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6 Wie sich die Mittelstandsfinanzierung weiterentwickelt – Zusammenfassung und Ausblick in:

Stefan Müller, Kai Brackschulze, Matija Denise Mayer-Fiedrich

Finanzierung mittelständischer Unternehmen nach Basel III, page 296 - 300

Selbstrating, Risikocontrolling und Finanzierungsalternativen

2. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3923-6, ISBN online: 978-3-8006-3924-3, https://doi.org/10.15358/9783800639243_296

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6 Wie sich die Mittelstandsfinanzierung weiterentwickelt – Zusammenfassung und Ausblick Die historisch relativ konstanten Finanzierungsstrukturen deutscher Unternehmen sind in der letzten Dekade verstärkt in Bewegung geraten. Gründe sind einerseits sowohl eine erhöhte Wahrnehmung der Risiken als auch ein tatsächliches Ansteigen der durchschnittlichen Risiken bei mittelständischen Unternehmen, andererseits die erfolgten bzw. geplanten Reaktionen hierauf von Banken, Bankenaufsicht und Gesetzgebung. Angesichts des derzeit enormen Wettbewerbsdrucks und des in Folge der Finanzkrise noch nicht vollständig wiederhergestellten Vertrauens zwischen den Banken und der Tatsache, dass die gesetzlichen Regelungen zum Teil erst in der Zukunft wirksam werden, besteht der Eindruck, dass aktuell die gesamte Problematik bei der Finanzierung mittelständischer Unternehmen noch nicht voll an den Märkten durchgeschlagen ist. Als Folgen des daraus resultierenden geänderten bzw. zu erwartenden Kreditvergabeverhaltens der Banken werden die Verfügbarkeit und der Zinssatz von Krediten zukünftig noch stärker als heute vom Rating abhängen. Erschwerend kommt die veränderte Aufbaustruktur der Banken gemäß MaRisk hinzu, die von den Unternehmen eine weitere Anpassung ihrer Kommunikationsstrategie mit der Bank erfordert. Auch die sich durch steuerrechtliche Regelungen und aufgrund der schlechten Rentabilitätslage ergebende relativ geringe Eigenkapitalausstattung vor allem mittelständischer Unternehmen in Deutschland wurde in den Blickpunkt gerückt. Für Mittelständler bedeutet dies, sich intensiver als bisher mit der Finanzierung ihres Unternehmens zu beschäftigen. In diesem Buch wurde ein hybrider Ansatz vorgestellt, mit dem mittelständische Unternehmen auf die Herausforderungen der veränderten Finanzierungssituation reagieren können: Zum einen müssen sich speziell kleine und mittlere Unternehmen stärker als bisher mit Risiken im Unternehmen auseinandersetzen, um ein gutes Rating zu erhalten und so den Zugang zu Bankkrediten sichern zu können, denn Bankkredite bleiben weiterhin die Hauptfinanzierungsquelle mittelständischer Unternehmen in Deutschland. Auf der anderen Seite müssen Unternehmen auch ihre Finanzierungsstrategie überdenken und verstärkt Alternativen zum Bankkredit in das Kalkül mit einbeziehen. Das vorgestellte Selbstratingsystem bietet einen Ansatzpunkt für die Bestimmung und Bewertung der Risiken im Unternehmen und gleichzeitig einen Einblick in die Funktionsweise bankinterner Ratingsysteme. Allerdings ist das Selbstratingsystem nicht empirisch abgeleitet und kann somit nicht die Funktion eines Ratings im Sinne von Basel II bzw. Basel III übernehmen und eine fundierte Ratingeinstufung errechnen. Vielmehr ist es ein Denkanstoß für den Un- 286 6 Zusammenfassung und Ausblick ternehmer, sich mit bestimmten Risikobereichen im Unternehmen genauer zu beschäftigen. Aus diesem Grund wurden die einzelnen Kriterien detailliert beschrieben und der Bezug zu möglichen Insolvenzgründen hergestellt. Dasselbe gilt für die Optimierung des Jahresabschlusses. Die ausführlichen Aufbereitungsschemata und Darstellungen der Kennzahlen erlauben es, die Wirkungen einer veränderten Bilanzierungspolitik auf das Rating abzuschätzen. Da Risikoerkennung und -steuerung kein einmaliger Prozess sind, konzentrierte sich die Auswertung des