörig werden, sind sie sich dieser Tatsache oftmals nicht bewusst. Stattdessen beklagen sie sich darüber, dass „junge Leute so stark nuscheln“ oder z. B. der Redner bei einem Vortrag kein Mikrophon benutzt. Manchmal führt Altersschwerhörigkeit sogar zu Paranoia, etwa wenn jemand sich darüber beklagt, dass seine Mitmenschen so viel hinter seinem Rücken flüstern und tuscheln, damit er nicht höre, was sie schlechtes über ihn reden (Cooper, Garside & Kay, 1976). Ein anderes Beispiel hierfür ist Rot-Grün-Blindheit. Schauen Sie z. B. auf die folgende Abbildung. Wenn Ihr Farbempfinden voll funktionstüchtig ist, sehen Sie eine grüne Fünf vor einem roten Hintergrund. Wenn Sie jedoch die beiden Farben grün und rot nicht unterscheiden können, sind Sie nicht in der Lage, die Zahl zu erkennen. Menschen mit einer angeborenen Farbenblindheit sind sich dieser Tatsache intuitiv jedoch nicht bewusst, bis sie von ihrer Umwelt darauf aufmerksam gemacht werden. Rot-Grün-Blindheit Abbildung 13.2: Intuitiv gehen wir davon aus, dass die Welt so ist, wie wir sie wahrnehmen, doch viele Dinge werden von Person zu Person unterschiedlich wahrgenommen. Ein Beispiel sind Farben, die bei Wahrnehmungsstörungen wie der Rot-Grün-Blindheit anders erscheinen. Hier ein Test für die Rot-Grün-Blindheit. (Quelle: Ishihara, 1917) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 289 290 Is there anybody out there? Wie Menschen ihre soziale Umwelt sehen Kapitel 13 Weil Menschen davon ausgehen, dass die Dinge so sind, wie sie von ihnen wahrgenommen werden, haben sie zudem oftmals Probleme, Dinge als real anzuerkennen, die sie nicht „sehen“ können (z. B. Viren, radioaktive Strahlen). Darüber hinaus nehmen Menschen die Welt notwendigerweise aus einer ganz bestimmten Perspektive wahr, nämlich ihrer eigenen. Dieser Tatsache sind wir uns aber selten bewusst. Auf der nächsten Seite sehen Sie z. B. drei Weltkarten. Die oberste entspricht einer Anordnung der Kontinente, wie Sie diese als Mitteleuropäer vermutlich seit Kindesbeinen gewohnt sind. Europa liegt in der Mitte und dies entspricht der Perspektive, aus der wir die Welt mit europäischen Augen betrachten. So wurde z. B. zu Zeiten des britischen Empire der Nullmeridian und damit der nullte Längengrad so festgelegt, dass er durch Greenwich bei London verläuft. Die zweite Abbildung zeigt eine Weltkarte, wie sie in amerikanischen Klassenzimmern zu finden ist. Auf dieser hat sich der Mittelpunkt der Welt nach Westen verlagert und „God’s own country“ liegt auch geographisch im Zentrum des Geschehens. Die Weltkarte auf der dritten Abbildung zeigt schließlich die chinesische Sicht. Auf dieser Karte liegt der Mittelpunkt der Welt weiter östlich als wir es gewohnt sind und Europa liegt buchstäblich am Rande des Geschehens (China bezeichnet sich traditionell als „Reich der Mitte“). Die meisten Europäer sind sich nicht bewusst, dass Weltkarten in anderen Teilen der Welt anders aussehen als bei ihnen und ähnliches gilt für Amerikaner und Chinesen. Diese Wahrnehmungsverzerrung wird allgemein als Egozentrismus bezeichnet (d. h. das Ego wird als Zentrum der Welt betrachtet) (Piaget, 1954; Elkind, 1967). Diese zeigt sich aber nicht nur hinsichtlich der Frage, wie eine Weltkarte organisiert sein sollte, sondern er prägt ganz allgemein die Art und Weise, wie wir die Welt sehen. In Kapitel 2 hatten wir diskutiert, dass Menschen über die Fähigkeit verfügen, sich in die Rolle eines anderen zu versetzen und zu realisieren, dass dessen Wahrnehmung sich von ihrer eigenen unterscheiden kann. Diese Fähigkeit ist allerdings phylogenetisch relativ jung und die Überwindung des eigenen Egozentrismus ist deshalb mühsam (Baron-Cohen, 1999). Hinzu kommt, dass es sich beim Egozentrismus nicht nur um ein rein kognitives Phänomen handelt, sondern dass wir häufig auch zum Schutz unseres eigenen Selbstwertes darauf beharren, die Welt so zu sehen, wie sie ist, weil die Vorstellung, es gebe so etwas wie eine objektive Realität gar nicht, für die meisten Menschen etwas zutiefst beunruhigendes hat (siehe auch Kapitel 10). Dies erklärt wohl auch zum Teil den Hass vieler religiöser Menschen auf die „Ungläubigen“ und die Intoleranz vieler Anhänger von politischen Ideologien, weil jeder Andersdenkende das eigene Weltbild in Frage stellt. Egozentrismus Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 290 291 Grundlegende Perspektiven sozialer Wahrnehmung Kapitel 13 Wie sehr wir die Welt aus unserem eigenen egozentrischen Blickwinkel betrachten, sieht man auch daran, dass wir beginnen, über andere Menschen in der Vergangenheitsform zu reden, sobald diese in unserem Leben keine Rolle mehr spielen. „Petra war immer so kompliziert“ muss nicht notwendigerweise bedeuten, dass Petra tot ist – vielleicht haben wir uns auch nur von ihr getrennt oder sie aus den Augen verloren. Konstruktivismus versus evolutionäre Erkenntnistheorie Die Welt ist also nicht immer so, wie wir sie wahrnehmen. Ist es uns überhaupt möglich so etwas wie eine „objektive Realität“ wahrzunehmen? Diese Frage wird von Philosophen seit vielen Jahrtausenden diskutiert (für eine Zusammenfassung Abbildung 13.3: Wir selbst sehen uns immer im Mittelpunkt der Welt: Welcher Kontinent bei Weltkarten im Mittelpunkt steht , hängt vom Kontinent ab, auf dem die Karte erstellt wurde. (Quelle: oben: wikicommons; u.li: www.culturaldetective.com; u.re: Hema) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 291 292 Is there anybody out there? Wie Menschen ihre soziale Umwelt sehen Kapitel 13 siehe Musgrave, 1998). Und auch Vertreter der Sozialwissenschaften sind sich diesbezüglich uneinig. So haben einige Wissenschaftler die radikale Schlussfolgerung gezogen, es sei sinnlos, so etwas wie eine objektive soziale Realität erfassen zu wollen. Stattdessen sehen sie die Aufgabe der Sozialwissenschaften vielmehr darin, die jeweils subjektiven Weltsichten von Akteuren zu analysieren und miteinander zu vergleichen, ohne den Anspruch zu