1 Grundlagen der Investition und Finanzierung in:

Hans Putnoki, Heike Schwadorf, Friedrich Then Bergh

Investition und Finanzierung, page 14 - 31

1. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3686-0, ISBN online: 978-3-8006-3916-8, https://doi.org/10.15358/9783800639168_14

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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1 Grundlagen der Investition und Finanzierung 1.1 Definition von Investition und Finanzierung Bei einer Investition handelt es sich grundsätzlich um den zielorientierten Einsatz liquider Mittel zur Beschaffung anderer Güter1, bei einer Finanzierung um die Beschaffung von liquiden Mitteln. Aus Bilanz- oder Zahlungsstrom orientierter Sicht können diese beiden Begriffe vereinfacht wie folgt abgegrenzt werden: In der Bilanz werden Investitionen grundsätzlich auf der Aktiv-, Finanzierungen auf der Passivseite erfasst. Da die Bilanzierung von gesetzlichen Vorschriften abhängig ist und beispielsweise immaterielle Investitionen, wie die 1 Vgl. Perridon, L./Steiner, M./Rathgeber, A. (2009), S.29; Troßmann, E. (1998), S.3. 1) Bilanzorientiert Investition: Mittelverwendung Finanzierung: Mittelherkunft 2) Zahlungsstromorientiert Standardinvestition: Zu Beginn eine große Anschaffungsauszahlung, danach laufende Einzahlungsüberschüsse, z. B. Standardfinanzierung: Zu Beginn eine große Einzahlung, danach laufendeAuszahlungen, z. B. Zt [in T€] t t -16 2 6 48 -10 -8 -6-6 20Zt [in T€] Abb.1-1: Abgrenzung von Investition und Finanzierung 1 Grundlagen der Investition und Finanzierung2 Weiterbildung von Mitarbeitern oder selbst geschaffene immaterielle Vermögensgegenstände des Anlagevermögens, nach HGB nur in bestimmten Fällen bilanziert werden dürfen, eignet sich die bilanzorientierte Definition nicht für finanzwirtschaftliche Entscheidungen. Für finanzwirtschaftliche Entscheidungen ist die zahlungsstromorientierte Definition zu empfehlen. Danach sind Investitionen i.d.R. durch eine große Anschaffungsauszahlung zu Beginn und laufende Einzahlungsüberschüsse in den folgenden Perioden gekennzeichnet. Beispielsweise findet beimKauf einer Maschine zunächst eine große Auszahlung statt. Anschließend resultieren aus dem Verkauf der produzierten Güter mehrere kleinere Einzahlungsüberschüsse. Soll über den Erwerb eines einzelnen Vermögensgegenstandes entschieden werden, handelt es sich um eine Entscheidung über ein Investitionsprojekt. Bei einer Entscheidung über mehrere sich nicht ausschließende Investitionen (z.B. ein Wertpapierportefeuille) liegt hingegen eine Entscheidung über ein Investitionsprogramm vor. Bei der Finanzierung verlaufen die Zahlungsströme imVergleich zur Investition in entgegengesetzter Richtung. Es erfolgt i.d.R. eine große Einzahlung zu Beginn der Finanzierung und danach eine größere odermehrere kleinere Auszahlungen. So ist bei der Aufnahme und Gutschrift eines Bankdarlehens zunächst eine Einzahlung auf dem zur Abwicklung des Darlehens eingerichteten Konto zu verzeichnen.Während der Laufzeit des Darlehens folgen Auszahlungen zur Begleichung der Zinsen und Tilgung der Verbindlichkeit. 1.2 Finanzmärkte und Finanzinstitutionen Finanzmärkte umfassen alle Formen und Institutionen, die eine Zusammenführung von Angebot und Nachfrage nach finanziellen Mitteln umfassen. Als Institutionen sollen hierbei ein System miteinander verknüpfter, dauerhafter Regelungen verstanden werden. Finanzmärkte und Finanzinstitutionen können entweder so entstehen, dass Anbieter und Nachfrager nach finanziellen Mitteln direkt zusammen treffen ohne dass es hierzu einer Hilfe Dritter bedarf. Dies ist der Fall, falls eine private oder juristische Person bei einem Kreditinstitut einen Kredit beantragt oder einen temporären Liquiditätsüberschuss als Termineinlage der Bank zur Verfügung stellt. In beiden Fällen handelt es sich um einen Darlehensvertrag, wobei in ersterem Fall der Kreditaufnahme der Kunde Kreditnehmer ist, im Fall der Termineinlage ist die Bank der Kreditnehmer und der Kunde der Kreditgeber. Die Bank übernimmt dabei in zweifacherWeise eine Transformationsfunktion. Zum einen erfolgt durch die Bank eine Losgrößentransformation: zahlreiche kleine Spar- und Termineinlagenwerden zusammengefasst, um einemKunden eine größere Kreditsumme offerieren zu können. Zum anderen erfolgt eine Fristentransformation: kurzfristige Anlagenwerden in Kredite mit einer längeren Laufzeit transformiert. Bei einer normalen Zinsstrukturkurve, bei der die Zinssätze mit zunehmender Laufzeit ansteigen, präferieren Anleger eine kurze 1.2 Finanzmärkte und Finanzinstitutionen 3 Anlagedauer. Aus Gründen der Planungssicherheit wünschen Kreditnehmer hingegen eine längere Laufzeit. Die unterschiedlichen Laufzeiten kann die Bank ausgleichen, trägt allerdings das Risiko einer Veränderung der Zinsstrukturkurve. Während es bei einer normalen Zinsstrukturkurve für die Bank von Vorteil ist, kurzfristige Anlagen in langfristige Kredite zu transformieren, wäre es in Hochzinsphasen bei einer inversen Zinsstrukturkurve –, d.h. die Zinssätze sinken mit steigendem Anlagezeitraum, für die Bank vorteilhaft, langfristige Anlagen in