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2.1 Basel III und MaRisk verändern die Rahmenbedingungen in:

Stefan Müller, Kai Brackschulze, Matija Denise Mayer-Fiedrich

Finanzierung mittelständischer Unternehmen nach Basel III, page 17 - 41

Selbstrating, Risikocontrolling und Finanzierungsalternativen

2. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3923-6, ISBN online: 978-3-8006-3924-3, https://doi.org/10.15358/9783800639243_17

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2 Weshalb Risikoorientierung notwendig ist – Die Folgen regulativer Änderungen Mittelständische Unternehmen unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich Größe, Einfluss einzelner Personen oder internem Aufbau von Großunternehmen, sie benötigen auch andere Rahmenbedingungen bei der Finanzierung. Der hohe Anteil von Bankkrediten in den Bilanzen kleiner und mittlerer Unternehmen deutet auf die starke Abhängigkeit von Kreditinstituten hin. Bereits mit der Einführung von Basel II1 haben sich die Anforderungen in der Kreditvergabepraxis in Deutschland stark erhöht. Die strengeren Anforderungen an Höhe und Qualität des Eigenkapital zur Unterlegung von Kreditrisiken, die durch die neuen Baseler Eigenkapitalanforderungen (Basel III) eingeführt werden sollen, werden zudem bereits relativ kurzfristig zu weiteren Anpassungen auf Seiten der Banken führen, auch wenn die gesetzliche Umsetzung von Basel III erst 2013 zu erwarten ist. Hinzu tritt die Unzufriedenheit der Banken über die Margen im Geschäft mit Mittelstandskrediten. Diese Problematik begann vor allem nach dem Zusammenbruch der New Economy-Blase Ende 2000, welche durch eine in der Vergangenheit nicht konsequent genug eingehaltene Risikoorientierung bei der Kreditvergabe entstand. Ebenfalls haben hohe Insolvenzquoten unter deutschen Unternehmen und nicht zuletzt die jüngsten Ereignisse der globalen Finanzkrise zu hohen Verlusten und damit Eigenkapitalbelastungen bei den Banken beigetragen. Ziel dieses Kapitels ist es deshalb aufzuzeigen, weshalb das Risiko eines Unternehmens in Zukunft eine noch zentralere Rolle bei Finanzierungsentscheidungen im Unternehmen spielen muss. Nach einer kurzen Zusammenfassung der aktuellen regulatorischen Vorgaben für Banken (Baseler Eigenkapitalanforderungen und MaRisk) erfolgt eine Analyse der Auswirkungen auf Unternehmen. Hier gilt es insbesondere abzuleiten, welchen Einfluss das Risiko eines Unternehmens auf die Verfügbarkeit und die Kosten der Finanzierung in Zukunft haben wird. Der abschließende Abschnitt zeigt eine Übersicht möglicher Handlungsalternativen für Unternehmen zur Reaktion auf die Veränderungen. Fragestellungen des Kapitels: • Welche Neuerungen bringen Basel I und die MaRisk für die Banken? • Welche Folgen ergeben sich daraus für Unternehmen? • Wie sehen mögliche Anpassungsmaßnahmen aus? • Weshalb müssen Unternehmen in Zukunft ihr Risiko stärker in ihre Finanzierungs‐ entscheidungen einbeziehen? 1 Baseler Ausschuss (Hrsg.): Internationale Konvergenz der Eigenkapitalmessung und Eigenkapitalanforderungen, 2006, Online-Quelle: http://www.bis.org/publ/bcbs128ger.pdf (9.3. 2011). 6 2 Die Folgen regulativer Änderungen 2.1 Basel III und MaRisk verändern  die Rahmenbedingungen Banken sind Mittler zwischen Einlegern/Sparern und Kreditnehmern. Diese Funktion ist ein unabdingbares Element einer funktionierenden Volkswirtschaft. Somit entsteht die Notwendigkeit, die Stabilität der Einlagen und die Kontinuität der Kapitalversorgung durch Banken sicherzustellen. Hierzu müssen ihnen Anreize gesetzt werden, Risiken adäquat zu steuern und zu begrenzen. Ein solcher Anreiz besteht, wenn Banken nicht ausschließlich das Kapital der Einleger verleihen/investieren, sondern bei jedem Engagement auch eigenes Kapital einsetzen und damit unmittelbar an den Risiken beteiligt sind. Dieser Anreiz konnte grundsätzlich durch die Bankeigentümer gesetzt werden. Angesichts der Erfahrungen der Vergangenheit wie der Großen Depression 1929/1930 in den USA, wo viele Einleger auf Grund der Insolvenz vieler Banken ihre Ersparnisse verloren, und der jüngsten Wirtschaftskrise setzt sich in zunehmendem Maße der Staat darin durch, Banken Anreize für risikogerechtes Verhalten zu setzen. Die sich stetig weiterentwickelnde Bankenregulierung hat auch immer wieder Einfluss auf den Kreditvergabeprozess für mittelständische Unternehmen. So hatten in den letzten Jahren speziell die 2007 endgültig in deutsches Gesetz überführten neuen Anforderungen des Gesetzgebers an die Banken großen Einfluss auf das Kreditvergabeverhalten der Banken, zum einen hinsichtlich der notwendigen Eigenkapitalausstattung (dies regelt die Solvabilitätsverordnung2), zum anderen was die interne Organisation des Kreditvergabeprozesses betrifft. Letzteres ist durch die Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk) geregelt, die bereits 2005 erstmals veröffentlicht und seither mehrfach überarbeitet/ergänzt wurden. Daneben nehmen aber auch Marktgegebenheiten Einfluss auf die Mittelstandsfinanzierung. Hier sind die Versuche der Banken zu nennen, das in den vergangenen Jahren Verlust bringende Geschäft mit Mittelstandskrediten wieder rentabel zu gestalten. Im Folgenden sollen die wichtigsten für die Mittelstandsfinanzierung relevanten regulatorischen Bestimmungen für Banken aufgezeigt werden. Nach einem kurzen Rückblick in die Vergangenheit werden die aktuell gültigen Regeln (Basel II) erläutert und die zu erwartenden Änderungen durch Basel III aufgezeigt. 2.1.1 Baseler Eigenkapitalvereinbarungen Banken müssen die von ihnen vergebenen Kredite zur Sicherstellung ihrer Zahlungsfähigkeit bei unvorhergesehenen Kreditausfällen mit Eigenkapital unterle- 2 Verordnung über die angemessene Eigenmittelausstattung von Instituten, Institutsgruppen und Finanzholding-Gruppen (Solvabilitätsverordnung – SolvV) vom 14. Dezember 2006, Online-Quelle: http://www.bundesbank.de/download/bankenaufsicht/ pdf/solvv.pdf (9.3. 2011). 2.1 Basel III und MaRisk verändern die Rahmenbedingungen 7 gen. Wie sich diese Eigenkapitalunterlegung berechnet, regeln seit 1988 die vom Baseler Ausschuss der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich aufgestellten Baseler Eigenkapitalvereinbarungen, die dann von den nationalen Gesetzgebern in nationales Recht umgesetzt werden.3 2.1.1.1 Die ersten Baseler Eigenkapitalvereinbarungen (Basel I) Unter den bis zum Jahr 2007 geltenden und im Jahre 1988 verabschiedeten Eigenkapitalvereinbarungen (Basel I4) mussten sämtliche Kredite an Unternehmen von den Banken mit Eigenkapital in Höhe von 8% unterlegt werden und wurden somit mit einem Faktor von 100% gewichtet. Für einen Kredit über 1 000 000 Euro an ein Unternehmen musste die Bank also 1 000 000 × 100% (Gewichtungsfaktor) × 8% (Eigenkapitalanforderung) = 80 000 Euro Eigenkapital bereithalten. Jedoch zeigte sich die Regelung von Basel I in den 1990er Jahren, als sich die Finanzmärkte schnell weiterentwickelten, als überholt. Um die Stabilität des Finanzsystems weiter zu gewährleisten, begann der Baseler Ausschuss im Jahre 1998, das zu der Zeit geltende Regelwerk zu überarbeiten.5 2.1.1.2 Die zweiten Baseler Eigenkapitalvereinbarungen (Basel II) Die im Sommer 2004 endgültig verabschiedete Neuregelung der Eigenkapitalvereinbarung mit der Bezeichnung „Basel II“, die im Jahre 2007 in deutsches Recht umgesetzt wurde, basiert auf einem Drei-Säulen-Prinzip. Die erste Säule regelt die Eigenmittelanforderungen, die zweite das aufsichtsrechtliche Überprüfungsverfahren und die dritte die Offenlegungspflichten für Banken. Während in der ersten Säule die bisherigen Eigenmittelvorschriften mit sehr wesentlichen Änderungen Niederschlag fanden, wurden die Säulen II und III im Wesentlichen neu eingeführt und ergänzen die Säule I.6 Im Vergleich zu seinem Vorgänger regelt Basel II die Eigenmittelunterlegung neu, indem es die Unterlegung des Kredites mit einem einheitlichen Faktor aufbricht und einen variablen Gewichtungsfaktor auf Basis eines Ratings vorsieht, welches das Risiko des Kreditnehmers misst. So erhalten Unternehmen mit einem geringen Risiko für die Bank einen Gewichtungsfaktor, der unterhalb von 100% liegt, während Unternehmen mit hohem Risiko mit einem Gewichtungsfaktor von über 100% belegt werden. Da Eigenkapital im Sinne des Shareholder Value-Gedankens einen höheren Verzinsungsanspruch hat als eine Refinanzierung mit Fremdkapital, bedeutet dies, dass die Kreditzinsen für Kredite mit hohem Unterlegungsfaktor allein aus diesem Grund teurer sein werden als Kredite mit geringerem Unterlegungsfaktor. Zusätzlich wird die Bank auch weiterhin bestrebt sein, das wirtschaftliche Risiko adjustiert im Zinssatz zu berücksichtigen. 