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Kapitel 8 Liegt alles in den Genen? Zur Psychologie der Persönlichkeit in:

Detlef Fetchenhauer

Psychologie, page 169 - 192

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3713-3, ISBN online: 978-3-8006-3940-3, https://doi.org/10.15358/9783800639403_169

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163 Kapitel 8 Kapitel 8 Liegt alles in den Genen? Zur Psychologie der Persönlichkeit Was versteht man unter Persönlichkeit? Jeder Mensch ist einzigartig. Die Wahrscheinlichkeit, dass es auf der ganzen Welt einen anderen Menschen mit genau Ihren Genen gibt, ist verschwindend gering (es sei denn, Sie gehören zu den 0,4 %, die einen eineiigen Zwilling haben). Aber selbst wenn es einen Menschen mit den gleichen Genen gäbe wie Sie, wäre dieser Mensch mit Ihnen nicht identisch, weil Menschen nicht nur das Produkt ihrer Erbanlage, sondern auch ihrer Umwelt und ihrer Lebensgeschichte sind. Wenn Biographen sich mit der Persönlichkeit eines Menschen beschäftigen, sind sie deshalb zumeist darum bemüht, das Einzigartige dieses Menschen zu beschreiben und zu ergründen. Ähnliches tut ein Schriftsteller, wenn er die Hauptfigur eines Romans beschreibt. „Es gibt zwei Arten von Menschen. Solche, die Menschen in zwei Arten einteilen und solche, die das nicht tun.“ Unbekannte Quelle InhaltWas versteht man unter Persönlichkeit? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 Die Big Five . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 Emotionale Stabilität (Neurotizismus) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 Extraversion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 Offenheit für Erfahrungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 Verträglichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 Gewissenhaftigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 Grenzen der Big Five . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 Intelligenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 Woher stammen Persönlichkeitsunterschiede zwischen Menschen? . . . . . . . . . 174 Zur Logik der Verhaltensgenetik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 Eine alternative Erklärung für den Einfluss der Gene auf unsere Persönlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178 Zur Interaktion von Anlage und Umwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180 Zum Zusammenhang von Persönlichkeit und Verhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180 Exkurs: Auf der Suche nach Spitzenleistungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182 Kurz und gut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184 Studentenfutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 163 164 Liegt alles in den Genen? Zur Psychologie der Persönlichkeit Kapitel 8 Auch wenn Persönlichkeitspsychologen die Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen nicht in Frage stellen, wählen sie bei der Beschreibung von Menschen zumeist einen anderen Weg: Sie definieren zunächst generelle Persönlichkeitsmerkmale und wenden diese auf alle Menschen an, indem sie einzelnen Individuen unterschiedliche Ränge auf den verschiedenen Merkmals-Skalen zuweisen. Dadurch lassen sich Menschen auch miteinander vergleichen. So kann man z. B. untersuchen, ob Männer aggressiver sind als Frauen oder ob ältere Menschen weniger intelligent sind als jüngere Menschen. Wenn Psychologen von Persönlichkeit sprechen, dann meinen sie somit überdauernde, situations-unabhängige Unterschiede zwischen Personen. Diese Unterschiede können sich beziehen auf das Empfinden und die Wahrnehmung von Ereignissen, kognitive Fähigkeiten und Fertigkeiten, sowie das Verhalten in bestimmten Situationen. Grundsätzlich lassen sich nahezu unendlich viele Persönlichkeitseigenschaften unterscheiden, wobei differenziert werden kann zwischen Fähigkeitsvariablen (wie z. B. Intelligenz, Konzentrationsfähigkeit oder Musikalität) und Eigenschaften, die den Charakter oder das Wesen einer Person beschreiben (wie z. B. Gemütlichkeit und Kontaktfreudigkeit). Im Folgenden werden mit den so genannten „Big Five“ fünf solcher Charaktereigenschaften näher vorgestellt, anschließend werden wir uns eingehender mit der Fähigkeitsvariable der Intelligenz beschäftigen. Persönlichkeitsmerkmale Fähigkeitsvariablen Frage 12: Im Folgenden finden Sie einige Aussagen zu Ihrer Person. Bitte geben Sie an, inwieweit Ihre Meinung mit den folgenden Aussagen übereinstimmt. (7)* (6) (5) (4) (3) (2) (1) a) Im Allgemeinen glaube ich, dass den meisten Menschen vertraut werden kann. b) Auch in ungewissen Zeiten erwarte ich normalerweise das Beste. c) Es fällt mir leicht, mich zu entspannen. d) Wenn bei mir etwas schief laufen kann, dann tut es das auch. e) Meine Zukunft sehe ich immer optimistisch. f) In meinem Freundeskreis fühle ich mich wohl. g) Es ist wichtig für mich, ständig beschäftigt zu sein. h) Fast nie entwickeln sich die Dinge nach meinen Vorstellungen. * (7) Stimme überhaupt nicht zu (1) Stimme vollkommen zu Abbildung 8.1: Da Psychologen davon ausgehen, dass Persönlichkeitsmerkmale auf alle Menschen zutreffen – nur in sehr unterschiedlichem Maße –, verwenden sie bei Befragungen Skalen, auf denen sich die Befragten selbst einen Rang zuweisen. (Quelle: Universität Wien/GfK) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 164 165 Die Big Five Kapitel 8 Die Big Five Unter Persönlichkeitspsychologen gibt es seit ca. 25 Jahren einen zunehmenden Konsens, dass sich der Charakter eines Menschen mit fünf basalen Persönlichkeitsdimensionen beschreiben lässt: 1) Emotionale Stabilität, 2) Extraversion, 3) Offenheit für Erfahrungen, 4) Verträglichkeit und 5) Gewissenhaftigkeit. Diese Taxonomie ist gemeinhin als Big Five bekannt und kann mit einem von Costa & McCrae (1992) entwickelten Fragebogen gemessen werden. Die Unterscheidung der fünf Dimensionen basiert auf dem so genannten lexikographischen Ansatz (John et al., 1988). Bei diesem werden aus einem Lexikon sämtliche Adjektive herausgesucht, die psychische Eigenschaften einer Person umschreiben (z. B. Wörter wie traurig, schüchtern, fröhlich, etc.). Diese Adjektive werden anschließend einer Stichprobe von Probanden vorgelegt, die angeben sollen, inwiefern diese Eigenschaften jeweils auf sie zutreffen. Durch ein spezifisches statistisches Verfahren (Faktorenanalyse) wird anschließend überprüft, inwiefern die erhobenen Eigenschaften miteinander zusammenhängen. Mittlerweile hat eine Vielzahl von Studien die folgenden Eigenschaften dieser „Big Five“ aufgezeigt: Erstens: Mit nur geringen kulturellen Besonderheiten lassen sie sich in sehr unterschiedlichen Kulturen nachweisen, z. B. unter Deutschen, Portugiesen, Israelis und Koreanern (McCrae & Costa, 1997). Zweitens: Sie eignen sich zur Beschreibung sowohl von Erwachsenen als auch von Kindern (Asendorpf, 2007). Drittens: Die Ausprägung