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3.4 Die Branchenanalyse in:

Stefan Müller, Kai Brackschulze, Matija Denise Mayer-Fiedrich

Finanzierung mittelständischer Unternehmen nach Basel III, page 58 - 67

Selbstrating, Risikocontrolling und Finanzierungsalternativen

2. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3923-6, ISBN online: 978-3-8006-3924-3, https://doi.org/10.15358/9783800639243_58

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46 3 Wie Risiken erkannt werden können – Selbstrating und Fragen eine Bewertung des Unternehmens erleichtert wird. Die genaue Beschreibung der einzelnen Kriterien findet sich jedoch ausschließlich in diesem Buch, sodass das Software-Tool nur eine Ergänzung darstellt. Das Excel-Tool wird mit dem Buch mitgeliefert. 3.4 Die Branchenanalyse Dieser Teil der Branchenanalyse konzentriert sich auf die Analyse der Unternehmensumwelt, insbesondere den Marktgegebenheiten, den politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, der Konjunktur und technologischen Entwicklungen. Dieses Vorgehen entspricht weitestgehend der Umweltanalyse, wie sie im Rahmen der strategischen und langfristigen Unternehmensplanung durchgeführt wird. Diese Untersuchung bildet im Unternehmen die Grundlage für die operative Planung und für den Einsatz von Unternehmensressourcen. In der Analyse wird lediglich auf das Risiko im engeren Sinne (also die Möglichkeit einer negativen Zielverfehlung) eingegangen. Sich verändernde Umfeldbedingungen stellen auch stets eine Chance für das Unternehmen dar, sich durch eine bessere Anpassung an die Veränderungen von den Konkurrenten abzuheben und damit die Erwartungen zu übertreffen. Analog dazu ist durch die qualitative Analyse zu bestimmen, in wie weit es dem Unternehmen gelungen ist bzw. ob es die passenden Ressourcen dafür besitzt, sich den Umweltgegebenheiten anzupassen. Die durch die Branchenanalyse aufgezeigten Rahmenbedingungen sind hierzu als Vergleichsmaßstab heranzuziehen. Im Folgenden werden die einzelnen Kriterien aufgezeigt, die sich aus der Analyse der einzelnen bankinternen Ratingsysteme ergeben haben. Die Kriterien lassen sich in die Bereiche politische/rechtliche Rahmenbedingungen, Konjunktur, gesellschaftliche Einflüsse, Markt und Technologie einordnen.14 3.4.1 Politische und rechtliche Rahmenbedingungen Die Gesetzgebung und Rechtsprechung haben unmittelbaren Einfluss auf alle Bereiche des Unternehmens, angefangen vom Einkauf (z.B. Ökosteuer auf fossile Brennstoffe) über Personal (z.B. Kündigungsschutz), Produktion (z.B. Umweltauflagen), Absatz (z.B. Gewährleistungsrechte) bis zur Unternehmensführung (z.B. MoMiG, BilMoG15). Es ist deshalb für die strategische Unternehmensführung von großer Bedeutung, das politische Geschehen mit wachsamen 14 Diese Unterteilung deckt sich weitestgehend mit z.B. der Konzeption des FERI-Branchenratings, vgl.: Weiß, E.: FERI-Branchenrating, S. 442–444, und der theoretischen Literatur, vgl. z.B. Hinterhuber, H.H.: Unternehmensführung, 1984, S. 52, Hinterhuber, H.H.: Strategische Unternehmungsführung, 2004. 15 MoMiG: Gesetz zur Modernisierung des GmbH-Rechts und zur Bekämpfung von Missbräuchen, BGBl. I 2008, S. 2026; BilMoG: Bilanzrechtsmodernisierugsgesetz, BGBl. I 2009, S. 1102. 