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3.3 Technische Hinweise zum Selbstratingsystem in:

Stefan Müller, Kai Brackschulze, Matija Denise Mayer-Fiedrich

Finanzierung mittelständischer Unternehmen nach Basel III, page 54 - 58

Selbstrating, Risikocontrolling und Finanzierungsalternativen

2. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3923-6, ISBN online: 978-3-8006-3924-3, https://doi.org/10.15358/9783800639243_54

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42 3 Wie Risiken erkannt werden können – Selbstrating geordnet, wobei die Branchenanalyse mit 10% in die Gesamtbewertung eingeht, die eigentliche qualitative Unternehmensanalyse mit 40%. Die andere Hälfte der Gesamtbewertung beruht auf der quantitativen (Bilanz-)Analyse. 3.2.3 Grenzen der Aussagekraft des Selbstratingsystems Das Hauptziel des Selbstratings ist der Erkenntnisgewinn über Schwachpunkte im Unternehmen und über den Ablauf eines Ratingprozesses. Das Selbstrating kann und will keine vollständige Analyse und Bewertung alle betrieblichen Risikobereiche im Detail vornehmen. Dies ist Aufgabe des internen Risikomanagements. Hinzu tritt der Umstand, dass das Selbstratingsystem einen Querschnitt der Kriterien vieler bankinterner Ratingsysteme darstellt. Damit sind alle wichtigen Kriterien erfasst, jedoch keine spezifischen Gewichtungsfaktoren für die einzelnen Kriterien mehr zu bestimmen. Diese leiten sich bei jedem einzelnen Ratingsystem aus einer statistischen Auswertung der Jahresabschlüsse in den Datenbanken der jeweiligen Bank ab. Da für das Selbstratingsystem auf eine solche Datenbasis nicht zugegriffen werden kann, ist die Ermittlung einer empirisch fundierten Ausfallwahrscheinlichkeiten nicht möglich. Da Banken ihre Gewichtungsfaktoren zum Schutz vor Manipulationen nicht veröffentlichen, kann auch hierauf für das Selbstratingsystem nicht zurückgegriffen werden. Zudem unterliegen die Ratingsysteme der Banken stetigen Änderungen – der Ausfall eines Kreditnehmers einer Bank kann zu Neujustierung der Gewichtungen der Kennzahlen führen. Somit ist es nicht möglich, die Ergebnisse des Selbstratingsystems mit den Ratingsystemen einzelner Banken zu vergleichen, da dies nur anhand der objektiv ermittelten Ausfallwahrscheinlichkeiten möglich wäre. Ebenso kann von den Autoren keine Garantie übernommen werden, dass die aufgezeigten Kriterien und Bewertungen für jeden Einzelfall diejenigen Kriterien widerspiegeln, die die entsprechende Bank auch tatsächlich anwendet. Vielmehr muss das Ergebnis als Denkanstoß für die Unternehmensführung gesehen werden, sich detailliert mit dem Thema Rating und dem Ratingsystem der eigenen (Haus-)Bank auseinanderzusetzen und die Kreditverhandlungen intensiv vorzubereiten. 3.3 Technische Hinweise zum Selbstratingsystem Die folgenden Kapitel beschreiben die einzelnen Kriterien des Selbstratingsystems im Detail. Dem interessierten Leser werden Tabellen zur Verfügung gestellt, anhand derer er für ein Unternehmen mithilfe der beiliegenden CD die einzelnen Kennzahlen berechnen und die jeweiligen Kriterien bewerten kann. Um die Beschreibung der einzelnen Kriterien nicht durch technische Hinweise zur Anwendung des Selbstratingsystems zu unterbrechen, erfolgt an dieser Stelle eine allgemeine Einweisung in die benötigten Daten und die Nutzung der Tabellen. 3.3 Technische Hinweise zum Selbstratingsystem 43 3.3.1 Datenanforderungen Die Durchführung des im Folgenden beschriebenen Selbstratingsystems erfordert die Bereitstellung umfangreichen Datenmaterials. Zunächst werden die letzten drei Jahresabschlüsse des zu bewertenden Unternehmens benötigt, möglichst inklusive Anhang, da dieser wertvolle Informationen zur Aufbereitung der Zahlen der Bilanz und GuV enthält. Um einen Vergleich zur Branche sowie eine Branchenbewertung vornehmen zu können, sollten entsprechende Branchenberichte vorliegen. Hierzu gehört auch die Ermittlung von Branchenvergleichswerten für die einzelnen Kennzahlen. Da mittelständische Unternehmen hierzu nicht auf eigene Datenbanken zurückgreifen können, müssen