haben, diese mit einem objektiven Maßstab zu vergleichen (Von Glaesersfeld, 1997). Hinter dieser als „sozialer Konstruktivismus“ bezeichneten Strömung verbergen sich zwei mögliche Weltsichten. Die eine Weltsicht geht davon aus, dass es so etwas wie eine objektive Realität zwar gäbe, sie vom Menschen aber nicht erkannt werden könne. Eine radikalere Ansicht – wie sie z. B. von Watzlawick vertreten wird – nimmt hingegen an, dass so etwas wie objektive Realität gar nicht existiere, sondern Realität immer erst im Prozess des Wahrnehmens konstruiert würde. Im Kontrast zu solch einem radikalen Konstruktivismus betont die so genannte Evolutionäre Erkenntnistheorie, dass es zwar grundsätzlich nicht möglich sei, Realität als solche zu erkennen, dass aber alles organisches Leben als Anpassung an eine objektive Realität zu verstehen sei und deshalb dieser zumindest nicht fundamental widersprechen könne. Oder mit den Worten eines der Hauptvertreter der evolutionären Erkenntnistheorie, Gerhard Vollmer: „Unser Erkenntnisapparat ist ein Ergebnis der Evolution. Die subjektiven Erkenntnisstrukturen passen auf die Welt, weil sie sich im Laufe der Evolution in Anpassung an diese reale Welt herausgebildet haben. Und sie stimmen mit den realen Strukturen (teilweise) überein, weil nur eine solche Übereinstimmung das Überleben ermöglichte“ (Vollmer, 1975/2002, S. 102). Das menschliche Gehirn ist allerdings evolviert, um das Verhalten seines Trägers in der Umwelt eines Jäger- und Sammlers zu steuern. Damit lässt sich auch erklä- Sozialer Konstruktivismus Paul Watzlawick (1921–2001) Österreichischer Philosoph und Psychologe – Watzlawick war Vertreter des radikalen Konstruktivismus (vgl. Kapitel 9) und wurde in Deutschland vor allem durch seine populärwissenschaftlichen Bücher zum Thema bekannt wie „Anleitung zu Unglücklichsein“. Ferner beschäftigte er sich in einschlägiger Weise mit den Kommunikationswissenschaft („Man kann nicht nicht kommunizieren“). Abbildung 13.4: Obwohl wir einen Tisch nie von allen Seiten gleichzeitig sehen und daher nie ganz wissen können, wie er in Realität aussieht, erstellen wir aus allem, was wir vom Tisch gesehen haben, automatisch ein Vollbild. Dies ist aus evolutionärer Sicht auch sinnvoller als sich des eingeschränkten menschlichen Wahrnehmungsvermögens ständig bewusst und daher im Handeln eingeschränkt zu sein. (© rooms.de; Beispiel entnommen von Wolfgang Leidholdt) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 292 293 Grundlegende Perspektiven sozialer Wahrnehmung Kapitel 13 ren, in welchen Domänen Menschen ihre Umwelt valide bzw. verzerrt wahrnehmen werden. So ist z. B. zu erklären, warum radioaktive Strahlung für uns sinnlich nicht wahrnehmbar ist. Ein entsprechender Alarmmechanismus, um uns vor den Gefahren solcher Strahlen zu schützen, ist deshalb nicht evolviert, weil diese Gefahr in unserer Evolutionsgeschichte nicht bestanden hat. Ähnliches gilt für Geschwindigkeiten. Sehr hohe Geschwindigkeiten (wie z. B. die des Lichts, das sich mit einer Schnelligkeit von knapp 300000 Km pro Sekunde bewegt) als auch sehr niedrige Geschwindigkeit (wie z. B. Verschiebungen der Kontinente, die sich mit 1 cm bis 10 cm pro Jahr bewegen) können wir zwar abstrakt verarbeiten, sie entziehen sich aber unserer Vorstellungskraft. Entgegen all diesen Wahrnehmungsproblemen haben wir allerdings auch so etwas wie eine intuitive Physik (folk physics) bzw. Biologie (folk biology), die Kinder, aber auch andere Spezies, selbst ohne formale Erziehung entwickeln. So erwarten z. B. sowohl Kinder als auch Schimpansen, dass feste Gegenstände auf den Boden fallen, wenn man sie fallen lässt und sie reagieren mit Überraschung, wenn dies nicht der Fall ist (Povinelli, 2000). Schon kleine Kinder haben zudem ein Verständnis biologischer Arten und wissen z. B., dass die Eltern ihres Meerschweinchens ebenfalls beides Meerschweinchen waren. Zeichentrickfilme sind für Kinder wohl auch deshalb so spannend, weil sie genau wissen, dass sich ein Elefant normalerweise nicht mit einer Maus unterhalten kann. In einem letzten Sinne können wir tatsächlich niemals irgendetwas wissen. Daraus zu schlussfolgern, es gebe keinerlei objektive Realität, scheint aber nur wenig sinnvoll. Stattdessen ist zu vermuten, dass Menschen und andere Spezies unter einem enormen Realitätsdruck stehen, die Welt kognitiv so zu repräsentieren, dass ihre Wahrnehmung mit der Realität zumindest korrespondiert (wenn auch nicht notwendigerweise übereinstimmt). Menschen, die z. B. glaubten, dass sie fliegen können oder die sich für unverwundbar hielten, sind niemandes Vorfahre geworden. In manchen Situationen kann es allerdings aus einer evolutionären Perspektive auch adaptiv sein, unsere Umwelt nicht so wahrzunehmen, wie sie ist (siehe auch Kapitel 14). So ist es z. B. durchaus adaptiv, wenn wir bei Menschen, die wir lieben und die uns wichtig sind (z. B. unsere Eltern, Partner, Freunde oder Kinder), positive Eigenschaften über- und negative Eigenschaften hingegen unterschätzen, weil solche Fehlwahrnehmungen unsere Bindung an diese Personen stärken können. Was hätte z. B. eine 30jährige Ehefrau davon, sich jeden Abend beim Zubettgehen einzugestehen, dass ihr Ehemann so gar nicht wie George Clooney aussieht? Wie viel klüger ist es von dieser Frau, sich selber davon zu überzeugen, dass sie das sanfte Gemüt ihres Mannes liebt und dass sein nächtliches Schnarchen die Familie vor wilden Tieren schützt? Intuitives Wissen Adaptivität von Wahrnehmung Gerhard Vollmer (*1943) Deutscher Physiker und Philosoph – Vollmer ist neben Karl Popper, Konrad Lorenz, Donald T. Campbell und Rupert Riedl einer der Begründer der Evolutionären Erkenntnistheorie. Er verfasste mehrere Bücher zum Thema wie „Evolutionäre Erkenntnistheorie“ (1975), „Was können wir wissen?“ (1988) und „Wieso können wir die Welt erkennen?