auf den einzelnen Dimensionen der Big Five sind stabil über die Zeit: Jemand, der im Alter von sieben Jahren deutlich extravertierter ist als seine Altersgenossen, ist dies auch noch mit 70 Jahren (Soldz & Vaillant, 1999). Viertens: Sämtliche Dimensionen sind voneinander weitgehend unabhängig (d. h. sie sind nahezu unkorreliert). So ist es z. B. nicht möglich, aus der Extraversion auf die psychische Stabilität einer Person zu schließen. Fünftens: Die Big Five werden von Menschen intuitiv angewandt, wenn diese sich selbst oder andere Menschen beschreiben sollen (Saucier & Goldberg, 1996). Sechstens: Alle Dimensionen der Big Five sind normalverteilt. Dies bedeutet, dass viele Menschen in der Mitte und nur wenige am Rand der Verteilung liegen. Das Konzept der Normalverteilung lässt sich leicht anhand der Körpergröße verdeutlichen: Bei deutschen Männern liegen 95 % in einem Bereich zwischen 160 cm und Lexikographischer Ansatz Eigenschaften der „Big Five“ Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 165 166 Liegt alles in den Genen? Zur Psychologie der Persönlichkeit Kapitel 8 200 cm, aber nur jeweils 2,5 % sind kleiner als ein Meter und Sechzig Zentimeter oder größer als zwei Meter. Ganz ähnlich ist es auch mit den Big Five und der Intelligenz (dazu später mehr). Siebtens: Darüber hinaus lassen sich Unterschiede zwischen Individuen verschiedener Tierarten (wie z. B. Hunde) anhand der Big Five beschreiben (Jones & Gosling, 2005). Wie lassen sich diese fünf Dimensionen im Einzelnen charakterisieren? Emotionale Stabilität (Neurotizismus) Emotional wenig stabile Menschen sind ängstlich, reizbar, neigen zu Depressionen, sind sozial befangen, impulsiv und verletzlich. Sie leiden häufig unter psychosomatischen Beschwerden (wie z. B. Kopfschmerzen, Magenbeschwerden, Schwindelanfälle), sind wenig belastbar und brauchen lange, um sich von stressenden Ereignissen zu erholen. Zudem leiden sie häufiger unter Persönlichkeitsstörungen (wie z. B. Schizophrenie). Emotional stabile (d. h. weniger neurotische) Menschen sind hingegen optimistisch, ausgeglichen, fröhlich, und in der Lage, sich auch von gelegentlichen Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen. Emotional wenig stabile Menschen sind in vielen Fällen eine Belastung für sich selbst, da Neurotizismus von allen Big Five am stärksten mit der allgemeinen Lebenszufriedenheit korreliert – und zwar negativ. Und auch für ihre Umwelt können neurotische Menschen oftmals eine Belastung sein, weil sie sich leicht angegriffen fühlen und mit erlebten Kränkungen nur schwer umgehen können (denken Sie z. B. an Menschen, die dazu neigen, ihrem Partner aus Eifersucht in der Öffentlichkeit eine Szene zu machen). Zudem neigen neurotische Menschen – ungeachtet ihrer eigenen Eifersucht – mehr zu sexueller Untreue als emotional stabile Menschen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass neurotische Menschen sich häufiger scheiden lassen und weniger Freunde haben als emotional stabile Menschen. Zusammenfassend lässt sich somit festhalten, dass ein hoher Grad an Neurotizismus für das Erreichen der unterschiedlichsten Lebensziele eher hinderlich ist. Dennoch kann man Neurotizismus auch positive Seiten abgewinnen. Neurotische Menschen sind (oder wirken zumindest) oftmals tiefgründiger und seriöser als emotional stabile Menschen. Viele der bedeutendsten Musikstücke wären wohl nie komponiert und viele der tiefgründigsten Bücher wohl nicht geschrieben worden, wenn ihre Verfasser der Devise „don’t worry, be happy“ gefolgt wären. „Bist du wütend, zähl bis vier – hilft das nicht, dann explodier!“ Wilhelm Busch (1832–1908), dt. Dichter „Das Leben schwer nehmen ist leicht, das Leben leicht nehmen ist schwer.“ Sprichwort Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 166 167 Die Big Five Kapitel 8 Extraversion Menschen mit einem hohen Grad an Extraversion sind geselliger, herzlicher, durchsetzungsfähiger, aktiver, erlebnishungriger und optimistischer als Menschen mit einem niedrigen Grad an Extraversion (wobei der Gegenpool zu Extraversion oftmals als Introvertiertheit bezeichnet wird). Sie sind gerne in der Gesellschaft anderer, trinken gerne Alkohol, lieben Glücksspiele und Risiken, und übernehmen gerne die Führung. Sehr häufig haben extravertierte Menschen ein großes soziales Netzwerk, „kennen Gott und die Welt“ und nutzen ihre vielfältigen Kontakte strategisch (z. B. bei der Suche nach einer neuen Stelle). Sie wählen bevorzugt Berufe, die sich durch viel Kommunikation mit Mitarbeitern und/oder Kunden auszeichnen und sie sind beruflich erfolgreicher als introvertierte Menschen. Wenn Sie manchmal lieber alleine sind und zuhause bei einem Glas Rotwein ein gutes Buch lesen, sollten Sie deshalb nicht an sich selbst zweifeln. Durch ihre ständigen sozialen Aktivitäten haben extravertierte Menschen oftmals nicht die Zeit, sich wirkliches Fachwissen anzueignen (lieber vertrauen sie darauf, jemanden mit einem entsprechenden Fachwissen anzurufen). Zudem wirken sie durch ihre Begeisterungsfähigkeit oftmals sprunghaft und oberflächlich. Wer hat schon gerne jemanden zu seinem besten Freund, der noch ein Dutzend andere beste Freunde hat? Offenheit für Erfahrungen Menschen mit einer hohen Ausprägung auf dieser Dimension haben viel Phantasie, begeistern sich für ästhetische Genüsse, sind emotional überschwänglich und stehen ganz allgemein allem Neuen positiv gegenüber, ganz gleich ob es sich dabei um neue persönliche Erfahrungen, Ideen oder Normen und Wertesysteme handelt. Der Volksmund würde bei solchen Menschen wohl von Schwärmern und Romantikern reden (oder weniger positiv von Spinnern). Offene Menschen sind unkonventionell. Sie haben breite Interessen, sind künstlerisch und kreativ und zeichnen sich durch originelle und erfinderische Einfälle aus. Sie begeistern sich beispielsweise für „New Age“ und Esoterik, stehen politisch eher links, verachten das „Establishment“, und experimentieren gerne mit Drogen. Darüber hinaus sind sie schnell in der Lage, sich an neue Kulturen und Umgebungen anzupassen. „Die Welt ist eine Bühne“ Oscar Wilde (1854–1900), irischer Schriftsteller „Neue Herausforderungen sind wunderbare Gelegenheiten, Neues über sich selbst zu erfahren.