kurzfristige Kredite zu transformieren. Alternativ ist es auchmöglich, dass außerhalb des BankensektorsMaklerAngebot undNachfrage nach Finanzierungsmöglichkeiten zusammenführen. Börsen als Finanzinstitutionen weisen den höchsten Organisationsgrad auf, da der Handel an bestimmten Orten, zu festgesetzten Zeiten und nach klaren Regeln erfolgt. An Börsen werden sowohl Eigenkapitalanteile in Form von Aktien als auch Fremdkapital in Form von Anleihen gehandelt. Börsen unterliegen einer Börsenaufsicht, z.B. in Deutschland der BAFin, der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, in den Vereinigten Staaten von Amerika der SEC, der Securities and Exchange Commission (dt. Wertpapier- und Börsenkommission). Börsen bieten gegenüber anderenMarktformen den Vorteil, dass Transaktionen schnell und sicher durchgeführt werden können. Umdiesen Vorteil zu gewährleisten, werden zum einen nur professionelle Händler zumHandel zugelassen, d.h. alle anderen Personen müssen ihre Kauf- und Verkaufsorders über diese Händler an die Börse geben, zum anderen sind die gehandelten Produkte – zum amtlichen Handel zugelassene Wertpapiere – homogene, d.h. standardisierte Wertpapiere. Die Produkte sind damit fungibel, d.h. austauschbar.Wünscht ein Käufer 100 Aktien der XYAG zu erwerben, ist es ihm vollkommen gleichgültig, ob diese Aktien die fortlaufenden Nummern 1002–1101 oder 1342–1441 aufweisen. Die einzigen Informationen, die die Börse ihrenMarktteilnehmern laufend zur Verfügung stellen muss, sind Angaben zu Preisen, d.h. den Kursen der Wertpapiere und den gehandelten Volumina. Auf der Basis dieser Informationen kann es zu einer Allokation kommen. Allokation bezeichnet die Zuordnung von Angebot und Nachfrage. Mit einer ausgeführten Tauschhandlung kommt es zum sogenannten „Clearing“. Die Abwicklung einer Tauschhandlung wird dann als „Settlement“ bezeichnet. Eine Form der Allokation von Angebot undNachfrage ist das Auktionsmodell. Bei einer Auktion werden alle Kauf- und Verkaufsangebote gesammelt und nach einer bestimmten Frist wird durch einen Auktionator ein Preis ermittelt, zu dem das größte Handelsvolumen umgesetzt werden kann. Die Kauf- und Verkaufsorders werden einige Zeit gesammelt und am Ende der Frist wird ein Gleichgewichtspreis ermittelt. Folgendes Beispiel verdeutlicht die Kursermittlung bei einer Auktion. Zwischen 11.01 Uhr und 11.59 Uhr gehen folgende Aufträge für den Kauf bzw. Verkauf einer Aktie von Händlern ein: 1 Grundlagen der Investition und Finanzierung4 Zeit Kauf/Verkauf Menge Kurs 11.01 Kauf 40 96,00 11.03 Verkauf 40 95,00 11.04 Kauf 60 95,00 11.06 Verkauf 80 102,00 11.09 Kauf 80 92,00 11.14 Verkauf 60 103,00 11.28 Kauf 30 98,00 11.33 Verkauf 40 99,00 11.36 Kauf 80 102,00 11.37 Verkauf 50 97,00 11.40 Verkauf 20 100,00 11.41 Verkauf 20 100,00 11.43 Kauf 60 billigst 11.45 Verkauf 30 100,00 11.48 Kauf 20 97,00 11.51 Verkauf 80 bestens 11.54 Kauf 40 101,00 11.55 Kauf 40 100,00 11.56 Verkauf 30 101,00 11.58 Kauf 80 100,00 11.59 Verkauf 30 98,00 Mit „billigst“ bzw. „bestens“ werden diejenigen Kauf- bzw. Verkaufsaufträge bezeichnet, die unlimitiert aufgegeben werden, d.h. der Händler ist bereit, zu jedem Kurs zu kaufen bzw. zu verkaufen. Die Kauf- und Verkaufsaufträge werden zusammengefasst und nach steigenden Kursen sortiert. Die aggregierte Nachfrage bzw. das aggregierte Angebot ergeben sich in der Weise, da z.B. diejenigen Händler, die bereit sind, zu einem Kurs von 96,00 € zu verkaufen, auch bereit wären, zu einem höheren Kurs zwischen 97,00 € und 103,00 € zu verkaufen. Hieraus resultiert folgendes mögliches Handelsvolumen: 1.2 Finanzmärkte und Finanzinstitutionen 5 Kurs aggregierte Nachfrage aggregiertes Angebot Handelsvolumen 92,00 550 80 80 95,00 470 120 120 96,00 410 120 120 97,00 370 170 170 98,00 330 200 200 99,00 300 240 240 100,00 300 310 300 101,00 180 340 180 102,00 140 420 140 103,00 60 480 60 Die jeweils geringere Menge an angebotenen oder gesuchten Aktien bestimmt das mögliche Handelsvolumen. Bei einem Kurs von 100,00 € ist die größte Transaktion möglich, d.h. ein Handelsvolumen von 300 Stück. Nachteil einer Auktion ist, dass Kauf- und Verkaufsaufträge nicht sofort, sondern erst nach Ablauf der Frist ausgeführt werden können. Die Liquidität ist damit eingeschränkt und Marktteilnehmer erhalten nicht laufend Informationen über Kurse und Handelsvolumina, sondern nur jeweils am Ende der festgesetzten Frist. Wird dagegen die Frist relativ kurz gesetzt, kann es sein, dass gar keine Umsätze zustande kommen. Der Nachteil einer geringen Liquidität amMarkt – z.B. Aktien kleinerer Gesellschaften, sogenannte „Nebenwerte“ – kann durch OTC-Geschäfte (OTC: Over The Counter; dt. über den Schalter) ausgeglichenwerden. Heterogene Produkte oder Produkte mit geringem Marktvolumen lassen sich durch OTC-Geschäfte einfacher handeln. Bei OTC-Geschäften führen entwederMakler Anbieter und Nachfrager zusammen, ohne dass diese selbst Positionen für eigene Rechnung erwerben, oder Market Maker übernehmen Positionen in den eigenen Bestand und veräußern diese zu einem späteren Zeitpunkt, um auf diese Weise einen Handel in wenig liquiden Papieren sicherzustellen. Ähnlich