“ (2002) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 293 294 Is there anybody out there? Wie Menschen ihre soziale Umwelt sehen Kapitel 13 Bereits in Kapitel 7 hatten wir thematisiert, dass Menschen über einen „hyperactive Agency Detection Device“ verfügen (Barrett, 2004), der dazu führt, dass wir z. B. das nächtliche Rascheln eines Baumes eher auf einen Menschen oder ein Tier als auf den Wind zurückführen. Dieser kognitive „Bias“ ist hochgradig adaptiv, weil die Unterschätzung einer Gefahr durch einen potentiellen Feind sehr viel gravierendere Folgen haben kann als ein „blinder Alarm“. Haselton und Buss (2000) haben diesen Gedanken verallgemeinert und argumentieren in ihrer „Error Management Theory“, dass menschliche Wahrnehmung ganz allgemein nicht dem Ziel folgt, unsere Umwelt möglichst valide wahrzunehmen, sondern die potentiellen Kosten durch eine Fehleinschätzung zu minimieren. So können z. B. Männer das Interesse einer Frau an einer sexuellen Affäre mit ihnen entweder über- oder unterschätzen. Eine Überschätzung führt zu einer Abfuhr, was aus evolutionärer Perspektive keine allzu hohen Kosten verursacht. Eine Unterschätzung führt hingegen zu einer verpassten Reproduktionschance, was aus evolutionärer Perspektive mit äußerst hohen Kosten verbunden ist. Kein Wunder also, so Haselton und Buss, dass so viele Männer sich für unwiderstehlich halten. Erkennen versus Durchwurschteln – wie Menschen ihren Alltag bestehen Aus dem zweiten Kapitel wissen wir bereits, dass Wahrnehmung vor allem die Funktion hat, unser Verhalten zu steuern („perception is for doing“). Da unsere Umwelt unendlich komplex, unser kognitives Fassungsvermögen aber sehr begrenzt ist, sind wir gezwungen, uns mit einem wenig fundierten Halbwissen durch das Leben zu navigieren. Das meiste, was wir zu wissen meinen, kennen wir nur vom Hörensagen (woher wissen Sie z. B., dass die Erde sich um die Sonne dreht?). Doch wie Berger und Luckmann (2009) argumentieren, stehen wir unserer eigenen Ignoranz recht gleichgültig gegenüber, solange uns dieses Halbwissen ermöglicht, unsere „Es gibt keine Fakten. Es gibt nur unsere Wahrnehmung davon.“ Leo (Lew) Nikolajewitsch Graf Tolstoi (1828–1910), russischer Erzähler und Romanautor Error Management Theory Martie G. Haselton (*1970) US-amerikanische Evolutionspsychologin – Haselton hat zusammen mit David Buss die Error Managment Theory begründet (vgl. Kapitel 17). Sie versucht herauszufinden, wie die Evolution den sozialen Geist des Menschen formen konnte. Beispiele für Forschungsgebiete sind Partnerwahl und -werbung sowie Geschlechter unterschiede (vgl. Kapitel 9). Abbildung 13.5: Manchmal ist es weniger wichtig, richtig wahrzunehmen, als vielmehr eine Wahrnehmung zu haben, welche die Fitness maximiert. So überschätzen Männer ihre Wirkung bei Frauen manchmal. (© Johannes Borer) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 294 295 Grundlegende Perspektiven sozialer Wahrnehmung Kapitel 13 Ziele zu erreichen. Ein Beispiel: Wenn wir mit unserem Handy mit einer Person sprechen wollen, die hunderte von Kilometern entfernt ist, dann tippen wir die entsprechende Nummer ein und sind zufrieden. Wir verstehen nicht, wie ein Mobiltelefon funktioniert, aber wir brauchen dieses Verständnis auch nicht, um es zu gebrauchen. Dies gilt jedoch nicht nur für unseren Umgang mit moderner Technik. Beispielsweise verstehen wir auch nicht, wie es möglich ist, uns face to face mit einer anderen Person zu unterhalten. Welche physikalischen (z. B. neurologischen) Prozesse sind dafür verantwortlich, dass wir eine Lautäußerung produzieren, die in kontingenter Weise von einer Person zutreffend interpretiert wird, so dass wir mit unserem Sprechakt das Ziel erreichen, das wir damit erreichen wollten? Wir nehmen unsere Currywurst in Empfang und sind zufrieden, dass der Wurstverkäufer uns das gibt, was wir bestellt haben. Selbst die simpelsten Verhaltensweisen des Menschen (z. B. Stehen, Gehen oder Atmen) sind unendlich kompliziert und entziehen sich weitgehend unserer Kontrolle, auf jeden Fall aber entziehen sie sich unserem Verständnis. Kümmert und das? Im Grunde nicht, bzw. nur dann, wenn wir nicht in der Lage sind, durch unsere Handlungen die Reaktionen unserer sozialen oder physikalischen Umwelt zu erzielen, die wir erreichen wollten (z. B. wenn uns der Wurstverkäufer anstatt einer Currywurst eine Krakauer geben will). Das meiste unseres Wissens ist also pures „Handlungswissen“ und wir sind zumeist nur an einer sehr proximaten Erklärung eines Problems interessiert. Beispiel: Der Tank unseres Autos ist leer (Problem), also fahren wir zu einer Tankstelle (Lösung). Warum das Tanken unseres Autos dazu führt, dass wir weiterfahren können, verstehen wir nicht und es interessiert uns auch nicht. Handlungswissen Peter Ludwig Berger (*1929) US-amerikanischer Soziologe – Berger ist Vertreter des Sozialkonstruktivismus und der Wissenssoziologie, welche besagt, dass Wissen und Erkenntnis innerhalb von Gruppen entsteht und durch den sozialen Kontext geprägt ist. Wissen sei daher immer relativ. Zu diesem Thema verfasste er 1966 gemeinsam mit Thomas Luckmann das vielbeachtete Buch „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“. Abbildung 13.6: Allwissen versus Effizienz: Meist ist pures Handlungswissen ausreichend – und nützlich, um kognitive Ressourcen zu sparen –, doch manchmal benötigen wir Menschen auch Hintergrundinformationen: so zum Beispiel beim Telefonieren auf der einen Seite oder bei der Meinungsbildung über Atomkraft auf der anderen Seite. (© HelleM – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 295 296 Is there anybody out there? Wie Menschen ihre soziale Umwelt sehen Kapitel 13 Dennoch sind wir in der Begrenztheit unseres Wissens zumindest latent schmerzlich bewusst, was erklären mag, warum viele Menschen ein Bedürfnis nach Religiosität und anderen umfassenden Allerklärungen haben. Im 21. Jahrhundert lebt der Mensch in einer Umwelt, die zunehmend von ihm selber geschaffen und durch ihn gefährdet ist. Wir stehen vor Fragen, bei denen wir – z. B. als