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6 Fehlende Alternativen in:

Hans Blohm, Klaus Lüder, Christina Schaefer

Investition, page 37 - 39

Schwachstellenanalyse des Investitionsbereichs und Investitionsrechnung

10. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3937-3, ISBN online: 978-3-8006-3938-0, https://doi.org/10.15358/9783800639380_37

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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lichst frühzeitig Informationen über notwendige Korrekturmaßnahmen zu gewinnen. Allerdings ist die Erarbeitung neuer Planwerte keine Aufgabe, für die die Innenrevision besonders geeignet ist. Eine Teilrechnung kann insbesondere dann an die Stelle der Vollrechnung treten, wenn das Investitionsobjekt „kritische Variable“ aufweist, die das wirtschaftliche Ergebnis vorrangig bestimmen und zum Gegenstand der Prüfung bestimmt werden. Die kritischen Variablen können z. B. mit Hilfe der Sensitivitätsanalyse ermittelt werden11. Für die Abweichungsrechnung gilt: Je detaillierter sie ist, desto einfacher ist die Abweichungsanalyse, das führt u. a. zu der folgenden Überlegung: Revidiert man im Vollzuge der Prüfung die Planwerte für die Restlebensdauer, so ist es zweckmäßig, die Gesamtergebnisabweichung und die Einzelabweichungen (Abweichungen der Einzeldaten) in die Plan-Ist-Abweichung (eingetretene Abweichung) und die Plan-Plan-Abweichung (erwartete Abweichung) aufzuspalten. Zu beachten ist bei der Abweichungsanalyse das Problem der Abweichungsinterdependenzen. 6 Fehlende Alternativen 6.1 Art der Schwachstelle Joel Dean12 nennt bei Aufzählung von „ten fallacies“ auf dem Investitionsgebiet an erster Stelle „No Alternatives“ (keine Alternativen), an zweiter Stelle „Must Investment“ (Muss-Investition). Er betont die enge Verwandtschaft der beiden Schwachstellen, ein Sachverhalt, der uns veranlasst hat, sie zusammenzufassen. Auch die vierte Schwachstelle Joel Deans „Routine Replacement“ (Routine-Anlagenersatz) gehört in diese Kategorie. In allen Fällen sind die Entscheidungsalternativen von vornherein dadurch eingeengt, dass man einige Investitionsmöglichkeiten unbeachtet lässt; sei es, weil man sie nicht erkennt, sei es, weil man sie für abwegig hält. So mag, insbesondere bei Ersatzinvestitionen, eine Entscheidung im eigentlichen Sinne überhaupt entfallen, da praktisch eine selbstbereitete Zwangssituation gegeben ist. Geht man davon aus, dass in allen Fällen, in denen eine Rechnung als Entscheidungsgrundlage möglich wäre, auch nur die Rechnung die beste Alternative aufzeigen kann, so können sich aus der Einengung der durchgerechneten Möglichkeiten Fehlentscheidungen ergeben. Auch wirkt es sich nicht günstig auf die Grundhaltung der mit Investitionsfragen befassten Mitarbeiter aus, wenn das Prinzip, die Entscheidungen auf Rechnungen aufzubauen, durchbrochen wird. 11 Vgl. Lüder, K.: Investitionskontrolle, a. a. O., S.89ff. 12 Vgl. Dean, J., Measuring the Productivity of Capital, HBR 1/1954, S.125ff. 6 Fehlende Alternativen 25 003-Kapitel_2 14.05.12 09:41 Seite 25 6.2 Diagnose Die Schwachstelle kann durch das Studium einer repräsentativen Auswahl von Entscheidungsunterlagen festgestellt werden. Der Prüfer des Unterlagenmaterials sollte sich dabei vor allem auf Ersatzinvestitionen konzentrieren, da in diesem Bereich die Gewohnheit verbreitet ist, einen technisch bedingten Ersatz auch wirtschaftlich als unbedingt erforderlich anzusehen, was aber keinesfalls immer feststeht. So kann das Unbrauchbarwerden einer Anlage durchaus Anlass sein, einen Produktionszweig aufzugeben, bisher selbst erstellte Vorerzeugnisse fremd zu beziehen usw. In jedem Fall muss der Prüfer bemüht sein, selbst Alternativen zu entwickeln und festzustellen, ob diese ernsthaft erwogen worden sind. Auch durch eine Analyse der Organisation können Hinweise gewonnen werden. Es ist festzustellen, ob alle Stellen bzw. Personen, die in der Lage wären, Vorschläge abzugeben, also Alternativen zu zeigen, ermutigt werden, dies zu tun und ob die Vorschläge auch „ankommen“. In einem Betrieb, der Symptome eines stark betonten Traditionalismus aufweist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Schwachstelle gegeben ist, größer als in einem Betrieb, dem Aufgeschlossenheit für den Fortschritt, Mut zur Kritik und Wille zur Zusammenarbeit eigen ist. 6.3 Ursachen der Schwachstelle In zahlreichen Fällen dürfte einfach Bequemlichkeit unmittelbare Ursache der Schwachstelle sein. Im Falle der Routine-Ersatzinvestition kann eine gewisse formelle Ordnungsmä- ßigkeit gegeben sein in Gestalt von sorgfältig geführten Anlagekarteien, die alle „wichtigen“ Angaben enthalten. Man kann sich in diesem Falle einfach nicht mit dem Gedanken befreunden, dass das Ergebnis einer vielleicht auf recht unsicheren Unterlagen aufbauenden