3.4 Die Branchenanalyse 47 Augen zu begleiten und sowohl neue Gesetze als auch politische Stimmungen, die später zu Gesetzen werden könnten, systematisch auf ihre Auswirkungen auf das Unternehmen hin zu beleuchten. Auch ist darauf zu achten, ob es gesetzliche Initiativen gibt, die das Kundenverhalten beeinflussen können, was sich letztlich auch auf eine bestimmte Branche auswirkt. Neben gesetzlichen Veränderungen, die nur eine bestimmte Branche betreffen, gibt es auch politische Entscheidungen (z.B. Euro-Rettungsschirm), die das gesamte Wirtschaftssystem beeinflussen können. Solche Entwicklungen sind bei der Analyse des rechtlichen und politischen Rahmens von weitreichender Bedeutung und finden entsprechend Eingang in das Ergebnis. Ein aufmerksames Studium einer überregionalen Tageszeitung reicht in der Regel aus für einen Überblick über bevorstehende politische Entscheidungen. In einem nächsten Schritt sollten die beobachteten Veränderungen im Hinblick auf die Auswirkungen auf die gesamte Branche bewertet werden. Zum Abschluss sind die Ergebnisse schriftlich festzuhalten, wobei gegebenenfalls bereits im eigenen Unternehmen zu treffende Maßnahmen zur Anpassung an die veränderten Rahmenbedingungen vermerkt werden können. Diese Unterlagen dienen dann nicht nur der strategischen Unternehmensplanung sondern helfen auch bei der Vorbereitung auf ein Ratinggespräch bei einer Bank. Eine Bewertung der rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen kann an den in Tabelle 3-1 dargestellten Fragen festgemacht werden. Politische und rechtliche Rahmenbedingungen Kriterium Musterantwort Bewertung  (ankreuzen) Unterliegt die Branche weitreichender staatlicher Regulierung? stark reguliert 6 schwach reguliert 3 faktisch unreguliert 1 Werden in kürze Gesetze verabschiedet, die einen hohen Einfluss auf die Unternehmen der Branche haben werden? ja, definitiv 6 unter Umständen 3 keine Gesetze geplant 1 Gibt es Anregungen seitens der Regierung, in der Zukunft Gesetze erlassen zu wollen, die eine Gefahr darstellen könnten? ja, Möglichkeit besteht 6 eher unwahrscheinlich 3 faktisch ausgeschlossen 1 Summe der angekreuzten Bewertungen Summe × 1/3 = Durchschn. Bewertung pol. und rechtl. Rahmenbed. Tabelle 3‐1: Bewertung des Kriteriums polit. und rechtl. Rahmenbedingungen 48 3 Wie Risiken erkannt werden können – Selbstrating 3.4.2 Konjunkturentwicklung Branchen, die in starkem Maße abhängig sind von der konjunkturellen Entwicklung der Gesamtwirtschaft, stellen für ein darin operierendes Unternehmen ein höheres Risiko dar. So ist z.B. die Vergnügungsbranche anfällig für einen starken Nachfragerückgang im Falle eines Konjunkturabschwungs, die Nahrungsmittelbranche dagegen wenig konjunkturabhängig. Eine generelle Konjunkturabhängigkeit wird jedoch nur dann zum Problem, wenn sich Unternehmen nicht rechtzeitig anpassen können. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn der Konjunkturverlauf nur sehr schwer zu beobachten ist und die Unternehmen einen hohen Fixkostenblock haben, den sie nicht schnell genug abbauen können. In diesem Fall kommt es zu Überkapazitäten und Preiskämpfen auf dem Markt, was sich für alle Unternehmen der Branche in einer schwankenden Kapazitätsauslastung, verminderten Rentabilität, Unberechenbarkeit der Reaktion von Konkurrenten und damit einem höheren Insolvenzrisiko niederschlägt. Auch eine besondere Saison- und/oder Wetterabhängigkeit sollte bei der Branchenanalyse eine Rolle spielen. Zur Unterstützung der Bewertung der Konjunkturabhängigkeit kann statistisches Datenmaterial zum allgemeinen Konjunkturverlauf (z.B. der monatlich veröffentlichte Ifo-Geschäftsklimaindex16 oder die Wachstumsrate des Bruttoin- Konjunkturabhängigkeit Kriterium Musterantwort Bewertung (ankreuzen) Ist die Preisgestaltung und der Absatz