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Kapitel 9 Können Frauen wirklich nicht einparken? Zur Psychologie der Geschlechterunterschiede in:

Detlef Fetchenhauer

Psychologie, page 193 - 214

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3713-3, ISBN online: 978-3-8006-3940-3, https://doi.org/10.15358/9783800639403_193

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189 Kapitel 9 Kapitel 9 Können Frauen wirklich nicht einparken? Zur Psychologie der Geschlechter unterschiede Bestseller in der Bahnhofsbuchhandlung Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind ein ständiges Thema sowohl in Herren- wie in Damenrunden, bei Singles und Paaren, bei Alt und Jung. Dutzende Bücher werden jedes Jahr zu diesem Thema veröffentlicht und erreichen Rekordauflage. So ist z. B. der Beststeller „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ von Allan und Barbara Pease weltweit in 51 Sprachen übersetzt und über 12 Millionen mal verkauft worden. Kabarettisten wie Ingo Appelt und Mario Barth erreichen ein Millionenpublikum mit Programmen wie „Männer muss man schlagen“ oder „Männer sind Schweine, Frauen aber auch“, in denen sie sich ironisch mit dem Thema Geschlechterunterschieden befassen. „Frauen können nicht Autofahren – über ein Viertel aller Autounfälle werden durch Frauen verursacht.“ Herman Finkers (*1954) niederländischer Kaba rettist) InhaltBestseller in der Bahnhofsbuchhandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 Worin unterscheiden sich Männer und Frauen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190 Empathie und Fürsorglichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 Ehrgeiz und Kompetivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192 Selbstbewusstsein und Assertivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194 Aggressivität und Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 Risikobereitschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 Mozart versus Jack the Ripper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196 Sozial-konstruktivistische Erklärungen für Geschlechter unterschiede . . . . . . . . . 197 Evolutionspsychologische Erklärungen für Geschlechter unterschiede . . . . . . . . . 198 Die bio-soziale Theorie von Eagly und Wood . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 Empirische Studien zur Überprüfung konkurrierender Theorien . . . . . . . . . . . . . . 200 Geschlechterunterschiede in der Furcht vor Kriminalität . . . . . . . . . . . . . . . . 201 Der Einfluss des Menstruationszyklus auf die weibliche Psyche . . . . . . . . . . 202 Partnerwahlpräferenzen und weibliche Teilhabe an der Macht . . . . . . . . . . . 205 Warum die Wahrheit wie so oft in der Mitte liegt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 Kurz und gut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 Studentenfutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 189 190 Können Frauen wirklich nicht einparken? Zur Psychologie der Geschlechter unterschiedeKapitel 9 Aber auch die Sozialwissenschaften beschäftigen sich intensiv mit diesem Thema und haben in Gestalt der „Gender-Forschung“ sogar eine eigene Disziplin definiert, die sich mit nichts Anderem beschäftigt. Auch wir wollen uns in diesem Kapitel mit der Frage auseinandersetzen, worin sich Männer und Frauen unterscheiden und wie diese Unterschiede zu erklären sind. Hierbei wollen wir uns diesem Thema möglichst vorbehaltlos nähern, auch wenn dies schwierig ist, weil es wohl nur wenige Felder sozialwissenschaftlicher Forschung gibt, die derart ideologisch durchsetzt sind. Als ich vor einigen Jahren einen Artikel in dem evolutionspsychologisch orientierten Journal Evolution and Human Behavior veröffentlichen wollte (Fetchenhauer & Rohde, 2002) wurde ich vom Herausgeber darauf aufmerksam gemacht, ich möge doch den Ausdruck „Sex Differences“ (d. h. den biologischen Fachausdruck) verwenden und nicht von „Gender Differences“ sprechen. In den meisten sozialwissenschaftlichen Fachzeitschriften hingegen würde das Reden von „Sex Differences“ bereits als frauenfeindlicher Akt und als ein Hinweis auf biologistischen Reduktionismus gewertet. Worin unterscheiden sich Männer und Frauen? Bevor wir uns mit der Frage beschäftigen wollen, wie Unterschiede zwischen Männern und Frauen erklärt werden können, soll zunächst erläutert werden, auf welchen Dimensionen sich solche Unterschiede überhaupt finden lassen. Ein oftmals übersehener Befund der „Gender Forschung“ besteht nämlich in der Erkenntnis, dass Frauen und Männer sich auf den meisten Persönlichkeits- und Fähigkeitsdimensionen nicht unterscheiden (ein Befund, der von Hyde (2005) als „Gender Similarity Hypothesis“ bezeichnet wird). So sind Männer im Schnitt nicht intelligenter oder weniger intelligent als Frauen und haben ähnliche Werte auf den meisten grundlegenden Persönlichkeitsmerkmalen (wie z. B. den Big Five). Eine persönliche Vermutung (die nicht unbedingt zutreffend sein muss): Vielleicht hat das viele Reden über die unüberbrückbaren Unterschiede zwischen Männern und Frauen auch damit zu tun, dass wir uns objektiv einander so ähnlich geworden sind. Der bekannte Psychologe Erich Fromm (s. Kapitel 17) sprach noch in den 1950er Jahren davon, dass Männer und Frauen zwei gegensätzliche Pole seien, die nur in der wechselseitigen Vereinigung so etwas wie eine Ganzheitlichkeit erleben könnten. Im Kapitel 7 hatten wir auf ein spanisches Märchen hingewiesen, bei Gender-Forschung Gender Similarity Hypothesis Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 190 191 Worin unterscheiden sich Männer und Frauen? Kapitel 9 dem Sonne und Mond wie Mann und Frau sind, die sich jeweils nur während einer Sonnenfinsternis für einen kurzen Moment vereinigen. Wird dies heute auch noch so erlebt? Empathie und Fürsorglichkeit Allen gesetzgeberischen und emanzipatorischen Anstrengungen zum Trotz engagieren sich auch heute noch Frauen sehr viel stärker als Männer in der Erziehung ihrer Kinder bzw. in der Pflege ihrer Eltern bzw. anderer Angehöriger. Dieser Geschlechtsunterschied scheint weitgehend unabhängig davon zu sein, ob eine solche Rollenverteilung gesellschaftlich nahe gelegt wird oder nicht. Dies lässt sich an der Entwicklung der Kibbuz-Bewegung in Israel illustrieren. Diese Bewegung entstand bereits an der Schwelle zum 20sten Jahrhundert und verfolgte das Ziel, Frauen und Männer gleichberechtigt miteinander leben zu lassen, wobei ein erklärtes Ziel dieser Bewegung die Aufhebung jeglicher Geschlechterunterschiede sowie die Überwindung der bürgerlichen Kleinfamilie war. Als 1975 die beiden Anthropologen Lionel Tiger und Joseph Shepher das Leben in solchen Kibuzzim untersuchten, stellten sie fest, dass Frauen und Männer mittlerweile zu ihren alten Rollenmustern zurückgekehrt waren. Die Frauen kümmerten sich