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5.1 Die Vorteile von Eigenkapital bei der Unternehmensfinanzierung in:

Stefan Müller, Kai Brackschulze, Matija Denise Mayer-Fiedrich

Finanzierung mittelständischer Unternehmen nach Basel III, page 198 - 205

Selbstrating, Risikocontrolling und Finanzierungsalternativen

2. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3923-6, ISBN online: 978-3-8006-3924-3, https://doi.org/10.15358/9783800639243_198

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5 Mit welchen Instrumenten Risiken finanziert werden können – Alternativen zum Bankkredit Die vorherigen Kapitel haben Wege aufgezeigt, den Prozess der Risikoerkennung durch ein Selbstratingsystem umzusetzen und dieses im Controlling des Unternehmens zu verankern. Auf das Erkennen und Bewerten von Risiken muss jedoch zwingend die Umsetzung von Maßnahmen zur Risikosteuerung folgen. Hierbei ist allerdings festzustellen, dass nicht alle Risiken eliminiert oder durch Verträge auf andere Parteien überwälzt werden können. Eine vollständige Eliminierung aller Risiken würde zudem dem Zweck des Unternehmens zuwiderlaufen, sodass das Unternehmen bewusst Risiken eingehen muss. Ziel der Risikosteuerung ist somit auch, für diejenigen Risiken eine Absicherung sicherzustellen, die das Unternehmen bewusst eingeht. Für diese Absicherung muss ein ausreichender finanzieller Spielraum vorhanden sein. Dies impliziert nicht nur eine Erhöhung der Eigenkapitalausstattung, sondern ein aktives Management der gesamten Finanzierung des Unternehmens ausgerichtet an der Risikosituation. In diesem Kapitel wird deshalb zunächst allgemein aufgezeigt, wie Eigenkapital zur Absicherung unternehmerischer Risiken beiträgt. Im Anschluss erfolgt eine Diskussion verschiedener Finanzierungsinstrumente im Hinblick auf ihre Möglichkeit, Risiken besser abzusichern als mit dem zurzeit in mittelständischen Unternehmen häufig genutzten Bankkredit. Für jedes Instrument erfolgt dabei eine Bewertung anhand der Schulnotenskala für einzelne mittelstandsrelevante Finanzierungspräferenzen, um so einen schnellen Überblick über die Vor- und Nachteile zu geben. Das Kapitel schließt mit einer Übersicht dieser Einstufungen. Fragestellungen des Kapitels: • Welche Funktionen übernimmt Eigenkapital im Unternehmen? • Wie trägt Eigenkapital zur Absicherung unternehmerischer Risiken bei? • Welche alternativen mittelstandsrelevanten Finanzierungsinstrumente gibt es? • Welche Vor‐ und Nachteile haben die einzelnen Instrumente? Welche Voraussetzun‐ gen muss ein Unternehmen erfüllen? 5.1 Die Vorteile von Eigenkapital  bei der Unternehmensfinanzierung Sämtliche Finanzierungsinstrumente werden grundsätzlich in Eigenkapital und Fremdkapital unterteilt. Die Herausbildung unterschiedlicher Instrumente soll eine möglichst optimale Kombination der Präferenzen hinsichtlich Bindungsdauer, Risikoübernahme, Vergütung und Mitspracherechten von Kapitalgebern 188 5 Alternativen zum Bankkredit und Kapitalnehmern gewährleisten. Die Abgrenzung zwischen Eigen- und Fremdkapital und die Definition von Eigenkapital ist jedoch schwierig.1 Während Eigenkapital für den Kapitalgeber regelmäßig die Mitunternehmerschaft am Unternehmen beinhaltet, was sich in einer Beteiligung am Gewinn oder im Verlustfall in der Haftung gegenüber anderen Kapitalgebern äußert, bedeutet Fremdkapital die zeitlich befristete Überlassung von Kapital gegen regelmäßige Zinszahlungen und einen schuldrechtlichen Anspruch gegen das Unternehmen auf Rückzahlung. 