3 Zuvor bestanden einzelstaatliche Regelungen – auch in Deutschland – auf die hier nicht genauer eingegangen wird. 4 Baseler  Ausschuss  (Hrsg.): Internationale Konvergenz der Eigenkapitalmessung und Eigenkapitalanforderungen, 1988, Online-Quelle: http://www.bis.org/publ/ bcbsc111de.pdf (9.3. 2011). 5 Vgl. Staub, C.: Auf dem Weg zu Basel III, 2010, S. 494. 6 Vgl. Staub, C.: Auf dem Weg zu Basel III, 2010, S. 494. 8 2 Die Folgen regulativer Änderungen Für die Bestimmung des Risikos sieht Basel II zwei verschiedene Ansätze vor: Im Standardansatz werden zur Bestimmung des Risikos eines Unternehmens ausschließlich externe Ratings von akkreditierten Ratinggesellschaften (z.B. Standard&Poor’s oder Moody’s) anerkannt. In Abhängigkeit dieser Einstufung wird einer von vier Gewichtungsfaktoren zwischen 20% und 150% vergeben.7 Im Internen Ratingansatz (IRB-Ansatz) erstellt die Kredit gewährende Bank das Rating selbst. Dieses Rating bildet die Grundlage für die Bestimmung des Gewichtungsfaktors, der über entsprechende Formeln berechnet wird.8 So ist der Kredit über 1 000 000 EUR nun je nach Ratingnote des Unternehmens nicht mehr mit stets 100%, sondern mit 7,5% bis 238% zu gewichten,9 bevor hierauf die 8%ige Eigenkapitalunterlegung Anwendung findet. Damit benötigt die Bank unter Basel II zwischen 6000 (1 000 000 × 7,5% × 8%) EUR und 190 400 (1 000 000 × 238% × 8%) EUR Eigenkapital zur Unterlegung. Um die Folgen vor allem für kleinere, und damit tendenziell risikoreichere Unternehmen abzumildern, halten die Basel II-Regelungen so genannte Mittelstandserleichterungen parat. Unternehmen unter 50 Millionen Euro Jahresumsatz erhalten im IRB-Ansatz Abschläge auf die Gewichtungsfaktoren. Für „Retailkredite“ an Unternehmen mit einer Kreditlinie unter 1 Million Euro – also Kredite, die bankintern wie Privatkundenkredite behandelt werden – sieht sowohl der IRB-Ansatz als auch der Standardansatz nochmals reduzierte Gewichtungsfaktoren vor, die zu einer Eigenkapitalbelastung zwischen 0,4 und 6,62% führen können.10 Im Standardansatz wird hierbei ganz auf einzelne Ratings für das jeweilige Unternehmen verzichtet. Für den IRB-Ansatz bleibt die Notwendigkeit eines bankinternen Ratings erhalten mit dem Unterschied, dass bei der Berechnung der Eigenkapitalanforderung bei Krediten an Unternehmen mit einem Jahresumsatz von maximal 50 Millionen Euro und einem Gesamtobligo von über 1 Millionen Euro die Gewichtung der Eigenkapitalunterlegung von der Unternehmensgröße abhängig gemacht wird. Demnach ist die Eigenkapitalunterlegung umso niedriger, je kleiner das Unternehmen ist, sodass der Abschlag auf das bei Großunternehmen derselben Risikoklasse zu hinterlegende Eigenkapital zwischen 10 und 20% betragen kann.11 Weitere Komponenten von Basel II sind die Unterlegung des operationellen Risikos der Bank mit Eigenkapital sowie verschärfte Aufsichtsregelungen und eine höhere Markttransparenz für die Banken (Säulen II und III). 7 Vgl. Baseler Ausschuss (Hrsg.): Eigenkapitalanforderungen, 2004, S. 21. 8 Vgl. Baseler Ausschuss (Hrsg.): Eigenkapitalanforderungen, 2004, S. 67–80. 9 Basierend auf der Ratingskala der Volks- und Raiffeisenbankenbanken mit einer kleinstmöglichen Ausfallwahrscheinlichkeit von 0,01% bei Bestnote 0A und 20% bei der schlechtesten Lebendklasse 3E. 10 Vgl. Radtke, B.: Rating von KMU, 2005, S. 6 und Deutsche Bundesbank (Hrsg.): Retailkredite, 2004, S. 77. 11 Vgl. Radtke, B.: Rating von KMU, 2005, S. 6. 2.1 Basel III und MaRisk verändern die Rahmenbedingungen 9 2.1.1.3 Schwachstellen von Basel II in der Finanzkrise Die Zielsetzung von Basel II war es, die Banken zu einer stärkeren Beachtung des Ausfallrisikos eines Kreditnehmers bei der Vergabe und Bepreisung von Krediten anzuhalten. Jedoch hat es sich im Zuge der weltweiten Finanzkrise gezeigt, dass viele Regelungen und Vorschriften des globalen Finanzsektors ihre Schwachstellen hatten und somit weder die Krise hätten verhindern noch ihr hätten vorbeugen können. Zum einen sei die Abhängigkeit der Basel II-Regelungen vom Rating bzw. ihr prozyklisches Wirken beim Ratingprozess von kreditsuchenden Unternehmen genannt. Während Kredite in Boomzeiten preiswert sind, wirkt Basel II in Phasen der Rezession verschärfend, da sich die Kreditbedingungen entsprechend auf Grund schlechter werdender Ratingnoten verschlechtern. Es fehlt diesem Konzept ein Korrektiv für konjunkturzyklische Einflüsse.12 Zum anderen kann angeführt werden, dass Basel II bestimmte Risiken – wie zum Beispiel die Risiken derivativer Finanzierungsinstrumente – nicht identifizieren konnte. Dies führte vor allem dazu, dass infolge der zunehmenden finanztechnischen Innovationen immer mehr hybride Finanzprodukte in das Kernkapital der Banken aufgenommen wurden, sodass in der Krise diesen Produkten die Verlustkompensation fehlte.13 Als die Marktpreise für diese hybriden Produkte einbrachen und Banken einen hohen Abschreibungsbedarf auf diese Instrumente zu stemmen hatten, schränkte sich durch das abschmelzende Eigenkapital ihr Kreditgewährungsspielraum ein. Für die mittelständische Wirtschaft hatte dieser Umstand eine Kreditklemme zur Folge, da Banken nur zögerlich bereit waren, Fremdkapital zur Betriebsmittelfinanzierung oder zur Überwindung von Liquiditätsengpässen zu gewähren. Demnach sind die zentralen Kritikpunkte an Basel II seine asymmetrische Unterlegung unterschiedlicher Anlageklassen mit Eigenkapital und seine prozyklische Wirkung. Das Konzept verlangt für Kredite an mittelständische Unternehmen eine höhere Eigenkapitalunterlegung als für andere – speziell innovative – Produkte,14 wodurch das Konzept falsche Anreize setzt.15 2.1.1.4 Der neue Baseler Eigenkapitalakkord – Basel III Im letzten Quartal 2010 wurde vom Baseler Ausschuss die nunmehr dritte Version der Baseler Eigenkapitalvereinbarung endgültig beschlossen und am 16. Dezember 2010 publiziert.16 Dem voraus gingen umfangreiche Beratungen der Regierungschefs auf dem G20-Gipfel in Seoul, Korea, Mitte November 2010. In 12 Vgl. Ohoven, M.: Kreditklemme, 2009, S. 14. 13 Vgl. Tumpel‐Gugerell, G.: Auswirkungen der Finanzkrise, 2010; Staub, C.: Auf dem Weg zu Basel III, 2010, S. 494. 14 Vgl. BVMW (Hrsg.): Bankenfinanzierung, 2010, S. 2. 15 Vgl. Staub, C.: Auf dem Weg zu Basel III, 2010, S. 494. 16 Mit einer Liste der Aktivitäten des Baseler Ausschusses nebst zugehörigen Publikationen der vergangenen 3 Jahre sowie insbesondere der Aktivitäten des Ausschusses im Rahmen der Basel III-Implementierung siehe Baseler Ausschuss (Hrsg.); Basel Committee – last 3 years, Online-Quelle: http://www.bis.org/list/bcbs/index.htm (10.3. 2011). 10 2 Die Folgen regulativer Änderungen Anlehnung an Basel II wird die beschlossene Neuregelung als „Basel III“ bezeichnet.17 Die neuen Regeln zielen darauf ab, die Eigenkapitalbasis und die Kapitalreserven der Banken zu erhöhen und gleichzeitig die Risiken in den Banken zu senken bzw. den Banken Anreize zu einer bewussteren und noch umfangreicheren Steuerung von Risiken zu setzen. Das zweite Ziel ist somit eine Fortführung aus Basel II, während die höhere Eigenkapitalbasis ein Resultat der Erfahrungen aus der Finanzkrise und der staatlichen Rettungspakete ist. Diese Ziele sollen erreicht werden, indem die Haftungsmasse der Banken erhöht wird, Banken also entweder mehr Eigenkapital benötigen oder bei gleich bleibendem Eigenkapital die Anzahl der risikoreichen Engagements zurückführen müssen. Dazu sind vier Maßnahmen vorgesehen: (1) Erhöhung der Eigenkapitalanforderung von 8% auf bis zu 13% der risikogewichteten Aktiva, (2) Veränderung der notwendigen Zusammensetzung des Kapitals für die Eigenkapitalunterlegung (stärkere Gewichtung des Kernkapitals), (3) Verschärfung der Regeln für die Anrechenbarkeit von Bilanzposten als regulatorisches Eigenkapital und (4) Einbeziehung weiterer Geschäftsarten (insbesondere Off-balance-sheet- Transaktionen) in die Unterlegung mit Eigenkapital. Die Einbeziehung weitere Geschäftsarten – Maßnahme (4) – erhöht die Stabilität der Banken, da nun weniger Geschäfte ohne Eigenkapitalunterlegung möglich sind. Auf der anderen Seite erhöht dies den Margendruck auf alle eigenkapitalunterlegungspflichtigen Geschäfte. Die Maßnahmen (1) bis (3) lassen sich in letzter Konsequenz als ein gemeinsames Maßnahmenpaket verstehen, das die Berechnung und Anforderung an die Zusammensetzung des zur Unterlegung anrechenbaren Eigenkapitals auf eine neue Basis stellt: Das haftende Eigenkapital von Banken setzt sich zusammen aus dem Kernkapital und dem Ergänzungskapital.18 Das Kernkapital lässt sich wiederum unterscheiden in hartes und weiches Kernkapital. Das harte Kernkapital bildet die Grundlage zur Stabilisierung in Krisensituationen. Es umfasst bei Aktiengesellschaften das eingezahlte bzw. eingeforderte Kapital der Aktionäre und die Gewinnrücklagen. Basel III verschärft u.a. die Anforderungen an Bilanzpositionen in Banken, um als hartes Kernkapital zu gelten. So werden stille Beteiligungen nicht mehr als hartes Kernkapital anerkannt, was vor allem für nicht kapitalmarktorientierte Banken in anderen Rechtsformen als der AG – also in Deutschland für Sparkassen und den Genossenschaftsbereich – von Bedeutung ist.19 Auch für das weiche Kernkapital werden unter Basel III schärfere Regeln gelten: Dieses soll zukünftig 17 Vgl. Müller, S.: Basel III, 2010. 