um die Erziehung ihrer eigenen biologischen Kinder, während die Männer bevorzugt handwerklichen Tätigkeiten nachgingen und sich z. B. im Häuserbau oder in der Landwirtschaft engagierten. Die größere Fürsorglichkeit von Frauen ist verbunden mit einem höheren Maß an Empathie, d. h. der Fähigkeit, sich in die Gefühle und Gedanken eines anderen Menschen hineinversetzen zu können. Damit verbunden sind Geschlechterunterschiede im Umgang mit stressenden und bedrohlichen Situationen. Während Männer vor allem mit „fight or flight“ reagieren, d. h. entweder die Konfrontation suchen oder die Flucht ergreifen, Persistenz von Geschlechter unterschieden Abbildung 9.1: Mehr gleich als unterschiedlich? Neben anderem lassen sich Soldatentum und Schönheitspflege längst nicht mehr nur einem Geschlecht zuordnen. (Quelle: Österreichisches Bundesheer und © Dušan Zidar – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 191 192 Können Frauen wirklich nicht einparken? Zur Psychologie der Geschlechter unterschiedeKapitel 9 reagieren Frauen in solchen Situationen damit, die Nähe und Unterstützung vertrauter Bezugspersonen zu suchen (Pinker, 2008). Ehrgeiz und Kompetivität Männer sind eher an Wettbewerb und sozialem Status interessiert als Frauen. Jeder, der sein Kind aus einem Kindergarten abholt, wird beobachten, dass die Jungs in großen Gruppen miteinander körperbetonten Wettbewerb praktizieren (z. B. Fußball oder Cowboy und Indianer spielen), während Mädchen zu zweit oder dritt basteln oder mit ihren Puppen spielen. Dieses Bild ist mehr als ein bloßes Stereotyp, sondern der Alltag in Kindergärten auch dann, wenn die Betreuungspersonen dieser Kinder überwiegend aus alleinerziehenden Müttern bestehen, die in ihrer Erziehung gerade darum bemüht sind, keinerlei Geschlechtsrollenstereotypen zu folgen. Einer meiner Söhne, der damals auf einen Universitätskindergarten ging, wünschte sich zu seinem dritten Geburtstag dringend einen Puppenwagen. Da seine Mutter und ich sehr darauf bedacht waren, in unserer Erziehung nicht in Kategorien von „typisch Junge“ oder „typisch Mädchen“ zu denken, wurde ihm dieser Wunsch auch erfüllt. Die Freude war groß, die Puppe wurde aus dem Puppenwagen gerissen und in die Ecke geworfen, Holzwerkzeug in den Puppenwagen getan und fortan fuhr unser Sohn wie bei einem Formeleins-Rennen mit einem irrsinnigen Tempo sein zum Montagefahrzeug umgebauten Puppenwagen durch unsere Wohnung. Männer engagieren sich selbst dann im Wettbewerb mit anderen, wenn sie wissen, dass sie diesen vermutlich verlieren werden. In einer Studie (Niederle & Vesterlund, 2007) wurde aus jeweils vier Versuchspersonen eine Gruppe gebildet (jeweils zwei Frauen und zwei Männer). Jede Versuchsperson hatte dabei die „Gewinnen ist nicht alles. Es ist das Einzige.“ Vince Lombardi (1913–1970), ital. Fußballtrainer Unterschiede bereits im Kinderalter erkennbar Abbildung 9.2: Erziehung oder doch die Gene: Immer noch spielen Mädchen lieber mit Puppen, während Jungen beim Fußball wetteifern. Ein Grund für die unterschiedlichen Lieblingsbeschäftigungen ist, dass Jungen im Spiel gerne konkurrieren, Mädchen jedoch eher eine Abneigung gegen Wettbewerb haben. (© ClickPop und © W-FOTO – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 192 193 Worin unterscheiden sich Männer und Frauen? Kapitel 9 Aufgabe, innerhalb von fünf Minuten so viele zweiziffrige Zahlen zu addieren wie möglich. In einer ersten Runde erhielten die Versuchspersonen für jede richtige Antwort 50 Cent. In einer zweiten Runde mussten die Versuchspersonen miteinander konkurrieren: Die Person mit den meisten korrekten Antworten erhielt $ 2. In einer dritten Runde sollten die Versuchspersonen sich entscheiden, ob sie lieber für sich oder im Wettbewerb miteinander arbeiten wollten. Von den Männern entschieden sich 75 % für Wettbewerb, von den Frauen hingegen nur 35 %. Eine solche Präferenz für Wettbewerb war weitgehend unabhängig davon, ob die Versuchspersonen in den ersten beiden Runden zu den Gewinnern bzw. zu den Verlierern gezählt hatten. An meinem Institut müssen Studierende oftmals in Gruppen von drei bis vier Studierenden gemeinsam an einer Präsentation arbeiten, die sie dann im Seminar gemeinsam halten. Eine kleine Studie unter unseren Studierenden zeigte, dass Frauen diese Zusammenarbeit sehr genießen, während (zumindest einige) Männer Probleme damit haben, dass ihr einzigartiger Beitrag zur Gruppenleistung von den Dozenten übersehen werden könnte. Die unterschiedliche Wettbewerbsorientierung von Männern und Frauen spiegelt sich auch in ihren Karrierewegen wider. In einer Vorlesung habe ich einmal die anwesenden Studentinnen danach gefragt, ob sie sich vorstellen können, später in ihrem Leben ihre eigenen beruflichen Ambitionen aufzugeben, um ihrem Partner „den Rücken freizuhalten“. Von den ca. achtzig Frauen waren nur drei dazu bereit. Beobachtungen in meinem eigenen Freundeskreis zeichnen allerdings ein anderes Bild: Dort gibt es viele beruflich ehemals sehr ehrgeizige Frauen (z. B. promovierte Volkswirtinnen und hoch qualifizierte Krankenhausapothekerinnen), die vor einigen Jahren ihre Karriere aufgegeben haben, allenfalls noch nebenberuflich arbeiten und sich ansonsten um die Erziehung ihrer Kinder kümmern. Einfluss der Wettbewerbsorientierung auf Karrierewege Abbildung 9.3: Kampfgeist oder Zusammenhalt? Auch in punkto Berufsleben haben Männer und Frauen eine andere Motivation und Einstellung. (© ArTo und © Gernot Krautberger – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 193 194 Können Frauen wirklich nicht einparken? Zur Psychologie der Geschlechter unterschiedeKapitel 9 Im universitären Kontext werden qualifizierte Nachwuchswissenschaftlerinnen durch spezifische Förder- und Mentoringprogramme unterstützt – mit mäßigem Erfolg. Obwohl Frauen früher als Männer ihr Studium und ihre Promotion abschließen, brauchen sie deutlich länger als diese für ihre Habilitation oder brechen sie ab, weil sie sich von den „Werbungstänzen“ abgestoßen fühlen, die von ihren männlichen Konkurrenten auf den entsprechenden Fachkongressen aufgeführt werden, um etablierte (männliche) Professoren zu beeindrucken. Dabei ist das Eingebundensein in entsprechende Netzwerke ein wichtiger Prädiktor der Universitätslaufbahnen junger Wissenschaftler (für die Psychologie zeigen dies Lang & Neyer, 2004). Ähnliches gilt im Übrigen auch für junge Kriminelle. In einer Studie an jungen Strafgefangenen zeigte sich, dass die erfolgreichsten von ihnen (gemessen an der Summe, die sie durch ihre Straftaten eingenommen hatten) in aller Regel über einen älteren und erfahrenen „Mentor“ verfügten. „Das erinnert mich doch stark an die Universität“ (Pinker, 2008, S. 295). Selbstbewusstsein und Assertivität Wie Bischof-Köhler (2008) zeigen konnte, sind Männer selbstbewusster als Frauen – oder tun