Wähler – aufgefordert sind, Stellung zu beziehen, obwohl wir eigentlich nicht verstehen, worüber wir da abstimmen. Beispiele: Wie sicher sind Atomkraftwerke? Welche Politik ist am Besten geeignet, die Folgen der Erderwärmung zu mindern? Exkurs: Wie ökonomische Laien die Wirtschaft sehen Ein weiterer Bereich, der in seiner Komplexität verwirrt und verunsichert, ist die moderne Volkswirtschaft. Die meisten Bundesbürger sind nicht in der Lage, die komplexen Zusammenhänge und Rückkopplungsprozesse ökonomischer Zusammenhänge gänzlich zu durchschauen. Dennoch müssen sie sich – zumindest in ihrer Funktion als Wähler – zwischen unterschiedlichen ökonomischen Programmen entscheiden. Es lässt sich zeigen, dass Wähler hierbei auf eine Reihe simpler Heuristiken zurückgreifen, die in anderen Kontexten höchst adaptiv sind, aber kaum geeignet erscheinen, zu sinnvollen wirtschaftspolitischen Entscheidungen zu führen. Eine simple Strategie besteht darin, sich als Wähler weniger auf die Botschaft als auf die Person eines Politikers zu konzentrieren. So gibt es einen positiven Zusammenhang zwischen Attraktivität und Wahlerfolg (Rosar et al., 2005, 2008). Größeren Männern wird im Allgemeinen mehr Durchsetzungsvermögen zugeschrieben als kleinen Männern. In amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfen gewinnt häufig der jeweils größere Kandidat und sind die Kandidaten in der Regel größer als der Durchschnitt der Bevölkerung (Page, 2004). Aber auch wenn Wähler zumindest versuchen, sich in ihren wirtschaftspolitischen Entscheidungen nicht von der persönlichen Ausstrahlung eines Politikers beeinflussen zu lassen, bleibt ihnen kaum etwas anderes übrig als sich in ihrem Urteil auf einige simple Heuristiken zu verlassen. Eine weitere Heuristik besteht darin, den Gesamtwohlstand eines Landes als gegeben zu betrachten, so dass Wirtschaftspolitik vor allem darin zu bestehen habe, diesen Wohlstand effizient und gerecht zu verteilen. Diese Heuristik wird als „Fixed Pie“-Annahme bezeichnet (Baron, 1998). In Jäger- und Sammlergesellschaften ist diese Annahme gerechtfertigt, aber in modernen Volkswirtschaften mit der ihnen eigenen Dynamik führt diese Annahme systematisch in die Irre. So hat Zusammenhang von Wahlerfolg und Attraktivität „Fixed Pie“-Annahme Thomas Luckmann (*1927) Deutscher Soziologe – Wie Berger beschäftigt sich Luckmann mit der Wissenssoziologie. In ihrem gemeinsamen Buch argumentieren beide, dass es reiche, Wirklichkeit als Phänomene zu definieren, die ungeachtet des eigenen Wollens vorhanden sind und dass sich Wissen definieren lasse als Gewissheit, dass diese Phänomene wirklich sind und bestimmbare Eigenschaften haben. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 296 297 Grundlegende Perspektiven sozialer Wahrnehmung Kapitel 13 sich der weltweite Wohlstand in den letzten 200 Jahren versechsfacht. Da Menschen nicht an dynamische Wachstumsraten gewöhnt sind, fehlt ihnen jedoch die Fähigkeit, diese valide einzuschätzen (Christandl & Fetchenhauer, 2009). Ein Beispiel: Stellen Sie sich eine Volkswirtschaft vor, die (inflationsbereinigt) in den nächsten 25 Jahren jedes Jahr um 5 % wächst. Um wie viel Prozent wird der Wohlstand dieses Landes in den nächsten 25 Jahren insgesamt wachsen? Bitte notieren Sie sich Ihre eigene Schätzung, bevor Sie weiterlesen! Diese und ähnliche Fragen wurden ökonomischen Laien, aber auch fortgeschrittenen Wirtschaftsstudenten gestellt. Tatsächlich stiege der Wohlstand dieses Landes um mehr als 230 %. Wenn Sie mit Ihrer Schätzung deutlich darunter lagen, sind Sie nicht alleine. Die durchschnittliche Schätzung unserer Versuchspersonen lag bei 82 % (Christandl & Fetchenhauer, 2009). Wenn der Wohlstand eines Landes nicht als dynamisch und veränderbar, sondern als fixe Größe aufgefasst wird, liegt es nahe, diesen durch Umverteilungsmaßnahmen gerechter zu verteilen. Folgerichtig befürworten die meisten Bundesbürger eine Einführung gesetzlicher Mindestlöhne und eine gesetzli- 0,0 % 50,0 % 100,0 % 150,0 % 200,0 % 250,0 % 300,0 % 350,0 % 400,0 % Wirtschaftswachstum Jahr 0 Jahr 25 1 % 3 % 5 % Jahr 5 Jahr 10 Jahr 15 Jahr 20 Abbildung 13.7: Die meisten Menschen können wirtschaftliche Vorgänge wie etwa das Wirtschaftswachstum nicht richtig einschätzen. So erwarten wirtschaftliche Laien bei einem Wachstum von fünf Prozent, dass die Wirtschaft nach 25 Jahren um rund 82 Prozent gewachsen ist; in Wahrheit sind es jedoch 230 Prozent. (Quelle: Eigene Darstellung) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 297 298 Is there anybody out there? Wie Menschen ihre soziale Umwelt sehen Kapitel 13 che Deckelung von Spitzengehältern. Von einer großen Mehrzahl aller Ökonomen werden solche Maßnahmen hingegen abgelehnt (siehe hierzu vertiefend Fetchenhauer & Haferkamp, 2007; Enste et al., 2009). Die Fixed Pie-Annahme führt auch dazu, dass viele Bürger sich nicht vorstellen können, dass die Weltwirtschaft schrumpfen könne. So glauben viele Menschen, dass die Verluste durch die Finanzkrise in den Jahren 2007 bis 2009 dazu geführt haben, dass Einige sehr viel reicher geworden sind – „irgendjemand muss dieses Geld doch haben“ (Gironde et al., 2010). Dass ökonomische Laien beim Umgang mit komplexen Zusammenhängen auf (allzu) simple Heuristiken zurückgreifen, zeigt sich auch beim Umgang mit dem Thema Außenhandel. Während Ökonomen davon überzeugt sind, dass Handel über Ländergrenzen hinweg zum Vorteil beider Länder ist (Ricardo, 1817), sehen viele Laien darin vor allem einen Konflikt zwischen der eigenen und anderen Nationen. So reagierte z. B. der CDU-Politiker Jürgen Rüttgers auf den Vorschlag, in Deutschland offene Stellen durch qualifizierte ausländische Informatiker zu besetzen, mit dem Slogan „Kinder statt Inder“. Mit diesem Satz sprach Rüttgers durchaus im Sinne des gesunden (?) Volksempfindens, während eine übergroße Mehrheit aller Ökonomen befürwortet, hochqualifizierten Ausländern Stellen in Deutschland anzubieten (Jacob et al., in Vorbereitung). Eine große Mehrheit aller Deutschen ist gegen die Abschaffung von Einfuhrzöllen, eine große Mehrheit aller Ökonomen ist dafür. Ähnliche Divergenzen zeigen sich hinsichtlich der Frage, ob Unternehmen steuerlich begünstigt werden sollten, wenn sie ausschließlich in Deutschland produzieren. Nicht auszuschließen natürlich, dass ökonomische Laien die Wirtschaft tatsächlich besser begreifen als ökonomische Experten. Die Frage, wie sich denn eine rationale Wirtschaftspolitik begründen lässt, ist offensichtlich sehr komplex und kann hier aus Platzgründen nicht weiter vertieft werden. Worum es vor allem ging, war anhand des Beispiels der Wirtschaft zu verdeutlichen, dass alle Menschen in den allermeisten Bereichen ihres Lebens nahezu vollständige Ignoranten sind. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, sagte Sokrates bekanntlich schon vor ca. 2 400 Jahren. Aber die Menge dessen, was Menschen nicht wissen, sie aber eigentlich wissen sollten, wird jedes Jahr größer und beunruhigender. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 298 299 Grundlegende Perspektiven sozialer Wahrnehmung Kapitel 13 Wahrnehmung und Erwartung Menschen sind darauf angewiesen, Informationen aus ihrer Umwelt aufzunehmen und zu verarbeiten. Solche Informationen werden von uns aber niemals vollkommen unvoreingenommen wahrgenommen und verarbeitet. Stattdessen bilden wir aufgrund unserer bisherigen Lernerfahrungen und bestimmter angeborener Wahrnehmungsdispositionen beständig Hypothesen über das, was wir vermutlich in einer bestimmten Situation wahrnehmen werden und diese Hypothesen beeinflussen, was wir tatsächlich wahrnehmen. Was sehen Sie z. B. in der folgenden Abbildung? Bitte notieren Sie sich ihre Antwort. Ziemlich sicher haben Sie geantwortet, dass Sie die Buchstaben A, B, und C sehen. Betrachten Sie nun die nächste Abbildung und notieren Sie, was Sie dort sehen. Ziemlich sicher sehen Sie dort die drei Zahlen 12, 13 und 14. Das mittlere Symbol ist jedoch bei beiden Abbildungen gleich. In der ersten Abbildung ist bei Ihnen durch die beiden anderen Buchstaben die Erwartung geweckt worden, auch bei dem mittleren Symbol handle es sich um einen Buchstaben, in der zweiten Abbildung ist durch die beiden anderen Zahlen die Erwartung geweckt worden, auch bei dem mittleren Symbol handle es sich um eine Zahl. Abbildung 13.8b: Und was sehen Sie hier? Vermutlich haben Sie beim Bild zuvor einen Buchstaben gesehen, während sie bei diesem Bild aufgrund der ersten und dritten Zeichnung eine Zahl in der Mitte erwarteten und eine 13 sahen. Tatsächlich ist die Zeichnung in der Mitte jedoch bei beiden Bildern die gleiche. (Quelle: Kahneman, 2003) Abbildung 13.8a: Was sehen Sie auf dieser Abbildung? (Quelle: Kahneman, 2003) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 299 300 Is there anybody out there? Wie Menschen ihre soziale Umwelt sehen Kapitel 13 Unsere Wahrnehmung ist also immer auch durch unsere Erwartung geprägt. Aufgrund unserer bisherigen Wahrnehmungserfahrungen bilden wir Hypothesen über das, was wir in der Zukunft wahrnehmen werden und wie wir bereits erfahren haben, halten Menschen an einmal formulierten Hypothesen auch dann fest, wenn diese empirisch kaum bestätigt werden (Confirmation Bias). Dies erklärt, warum Menschen ein und dasselbe Ereignis manchmal ganz unterschiedlich wahrnehmen und interpretieren, wenn ihre zuvor aufgestellten Hypothesen über dieses Ereignis unterschiedlich waren. Dieses Phänomen lässt sich z. B. immer dann beobachten, wenn Menschen zusammen ein Fußballspiel sehen und sich dabei mit unterschiedlichen Mannschaften identifizieren. Die Erwartung, dass die eigene Mannschaft besser sei, einen schöneren Fußball spiele und weniger Fouls begehe als die Mannschaft des Gegners, führt dazu, dass am Ende die Fans beider Mannschaften davon überzeugt sind, den Sieg verdient zu haben – und eine etwaige Niederlage auf Pech oder einen parteiischen Schiedsrichter zurückführen (Hastorf & Cantril,1954). Dieses Beispiel verweist darauf, dass unsere Wahrnehmung oftmals auch durch motivationale Faktoren beeinflusst ist (Balcetis & Dunning, 2006). Unsere Hypothesen über unsere physikalische und soziale Umwelt sind oftmals in so genannten Schemata gespeichert. Ein Schema besteht aus einzelnen Kernelementen und den Relationen zwischen diesen Elementen. Beispiel: Eine Familie besteht aus bestimmten Elementen (ein Mann, eine Frau, ein Kind oder mehrere Kinder) und aus Relationen zwischen diesen Elementen (so ist z. B. die Frau die Mutter eines Kindes). Eine Sonderform kognitiver Schemata sind so genannte Skripte (Schank & Abelson, 1977). Skripte beziehen sich auf die typischen Handlungsfolgen von Menschen in bestimmten Interaktionssituationen. So beinhaltet z. B. das Restaurantskript bestimmte Handlungen, die in wechselseitiger Abfolge vom Gast und vom Kellner auszuführen sind. Dieses Beispiel verweist auch auf die kulturelle Einfluss bisheriger Wahrnehmungserfahrungen Kognitive Schemata Skripte Abbildung 13.9: Tor oder kein Tor? Bei dem berühmten Wembley-Tor von 1966, bei dem der Ball von der Unterkante der Torlatte nach unten sprang, landete aus Sicht der Engländer hinter der Linie und war ein Tor, doch die Deutschen sahen den Ball vor der Linie. Beide Wahrnehmungen lassen sich motivational erklären. (Quelle: dpa) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 300 301 Grundlegende Perspektiven sozialer Wahrnehmung Kapitel 13 Gebundenheit vieler Skripte und sozialer Rollen ganz allgemein. So beginnt ein Restaurantbesuch in Deutschland damit, dass sich ein Gast selber einen freien Tisch sucht, während man in den USA am Eingang des Restaurants darauf wartet, dass man als Gast einen bestimmten Tisch zugewiesen bekommt. Wenn wir bestimmte Phänomene in unserer Umwelt wahrnehmen, werden zu ihrer Erklärung zumeist automatisch ganz bestimmte Schemata aktiviert. Wenn wir z. B. eine 30jährige Frau sehen, die ein 5jähriges Kind an ihrer