“ Ernst Ferstl (*1955), österr. Autor Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 167 168 Liegt alles in den Genen? Zur Psychologie der Persönlichkeit Kapitel 8 Bei all’ dieser Flexibilität fehlt ihrem Leben allerdings manchmal Beständigkeit und Richtung, was den Berufserfolg beeinträchtigen und zu einem niedrigen Gehalt führen kann. Menschen, die sich durch eine niedrige Offenheit für neue Erfahrungen auszeichnen, sind hingegen oftmals konventionell, konservativ und autoritätsgläubig. Wenn Sie das Gefühl haben, auf der Dimension „Offenheit für Erfahrungen“ nur einen niedrigen Wert aufzuweisen, können Sie sich dazu gratulieren, mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen. Wenn Sie das Gefühl haben, auf dieser Dimension einen hohen Wert aufzuweisen, können Sie sich dazu beglückwünschen, dass Sie auch ohne Netz und doppelten Boden denken können. Verträglichkeit Verträgliche Menschen zeichnen sich durch Vertrauen, Aufrichtigkeit, Altruismus, Entgegenkommen, Bescheidenheit und Gutherzigkeit aus. Im Gegensatz dazu sind unverträgliche Menschen misstrauisch, unehrlich, egoistisch, kompromisslos und unbescheiden. Aufgrund dieser Eigenschaft sind verträgliche Menschen bei ihrer Umwelt sehr beliebt, weil sie für ihre Zuverlässigkeit und Freundlichkeit geschätzt werden. Zudem geht Verträglichkeit damit einher, wenig nachtragend oder rachsüchtig zu sein sowie der Bereitschaft, anderen Menschen zu verzeihen. Verträgliche Menschen bevorzugen soziale Berufe, in denen sie anderen helfen können und engagieren sich ehrenamtlich. Und weil es ihnen meist gelingt, Konflikten erfolgreich aus dem Weg zu gehen, sterben sie seltener an Herzinfarkten (oder anderen Herzkranskrankheiten) und leben länger als unverträgliche Menschen. Allerdings verdienen Menschen mit einer hohen Verträglichkeit weniger als andere, vermutlich, weil sie Konflikten mit ihren Vorgesetzten wegen ihres Gehalts bzw. einer Beförderung aus dem Weg gehen. Wer immer so klug ist, nachzuge- „Nachsicht, sie ist der schönste Zug der Freundschaft.“ Pierre-Ambroise-Francois Choderlos de Laclos (1741– 1803), franz. Schriftsteller Abbildung 8.2: Als typisch offene Menschen gelten Künstler und Weltenbummler. (© Anja Liefting und © Kaarsten – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 168 169 Die Big Five Kapitel 8 ben, läuft irgendwann Gefahr, von anderen ausgenutzt werden, die klug genug sind, diese Nachgiebigkeit zu erkennen. Gewissenhaftigkeit Gewissenhafte Menschen sind kompetent, ordnungsliebend, pflichtbewusst, leistungsmotiviert, selbstdiszipliniert und besonnen. Sie sind oftmals religiös, konventionell, konservativ, gut organisiert, ehrgeizig und zuverlässig. Sie haben mehr Ausdauer und mehr Selbstdisziplin als nur wenig gewissenhafte Menschen. Demzufolge konnte gezeigt werden, dass Gewissenhaftigkeit für die Vorhersage von Schulnoten, Universitätsabschlüssen und Berufserfolg eine ähnliche Relevanz hat wie die Intelligenz eines Menschen. Gewissenhaftigkeit geht darüber hinaus mit einer höheren Konformität an soziale Normen einher. So halten sich gewissenhafte Menschen stets an die gesellschaftlichen Spielregeln, gehen nicht bei Rot über die Straße und sind auch ansonsten sehr gesetzestreu. Zudem zeigen gewissenhafte Menschen häufig ein hohes Maß an Hilfsbereitschaft. Allerdings ist diese nur selten durch echte Prosozialität motiviert (wie dies bei verträglichen Menschen der Fall ist), sondern entspricht eher ihrer Bereitschaft, sozialen Regeln zu folgen (z. B. wenn sie einer alten Frau über die Straße helfen). Nicht nur im Kontakt mit anderen Personen werden hochgradig gewissenhafte Menschen durch ein Verhalten dominiert, das von festen Regeln gesteuert wird: Gewissenhafte würden niemals zu viel essen, trinken oder Drogen konsumieren. Stattdessen achten sie auf ihre Ernährung und treiben regelmäßig Sport. Dies kann wohl auch erklären, weshalb Gewissenhaftigkeit mit einer höheren Lebenserwartung einhergeht. Oftmals zeichnen sich gewissenhafte Menschen dadurch aus, dass sie nur schwer damit umgehen können, wenn andere Menschen weniger zuverlässig sind als sie, weshalb sie z. B. Ehepartner bevorzugen, die ähnlich gewissenhaft sind wie sie selbst. „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“ Sprichwort Abbildung 8.3: Gewissenhaftigkeit geht oft einher mit Pingeligkeit, aber auch mit Disziplin und daher mit Erfolg. Paradebeispiele für gewissenhafte Menschen sind daher Beamte und Sportler – letztere natürlich nur, wenn sie nicht dopen. (© Robert Kneschke und © Alexander Yakovlev – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 169 170 Liegt alles in den Genen? Zur Psychologie der Persönlichkeit Kapitel 8 Von Sulloway (1996) ist die Theorie entwickelt worden, dass Gewissenhaftigkeit (und auch Offenheit für Erfahrungen) mit dem Geburtenrang zusammenhänge. Erstgeborene übernehmen nach Sulloway gegenüber ihren jüngeren Brüdern und Schwestern oftmals die Rolle des bereits vernünftigen älteren Geschwisters und drängen auf die Durchsetzung der elterlichen Normen. Mit anderen Worten: Nach Sulloway zeichnen sich Erstgeborene durch hohe Gewissenhaftigkeit und niedrige Offenheit für Erfahrungen aus. Als Gegenreaktion entwickeln vor allem Letztgeborene oftmals ein hohes Maß an Unkonventionalität und werden zum „Rebellen“. Ob sich diese Theorie Sulloways empirisch stützen lässt, ist allerdings umstritten (Townsend, 2000), wobei die umfangreichen historischen Befunde, die Sulloway zur Stützung seiner Theorie anführt, darauf hindeuten, dass der von ihm postulierte Effekt zu früheren Zeiten bedeutender war als heute, wo die meisten Eltern darauf bedacht sind, alle ihre Kinder gleich zu behandeln. Grenzen der Big Five Vielleicht haben Sie bei der Beschreibung der einzelnen Dimensionen der Big Five manchmal ein „Aha-Erlebnis“ gehabt und gemeint, sich selbst oder andere Menschen in den Beschreibungen wiederzuerkennen. Es ist allerdings darauf hinzuweisen, dass sich aus der Persönlichkeit eines Menschen sein Verhalten nicht deterministisch ableiten lässt. Im letzten Kapitel hatten wir diskutiert, dass Menschen dazu neigen, auch nicht oder nur schwach zusammenhängende Elemente zu konsistenten Mustern zusammenzufügen. Insofern ist es plausibel, dass wir die Persönlichkeit eines Menschen konsistenter wahrnehmen, als sie in Wirklichkeit ist. Intelligenz Das nicht nur von Psychologen wohl am häufigsten untersuchte Persönlichkeitsmerkmal ist allerdings kein Charaktermerkmal, sondern ein Fähigkeitsmerkmal, nämlich die „Intelligenz“. Viele Laien glauben, dass diese Forschung nur wenig zustande gebracht habe und verweisen darauf, dass Psychologen sich noch nicht einmal auf eine gemeinsame Definition dieses Konstrukts hätten einigen können und sich deshalb in die Tautologie flüchten müssten, Intelligenz sei eben das, was durch einen Intelligenztest gemessen werde. „Jetzt machen wir einen Intelligenztest: Sie müssen raten, ob sie einen hohen oder niedrigen IQ haben – wenn sie richtig raten, haben sie einen hohen IQ“ Herman Finkers (*1954), niederl. Kabarettist Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 170 171 Intelligenz Kapitel 8 Tatsächlich aber definieren Psychologen Intelligenz als die kognitive Fähigkeit, abstrakte Zusammenhänge zu erkennen, vorhandenes Wissen in neuartigen Situationen zielführend anzuwenden und mentale Probleme schnell und zutreffend zu lösen (Stern, 1912; Nisbett, 2009). Das Wort Intelligenz leitet sich nicht zufällig vom lateinischen „intellegere“ ab, was sich mit „Einsehen“ bzw. „Verstehen“ übersetzen lässt. Wie bei allen latenten