18 Vgl. Deutsche Bundesbank (Hrsg.): Solvabilität/Eigenmittel, 2010. 19 Für nicht-Aktiengesellschaften gilt jedoch eine Übergangsfrist bis 2023, um die Auswirkungen abzumildern. 2.1 Basel III und MaRisk verändern die Rahmenbedingungen 11 insbesondere vollständig an Verlusten des Instituts teilnehmen und grundsätzlich unbefristet sein.20 Zahlungen auf weiches Kernkapital müssen zudem im Entscheidungsermessen des Instituts liegen, damit ein etwaiger Zahlungsausfall aufgrund von Ansprüchen dieser mezzaninen Eigenkapitalgeber verhindert werden kann. Somit fallen je nach Ausgestaltung bestimmte mezzanine Kapitalbestandteile in den Bankbilanzen aus dem Kernkapital heraus. Bei vielen Banken besteht somit Handlungsbedarf hinsichtlich ihrer eigenen Finanzierung, um eine ausreichende Menge anrechenbares Eigenkapital vorhalten zu können. Die Maßnahme (2) verändert die Zusammensetzung an das zur Unterlegung heranzuziehende Kapital. Die aktuell vorliegenden Beschlüsse von Basel III sehen vor, dass die Kernkapitalquote der Banken vom 1.1. 2013 bis zum 1.1. 2015 sukzessive von 4 Prozent auf 6 Prozent erhöht wird. Dabei zielen die Regelungen vor allem auf eine Erhöhung des harten Kernkapitals von 2 Prozent auf 4,5 Prozent; zudem soll ein Anteil des weichen Kernkapitals von 1,5 Prozent hinzuaddiert werden können (unter Basel II noch 2%). Die Mindestanforderungen für das gesamte Eigenkapital betragen in diesen Zeiträumen unverändert 8 Prozent. Die Differenz zwischen der Mindestanforderung für das gesamte Eigenkapital und Mindestanforderung für das gesamte Kernkapital kann durch Ergänzungskapital oder höhere Formen des Eigenkapitals ausgeglichen werden. Neben den verschärften Anforderungen an das Kernkapital der Banken sehen die Regeln von Basel III zudem die Einführung eines Kapitalerhaltungspolsters vor. Mit diesem müssen die Banken am 1.1. 2016 sukzessive beginnen und die Mindestanforderung von 2,5 Prozent tritt am 1.1. 2019 vollständig in Kraft. Des Weiteren ist für einzelne Länder ein antizyklisches Kapitalpolster vorgesehen, das aus hartem Kernkapital oder sonstigem Kapital besteht und je nach Gegebenheiten des Landes bis zu 2,5 Prozent betragen kann. Die Zielsetzung hinter dieser Komponente besteht darin, den Bankensektor vor Phasen eines übermä- ßig hohen Kreditwachstums zu schützen. Insgesamt könnte das gesamte vorzuhaltende Eigenkapital im Falle des maximalen antizyklischen Kapitalpolsters bis zu 13 Prozent betragen. Um zu große Auswirkungen auf dem Kreditsektor zu vermeiden, sind eine stufenweise Einführung und längere Übergangsfristen bei der Umsetzung von Basel III vorgesehen, wie Abbildung 2–1 auf der folgenden Seite verdeutlicht. Die weißen Blöcke am oberen Ende der Anforderung kommen nur im Falle eines großen Kreditwachstums durch Vorgabe der nationalen Bankenaufsicht in Betracht und sind daher als variabel anzusehen. Fest auszugehen ist daher von den 10,5%, die weiteren bis zu 2,5% liegen dann im Ermessen der Bankenaufsicht bzw. der Politik. Im Vergleich zu den bisherigen Reglungen von Basel II muss die Bank über eine Kernkapitalquote von mindestens 8 Prozent statt vorher 4 Prozent verfügen. Die Kernkapitalquote bildet das Produkt aus der Division des Kernkapitals durch die Risikoposten einer Bank. Zu den Risikoposten gehören z.B. Kredite oder risikobehaftete Wertpapiere. Die Kernkapitalquote stellt somit den Risikopuffer 20 Vgl. Bundesfinanzministerium (Hrsg.): Strengere Kapitalvorschriften, 2010. 12 2 Die Folgen regulativer Änderungen einer Bank dar. Als Kennzahl informiert sie über die Fähigkeit, wie viele risikotragende Positionen die Bank mit ihrem Eigenkapital decken kann.21 Unmittelbare Auswirkungen auf die Mittelstandsfinanzierung ergeben sich zunächst nur aus den höheren Anforderungen an die Höhe der Eigenkapitalunterlegung. Im Extremfall, wenn das antizyklische Kapitalpolster greift, steigt der mit Basel I eingeführte und in Basel II unverändert übernommene Satz von 8% Eigenkapital bezogen auf die risikogewichteten Aktiva auf 13%.22 Somit ist für den Kredit über 1 000 000 EUR nun je nach Risiko 9 750 (1 000 000 × unveränderter Gewichtungsfaktor 7,5% × neue Eigenkapitalhöhe 13%) EUR und 309 400 (1 000 000 × 238% × 13%) Eigenkapital zu unterlegen.23 Mittelbar führt die Gesamtheit der vier Maßnahmen jedoch zu einer Verknappung des Gutes „Eigenkapital“ in Banken und damit zur Notwendigkeit einer noch genaueren Risikosteuerung. Zurzeit ist nicht abzusehen, welche Implikationen dies auf die strategische Ausrichtung von Banken hat, jedoch ist davon auszugehen, dass die Banken ihre Engagements in bestimmten Geschäftsbereichen überdenken und ggf. zurückfahren oder ganz einstellen werden.24 Es ist 21 Vgl. Bundesfinanzministerium (Hrsg.): Strengere Kapitalvorschriften, 2010. 22 Vgl. Müller, S.: Basel III, 2010. Abbildung 2–1: Zusammenfassung der Umsetzung von Basel III24 23 Vgl. Baseler Ausschuss (Hrsg.): Bericht an die G20, 2010, S. 17. 24 Die Gefahr einer Kreditverknappung insgesamt als gering einschätzend Bacher, U.: Baseler Eigenkapitalakkord, 2010, S. 1031. 2% 3,5% 4,0% 4,5% 4,5% 4,5% 4,5% 4,5% 2% 1,0% 1,5% 1,5% 1,5% 1,5% 1,5% 1,5% 4% 3,5% 2,5% 2,0% 2,0% 2,0% 2,0% 2,0% 0,625% 1,250% 1,875% 2,500%2,5% 2,5% 2,5% 2,5% 2,5% 2,5% 2,5% 0% 2% 4% 6% 8% 10% 12% 14% Jan. 12 Jan. 13 Jan. 14 Jan. 15 Jan. 16 Jan. 17 Jan. 18 Jan. 19 Hartes Kernkapital Weiches Kernkapital Ergänzungskapital Kapitalerhaltungspolster Antizyklischer Kapitalpolster 2.1 Basel III und MaRisk verändern die Rahmenbedingungen 13 grundsätzlich möglich, dass auch das Geschäft mit Mittelständlern in der Zukunft zurückgefahren wird, auch wenn die Banken aktuell bekräftigen, diesen Geschäftsbereich eher stärker zu fokussieren. Neben der strategischen Neuausrichtung haben bereits einige Banken Schritte zur Eigenkapitalerhöhung in die Wege geleitet. Allerdings gilt auch hier, dass dieses zusätzliche Eigenkapital ad- äquat verzinst werden muss und somit der Margendruck steigt.  Die grundlegende Struktur und Zielsetzung der Basel II, die erst im Jahre 2007 als deutsches Recht in Kraft getreten sind, bleibt auch im Basel III-Konzept25 unverändert. Dies betrifft sowohl den Kreditvergabeprozess als auch die Bankorganisationsvorgaben und die Regelungen der Risikoberücksichtigung bei der Bepreisung von Krediten. Damit verbleibt die Verpflichtung, interne oder externe Ratings zur Bestimmung der Eigenkapitalunterlegung heranzuziehen ebenso wie die Einbeziehung der Ratings in die Kreditentscheidung, Bepreisung und interne Steuerung von Krediten. Nicht zuletzt gilt weiterhin der in den Ma- Risk dargelegte organisatorische Aufbau von Banken, welcher im folgenden Kapitel genauer dargestellt wird. Allerdings sind weitere Änderungen möglich, da der Basler Ausschuss weiterhin an bestimmten wichtigen Projekten arbeitet, um die Widerstandskraft von Banken zu stärken. So sind etwa besondere Auflagen für „systemrelevante“ Banken, für externe Ratings, für Großrisiken und für die Bankenorganisation in der Diskussion, die allerdings bislang nicht Inhalt von Basel III sind. 2.1.2 Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk) Im Dezember 2002 wurden die Mindestanforderungen an das Kreditgeschäft der Kreditinstitute (MaK) von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) veröffentlicht und sind seit 1. Juli 2004 für die Kreditinstitute verpflichtend. Sie finden sich in der aktuellen Fassung der Mindestanforderungen an das Risikomanagement der Kreditinstitute (MaRisk) vom Dezember 2010 im Besonderen Teil für das Kreditgeschäft (BTO 1) und liefern einen umfangreichen Anforderungskatalog zur Organisation des Kreditgeschäftes.26 Sie bilden die Grundlage für die Anwendung der Basel II- und III-Regeln und definieren den organisatorischen Rahmen der Banken zur Konkretisierung der in den Baseler Eigenkapitalvereinbarungen geforderten größeren Risikoorientierung bei der Kreditvergabe. Sie beinhalten insbesondere Vorschriften zum organisatorischen Aufbau einer Bank – speziell des Kreditgeschäftes – sowie zur Verantwortung der Geschäftsleitung, insbesondere bei der Identifizierung, Steuerung und Überwachung der Risiken im Kreditgeschäft. Die durch die MaRisk in den Banken ausgelösten einschneidenden Veränderungen in der Bankorganisation und beim Ablauf des Kreditvergabeprozesses haben umfangreiche Veränderungen im 25 Vgl. hierzu grundlegend Basler Ausschuss  (Hrsg.): Eigenkapitalanforderungen, 2010; Bundesfinanzministerium (Hrsg.): Strengere Kapitalvorschriften, 2010. 