Hand führt, gehen wir automatisch davon aus, dass es sich hierbei um Mutter und Kind handelt. Solche automatisch aktivierten Schemata stellen wir nur dann in Frage, wenn wir dazu einen spezifischen Anlass haben (z. B. wenn das kleine Kind seine Tante fragt, wann denn „die Mama“ endlich wiederkomme). Es kann für Menschen sehr verunsichernd sein, wenn es ihnen auch nach längerem Nachdenken nicht gelingt, bestimmte Ereignisse bzw. bestimmte Personengruppen einem bestimmten Schema zuzuordnen. So gehört es zum Schema eines „Kriminellen“, dass dieser aggressiv und gewalttätig ist und aus niederen sowie egoistischen Motiven handelt. Islamistische Selbstmordattentäter (wie die Terroristen des 11. September) entsprechen diesem Schema in einigen Aspekten (sie sind offensichtlich sehr gewalttätig), in anderen jedoch nicht. So handeln sie nicht aus einer egoistischen Motivation, sondern opfern ihr Leben für ihre Überzeugung. Erwartungen haben also zwei Effekte auf unsere Wahrnehmung: Zum einen erleichtern sie uns die Zu- und Einordnung von Informationen, andererseits führen sie durch automatische Schlussfolgerungen manchmal zu voreiligen Urteilen. Abbildung 13.10: Mutter mit Kind. Oder vielleicht doch ein Kind mit seiner Tante, Schwester oder dem Au-Pair-Mädchen? Das Schema beim Sehen einer Frau mit Kind lässt sofort an die Mutter denken, was wie bei anderen Heuristiken sicher meist auch stimmt, aber nicht immer. (© Ramona Heim – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 301 302 Is there anybody out there? Wie Menschen ihre soziale Umwelt sehen Kapitel 13 Warum hat der das getan? Zur Psychologie von Attributionen Um uns in unserer sozialen Umwelt zurechtzufinden, ist es notwendig, dass wir nicht nur bestimmte Ereignisse beobachten, sondern diese auch angemessen interpretieren. Hierzu gehört es, einem Ereignis bestimmte kausale Ursachen zuzuschreiben. Solche subjektiven Ursachenzuschreibungen werden in der Psychologie als „Kausalattributionen“ bezeichnet und wurden erstmals von dem österreichischen Psychologen Fritz Heider untersucht. Menschen sind ständig damit beschäftigt, solche Kausalattributionen vorzunehmen, denn es ist uns ein Bedürfnis, die Ursachen von Ereignissen zu verstehen. So fragen sich z. B. Studenten, warum sie durch eine bestimmte Klausur gefallen sind. Liebhaber, fragen sich, warum ihr Partner sie verlassen hat. Attributionen beziehen sich aber nicht notwendig auf die eigene Person, manchmal wollen wir auch Sachverhalte verstehen, von denen wir nicht unmittelbar betroffen sind, etwa wenn wir darüber nachdenken, warum manche Menschen arbeitslos sind. Attributionen dienen aber nicht nur dem abstrakten Verständnis, sondern beeinflussen auch unser Verhalten: Werden wir z. B. in der U-Bahn von einer anderen Person angerempelt, dann wird unsere Reaktion davon abhängen, ob wir diesen Rempler als absichtlich oder als unabsichtlich interpretieren. Wenn eine Person glaubt, Menschen seien arbeitslos, weil die Gesellschaft ihnen keine Chance gebe, wird sie eine andere Partei wählen als wenn sie glaubt, Menschen seien nur deshalb arbeitslos, weil sie zu faul sind, sich um einen neuen Job zu kümmern (Witte, 2001). Weil Menschen intuitiv um die Verhaltenswirksamkeit von Attributionen wissen, sind sie darum bemüht, bei anderen Menschen ganz bestimmte Attributionen zu stimulieren bzw. zu vermeiden. Wenn wir zu einer Verabredung zu spät kommen, versuchen wir den Eindruck zu vermeiden, dies sei unsere eigene Schuld gewesen. Und Unternehmen versuchen bei ihren Kunden den Eindruck zu wecken, das Versagen eines Produktes sei auf falsche Handhabung und nicht auf einen Mangel des Produktes zurückzuführen. „Am Anfang war nicht das Wort, auch nicht die Tat oder die alberne Schlange. Am Anfang war das Warum? Warum pflückte sie den Apfel? Langweilte sie sich? War sie neugierig? Wurde sie bezahlt? Hat Adam sie dazu angestiftet? Wenn nicht er, wer dann?“ John le Carré (*1931), englischer Schriftsteller Kausalattributionen Fritz Heider (1896–1988) Österreichischer Psychologe – Heider gilt als Begründer der Attributionstheorie, welche sich damit beschäftigt, wie Menschen ihrem eigenen oder anderer Menschen Verhalten Ursachen zuschreiben. Er war auch einer der bekanntesten Vertreter der Gestaltpsychologie, welche davon ausgeht, dass Menschen Dinge immer nur als auf bestimmten Gesetzmäßigkeiten beruhendes Ganzes wahrnehmen (vgl. Kontingenz im Kapitel 7). Abbildung 13.11: Selber schuld oder nicht? Wir Menschen sind ständig damit beschäftigt, Ereignisse und Umstände an Ursachen zu attribuieren. Nur so können wir entscheiden, wie wir uns am besten verhalten – z. B. beim Anblick eines Obdachlosen für oder gegen eine Spende. (© Susanne Güttler – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 302 303 Warum hat der das getan? Zur Psychologie von Attributionen Kapitel 13 Internale versus externale Attributionen Wenn wir ein bestimmtes Verhalten oder Ereignis beobachten, können wir dies auf zwei grundlegend verschiedene Gründe attribuieren: entweder auf internale oder externale Ursachen. Bei einer internalen Attribution wird die Ursache des Ereignisses in den Eigenschaften der handelnden Person gesehen, bei einer externalen Attribution wird hingegen die spezifische Situation, in der das Verhalten stattfand, als Ursache wahrgenommen. Beispiel: Wenn ein Student durch eine Klausur fällt, kann er dies auf seine mangelnde Begabung zurückführen (internale Attribution) oder darauf, dass die Klausur zu schwer war (externale Attribution). Wenn wir nur wenige Informationen über ein Ereignis haben, ist es uns nur schwer möglich, darüber zu entscheiden, welche von beiden Attributionen angemessener ist. Eine Vielzahl an Studien zeigt jedoch, dass wir die Neigung haben, das Verhalten anderer Menschen grundsätzlich eher internal als situational (also external) zu attribuieren, selbst dann, wenn für eine solche internale Attribution eigentlich kein Anlass besteht. Aufgrund