Konstrukten besteht auch hier ein Problem darin, dieses Konstrukt mit Hilfe geeigneter messbare Indikatoren zu erfassen. Hierzu hat die Intelligenzforschung mittlerweile aber eine ganze Reihe brauchbarer Tests entwickelt. Ganz allgemein ist ein Test dann brauchbar, wenn er reliabel und valide ist. Unter der Reliabilität eines Tests wird seine Zuverlässigkeit verstanden. Diese kann z. B. dadurch untersucht werden, dass man den gleichen Test mehrmals anwendet oder eine Reihe unterschiedlicher Tests, die das gleiche Merkmal messen sollen. Tatsächlich zeigt sich, dass Intelligenztests in hohem Maße reliabel sind (Jensen, 1984). Das bedeutet: wenn heute Sebastian in einem Intelligenztest einen höheren Wert erzielt als Ole, dann würde er dies auch in einer Woche tun, falls die Beiden den gleichen Test noch einmal ausfüllen müssen. Aber auch die Übereinstimmung in den Ergebnissen verschiedener Intelligenztests ist sehr hoch (Jensen 1984). Das bedeutet: Wenn Sebastian in einem bestimmten Test einen höheren Wert erzielt als Ole, dann wäre dies bei einem anderen Intelligenztest ziemlich sicher ebenfalls so. Die Reliabilität eines Tests ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für seine Validität (Gültigkeit). Wenn Ole in einem bestimmten Test heute Definition von Intelligenz Reliabilität Validität Abbildung 8.4: Beispielaufgabe für einen Intelligenztest. Anm. Die richtige Antwort lautet a. (Quelle: Wikicommons) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 171 172 Liegt alles in den Genen? Zur Psychologie der Persönlichkeit Kapitel 8 die Intelligenz eines Genies und morgen die Intelligenz eines Debilen attestiert wird, ist der Test offensichtlich nicht in der Lage, zu messen, wie intelligent Ole wirklich ist. Aber ein Test kann hochreliabel sein und trotzdem nicht valide. Angenommen, ein Intelligenztest bestünde darin, die Testspersonen nach allen Fußballern zu fragen, die beim 1. FC Köln unter Vertrag stehen. Wenn Sebastian heute alle Spieler aufzählen könnte, könnte er dies vermutlich auch in einer Woche, d. h. der Test wäre hochreliabel. Aber Intelligenz (im Sinne der Fähigkeit, abstrakte kognitive Probleme zu lösen) würde er vermutlich trotzdem nicht messen. Um die Validität eines Tests zu überprüfen, kann man seine Ergebnisse mit solchen Variablen korrelieren, mit denen logischerweise ein Zusammenhang zu erwarten ist, wenn der Test tatsächlich das misst, was er messen soll. Und in der Tat korreliert Intelligenz substantiell mit einer ganzen Reihe solcher Variablen. Intelligente Menschen haben bessere Schulnoten und erreichen ein höheres Ausbildungsniveau als weniger intelligente Menschen (die Korrelationen liegen hier typischerweise um 0,50), sind beruflich erfolgreicher und verdienen mehr. In einer Studie von Murray (vgl. Murray, 1998) zeigte sich z. B., dass Menschen mit einer stark überdurchschnittlichen Intelligenz mehr als dreimal so viel verdienten wie Menschen mit einer stark unterdurchschnittlichen Intelligenz. Bei der Messung von Intelligenz wird oftmals zwischen fluider und kristalliner Intelligenz unterschieden. Fluide Intelligenz verweist auf die Fähigkeit eines Menschen, hinsichtlich ungewohnter Situationen bzw. kognitiver Probleme neuartige Lösungswege zu generieren. Kristalline Intelligenz hingegen verweist auf die Fähigkeit eines Menschen, zur Lösung kognitiver Probleme auf bereits vorhandenes Wissen bzw. zu einem früheren Zeitpunkt entwickelte Prozeduren zurückzugreifen. Cattell (1973) bemerkte hierzu: „Die kristalline Intelligenz ist gewissermaßen das Endprodukt dessen, was fluide Intelligenz und Bildung gemeinsam hervorgebracht haben.“ Aus diesem Grunde ist es nicht überraschend, dass die kristalline Intelligenz eines Menschen bis zu seinem 60sten Lebensjahr steigt und erst ab dann abzunehmen beginnt. Die fluide Intelligenz hingegen erreicht bereits mit 17 Jahren ihren Höhepunkt und nimmt ab diesem Zeitpunkt kontinuierlich ab. Die Korrelation unterschiedlicher Intelligenztests haben wir bereits besprochen. Darüber hinaus zeigt sich, dass auch die unterschiedlichen Subtests eines Intelligenztests positiv miteinander korrelieren. Beispiel: Wenn Sebastian besser als Ole in der Lage ist, anzugeben, welche Ähnlichkeiten Buntstifte mit Kaffeemühlen haben („beide ma(h)len“), dann wird er auch besser in der Lage sein, aus verschiedenen Steinen in kurzer Zeit ein Puzzle zusammenzusetzen. Diese allgemeine Intelligenz wird oftmals auch als G-Faktor bezeichnet , wobei G für generell steht (Spearman, 1904). G-Faktor (allgemeine Intelligenz) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 172 173 Intelligenz Kapitel 8 Das allgemeine Ergebnis eines Intelligenztests wird als Intelligenzquotient (IQ) ausgedrückt. Hierbei werden die Rohwerte (z. B. Menge gelöster Aufgaben) so transformiert, dass der durchschnittliche IQ eines Menschen bei 100 liegt. Wie viele andere Persönlichkeitsmaße ist auch Intelligenz normalverteilt – die meisten Menschen sind mittelmäßig intelligent, nur wenige Menschen sind sehr dumm oder sehr klug (vgl. Murray & Hernstein, 1994). Wie Sie der Abbildung auf der nächsten Seite entnehmen können, ist es möglich, aus Ihrem IQ darauf zu schließen, wie viele Menschen einen höheren bzw. niedrigeren IQ haben als Sie. Ein Wert von 115 besagt z. B., dass sie intelligenter sind als 84 Prozent aller anderen Mitglieder der Grundgesamtheit, für die der Test normiert wurde. In den letzten Jahren gab es immer wieder Diskussionen, inwiefern das Intelligenzkonzept erweitert werden solle. So wird argumentiert, dass von der analytischen Intelligenz so etwas wie „praktische“ und „kreative“ Intelligenz unterschieden werden solle und Schul- und Berufserfolg auch von diesen beiden Faktoren beeinflusst seien (Sternberg, 1988). In ähnlicher Weise wird die Bedeutsamkeit von „emotionaler Intelligenz“ (Goleman, 1997) und „musikalischer“ oder „körperlich kinästhetischer“ Intelligenz (Gardner, 1999), die z. B. bei Sportlern oder Tänzern hoch ausgeprägt ist, betont. Raymond Cattell (1905–1998) Britisch-US-amerikanischer Persönlichkeitspsychologe – Cattell machte sich vor allem auf dem Gebiet der Intelligenzforschung einen Namen. Er unterschied genetisch bedingte fluide von erworbener kristalliner Intelligenz. 