ihrer Branche abhängig vom Konjunkturzyklus (Wetter/Saison)? ja, unmittelbar und stark 6 zeitlich versetzt/nur geringfügig 3 keine signifikante Abhängigkeit 1 Gibt es auf den Märkten, auf denen Ihr Unternehmen aktiv ist, Überkapazitäten? ja, immer 6 nur bei Konjunkturabschwung 3 nein 1 Wie hoch ist die durchschnittliche Fixkostenbelastung Ihrer Branche (in% der Gesamtkosten)? >60% 6 40–60% 4 20–40% 2 <20% 1 Summe der angekreuzten Bewertungen Summe × 1/3 = Durchschnittliche Bewertung Konjunkturabhängigkeit Tabelle 3‐2: Bewertung des Kriteriums Konjunkturabhängigkeit 16 Vgl. die Webseite des Ifo‐Institutes (Hrsg.): http://www.cesifo-group.de/portal/page/portal/ifoHome/a-winfo/d6zeitreihen (30.1. 2011). 3.4 Die Branchenanalyse 49 landprodukts) und zur Branchenentwicklung (z.B. Auftragseingänge) gegeneinander abgetragen werden. Lässt sich ein Zusammenhang zwischen allgemeinem Konjunkturverlauf und der Branchenentwicklung feststellen, ist von einer Konjunkturabhängigkeit der Branche auszugehen. Aus einer Verschiebung der beiden Kurven lässt sich zudem auf die zeitliche Verzögerung schließen, mit der die Konjunktur auf die Branche einwirkt. Lässt sich dagegen kein klarer Zusammenhang ablesen, darf nicht ohne weiteres davon ausgegangen werden, dass die Branche unabhängig von der Konjunktur operiert, da Störgrößen (z.B. Zurückfahren staatlicher Subventionen) einen Einfluss auf die Entwicklung genommen haben könnten. In diesem Fall sind weitere Analysen zur Konjunkturabhängigkeit durchzuführen. Tabelle 3-2 zeigt die Fragen für die Bewertung der Konjunkturabhängigkeit: 3.4.3 Gesellschaftliche Einflüsse Neben dem Konjunkturverlauf nehmen auch allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen Einfluss auf das Unternehmen und stellen somit einen Risikofaktor dar. Hierbei sind auf der einen Seite die Wert- und Moralvorstellungen der Gesellschaft hinsichtlich der Branche und der hergestellten Produkte zu analysieren (z.B. Biotechnologie). Ein Wandel bei den Wertvorstellungen kann zur Beschädigung des Unternehmensimages und damit zu einem Umsatzrückgang führen. Auch kurzfristige Trends (z.B. Mode) fallen unter diesen Bereich. Zusätzlich entstehen Risiken auch aus Trends, die die gesamte Wirtschaft und nicht nur die einzelne Branche betreffen. Zu nennen sind hier z.B. das Globalisierungsrisiko, das Risiko des Know-How-Verlustes, das Differenzierungsrisiko Gesellschaftliche Einflüsse Kriterium Musterantwort Bewertung (ankreuzen) Stellt Ihre Branche Produkte her, die von einigen Bürgern als ökologisch nachteilig angesehen werden könnten? ja, Probleme bekannt 6 eher unwahrscheinlich 3 nein 1 Stellt Ihre Branche Produkte her, die von einigen Bürgern als moralisch/ethisch verwerflich angesehen werden könnten? ja 6 nur Randerscheinung 3 nein 1 Kennen Sie sonstige gesellschaftliche Einflüsse, die dem Ansehen der Branche oder dem Produktabsatz schaden könnten? ja 6 ja, aber unwahrscheinlich 4 nein 1 Summe der angekreuzten Bewertungen Summe × 1/3 = Durchschnittliche Bewertung gesellsch. Einflüsse Tabelle 3‐3: Bewertung des Kriteriums gesellschaftliche Einflüsse 50 3 Wie Risiken erkannt werden können – Selbstrating (Produkte werden zunehmend als homogen angesehen, was immer stärkere Investitionen in Imagebildung erfordert) und das Organisationsrisiko (Umbruch bei Unternehmensorganisationen weg von hierarchisch gegliederten Unternehmen hin zu Netzwerken).17 Die Bewertung dieses Kriteriums erfolgt anhand der Fragen in Tabelle 3-3. Diese Entwicklungen stellen natürlich auch Chancen dar, die in der strategischen Unternehmensplanung jedes einzelnen Unternehmens Berücksichtigung finden müssen. Auf Branchenebene ist jedoch das Risiko entscheidend, das von gesellschaftlichen Entwicklungen ausgeht. 