Selbstratingsystems auf Möglichkeiten, die einzelnen Kriterien in ein Führungs-Kennzahlensystem zu integrieren. Hierdurch kann es der Unternehmensführung gelingen, die für das Rating zentralen Kennzahlen und qualitativen Faktoren stetig im Blick zu behalten. Die Optimierung kann und darf jedoch nicht bei der Optimierung von Jahresabschluss, Risikoposition und Ratingnote stehen bleiben. Mit den veränderten Rahmenbedingungen bietet sich auch die Chance, die Auswahl der Finanzierungsinstrumente sowie die Kapitalstruktur zu überdenken und so zu einer weiteren Stabilisierung des Unternehmens beizutragen. Zur Entscheidungsunterstützung über den Einsatz alternativer Finanzierungsinstrumente wurden in diesem Buch verschiedene Instrumente ausführlich beschrieben und bewertet und mit Hilfe typischer Präferenzen mittelständischer Unternehmen exemplarisch in eine optimale Reihenfolge gebracht. Bankkredite sind und bleiben auf absehbare Zeit das Hauptfinanzierungsinstrument mittelständischer Unternehmen. Das allgemeine Wirtschaftsgeschehen und speziell die neuen Regeln für Banken machen jedoch vor der Mittelstandsfinanzierung nicht halt. Die erhöhte Dynamik der Wirtschaft führt zu höherem Anpassungsdruck an die Unternehmen, die Nutzung des Internets zu mehr Informationen über Finanzierungsmöglichkeiten, Basel III und MaRisk zu einem veränderten Kreditvergabeverhalten der Banken. Dies alles fordert von den Unternehmen Aufmerksamkeit und überlegtes Handeln, wenn es um die Unternehmensfinanzierung geht. Die Zeiten, in denen Kapital über Bankkredite ohne größere Anstrengungen zu bekommen war, sind vorbei. Die Banken erwarten umfangreiche Unterlagen und einen Unternehmer, der bestens über die Risiken im eigenen Unternehmen informiert ist. Der Aufbau entsprechender Risikokontroll- und -dokumentations-Systeme im Unternehmen ist somit die Mindestanforderung, mit der sich Unternehmen auseinander zu setzen haben. Dieses bringt jedoch auch für die Unternehmen Vorteile in Form einer stabileren Entwicklung. Auf der anderen Seite bieten die Umwälzungen den mittelständischen Unternehmen die Chance, durch aktive Strukturierung der Finanzierung Vorteile zu erlangen gegenüber denjenigen Konkurrenten, die lediglich das „Pflichtprogramm“ einer Rating- und Risikoverbesserung durchführen. Andere Kapitalgeber schauen ebenso auf das Risiko des Unternehmens, bevor sie investieren. Eine verbesserte Risikoposition eröffnet deshalb die Chance, von Alternativen zum Bankkredit zu profitieren und die Stabilität des Unternehmens nachhaltig zu stärken. Immer mehr Unternehmen werden dieser Erkenntnis folgen, sodass die Nachfrage nach alternativen Instrumenten steigt. So kann es gelingen, dass sich Kapi- 6 Zusammenfassung und Ausblick 287 talgeber bereit erklären, alternative Instrumente auch in kleinerem Umfang zur Verfügung zu stellen und damit eventuell bestehende Mindestgrößen oder andere Mindestvoraussetzungen zu durchbrechen. Als Beispiel kann hier der 2005 eingerichtete Entry Standard der Deutschen Börse angeführt werden, der durch wesentlich niedrigere formale Eintrittskriterien und nur ein Mindestmaß an Transparenzanforderungen gerade mittelständischen Unternehmen den Zugang zur Eigenkapitalfinanzierung über die Börse ermöglichen will. Das im Herbst 2010 geschaffene First Quotation Board als Einstiegsnotierung an einer Deutschen Börse erleichtert den Zugang noch weiter, in dem u.a. auf die Transparenzanforderung verzichtet wird. Auch Beteiligungsgesellschaften engagieren sich zunehmend in Deutschland, und ein größeres Angebot an Kapital führt zwangsläufig dazu, dass auch kleinere Unternehmen Beteiligungskapital erhalten können. Seit Mai 2010 können Mittelstandsanleihen an den Börsen Stuttgart, Frankfurt, München, Düsseldorf und zwischenzeitlich auch Hamburg gehandelt werden. Für die Platzierung müssen die Unternehmen bis zu vier Prozent Provision zahlen – das ist mehr