0 10 20 30 40 50 60 70 M en ta le F äh ig ke it Lebensalter in Jahren Fluide vs. Kristalline Intelligenz Fluide Intelligenz Kristalline Intelligenz Quelle: nach Cattell, 1987 Abbildung 8.5: Fluide und kristalline Intelligenz. Während die eine schon im frühen Erwachsenalter abnimmt, nimmt die andere stetig zu. (Quelle: Eigne Darstellung, angelehnt an Nisbett, 2009, S. 109) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 173 174 Liegt alles in den Genen? Zur Psychologie der Persönlichkeit Kapitel 8 Ob man solche Fähigkeiten als Subdimensionen von Intelligenz definiert oder nicht, ist letztendlich Geschmackssache. Viele dieser zusätzlichen Intelligenzdimensionen lassen sich jedoch auch als bestimmte Kombinationen der Big Five beschreiben (Miller, 2009). So sind z. B. Menschen mit einer hohen emotionalen Intelligenz weniger neurotisch und gleichzeitig extravertierter sowie verträglicher als Menschen mit einer niedrigen emotionalen Intelligenz. Woher stammen Persönlichkeitsunterschiede zwischen Menschen? Eine wichtige Frage der Persönlichkeitspsychologie besteht seit jeher darin, den Ursprung von Persönlichkeitsunterschieden zu erklären. Warum ist Sebastian intelligenter als Ole, warum ist Julia extravertierter als Vanessa? Ursprung von Persönlichkeitsunterschieden 50 60 70 80 90 100 110 120 130 140 150 R el at iv e H äu fig ke it in d er B ev öl ke ru ng Intelligenzquotient Normalverteilung des IQ 13,6% 13,6% 2,1% 0,1% 34,1% 2,1% 0,1% 34,1% Abbildung 8.6: Normalverteilung des Intelligenzquotienten: Der IQ ist so normiert, dass die Mehrheit der Menschen einen IQ von 100 bzw. nicht sehr weit darüber oder darunter, aufweist. Je größer der Abstand zum Wert 100, desto seltener ist ein IQ-Wert. (Quelle: Eigene Darstellung) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 174 175 Woher stammen Persönlichkeitsunterschiede zwischen Menschen? Kapitel 8 Hierbei lassen sich logisch zwei Determinanten unterscheiden: 1) Die Anlagen eines Menschen (d. h. seine Gene), und 2) seine Umwelt bzw. seine Lernerfahrung. Über die Frage, welche von beiden Determinanten die wichtigere ist, wird in der Persönlichkeitspsychologie zum Teil erbittert gestritten – letztlich handelt es sich dabei um eine Variante der Nature-Nurture Debatte, auf die schon in Kapitel 4 hingewiesen wurde. Im folgenden Abschnitt soll es darum gehen, Ihnen zu erklären, wie Psychologen versuchen, eine solche Frage empirisch zu lösen und welche methodologischen Probleme es dabei zu beachten gilt. Zur Logik der Verhaltensgenetik Eine grundlegende Schwierigkeit bei der Suche nach den Ursprüngen von Persönlichkeitsunterschieden liegt darin, dass Anlage- und Umweltfaktoren in aller Regel hochgradig miteinander konfundiert sind. Beispiel: Wenn zwei Brüder hoch intelligent sind, kann dies daran liegen, dass sie von den gleichen Eltern erzogen werden und im gleichen Milieu aufwachsen. Es kann aber auch daran liegen, dass Geschwister genetisch miteinander verwandt sind, weil zwei Vollgeschwister 50 % der Gene teilen, die nicht bei allen Menschen identisch sind. Die so genannte Verhaltensgenetik sucht einen Ausweg aus diesem Dilemma, indem sie Geschwistern verschiedener genetischer Verwandtschaftsgrade untersucht. So teilen sich „normale“ Vollgeschwister 50 % ihrer Gene; Halbgeschwister hingegen nur 25 %. Monozygotische (d. h. eineiige Zwillinge) haben einen Verwandtschaftsgrad von 1 und besitzen zu 100 % die gleichen Gene, während Stiefgeschwister untereinander keinerlei Erbanlagen teilen. Wenn Persönlichkeitsunterschiede zwischen Menschen auf Vererbung zurückzuführen sind, dann sollten eineiige Zwillinge einander ähnlicher sein als Geschwister und zweieiige Zwillinge. Geschwister und zweieiige Zwillinge wiederum sollten einander ähnlicher sein als Stiefgeschwister. Die Logik der Verhaltensgenetik kann an zwei Extremgruppen verdeutlicht werden: Auf der einen Seite teilen sich Stiefgeschwister, die bei den gleichen Pflegeeltern aufwachsen, die elterliche Umwelt, sind aber nicht genetisch miteinander verwandt. Auf der anderen Seite teilen monozygotische Zwillinge, die in unterschiedliche Pflegefamilien adoptiert wurden, ihre Gene, nicht aber ihre Umwelt. Wenn die Persönlichkeit eines Menschen vollkommen auf seine Gene zurückzuführen wäre, dann sollten Stiefgeschwister sich in keiner Weise ähneln und monozygotische Zwillinge selbst dann, wenn sie getrennt aufwachsen. Wenn die Persönlichkeit eines Menschen hingegen vollkommen auf seine Umwelt und Zwillingsforschung Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 175 176 Liegt alles in den Genen? Zur Psychologie der Persönlichkeit Kapitel 8 Lernerfahrungen zurückzuführen wäre, dann sollten sich Stiefgeschwister in hohem Maße ähneln, getrennt aufgewachsene monozygotische Zwillinge hingegen nicht. Tatsächlich zeigt eine Vielzahl an verhaltensgenetischen Studien, dass bei nahezu allen untersuchten Persönlichkeitsmerkmalen die Messwerte zweier Personen um so höher miteinander korrelieren, je höher der Grad ihrer genetischen Verwandtschaft ist. Aus dem durch genetische Einflüsse erklärten Varianzanteil lässt sich allerdings nicht unmittelbar darauf schließen, welchen Einfluss die Gene und welchen Einfluss die Umwelt auf eine bestimmte Eigenschaft haben. Dies hat damit zu tun, dass der so genannte „Heritabilitätskoeffizient“ nichts aussagt über den Prozentsatz, zu dem ein bestimmtes Merkmal genetisch bedingt ist, sondern lediglich etwas aussagt über den Varianzanteil, der durch genetische Faktoren erklärt wird. Dieser aber ist in hohem Maße von der Varianz sowohl der genetischen als auch der Umweltfaktoren abhängig. Was zunächst sehr abstrakt klingen mag, lässt sich an folgendem Beispiel einfach veranschaulichen: Die allermeisten Menschen werden mit 10 Fingern geboren. Heritabilitätskoeffizient Abbildung 8.7: Das doppelte Lottchen: Man könnte meinen, Erich Kästner wäre Verhaltensgenetiker gewesen. Seine Geschichte des doppelten Lottchens zeigt anschaulich, wie sehr Zwillinge von ihren gemeinsam Genen geprägt werden. (Quelle: Warner Brothers) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 176 177 Woher stammen Persönlichkeitsunterschiede zwischen Menschen? Kapitel 8 Das heißt: Die Erblichkeit des Faktors „Anzahl an Fingern“ beträgt nahezu 100 %. Wenn man nun eine Stichprobe von Menschen untersucht und bei ihnen die Anzahl an Fingern misst, wird man feststellen, dass der Heritabilitätskoeffizient dieses Merkmals nahezu Null ist. Die geringe Varianz dieses Merkmals ist vermutlich nahezu vollständig durch Umweltfaktoren determiniert (z. B. durch Unfälle im Sägewerk). Einer meiner Söhne verdiente eine Weile ziemlich viel Geld dadurch, dass er anderen folgende Wette anbot: „Wetten, dass die nächsten zehn Menschen, die vorbeikommen, überdurchschnittlich viele Finger haben?