3.4.4 Technologische Entwicklung Fragen zum Kriterium Technologie finden sich in Tabelle 3-4. In einer zunehmend technisierten Welt nimmt die Entwicklung von Technologie eine immer stärkere Rolle ein und stellt somit einen Risikofaktor dar. Die Produktlebenszyklen werden immer kürzer, was ein steigendes Risiko für die Unternehmen bedeutet. Bei Produkten, die nur kurzzeitig am Markt erfolg- 17 Vgl. Gleißner, W./Füser, C.: Leitfaden Rating, 2002, S. 125. Mit einem Leitfaden zur Vorbereitung auf das Bankgespräch Bundesverband Deutscher Banken: Vorbereitung auf das Bankgespräch, Online-Quelle, https://www.bankenverband.de/publikationen/reihen/shopitem/3 f.4a3627a0ec506e6 f.ed7668b250d4d7 (14.3. 2011). Technologische Entwicklung Kriterium Musterantwort Bewertung (ankreuzen) Gibt es Substitutionsprodukte für die von Ihrer Branche hergestellten Produkte? ja 6 ja, aber noch unausgereift 3 nein 1 Wie lang schätzen Sie den durchschnittlichen Lebenszyklus der von Ihrer Branche hergestellten Produkte ein? <1 Jahr 6 1–5 Jahre 5 5–20 Jahre 3 >20 Jahre 1 Schätzen Sie die Geschwindigkeit des Ablaufs des technischen Fortschritts in Ihrer Branche ein: schnell 6 mittelmäßig 3 langsam 1 Summe der angekreuzten Bewertungen Summe × 1/3 = Durchschnittliche Bewertung Technologie Tabelle 3‐4: Bewertung des Kriteriums technologische Entwicklung 3.4 Die Branchenanalyse 51 reich sind, besteht eine hohe Gefahr, dass die Forschungs- und Entwicklungskosten nicht gedeckt werden können. Auf der anderen Seite sind immer höhere Entwicklungskosten aufzubringen, um überhaupt am Markt erfolgreiche Produkte herstellen zu können. Eine Bewertung der Innovationsgeschwindigkeit kann z.B. über die Anzahl der neuen Produkte bestimmt werden, die innerhalb eines Jahres von Unternehmen der Branche neu auf dem Markt eingeführt werden. Eine hohe Anzahl neuer Produkte deutet auf eine dynamische technologische Entwicklung in der Branche hin und setzt alle Unternehmen der Branche in Zugzwang, ebenfalls neue Produkte zu entwickeln, um am Markt zu bestehen. Ein weiterer Risikofaktor sind Substitutionsprodukte (z.B. Schnellzüge für Fluglinien). Es ist zu überprüfen, ob von solchen Produkten bereits eine ernsthafte Gefahr für die Branche ausgeht oder ob dies in der Zukunft zu erwarten ist. Existieren Substitutionsprodukte, so verstärkt sich die Wettbewerbsintensität, da die einzelnen Unternehmen der Branche nicht nur gegen Konkurrenten innerhalb der Branche kämpfen müssen, sondern auch gegen Unternehmen, die das Substitutionsprodukt anbieten. Vor diesem Hintergrund ist zu prüfen, ob für Unternehmen der Branche die generelle Möglichkeit besteht, sich durch Produkt- oder Leistungsdifferenzierung einen länger anhaltenden Wettbewerbsvorteil zu sichern, der nicht durch kurze Produktlebenszyklen oder Substitutionsprodukte zunichte gemacht werden kann. 3.4.5 Analysebereich Markt Während die bisher betrachteten Einflüsse eher auf lange Sicht auf die Branche einwirken und von jedem einzelnen Unternehmen eine Anpassung der Unternehmensstrategie verlangen, haben die Marktbedingungen bereits kurzfristig Einfluss. Ist eine Branche im Schrumpfungsprozess, kann es bei Überkapazitäten zu Preiskämpfen kommen, was eine geringere Rentabilität aller Unternehmen der Branche zur Folge hat. Hierbei spielen auch Marktein- und -austrittsschranken eine Rolle. Da die Marktbedingungen einen großen Einfluss auf die Unternehmen ausüben, ist die Marktumfeldsanalyse mit besonderer Sorgfalt durchzuführen und wird im Rahmen des vorgestellten Selbstratingsystems in mehrere Einzelfragen zerlegt. 