wie ein Gebrauchtwagenhändler wird der Market Maker das erworbene Produkt zu einem höheren Preis verkaufen (Ask, dt. Briefkurs) als zu demjenigen Preis, zu dem er das Produkt gekauft hat (Bid, dt. Geldkurs). Die Spanne zwischen beiden Kursen (Bid-Ask-Spread) ist die Entlohnung des Market Maker für das Risiko, Positionen in seinen eigenen Bestand zu übernehmen. Optionsscheine und strukturierte Produkte werden typischerweise als OTC-Geschäfte gehandelt. Bei Anleihen wird darüber hinaus zwischen dem Geldmarkt und dem Kapitalmarkt im engeren Sinne unterschieden. Auf dem Geldmarkt werden Wertpapiere mit einer Laufzeit bis zu einem Jahr gehandelt. Marktpartner sind 1 Grundlagen der Investition und Finanzierung6 ausschließlich größere Banken und die Zentralbanken. Andere Interessenten, insbesondere private Investoren, können nur indirekt über die Order an eine Bank am Geldmarkt teilhaben. Der Geldmarkt dient dem kurzfristigen Liquiditätsausgleich der Banken. Auf dem Kapitalmarkt im engeren Sinne werden Anleihen mit Laufzeiten über einem Jahr gehandelt. In diesem Marktsegment sind vorrangig Banken und Versicherungen vertreten. Anleihen mit kurzen und mittleren Laufzeiten von bis zu fünf Jahren werden insbesondere von Banken, Versicherungen und Industrieunternehmen ausgegeben. Bei Anleihen mit sehr langen Laufzeiten von 10 Jahren und länger tritt oftmals auch der Staat als Emittent auf. Je länger die Laufzeit einer Anleihe, desto wichtiger ist für einen Gläubiger die Bonität des Schuldners. Daher wird die Bonität sowohl des Emittenten, d.h. des Schuldners der Anleihe, als auch der Emission selbst von RatingagenturenwieMoody’s, Standard & Poor’s (S&P) und Fitch beurteilt, um demGläubiger Informationen zur langfristigen Zahlungsfähigkeit des Schuldners zur Verfügung zu stellen.Während beimAnleihe-Rating jede Anleihe eines Emittenten ein eigenes Rating erhält, da das Risiko verschiedener Anleihen eines Emittenten je nach Besicherung differieren kann, ist das Anleihe-Rating für einen potentiellen Anleger aussagekräftiger als das Emittenten-Rating. Beim Emittenten-Ratingwird nur die Bonität des Emittenten bewertet. Dieses Rating ist eine grobe Orientierungshilfe falls kein separates Anleihe-Rating vorliegt. Je schlechter das Rating einer Anleihe, desto höher ist der Risikoaufschlag, den der Emittent dem Gläubiger – im Vergleich zum „risikolosen“ Zinssatz einer mit dem höchsten Rating (AAA: „triple A“) bewerteten Anleihe – gewähren muss.2 Einweiteres Differenzierungsmerkmal auf demKapitalmarkt im engeren Sinne ist die Währung der Anleihe. Bei Anleihen, bei denen die Währung mit dem gesetzlichen Zahlungsmittel des Rechtsraums, in dem diese Anleihe gehandelt wird, übereinstimmt, handelt es sich um einen Inlandsmarkt. Alle Anleihen in Euro, die in Frankfurt gehandelt werden, auch diejenigen ausländischer Emittenten, z.B. General Electric (USA), sind Teil des Inlandsmarkts. Emittiert General Electric dagegen eine Anleihe in US-Dollar so ist diese Anleihe Teil des Auslandsmarkts. Seit Anfang der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts haben insbesondere die Erdölförderstaaten begonnen, Finanzgeschäfte in US-Dollar in Europa, insbesondere in Großbritannien abzuschließen, um auf dieseWeise nicht der US-amerikanischen Regulierung zu unterliegen. Für den Teilmarkt dieser zunächst vorrangig in Europa geschlossenen Finanzgeschäfte entwickelte sich der Begriff der Euromärkte. Heute werden als Euromärkte alle Finanzmärkte bezeichnet, die außerhalb der Landeswährung und außerhalb der Finanzaufsicht des jeweiligen Landes abgewickelt werden. 2 Zu den Rating-Einstufungen bei Anleihen, vgl. Abschnitt 3.3.2.3. 1.3 Finanzwirtschaftliche Zielkriterien 7 1.3 Finanzwirtschaftliche Zielkriterien 1.3.1 Rentabilität/Rendite, Liquidität, Autonomie und Sicherheit Primäres finanzwirtschaftliches Ziel ist es, den maximalen Beitrag zur Erreichung der Unternehmensziele durch eine optimale Steuerung der Zahlungsströme zu leisten. Dies kann anhand folgender vier Zielkriterien konkretisiert werden: 1) Rentabilität/Rendite 2) Liquidität 3) Autonomie 4) Sicherheit Rentabilität und Rendite werden in der Regel synonym verwendet.3 Sie geben Auskunft über den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens und werden als Prozentwerte angegeben. Sie sind beispielsweise in der Bilanzanalyse eine der wichtigsten Kennzahlen zur Beurteilung von Unternehmen. Dabei wird eine Erfolgsgröße (z.B. der Jahresüberschuss) in Beziehung zu einer beeinflussenden Größe (z.B. einer Kapitalgröße oder der Umsatzerlöse) gesetzt. In der Finanzwirtschaft werden primär Kapitalrentabilitäten betrachtet, da das eingesetzte Kapital als beeinflussende Größe im Vordergrund steht. Für Eigenkapital (EK) und Gesamtkapital (GK) sind folgende Rentabilitäten (r) zu unterscheiden: Eigenkapitalrentabilität: rEK = Jahresüberschuss Eigenkapital Gesamtkapitalrentabilität: rGK = +Jahresüberschuss Fremdkapitalzinsen Gesamtkapital . Eine Eigenkapitalrentabilität von 20% bedeutet, dass mit 100 € investiertem Eigenkapital 20 € Jahresüberschuss erzielt wurden.4 Die Gesamtkapitalrentabilität bringt hingegen zum Ausdruck, wie viel mit dem gesamten Kapital erwirtschaftet wurde. Deshalb müssen bei deren Berechnung die Fremdkapitalzinsen zum Jahresüberschuss addiert werden, da diese bei der Gewinnermittlung abgezogen, aber mit demGesamtkapital auch erwirtschaftet wurden. Eine Gesamtkapitalrentabilität von 15% bedeutet, dass mit 100 € zur Verfügung 3 Vereinzelt werden die Begriffe Rentabilität und Rendite in der Weise unterschieden, dass bei der Rentabilität als statische Kennzahl zwei Durchschnittsgrößen in Beziehung gesetzt werden, während bei der Rendite der zeitliche Anfall der Zahlungen und damit Zinsen und Zinseszinseffekt sowie das zu jedem Zeitpunkt gebundene Kapital berücksichtigt werden. 