“ Ein anderes Beispiel: Wenn es uns gelänge, eine Umwelt zu schaffen, in der die Begabungen jedes Kindes optimal gefördert würden, betrüge der Heritabilitätskoeffizient der erzielten Schulleistungen nahezu Eins (da die Umwelt in diesem Fall nicht variieren würde, könnte sie auch nichts „erklären“). Es wäre aber völlig unsinnig, daraus den Schluss abzuleiten, die Umwelt sei für den Lernerfolg eines Kindes irrelevant. Noch ein Beispiel: Der Heritabilitätskoeffizient des Merkmals „Körperlänge“ beträgt ca. 0.8 bis 0.9 (Vogel & Propping, 1981). Ob sie relativ groß oder klein sind, hängt ganz wesentlich von ihren Genen ab. Große Eltern haben große Kinder, kleine Eltern haben kleine Kinder. Ungeachtet dessen sind Menschen (zumindest in den westlichen Industrienationen) heute sehr viel größer als noch vor einer bzw. zwei Generationen (Kenntner, 1992). Dies hat vor allem mit der besseren Ernährung zu tun. Da dies für alle Gesellschaftsschichten zutrifft, ist der Einfluss der Umwelt auf die Körperlänge jedoch nicht größer geworden. Ganz ähnlich verhält es sich übrigens mit dem Intelligenzquotienten, der in den letzten Jahrzehnten ebenfalls von Generation zu Generation erheblich zugenommen hat (Flynn, 2007). Der Verweis auf die Erblichkeit bestimmter Persönlichkeitsmaße wird von Konservativen gerne dafür genutzt, bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten zu verteidigen. Wenn das eine Kind Abitur mache, das andere aber nur einen Hauptsschulabschluss, dann liege dies an der angeborenen unterschiedlichen Begabung der Kinder und sei nicht zu ändern. Auch wenn man das Argument akzeptiert, dass Schulleistung und Intelligenz in hohem Maße genetisch bedingt sind, ist dadurch der unterschiedliche Bildungserfolg bestimmter Gruppen nicht zu erklären. Es gibt z. B. keinerlei Grund für die Annahme, dass Menschen mit einem türkischen „Migrationshintergrund“ (wie man das heutzutage politisch korrekt formuliert) sich in ihren genetischen Dispositionen – z. B. hinsichtlich ihrer Intelligenz – maßgeblich von Deutschen unterscheiden. Dennoch haben Nichtdeutsche doppelt so häufig keinen Bildungsabschluss wie deutschstämmige Bürger. Sie absolvieren wesentlich seltener eine Berufsausbildung oder ein Hochschulstudium und sind häufiger arbeitslos (Bundesregierung, 2009). Verteidigung gesellschaftlicher Ungleichheit Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 177 178 Liegt alles in den Genen? Zur Psychologie der Persönlichkeit Kapitel 8 Hinzu kommt, dass der sozioökonomische Status von Eltern den Schulerfolg ihrer Kinder sehr viel stärker determiniert als durch ihre genetische Verwandtschaft erklärbar wäre (PISA-Studien, z. B. 2006). Dies bedeutet: Die Studienplätze deutscher Universitäten werden z. T. durch mittelmäßig begabte Kinder deutscher Lehrer, Rechtsanwälte und Mediziner besetzt, die eigentlich besetzt sein sollten durch die höher begabten Kinder von „Menschen aus bildungsfernen Mileus“ bzw. durch die Kinder türkischer Migranten. Diese Tatsache widerspricht zum einen dem Postulat der Chancengerechtigkeit, zum anderen aber stellt es eine enorme Verschwendung von Humankapital dar: Wir könnten sehr viel bessere Lehrer, Rechtsanwälte und Mediziner haben. Eine alternative Erklärung für den Einfluss der Gene auf unsere Persönlichkeit Im Folgenden soll eine alternative Erklärung dafür angeboten werden, warum Menschen mit einer hohen genetischen Verwandtschaft eine ähnliche Persönlichkeit haben: Könnte es nicht sein, dass z. B. monozygotische Zwillinge einander deshalb so ähnlich werden, weil sie sich rein äußerlich so ähnlich sind und deshalb die Umwelt so einheitlich auf sie reagiert? Aus der sozialpsychologischen Forschung ist bekannt, dass Menschen vom Aussehen eines Menschen in hohem Maße auf seinen Charakter schließen. Schöne Menschen werden als wärmer, sensitiver, interessanter, stärker, selbstsicherer, kommunikativer, neugieriger, komplexer und glücklicher wahrgenommen als wenig attraktive Menschen (Dion et al., 1972; Langlois et al., 2000). Man spricht dabei auch von der „Beautiful is good heuristic“; was schön ist, muss auch gut sein. Abbildung 8.8. zeigt das Ergebnis einer Studie, bei der einer Gruppe von Beurteilern kurze 20sekündige Videos von insgesamt 56 Stimuluspersonen vorgespielt wurden (Fetchenhauer, unpublizierte Daten). Eine Gruppe von Beurteilern hatte die Aufgabe, anzugeben, wie attraktiv die Stimuluspersonen waren, eine andere Gruppe sollte angeben, wie sympathisch sie die Stimuluspersonen fanden. Wie man sieht, gab es zwischen beiden Variablen einen deutlichen Zusammenhang. Wer schön ist, der wirkt auch sympathisch, wer hässlich ist, wirkt eher unsympathisch (das Leben ist nicht fair). Ist es nicht plausibel, dass sich der Charakter eines Menschen auch danach entwickelt, wie seine Mitmenschen auf ihn reagieren? In einer faszinierenden Studie (Snyder et al., 1977) telefonierten männliche Versuchspersonen, um „sich kennen zu lernen“ mit weiblichen Versuchspersonen. Während des Telefonats hatten die männlichen Versuchspersonen ein vermeintliches Photo ihrer Interaktionspart- Einfluss von Attraktivität Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 178 179 Woher stammen Persönlichkeitsunterschiede zwischen Menschen? Kapitel 8 nerin vor sich liegen. Tatsächlich aber wurde den männlichen Versuchspersonen zufällig eines von zwei Photos vorgelegt. In der einen Hälfte der Fälle war die Frau auf diesem Photo sehr attraktiv, in der anderen Hälfte war sie eher unattraktiv. Die Telefonate wurden aufgezeichnet und anschließend wurden die Sequenzen, in denen die Frauen geredet hatten, einer Gruppe von männlichen Beurteilern vorgespielt. Hierbei zeigte sich: In den Sequenzen der vermeintlich attraktiven Frauen wurden diese als warmherziger, sozial kompetenter und charmanter beschrieben als in den Sequenzen mit vermeintlich unattraktiven Frauen (ich hoffe, Sie haben es bereits bemerkt: Mal wieder ein Beispiel für die Gültigkeit des Thomas-Theorems). Fassen wir zusammen: Wenn Menschen mit einem hohen Grad genetischer Ähnlichkeit eine ähnliche Persönlichkeit entwickeln, könnte dies zumindest teilweise auch daran liegen, dass diese sich auch in ihrem Aussehen ähneln und deshalb ihre soziale Umwelt ähnlich auf sie reagiert. Schauen Sie sich zur Veranschaulichung dieses Gedankens die beiden Zwillingspaare auf den folgenden Photos an: Könnte es nicht auch an der Reaktion ihrer Mitmenschen liegen, wenn das eine Pärchen z. B. mehr Sexualpartner hat und häufiger auf Feten eingeladen ist als das andere Pärchen? 7654321 7 6 5 4 3 2 Attraktivität S ym pa th ie 1 Abbildung 8.8: Wer schön ist, ist auch nett. Sympathie hängt eindeutig mit Attraktivität zusammen. (Quelle: Eigene Darstellung) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 179 180 Liegt alles in den Genen? Zur Psychologie der Persönlichkeit Kapitel 8 Zur Interaktion von Anlage und Umwelt Noch aus einem anderen Grund sollten die Ergebnisse verhaltensgenetischer Studien nicht überbewertet werden. Die gesamte Logik verhaltensgenetischer Studien betrachtet die Erklärungsanteile von Anlage und Umwelt als additive Komponenten. Letztlich ist es aber eigentlich nur wenig sinnvoll, danach zu fragen, in welchem Maße ein bestimmtes Merkmal von der Umwelt oder von den Genen eines Menschen determiniert sei, genauso wie es wenig sinnvoll ist, zu fragen, ob für das Gedeihen einer Pflanze genügend Wasser oder genügend Licht wichtiger seien. Ein Beispiel dafür, wie bedeutend Interaktionen (d. h. Wechselwirkungen) zwischen Anlage und Umwelt sind, zeigt eine Studie zur Frage, warum einige Kinder, die von ihren Eltern misshandelt werden, später