5.1.1 Funktionen von Eigenkapital In engem Zusammenhang mit der Definition des Eigenkapitals stehen dessen Funktionen. Zusätzlich zur Erhöhung der Kapitalbasis im Unternehmen hat Eigenkapital weitere Funktionen, die nicht unmittelbar mit der Finanzierung im engeren Sinne (Zuführung von Kapital2) zusammenhängen. Diese zeigen ihre Wirkungen sowohl im Innenverhältnis als auch im Verhältnis zu Wirtschaftssubjekten außerhalb des Unternehmens. Abbildung 5-1 zeigt eine Übersicht der verschiedenen Eigenkapitalfunktionen. 5.1.1.1 Eigenkapitalfunktionen im Innenverhältnis Die Höhe, Ausgestaltung und Aufteilung des Eigenkapitals auf die einzelnen Kapitalgeber ist die rechtliche und ökonomische Grundlage für die Verteilung 1 Vgl. Drukarczyk, J.: Finanzierung, 2003, S. 261; Kaiser, B.: Eigenkapitalausstattung, 1995, S. 5. 2 Vgl. Bieg, H./Kußmaul, H.: Finanzierung, 2000, S. 16. Abbildung 5‐1: Systematisierung von Eigenkapitalfunktionen Funktionen von Eigenkapital Klassische Funktion Funktionen im Innenverhältnis Funktionen im Außenverhältnis Finan zierungs funktion (Zuführung von Kapital) Herrschafts funktion (Einfluss auf Entscheidungen des Unternehmens) Erfolgsver teilungs funktion (Aufteilung des Gewinns nach Anteil des Gesellschafters) Haftungs / Verlustaus gleichs / Liquida tionserlös aufteilungs funktion Signal funktion (gegenüber Banken, Kunden, Lieferanten) Ingang setzungs funktion (rechtliche und ökonomische Voraussetzung) 5.1 Die Vorteile von Eigenkapital bei der Unternehmensfinanzierung 189 von Gewinnen, Verlusten, Liquidationserlösen sowie Mitsprache- und Kontrollrechten bei der Unternehmensführung. Diese sind allesamt Funktionen, die das Verhältnis zwischen den einzelnen Gesellschaftern oder Anteilseignern regeln, also nur im Innenverhältnis zur Geltung kommen. Im Fortführungsfall des Unternehmens greift die Erfolgsverteilungsfunktion. Sie bestimmt, welcher Teil des Gewinns einem Eigenkapitalgeber der Unternehmung zusteht. Die Höhe, Struktur und Zusammensetzung des Eigenkapitals bestimmt, welcher Eigenkapitalgeber über welchen Anteil des Gewinns verfügen darf.3 Diese Regelung gilt ebenfalls im Verlustfalle, wobei Verluste vom Kapitalkonto des jeweiligen Eigenkapitalgebers abgezogen werden. Geht das Unternehmen in Liquidation oder wird es zerschlagen, tritt die Liquidationserlösverteilungsfunktion auf den Plan. Zunächst werden aus dem Liquidationserlös die Ansprüche aller Fremdkapitalgeber und sonstige vorrangige Ansprüche befriedigt. Ist danach noch Kapital vorhanden, wird anhand des Anteils eines jeden Eigenkapitalgebers am gesamten Eigenkapital des Unternehmens bestimmt, welchen Teil am Rest des Liquidationserlös er erhält. Die Herrschaftsfunktion kann verschiedene Ausgestaltungsformen haben (direkte Berechtigung oder Verpflichtung zur Geschäftsführung oder Stimmrecht in der Hauptversammlung), was nicht zuletzt von Rechtsform und Größe des Unternehmens und der Anzahl der Eigentümer abhängt. Die Struktur der Eigenkapitalausstattung sowie der die Ausgestaltung der einzelnen Finanzierungsinstrumente bestimmt auch hier, welcher Eigenkapitalgeber welche Mitspracherechte bei der Geschäftsführung hat. 5.1.1.2 Eigenkapitalfunktionen im Außenverhältnis Die Zusammensetzung des Eigenkapitals ist im Außenverhältnis des Unternehmens größtenteils ohne Belang. Außenstehende interessieren sich nur für die Summe des Eigenkapitals und gegebenenfalls für den Anteil einer bestimmten wichtigen Person im Unternehmen (z.B. Unternehmensgründer). 