4 Beim Jahresüberschuss wurden die Steuern bereits Gewinnmindernd berücksichtigt, so dass es sich bei den hier ermittelten Rentabilitäten um Rentabilitäten nach Steuern handelt. Darüber hinaus werden oft auch Rentabilitäten vor Steuern ermittelt, in dem zum Jahresüberschuss die erfolgsabhängigen Steuern addiert werden. 1 Grundlagen der Investition und Finanzierung8 stehendem Kapital 15 € für die Eigen- und Fremdkapitalgeber erzielt wurden. Eigen- und Gesamtkapitalrentabilität sollten möglichst hoch ausfallen. Der Fremdkapitalzinssatz besagt, wie viel im Durchschnitt für das Fremdkapital bezahlt wurde, z.B. 7%. Er berechnet sich wie folgt: Fremdkapitalzinssatz: iFK = Fremdkapitalzinsen Fremdkapital . Da die Fremdkapitalzinsen für eine Finanzierung zu bezahlen sind, sollte deren Zinssatz möglichst niedrig ausfallen um ceteris paribus (c. p.) zu einem höheren Gewinn und damit zu einer höheren Eigenkapitalrentabilität beizutragen. Die Eigenkapitalrentabilität liegt im statistischen Durchschnitt bei ca.20%-30% und damit deutlich über der Fremdkapitalverzinsung von ca.4%-11%5. Die Vergütung für die Eigenkapitalgeber ist gewinnabhängig, hingegen die Vergütung für die Fremdkapitalgeber vertraglich fixiert. Deshalb variiert die Vergütung der Eigenkapitalgeber deutlich stärker als die Vergütung der Fremdkapitalgeber. Dieses Risiko, die Haftung und die längerfristige Kapitalbindungmöchten die Eigenkapitalgeber entsprechend vergütet bekommen. Da sie nur bei einer höheren Verzinsung bereit sind, Eigenkapital zur Verfügung zu stellen, liegt die Eigenkapitalrentabilität im statistischen Durchschnitt über der Fremdkapitalverzinsung.6 Da bei der Berechnung der Gesamtkapitalrentabilität der Jahresüberschuss um die Fremdkapitalzinsen bereinigt wird, ist diese unabhängig von der Finanzierungsstruktur. Hingegen kann eine hohe Eigenkapitalrentabilität z.B. auch durch ein geringes Eigenkapital bedingt sein. Liquidität (lat. liquidus = flüssig) bezieht sich auf die Zahlungsfähigkeit von Wirtschaftssubjekten. Sie wird in der Literatur unterschiedlich definiert. In der Bilanzanalyse wird eine statische Liquidität anhand der in der Bilanz ausgewiesenen liquiden oder leicht liquidierbaren Vermögenspositionen ermittelt. Diese Definition ist für finanzwirtschaftliche Entscheidungen ungeeignet. Aus finanzwirtschaftlicher Sicht ist Liquidität nur dann gewährleistet, wenn die Wirtschaftssubjekte in der Lage sind, ihre fälligen Zahlungsverpflichtungen termingerecht zu erfüllen. Autonomie bedeutet Unabhängigkeit von anderen Kapitalgebern. Die Art der Finanzierung wirkt sich nicht nur auf die Eigentumsverhältnisse und die Gewinnverteilung aus. Finanzierungen können die Informations-, Kontroll- und Mitspracherechte beeinflussen und damit die unternehmerischen Freiheiten einschränken. Ziel der bisherigen Eigenkapitalgeber ist die Wahrung ihrer Unabhängigkeit, was häufig Entscheidungen zugunsten von Fremdkapital begünstigen kann. 5 Beispielsweise lag in den Jahren 1998–2007 die Eigenkapitalrentabilität (gemessen am Jahresüberschuss nach Unternehmenssteuern) im Durchschnitt bei 25,5% und die Umlaufrendite festverzinslicher Wertpapiere inländischer Emittenten, einer äußerst günstigen Fremdkapitalfinanzierung, bei 4,2% (vgl. Institut der deutschenWirtschaft Köln (2009), S.48; auch Deutsche Bundesbank (2010)). 6 Zu den Unterschieden zwischen Eigen- und Fremdfinanzierung siehe ausführlich Kap.3.1.1. 1.3 Finanzwirtschaftliche Zielkriterien 9 Sicherheit ist eine Entscheidungsgröße, da unternehmerische Investitionen in der Regel Unsicherheit bergen. Kapitalgeber sind insbesondere bei größeren Investitionen risikoscheu. Deshalb soll dasmit finanzwirtschaftlichen Entscheidungen verbundene Risikominimiert werden. Es werden c. p. möglichst kontinuierliche Zahlungsflüsse, d.h. einemöglichst geringe Schwankung (Streuung) angestrebt. 