sie sich auf öffentlich zugänglichen Quellen verlassen, also z.B. die statistischen Datenbanken der Bundesbank oder des Statistischen Bundesamtes, auf Berichte von Branchenverbänden, aus entgeltlich erworbenen Branchenberichten nationaler oder internationaler Agenturen oder aus anderen Quellen. Eventuell zeigt sich auch die eigene Hausbank kooperationsbereit und stellt Werte zur Verfügung. Problematisch ist bei allen Vergleichswerten, dass die konkrete Berechnung sehr unterschiedlich sein kann und somit die Vergleichbarkeit erheblich eingeschränkt ist. Die qualitative Analyse erfordert umfangreiches Datenmaterial zu Produkten, Marktanteilen und Mitarbeitern, die idealerweise dem internen Controllingsystem zu entnehmen sind. Hinzu kommen Unterlagen zum Aufbau unternehmensinterner Systeme und der Ausbildung des Managementteams. 3.3.2 Bedeutung der einzelnen Bewertungen Die Bewertung der einzelnen Kennzahlen und Fragestellungen erfolgt anhand von sechs verschiedenen Risikoeinstufungen analog zum Schulnotensystem. Eine Einstufung „1“ („sehr gut“) impliziert eine sehr gute Ausprägung der Kennzahl bzw. des Kriteriums und damit ein zu vernachlässigendes Risiko, das keinen wesentlichen Einfluss auf die Unternehmensentwicklung hat. Die Einstufung „6“ („stark insolvenzgefährdet“) dagegen wird vergeben, wenn ein Unternehmen bei einer Kennzahl bzw. Frage so schlecht abschneidet, dass eine hohe Gefährdung des Fortbestandes des Unternehmens anzunehmen ist. Dazwischen gibt es die dem Schulnotensystem entsprechenden Abstufungen. Durch die Darstellung im Schulnotensystem bekommt der Anwender des Selbstratingsystems einen einfachen Überblick über die Ergebnisse der Analyse und kann Schwachstellen unmittelbar aufspüren. Auch Zwischenergebnisse einzelner Teile sowie das Gesamtergebnis werden auf der Schulnotenskala angegeben. Hierbei kann der Anwender direkt ablesen, ob das bewertete Unternehmen eine tendenziell hohe oder eine eher geringe Insolvenzgefahr hat und somit ein gutes oder schlechtes Rating erwarten darf. Eine Umrechnung des Gesamtergebnisses in eine von Banken verwendeten Ratingskala erfolgt jedoch aufgrund der fehlenden Möglichkeit der Zuordnung von Ausfallwahrscheinlichkeiten nicht. 44 3 Wie Risiken erkannt werden können – Selbstrating 3.3.3 Nutzung der Tabellen zur quantitativen Analyse Für jede einzelne Kennzahl sind insgesamt 4 Arbeitsschritte zu erledigen: Der erste Schritt beinhaltet die Aufbereitung der Bilanzdaten, die zur Berechnung der Kennzahl notwendig sind. Auch Banken stellen der Kennzahlenberechnung stets diesen Schritt voran. Zunächst werden hierbei Bilanzwahlrechte erklärt, die einen Einfluss auf die zu berechnende Kennzahl haben, und aufgezeigt, wie diese Einflüsse bereinigt werden können. Eine Tabelle fasst diese Ausführungen abschließend zusammen und kann dazu genutzt werden, die Daten aus den Jahresabschlüssen des betrachteten Unternehmens einzutragen und die zur Berechnung der Kennzahl notwenigen Daten zu generieren. Im zweiten Schritt folgt die Norm‐Ist‐Analyse. Diese ordnet der berechneten Kennzahl in Abhängigkeit ihrer Höhe eine Bewertung im Schulnotensystem zu. Die Bewertung für das betrachtete Unternehmen kann hier angekreuzt werden. Schritt drei umfasst die Branchenanalyse. Hier ist es zunächst erforderlich, anhand der Unterlagen zur Branchenentwicklung einen Branchendurchschnittswert für die betrachtete Kennzahl zu ermitteln. Gegebenenfalls können Kammern, Verbände oder auch die Bank eine solche Zahl nennen, wobei darauf zu achten ist, dass ihr dieselbe Berechnungsweise zu Grunde liegt wie in diesem Selbstratingsystem. Ist ein Branchendurchschnittswert nicht zu ermitteln, muss die Branchenanalyse übersprungen werden. Ist ein Durchschnittswert verfügbar, muss dieser mit der Kennzahlausprägung für das betrachtete Unternehmen verglichen werden. Ist die Kennzahl des Unternehmens besser als der Durchschnittswert, erhält es einen Abschlag auf die Bewertung aus der Normen-Ist- Analyse. D.h., aus der Einstufung 3 in der Normen-Ist-Analyse wird die Einstufung 