5.1.1.2.1 Haftungs‐ und Verlustausgleichsfunktion Während die Eigentümer eines Unternehmens bei einer positiven Entwicklung profitieren, wird das von ihnen bereitgestellte Kapital bei einer negativen Entwicklung zum Ausgleich der Verluste herangezogen. Hierbei ist zwischen dem Fortführungsfall und dem Liquidationsfall zu unterscheiden: Im Falle der Fortführung mindert jeder eingetretene Verlust das Eigenkapital der Unternehmung. Werden in den Folgeperioden Gewinne erzielt, wird das Eigenkapital dadurch wieder aufgefüllt. Das Eigenkapital erfüllt somit eine sehr wichtige Pufferfunktion und stellt einen Ausgleich zwischen Jahren mit Verlusten und Jahren mit hohen Gewinnen im Unternehmen her. Ein Vorteil in Krisenzeiten ist, dass an Eigenkapital keine Zahlungsverpflichtungen (Dividende oder Tilgung) geknüpft sind, was bei Liquiditätsengpässen entlastend wirkt. 3 Vgl. Matschke, M.J.: Finanzierung, 1991, S. 63. 190 5 Alternativen zum Bankkredit Im Insolvenz- bzw. Zerschlagungsfall kommt dem Eigenkapital eine Haftungsfunktion zu. Fremdkapitalgeber können sicher sein, dass ihre Ansprüche vor denen der Eigenkapitalgeber befriedigt werden. Je höher das Eigenkapital ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Fremdkapitalgebern im Insolvenzfall Verluste entstehen. 5.1.1.2.2 Ingangsetzungsfunktion Die Ingangsetzungsfunktion kann aus dem wirtschaftlichen und dem rechtlichen Blickwinkel betrachtet werden:4 Bei Kapitalgesellschaften ist eine Mindesteinlage erforderlich, damit die Aufnahme des Geschäftsbetriebes rechtlich zulässig ist. Die Höhe richtet sich nach der Form der Kapitalgesellschaft: € 50 000 bei Aktiengesellschaften (§ 7 AktG) und € 25 000 bei GmbHs (§5 Abs. 1 GmbHG). Bei Personengesellschaften fordert das Gesetz keine Mindesteigenkapitalausstattung, wobei hier im Insolvenzfall Rückgriff auf das Privatvermögen des Unternehmers genommen werden kann. Davon abzugrenzen ist die ökonomische Interpretation der Ingangsetzungsfunktion. Während es grundsätzlich möglich ist, ein Unternehmen nur mit Fremdkapital oder ganz ohne Kapital zu starten,5 erfüllt Eigenkapital einen Signaleffekt: 5.1.1.2.3 Signalfunktion Für viele Außenstehende besitzt die Eigenkapitalausstattung Signalfunktion.6 Sie signalisiert generell Stabilität und Verstrauenswürdigkeit und kann deshalb in nicht unerheblichem Maße über die erfolgreiche Zusammenarbeit des Unternehmens mit Banken, Kunden und Lieferanten entscheiden. Bei Banken fließt die Höhe der Eigenkapitalausstattung unmittelbar in den Ratingprozess ein. Gemäß der Verlustausgleichs- und Haftungsfunktion von Eigenkapital lässt sich feststellen, dass für einen Kreditgeber allgemein ein geringeres Risiko von Zahlungsausfällen des Kreditnehmers besteht, wenn ausreichendes Eigenkapital beim Kreditnehmer vorhanden ist. Dieselbe Argumentation gilt auch für Lieferanten. Eigenkapital als Liquiditätspuffer ist auch hier ein wichtiges Signal. Besitzt der Gründer oder Unternehmen oder eine andere wichtige Person im Unternehmen einen großen Anteil des Eigenkapitals, so geht auch von diesem Umstand eine Signalwirkung aus: Investiert eine Person einen Großteil ihres Privatvermögens, so zeugt dies von Vertrauen in die Stabilität und Rentabilität des Unternehmens. Dies hat eine positive Wirkung auf alle Außenstehende, da das Vermögen dieser Person unmittelbar mit dem Schicksal des Unternehmens verbunden ist, was für diese Person einen Anreiz darstellt, besonders auf die Stabilität des Unternehmens zu achten. 