Rechnung neue Erkenntnisse zu bringen vermag. Man verlässt sich vielmehr auf die mit Hilfe der „ordnungsmäßigen“ Karteiführung ermittelten Daten, wie z. B. Einstandswerte, Abschreibungen, Restwerte, Instandhaltungsdaten u. ä. Schließlich ist die Abneigung gegen „rein theoretische Überlegungen“ zu nennen. Wenn eine Maschine in einem vertikalen Arbeitsprozess, die beispielsweise 50000 € kostet, nicht ersetzt würde und der gesamte Arbeitsprozess wegen der unterlassenen Ersatzinvestition zum Erliegen käme, wodurch vielleicht das Betriebsergebnis in der Größenordnung von 250000 € je Jahr vermindert wird, so ergibt sich rechnerisch eine statische Gesamtkapitalrentabilität (bezogen auf die halbe Investitionssumme) von 1000%. Man könnte fragen: Was soll das? Hat es einen Sinn, derartige Alternativen überhaupt zu erwägen? Zwangsinvestitionen kommen auch durch zu späte Einleitung der Planungsprozesse zustande, indem die Zeit echter Alternativen einfach verpasst wird. 26 2. Kapitel: Schwachstellen im Investitionsbereich 003-Kapitel_2 14.05.12 09:41 Seite 26 7 Über- oder Unterbewertung steuerlicher Gesichtspunkte 27 13 Dean, J., a. a. O., S.127, Punkt 10 seiner Schwachstellenliste. 6.4 Therapie Es hat Sinn, auch zunächst abwegig erscheinende Alternativen in Erwägung zu ziehen. Wenn bei jeder Gelegenheit gefragt wird, ob eingefahrene Verhältnisse noch zweckmäßig sind, wird die Dynamik des Unternehmens gesichert. Diese Grundhaltung kann dadurch gefördert werden, dass man die mit Investitions fragen befassten Stellen veranlasst, alle im Bereich des Realisierbaren liegenden Lösungen ernsthaft zu erwägen. Es muss Allgemeingut im Betrieb werden, bei jeder bedeutenden Handlung zunächst zu fragen: „Was passiert, wenn die Handlung (also z. B. die Ersatzinvestition) unterbleibt?“ Die Frage, was geschehen würde, wenn die Investition nicht vorgenommen wird, beantwortet zugleich die Frage, was die Investition bringt. Es kommt auch darauf an, zu erreichen, dass im Betrieb grund sätzlich keine Entscheidungen aus einer Zwangssituation heraus gefällt werden, sondern stets im Hinblick auf einen quantitativ zu bestimmenden Erfolg, mag dieser auch außergewöhnlich hoch sein, wie in dem obigen Beispiel. Die Organisation muss schließlich so aufgebaut sein, dass ein breiter Strom von Anregungen und Ideen erzeugt und in die richtigen Kanäle gelenkt, dort ernsthaft erwogen und bewertet wird. 7 Über- oder Unterbewertung steuerlicher Gesichtspunkte 7.1 Art der Schwachstelle Schon die älteren Nationalökonomen hatten erkannt, dass die Bedeutung steuerlicher Momente oft überschätzt wird. Solche Fehleinschätzungen halten sich recht hartnäckig. Aber nicht nur Überschätzungen sind anzutreffen, sondern auch Unterschätzungen der steuerlichen Wirkungen von Investitionen und damit zusammenhängender Aufwandspositionen, wie Abschreibungen, Zinsen usw. Joel Dean stellt als eine typische Fehlbeurteilung den Grundsatz „Taxes don’t matter“ (Steuern spielen keine Rolle) 13 heraus. Ein typischer, das Gegenteil besagender, in Deutschland häufig anzutreffender Grundsatz dieser Art könnte etwa folgendermaßen formuliert werden. „Investitionen, die hohe Abschreibungen (mit steuerlicher Wirkung) zulassen, erbringen Steuervorteile, die auch solche Investitionsvorhaben rechtfertigen können, die in der Bruttorechnung (vor Steuern) unwirtschaftlich erscheinen.“ Man ist sich nicht darüber klar, dass im Regelfall Vorteile von heute mit Nach teilen von morgen erkauft werden müssen. Da jede Anlage nur einmal abgeschrieben werden kann, führt z. B. eine erhöhte Abschreibung am Anfang der Nutzungsdauer zu einer entsprechend geringeren Abschreibung gegen Ende der 003-Kapitel_2 14.05.12 09:41 Seite 27

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Zusammenfassung

Investitionen sicher beurteilen.

Dieses Lehrbuch führt in die Grundlagen der Investitionsrechnung ein. An die Schwachstellenanalyse des Investitionsbereichs im Unternehmen schließt sich die Vorstellung der gängigen Verfahren zur Beurteilung von Investitionen an. Hierbei wird auch der Einfluss von Steuern und der Inflation bei Investitionsentscheidungen berücksichtigt. Zahlreiche Abbildungen und Beispielrechnungen sorgen für ein zusätzliches Verständnis der Darstellungen.

Aus dem Inhalt:

- Schwachstellen im Investitionsbereich

- Beurteilung einzelner Investitionsprojekte bei sicheren und unsicheren Erwartungen

- Bestimmung von Investitionsprogrammen bei sicheren und unsicheren Erwartungen

Über die Autoren:

Begründet von Prof. Dr.-Ing. Hans Blohm (ehemals Technische Universität Berlin) und Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus Lüder, Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer, ab der 9. Auflage fortgeführt mit Prof. Dr. Christina Schaefer, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.