seiner weiten Verbreitung wird dieses Phänomen als fundamentaler Attributionsfehler bezeichnet. Die folgende Studie verdeutlicht diesen Effekt (Ross et al., 1977): In ihr nahmen Versuchspersonen an einem Quiz teil, wobei sie zufällig der Rolle des Quizmaster oder des Kandidaten zugelost wurden. Die Quizmaster sollten sich eine Reihe von Fragen ausdenken, die schwierig waren, aber nicht unbeantwortbar sind. Nachdem den Kandidaten die von den Quizmastern entwickelten Fragen gestellt wurden, sollte jede Teilnehmergruppe die Intelligenz der andern schätzen. Das Ergebnis: Die Quizmaster wurden von neutralen Beobachtern im Durchschnitt intelligenter wahrgenommen als die Kandidaten. Auch die Kandidaten selbst glaubten, weniger intelligent zu sein als ihre Quizmaster, während dieser Effekt für die Quizmaster selber hingegen sehr viel schwächer war. Interessanterweise bevorzugen Menschen internale Attributionen nicht nur bei der Beurteilung von Menschen, sondern auch bei der Bewertung von Organisationen bzw. Staaten. So lässt sich beobachten, dass die Politik eines Landes sehr viel seltener auf seine spezifische Situation zurückgeführt wird als auf seinen „Nationalcharakter“. Darüber hinaus werden sogar den einzelnen Bewohnern verschiedener Länder Charaktereigenschaften zugeschrieben, die sich aus der Politik ihres Landes ableiten lassen. Dies erklärt, warum die Einwohner kleiner Länder als friedliebender und sympathischer wahrgenommen werden als die Einwohner eines großen Landes. Die meisten Europäer finden z. B. Dänen oder Schweden sympathischer als Deutsche oder Franzosen (Van Oudenhoven et al., 2002). Fundamentaler Attributionsfehler „Jede Nation ist im Ausland hauptsächlich durch ihre Untugenden bekannt.“ Joseph Conrad, (1857–1924) britisch- polnischer Autor Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 303 304 Is there anybody out there? Wie Menschen ihre soziale Umwelt sehen Kapitel 13 Warum gibt es den fundamentalen Attributionsfehler? Eine Erklärung liegt darin, dass Personen eine höhere Salienz (d. h. Auffälligkeit) haben als Situationen. Personen sind schlicht sichtbarer und stechen in unserer Wahrnehmung mehr hervor als Situationen, die oftmals visuell gar nicht wahrnehmbar sind. Beispiel: Bestimmte Normen, die das Verhalten einer Person steuern, sind nicht beobachtbar und werden deshalb von einem Beobachter leicht ignoriert. In einer Studie hatten Versuchspersonen die Aufgabe, der Konversation zweier Menschen zu folgen. Hierbei handelte es sich um Mitarbeiter des Versuchsleiters, welche der Vorgabe folgten, über ein bestimmtes Thema nach einem vorgegeben Skript zu diskutieren. Anschließend wurden die Versuchspersonen gefragt, welche der beiden Diskutanten einen stärkeren Einfluss auf den Gang des Gespräches ausgeübt habe. Die Antworten auf diese Frage waren in hohem Maße davon beeinflusst, von welcher Blickwinkel die Versuchsperson der Konversation gefolgt waren. Wenn sie diese von der Seite beobachtet und beide Diskutanten im gleichen Maße im Blick hatten, wurde beiden Gesprächsteilnehmern ein identischer Einfluss zugeschrieben. Hatten die Versuchspersonen jedoch schräg hinter einem der Gesprächsteilnehmer gesessen, dann wurde demjenigen der Diskutanten ein höherer Einfluss zugeschrieben, den die Versuchspersonen während der Konversation im Blick hatten. Die höhere Salienz von Personen gegenüber Situationen kann allerdings nicht erklären, warum der fundamentale Attributionsfehler selbst dann auftritt, wenn Versuchspersonen explizit auf den Einfluss der Situation aufmerksam gemacht werden. So zeigte sich in einer Reihe von Studien, dass Versuchspersonen von den politischen Äußerungen einer beobachteten Person auch dann auf deren politische Einstellung schließen, wenn den Versuchspersonen zuvor erklärt wur- Salienz von Personen versus Situationen Abbildung 13.12: Fundamentaler Attributionsfehler ad extremum: In der Antike wurden Boten, die eine schlechte Nachricht überbrachten, persönlich für den Inhalt der Nachricht verantwortlich gemacht und geköpft. Auch heute noch fungieren z. B. Führungskräfte, die Entlassungen mitteilen, oder Politiker, die in Krisenzeiten reagieren, oft ungerechtfertigterweise als Sündenböcke. Sie werden geächtet oder abgewählt, da Menschen die Bedeutung der Umstände verkennen, welche die Manager oder Politiker zu ihrem Handeln führten. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 304 305 Warum hat der das getan? Zur Psychologie von Attributionen Kapitel 13 de, das die beobachteten Personen explizit aufgefordert worden waren, eine bestimmte politische Haltung zu vertreten (Jones & Harris, 1967). Nach Gilbert (vgl. Kapitel 3) (2002) lässt sich der fundamentale Attributionsfehler wie folgt erklären: Im Gegensatz zu einem streng logisch vorgehenden Urteiler verarbeiten Menschen Informationen über eine Person, deren Verhalten sie beobachten, und Informationen über die Situation, in der das Verhalten stattfindet, nicht gleichgewichtig und unvoreingenommen. Stattdessen, so Gilbert, findet in einem ersten Schritt nahezu automatisch eine personale Attribution statt. Beispiel: Wir sehen, dass eine Person sich aggressiv verhält und schlussfolgern unmittelbar, dass es sich um eine aggressive Person handelt. Erst im Anschluss daran reflektieren wir Gründe, die vielleicht gegen eine solche personale Attribution sprechen, und adjustieren unser Urteil dementsprechend. Ähnlich wie bei der Verwendung der Ankerheuristik (siehe Kapitel  11) erfolgt eine solche Adjustierung aber nicht vollständig. Solange eine einmal von uns vorgenommene personale Attribution halbwegs plausibel erscheint, wird diese beibehalten. Man kann den fundamentalen Attributionsfehler auch mit Hilfe der bereits behandelten „Error Management Theory“ erklären. Wann immer wir das Verhalten einer Person beobachten, können wir bei unseren Attributionen zwei mögliche Fehler begehen: 1) Wir attribuieren personal, obwohl eine situationale Attribution