4 Vgl. Bieg, H./Kußmaul, H.: Finanzierung, 2000, S. 43–44. 5 Dies trifft auf Einzelunternehmen, Personengesellschaften in der Form der OHG, Partnerschaftsgesellschaften und KG zu; vgl. Egger, U.‐P./Gronemeier, P.: Existenzgründung, 1996, S. 6. 6 Vgl.: Breuer, W.: Finanzierungstheorie, 1998, S. 128–152. 5.1 Die Vorteile von Eigenkapital bei der Unternehmensfinanzierung 191 5.1.1.3 Vorteile von Eigenkapital Die meisten Vorteile von Eigenkapital lassen sich unmittelbar aus den einzelnen Funktionen von Eigenkapital ableiten: Es übernimmt Haftungs‐ und Verlustaus‐ gleichsfunktionen gegenüber vorrangigen Kapitalgebern und signalisiert damit Vertrauen gegenüber Kunden, Lieferanten und auch Fremdkapitalgebern. Eigenkapital steht in der Regel zeitlich unbefristet zur Verfügung. Es kann damit auch in langfristige Projekte investiert werden, ohne dass das Risiko besteht, nach Auslaufen eines Kredites keine Anschlussfinanzierung zu erhalten. Eigenkapital erhöht zudem die Liquidität des Unternehmens, weil keine festen Zinszahlungen anfallen sondern die Vergütung für die Kapitalüberlassung durch die Eigenkapitalgeber in Form von Gewinnausschüttungen anfällt. Wird kein Gewinn erwirtschaftet, kommt es zu keinen Geldabflüssen aus dem Unternehmen und das Kapital kann zur Finanzierung von Maßnahmen eingesetzt werden, die das Unternehmen zurück in die Gewinnzone bringen. Bei einer Fremdfinanzierung wären diese Mittel in Form von Zinszahlungen aus dem Unternehmen abgeflossen und hätten die Flexibilität eingeschränkt. Eigenkapital ist zudem nicht an einen bestimmten Finanzierungszweck gebunden, so dass es auch für risikoreiche Investitionen Verwendung finden kann, die von Fremdkapitalgebern nicht finanziert würden. 5.1.1.4 Nachteile von Eigenkapital Den Vorteilen stehen jedoch auch Nachteile gegenüber: Zunächst einmal erwarten Eigenkapitalgeber durch das höhere Risiko, das sie aufgrund der Nachran‐ gigkeit ihrer Forderungen eingehen, eine entsprechend höhere Rendite. Dies erhöht den Druck auf die Unternehmensleitung und kann dazu führen, dass diese sehr risikoreiche Projekte in Angriff nimmt, um die hohen Renditeerwartungen erfüllen zu können. Außerdem sind die Kosten des Eigenkapitals für das Unternehmen höher als die Kosten von Fremdkapital, und die Ausschüttungen an die Unternehmenseigner können nicht als Aufwand von der Steuer abgezogen werden, was für Fremdkapitalzinsen jedoch möglich ist. Ein weiterer Nachteil ist, dass bei der Aufnahme zusätzlicher Eigenkapitalgeber die Macht der ursprünglichen Anteilseigner sowie deren Anteil am Gewinn schrumpfen. Zudem sind die Transaktionskosten bei der Aufnahme von Eigenkapital deutlich höher als bei Aufnahme von Fremdkapital: Bei einem Börsengang sind Bank- und Börsenprovisionen sowie die Kosten der Öffentlichkeitsarbeit zu bezahlen. Findet die Eigenkapitalaufnahme außerhalb der Börse statt, fallen Suchkosten, Verhandlungskosten sowie Notarkosten u.ä. an. Insbesondere stellt sich die geringe Rentabilität mittelständischer Unternehmen einer verbesserten Eigenkapitalausstattung entgegen: Die durchschnittliche Umsatzrendite betrug 2001 lediglich 2%.7 Hiervon sind die hohen Renditeforderungen der Eigenkapitalgeber kaum zu bezahlen, sodass eine umfangreiche Finanzierung mit Eigenkapital auch eine vergleichsweise hohe Rentabilität des Unternehmens voraussetzt. 