26 Vgl. Bundesanstalt  für Finanzdienstleistungsaufsicht  (Hrsg.): MaRisk, Anlage 1 – BTO 1, Online-Quelle: http://www.bundesbank.de/download/bankenaufsicht/pdf/marisk/ 051220_anl1.pdf (9.3. 2011), S. 20 ff. 14 2 Die Folgen regulativer Änderungen Verhalten der Unternehmen bei der Beantragung von Krediten notwendig gemacht. Von besonderer Bedeutung für mittelständische Unternehmen haben sich folgende Vorschriften der MaRisk herausgestellt: Zum einen schreiben die MaRisk eine klare Trennung der Bankorganisation in die Bereiche „Markt“ (= „Bereiche, die Geschäfte initiieren und bei den Kreditentscheidungen über ein Votum verfügen“) und „Marktfolge“ (= „Bereiche, die bei den Kreditentscheidungen ein weiteres vom ,Markt‘ unabhängiges Votum verfügen“) vor.27 Durch dieses Vier-Augen-Prinzip soll vor allem die Möglichkeit von Manipulationen bei der Kreditvergabeentscheidung ausgeschlossen werden. Eine Kreditentscheidung erfordert somit eine Zustimmung vom Bereich „Markt“ und vom Bereich „Marktfolge“, wobei der Bereich „Marktfolge“ nicht überstimmt werden kann. Bei voneinander abweichenden Voten kann ein Geschäftsleiter die beiden Bereiche überstimmen und den Kredit trotzdem genehmigen. Ebenso wichtig für mittelständische Unternehmen ist jedoch die Kreditrisikostrategie einer Bank. Gemäß den MaRisk muss der Vorstand jeder Bank eine solche Kreditrisikostrategie entwerfen, an die sich die Bank unbedingt halten muss. Inhalt dieser Strategie ist das Kreditvergabeverhalten hinsichtlich Branchenschwerpunkten, geografischer Streuung, Kreditarten und Verteilung der Engagements in Risiko- und Größenklassen. Die Geschäftsleitung gibt somit genau Branche, Größe und Risiko eines Schuldners vor, an den sie Kredite vergeben 27 Vgl. Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Hrsg.): MaRisk, Anlage 1 – BTO 1,1 Online-Quelle: http://www.bundesbank.de/download/bankenaufsicht/pdf/marisk/ 051220_anl1.pdf (9.3. 2011), S. 20–22. Abbildung 2‐2: Kreditvergabeprozess nach MaRisk Kunde Kundenbetreuer („Markt“) Kreditrisikostrategie Bank Geschäftsleitung erlässt informiert Kreditbearbeiter („Marktfolge“) Anfrage Entscheidungsvorlage Absage Zusage Entscheidung Votum passt passt nicht 2.2 Die Folgen für mittelständische Unternehmen 15 möchte. Unternehmen, die nicht in die von der Geschäftsleitung beschlossene Kreditrisikostrategie passen sind im Regelfall von der Kreditvergabe ausgeschlossen. Zusammengenommen gestaltet sich der Kreditvergabeprozess somit wie in Abbildung 2-2 dargestellt. 2.2 Die Folgen für mittelständische Unternehmen Das wesentliche Ziel der drei nacheinander verabschiedeten Basler Eigenkapitalvereinbarungen und MaRisk ist die größere Risikoorientierung der Banken bei der Kreditvergabe. Abgesehen von den derzeitigen und noch zu erwartenden Vorschriften und Regelungen des Finanzsystems drängen viele Banken von sich aus auf eine stärkere Risikoorientierung, da sie infolge der Finanzkrise hohe Abschreibungen auf ihre risikogewichtete Aktiva vornehmen mussten. Dies führte zu hohen Verlusten in den Bankbilanzen. Um risikoorientiert Kredite vergeben zu können, müssen die Banken zunächst das Risiko eines Kreditnehmers bestimmen. Hierzu nutzen sie Ratingsysteme. Basel II hat die Erstellung eines Ratings für alle Unternehmen, die bereits Bankkredite nutzen oder solche beantragen, zur Pflicht gemacht. Zudem müssen die eingesetzten Ratingsysteme hohen Anforderungen entsprechen. Alle Unternehmen mit Bankkrediten haben die sich aus Basel II ergebenden Folgen bereits im Rahmen ihrer Kreditbeziehung zu spüren bekommen und sich soweit notwendig oder möglich an die veränderten Strukturen und Prozessen der Kreditvergabe und des Ratings angepasst. Die beobachteten Veränderungen beziehen sich insbesondere auf das Rating als zentrales Kriterium der Finanzierungsbeziehung sowie auf die Kreditbepreisung, die Informationsanforderungen und die Hausbankbeziehung. Diese Aspekte werden im Folgenden genauer beleuchtet: 2.2.1 Rating beeinflusst die Kreditverfügbarkeit und Kreditzinsen Die Basel II-Vereinbarung fordert ausdrücklich von den Banken, die Ratinger‐ gebnisse nicht nur zur Berechnung der Eigenkapitalunterlegung heranziehen,28 sondern sie auch im internen Risiko-, Kosten-, Ertrags- und Kundenmanagement zu nutzen. Das Ratingergebnis nimmt somit für Kredit suchende Unternehmen zentralen Einfluss auf Kreditverfügbarkeit und die Höhe der Kreditzinsen. 2.2.1.1 Kreditverfügbarkeit Das Rating eines Kreditnehmers wurde mit der Umsetzung von Basel II das zentrale Kriterium bei der Entscheidungsfindung über die Annahme oder Ab- 28 Vgl. Kirmße, S.: Bankrisikosteuerung, 2001, S. 138–140. 16 2 Die Folgen regulativer Änderungen lehnung eines Kreditantrages: Unternehmen mit einer schlechten Ratingeinstufung erhalten nur zögerlich oder unter Auflagen Kredit. War dies vor Basel II häufig eine Verhandlungssache zwischen Unternehmen und Bank, besteht durch die MaRisk die Erfordernis, das Rating des Unternehmens mit der Kreditrisikostrategie der Bank abzugleichen. Dasselbe gilt für Größe und Region des Unternehmens. Passen diese nicht in die Kreditrisikostrategie, werden Unternehmen nur noch in besonderen Ausnahmefällen mit spezieller Genehmigung der Geschäftsleitung der Bank Kredite erhalten können. Da eine positive Kreditentscheidung seitens der Bank die Zustimmung der bankinternen Bereiche „Markt“ und „Marktfolge“ benötigt, kann es bei einem schlechten Rating oder Unstimmigkeiten im Ratingprozess zu einer Ablehnung des Kreditantrages kommen. Vor dem Hintergrund, dass das Ergebnis des Ratings bei den Banken den Eigenkapitalkoeffizienten beeinflusst, ist es dauerhaft für das geldgebende Institut wenig sinnvoll, wenn es in seinem Portfolio zur Kreditvergabe einen deutlichen Überhang an Kreditnehmern mit einer unterdurchschnittlichen Bewertung aufweist.29 Ziel des Kreditinstitutes wird es daher sein, sein Kreditportfolio so aufzustellen, dass möglichst wenige Kreditnehmer mit hohen Anrechnungsfaktoren darin enthalten sind. Dies wurde in den letzten Jahren sehr deutlich durch Großbanken praktiziert. So berichtete im Februar 2010 der Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft (BVMW), dass sich seit Ausbruch der Finanzkrise die Bankenfinanzierung für mittelständische Unternehmen drastisch erschwerte. Etwa 30 Prozent der Unternehmen mussten höhere Sicherheiten stellen, und die Banken differenzierten ihre Kreditangebote sehr viel stärker als zuvor anhand der Eigenkapitalquoten der Unternehmen. Während Unternehmen mit einer Eigenkapitalquote von über 75 Prozent aktiv eine Finanzierung angeboten bekamen, erhielten Unternehmen mit niedrigeren Eigenkapitalquoten Kredite zu schlechteren Konditionen oder gar nicht.30 Diese Probleme verschärfen sich dadurch, dass ab 2011 im Mittelstand eine Finanzierungslücke droht, da viele der in den Jahren 2004 bis 2007 aufgelegten mezzaninen Finanzierungsprogramme auslaufen und viele mittelständische Unternehmen zeitgleich durch die anspringende Konjunktur einen hohen Kapitalbedarf haben.31 Da nach wie vor die meisten kleinen und mittelständischen Unternehmen auf eine Fremdkapitalfinanzierung durch Banken angewiesen sind, droht diesen eine Schrumpfung oder gar die Insolvenz, wenn die Banken keine (Anschluss-)Finanzierung bereitstellen. In diesem Zusammenhang vertritt der Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft (BVMW) die Auffassung, dass die Zahl der Insolvenzen mitunter auf die restriktive Kreditvergabe der Banken zurückzuführen sei.32 29 Vgl. Creditreform (Hrsg.): Insolvenzen in Europa, 2001, S. 41 f. 30 Vgl. BVMW (Hrsg.): Bankenfinanzierung, 2010, S. 1. 31 Vgl. Nagl, H.G.: Finanzierungslücke, 2010. 32 Vgl. BVMW (Hrsg.): Bankenfinanzierung, 2010, S. 1. 