als doppelt so viel wie für Großemissionen von Anleihen sonst üblich. Die wichtigsten Voraussetzungen beziehen sich auf ein angestrebtes Fremdkapitalvolumen von mindestens 10 Mio. €, die BaFin billigt den Verkaufsprospekt, Kapitalmarktneulinge legen ein Mindest-Rating von BB vor (z.B. Creditreform) und die Emission wird durch einen zugelassenen Kapitalmarktpartner begleitet. Es wird sich zeigen, ob das Ziel, nun auch verstärkt private Investoren für die Mittelstandsfinanzierung über den Kapitalmarkt zu gewinnen, durch die Stückelung in 1000 € Anteilsscheine und der Ausstattung mit einem hoher Kupon erreicht wird. Die Bedeutung von Leasing und Factoring mit ihren Vorteilen wurde in den vergangenen Jahren zunehmend von mittelständischen Unternehmen erkannt. In Anbetracht der wirtschaftlichen Erholung werden diese beiden Finanzierungsalternativen weiter an Bedeutung gewinnen. 2009 wurden 21% aller mobilen Anlageinvestitionen in Deutschland geleast. Mit zunehmender Akzeptanz in der deutschen Wirtschaft werden sich vermehrt auch Factoringgesellschaften herausbilden, die speziell mittelständische Unternehmen ansprechen. Häufig übernehmen staatliche Gesellschaften eine Vorreiterrolle bei der Weiterentwicklung von Finanzierungsinstrumenten hin zu einer Verfügbarkeit für mittelständische Unternehmen. Als bundesweit tätige Gesellschaft ist die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) mit ihrer Mittelstandsbank vielen Unternehmern ein Begriff.1 Sie bietet neben Beteiligungskapital auch Nachrangdarlehen und staatliche Förderinstrumente und bedient sich dabei den Hausbanken vor Ort. Die IKB und die Deutsche Bank bieten mittelständischen Unternehmen Mezzanine-Kapital in der Größenordnung von 3 bis 15 Millionen Euro an.2 Hier- 1 Vgl. den Internetauftritt der KfW-Mittelstandsbank unter www.kfw-mittelstandsbank.de. 2 Vgl. Hommel, U. (Hrsg.) Mezzanine-Studie, 2010, Online-Quelle: http://www.ikb.de/content/de/branchen_und_maerkte/Aktuelle_Publikationen/Mezzaninestudie.pdf (30.3. 2011). 288 6 Zusammenfassung und Ausblick bei wird dem Unternehmen Genussrechtskapital für eine Laufzeit von 7 Jahren zugeführt, das mit mindestens 7,25% (abhängig vom Rating des Unternehmens) verzinst wird.3 Neben der KfW gibt es noch ländereigene Beteiligungsgesellschaften.4 Deren Angebot an Kapital variiert stark und zielt im Wesentlichen auf die Unterstützung lokaler mittelständischer Unternehmen. Unternehmen, die Kapital für neue Investitionsprojekte benötigen, können sich auch an diese Gesellschaften wenden, wenn sie ihre Anforderungen an förderwürdige Projekte erfüllen. Auch diese Länder-Beteiligungsgesellschaften tragen daher zur Weiterentwicklung des Kapitalmarktes bei, indem sie den Zugang zu Beteiligungskapital verbessern und damit zu einer weiteren Verbreitung und Akzeptanz beitragen. Diese Angebote werden die Attraktivität alternativer Finanzierungsinstrumente auch für kleine und mittlere Unternehmen weiter erhöhen und die Entwicklung dieser Instrumente weiter beschleunigen, sodass zu erwarten ist, dass Unternehmen in der Zukunft verstärkt auf eine Mischung unterschiedlicher Finanzierungsinstrumente setzen können, ohne dass der Aufwand für die Kapitalbeschaffung oder -überlassung signifikant ansteigt. 3 Aufgrund der der höheren Haftungsqualität und der nominell unbegrenzten Laufzeit von Genussrechten unter IFRS bieten die IKB und Deutsche Bank zwei Varianten an: Eine HGB-Variante und eine IFRS-Variante, wobei letztere mit einem höheren Zinssatz belegt ist. 4 Vgl. Nolte, B.: Rating, 2003, S 40–41 sowie die Webseite des Bundesverbands der deutschen KapitalbeteiligungsgesellschaftenOnlin-Quelle: http://www.bvkap.de/media/file/ 234.BVK_broschuere_mittelstand_web.pdf (30.3. 