7 Vgl. Deutsche Bundesbank (Hrsg.): Wirtschaftliche Situation, 2003, S. 53. 192 5 Alternativen zum Bankkredit 5.1.2 Absicherung unternehmerischer Risiken über Eigenkapital Unternehmerische Risiken lassen sich nicht durch traditionelle Versicherungen absichern. Beispielsweise das Risiko, mit einem neuen Produkt am Markt zu scheitern, durch Managementfehler in die Insolvenz zu geraten oder durch fehlende oder erfolglose Forschung und Entwicklung nicht am Markt Schritt halten zu können, wird keine Versicherungsgesellschaft übernehmen. Für diese Risiken muss sich das Unternehmen selbst um Absicherung bemühen. Zu beachten ist, dass genau diese Bereiche einem Unternehmen die Chance bieten, sich Wettbewerbsvorteile am Markt zu sichern, sodass eine Ausschaltung dieser Risiken einem Rückzug vom Markt gleichkäme und nicht im Interesse des Unternehmens sein kann. Das Unternehmen benötigt somit eine Absicherungsform, die auf der einen Seite die möglichen finanziellen Konsequenzen der Risiken abfedert, es gleichzeitig aber gestattet, von den Chancen zu profitieren. Die dargelegten Ansprüche decken sich im Wesentlichen mit den Funktionen des Eigenkapitals. Die finanziellen Folgen der beschriebenen Risiken schlagen sich somit zunächst im Eigenkapital nieder: Verluste werden mit den Kapitalkonten der Gesellschafter verrechnet und mindern deren Anteile. Eigenkapital ist somit ein Puffer, das zeitweilige Verluste aus unternehmerischen Risiken auffängt. Es federt z.B. Anlaufverluste bei neuen Produkten, Verluste aus Restrukturierungsmaßnahmen oder Kosten für Garantieleistungen bei Qualitätsmängeln ab. Ohne ausreichendes Eigenkapital würde es in Jahren mit Bilanzverlusten zu einer Überschuldung kommen, worauf bei Kapitalgesellschaften zwangsweise die Einleitung eines Insolvenzverfahrens folgt. Sind die Verluste nur vorübergehend, stellt Eigenkapital das Überleben des Unternehmens bis zum Wiedererreichen der Gewinnzone sicher. Treten die Risiken nicht ein und entwickelt sich das Unternehmen erfolgreich, erhöht sich der (Bilanz-)Gewinn, welcher den Eigentümern des Unternehmens, also den Eigenkapitalgebern, zusteht. Die Eigenkapitalgeber profitieren somit von den Chancen des Unternehmens, da sie direkt am Gewinn partizipieren. Folglich müssen sie auch mögliche Risiken über die Haftungs- und Verlustausgleichsfunktion des Eigenkapitals abdecken. Eigenkapital stellt deshalb das optimale Instrument zur Absicherung der unternehmerischen Risiken dar. Fremdkapitalgeber würden diese Risiken niemals tragen, da sie nicht am Gewinn des Unternehmens und damit den Chancen beteiligt sind. Entwickelt sich das Unternehmen gut, erhielten sie nur die bei Vertragsabschluss festgelegten Zinszahlungen, entwickelt es sich schlecht, müsste das Unternehmen Insolvenz anmelden und die Fremdkapitalgeber auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. 5.1.3 Die Höhe der Eigenkapitalausstattung Wägt man die Vorteile (Risikoabdeckung, Flexibilität, Signalwirkung) gegen die Nachteile (hohe Kosten, schwierige Beschaffung, Mitspracherechte) von Eigenkapital ab, stellt sich die Frage nach der optimalen Zusammensetzung, also die Frage nach der Kapitalstruktur. 