zumindest so. In Kapitel 13 werden wir diskutieren, dass Menschen ganz allgemein dazu neigen, eigene Erfolge eher ihren eigenen persönlichen Fähigkeiten zuzuschreiben, eigene Misserfolge hingegen eher dem Pech oder dem Zufall. Diese Tendenz aber ist bei Männern stärker als bei Frauen. Letztere neigen manchmal sogar dazu, ihre eigenen beruflichen Erfolge auf Zufall zurückzuführen oder darauf, dass ihre eigene Inkompetenz nur noch nicht entdeckt worden ist. Eine Kollegin von mir hatte über Jahre den immer wieder gleichen Albtraum, in dem sie träumte, das Diplom würde ihr aberkannt, weil sie ihr Abitur eigentlich gar nicht bestanden habe. Nach ihrer Promotion passte sich dieser Traum den neuen Gegebenheiten an: Nun wurde ihr die Promotion aberkannt, weil sie ihr Diplom eigentlich gar nicht bestanden habe. Männer hingegen werden von solchen Selbstzweifeln sehr viel seltener geplagt. Ein sehr erfolgreicher amerikanischer Geschäftsmann formulierte dies einmal so: „Sie dachten, ich hätte Ahnung. Ich habe nicht versucht, ihnen diesen Gedanken auszureden.“ Weil Frauen ihre eigenen Fähigkeiten eher unterschätzen, vermeiden sie Wettbewerb mit anderen selbst dann, wenn sie in diesem gute Chancen hätten (Ehrlinger & Dunning, 2003). Ganz allgemein sind Männer eher als Frauen dazu bereit, ihre eigenen Belange offensiv zu formulieren. Ein Kennzeichen der derzeitigen Universitätslandschaft besteht darin, dass Frauen im Studium die besseren Noten erzielen als Männer und mittlerweile auch ähnlich häufig wie diese promovieren. Wenn es aber darum geht, Professuren zu besetzen, erhalten Männer nach wie vor sehr viel häufiger einen Lehrstuhl als Frauen (Färber & Spangenberg, 2008). Über- vs. Unterschätzung eigener Fähigkeiten Doris Bischof-Köhler Deutsche Psychologin – Bischof-Köhler beschäftigt sich aus biopsychischer Sicht mit der Entstehung von Geschlechtsunterschieden, vor allem mit unterschiedlichem Wettbewerbsverhalten. Darüber hinaus forscht sie zur Theory of mind (s. Kapitel 2) und zur sozialen Wahrnehmung bei Kleinkindern. Sie ist mit dem ebenfalls bekannten Psychologen Norbert Bischof verheiratet. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 194 195 Worin unterscheiden sich Männer und Frauen? Kapitel 9 Dies liegt nach meinem Eindruck auch daran, dass begabte Frauen von Professoren gefragt werden, bei ihnen zu promovieren, sie sich nach ihrer Promotion aber oftmals nicht trauen, aktiv eine eigene Hochschullaufbahn anzustreben, obwohl sie objektiv viel geeigneter dazu wären als viele Männer, die in dieser Hinsicht sehr viel assertiver agieren. Aggressivität und Gewalt Männer sind aggressiver und gewalttätiger als Frauen. Mörder sind ganz überwiegend männlich, ebenso wie Selbstmordattentäter oder Amokläufer. Kriege wurden zu allen Zeiten vor allem von Männern geführt. Auf diese Aspekte werden wir im Kapitel 19 ausführlicher eingehen, wo wir uns ganz allgemein mit dem Thema Aggressivität beschäftigen werden. Risikobereitschaft Männer sind risikobereiter als Frauen. Dies gilt für das Autofahren genauso wie bei der Geldanlage oder beim Skifahren. Männer sind sehr viel mehr als Frauen dazu bereit, Sex ohne Kondom zu haben und das Risiko einzugehen, sich mit HIV oder einer anderen Geschlechtskrankheit zu infizieren. Als eine Folge dieser geringen Risikoaversion sind Männer häufiger das Opfer von Verkehrs- und anderen Unfällen sowie von Straftaten. Die Ursachen der unterschiedlichen Viktimisierungsraten lassen sich sogar vollständig auf die Tatsache zurückführen, dass Männer eine andere Einstellung zu Risiken haben als Frauen (Fetchenhauer & Rohde, 2002). Abbildung 9.4: No risk, no fun – dieses Motto gilt eindeutig mehr für Männer als für Frauen. Oder ist Ihnen der Ausdruck Stuntwoman geläufig? (© Marc Rigaud – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 195 196 Können Frauen wirklich nicht einparken? Zur Psychologie der Geschlechter unterschiedeKapitel 9 Mozart versus Jack the Ripper Schon Darwin meinte zu beobachten, dass Männer in ihrem Wesen extremer sind als Frauen. Technisch formuliert: Auch wenn es bei den meisten Persönlichkeitsmerkmalen keinen Mittelwertsunterschied zwischen Frauen und Männern gibt, ist die Varianz bei Männern oftmals größer. In seiner mehr als 100-jährigen Geschichte ist der Nobelpreis für Physik bislang nur zweimal an eine Frau vergeben worden. Es gibt aber noch einen anderen Preis, bei dem Männer sehr viel häufiger ausgezeichnet werden als Frauen, nämlich die so genannten Darwin Awards (Northcutt, 2003, 2005). Diese werden jedes Jahr an solche Mitglieder der menschlichen Spezies vergeben, die durch eigene Dämlichkeit ihr Leben (oder ihre Potenz) verloren und dadurch der Menschheit einen Dienst erwiesen haben, weil sie fortan darauf verzichten, ihre eigenen Gene an folgende Generationen weiterzugeben. Ein Beispiel: „Valparaiso, ein kleiner Vorort Chicagos, am späten Abend des 22. Juni 2007. Zwei Männer machen sich auf den Weg zum Bahngleis, um sich dort einer makabren Mutprobe zu stellen. Top, die Wette gilt: Wer im Angesicht eines heranrasenden Zuges am längsten auf den Gleisen stehen bleibt, gewinnt. Es stellt sich heraus, dass der 23-jährige Patrick Stiff II. die stärkeren Nerven hat: Während sein Kumpel längst zur Seite gesprungen ist, steht Stiff immer noch. Er steht so lange, bis ihn der Zug überrollt. Stiff verliert sein Leben. Die Wette aber hat er gewonnen.“ (Kast, 2008). Eine Studie an 80 000 schottischen Kindern zeigte, dass weibliche und männliche Testpersonen im Schnitt ganz genau die gleichen Testergebnisse erzielten (Deary et al, 2003). Aber sowohl bei den unteren als auch bei den oberen Extremwerten überwogen die Jungen. So kamen in der Gruppe der Hochbegabten (d. h. einem IQ zwischen 130 und 140) auf vier Mädchen ca. sechs Jungs. Die US-Kulturhistorikerin Camille Paglia hat die Tatsache, dass Männer extremer sind als Frauen einmal so auf den Punkt gebracht: „Es gibt keinen weiblichen Mozart, weil es keinen weiblichen Jack the Ripper gibt.