2.2 Die Folgen für mittelständische Unternehmen 17 2.2.1.2 Einfluss auf die Kreditzinsen Der Zinssatz für Bankkredite setzt sich aus vier Faktoren zusammen: Der Geldund Kapitalmarktzins entschädigt die Bank für die Kosten der Geldbeschaffung entweder bei Sparern oder auf dem Kapitalmarkt. Der Betriebskostensatz deckt die Kosten der Kreditbearbeitung in der Bank, während die Standardrisikokosten den erwarteten Verlust aus einem Kreditengagement abdecken sollen. Die Kosten für die aufsichtsrechtliche Unterlegung von Risiken mit Eigenkapital werden dem Kunden ebenfalls in Form des Eigenkapitalkostensatzes angelastet. Auf dies alles erhebt die Bank noch einen Gewinnaufschlag. Vor In-Kraft-Treten von Basel II forderten die Banken von allen Kreditnehmern unabhängig vom Risiko im Wesentlichen denselben Zinssatz. Mit der zunehmenden Kapitalmarkorientierung auch mittelgroßer Unternehmen und der notwendigen ratingorientierten Risikoeinschätzungen sind die Banken dazu übergegangen, die Standardrisikokosten eines Kredites stärker individuell auf Grundlage des Risikos eines Kreditnehmers zu kalkulieren. Da auch die Eigenkapitalkosten auf Grund der Bestimmungen von Basel II auf dem Risiko des Unternehmens aufbauen, ergibt sich eine Abhängigkeit der Kreditzinsen vom Ratingergebnis. Diese Abhängigkeit wird zudem durch die MaRisk explizit vorgeschrieben.33 Somit haben risikoreiche Kreditnehmer tendenziell einen höheren Zinssatz für Kredite zu entrichten, während demgegenüber für Unternehmen mit einem geringen Risiko der Zinssatz deutlich geringer ausfällt. Umgerechnet bedeutet dieses: Wenn ein Unternehmen respektive der Kreditnehmer durch ein externes Rating34 mit 20 Prozent klassifiziert wird, hat das kreditnehmende Institut hierfür unter den derzeit geltenden Regeln von Basel II nur 1,6 Prozent Eigenkapital und im Zuge der vollständigen Umsetzung von Basel III35 2,6 Prozent Eigenkapital zu hinterlegen. Findet eine Klassifikation bei 100 Prozent statt, sind nach wie vor 8 Prozent Eigenkapital und in Folge von Basel III maximal 13 Prozent als Hinterlegung notwendig. Wird mit diesen Werten kalkuliert, so ergeben sich unter Berücksichtigung weiterer Annahmen bezüglich der Standardrisikokosten, der Eigenkapitalkosten und der Produktkosten, die unverändert auch nach Basel II so gelten, beim IRB-Ansatz die im Tabelle 2-1 dargestellten theoretischen Zinssätze. 33 Vgl. Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Hrsg.): MaRisk, Anlage 1 – BTO 1,1.1 Online-Quelle: http://www.bundesbank.de/download/bankenaufsicht/pdf/marisk/ 051220_anl1.pdf (9.3. 2011), S. 20–22. 34 Dies entspricht folgenden Ratingeinstufungen: BB bei Standard&Poor’s, Ba2 bei Moody’s, 2C im Rating der Volks- und Raiffeisenbanken, 8 bei Sparkassen. 35 Bei dieser Annahme wird von den anfangs diskutierten Beschlüssen von Basel III ausgegangen, die zum 1. Januar 2019 umgesetzt sein müssen sowie von einer Berücksichtigung des maximalen antizyklischen Kapitalerhaltungspolsters von 2,5 Prozent. 18 2 Die Folgen regulativer Änderungen Tabelle 2‐1: Zuordnung der Risikogewichte nach Basel II und III zu Ratingstufen und erwartetes  Handeln der Kreditinstitute nach IRB‐Ansatz (ohne Mittelstandserleichterung)36 Rating‐ klasse PD RW Standardrisiko‐ kosten Eigenkapital‐ kosten Pro‐ dukt‐ kos‐ ten Theoretisch zu  zahlender Zins Basel  II Basel  III Basel  II Basel  III Basel  II Basel  II Basel  III AAA 0,0001 7,53% 0,20% 0,20% 0,09% 0,15% 0,50% 1,83% 1,89% AA+ 0,0002 11,32% 0,38% 0,38% 0,14% 0,22% 0,50% 2,06% 2,14% AA 0,0003 14,44% 0,39% 0,39% 0,17% 0,28% 0,50% 2,10% 2,21% AA- 0,0004 17,18% 0,47% 0,47% 0,21% 0,34% 0,50% 2,22% 2,35% A+ 0,0005 19,65% 0,62% 0,62% 0,24% 0,38% 0,50% 2,40% 2,54% A 0,0007 24,03% 0,77% 0,77% 0,29% 0,47% 0,50% 2,60% 2,78% A- 0,0009 27,88% 0,96% 0,96% 0,33% 0,54% 0,50% 2,83% 3,04% BBB+ 0,0013 34,50% 1,32% 1,32% 0,41% 0,67% 0,50% 3,27% 3,53% BBB 0,0022 46,22% 1,69% 1,69% 0,55% 0,90% 0,50% 3,78% 4,13% BBB- 0,0039 61,96% 2,02% 2,02% 0,74% 1,21% 0,50% 4,30% 4,77% BB+ 0,0067 79,06% 2,86% 2,86% 0,95% 1,54% 0,50% 5,35% 5,94% BB 0,0117 97,50% 3,37% 3,37% 1,17% 1,90% 0,50% 6,08% 6,81% BB- 0,0203 115,33% 4,14% 4,14% 1,38% 2,25% 0,50% 7,06% 7,93% B+ 0,0351 134,28% 5,70% 5,70% 1,61% 2,62% 0,50% 8,85% 9,86% B 0,0608 160,37% 7,31% 7,31% 1,92% 3,13% 0,50% 10,77% 11,98% B- 0,1054 196,85% 10,49% 10,49% 2,36% 3,84% 0,50% 14,39% 15,87% CCC/CC 0,1827 233,54% 13,85% 13,85% 2,80% 4,55% 0,50% 18,19% 19,94% 36 Das Risikogewicht definiert sich als Funktion der Ausfallwahrscheinlichkeit (PD), Verlustquote und Restlaufzeit des Kredites (M). Vgl. hierzu u.a. Deutsche  Bundesbank (Hrsg.): Monatsbericht/2004, S. 38 ff. Die Eigenkapitalkosten berechnen sich aus der Multiplikation des Risikogewichtes mit dem Solvabilitätskoeffizienten (Basel II = 8%, Basel III = 13%) und dem Eigenkapitalaufschlag über dem risikolosen Zinssatz (Annahme 15%, Abgeleitet aus der durchschnittlichen Eigenkapitalverzinsung deutscher Unternehmen 2008). Zudem liegen folgende Annahmen zugrunde: Die Risikokosten können von externer Seite nur aus den Bondspreads für europäische Unternehmensanleihen nach Ratingklasse abgeleitet werden – hier wurden alte Werte von vor der Finanzmarktkrise verwendet (Vgl. Becker, B./Brack‐ schulze, K./Müller, S.: Basel II 2004, S. 742) Im zu zahlenden Zinsatz ist zudem ein Kapitalmarktzins von 1,04% (3-Monats-Euribor per 19.11. 2010) enthalten. Die Produktkosten sind mit 0,5% als pauschale Annahme berücksichtigt. 2.2 Die Folgen für mittelständische Unternehmen 19 Es zeigt sich, dass der Effekt der Erhöhung der Eigenkapitalunterlegung insbesondere die schlechter gerateten Unternehmen betrifft, die zukünftig höhere Zinsen als bisher zu zahlen hätten, wenn diese Kalkulation von den Kreditinstitunten am Markt durchgesetzt werden könnte. Konkret hätte ein durchschnittlich mit BB+ geratetes Unternehmen 0,59 Prozentpunkte höhere Zinsen zu bezahlen, wenn tatsächlich das antizyklische Kapitalerhaltungspolster von 2,5% gefordert würde. Kommt dieses Polster nicht zum Tragen und wird nur mit den 10,5% Eigenkapitalunterlegung gerechnet, so ergibt sich noch eine Erhöhung der Konditionen um 0,3 Prozentpunkte. In der Berechnung nicht berücksichtigt ist, dass die Eigenkapitalkosten der Bank tendenziell steigen werden, da die höhere Kernkapitalquote eine Erhöhung des harten Kernkapitals erforderlich macht und diese aufgrund der größeren Risiken für die Kapitalgeber eine höhere Renditeforderung nach sich zieht als weiches Kern- oder Ergänzungskapital. Dieses verstärkt nochmals den Effekt, dass sich die zukünftige Finanzierungsstruktur noch stärker als bisher dahingehend verändern wird, dass Kreditnehmer mit einem besseren Rating deutlich geringere Finanzierungsmargen zu zahlen haben als solche mit einem schlechteren Rating. Zudem wird aktuell der Zinssatz auch durch den prozyklischen Effekt der Basel II Reglungen beeinflusst. Durch die zeitliche Verzögerung bei Erstellung und Einreichung von Bilanzen basieren die Anfang des Jahres 2011 erstellten Ratings auf den vergleichsweise schlechteren Bilanzdaten für das Jahr 2009.37 Dies führt dazu, dass selbst an sich solide Unternehmen für Betriebsmittelkredite höhere Zinsen zahlen müssen, da ihnen zu Anfang des Geschäftsjahres 2009 Aufträge wegbrachen und sich damit das Rating verschlechterte.38 2.2.2 Informationsanforderungen des Ratingprozesses sind höher Ratingprozesse benötigen zur Bewertung des Unternehmens eine große Anzahl von Daten und Informationen. Hierzu zählt sowohl der Umfang der Unterlagen, die der Bank zur Verfügung gestellt werden, als auch deren Qualität. Daneben benötigen Banken für ein Rating auch möglichst aktuelle Informationen, was eine zeitnahe Erstellung und Einreichung von Zwischenberichten und Jahresabschlüssen voraussetzt. Dieses Problem tritt aktuell zutage, da die für das Rating verwendeten Bilanzen noch die starken Auswirkungen der Finanzkrise widerspiegeln, während die wirtschaftliche Entwicklung seit Mitte 2010 wieder stark nach oben zeigt. Gerade in so einer Situation können aktuelle Zwischenzahlen den entscheidenden Ausschlag geben, die Bank zu einer Ratingverbesserung zu bewegen. Qualitative Risiko- und Erfolgsfaktoren spielen in Ratingsystemen ein zunehmend größeres Gewicht. Die Bank wird deshalb beim Ratingprozess an das Unternehmen herantreten und entsprechende Unterlagen einfordern, insbesondere zur strategischen Planung, Risikocontrolling, Marktstellung, Qualität des Ma- 37 Vgl. BVMW (Hrsg.): Bankenfinanzierung, 2010, S. 2. 38 Vgl. Ohoven, M.: Kreditklemme, 2009, S. 14. 20 2 Die Folgen regulativer Änderungen nagements und zur Wertkette. Hinzu kommen intern generierte Informationen über das Zahlungsverhalten des Kunden anhand der Kontobewegungen. Der Kundenbetreuer reicht diese Unterlagen an die Kreditsachbearbeiter weiter, der sie dann intensiv auswertet. Aus diesem Grund ist eine umfassende und genaue Dokumentation aller relevanten Sachverhalte notwendig. Der Kreditsachbearbeiter wird im Rahmen der Unternehmensanalyse bei offenen Fragen von der schlechtesten Annahme ausgehen. Da er keinen Kontakt zum Kunden hat, ist es auch im Interesse des Unternehmens, die Sachverhalte durch entsprechende Unterlagen so klar darzustellen, dass sich der Kreditsachbearbeiter ein umfassendes und korrektes Bild des Unternehmens machen kann, da ansonsten die schlechteste Annahme bestehen bleibt und es zu einer Abwertung des Ratings kommt. Auch wenn Sachverhalte dem Kundenbetreuer nur mündlich erklärt werden, kann dies negative Auswirkungen auf das Rating haben: Es kommt zum „Stille Post“-Effekt – der Kundenbetreuer gibt Informationen unvollständig oder falsch an den Kreditsachbearbeiter weiter, der dann wiederum zu einer falschen Einschätzung des Unternehmens gelangt. Umfangreiche, vollständige und zeitnah erstellte Unterlagen über das Unternehmen sind somit notwendig für ein gutes Rating. 