3.4.5.1 Marktwachstum Ein wichtiger Einflussfaktor ist das (erwartete) Marktwachstum der Branche. Wächst der Markt besonders stark, können alle Unternehmen der Branche tendenziell höhere Preise fordern und damit ihre Rentabilität erhöhen, was im Gegenzug die Insolvenzwahrscheinlichkeit und damit das Risiko verringert. Daten über das erwartete Marktwachstum sind zudem ein wichtiger Baustein in der strategischen Absatzplanung der Unternehmen einer Branche. Zum Vergleich des Marktwachstums kann das erwartete Wachstum der Gesamtwirtschaft herangezogen werden, wie Tabelle 3-5 zeigt. 52 3 Wie Risiken erkannt werden können – Selbstrating 3.4.5.2 Branchenrentabilität Branchen mit geringer Rentabilität sind für Unternehmen ein schwieriges Betätigungsfeld. Schon kleinere Störungen können zu Verlusten und so letztendlich in die Insolvenz führen. Eine hohe Rentabilität dagegen impliziert einen ausreichenden Cashflow nicht nur zur Bedienung der Fremdkapitalgeber sondern auch für Investitionen und Wachstum. Die Branchenrentabilität ist somit positiv korreliert mit dem Branchenwachstum, auf der anderen Seite zieht eine hoch rentable Branche viele neue Wettbewerber an, was sich in einer erhöhten Wettbewerbsintensität bemerkbar macht. Tabelle 3-6 stellt Musterantworten dar: 3.4.5.3 Wettbewerbsintensität Wettbewerbsintensität beschreibt die Geschwindigkeit, mit der Wettbewerbsvorteile eines Unternehmens (z.B. neue Produktionstechnologie) von anderen Wettbewerbern wieder zunichte gemacht werden.18 Eine hohe Wettbewerbsintensität liegt vor, wenn kein Unternehmen seine Wettbewerbsvorteile lange schützen kann und damit alle Unternehmen von den Kunden als potenziell Marktwachstum Kriterium Musterantwort Bewertung Wie hoch ist das erwartete Marktwachstum der Branche, in der Ihr Unternehmen tätig ist? schrumpfender Markt 6 niedriger als Wachstum der Gesamtwirtschaft 4 gleich Wachstum der Gesamtwirtschaft 3 höher als Wachstum der Gesamtwirtschaft 2 mehr als doppelt so hoch wie Gesamtwirtschaft 1 Tabelle 3‐5: Fragen für das Kriterium Marktwachstum Branchenrentabilität Kriterium Musterantwort Bewertung Wie hoch ist die durchschnittliche Gesamtkapitalrentabilität der Branche, in der Ihr Unternehmen aktiv ist? <0% 6 0–4% 5 4–6% 4 6–10% 3 10–15% 2 >15% 1 Tabelle 3‐6: Fragen für das Kriterium Branchenrentabilität 18 Vgl. Kantzenbach, E.: Wettbewerb, 1967, S. 38–39. 3.4 Die Branchenanalyse 53 gleichwertig angesehen werden. Als Folge fluktuieren Preise und Absatzmengen der einzelnen Anbieter in kürzeren Zeitabständen stark, weil der Wettbewerb über Preiskämpfe ausgetragen wird. Dies fordert von den Unternehmen Preissenkungen, aufwendigere Marketingaktivitäten und kann zu Marktanteilsverlust und Schwund der Kundenloyalität und damit letztendlich zu finanziellen Verlusten führen. Bei stetig hoher Wettbewerbsintensität besteht somit eine höhere Insolvenzgefahr als in einer Branche, in der Wettbewerbsvorteile lange vor Imitation geschützt werden können und Unternehmen sich somit von ihren Konkurrenten abheben können. Tabelle 3-7 zeigt die Bewertung: 3.4.5.4 Markteintritts‐ und ‐austrittsschranken Eine weitere Determinante der Wettbewerbsbedingungen auf einem Markt sind Marktein- und -austrittsschranken. Sie legen fest, wie einfach neue Anbieter