2011). Literaturverzeichnis Ammann, Helmut und Müller, Stefan [IFRS]: International Financial Reporting Standards, 2. Aufl., Herne 2006 Ammann, Helmut und Müller, Stefan [Konzernbilanzierung]: Konzernbilanzierung: Grundlagen sowie Steuerungs- und Analysemöglichkeiten, Herne 2005 Arnsfeld, Torsten und Hieb, Otto [Mittelstandsfinanzierung]: Alternative Wege in der Mittelstandsfinanzierung, in: Finanz-Betrieb, 10/2004, S. 664–667 Arntz, Thomas und Schultz, Florian [Asset-Backed Securities]: Bilanzielle und steuerliche Überlegungen zu Asset-Backed Securities, in: Die Bank, 11/1998, S. 694–697 Bacher, Urban [Baseler Eigenkapitalakkord]: Der Baseler Eigenkapitalakkord für Banken – Basel I, II und III – Derzeitiger Stand und erste Folgenabschätzung, in: BBK, 21/2010, S. 1026–1031 Backhaus, Klaus [Multivariate Analysemethoden]: Multivariate Analysemethoden, Berlin 2003 Baetge,  Jörg, Kirsch, Hans‐Jürgen und Stefan Thiele [Bilanzanalyse]: Bilanzanalyse, 2. Auflage, Düsseldorf 2004 Barilitis, M. [PIMS-Erkenntnisse]: Die Gültigkeit der PIMS-Erkenntnisse für Klein- und Mittelbetriebe, Wiesbaden 1996 Baseler Ausschuss (Hrsg.): Internationale Konvergenz der Eigenkapitalmessung und Eigenkapitalanforderungen, 1988, Online-Quelle: http://www.bis.org/publ/bcbsc111de.pdf (9.3. 2011)Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht (Hrsg.) [Eigenkapitalanforderungen]: Internationale Konvergenz der Kapitalmessung und Eigenkapitalanforderungen – Überarbeitete Rahmenvereinbarung, Basel, Juni 2004 Baseler Ausschuss (Hrsg.): Internationale Konvergenz der Eigenkapitalmessung und Eigenkapitalanforderungen, 2006, Online-Quelle: http://www.bis.org/publ/bcbs128ger.pdf (9.3. 2011) Basler Ausschuss für Bankenaufsicht (Hrsg.) [Bericht an die G20]: Antwort des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht an die Krise: Bericht an die G20, Basel, Oktober 2010 Basler Ausschuss für Bankenaufsicht (Hrsg.) [Eigenkapitalanforderungen]: Gruppe der Zentralbankpräsidenten und Leiter der Bankenaufsichtsinstanzen gibt höhere globale Mindestkapitalanforderungen bekannt, Pressemitteilung vom 12.9. 2010, Basel, September 2010 Baseler Ausschuss  (Hrsg.): Basel III: International framework for liquidity risk measurement, standards and monitoring, 2010, Online-Quelle: http://www.bis.org/publ/ bcbs188.pdf (9.3. 2011) Baseler Ausschuss (Hrsg.): Basel III: A global regulatory framework for more resilient banks and banking systems, 2010, Online-Quelle: http://www.bis.org/publ/bcbs189.pdf (9.3. 2011) Bauersfeld,  Tanja [Gedeckte Refinanzierung] Gedeckte Instrumente zur Refinanzierung von Hypothekendarlehen, Wiesbaden 2007 Baumgärtner, Carsten [Venture Capital]: Portfoliosteuerung von Venture Capital-Gesellschaften, Wiesbaden 2005 Baxter, William [Financial Reporting]: The Future of Company Financial Reporting in: Lee, Thomas A. (Hrsg.): Developments in Financial Reporting, Oxford 1981, S. 270–292

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Zusammenfassung

Vorteile: • Frühzeitig auf strengere Regeln der Kreditvergabe durch Banken ab 2013 vorbereitet sein • Optimierung von Risikopositionen für Kreditverhandlungen • Beiliegende CD mit einem Excel-Sheet zum Selbstrating. Zum Werk: Finanzierungsentscheidungen größeren Umfangs sind immer mittelfristig zu betrachten. Deshalb müssen Unternehmen schon heute die ab 2013 geltenden, strengeren Regeln (Basel III) der Kreditvergabe durch Banken in ihren Finanzplanungen berücksichtigen. Dieses Fachbuch stellt Strategien vor, wie die Versorgung mit Finanzmitteln vor dem Hintergrund von Basel III gesichert bleibt. Autoren: Von Prof. Dr. Stefan Müller leitet das Institut für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre an der Helmut-Schmidt-Universität (HSU) Hamburg. Prof. Dr. Mayer-Fiedrich ist Inhaberin des Lehrstuhls für Internationale Finanzierung an der HSU. Dr. Kai Brackschulze ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HSU. Zielgruppe: Für Fach- und Führungskräfte im Rechnungs- und Finanzwesen mittelständischer Unternehmen, SteuerBerater und Wirtschaftsprüfer.