2.2.3 Die Hausbankbeziehung kann leiden Hausbankbeziehungen sind ein zentrales Element der Mittelstandsfinanzierung. Empirische Studien zeigen, dass fast alle mittelständischen Unternehmen mindestens eine Hausbankbeziehung unterhalten.39 Hausbankbeziehungen sind eine auf Langfristigkeit angelegte Geschäftsbeziehung, in der die Bank dem Unternehmen in Krisenzeiten Hilfestellung und ggf. weitere finanzielle Unterstützung gibt und im Gegenzug durch die jahrelange Beziehung einen Informationsvorteil gegenüber Wettbewerbern erhält, ohne dafür einen Zinsnachlass an das Unternehmen weitergeben zu müssen. Durch die mit Basel II eingeführte stärkere Risikoorientierung und die in Basel III weiter verschärfte Eigenkapitalunterlegung wird es für die Bank zunehmend schwerer, die finanzielle Hilfestellung in einer Hausbankbeziehung zu leisten. Eine weitere Finanzierung angeschlagener Unternehmen ist eine hohe Belastung für das Eigenkapital der Bank und durch die Einführung dezidierter Kreditrisikostrategien in allen Banken ist u.U. eine Neukreditvergabe nicht mehr möglich, wenn die Ratingnote des Unternehmens problembedingt so weit abgesunken ist, dass sie unter der in der Strategie der Bank definierten Schwelle liegt. Dann kann die Bank die ihr zugedachten Funktionen in der Hausbankbeziehung nicht mehr ausführen, sodass die Hausbankbeziehung scheitert oder schon von Anfang an nicht mehr zu Stande kommt, wenn sich die Unternehmen nicht mehr auf die zukünftige Unterstützung durch die Bank verlassen können. Zu diesem grundsätzlichen Problem kommen die seit Basel II geänderten Kommunikationspro- 39 Zum Aufbau und detaillierten Ergebnissen der Studie vgl. KPMG (Hrsg.): Finanzierung 2005. Zur Hausbankbeziehung grundlegend etwa Elsas, R.: Bedeutung der Hausbank, 2001. 2.3 Mögliche Anpassungsstrategien 21 zesse der Unternehmen mit der Bank. Betreuung und Kreditentscheidung liegen nicht mehr allein in den Händen des Firmenkundenbetreuers. Dieser kennt zwar seine Firmenkunden vor Ort und kann durch persönliche Gespräche Fehlentwicklungen korrigieren,40 benötigt aber entsprechend der Regelungen der MaRisk für eine Kreditvergabe die Zustimmung der Marktfolgeabteilung. Damit wird jedoch der gesamte formale Ratingprozess wieder angestoßen mit der Gefahr, dass die Marktfolge nur nach der (krisenbedingt schlechteren) Ratingnote entscheidet und ggf. vom Firmenkundenbetreuer erkannte positive Signale außer Acht lässt. Aber auch ohne konkrete Probleme im Unternehmen kann es zu einem Abbruch einer langjährigen Geschäftsbeziehung kommen. Die verschärften Eigenkapitalregeln von Basel III werden viele Banken zu einer strategischen Neupositionierung zwingen, die einen noch effizienteren Einsatz des Eigenkapitals sicherstellen soll. Dies wird auch das Mittelstandsgeschäft betreffen, so dass es vorkommen kann, dass die Hausbank eines Unternehmens sich auf andere Branchen, Unternehmensgrößen oder Ratingklassen spezialisiert und somit die Geschäftsbeziehung abbrechen muss. Auch empirisch lässt es sich belegen, dass die wichtigste Einflussgröße auf die Verfügbarkeit von Krediten durch die Hausbank die Branchenzugehörigkeit ist.41 Insbesondere Unternehmen in Krisenbranchen (z.B. Bauwirtschaft) haben demnach deutlich stärkere Probleme beim Zugang zu Krediten. 2.3 Mögliche Anpassungsstrategien Die überwiegende Mehrzahl der Unternehmen hat bereits auf die durch Basel II induzierten Veränderungen reagiert und die entsprechenden Anpassungen umgesetzt. Basel III bringt keine grundsätzlichen Neuerungen in den Prozess der Kreditvergabe – es bleibt beim bekannten Ratingprozess mit seinen Informationsanforderungen, bei der Funktionstrennung von Markt und Marktfolge sowie bei der schriftlichen Fixierung der bankinternen Risikostrategie. Die Banken haben bereits nach der Finanzkrise begonnen, Veränderungen umzusetzen, die ihre Risiko- und Renditeposition wieder stärken. Mit Basel III erhalten diese Bemühungen nun ein regulatorisches Korsett und einen weiteren Anlass für eine umfangreiche Überprüfung aller Risikomanagementprozesse in den Banken. Zudem werden auch bisher von der Krise nur marginal getroffene Banken gezwungen, Anpassungen vorzunehmen. Damit ist nun absehbar, in welche Richtung die Entwicklung bei den Kreditvergabeprozessen geht: Das Risiko wird bei der bankinternen Steuerung einen noch höheren Stellenwert erhalten. Dies bedeutet für Unternehmen unmittelbar, dass ihr Rating ein noch stärkeres Gewicht im Rahmen der Kreditfinanzierung haben wird. 40 Vgl. Ohoven, M.: Kreditklemme, 2009, S. 14. 41 Vgl. Brackschulze, K.: Hausbank, 2009; Henschel, T.: Risikomanagement im Mittelstand, 2010, S. 165; Hommel, U./Schneider, H.: Hausbankbeziehung, 2004, S. 580–581. 22 2 Die Folgen regulativer Änderungen Damit ist nun der richtige Zeitpunkt für mittelständische Unternehmen gekommen, sich noch einmal proaktiv mit ihrer Finanzierung auseinanderzusetzen. Im Unterschied zur Einführung von Basel II, als Ratingsysteme und die organisatorische Trennung von Markt und Marktfolge für Bank- und Kundenseite Neuland waren und speziell die Unternehmen sich erst mit dem Ratingprozess vertraut machen mussten, haben sich diese Prozesse nunmehr eingespielt. Somit besteht mehr Zeit für die Beschäftigung mit Detailfragen bezüglich der Rating- und Kreditvergabeprozesses sowie der Bilanz- und Finanzoptimierung. Dabei sollten Unternehmen nicht übersehen, dass die grundsätzlichen Folgen und Anpassungsstrategien ähnlich sind wie bei der Reaktion auf die Einführung von Basel II, die Anforderungen für eine erfolgreiche Kreditaufnahme sich aber deutlich erhöhen werden. Speziell für mittelständische Unternehmen sind Alternativen zum Bankkredit weniger zahlreich als für Großunternehmen. Auf Grund des geringeren Finanzierungsvolumens sind Kapitalmarktfinanzierungen für diese Unternehmen schwierig und auch andere Alternativen verursachen zumindest im Vergleich zu Großunternehmen höhere Kosten.42 Ein gutes Rating ist somit die entscheidende Grundvoraussetzung, um Fremdkapitallinien zu halten oder auszubauen. Dasselbe gilt auch bei Interesse mittelständischer Unternehmen an alternativen Finanzierungsformen.43 Das Rating bleibt somit der Dreh- und Angelpunkt einer jeden Finanzierung mittelständischer Unternehmen. Es kann durch drei grundsätzliche Maßnahmen vom Unternehmen positiv beeinflusst werden: Zum einen hilft das Erstellen und Einreichen von qualitativ besseren und aktuelleren Unterlagen, Unklarheiten im Ratingprozess abzubauen, was kurzfristig zu einer verbesserten Ratingeinstufung führen kann. Eine mittelfristige Wirkung hat die Optimierung des Jahresabschlusses, während eine echte Verbesserung der Risikolage des Unternehmens auch langfristige Wirkungen entfaltet. 2.3.1 Bessere Kommunikation mit der Bank Die auf Seiten mittelständischer Unternehmen weiterhin zu beobachtende Zurückhaltung bei der Herausgabe von Unternehmensdaten wird sich in Zukunft noch gravierender auf die Finanzierungsmöglichkeiten auswirken. Sie erklärt sich zum einen aus der Sorge um die Unabhängigkeit des Unternehmens von externen Kapitalgebern, zum anderen aus der Befürchtung, dass die i.d.R. spezifischen aber wenigen Wettbewerbsvorteile mittelständischer Unternehmen in die Hände von Konkurrenten fallen könnten, was die Position am Markt nachhaltig beeinflussen würde. Hinzu tritt der Umstand, dass besonders in kleineren Betrieben das Know-How und die Zeit für die Erstellung aussagekräftiger Unterlagen fehlen. Durch Basel II und die Verschärfung der Offenlegungsvor- 42 Vgl. Brackschulze, K./Müller, S., in: Meyer (Hrsg.), Jahrbuch der KMU-Forschung und -Praxis, 2010, S. 379. 