“ Varianz von Persönlichkeitsmerkmalen Abbildung 9.5: Männer sind auf fast allen Gebieten extremer als Frauen: Daher sind sowohl unter den Hochbegabten und Genies als auch unter den Kriminellen mehr Männer als Frauen zu finden. (Quelle: li, Barbara Krafft; re: WVG Medien) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 196 197 Sozial-konstruktivistische Erklärungen für Geschlechter unterschiede Kapitel 9 Sozial-konstruktivistische Erklärungen für Geschlechterunterschiede Vertreter des sozialen Konstruktivismus (wie Gergen, 1985, oder Watzlawick, 1976) argumentieren grundsätzlich, dass es so etwas wie eine objektive Realität nicht gäbe. Demzufolge seien all unsere Annahmen über die Realität immer das Ergebnis gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse (Mehr zur Theorie des sozialen Konstruktivismus werden Sie in Kapitel 13 erfahren). In Übereinstimmung mit dieser grundsätzlichen Annahme des Konstruktivismus wird teilweise argumentiert, dass jegliches Denken über Geschlechterunterschiede keine objektive Grundlage habe, sondern einzig das Ergebnis einer gesellschaftlichen Konstruktion solcher Unterschiede sei (z. B. De Beauvoir 1949/2000). Ganz in diesem Sinne betonte Margaret Mead auf Basis ihrer anthropologischen Feldforschung in Melanesien bereits 1934: “Many, if not all, of the personality traits which we have called masculine or feminine are as lightly linked to sex as are the clothing, the manners, and the form of head-dress that a society at a given period assigns to either sex” (Mead, 1934, S. 280). In der Tat gibt es einige Merkmale von Frauen und Männern, die diesen vollkommen arbiträr zugeordnet werden und die sich zwischen verschiedenen Kulturen deutlich unterscheiden, wie z. B. Haartracht oder Bekleidungsstile. Darüber hinaus aber zeigen interkulturell vergleichende Studien eine Vielzahl von universellen oder annähernd universellen Geschlechterunterschieden, z. B. in der Aufteilung bestimmter Tätigkeiten wie Jagen (nahezu immer eine Sache der Männer) oder Kochen (nahezu immer eine Sache der Frauen) (Wood & Eagly, 2002; Bischof-Köhler, 2008). Zudem ist die geschlechtliche Identität eines Menschen in allen Kulturen ganz überwiegend vom biologischen Geschlecht determiniert. Das zeigt besonders deutlich der berühmt berüchtigte Fall eines Jungen, der mit acht Monaten während einer Beschneidung einen Teil seines Penis verlor (Colapinto, 2000). Die Eltern konsultierten daraufhin den bekannten Sexualforscher John Money. Vor dem Hintergrund seiner Überzeugung, dass “Nature is a political strategy of those committed to maintaining the status quo of sex differences” (Money, 1987, S. 14), riet Money den Eltern, den Penis den Jungen ganz abzuschneiden, durch eine künstliche Vagina zu ersetzen und den Jungen fortan als Mädchen großzuziehen. Die Eltern folgten diesem Rat, und aus Bruce wurde Brenda und sie erlebte – so schien es – eine glückliche Kindheit als kleines Mädchen. In den 1970er Jahren wurde diese Geschichte oftmals als Beleg dafür zitiert, dass das biologische Geschlecht die geschlechtliche Identität eines Menschen in keiner Weise determiniere. So erklärte z. B. Alice Schwarzer (damals wie heute Deutsch- Arbiträre Merkmalszuordnung Geschlecht als identitätsstiftender Faktor Margaret Mead (1901–1978) US-amerikanische Anthropologin – Margaret Mead war eine Vertreterin des Kulturrelativismus. Sie vertrat die Auffassung, dass alles Sozialverhalten formbar und kulturbestimmt sei. Außerdem war Mead durch Ihre Forschung zum Sexualverhalten in südpazifischen Kulturen eine Vorreiterin der sexuellen Revolution. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 197 198 Können Frauen wirklich nicht einparken? Zur Psychologie der Geschlechter unterschiedeKapitel 9 lands renommierteste Feministin) mit Hinweis auf den Fall der kleinen Brendy, die Gebärfähigkeit sei der einzige Unterschied zwischen Männern und Frauen. „Alles andere ist künstlich aufgesetzt, ist eine Frage der geformten seelischen Identität“ (Schwarzer, 1977). Tatsächlich aber fühlte sich „Brenda“ von früher Kindheit wie ein Junge, gefangen im Körper eines Mädchens, spielte lieber mit Pistolen als mit Puppen und bestand sogar darauf, im Stehen zu urinieren. Als Brenda im Alter von 14 Jahren die Wahrheit über ihr biologisches Geschlecht erfuhr, beschloss er augenblicklich, als Junge zu leben, nannte sich von nun an David und bestand darauf, dass ihm die künstliche Vagina entfernt wurde. Dennoch litt David ein Leben lang unter seiner Vergangenheit als Mädchen. Er nahm sich schließlich 2004 im Alter von 39 Jahren das Leben. Evolutionspsychologische Erklärungen für Geschlechterunterschiede Bereits im ersten Kapitel hatten wir uns mit dem Thema der „sexuellen Selektion“ auseinandergesetzt und erläutert, dass aus evolutionspsychologischer Perspektive Geschlechterunterschiede zu erklären sind aus den unterschiedlichen Reproduktionsstrategien von Männern und Frauen. Weil Männer im intrasexuellen Wettbewerb um den Zugang zu attraktiven Frauen stehen, sind sie aggressiver, assertiver und wettbewerbsorientierter als Frauen. Weil der reproduktive Erfolg von Männern zudem von ihrem sozialen Status abhängt, sind sie karriereorientierter und in ihren beruflichen Ambitionen instrumenteller als Frauen. Weil Frauen mehr Zeit als Männer in ihre Kinder investieren, sind sie fürsorglicher und empathischer als Männer. Weil für das Überleben der eigenen Kinder Unterstützungsnetzwerke aus Freunden und Verwandten wichtig sind, zeigen sich Frauen eher als Männer an der Pflege solcher Netzwerke interessiert. Weil ihre physische Präsenz für das Überleben ihrer Kinder notwendig ist, vermeiden sie Unterschiede der Reproduktionsstrategien Abbildung 9.6: Es ist halt doch nicht alles nur Erziehung: Der als Mädchen aufgezogene David Reimer – damals Brenda genannt – fühlte immer, dass er männlichen Geschlechtes ist. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 198 199 Die bio-soziale Theorie von Eagly und Wood Kapitel 9 Risiken, die ihr eigenes Überleben gefährden könnten, während Männer Risiken lieben, weil sie durch das Nehmen von Risiken – und durch das Überleben gefährlicher Situationen – ihre genetische Fitness demonstrieren können. Aus dieser evolutionspsychologischen Argumentation lässt sich ableiten, dass Unterschiede zwischen Männern und Frauen nicht nur sozialisationsbedingt sind und daher auch in Zukunft bestehen werden. Die bio-soziale Theorie von Eagly und Wood Innerhalb der Psychologie gibt es einen viel beachteten Versuch von Eagly und Wood (1999, 2002), Elemente aus dem besprochenen sozial-konstruktivistischen und einem evolutionspsychologischen Erklärungsansatz miteinander zu verknüpfen. Nach diesem Ansatz bedingen körperliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen, sowie die Tatsache, dass Frauen und nicht die Männer Kinder bekommen, in Jäger- und Sammlergesellschaften eine natürliche Arbeitsteilung zwischen den beiden Geschlechtern, bei der die Frauen eher für die Aufzucht der Kinder, Männer hingegen für das Beschaffen von Nahrung zuständig sind. Damit Männer und Frauen diese Aufgaben adäquat erfüllen, werden sie in bestimmte Geschlechterrollen sozialisiert, d. h. von Männern wird erwartet, dass sie typisch männliche und von Frauen wird erwartet, dass sie typisch weibliche Eigenschaften entwickeln. Im Unterschied zu sozialkonstruktivistischen Erklärungsansätzen sind Geschlechterunterschiede somit nicht arbiträr, sondern entspringen den funktional vorgegebenen unterschiedlichen Geschlechterrollen von Frauen und Männern. Entgegen dem evolutionspsychologischen Erklärungsansatz sind Geschlechterunterschiede