2, sodass sich das Unternehmen – gemäß dem Schulnotensystem – verbessert hat). Ist sie schlechter, erfolgt ein Zuschlag (aus einer 3 wird z.B. eine 4). Auch hier steht dem Leser eine Tabelle im Excel-Tool zur Verfügung, die die Bestimmung der Zu- und Abschläge verdeutlicht. Der letzte Schritt ist der Zeitvergleich. Hierzu werden die Ausprägungen der Kennzahl in den letzten drei Jahresabschlüssen benötigt. Die Bewertung erfolgt ebenfalls über Zu- oder Abschläge. Für jede Kennzahl sind mehrere Aussagen aufgelistet. Trifft eine davon zu, ist diese zunächst anzukreuzen. Anschließend wird diejenige angekreuzte Aussage gewählt, die den höchsten Zu- bzw. Abschlag hat und dieser Zu-/Abschlag mit der bisherigen Note verrechnet. Am Ende des Abschnitts zu den einzelnen qualitativen Kennzahlen werden die jeweiligen Bewertungen in Tabelle 3-46 und Tabelle 3-47 zusammengetragen und zu einer Gesamtbewertung zusammengeführt. 3.3.4 Nutzung der Tabellen zur qualitativen Analyse Die qualitative Analyse orientiert sich an den Themenkomplexen „Markt/Produkt“, „Management/Personal“, „Planung/Kontrolle“ und „Risikomanagement“. Zu jedem dieser Themenbereiche gibt es mehrere Einzelfragen, die durch 3.3 Technische Hinweise zum Selbstratingsystem 45 Auswertung von Unterlagen der Unternehmensplanung, des Rechnungswesens oder externer Unterlagen zu beantworten sind. Die Beantwortung erfolgt mit Hilfe von Musterantworten und dazugehörigen Risikopunkten. Jeder für ein Kriterium erhaltene Punkt stellt einen Risikofaktor dar, so dass das Ziel ist, möglichst wenig Risikopunkte zu erhalten. Für jede Frage werden minimal einer, maximal sechs Risikopunkte vergeben. Kann eine einzelne Frage nicht beantwor‐ tet werden, ist stets von der schlechtesten Ausprägung auszugehen, und es sind 6 Risikopunkte anzusetzen. Im Anschluss an eine Frage werden die Punkte mithilfe einer jeweils angegebenen Berechnungsformel in die 6 verschiedenen Abstufungen gemäß dem Schulnotensystem konvertiert. Die einzelnen Fragen jedes Kriteriums werden in einer Tabelle dargestellt. Im oberen Teil befinden sich eine Liste der notwendigen Daten und – soweit nötig – Angaben zur Berechnung von Kennzahlen, die dann anschließend bewertet werden. Der mittlere Teil der Tabelle listet die einzelnen Fragen und die Musterantworten samt dazugehöriger Risikopunktzahl auf. Die zutreffende Musterantwort sollte kenntlich gemacht und die dazugehörige Risikopunktzahl angekreuzt werden. Im unteren Teil der Tabelle werden die Risikopunkte addiert und mit der angegebenen Konvertierungsformel in eine Schulnote konvertiert. Wie auch bei der quantitativen Analyse können die einzelnen Bewertungen anhand von Tabelle 3-71 zu einer Gesamtbewertung aggregiert werden. 3.3.5 Nutzung der Tabellen zur Branchenanalyse Die Tabellen der Branchenanalyse orientieren sich weitestgehend an der qualitativen Analyse: Zu jedem Kriterium gibt es mehrere Fragen, und für jede Frage wiederum Musterantworten und eine dazugehörige Bewertung. Bei der Branchenanalyse wird jedoch nicht mit Risikopunkten sondern direkt mit Schulnoten gearbeitet. Dies erlaubt es dem Leser, direkt auf eventuell vorliegende Branchenbeurteilungen zurückzugreifen und deren Urteil in das Selbstrating zu übernehmen. Wird z.B. die Branchenrentabilität in einer extern erworbenen Branchenbeurteilung mit „sehr gut“ bewertet, kann dies direkt als eine „1“ in das Selbstrating übernommen werden. In diesem Fall müssen die Fragen zu dem entsprechenden Kriterium nicht mehr beantwortet werden. Die Berechnung der Gesamtbewertung erfolgt am Ende in Tabelle 3-10. 3.3.6 Das Selbstratingsystem in elektronischer Form Zur Vereinfachung der Anwendung des Selbstratingsystems ist von den Autoren ein Software-Tool für das Programm Microsoft Excel programmiert worden. Dieses Tool erlaubt es Unternehmern, die im Folgenden beschriebenen Bewertungsschritte automatisiert durchzuführen. Es berechnet und bewertet nach Eingabe der Bilanzdaten und Branchenvergleichswerte automatisch die Kennzahlen. Zudem stellt es die gesamte Bewertungssystematik in elektronischer Form zur Verfügung, sodass mithilfe der in diesem Buch beschriebenen Kennzahlen 46 3 Wie Risiken erkannt werden können – Selbstrating und Fragen eine Bewertung des Unternehmens erleichtert wird. Die genaue Beschreibung der einzelnen Kriterien findet sich jedoch ausschließlich in diesem Buch, sodass das Software-Tool nur eine Ergänzung darstellt. Das Excel-Tool wird mit dem Buch mitgeliefert. 