1.3.2 Bedeutung und Beziehung der Zielkriterien Aus der Dominanz des wirtschaftlichen Erfolgs bei den Unternehmenszielen resultiert die sehr hohe Bedeutung der Rentabilität. Angestrebt wird grundsätzlich eine maximale Rentabilität von Investitionen und möglichst geringe Kosten der Finanzierung. Eine hohe Rentabilität stärkt die Selbstfinanzierung und fördert damit auch die Liquidität. Bei Zahlungsunfähigkeit (Illiquidität) kommt es zur existenziellen Bedrohung eines Unternehmens. Dauerhafte Zahlungsunfähigkeit ist häufigster Grund der Eröffnung eines Insolvenzverfahrens. Aber auch eine vorübergehende Zahlungsstockung beeinträchtigt das Image des Unternehmens und kann massive Probleme auf den Absatz-, Beschaffungs- und Finanzmärkten zur Folge haben. Deshalb ist die Liquidität Voraussetzung zur Erreichung der Rentabilität und eines der wesentlichen Ziele der Finanzwirtschaft. Allerdings gehen hohe Liquiditätsreserven, wie z.B. eine Erhöhung des Bar- und Buchgeldbestandes, zu Lasten der Rentabilität, da das Geld nicht gewinnbringend investiert wurde. Deshalb ist keinemaximale, sondern eine angemessene Liquiditätsreserve über eine Finanzplanung sicherzustellen. Der Zielkonflikt zwischen Rentabilität und Liquidität wird in der Praxis tendenziell wie folgt gelöst: Bei normaler Geschäftstätigkeit sind Unternehmen primär bestrebt, die Rentabilität zu maximieren. Zeichnen sich jedoch finanzielle Engpässe ab, rückt die Liquidität deutlich in den Vordergrund. AuchAutonomie ist kein zumaximierendes Ziel und hat eher den Charakter einer Nebenbedingung. Dabei achten beispielsweise kleine undmittelständische Familienbetriebe besonders auf die Bewahrung ihrer Unabhängigkeit. Sowohl Liquiditätssicherung als auchRentabilitätsmaximierung fördern die Autonomie. Bei Zahlungsunfähigkeit und Einleitung des Insolvenzverfahrens übernehmen die Insolvenzverwalter die Führung des Unternehmens. Die unternehmerische Freiheit geht verloren. Zwischen Sicherheit undRentabilität besteht ein Zielkonflikt. Eine höhere Rentabilität ist am Markt i.d.R. nur bei höherem Risiko, d.h. weniger Sicherheit, zu erzielen. Da die Eigenkapitalgeber i.d.R. risikoscheu sind, wird bei gleicher Rendite die risikoärmere Variante gewählt. Ein höheres Risiko wird nur bei einer höheren Rendite eingegangen, wenn derMindestverzinsungsanspruch des Investors erfüllt ist. DerMindestverzinsungsanspruch eines Investors berechnet sich aus dem risikolosen Zinssatz plus einer Risikoprämie. Als risikoloser Zinssatz kann hilfsweise die Umlaufrendite einer mit AAA gerateten und vom Staat emittierten Anleihe herangezogenwerden. Die Risikoprämiemuss hingegen für 1 Grundlagen der Investition und Finanzierung10 jede Alternative einzeln ermittelt werden. Je schlechter die Bonität, desto höher das damit verbundene Risiko und die geforderte Risikoprämie. Aufgrund des Zielkonflikts zwischen Sicherheit und Rentabilität wird keinemaximale Sicherheit, d.h. absolute Risikominimierung, angestrebt, sondern eine als angemessen erachtete Rendite-Risiko-Relation. Zusammenfassend gilt als Ziel finanzwirtschaftlicher Entscheidungen eine maximale Rendite bei adäquater Risikovergütung unter Liquiditäts- und Autonomiesicherung. 1.4 Finanzwirtschaftliche Grundbegriffe 1.4.1 Einzahlung, Einnahme, Ertrag und Leistung bzw. Auszahlung, Ausgabe, Aufwand und Kosten Finanzwirtschaftliche Entscheidungen basieren auf verschiedenen Größen des Rechnungswesens. Deshalb sind sie klar voneinander abzugrenzen: (s. Abb.1-2). Ein Kauf von Rohstoffenmit einemZahlungsziel von 10 Tagen ist zumZeitpunkt t = 0 keine Auszahlung, da der Zahlungsmittelbestand zunächst nicht abnimmt. Es handelt sich aber um eine Ausgabe, weil die Verbindlichkeiten ansteigen und folglich das Geldvermögen abnimmt bzw. ein Güterzugang stattfindet. Ein Kauf von Rohstoffen stellt keinen Aufwand dar, da lediglich ein Aktivtausch vorliegt. (Buchung: Rohstoffe an Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen). Die Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) bleibt unberührt. Ebenso handelt es sich beim Kauf von Rohstoffen um keine Kosten, da kein sachzielbezogener (betrieblicher)Werteverzehr stattgefunden hat. Aufwand bzw. Kosten entstehen erst beim Materialverbrauch. Kosten sind im Gegensatz zum Aufwand immer sachzielbezogener, periodenbezogener und ordentlicherWerteverzehr. Um vom Aufwand zu den Kosten überzuleiten, müssen der neutrale Aufwand eliminiert und die kalkulatorischen Kosten berücksichtigt werden.Kalkulatorische Kosten sind Kosten, denen in der Finanzbuchhaltung kein Aufwand oder Aufwand in anderer Höhe gegenübersteht. Sie werden verrechnet, um den tatsächlichen Werteverzehr an Produktionsfaktoren zu erfassen (z.B. kalkulatorische Abschreibungen). Zudem liegt Ihnen das Opportunitätskostenprinzip zu Grunde. Danach soll der Nutzenentgang berücksichtigt werden, der dadurch entsteht, dass die knappen Produktionsfaktoren durch ihren Einsatz im Unternehmen von anderen Verwendungsmöglichkeiten ausgeschlossen sind (z.B. kalkulatorischer Unternehmerlohn, kalkulatorischeMiete, kalkulatorische Zinsen). Ebenso sollen durch den Ansatz kalkulatorischer Kosten zufällige Kostenschwankungen eliminiert werden (z.B. kalkulatorische Wagnisse). 