jedoch nicht durch sexuelle Selektion, d. h. genetisch bedingt, sondern werden durch gesellschaftliche Rollenerwartungen vermittelt. Körperliche Unterschiede plus Sozialisation Abbildung 9.7: Nature oder Nurture (Gene oder Erziehung)? Apfel oder Apfelsine? Es muss nicht immer „entweder oder“ sein. Die biosoziale Theorie von Eagly und Wood geht davon aus, dass sich Geschlechterunterschiede zwar durch Rollenerwartungen herausbilden, jene aber wiederum sinnvoll aus historischen Notwendigkeiten entstanden sind. (© ProMotion – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 199 200 Können Frauen wirklich nicht einparken? Zur Psychologie der Geschlechter unterschiedeKapitel 9 Aus der Theorie von Eagly und Wood lässt sich somit ableiten, dass bei einer Ver- änderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Geschlechterunterschiede abnehmen oder sogar gänzlich verschwinden können. So gibt es in modernen Gesellschaften nur noch wenige funktionale Notwendigkeiten mehr, an den überkommenen Geschlechterrollen festzuhalten. Die körperliche Überlegenheit von Männern ist bei den meisten Berufen nur noch von geringer Bedeutung, die Belastung von Frauen durch Schwangerschaften und das Erziehen der Kinder ist durch den Rückgang der Geburtenzahl und die Verfügbarkeit künstlicher Babynahrung erheblich reduziert. Wood und Eagly (2002) verweisen allerdings darauf, dass Männer nur wenig Interesse daran haben, zu einer Nivellierung von Geschlechterrollen beizutragen, weil patriarchalische Strukturen ihnen traditionell mehr Macht und Einfluss in der Familie, am Arbeitsplatz und in der Politik einräumen. Dies sei auch der Grund, dass Frauen bei gleicher beruflicher Qualifikation deutlich weniger verdienen als Männer, dass Frauen am Arbeitsplatz negativ sanktioniert werden, wenn sie aus weiblichen Rollenmustern ausbrechen und z. B. einen „männlichen“ (d. h. direktiven) Führungsstil verfolgen und dass sie als „Rabenmütter“ bezeichnet werden, wenn sie auch mit kleinen Kindern an ihrer Berufstätigkeit festhalten. Letztlich aber, so lässt sich aus ihrer Theorie folgern, werden sich die gesellschaftlichen Positionen von Männern und Frauen ebenso angleichen wie die an sie gerichteten Rollenerwartungen und die daraus entstehenden Persönlichkeitsund Einstellungsstrukturen. Empirische Studien zur Überprüfung konkurrierender Theorien Bisher haben wir in diesem Kapitel sehr unterschiedliche Theorien zur Erklärung von Geschlechterunterschieden diskutiert, die sich zumindest teilweise widersprechen. Wie lässt sich entscheiden, welche dieser Theorien zutreffend ist? Diese Frage ist schwer zu beantworten. Ein Grund dafür liegt in der Tatsache, dass die Theorien zu einem großen Teil durch empirische Fakten begründet werden, die bei der Theorieformulierung bereits allgemein bekannt waren (z. B. die Tatsache, dass Männer körperlich aggressiver sind als Frauen bzw. dass Frauen Sex mit Fremden weniger anziehend finden als Männer). Aus wissenschaftstheoretischer Perspektive ist es deshalb notwendig, Studien durchzuführen, deren empirischen Ergebnisse nicht a priori bekannt sind und bei denen die verschiedenen Theorien zu unterschiedlichen Vorhersagen kommen. In Kapitel 6 hatten wir beklagt, dass solche wissenschaftstheoretischen Argumente Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 200 201 Empirische Studien zur Überprüfung konkurrierender Theorien Kapitel 9 in vielen psychologischen Studien keine Rolle spielen und dass Evidenz für die eine Erklärung oftmals auch dann als Evidenz gegen eine alternative Erklärung angesehen wird, wenn ein solcher Schluss logisch nicht möglich ist. Dennoch gibt es zum Thema Geschlechterunterschiede einige Studien bzw. Forschungsansätze, die dem Kriterium genügen, verschiedene Theorien gegeneinander zu testen. Diese sollen im Folgenden vorgestellt und diskutiert werden. Geschlechterunterschiede in der Furcht vor Kriminalität Viele kriminologische Studien verweisen darauf, dass Männer häufiger Opfer von Gewalt und Aggression werden, Frauen aber mehr Angst davor haben. Dieser außerordentlich robuste Befund ist dementsprechend als Kriminalitätsfurchtparadox bezeichnet worden (Hale, 1996). Eine mögliche Erklärung für Unterschiede in der Kriminalitätsfurcht von Männern und Frauen bietet die so genannte „Power Control“ Theorie (Hagan, Simpson & Gillis, 1987). Diese betont, dass Machtunterschiede zwischen Vätern und Müttern zu unterschiedlichen Sozialisationsstilen gegenüber Jungen und Mädchen führten. Vor allem in traditionellen Familien, in denen der Vater ganztags berufstätig ist, während sich die Mutter um den Haushalt und die Kinder kümmert, würden Jungen systematisch dazu erzogen, risikobereit, durchsetzungsfähig und furchtlos zu sein, während Mädchen systematisch dazu erzogen würden, risikomeidend, unterwürfig und ängstlich zu sein. In Familien mit nicht-traditioneller Rollenverteilung sollten diese Unterschiede demnach sehr viel niedriger ausgeprägt sein (Grasmick et al., 1996). Aus evolutionstheoretischer Sicht würde sich eine Erklärung des Kriminalitätsfuchtparadoxes hingegen an den bereits ausführlich beschriebenen Reproduktionsstrategien von Männern und Frauen orientieren. Demzufolge ist Furcht zunächst einmal zu begreifen als eine adaptive emotionale Reaktion auf einen bestimmten Hinweisreiz, die dazu führt, objektiv gefährliche Situationen zukünftig zu vermeiden. Dennoch stellte sich in der menschlichen Evolutionsgeschichte diese Funktionalität von Furcht für Frauen und Männer unterschiedlich dar. Hohe Furchtsamkeit erhöhte bei Frauen die Chance des eigenen Überlebens bzw. des Überlebens der eigenen Nachfahren. Bei Männern hingegen wirkte sich ein hohes Maß an Ängstlichkeit dysfunktional auf Jagderfolge sowie den Erfolg in kriegerischen Auseinandersetzungen mit anderen Stämmen bzw. am intrasexuellen Wettbewerb innerhalb der eigenen Gruppe aus. Sprich: „Angsthasen“ waren kaum in der Lage, einen hohen sozialen Status zu erlangen und sich häufig zu reproduzieren. Vor diesem Hintergrund ist es aus evolutionspsychologischer Perspektive höchst plausibel, dass Frauen furchtsamer sind als Männer. Kriminalitäts furchtparadox Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 201 202 Können Frauen wirklich nicht einparken? Zur Psychologie der Geschlechter unterschiedeKapitel 9 Fetchenhauer und Buunk (2005) haben diese unterschiedlichen Erklärungsansätze für das Kriminalitätsfurchtparadox anhand von 610 Schülern einer empirischen Überprüfung unterzogen. Zur Messung von Kriminalitätsfurcht sollten die Respondenten ihre Furcht vor sechs ganz konkreten negativen Ereignissen angeben. Hierbei handelte es sich einerseits um Viktimisierungen durch Straftaten (Körperverletzung, Raub, Einbruch, sexuelle Gewalt), andererseits jedoch auch um Viktimisierungen wie Autounfälle sowie sonstige