3.4 Die Branchenanalyse Dieser Teil der Branchenanalyse konzentriert sich auf die Analyse der Unternehmensumwelt, insbesondere den Marktgegebenheiten, den politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, der Konjunktur und technologischen Entwicklungen. Dieses Vorgehen entspricht weitestgehend der Umweltanalyse, wie sie im Rahmen der strategischen und langfristigen Unternehmensplanung durchgeführt wird. Diese Untersuchung bildet im Unternehmen die Grundlage für die operative Planung und für den Einsatz von Unternehmensressourcen. In der Analyse wird lediglich auf das Risiko im engeren Sinne (also die Möglichkeit einer negativen Zielverfehlung) eingegangen. Sich verändernde Umfeldbedingungen stellen auch stets eine Chance für das Unternehmen dar, sich durch eine bessere Anpassung an die Veränderungen von den Konkurrenten abzuheben und damit die Erwartungen zu übertreffen. Analog dazu ist durch die qualitative Analyse zu bestimmen, in wie weit es dem Unternehmen gelungen ist bzw. ob es die passenden Ressourcen dafür besitzt, sich den Umweltgegebenheiten anzupassen. Die durch die Branchenanalyse aufgezeigten Rahmenbedingungen sind hierzu als Vergleichsmaßstab heranzuziehen. Im Folgenden werden die einzelnen Kriterien aufgezeigt, die sich aus der Analyse der einzelnen bankinternen Ratingsysteme ergeben haben. Die Kriterien lassen sich in die Bereiche politische/rechtliche Rahmenbedingungen, Konjunktur, gesellschaftliche Einflüsse, Markt und Technologie einordnen.14 3.4.1 Politische und rechtliche Rahmenbedingungen Die Gesetzgebung und Rechtsprechung haben unmittelbaren Einfluss auf alle Bereiche des Unternehmens, angefangen vom Einkauf (z.B. Ökosteuer auf fossile Brennstoffe) über Personal (z.B. Kündigungsschutz), Produktion (z.B. Umweltauflagen), Absatz (z.B. Gewährleistungsrechte) bis zur Unternehmensführung (z.B. MoMiG, BilMoG15). Es ist deshalb für die strategische Unternehmensführung von großer Bedeutung, das politische Geschehen mit wachsamen 14 Diese Unterteilung deckt sich weitestgehend mit z.B. der Konzeption des FERI-Branchenratings, vgl.: Weiß, E.: FERI-Branchenrating, S. 442–444, und der theoretischen Literatur, vgl. z.B. Hinterhuber, H.H.: Unternehmensführung, 1984, S. 52, Hinterhuber, H.H.: Strategische Unternehmungsführung, 2004. 15 MoMiG: Gesetz zur Modernisierung des GmbH-Rechts und zur Bekämpfung von Missbräuchen, BGBl. I 2008, S. 2026; BilMoG: Bilanzrechtsmodernisierugsgesetz, BGBl. I 2009, S. 1102.

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References

Zusammenfassung

Vorteile: • Frühzeitig auf strengere Regeln der Kreditvergabe durch Banken ab 2013 vorbereitet sein • Optimierung von Risikopositionen für Kreditverhandlungen • Beiliegende CD mit einem Excel-Sheet zum Selbstrating. Zum Werk: Finanzierungsentscheidungen größeren Umfangs sind immer mittelfristig zu betrachten. Deshalb müssen Unternehmen schon heute die ab 2013 geltenden, strengeren Regeln (Basel III) der Kreditvergabe durch Banken in ihren Finanzplanungen berücksichtigen. Dieses Fachbuch stellt Strategien vor, wie die Versorgung mit Finanzmitteln vor dem Hintergrund von Basel III gesichert bleibt. Autoren: Von Prof. Dr. Stefan Müller leitet das Institut für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre an der Helmut-Schmidt-Universität (HSU) Hamburg. Prof. Dr. Mayer-Fiedrich ist Inhaberin des Lehrstuhls für Internationale Finanzierung an der HSU. Dr. Kai Brackschulze ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HSU. Zielgruppe: Für Fach- und Führungskräfte im Rechnungs- und Finanzwesen mittelständischer Unternehmen, SteuerBerater und Wirtschaftsprüfer.