in den Markt eindringen können bzw. mit welchen Kosten ein Unternehmen rechnen muss, wenn es den Markt verlassen möchte. Bei geringen Markteintrittsschranken besteht die Gefahr, dass viele neue Wettbewerber in einen besonders attraktiven Markt eindringen und somit Marktanteile von etablierten Anbietern an sich ziehen und die Rentabilität aller Marktteilnehmer senken. Mit der Zahl der Konkurrenten erhöht sich die Insolvenzwahrscheinlichkeit jedes einzelnen Unternehmens. Marktaustrittsbarrieren dagegen haben besonders bei unattraktiven Branchen einen negativen Einfluss. Hohe Austrittsschranken machen es kostspielig, sich aus einem Markt zurückzuziehen, sodass Unternehmen lieber Verluste in Kauf nehmen und aggressive Preissetzungsstrategien verfolgen. Dies führt zu einem Absinken der Rentabilität der gesamten Branche und erhöht damit die Insolvenzgefahr aller Unternehmen der Branche. Eine Messung der Höhe der Marktein- und -austrittsschranken kann anhand des durchschnittlichen Fixkostenanteils der Produktion innerhalb einer Branche erfolgen. Je höher die Fixkosten für die benötigten Anlagen zur Herstellung der Produkte/Dienstleistungen sind, desto schwieriger ist der Einstieg für neue Konkurrenten, da diese erst das benötigte Kapital aufbringen müssen. Auf der anderen Seite bedeutet eine hohe Fixkostenbelastung, dass ein Ausstieg aus der Produktion des Gutes/der Dienstleistung mit hohen Verlusten verbunden ist, da die Fixkosten weiter anfallen. Fallen hauptsächlich variable Kosten an, könnte die Produktion sofort eingestellt und die Kostenbelastung damit stark reduziert werden, was eine niedrige Marktaustrittsbarriere bedeutet. Ob eine Marktein- Wettbewerbsintensität Kriterium Musterantwort Bewertung Ist es möglich, einen Wettbewerbs-vorteil in der Branche längerfristig zu halten? nein, wird sofort aufgeholt 6 nur für einen begrenzten Zeitraum 3 ja, für lange Zeit 1 Tabelle 3‐7: Fragen für das Kriterium Branchenrentabilität 54 3 Wie Risiken erkannt werden können – Selbstrating tritts- oder eher eine Marktaustrittsbarriere zum Tragen kommt, hängt vom Branchenwachstum ab. Tabelle 3-8 zeigt die Bewertung dieses Kriteriums. 3.4.5.5 Gesamtbewertung des Analysebereichs Markt Um zu einer Gesamteinstufung des Analysebereichs Markt zu gelangen, ist ein gewichteter Durchschnitt der Bewertungen der vier Teilbereiche zu bilden. Da die Bereiche „Wettbewerbsintensität“ und „Marktein-/-austrittsschranken“ stark korreliert sind (niedrige Markteintrittsbarrieren bei guter Branchenentwicklung bzw. hohe Marktaustrittsschranken bei schlechter Entwicklung bedingen in der Regel eine hohe Wettbewerbsintensität), erhalten beide Bereiche ein jeweils um 50% niedrigeres Gewicht, um Verzerrungen des Ergebnisses auszuschließen. Das Gesamtergebnis für den Bereich Markt wird berechnet, indem die Einzelbewertungen mit den in Tabelle 3-9 dargelegten Gewichtungsfaktoren (GWF) multipliziert und dann summiert werden: Marktein‐ und ‐austrittsschranken Spalte A, wenn Marktwachstum der Branche > Wachstum der Gesamtwirtschaft Spalte B, wenn Marktwachstum der Branche < Wachstum der Gesamtwirtschaft Kriterium Musterantwort Bewertung  (ankreuzen)Spalte A Spalte B Wie hoch ist der durchschnittliche Fixkostenanteil der Branche am gesamten bilanziellen Aufwand? <10% >75% 6 10–30% 50–75% 5 30–50% 30–50% 4 50–75% 10–30% 3 >75% <10% 1 Tabelle 3‐8: Fragen für das Kriterium Marktein‐/‐austrittschranken Gesamtbewertung Markt Analysebereich Notizen zur  Branchensituation Bewertung Bewertung GWF Marktwachstum ×0,33 = Branchenrentabilität ×0,33 = Wettbewerbsintensivität ×0,17 = Marktein-/-austrittschranken ×0,17 = Gesamtbewertung: Summe Tabelle 3‐9: Gesamtbewertung des Kriteriums Markt 3.5 Die Kriterien der quantitativen Analyse 55 3.4.6 Gesamtergebnis des Branchenratings Für die Stabilität der Unternehmen einer Branche und deren Attraktivität für Kapitalgeber sind sowohl Tatsachen wie das Marktumfeld als auch langfristige Entwicklungen maßgebend, die sich in technologischen, soziologischen und politischen Faktoren niederschlagen. Aus diesem Grund kann als eine Repräsentation des Branchenrisikos der einfache Durchschnitt der 5 Bewertungsbereiche verwendet werden. Tabelle 3-10 stellt die Berechnung noch einmal anschaulich dar und kann zur Bewertung des eigenen Unternehmens herangezogen werden. 3.5 Die Kriterien der quantitativen Analyse Die quantitative Komponente beschränkt sich auf die Auswertung von Zahlenmaterial des Unternehmens. Hierzu werden die drei letzten Jahresabschlüsse des betrachteten Unternehmens herangezogen. Soweit vorhanden, können Zwischenabschlüsse in das Selbstrating integriert werden, indem statt des aktuellen Jahresabschlusses der Zwischenabschluss zur Ermittlung der Kennzahlen herangezogen wird – unter der Voraussetzung, dass im Zwischenabschluss jährliche Aufwendungen (z.B. Zinsen, Abschreibungen, Versicherungsprämien etc.) anteilig berücksichtig worden sind und dass eine Anpassung der verwendeten Kennzahlen bei den periodenbezogenen Größen erfolgt. Der Zwischenbericht stellt immer nur einen Ausschnitt aus dem Geschäftsjahr des Unternehmens dar. Wie bereits beschrieben, nutzen faktisch alle Banken die Diskriminanzanalyse zur Generierung von Kennzahlen zur Analyse von Jahresabschlüssen. Aus diesem Grund wurden für das Selbstratingsystem die Kennzahlen ausgewählt, die in der Literatur zu bankinternen Ratingsystemen am häufigsten genannt wurden.19 Zu- Gesamtbewertung Branchenrating Analysebereich Notizen zur  Branchensituation Bewertung Politische/rechtliche Rahmenbedingungen ×0,2= Konjunktur ×0,2= Gesellschaftl. Einflüsse ×0,2= Technolog. Einflüsse ×0,2= Markt ×0,2= Gesamtbewertung: Summe Tabelle 3‐10: Gesamtbewertung des Branchenratings 19 Vgl. Knief,  P.: Jahrbuch 2005, 2004, S. 1304–1315; Nolte,  B.: Basel II, 2003, S. 93–189; Hundt,  I./Neitz, B./Grabau, F.‐R.: Rating, 2003, S. 67–154; Meyer, C.: Kunden-Bilanzanalyse, 2000, S. 101–271.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Vorteile: • Frühzeitig auf strengere Regeln der Kreditvergabe durch Banken ab 2013 vorbereitet sein • Optimierung von Risikopositionen für Kreditverhandlungen • Beiliegende CD mit einem Excel-Sheet zum Selbstrating. Zum Werk: Finanzierungsentscheidungen größeren Umfangs sind immer mittelfristig zu betrachten. Deshalb müssen Unternehmen schon heute die ab 2013 geltenden, strengeren Regeln (Basel III) der Kreditvergabe durch Banken in ihren Finanzplanungen berücksichtigen. Dieses Fachbuch stellt Strategien vor, wie die Versorgung mit Finanzmitteln vor dem Hintergrund von Basel III gesichert bleibt. Autoren: Von Prof. Dr. Stefan Müller leitet das Institut für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre an der Helmut-Schmidt-Universität (HSU) Hamburg. Prof. Dr. Mayer-Fiedrich ist Inhaberin des Lehrstuhls für Internationale Finanzierung an der HSU. Dr. Kai Brackschulze ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HSU. Zielgruppe: Für Fach- und Führungskräfte im Rechnungs- und Finanzwesen mittelständischer Unternehmen, SteuerBerater und Wirtschaftsprüfer.