1.4 Finanzwirtschaftliche Grundbegriffe 11 1.4.2 Cashflow Der Cashflow ist eine wichtige Kennzahl zur Erfassung der Differenz zwischen Ein- undAuszahlungen einer Periode, also der Veränderung der liquidenMittel während einer Periode. In Abhängigkeit der Ursachen der Veränderungwerden drei Cashflow-Bereiche differenziert (s. Abb.1-3).8 Die Fremdkapitalzinsen können entweder beim Cashflow aus laufender Geschäftstätigkeit oder beim Cashflow aus Finanzierungstätigkeit angesetzt werden. Da die Fremdkapitalaufnahme Voraussetzung für die operative Tätigkeit ist, werden die Fremdkapitalzinsen oft beim operativen Cashflow in Abzug gebracht. Dadurch fällt allerdings der operative Cashflow kleiner aus. 7 Auszahlungen/Einzahlungen bzw. auch Einnahmen und Ausgaben sind die Basis von Investitions- und Finanzierungsentscheidungen sowie der Finanzplanung. Der Saldo von Erträgen und Aufwendungen ergibt in der Gewinn- und Verlustrechnung den Jahresüberschuss. Leistungen/Betriebserträge und Kosten bestimmen in der kurzfristigen Erfolgsrechnung das Betriebsergebnis einer Periode. 8 Vgl. Coenenberg, A. G./Haller, A./Schultze, W. (2009), S.825-833. Begriff Erläuterung Einzahlung Zufluss liquider Mittel (Zahlungsmittel). Auszahlung Abfluss liquider Mittel (Zahlungsmittel). Einnahme Wachsender Bestand oder Anspruch auf liquide Mittel (Geldvermögen). In der Regel handelt es sich um an das Unternehmen bezahlte oder noch zu bezahlende Geldbeträge für die in einer Periode veräußerten Güter und Dienstleistungen. Ausgabe Sinkender Bestand oder Anspruch auf liquide Mittel (Geldvermögen). In der Regel handelt es sich um vom Unternehmen bezahlte oder zu bezahlende Geldbeträge für die in einer Periode erworbenen Güter und Dienstleistungen. Ertrag Nach gesetzlichen Vorschriften bewerteter Wertezuwachs einer Periode, der in der Gewinn- und Verlustrechnung erfasst wird. Er führt zu einer Erhöhung des Vermögens und beeinflusst das Eigenkapital positiv. Aufwand Nach gesetzlichen Vorschriften bewerteter Werteverzehr einer Periode, der in der Gewinn- und Verlustrechnung erfasst wird. Er führt zu einer Verminderung des Vermögens und beeinflusst das Eigenkapital negativ. Leistung Bewertete sachzielbezogene Güter- oder Dienstleistungsentstehung einer Periode. Kosten Bewerteter sachzielbezogener Güter- oder Dienstleistungsverzehr einer Periode. Abb.1-2: Definition finanzwirtschaftlicher Grundbegriffe 7 1 Grundlagen der Investition und Finanzierung12 Wird der Begriff Cashflow ohne näheren Zusatz verwendet, ist damit der operative Cashflow gemeint. Er ist v.a. ein Indikator für die Innenfinanzierungskraft aus der laufenden Geschäftstätigkeit und zeigt, ob das Unternehmen durch die operative Tätigkeit genügend liquide Mittel („Cash“) erwirtschaftet, um damit Investitionen zu finanzieren und Zahlungsverpflichtungen aus der Finanzierungstätigkeit (z.B. Kredittilgungen und Gewinnausschüttungen) nachkommen zu können. Wenn keine hohen Liquiditätsreserven vorhanden sind, muss ein negativer operativer Cashflow durch Desinvestitionen (z.B. Verkauf von Unternehmensbereichen) oder Aufnahme neuen Kapitals ausgeglichenwerden können, um eine sonst drohende Zahlungsunfähigkeit zu vermeiden. Der operative Cashflow kann vereinfacht auf folgende zwei Arten ermittelt werden: Art Kennzeichnung Cashflow aus laufender Geschäftstätigkeit (operativer Cashflow) Entspricht der Veränderung der liquiden Mittel durch den Leistungserstellungsprozess. Er beinhaltet z.B. Einzahlungen aus Umsatzerlösen abzüglich Auszahlungen für Material, Personal oder Miete. Cashflow aus der Investitionstätigkeit Entspricht der Veränderung der liquiden Mittel durch Erwerb oder Veräußerung langfristiger Vermögensgegenstände und erfasst z.B. Auszahlungen zum Kauf von Sachanlagen. Er zeigt insbesondere, in welchem Ausmaß liquide Mittel investiert werden, um künftige Zahlungsmittelüberschüsse zu erzielen. Cashflow aus der Finanzierungstätigkeit Entspricht der Veränderung der liquiden Mittel, die durch Aufnahme oder Rückführung von Eigenkapital oder Finanzschulden bedingt sind, wie z. B Kredittilgungen, Eigenkapitalerhöhung oder Gewinnausschüttungen. Abb.1-3: Arten von Cashflows Jahresüberschuss + nicht zahlungswirksame Aufwendungen – nicht zahlungswirksame Erträge Operativer Cashflow Ertragsgleiche Einzahlungen – aufwandsgleiche Auszahlungen Operativer Cashflow Operativer Cashflow Direkte Ermittlung Indirekte Ermittlung Abb.1-4: Methoden zur Ermittlung des Cashflows 1.4 Finanzwirtschaftliche Grundbegriffe 13 Bei der direkten Ermittlung des operativen Cashflowswerden von den ertragsgleichen Einzahlungen die aufwandsgleichen Auszahlungen abgezogen. Mit dem Hinweis ertrags- bzw. aufwandsgleiche Zahlungen sind nur die erfolgswirksamen Zahlungsvorgänge der Periode und keine Investitionszahlungen, Kapitaltilgungen oder Gewinnausschüttungen Gegenstand der Betrachtung. Oft wird der operative Cashflow auch indirekt, d.h. ausgehend vom Jahres- überschuss, ermittelt. Der Jahresüberschuss berechnet sich aus der Differenz zwischen den Erträgen (z.B. Umsatzerlöse) und Aufwendungen (z.B. Materialaufwand, Personalaufwand).Wären alle Erträge und alle Aufwendungen sofort in derselben Höhe zahlungswirksam, würde der Jahresüberschuss genau der Veränderung der liquiden Mittel aus der laufenden Geschäftstätigkeit entsprechen. Da dies in der Realität nicht so ist, muss er um die zahlungsunwirksamen Erträge undAufwendungen bereinigt werden. Unter die zahlungsunwirksamen Aufwendungen fallen insbesondere Abschreibungen auf Sachanlagen und Zuführungen zu Rückstellungen. Dementsprechend handelt es sich bei Zuschreibungen undAuflösungen von Rückstellungen um zahlungsunwirksame