kriminell wurden, andere hingegen nicht (Caspi et al., 2002). Wie die Autoren zeigen konnten, war dieser Zusammenhang vermittelt durch ein einzelnes Gen, das für die Produktion eines bestimmten Enzyms verantwortlich ist (Monaminoxidase A). Ein hoher Ausstoß dieses Enzyms wirkte offensichtlich wie ein Puffer, welcher in der Lage war, die Wirkungen von in der Kindheit erlebten Misshandlungen auf den späteren Lebensweg abzufedern. Allerdings steht die Erforschung solcher Interaktionen erst am Anfang. Es ist zu vermuten, dass wir, durch die Fortschritte in der Humangenetik, über solche komplexen Zusammenhänge noch sehr viel mehr lernen werden. Zum Zusammenhang von Persönlichkeit und Verhalten Bislang sind wir in diesem Kapitel unhinterfragt der Vorannahme gefolgt, dass die Persönlichkeit eines Menschen sein Denken, Fühlen und Handeln in hohem Maße beeinflusst. Tatsächlich aber wird diese Annahme von vielen Sozialpsychologen sehr grundsätzlich in Frage gestellt. Diese verweisen darauf, dass das Abbildung 8.9: Wie wir sind, hängt nicht nur von unseren Genen ab, sondern auch davon ab, wie unsere Mitmenschen auf uns reagieren und das wiederum ist stark von unserem Aussehen geprägt. (www.just-whatever.com und © michaeljung – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 180 181 Zum Zusammenhang von Persönlichkeit und Verhalten Kapitel 8 konkrete Verhalten von Versuchspersonen in einer bestimmten Situation in vielen Studien nahezu unabhängig war von ihrer zuvor gemessenen Persönlichkeit (Mischel, 1968). Dieser allgemeine Befund lässt sich auch an folgendem Beispiel verdeutlichen: In einer berühmten Studie (Darley & Batson, 1973) wurden Studenten der Theologie nach den Gründen dafür gefragt, warum sie Theologe werden wollten, wobei es vor allem um die Unterscheidung in intrinsische versus extrinsische Gründe dafür ging (z.B: „Berufung“ versus „ein sicheres Einkommen“). Im Anschluss an die Befragung wurden die Theologiestudenten gebeten, in einem Gebäude am anderen Ende des Campus eine Predigt über das Gleichnis des barmherzigen Samariters zu halten. Der einen Hälfte wurde zudem gesagt, dass sie sich beeilen müssten, um rechtzeitig zu dem anderen Gebäude zu kommen, in der anderen Hälfte gab es keinen solchen Hinweis. Auf dem Weg zu dem anderen Gebäude kamen alle Versuchspersonen an einer Person vorbei, die ächzend und stöhnend mit beiden Händen vor dem Gesicht auf dem Boden saß. Hierbei zeigte sich, dass von den Versuchspersonen, die in Eile waren, nur 10 % der hilfebedürftigen Person zur Hilfe kamen, von den Versuchspersonen, die nicht in Eile waren, hingegen über 60 %. Die zuvor gemessenen persönlichen Gründe für ein Theologiestudium hatten hingegen keinerlei Einfluss auf das Hilfeverhalten der Versuchspersonen. Daraus kann der Schluss gezogen werden: In vielen Situation ist unser Verhalten sehr viel mehr von der Situation beeinflusst, in der wir uns befinden, als von unserer Persönlichkeit. Bedeutet dies, dass unsere Persönlichkeit für unser Verhalten nicht von Bedeutung ist? Eine solche Schlussfolgerung wäre verkehrt, stattdessen sollten wir uns klar machen, von welchen Bedingungen es abhängt, ob die Persönlichkeit eines Menschen sein Verhalten determiniert. Zum einen ist es wichtig, zwischen einzelnen, sehr kurzen Verhaltenssequenzen und der Aggregation sehr langer Verhaltenssequenzen zu unterscheiden (Epstein, 1979). Wenn man weiß, dass eine Person in hohem Grade extravertiert ist, wird man daraus nur sehr bedingt schließen können, ob sie zu einem ganz bestimmten Moment alleine oder in der Gesellschaft anderer ist. Wenn man statt einem aber 100 verschiedene Messzeitpunkte hat und die einzelnen Messwerte zu einem aggregierten Wert aufaddiert, wird man einen solchen Zusammenhang vielleicht durchaus finden. Im Einklang mit diesem Argument steht die Tatsache, dass die zuvor beschriebenen Big Five systematisch mit Variablen wie z. B. dem Schulerfolg korrelieren. Auch ein gewissenhafter Schüler wird nicht immer seine Hausaufgaben machen, aber über viele Situationen hinweg macht er seine Hausaufgaben regelmäßiger als ein nur wenig gewissenhafter Schüler. Aggregation von Verhaltensdaten Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 181 182 Liegt alles in den Genen? Zur Psychologie der Persönlichkeit Kapitel 8 Ein anderer Grund für den oftmals nur geringen Einfluss der Persönlichkeit auf das Handeln von Menschen liegt in der Unterscheidung von dem, was als starke bzw. schwache Situationen beschrieben wird (Snyder & Ickes, 1985). Starke Situationen zeichnen sich dadurch aus, dass sie das Verhalten der in ihnen handelnden Personen nahezu vollständig strukturieren, während schwache Situationen sich dadurch auszeichnen, dass sie das Handeln der Akteure sehr viel weniger determinieren und somit das Verhalten eher von der Persönlichkeit bestimmt wird. Ein Beispiel für eine starke Situation: Während eines Beerdigungsgottesdienstes hält (hoffentlich) auch der extravertierteste Besucher seinen Mund. Ein Beispiel für eine schwache Situation: Wenn Studierende eine Viertelstunde vor Beginn der Vorlesung in einen Hörsaal kommen, lässt sich beobachten, dass einige das Gespräch mit ihren Kommilitonen suchen, während andere eine Zeitung aufschlagen und darin lesen. Während in der ersten Situation das Persönlichkeitsmerkmal Extraversion somit das Verhalten der Menschen kaum beeinflusst, könnte dies in der zweiten Situation durchaus der Fall sein. Exkurs: Auf der Suche nach Spitzenleistungen Wir haben uns in diesem Kapitel intensiv mit der Frage beschäftigt, inwiefern die Persönlichkeit eines Menschen sein Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst. In diesem Exkurs soll es um die Frage gehen, wovon es abhängt, ob eine Person in einem bestimmten Bereich echte Spitzenleistungen vollbringt. Warum z. B. war Mozart in der Lage, seine vielen Musikstücke zu komponieren? Lag dies daran, dass er über ein ganz außerordentliches Talent verfügte oder lag dies daran, dass er von seiner Umwelt optimal gefördert wurde? Nehmen wir ein anderes Beispiel: Warum ist Bill Gates der reichste Mann der Welt? Liegt dies an einer genialen Intelligenz bzw. an einem überragenden Geschäftssinn, oder hatte Bill Gates ganz einfach nur das Glück, zufällig ein Betriebssystem für die von der Firma IBM neu entwickelten Personal Computer zu entwickeln und aus dem daraus resultierenden Monopol die Firma Microsoft aufzubauen? Die Befunde zu diesen und ähnlichen Fragen lassen sich wie folgt zusammenfassen: Erstens: Ohne ein entsprechendes Talent (d. h. ohne die richtigen genetischen Dispositionen) wird es einer Person kaum gelingen, in einer bestimmten Domäne echte Höchstleistungen zu vollbringen. Aus einem musikalisch unbegabten Menschen wird auch mit noch so viel Üben kein musikalisches Genie. Starke versus schwache Situationen Talent Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 182 183 