Unfälle. Hierbei zeigten sich beträchtliche Geschlechterunterschiede in der Furcht der befragten Jugendlichen vor allen sechs Ereignissen. Darüber hinaus gaben die befragten Mädchen hinsichtlich aller sechs Ereignisse an, eine potentielle Viktimisierung durch dieses Ereignis als „schlimmer“ zu erleben als die befragten Jungen. Und: Mädchen hielten hinsichtlich aller Ereignisse die Wahrscheinlichkeit, Opfer dieses Ereignisses zu werden, für deutlich höher als die befragten Jungen. Die höhere Furchtsamkeit von Mädchen vor nichtkriminellen Ereignissen ist durchaus in Übereinstimmung mit der Power Control Theorie. Um die Gültigkeit dieser Theorie in Abgrenzung zu der von Fetchenhauer und Buunk vorgestellten evolutionspsychologischen Erklärung zu überprüfen, haben diese durch eine Reihe von Indikatoren die Traditionalität bzw. die innerfamiliäre Machtverteilung zwischen den Eltern der befragten Jugendlichen erfasst. Ihre Befunde waren außerordentlich konsistent: keiner dieser Indikatoren beeinflusste den Unterschied in der Furchtsamkeit von Jungen und Mädchen. Weder Unterschiede in der wöchentlichen Arbeitszeit von Vätern und Müttern, die Frage, ob diese eine Leitungsfunktion innehaben noch ihr Ausbildungsniveau bzw. das Prestige des von ihnen ausgeübten Berufs moderierte den Zusammenhang zwischen dem Geschlecht ihrer Kinder und deren Furchtsamkeit. Auch die subjektive Wahrnehmung des Rollenverhaltens hatte keinen Einfluss: Egal ob der Vater fürs Putzen und den Abwasch zuständig war oder die Mutter, egal, wer sich um die Finanzen kümmerte und egal, ob in wichtigen Entscheidungen der Vater oder die Mutter „das letzte Wort“ hatten, immer waren die Töchter sehr viel furchtsamer als die Söhne. Zusammenfassend bleibt somit festzuhalten, dass sämtliche Alternativerklärungen für das Kriminalitätsfurchtparadox falsifiziert werden konnten und somit die entwickelte evolutionspsychologische Erklärung bestätigt werden konnte. Der Einfluss des Menstruationszyklus auf die weibliche Psyche Mit einem gänzlich anderen Thema beschäftigt sich ein in den letzten Jahren entstandener Forschungsstrang, der untersucht, inwiefern die Partnerwahlpräferenzen von Frauen durch ihren Menstruationszyklus beeinflusst sind. Bevor wir Steven W. Gangestad (*1954) US-amerikanischer Psychologe – Gangestad ist Evolutions-, Sozial- und Persönlichkeitspsychologe und widmet sich Studien zu engen zwischenmenschlichen Beziehungen wie Freundschaften, sexuellen Partnerschaften und familiären Beziehungen. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 202 203 Empirische Studien zur Überprüfung konkurrierender Theorien Kapitel 9 diskutieren, inwiefern diese Forschung zur Beantwortung der Frage beisteuern kann, woher Unterschiede zwischen Männern und Frauen stammen, sollen ihre wesentlichen Gedanken und empirischen Befunde erläutert werden. Aus evolutionspsychologischer Perspektive stehen Frauen bei der Wahl eines Sexualpartners vor einem Dilemma: Auf der einen Seite wollen sie einen körperlich attraktiven Partner mit „guten Genen“, d. h. einen Partner, der gesund und widerstandsfähig ist, weil diese Eigenschaften an die gemeinsamen Kinder weitervererbt werden. Auf der anderen Seite wollen sie einen Mann, der bereit und in der Lage ist, Zeit und Ressourcen in die Erziehung der gemeinsamen Kinder zu investieren. Körperlich attraktive Männer hingegen haben die Möglichkeit, mit vielen Frauen sexuelle Beziehungen zu unterhalten und sind deshalb nicht gewillt, sich an eine einzelne Frau zu binden. Mit anderen Worten: Auch wenn jede Frau davon träumt, dass ihr Partner reich ist und sexy und fürsorglich, wird sie einen solchen Partner nur schwer finden. Gangestad und Simpson (2000) argumentieren deshalb, dass Frauen ihre reproduktive Fitness erhöhen können, indem sie eine so genannte „gemischte reproduktive Strategie“ verfolgen. Als Langzeitpartner bevorzugen sie den „guten Zuhörer“ und „fürsorglichen Vater“, darüber hinaus aber unterhalten sie sexuelle Beziehungen mit körperlich attraktiven „Machos“. Wenn Sexualverkehr mit einem Affärenpartner vor allem in der Mitte des Menstruationszyklus stattfindet, können Frauen sicherstellen, dass die Kinder hoch attraktiver Väter von zuverlässigen und liebevollen Männern groß gezogen werden, die diese Kinder für ihre eigenen halten (wie Nietzsche einmal bemerkte: „Der Mann ist böse, aber das Weib ist schlecht“). Wenn bei Frauen tatsächlich eine derartige Präferenzstruktur für parallele Langund Kurzzeitbeziehungen evolviert ist, dann sollte dies dazu führen, dass Frauen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihres Menstruationszyklus unterschiedliche Männer bevorzugen – Attraktive „Machos“ in der Mitte des Zyklus (wo die Wahr- Gemischte reproduktive Strategie Gute Gene Jeffry A. Simpson (*1958) US-amerikanischer Sozialpsychologe – Wie Gangestad beschäftigt sich Simpson mit der Psychologie enger Beziehungen. Dabei betrachtet er vor allem Bindungsprozesse, Kennenlernstrategien und Idealisierung von geliebten Personen. Abbildung 9.8: Weibliche List und Kuckuckseier: Frauen können ihre reproduktive Fitness erhöhen, indem sie als Lebenspartner fürsorgliche Väter, doch durch Affären attraktive „Machos“ als die tatsächlichen Väter ihrer Kinder wählen. (© Kzenon und © die-exklusiven – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 203 204 Können Frauen wirklich nicht einparken? Zur Psychologie der Geschlechter unterschiedeKapitel 9 scheinlichkeit, schwanger zu werden am höchsten ist), nette „Versorger“ zu allen anderen Zeitpunkten ihres Zyklus. Bevor wir uns damit befassen, inwiefern diese Hypothese empirisch bestätigt werden kann, soll auf zwei Aspekte hingewiesen werden: Erstens: Sollte diese Theorie empirisch gestützt werden, dann wäre dies ein Beleg für die Gültigkeit der Evolutionspsychologie und zugleich ein Widerspruch sowohl zu sozial-konstruktivistischen Theorien als auch zur bio-sozialen Theorie von Eagly und Wood. Weibliche Parterwahlpräferenzen wären dann offensichtlich nicht nur kulturell vermittelt, sondern im Gegenteil auch genetisch bedingt. Zweitens: Bevor diese Theorie entwickelt wurde, gab es keinerlei empirische Evidenz, ob und wie sich Partnerwahlpräferenzen über den weiblichen Menstruationszyklus verändern. Es handelt sich somit nicht nur um eine post hoc Erklärung bereits bekannter Phänomene, sondern um eine Vorhersage bislang unbekannter Tatsachen. Lässt sich die Theorie der gemischt reproduktiven Strategie von Gangestad und Simpson empirisch bestätigen? Die Antwort lautet: ja. Eine Vielzahl von Studien zeigt, dass Frauen in der Mitte ihres Zyklus bei Männern maskulinere Gesichter und Stimmen bevorzugen als zu anderen Zeitpunkten ihres Zyklus (Gangestad et al., 2002, 2004, 2005a, 2005b). Darüber hinaus zeigen Frauen an ihren fruchtbaren Tagen eine Präferenz für den Geruch symmetrischer Männer. Wie genau kam man zu diesem Ergebnis? Zunächst wurde dazu die Symmetrie der teilnehmenden Männer mittels biometrischer Verfahren erhoben und die Probanden anschließend gebeten, zwei Tage lang ein bestimmtes T-Shirt zu tragen und sich in dieser Zeit weder zu duschen noch ein Deodorant zu benutzen. Die getragenen T-Shirts wurden dann einer Gruppe von Frauen vorgelegt, die den Geruch dieser T-Shirts als attraktiv bzw. unattraktiv bewerten sollten. Tatsächlich zeigte sich, dass Frauen in der Mitte ihres Zyklus den Geruch symmetrischer Männer bevorzugen, diese Präferenz an anderen Tagen ihres Zyklus jedoch nicht besteht. In weiteren Studien konnte dieser Befund bestätigt werden (Gangstad et al., 2005). Darüber hinaus versuchen Frauen in der Mitte ihres Zyklus stärker als zu anderen Zeiten, die sexuelle Aufmerksamkeit von Männern zu erregen, z. B. dadurch, dass sie sich aufreizender kleiden (Grammer et al., 2004; Haselton et al, 2007; Schwarz & Hassebrauck, 2008). Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 204 205 Empirische Studien zur Überprüfung konkurrierender Theorien Kapitel 9 Dass Frauen in diesem Bemühen, vor allen in ihren hoch-fertilen Phasen sexuell attraktiv zu wirken, auch tatsächlich erfolgreich sind, zeigt eine außergewöhnliche Studie an einer Stichprobe von so genannten “Lap-Dancern“, deren Verdienst im wesentlichen darin besteht, dass ihnen (geifernde) Männer während ihres Tanzes Geldscheine zustecken. Und tatsächlich: Während ihrer fruchtbaren Tage verdienten die Tänzerinnen mehr Geld als zu den anderen Tagen des Zyklus (Miller et al., 2007). Diese Studie ist aus methologischen Gründen wichtig, weil sie zeigt, dass evolvierte weibliche Partnerwahlpräferenzen auch dann noch wirksam sind, wenn sie den manifesten Interessen von Frauen diametral entgegenstehen, denn Stripteasetänzerinnen wollen vermutlich an allen Tagen ihres Zyklus möglichst viel Geld verdienen und wollen sich ziemlich sicher von keinem ihrer Kunden schwängern lassen. Partnerwahlpräferenzen und weibliche Teilhabe an der Macht Sowohl die Studien zum Kriminalitätsfurchtparadox als auch die Studien zum Einfluss des Menstruationszyklus auf weibliche Partnerwahlpräferenzen bestätigen somit die Vorhersagen der Evolutionspsychologie und widersprechen sowohl sozial-konstruktivistischen Theorien als auch der bio-sozialen Theorie von Eagly und Wood. Im Folgenden soll jedoch eine Studie vorgestellt werden, deren Ergebnisse in eine andere Richtung weisen. Ende der 1980er Jahre wurde von dem renommierten Evolutionspsychologen David Buss in 37 verschiedenen Kulturen eine interkulturelle Studie durchgeführt, in der Frauen und Männer danach gefragt wurden, was ihnen bei einem potentiellen Heiratspartner wichtig sei (Buss, 1989). In Übereinstimmung mit evolutionspsychologischen Annahmen zeigte sich in allen Kulturen, dass Männer Frauen bevorzugen, die jünger sind als sie selbst, und dass Frauen Männer bevorzugen, die etwas älter sind als sie selbst. Zudem war es in allen Kulturen für Frauen wichtiger als für Männer, dass ihr Partner über ein hohes Einkommen verfügt. Die Tatsache, dass sich diese Befunde in allen untersuchten Kulturen zeigten, wurde von Buss als weiterer Beleg für die evolutionspsychologische Annahme gewertet, dass unterschiedliche Partnerwahlpräferenzen von Männern und Frauen genetisch bedingt sind. Von Eagly und Wood (1999) wurde jedoch darauf hingewiesen, dass diese Befunde auch im Einklang mit ihrer bereits beschriebenen bio-sozialen Theorie sind. Wenn Männern gesellschaftlich die Rolle des Familienernährers zugewiesen wird und Frauen wesentlich darauf angewiesen sind, von ihrem männlichen Partner mit Ressourcen versorgt zu werden, dann ist es höchst rational, wenn Frauen Partner bevorzugen, die dazu auch in der Lage, d. h. etwas älter und Menstruationszyklus und Lap Dancing Interkulturelle Übereinstimmung von Partnerwahlpräferenzen David Buss (*1953) US-amerikanischer Evolutionspsychologe – Buss ist durch zahlreiche populärwissenschaftliche Bücher einer der bekanntesten Evolutionspsychologen. Er beschäftigst sich vorrangig mit Paarungsverhalten sowie Status und sozialer Reputation. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 205 206 Können Frauen wirklich nicht einparken? Zur Psychologie der Geschlechter unterschiedeKapitel 9 wohlhabend sind. Umgekehrt sind Männer in solchen Situationen gut beraten, sich junge und unerfahrene Frauen zu suchen, die ihre patriarchalische Rolle nicht in Frage stellen. Auf den ersten Blick scheinen somit die Befunde von Buss sowohl die Evolutionspsychologie als auch die bio-soziale Theorie von Eagly und Wood zu stützen. Von Eagly und Wood ist allerdings darauf hingewiesen worden, dass die Stärke der Geschlechterunterschiede zwischen den einzelnen untersuchten Kulturen trotz ihrer Universalität erheblich schwankt. Diese kulturellen Unterschiede wurden daraufhin von Eagly und Wood einer näheren Analyse unterzogen und mit dem Ausmaß der gesellschaftlichen Teilhabe von Frauen korreliert, welche mit dem so genannten „Female Empowerment Index“ der Vereinten Nationen gemessen wurde. In Übereinstimmung mit ihrer Hypothese zeigte sich, dass sich die Präferenzen von Männern und Frauen umso stärker unterscheiden, je niedriger der Grad der Gleichberechtigung in einem bestimmten Land war. In Ländern mit einer ausgeprägten Gleichberechtigung wie z. B. den Niederlanden oder Skandinavien gab es hingegen sehr viel geringere Unterschiede zwischen den Präferenzen von Männern und Frauen. Eagly und Wood interpretieren diesen Befund dahingehend, dass Frauen sich vor allem dann nach einem „starken Ernährer“ sehnen, wenn die gesellschaftlich vermittelten Geschlechterrollen es ihnen nicht erlauben, für sich selbst zu sorgen bzw. Karriere zu machen. Female Empowerment Index Alice Eagly (*1938) US-amerikanische Sozialpsychologin – Eagly beschäftigt sich mit Geschlechterunterschieden – speziell in den Bereichen Führungsrollen, prosoziales Verhalten und Aggression – sowie mit Einstellungen (s. Kapitel 15) und Stereotypen (s. Kapitel 16). Zusammen mit der ähnlich interessierten Psychologin Wendy Wood hat sich die Ursprünge von Geschlechterunterschieden aus evolutionärer und sozialer Perspektive betrachtet. Abbildung 9.9: Älterer, wohlhabender Mann und junge Frau – eine gängige Kombination. Schauspieler Johannes Heesters und seine Ehefrau haben gar einen Altersunterschied von 46 Jahren. Aber warum findet man häufig derartige Paare? Erneut eine Frage zwischen Genen und anerzogenen Rollen. (Quelle: Getty Images) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 206 207 Warum die Wahrheit wie so oft in der Mitte liegt Kapitel 9 Warum die Wahrheit wie so oft in der Mitte liegt Fassen wir zusammen, was wir in diesem Kapitel bislang diskutiert haben: Es