5.1 Die Vorteile von Eigenkapital bei der Unternehmensfinanzierung 193 5.1.3.1 Widersprüchliche Erkenntnisse aus theoretischen Modellen Die theoretische Literatur zur Bestimmung einer optimalen Kapitalausstattung zeichnet ein widersprüchliches Bild hinsichtlich der Einflussfaktoren und konkreten Ausgestaltung der Kapitalstruktur.8 Die Modelle beziehen sich zudem häufig auf Großunternehmen am (amerikanischen) Kapitalmarkt und sind damit auf kleinere oder mittlere Unternehmen in Deutschland nicht oder nur eingeschränkt übertragbar. Somit ist es nicht möglich, eine theoretisch und empirisch fundierte optimale Kapitalausstattung für mittelständische Unternehmen zu ermitteln. Vielmehr hängt die notwenige Eigenkapitalausstattung von unternehmensspezifischen Faktoren wie Branche, Größe und vor allem dem abzudeckenden Risiko ab. 5.1.3.2 Optimierung anhand des Risikos Dem Kriterium des abzudeckenden Risikos kommt die entscheidende Bedeutung zu: Mögliche Verluste aus unternehmerischen Risiken müssen mit ausreichend Eigenkapital abgedeckt werden, um die Gefahr einer Überschuldung (und damit der Insolvenz) gering zu halten. Dies kann sowohl auf Unternehmensgesamtebene als auch bei einzelnen Investitionsprojekten umgesetzt werden. Auf der Unternehmensebene muss der Ausgangspunkt der bilanzielle Gewinn sein. Im Rahmen der mittelfristigen Unternehmensplanung sollte ein Unternehmen für die folgenden Perioden nicht nur den erwarteten Gewinn sondern auch mögliche Abweichungen davon, also die Streuung des Gewinns, bestimmt haben. Dies ist beispielsweise über Szenarioanalysen oder Stresstests möglich.9 Auf diese Daten der Unternehmensplanung kann auch bei der Bestimmung einer risikoadäquaten Eigenkapitalausstattung zurückgegriffen werden: Die Unternehmensführung muss sich fragen, welcher maximale Verlust auch in einer sehr ungünstigen Situation nicht überschritten wird.10 Für diesen maximalen Verlust muss eine entsprechende Menge Eigenkapital vorgehalten werden, um die damit zusammenhängenden Risiken abzudecken. Rechnet z.B. ein Unternehmen (Bilanzsumme: 50 Millionen Euro) in einem sehr ungünstigen wirtschaftlichen Umfeld mit einem maximalen Verlust von 10 Millionen Euro in der nächsten Periode, so muss es für dafür 10 Millionen Euro an Eigenkapital vorhalten, was einer Eigenkapitalquote von 20% entspricht. Kommt es tatsächlich zu diesem oder einem geringeren Verlust, steht genügend Haftkapital zur Abdeckung bereit, und es kommt nicht zur Überschuldung. Nur für den Fall, dass der Verlust höher ausfällt, müssen die Gläubiger des Unternehmens teilweise auf ihre Forderungen verzichten. Es muss deshalb sicherge- 8 Vgl. die Übersicht bei Harris, M./Raviv, A.: Capital Structure, 1991, S. 343–349 sowie bei Neus, W./Walter, A.: Corporate Financial Theory, 2008 und Elsas, R./Florysiak, D.: Capital Structure, 2008. 9 Vgl. Dowd, K.: Value at Risk, 1998, S. 38–138; Wolf, K./Runzheimer, B.: Risikomanagement, 2003, S. 42–52. 10 Diese Idee entspricht dem Value at Risk, wie er bei Banken zur Steuerung der Kreditportfolien eingesetzt wird; vgl. Kohlhof, J./Colina, G.: Value-at-Risk, 2000, S. 30. 