Zum Zusammenhang von Persönlichkeit und Verhalten Kapitel 8 Zweitens: Neben Talent ist auch Ehrgeiz und Fanatismus eine notwendige Voraussetzung. Daniel Levitin fasst diesen Befund wie folgt zusammen: “Ten thousand hours of practice is required to achieve the level of mastery associated with being a world-class expert – in anything.” (Levitin, 2008). Es hat sich in diesem Zusammenhang gezeigt, dass neben dem rein zeitlichen Umfang auch die Art und Weise entscheidend ist, mit der Menschen versuchen, eine bestimmte Fähigkeit zu perfektionieren. Von Ericsson und Kollegen (1993) ist hiefür der Ausdruck „deliberate Practice“ entwickelt worden. Anhand einer umfangreichen Studie mit Musikstudenten zeigten sie, dass die von ihren Professoren am besten bewerteten Studenten viele Stunden damit verbrachten, mit höchster Konzentration die schwierigen Passagen eines Stückes immer und immer wieder zu üben. Weniger erfolgreiche Studenten verbrachten nicht weniger Stunden mit ihrem Instrument, aber sie spielten viel häufiger zusammen mit anderen und sie neigten dazu, ein Stück jeweils vom ersten bis zum letzten Ton zu spielen und die besonders schwierigen Passagen eben nicht besonders häufig zu üben. Drittens: Manchmal ist es schlicht notwendig (oder zumindest sehr hilfreich), zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Wie Malcolm Gladwell in seinem Buch „Outliers“ (Gladwell, 2008) zeigt, wurden z. B. die allermeisten Führer von großen Computerfirmen (z. B. Bill Gates oder Steve Jobs) zwischen 1954 und 1955 geboren. Alt genug, um im Alter von Anfang Zwanzig bei der Einführung des Personal Computers eine entscheidende Rolle zu spielen, aber nicht so alt, dass sie dem alten Paradigma des Denkens in Großrechenanlagen verhaftet waren. Ganz allgemein zeigt sich am Zusammenspiel von Talent, Üben und Zufall, welche kumulativen Wirkungen selbst kleine Unterschiede über die Zeit hinweg haben können. Dieses Phänomen wird als „Multiplyer Effect“ bezeichnet (Ceci et al, 2003). Nehmen wir als Beispiel zwei 20-jährige, die sich in ihrer Figur und in ihrer Sportlichkeit nur geringfügig unterscheiden. Der etwas begabtere von Bei- Ehrgeiz und Fanatismus Deliberate Practice Multiplyer Effect Abbildung 8.10: (© Kobold-knopf81 – Fotolia.com) Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 183 184 Liegt alles in den Genen? Zur Psychologie der Persönlichkeit Kapitel 8 den treibe regelmäßig Sport, während der weniger begabte durch ein stressiges Studium nicht die Zeit dafür findet und deshalb pro Jahr 1 kg zunimmt. Zehn Jahre später ist aus dem einen ein guttrainierter und normalgewichtiger 30-Jähriger geworden, aus dem anderen hingegen ein leicht übergewichtiger „Couch Potato“, der vermutlich auch in den nächsten 20 Jahren nicht dazu kommen wird, Sport zu machen. Die Take Home Message dieses Kapitels lautet deshalb, dass unsere Gene den Bereich dessen definieren, was wir in unserem Leben realisieren können. Wo aber innerhalb dieser Grenzen unser Leben sich tatsächlich abspielt, hängt sehr viel mehr mit unseren eigenen Entscheidungen zusammen als mit unseren Erbanlagen. Menschen können nicht alles erreichen, wenn sie nur wollen, aber wenn man will, dann kann man sehr viel. Anders Ericsson US-amerikanischer Psychologe – Ericsson ist Experte für Expertentum. Er erforscht Menschen mit besonderen Fähigkeiten in den Bereichen Musik, Schach und Sport und untersucht die Zusammenhänge zwischen außer gewöhnlichem Können auf der einen Seite und Langzeitgedächtnis und ausgiebigem Üben auf der anderen Seite. Kurz und gut 1. Unter Persönlichkeitspsychologen gibt es einen wachsenden Konsens, dass sich die allgemeine Persönlichkeit eines Menschen anhand fünf voneinander unabhängiger Dimensionen beschreiben lässt. 2. Emotionale Stabilität beschreibt, inwiefern eine Person ängstlich und reizbar, depressiv und verletzlich ist. 3. Extravertierte Menschen sind geselliger, herzlicher, durchsetzungsfähiger, aktiver, erlebnishungriger und optimistischer als introvertierte Menschen. 4. Die Persönlichkeitsdimension „Offenheit für Erfahrungen“ drückt aus, inwiefern eine Person Phantasie hat, sich an ästhetischen Erlebnissen begeistert und ganz allgemein allem Neuen positiv gegenüber steht. 5. Verträgliche Menschen zeichnen sich durch Vertrauen, Aufrichtigkeit, Altruismus, Entgegenkommen, Bescheidenheit und Gutherzigkeit aus. 6. Gewissenhafte Menschen sind kompetent, ordnungsliebend, pflichtbewusst, leistungsmotiviert, selbstdiszipliniert und besonnen. 7. Von Frank Sulloway ist die Hypothese entwickelt worden, dass Erstgeborene gewissenhafter und konventioneller (weniger offen für Erfahrungen) sind als Letztgeborene. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 184 185 Studentenfutter Kapitel 8 Studentenfutter Asendorpf, J. B. (2007). Psychologie der Persönlichkeit. Heidelberg: Springer Medizin Verlag. Funder, D. C. (2007). The personality puzzle. New York: W. W. Norton & Company. 8. Wie die meisten Persönlichkeitsmerkmale ist Intelligenz normalverteilt, d. h. es gibt viele Menschen mit einer mittleren Intelligenz und nur wenige Menschen mit einer sehr niedrigen oder sehr hohen Intelligenz. 9. Die Persönlichkeit eines Menschen ist sowohl von seinen genetischen Dispositionen als auch von seinen Lernerfahrungen geprägt, wobei beide Einflussfaktoren miteinander interagieren. 10. Spitzenleistungen in einem bestimmten Bereich sind zumeist eine Mischung aus Talent, Zufall und sehr viel Üben. Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 185 Kapitel 9 Können Frauen wirklich nicht einparken? Zur Psychologie der Geschlechterunterschiede Verlag Franz Vahlen – Fetchenhauer, Psychologie – Hersteller: Frau Deuringer Stand: 05.09.11 – Status: Druckdaten – Seite 187

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Zusammenfassung

Vorteile

- Die psychologischen Grundlagen für das wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Studium: von der Allgemeinen über die Sozial- bis zur Wahrnehmungspsychologie

- Kompakter Aufbau

- Komplett vierfarbig

Zum Werk

In den Wirtschaftswissenschaften gilt das Bild des rational denkenden Menschen als überholt. Kenntnisse aus der Psychologie spielen dagegen eine immer größere Bedeutung für die Analyse, was sich nicht zuletzt in der aktuellen Diskussion um die Glücksforschung widerspiegelt.

Dieses Lehrbuch führt Wirtschaftswissenschaftler an die Grundlagen der Psychologie heran und stellt dar, wie sie das menschliche Verhalten (und damit auch das für die Wirtschaftwissenschaften wichtige Entscheidungsverhalten) beeinflussen.

Autor

Prof. Dr. Detlef Fetchenhauer ist Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität zu Köln. Er lehrt darüber hinaus an der Universität Wien.

Zielgruppe

Für Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Universitäten und Fachhochschulen sowie Studierende, die im Nebenfach Psychologie belegen müssen (z.B. Lehramt).