gibt verschiedene Theorien zur Erklärung von Geschlechterunterschieden. Sozial-konstruktivistische Theorien erklären Geschlechterunterschiede als das Ergebnis arbiträrer gesellschaftlicher Zuschreibungsprozesse, die keinerlei objektive Grundlage haben. Evolutionspsychologen erklären Geschlechterunterschiede aus den unterschiedlichen reproduktiven Strategien von Männern und Frauen, die neben körperlichen Unterschieden zur Herausbildung psychologischer Unterschiede geführt hätten, die auch heute noch wirksam seien. Die bio-soziale Theorie von Eagly und Wood wiederum erklärt, diese Geschlechterrollen seien von den jeweiligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen determiniert und damit grundsätzlich wandelbar. Jede dieser Theorien kann auf empirische Evidenz verweisen, die den eigenen Standpunkt unterstützt. Lässt sich somit weder theoretisch noch empirisch entscheiden, welche Theorie zutrifft? Eine solcher Fatalismus erscheint weder sinnvoll noch notwendig, stattdessen macht es mehr Sinn, sich zu fragen, wie alle drei theoretischen Ansätze miteinander verknüpft und integriert werden können. Was für Integrationen sind dabei denkbar? In Übereinstimmung mit der sozial-konstruktivistischen Theorie kann darauf verwiesen werden, dass manches, was wir als typisch männlich oder typisch weiblich bezeichnen, tatsächlich auf arbiträren Festlegungen beruht (wie z. B. die Tatsache, dass Babykleidung für Jungs eher hellblau, solche für Mädchen aber rosa ist). Die evolutionspsychologische Perspektive weist mit Recht darauf hin, dass manche Geschlechterunterschiede relativ unabhängig von den jeweiligen kulturellen Rahmenbedingungen sind. Die bio-soziale Theorie von Eagly und Wood betont ihrerseits ebenfalls zu Recht, dass männliches und weibliches Denken, Fühlen und Handeln in hohem Maße von den jeweils herrschenden sozioökonomischen Bedingungen abhängig ist. Baumeister (2005) verweist an den Beispielen des Sexualtriebs und der Motivation zur Säuglingspflege darauf, dass beide Theorien über das Konzept der Reaktionsnormen miteinander verknüpft werden können. Reaktionsnormen bezeichnen die Bereitschaft eines Organismus, auf bestimmte Umweltreize in Abhängigkeit von seinen genetischen Prädispositionen zu reagieren. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 207 208 Können Frauen wirklich nicht einparken? Zur Psychologie der Geschlechter unterschiedeKapitel 9 Ein starker Sexualtrieb von Männern sowie eine enge Verknüpfung von Mutter und Kind ergeben sich vermutlich weitgehend unabhängig von kulturellen Einflüssen. Unter bestimmten kulturellen Rahmenbedingungen können aber auch Frauen einen starken Sexualtrieb entwickeln (z. B. bei hoher Verfügbarkeit von Kontrazeptiva) und können auch Männer dazu sozialisiert werden, viel und intensiv Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Inwiefern dies passiert, ist immer auch eine Frage der Ziele, auf die eine Gesellschaft sich verständigt. Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie wandelbar die Rollen von Männern und Frauen sind. Vor diesem Hintergrund bleibt abzuwarten, wie unterschiedlich Geschlechterrollen in 100 Jahren sein werden. Werden sich Männer und Frauen in ihrem Wesen vollständig angepasst haben? Oder werden Männer nach wie vor von einem unschuldigen Augenaufschlag und Frauen nach wie vor von starken Schultern träumen, an die sie sich anlehnen können? Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 208 209 Studentenfutter Kapitel 9 Kurz und gut 1. Kaum ein Forschungsfeld ist ideologisch so durchsetzt wie die Frage nach Unterschieden zwischen Männern und Frauen. 2. Im Durchschnitt sind Frauen einfühlsamer, fürsorglicher als Männer. Männer hingegen sind ehrgeiziger, kompetetiver, selbstbewusster, assertiver, aggressiver, gewalttätiger und risikobereiter als Frauen. 3. Bei den meisten Persönlichkeitsmerkmalen (wie z. B. der Intelligenz) zeigen sich keine Mittelwertsunterschiede zwischen Männern und Frauen. 4. Bei vielen Merkmalen lässt sich beobachten, dass die Varianz bei Männern größer ist als bei Frauen. 5. Der soziale Konstruktivismus erklärt Geschlechterunterschiede als Ergebnis zufälliger gesellschaftlicher Zuschreibungsprozesse. 6. Evolutionspsychologen interpretieren Geschlechterunterschiede als Ausdruck unterschiedlicher Reproduktionsstrategien von Männern und Frauen. 7. Die bio-soziale Theorie von Eagly und Wood argumentiert, dass Geschlechterunterschiede auf unterschiedliche gesellschaftliche Rollenerwartungen zurückgeführt werden können. 8. Empirische Studien zeigen, dass Frauen sehr viel mehr Furcht vor Kriminalität haben, obwohl sie seltener Opfer krimineller Handlungen werden. 9. Frauen ändern ihre Partnerwahlpräferenzen in Abhängigkeit von ihrem Monatszyklus. Während sie an ihren fruchtbaren Tagen vor allem auf körperliche Attraktivität potentieller Sexualpartner achten, sind ihnen an den anderen Tagen eher Eigenschaften wie Fürsorglichkeit und Zuverlässigkeit wichtig. 10. Unterschiede in den Partnerwahlpräferenzen von Männern und Frauen sind beeinflusst von ihrer gesellschaftlichen Position. Sie sind umso niedriger, je mehr Frauen an der gesellschaftlichen Macht teilhaben. Studentenfutter Bischof-Köhler, D. (2006). Von Natur aus anders: Die Psychologie der Geschlechtsunterschiede. Stuttgart: Kohlhammer. Eagly, A. H. & Wood, W. (1999). The origins of sex differences in human behavior: Evolved dispositions versus social roles. American Psychologist, 54(6), 408–423. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 209 Kapitel 10 Indianer und Chinesen – welchen Einfluss hat Kultur auf unser Verhalten? Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 211

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Zusammenfassung

Vorteile

- Die psychologischen Grundlagen für das wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Studium: von der Allgemeinen über die Sozial- bis zur Wahrnehmungspsychologie

- Kompakter Aufbau

- Komplett vierfarbig

Zum Werk

In den Wirtschaftswissenschaften gilt das Bild des rational denkenden Menschen als überholt. Kenntnisse aus der Psychologie spielen dagegen eine immer größere Bedeutung für die Analyse, was sich nicht zuletzt in der aktuellen Diskussion um die Glücksforschung widerspiegelt.

Dieses Lehrbuch führt Wirtschaftswissenschaftler an die Grundlagen der Psychologie heran und stellt dar, wie sie das menschliche Verhalten (und damit auch das für die Wirtschaftwissenschaften wichtige Entscheidungsverhalten) beeinflussen.

Autor

Prof. Dr. Detlef Fetchenhauer ist Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität zu Köln. Er lehrt darüber hinaus an der Universität Wien.

Zielgruppe

Für Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten und Fachhochschulen sowie Studierende, die im Nebenfach Psychologie belegen müssen (z.B. Lehramt).