194 5 Alternativen zum Bankkredit stellt werden, dass die Wahrscheinlichkeit eines solch hohen Verlustes möglichst gering ist. Dieselbe Vorgehensweise kann auch für einzelne Investitionsprojekte angewandt werden: Ist bei einer Investitionssumme von 1 Million Euro damit zu rechnen, dass über die gesamte Laufzeit maximale Verluste in Höhe von 500 000 Euro anfallen können, kann das Projekt nicht ausschließlich mit Krediten finanziert werden. In diesem Fall muss zur Finanzierung ein Eigenkapitalanteil von 500 000 Euro bereitstehen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sich das Gesamtrisiko des Unternehmens erhöht und die Verluste des betrachteten Investitionsprojektes (ggf. ergänzt durch Verluste aus anderen Projekten) zur Insolvenz des gesamten Unternehmens führen können. Für die Bestimmung des maximalen Verlustes aus einem Projekt, der nur mit einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit überschritten wird, stehen die Daten der Investitionsplanung zur Verfügung. 5.2 Finanzierungspräferenzen  mittelständischer Unternehmen Mittelständische Unternehmen legen verschiedene Kriterien an die einzelnen Fi‐ nanzierungsinstrumente an, mit denen sie sich Kapital für ihre Investitionszwecke beschaffen. Ziel dieses Abschnitts ist es, das Finanzierungsverhalten mittelständischer Unternehmen zu analysieren und diejenigen Kriterien aufzuzeigen, die diese Unternehmen typischerweise zur Beurteilung von Finanzierungsinstrumenten zurate ziehen. 5.2.1 Finanzierungsverhalten mittelständischer Unternehmen Mittelständische Unternehmen sind charakterisiert durch eine geringe Größe, enge Bindungen zwischen Eigentümern, Geschäftsführern und Mitarbeitern, spezifische Wettbewerbsvorteile und eine eher geringe Produktpalette. Diese Charakteristika haben Einfluss auf die Wahl der Finanzierungsinstrumente und damit die Kapitalstruktur. 5.2.1.1 Selbstfinanzierung und Fremdkapital als Hauptquelle Selbstfinanzierung ist die Hauptquelle für die Finanzierung des Mittelstandes.11 Die Gewinne mittelständischer Unternehmen reichen jedoch nicht aus, um das benötigte Kapital über die Selbstfinanzierung aufzubringen, was einerseits durch die schlechte Ertragslage12 begründet ist. Andererseits besteht in vielen 11 Vgl. KFW Bankengruppe (Hrsg.): Unternehmensbefragung, 2009, S. 40 f.; Geiseler, C.: Finanzierungsverhalten KMU, 1999, S. 135; Sprenger, K.‐A.: Finanzierungssituation, 1982, S. 72. 12 Die durchschnittliche Umsatzrentabilität nach Steuern betrug im Jahre 2001 für mittelständische Unternehmen lediglich 2%, vgl. Deutsche Bundesbank (Hrsg.): Wirtschaftliche Situation, 2003, S. 53.

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References

Zusammenfassung

Vorteile: • Frühzeitig auf strengere Regeln der Kreditvergabe durch Banken ab 2013 vorbereitet sein • Optimierung von Risikopositionen für Kreditverhandlungen • Beiliegende CD mit einem Excel-Sheet zum Selbstrating. Zum Werk: Finanzierungsentscheidungen größeren Umfangs sind immer mittelfristig zu betrachten. Deshalb müssen Unternehmen schon heute die ab 2013 geltenden, strengeren Regeln (Basel III) der Kreditvergabe durch Banken in ihren Finanzplanungen berücksichtigen. Dieses Fachbuch stellt Strategien vor, wie die Versorgung mit Finanzmitteln vor dem Hintergrund von Basel III gesichert bleibt. Autoren: Von Prof. Dr. Stefan Müller leitet das Institut für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre an der Helmut-Schmidt-Universität (HSU) Hamburg. Prof. Dr. Mayer-Fiedrich ist Inhaberin des Lehrstuhls für Internationale Finanzierung an der HSU. Dr. Kai Brackschulze ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HSU. Zielgruppe: Für Fach- und Führungskräfte im Rechnungs- und Finanzwesen mittelständischer Unternehmen, SteuerBerater und Wirtschaftsprüfer.