43 Vgl. Müller, S., HdB-Beitrag Rating und Rechnungslegung, 2009, Rz. 1 ff. 2.3 Mögliche Anpassungsstrategien 23 schriften mit Einführung eines elektronischen Handelsregisters44 konnte dieses Verhalten nicht in derselben Art fortgeführt werden. Die noch stärkere Notwendigkeit, ein gutes Rating zu erhalten, macht eine offene Kommunikation aller relevanten Sachverhalte an die Bank zur Pflicht – sowohl positive als auch negative Entwicklungen. Nur wenn alle benötigten Informationen frist- und absprachegerecht vorliegen und zudem exakt dokumentiert sind, kann die Bank ein zutreffendes Rating erstellen. Unverständlich, unvollständig oder verspätet eingereichte Unterlagen führen im Ratingprozess zu einer Abwertung und damit direkt zu höheren Zinskosten. Bei der Kommunikation relevanter Daten helfen neben dem ohnehin einzureichenden Jahresabschluss insbesondere Planungsrechnungen beim Ratingprozess. Hier sind die Unternehmensstrategie sowie die Liquiditäts-, Finanz- und Absatzpläne zu nennen. Diese Pläne sind möglichst realitätsnah und detailliert vorzunehmen sowie integriert und gesamtunternehmensbezogen zu gestalten.45 Auch Pläne, die eine negative Entwicklung voraussagen, müssen an die Bank gegeben werden. Dies ist nicht zuletzt eine vertrauensbildende Maßnahme und kann bei vorübergehender Verschlechterung der Bilanzzahlen eine weitere Zusammenarbeit mit der Bank sichern. Die Notwendigkeit, strukturierte Planungsunterlagen für die Bank zu erstellen, bietet dem Unternehmen zudem nochmals die Möglichkeit, seine eigenen Planungen kritisch zu überdenken und nach Schwachstellen abzusuchen. Banken bestehen ebenfalls darauf, von den Kreditnehmern unterjährige Zahlen zu erhalten. Dies kann in Form betriebswirtschaftlicher Auswertungen (BWA), Soll-Ist-Vergleichen oder Zwischenabschlüssen geschehen. Aktive Kommunikation mit dem Kreditinstitut bedeutet, dass die Daten bereits ausgewertet und möglichst kommentiert der Bank übergeben werden. Verzögert oder gar nicht eingereichte BWAs deuten auf akute Risiken im Unternehmen oder ein schlecht informiertes Management hin. Qualitative Unterlagen zum Unternehmen, insbesondere Organisationspläne, Unterlagen zum Risikomanagementsystem, konkrete Nachfolgeregelungen sowie Unterlagen zum Managementteam helfen der Bank bei der Bewertung der weichen Faktoren im Ratingprozess. Diese Dokumente sollen der Bank aufzeigen, dass die Personen und Systeme in der Unternehmensführung das Unternehmen sicher führen können. Spät eingereichte Unterlagen erwecken den Eindruck, das Unternehmen wolle negative Fakten verbergen oder arbeite nicht effizient. Um einen solchen Eindruck bei der Bank zu vermeiden, kommt der zeitnahen Erstellung und abspra‐ chegemäßen Einreichung von Unterlagen eine wichtige Bedeutung zu. Insbesondere die zeitnahe Einreichung des Jahresabschlusses ist von großer Wichtigkeit. In vielen Ratingsystemen ist der Zeitpunkt des Vorliegens des Jahresabschlusses 44 Vgl. zur Prüfung der Offenlegung z.B. Kreipl, M./Müller, S.: § 329 HGB, in Bertram, K./ Brinkmann,  R./Kessler,  H./Müller,  S. (Hrsg.): Haufe HGB-Kommentar, 2. Aufl., 2010, S. 2407–2412. 45 Vgl. dazu etwa Lachnit, L.: Unternehmensführung, 1989; Lachnit, L./Ammann, H.: PC-gestützte Erfolgs- und Finanzplanung, 1992. 24 2 Die Folgen regulativer Änderungen bzw. die Einhaltung von Absprachen bezüglich der Einreichung von Unterlagen ein explizites Ratingkriterium. Eine zügige Erstellung und Einreichung des Jahresabschlusses hilft, eine vermeidbare Abwertung im Ratingprozess zu verhindern. 2.3.2 Optimierung des Jahresabschlusses Der Jahresabschluss stellt weiterhin das zentrale Element der Kreditwürdigkeitsprüfung dar. Die Einführung von Ratings stärkt die Bedeutung nochmals, denn alle bankinternen Ratingsysteme deutscher Banken berechnen aus den Daten des Jahresabschlusses Kennzahlen zur Entwicklung des Unternehmens und vergleichen diese mit betriebswirtschaftlichen Normwerten sowie mit den Werten von Konkurrenzunternehmen derselben Branche. 2.3.2.1 Ausnutzung von Ansatz‐ und Bewertungswahlrechten Die unterschiedlichen Ansatz‐  und Bewertungswahlrechte üben einen großen Einfluss auf die Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung aus und können von den Ratingsystemen i.d.R. nicht komplett bereinigt werden. Durch eine geschickte Wahl (z.B. Auflösung oder Bildung stiller Reserven) können der Gewinn oder das Eigenkapital und somit oft auch das Rating in die gewünschte Richtung verändert werden. Auch wenn mit dem Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz die steuerlichen Motive durch die faktische Abkehr von der Einheitsbilanz etwas an Brisanz für das Rating verloren haben, muss der Unternehmer versuchen, bei der Bilanzgestaltung die Wirkung der verbleibenden expliziten Ansatz- und Bewertungswahlrechte und der impliziten Einschätzungsspielräume auf das Rating zu analysieren und mit dem Ziel einer möglichst guten Ratingeinstufung zu optimieren, wobei stets Konflikte zu anderen Bilanzpolitikzie‐ len auftreten werden.46 Generell ist hinsichtlich der abschlusspolitischen Instrumente zwischen Sachverhalte- und Darstellungsgestaltung zu unterscheiden. Während erstere bewusste, abschlusspolitisch motivierte Veränderungen der ökonomischen Verhältnisse voraussetzen, die dann zu einer gewünschten Abbildung im Jahresabschluss führen, bezieht sich die Darstellungsgestaltung auf eine zielgerichtete Gestaltung der Unternehmensabbildung im Jahresabschluss über gewährte Wahlrechte und unvermeidliche Einschätzungsspielräume im Rahmen von Ansatz-, Bewertung- und Ausweisentscheidungen. Bei Ansatzentscheidun‐ gen geht es um die Frage, ob ein ansatzfähiger und nicht-ansatzpflichtiger Vermögens- oder Schuldposten in der Bilanz ausgewiesen werden soll. Die damit verbundenen abschlusspolitischen Gestaltungsmöglichkeiten in Form von Wahlrechten und Einschätzungsspielräumen zielen zum einen auf die Ertragslage und zum anderen auf die Vermögens- und Finanzlage ab. Im Rahmen der Bewertungsentscheidungen stellt sich die Frage, in welcher Höhe eine Position 46 Vgl. Müller, S.: Beitrag Rating und Rechnungslegung, in Federmann, R./Kußmaul, H./Mül‐ ler, S. (Hrsg.): HdB, 2009, Rz. 4 ff. 2.3 Mögliche Anpassungsstrategien 25 angesetzt werden soll. Grundsätzlich können die Bewertungsentscheidungen unterteilt werden in Wertansatzentscheidungen, die im Einzelfall Spielräume ermöglichen, und in Methodenentscheidungen, wo über die Wahl verschiedener Methoden unterschiedliche Bewertungen erreicht werden können.47 Der Anhang des Jahresabschlusses enthält wichtige Informationen zu den einzelnen Positionen in der Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung. Banken verwenden diese Informationen, um Bilanzpositionen einem bestimmten Sachverhalt zuzuordnen. Ein Vorteil bei Kreditverhandlungen ist immer dann gegeben, wenn die Bank die einzelnen Bilanzpositionen zweifelsfrei zuordnen kann. Ziel der Optimierung des Anhangs muss es deshalb sein, möglichst viele Angaben über vermeintlich unklare Bilanzpositionen zu machen. Dafür kann es auch notwendig sein, bestimmte auf Grund von Aufstellungs- oder Offenlegungserleichterungen verkürzte Jahresabschlüsse den Kreditinstituten in der Langform ohne genutzte Erleichterungen zur Verfügung zu stellen.48 2.3.2.2 Erstellung von Jahresabschlüssen nach IFRS Unternehmen haben seit dem Geschäftsjahr 2005 die Möglichkeit, als Informationsinstrument für Kapitalgeber einen Abschluss nach den Regeln der Internati‐ onal Financial Reporting Standards (IFRS) aufzustellen.49 Ein bedeutender Vorteil ist auf der einen Seite eine bessere internationale Vergleichbarkeit des Abschlusses. Zum anderen bestehen zwischen den Daten in einem Jahresabschluss nach HGB und einem Abschluss nach internationalen Standards insgesamt erhebliche Verwerfungen über alle Bilanz und GuV-Posten. Komprimiert schlagen sich die Unterschiede aus den Bilanzposten im Eigenkapital des Unternehmens nieder. Das Eigenkapital fällt auf Grund des „true and fair view“ der IFRS tendenziell höher aus als nach dem Vorsichts-Prinzip des HGB (Mehrvermögen), was oftmals eine Verbesserung des Ratings mit sich bringt, ohne dass tatsächlich das Eigenkapital erhöht werden muss.50 2.3.3 Verbesserung der Risikoposition des Unternehmens Auch wenn eine Jahresabschlussoptimierung kurzfristig das Unternehmen in einem besseren Licht erscheinen lässt, werden Banken versuchen, die Verzerrungen zu eliminieren, um auf die tatsächliche Risikolage des Unternehmens schlie- ßen zu können. Eine langfristig stabile Verbesserung des Ratings kann deshalb nur bewirkt werden, wenn die tatsächlich im Unternehmen vorhandenen Risiken erkannt und gesteuert werden. Der Unternehmensplanung, insbesondere dem Risikomanagement kommt deshalb die entscheidende Rolle zu. 47 Vgl. Ammann, H./Müller, S.: Konzern, 2005, S. 321–332. 48 Vgl. zu den Offenlegungserleichterungen z.B. Kreipl, M./Müller, S. §§ 327 und 328 HGB, in Bertram, K./Brinkmann, R./Kessler, H./Müller, S. (Hrsg.): Haufe HGB-Kommentar, 2. Aufl., 2010, S. 2377–2393. 49 Vgl. Ammann, H./Müller, S.: IFRS, 2006, S. 60–64. 50 Vgl. Lachnit, L./Müller, S.: Internationalisierung, 2005, S. 221–239. 26 2 Die Folgen regulativer Änderungen 2.3.3.1 Verbesserung des Risikomanagements Der Prozess des Risikomanagements gliedert sich in Risikoerkennung und Risikobewertung, Implementierung von Risikobewältigungsmaßnahmen sowie die Kontrolle und die Dokumentation der Maßnahmen und Risiken. Ein wirkungsvolles Risikomanagement setzt eine kontinuierliche und systematische Erkennung aller aktuellen, zukünftigen und potenziellen Risiken voraus. Hierzu werden sämtliche betriebliche Prozesse und Funktionsbereiche auf Risiken abgesucht mit dem Ziel, Risiken möglichst früh zu identifizieren. Erst durch die Bewertung der Risiken können angemessene Maßnahmen zu ihrer Bewältigung abgeleitet werden. Hierbei stehen diejenigen Risiken im Vordergrund, die den Fortbestand des Unternehmens akut gefährden. Diese Risiken sollten nach Möglichkeit vermieden werden. Risiken, die nicht bestandsgefährdend sind, können entweder reduziert oder auch selbst getragen werden, um die damit einhergehenden Chancen zu nutzen. Abbildung 2-3 zeigt verschiedene Möglichkeiten und Instrumente der Risikobewältigung auf. Insgesamt ist bei den Risikobewältigungsmaßnahmen auf ein ausgewogenes Verhältnis von Nutzen zu Kosten zu achten. 