angemessener wäre. 2) Wir attribuieren situational, obwohl eine personale Attribution angemessener wäre. In den meisten Situationen erscheint der 1. Fehler weniger gravierend als der 2. Fehler, denn um unser eigenes Verhalten gegen- über anderen anpassen zu können, ist vor allem eine valide Identifikation von Personenvariablen erforderlich. Die Übergewichtung von personalen gegenüber situationalen Attributionen könnte somit der adaptiven Funktion dienen, unser Verhalten möglichst effizient zu steuern. Wenn wir z. B. sehen, dass eine Person sich aggressiv verhält, dann kann es sehr sinnvoll sein, dieser Person mit Vorsicht zu begegnen, auch wenn es sich bei ihr eigentlich um einen sehr verträglichen und friedfertigen Menschen handelt. Abbildung 13.13: Sind American Football- Spieler von ihrer Persönlichkeit her generell aggressiv oder versuchen sie nur während des Spiels, sich notfalls mit Gewalt durchzusetzen? Vermutlich sind die meisten der Spieler friedfertig, dennoch ist es aus Sicht der Error Management Theorie sinnvoll, zunächst davon auszugehen, dass die Person generell aggressiv ist. (© Nicholas Piccillo – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 305 306 Is there anybody out there? Wie Menschen ihre soziale Umwelt sehen Kapitel 13 Selbstwertdienliche Attributionen Menschen neigen aber nicht immer dazu, Ereignisse eher personal als situational zu attribuieren. Wenn es um die Wahrnehmung unserer eigenen Person geht, lässt sich der fundamentale Attributionsfehler nicht beobachten. Allerdings ist dies nicht dadurch zu erklären, dass Menschen sich selbst unvoreingenommener oder objektiver betrachten als andere (siehe hierzu das folgende Kapitel). Stattdessen neigen Menschen dazu, hinsichtlich ihrer eigenen Person solche Attributionen zu wählen, durch die sie selber in einem möglichst positiven Licht erscheinen. Man spricht deshalb auch von „selbstwertdienlichen Attributionen“. Dies führt dazu, dass Menschen eigene Erfolge bevorzugt auf ihre eigenen Fähigkeiten (d. h. personal) attribuieren: „Ich habe in Mathe eine so gute Note, weil ich intelligent bin.“ Misserfolge werden entsprechend eher auf situationale Faktoren attribuiert: „Ich bin durch die Matheklausur gefallen, weil der Lehrer mich nicht leiden kann.“ Mit der Frage, welche Vorteile es hat, sich selbst durch eine rosarote Brille zu sehen, werden wir uns im nächsten Kapitel ausführlich beschäftigen. „Kein Sieger glaubt an den Zufall.“ Friedrich Nietzsche (1844–1900), deutscher Philosoph, Dichter und Philologe Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 306 307 Studentenfutter Kapitel 13 Kurz und gut 1. In den meisten Situationen verhalten sich Menschen wie „naive Realisten“, d. h. sie gehen davon aus, dass die Wirklichkeit genauso ist, wie sie von ihnen wahrgenommen wird. 2. Der radikale Konstruktivismus argumentiert, dass es so etwas wie objektive Realität nicht gibt. 3. Die evolutionäre Erkenntnistheorie argumentiert, dass unsere Wahrnehmung vor allem in solchen Domänen mit der Realität übereinstimmt, in denen eine wirklichkeitsadäquate Wahrnehmung von reproduktivem Vorteil ist. 4. Die „Error Management Theorie“ besagt, dass menschliche Wahrnehmung nicht dem Ziel folgt, unsere Umwelt möglichst valide wahrzunehmen, sondern die potentiellen Kosten durch eine Fehleinschätzung zu minimieren. 5. In unserem Alltagshandeln sind wir zumeist nicht an einem tiefen Verständnis kausaler Zusammenhänge interessiert, solange unsere Handlungen zu einem erwünschten bzw. erwartetem Ergebnis führen. 6. Unsere Wahrnehmung ist immer auch durch unsere Erwartungen geprägt. 7. Unsere Hypothesen über unsere physikalische und soziale Umwelt sind oftmals in so genannten Schemata gespeichert. Ein Schema besteht aus einzelnen Kernelementen und den Relationen zwischen diesen Elementen. 8. Menschen sind fortwährend bestrebt, das eigene Handeln sowie das Handeln anderer Menschen angemessen kausal zu interpretieren. 9. Bei einer internalen Attribution wird die Ursache des Ereignisses in den Eigenschaften der handelnden Person gesehen, bei einer externalen Attribution wird hingegen die spezifische Situation, in der das Verhalten stattfand, als Ursache wahrgenommen. 10. Eigene Erfolge bzw. Misserfolge werden zumeist selbstwertdienlich attribuiert: Erfolge auf eigene Fähigkeiten und Anstrengung, Misserfolge auf externale Ursachen wie Zufall oder Pech. Studentenfutter Berger, P. L. & Luckmann, T. (2009). Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch. Fiske, S. T. & Taylor, S. E. (2008). Social cognition: From brains to culture. New York: McGraw-Hill Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 307 Kapitel 14 Is there anybody in there? Warum es so schwer ist, sich selbst zu erkennen Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 309

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References

Zusammenfassung

Vorteile

- Die psychologischen Grundlagen für das wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Studium: von der Allgemeinen über die Sozial- bis zur Wahrnehmungspsychologie

- Kompakter Aufbau

- Komplett vierfarbig

Zum Werk

In den Wirtschaftswissenschaften gilt das Bild des rational denkenden Menschen als überholt. Kenntnisse aus der Psychologie spielen dagegen eine immer größere Bedeutung für die Analyse, was sich nicht zuletzt in der aktuellen Diskussion um die Glücksforschung widerspiegelt.

Dieses Lehrbuch führt Wirtschaftswissenschaftler an die Grundlagen der Psychologie heran und stellt dar, wie sie das menschliche Verhalten (und damit auch das für die Wirtschaftwissenschaften wichtige Entscheidungsverhalten) beeinflussen.

Autor

Prof. Dr. Detlef Fetchenhauer ist Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität zu Köln. Er lehrt darüber hinaus an der Universität Wien.

Zielgruppe

Für Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten und Fachhochschulen sowie Studierende, die im Nebenfach Psychologie belegen müssen (z.B. Lehramt).