Erträge, die trotz positivem Jahresüberschuss zu Liquiditätsengpässen führen können. Zur exakten Ermittlung des operativen Cashflows sind sowohl bei direkter als auch indirekter Ermittlung noch weitere Berichtigungen vorzunehmen, die die Veränderung des Nettoumlaufvermögens (working capital) erfassen. Werden diese Veränderungen berücksichtigt, spricht man vom Netto-Cashflow, sonst vom Brutto-Cashflow. Bei der Ermittlung des Netto-Cashflows werden ergebnisunwirksame, aber zahlungswirksame Veränderungen der operativen Vermögens- und Schuldpositionen bereinigt. So sind derartige Auszahlungen, die keinen Aufwand darstellen, wie die Bezahlung von Lieferantenverbindlichkeiten oder der Barkauf von Vorräten, liquiditätsmindernd zu erfassen. Umgekehrt werden derartige Einzahlungen, die keinen Ertrag darstellen, wie der Eingang von Kundenforderungen, liquiditätserhöhend berücksichtigt. Des Weiteren sind ergebniswirksame, aber zahlungsunwirksame Veränderungen der operativen Vermögens- und Schuldpositionen zu bereinigen, beispielsweise Bestandserhöhungen liquiditätsmindernd und Bestandsminderungen liquiditätserhöhend zu erfassen. Oft wird auch der Begriff des frei verfügbaren Cashflows, der sog. „Free Cashflow,“ verwendet. Er ist der Teil des Cashflows, der für die Kapitalgeber zur freien Verfügung steht. Er berechnet sich wie folgt: operativer Netto-Cashflow + Cashflow aus der Investitionstätigkeit = Free Cashflow Dabei überlassen selbst die Deutschen Rechnungslegungsstandards (DRS)9 dem Bilanzierenden, ob die Zinszahlungen dem operativen oder dem Cashflow aus Finanzierungstätigkeit zugeordnet werden.10 Werden die Zinszahlungen 9 Vgl. DRS 2, Tz. 36–39. 10 Vgl. auch im Folgenden Coenenberg, A. G./Haller, A./Schultze, W. (2009), S.1080– 1082. 1 Grundlagen der Investition und Finanzierung14 beim operativen Cashflow erfasst, dann handelt es sich beim freien Cashflow um einen für die Bedienung der Eigenkapitalgeber verfügbaren Cashflow. Werden hingegen die Zinszahlungen beim Cashflow aus Finanzierungstätigkeit abgesetzt, dann steht der freie Cashflow zur Bedienung der Eigen- und Fremdkapitalgeber zur Verfügung, d.h. es handelt sich um einen Cashflow vor Kapitalkosten. 1.4.3 Einsatz finanzwirtschaftlicher Größen Bei Investitions- und Finanzierungsentscheidungen handelt es sich um interne Entscheidungen. Deshalb werden Größen des internen Rechnungswesens verwendet. Die statischen Investitionsrechnungen (s. Kap.2.2) stützen sich auf Kosten und Leistungen. Während Kosten/Leistung und Aufwand/Ertrag lediglich Bewertungsgrößen darstellen, dokumentieren Zahlungsüberschüsse den tatsächlichen Nutzen für den Investor. Da sie zumindest im Nachhinein objektiv ermittelt werden können und keine Bewertungsspielräume beinhalten, gewinnen sie zunehmend an Bedeutung. So werden bei dynamischen Investitionsrechenverfahren (s. Kap.2.3) nur Ein- und Auszahlungen betrachtet. Ebenso basieren Liquiditätsplanungen und Finanzierungsentscheidungen auf Zahlungsgrößen. Folglich ist der Cashflow für Investitions- und Finanzierungsentscheidungen, Liquiditätsplanungen sowie als Erfolgsindikator im Rahmen der Bilanzanalyse von großer Bedeutung. 1.5 Übungsaufgaben mit Lösungen und Literaturhinweise Übungsaufgaben mit Lösungen Aufgabe 1-1: Zuordnung und Buchung von Geschäftsvorfällen Prüfen Sie, ob und gegebenenfalls in welcher Höhe es sich bei folgenden Geschäftsvorfällen des Hotels Krone um eine Auszahlung, Ausgabe, Aufwand oder Kosten bzw. Einzahlung, Einnahme, Ertrag oder Leistung handelt. Begründen Sie Ihre Entscheidung und ergänzen Sie hierzu die vereinfachten Buchungssätze (ohne Beträge)! Betrachten Sie nur den angegebenen Geschäftsvorfall zu diesem Zeitpunkt! 1. Das Hotel erhält frischeWare (Fische) imWert von 200 €, die es bei Lieferung sofort bar bezahlt und noch am gleichen Tag weiterverarbeitet. 2. Das Hotel erhält eine neue Kaffeemaschine (Anschaffungskosten 5.000 €) mit einem Zahlungsziel von 30 Tagen. 3. Das Hotel verkauft einen auf den Erinnerungswert von 1 € abgeschriebenen Pkw an einen Auszubildenden für 200 € gegen Barzahlung. Lösung 1-1: Zuordnung und Buchung von Geschäftsvorfällen 1. Das Hotel erhält frischeWare (Fische) imWert von 200 €, die es bei Lieferung sofort bar bezahlt und noch am gleichen Tag weiterverarbeitet. 1.5 Übungsaufgaben mit Lösungen und Literaturhinweise 15 Art Höhe Begründung Auszahlung 200 € Aufgrund der Barzahlung nimmt der Zahlungsmittelbestand ab. (Buchung: Warenvorräte/Lebensmittel an Kasse) Ausgabe 200 € Das Geldvermögen nimmt ab. Aufwand 200 € Es findet ein Werteverzehr statt. (Buchung: Warenkosten an Warenvorräte/Lebensmittel) Kosten 200 € Es handelt sich um einen sachzielbezogenen Werteverzehr. 