2.3.3.2 Einbindung in die Unternehmensplanung Risikomanagement kann jedoch nur effizient und effektiv durchgeführt werden, wenn es integraler Teil der gesamten Unternehmensplanung und ‐steuerung ist. Dementsprechend muss in einem Unternehmen ein adäquates Controllingsystem vorhanden sein, das die Daten für die Risikoerkennung zur Verfügung stellen kann. Die Unternehmensplanung, speziell die strategische Planung, spielt ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Festlegung der Ziele des Unternehmens. Ohne genau definierte Ziele, aus denen Soll-Werte abgeleitet werden können, ist es nicht möglich, Risiken exakt zu definieren und mögliche Abweichungsursachen zu ergründen. Nicht zuletzt spielt die Unternehmensplanung eine wichtige Rolle bei der Umsetzung der Erkenntnisse, da Pläne und Budgets angepasst und ggf. neue Finanzierungsquellen gesucht werden müssen. Abbildung 2‐3: Möglichkeiten der Risikobewältigung Nicht identifizierte Risiken Vermeiden Verringern Verlagern Selbst tragen Gesamtrisiko Restrisiko Akzeptieren Risiko ausschalten (z.B. Rückzug aus Geschäftsfeldern, Vertragsklauseln, Gegengeschäfte) Risikoreduktion/ -diversifikation (z.B. Verringerung Kunden-/Lieferantenabhängigkeit, Qualitätsmanagement, Prämiensysteme) Risikotransfer (z.B. Versicherung, Einschaltung Subs) 2.4 Risikoorientierung in der Mittelstandsfinanzierung 27 2.3.4 Anpassung der Finanzierungsstruktur Risiken lassen sich nur zu einem kleinen Teil völlig vermeiden oder auf andere Marktteilnehmer abwälzen. Für nicht erkannte Risiken und solche, die das Unternehmen bewusst tragen will, muss eine Absicherung in Form einer ausreichenden Kapitalausstattung erreicht werden. Hier ist zum einen Eigenkapital zu nennen, da dieses eine Haftungsfunktion übernimmt und damit als Insolvenzpuffer wirken kann, falls unerwartete Risiken auftreten.51 Daneben können einfacher Kapitalgeber gewonnen werden, wenn die zu tragenden Risiken des Unternehmens auf eine größere Zahl von Kapitalgebern verteilt werden. Jede Finanzierungsstrategie – auch für mittelständische Unternehmen – muss deshalb die Wahl der Finanzierungsinstrumente und der Kapitalgeber am Risiko des Unternehmens festmachen und auf eine optimale Risikoaufteilung hinwirken. 2.4 Risikoorientierung in der Mittelstandsfinanzierung Der Blick auf die Auswirkungen hat gezeigt, dass seit der Umsetzung von Basel II für die Banken das Risiko eines Kreditgebers maßgeblich für die Kreditvergabeentscheidung ist. Dieses Risiko messen die Banken über interne Ratingverfahren. Für die Unternehmen bedeutet dies auf der einen Seite sowohl höhere Anforderungen an die Unterlagen, die der Bank für den Ratingprozess zur Verfügung gestellt werden müssen, als auch die Anpassung an die in den MaRisk dargelegten Strukturen der Bank. Mit der Umsetzung von Basel III steigt der Anpassungsdruck an diese Strukturen weiter: Die Unternehmen müssen sich weiterhin und verstärkt mit dem eigenen Risiko und der Kommunikation desselben an die Bank beschäftigen. Hier muss der gesamte Risikomanagementprozess durchlaufen werden, indem zunächst Risiken erkannt werden, diese anschlie- ßend reduziert oder eliminiert werden und zudem für die Absicherung noch bestehender Restrisiken eine angemessene Kapitalausstattung sichergestellt werden. Aus diesem Grund wird im Folgenden aufgezeigt, mit welchen Mitteln mittelständische Unternehmen ihre Finanzierung am Risiko ihres Unternehmens ausrichten können. Im Vordergrund stehen hierbei Risikoerkennung und die Auswahl der Finanzierungsinstrumente. Der in diesem Buch gewählte Ansatz weicht von den sonst im Rahmen des Risikomanagement benutzten Instrumenten zur Risikoerkennung ab und stellt stattdessen das Rating in den Mittelpunkt der Risikoerkennung. Hierdurch ist es dem Anwender des im folgenden Kapitel entwickelten Selbstratingsystems nicht nur möglich, Risiken im Unternehmen zu erkennen und zumindest grundlegend zu bewerten. Er erhält darüber hinaus intensive Einblicke in den Aufbau und Ablauf eines Ratingprozesses bei der Bank und kann daraus Rückschlüsse auf einzureichende Unterlagen oder Verbesserungsmöglichkeiten im eigenen Unternehmen ziehen. Da weder Risikoma- 51 Die Vorteile von Eigenkapital werden in Kapitel 5.1 ausführlicher thematisiert. 28 2 Die Folgen regulativer Änderungen nagement noch Finanzierung eine einmalige Aktivität darstellen, muss die Risikoorientierung im Controlling des Unternehmens verankert werden, was Kapitel 4 darstellt. Das Risiko als Kernproblem muss auch bei der Auswahl der Finanzierungsinstrumente im Mittelpunkt stehen. Da die Schwierigkeiten bei der Verfügbarkeit von Bankkrediten mit Basel III eher noch zunehmen werden, bietet sich die Gelegenheit, die Finanzierung des Unternehmens kritisch zu analysieren und an die Risikolage anzupassen. Kapitel 5 stellt deshalb Finanzierungsalternativen dar und beleuchtet sie kritisch mit dem Fokus auf mittelständische Unternehmen. 3 Wie Risiken erkannt werden können – Selbstrating Die im vorherigen Kapitel beschriebenen Veränderungen der Rahmenbedingungen der Mittelstandsfinanzierung haben gezeigt, dass die Rolle des Ratings die zentrale Position bei der Bankkreditfinanzierung weiter ausbauen wird. Der Prozess der Erstellung eines Ratings nutzt vielfältige Kriterien quantitativer und qualitativer Natur, sodass es viele Stellschrauben zur Ratingverbesserung gibt. Viele dieser Kriterien sind auch für Eigenkapitalgeber und das Management von Interesse, da ein Rating eine umfangreiche Analyse des Unternehmens darstellt. Unternehmen müssen sich deshalb mit dem Ratingprozess beschäftigen, nicht nur zur Verbesserung der Kreditwürdigkeit sondern auch als Eigeninteresse vor dem Hintergrund der Sicherung von Stabilität und Rentabilität. Statt die Funktionsweise und die Kriterien bankinterner Ratingsysteme nur zu beschreiben, bindet dieses Buch den interessierten Unternehmer in den Prozess mit ein und lässt ihn aktiv die Schritte des Ratingprozesses nachvollziehen. Hierzu wird auf ein Selbstratingsystem zurückgegriffen, das an die Ratingsysteme deutscher Banken angelehnt ist und dem Unternehmer aufzeigt, an welchen Stellen das eigene Rating durch die Einreichung zusätzlicher Unterlagen oder die Optimierung des Jahresabschlusses konkret verbessert werden kann. Der entscheidende Vorteil eines Selbstratingsystems für Unternehmen ist jedoch die Aufdeckung kritischer Risiken im Unternehmen. Dieses Ziel gleicht somit der Aufgabe des Risikomanagements, so dass ein Selbstrating ein nützliches Tool im Rahmen des unternehmensinternen Risikomanagements sein kann. Dieser Aspekt wird in Kapitel 4 noch einmal aufgegriffen, während sich dieses Kapitel mit der ausführlichen Darstellung des Selbstratingsystems befasst. Anhand von Tabellen und der Excel-basierten Umsetzung können Unternehmer jedes einzelne Kriterium für ihr Unternehmen bewerten und am Ende des Kapitels alle Kriterien zu einer Gesamteinschätzung der Risikolage des Unternehmens zusammenfügen. Fragestellungen des Kapitels: • Wie sind bankinterne Ratingsysteme aufgebaut? • Welche einzelnen Kriterien kommen zur Anwendung? • Wie wird ein Kriterium für das eigene Unternehmen bewertet? 3.1 Der Nutzen des Selbstratings Wie der Ausdruck „Selbstrating“ schon vorgibt, steht nicht die Ermittlung der Bonität im Sinne einer Wahrscheinlichkeit für die Zahlungsunfähigkeit des Kreditnehmers im Vordergrund, sondern der Nutzen des Ratingprozesses bei der

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Zusammenfassung

Vorteile: • Frühzeitig auf strengere Regeln der Kreditvergabe durch Banken ab 2013 vorbereitet sein • Optimierung von Risikopositionen für Kreditverhandlungen • Beiliegende CD mit einem Excel-Sheet zum Selbstrating. Zum Werk: Finanzierungsentscheidungen größeren Umfangs sind immer mittelfristig zu betrachten. Deshalb müssen Unternehmen schon heute die ab 2013 geltenden, strengeren Regeln (Basel III) der Kreditvergabe durch Banken in ihren Finanzplanungen berücksichtigen. Dieses Fachbuch stellt Strategien vor, wie die Versorgung mit Finanzmitteln vor dem Hintergrund von Basel III gesichert bleibt. Autoren: Von Prof. Dr. Stefan Müller leitet das Institut für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre an der Helmut-Schmidt-Universität (HSU) Hamburg. Prof. Dr. Mayer-Fiedrich ist Inhaberin des Lehrstuhls für Internationale Finanzierung an der HSU. Dr. Kai Brackschulze ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HSU. Zielgruppe: Für Fach- und Führungskräfte im Rechnungs- und Finanzwesen mittelständischer Unternehmen, SteuerBerater und Wirtschaftsprüfer.