2. Das Hotel erhält eine neue Kaffeemaschine (Anschaffungskosten 5.000 €) mit einem Zahlungsziel von 30 Tagen. Art Höhe Begründung Auszahlung Nein Aufgrund des Zahlungsziels findet noch kein Zahlungsmittelabfluss statt. (Buchung: Technische Anlagen/Maschinen an Verbindlichkeiten aus LuL). Ausgabe 5.000 € Aufgrund der höheren Verbindlichkeiten aus LuL nimmt das Geldvermögen ab. Aufwand Nein Es findet kein Werteverzehr statt. Es handelt sich lediglich um eine Aktiv-Passiv-Mehrung, siehe Buchungssatz oben. Der zukünftige Werteverzehr durch Einsatz der Kaffeemaschine wird erst später über Abschreibungen erfasst. Kosten Nein Es liegt kein Werteverzehr vor. 3. Das Hotel verkauft einen auf den Erinnerungswert von 1 € abgeschriebenen Pkw an einen Auszubildenden für 200 € gegen Barzahlung. Art Höhe Begründung Einzahlung 200 € Aufgrund der Barzahlung findet eine Erhöhung des Zahlungsmittelbestands statt. (Buchung: Kasse (200 €) an Erträge aus dem Abgang von Gegenständen des Anlagevermögens (199 €)/ an Fuhrpark (1 €)) Einnahme 200 € Aufgrund des höheren Zahlungsmittelbestands nimmt das Geldvermögen zu. Ertrag 199 € In dieser Höhe wird der Wertezuwachs in der GuV erfasst. Leistung Nein Da es sich bei dem Pkw-Verkauf nicht um den Betriebszweck handelt, liegt ein neutraler (außerordentlicher) Ertrag vor und folglich keine Leistung. 1 Grundlagen der Investition und Finanzierung16 Aufgabe 1-2: Berechnung der Cashflows Berechnen Sie für die Colom GmbH den operativen Netto-Cashflow nach der direkten und indirektenMethode sowie den Cashflow aus der Investitions- und der Finanzierungstätigkeit. Ermitteln Sie den Cashflow insgesamt. Berücksichtigen Sie hierzu die Fremdkapitalzinsen beim operativen Cashflow. Aktiva Bilanz der Colom GmbH zum 31.12.02 (in T€) Passiva Periode Periode 01 02 01 02 Anlagevermögen Eigenkapital Sachanlagen 500 540 Gez. Kapital 100 100 Rücklagen 135 150 Umlaufvermögen Jahresüberschuss 15 20 Vorräte 300 350 Forderungen aus LuL 100 115 Rückstellungen 100 120 Liquide Mittel 100 10 Verbindlichkeiten Bankvbl. langfr. 500 490 Bankvbl. kurzfr. 100 75 Vbl. aus LuL 50 60 Bilanzsumme 1.000 1.015 Bilanzsumme 1.000 1.015 Gewinn- und Verlustrechnung für das Geschäftsjahr 02 (in T€) Umsatzerlöse 1.855 +/– Erhöhung/Verminderung des Bestands an fertigen und unfertigen Erzeugnissen + 50 = Gesamtleistung 1.905 – Materialaufwand – 900 – Personalaufwand – 900 – Abschreibungen auf Sachanlagen – 10 – Zuführungen zu Rückstellungen – 20 – Zinsaufwand – 48 – Steuern vom Einkommen und Ertrag – 7 = Jahresüberschuss 20 Der Personalaufwand, Zinsaufwand und die Steuern vom Einkommen und Ertrag waren in gleicher Höhe zahlungswirksam. Die Gewinne werden wie im vergangen Jahr thesauriert. 1.5 Übungsaufgaben mit Lösungen und Literaturhinweise 17 Lösung 1-2: Berechnung der Cashflows Direkte Ermittlung des operativen Netto-Cashflows (in T€) Einzahlungen aus Umsatzerlösen 1.840 Umsatzerlöse 1.855 – Zunahme an Forderungen aus Lieferungen und Leistungen – 15 – Auszahlungen für Material – 890 Materialaufwand 900 – Zunahme der Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen – 10 – Auszahlungen für Personal – 900 – Auszahlungen für Steuern vom Einkommen und Ertrag – 7 – Zinszahlungen – 48 Operativer Netto-Cashflow (nach Zinsen) – 5 Indirekte Ermittlung des operativen Netto-Cashflows (in T€) Jahresüberschuss 20 + Zuführungen zu Rückstellungen + 20 + Abschreibungen auf Sachanlagen + 10 – Erhöhung des Bestands an fertigen und unfertigen Erzeugnissen – 50 – Zunahme an Forderungen aus Lieferungen und Leistungen – 15 + Erhöhung der Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen + 10 Operativer Netto-Cashflow (nach Zinsen) – 5 Cashflow aus der Investitionstätigkeit (in T€) Einzahlungen aus Abgängen von Vermögenswerten des Anlagevermögens 0 – Auszahlungen für Investitionen ins Anlagevermögen – 50 Endbestand 540 + Abschreibungen + 10 – Anfangsbestand – 500 Cashflow aus der Investitionstätigkeit – 50 1 Grundlagen der Investition und Finanzierung18 Cashflow aus der Finanzierungstätigkeit (in T€) Einzahlungen aus FK-Aufnahme 0 Auszahlungen für FK-Tilgung – 35 Anfangsbestand 600 – Endbestand – 565 + Einzahlung aus EK-Aufnahme 0 – Auszahlung an EK-Geber 0 Cashflow aus der Finanzierungstätigkeit – 35 Cashflow aus operativer Tätigkeit, der Investitions- und Finanzierungstätigkeit der Periode insgesamt: (–5 T€) + (–50 T€) + (–35 T€) = –90 T€. Der Cashflow von insgesamt –90 T€ zeigt, dass in Periode 02 ein Zahlungsmittelabfluss in dieser Höhe zu verzeichnen ist, was sich auch in der Bilanz in der Abnahme der liquiden Mittel um 90 T€ widerspiegelt. Hätte die Colom GmbH keine Liquiditätsreserven aus Periode 01 und keine weiteren Kreditspielräume gehabt, wäre sie vermutlich nicht in der Lage gewesen, die Investitionen zu tätigen und das Fremdkapital teilweise zu tilgen. Vielmehr hätte es zu Liquiditätsschwierigkeiten kommen können. Literaturhinweise Coenenberg, A. G./Haller, A./Schultze, W. (2009): Jahresabschluss und Jahresabschlussanalyse, 21.Aufl., Stuttgart. de Jong, F./Rindi, B. (2009): The Microstructure of Financial Markets, Cambridge. Deutsche Bundesbank (2010): Umlaufsrendite inländischer Inhaberschuldverschreibungen/Insgesamt/Monatsdurchschnitte. (http://www.bundesbank. de/statistik/statistik_zeitreihen.php?lang=de&open=zinsen&func=row&tr= WU0017, zugegriffen am 08.01.2010). DRS 2: Deutscher Rechnungslegungs Standard Nr.2:Kapitalflussrechnung (DRS 2, Stand: 05. Januar 2010), in Deutsches Rechnungslegungs Standards Committee e.V. (Hrsg.), Deutsche Rechnungslegungs Standards (DRS), Rechnungslegungs Interpretationen (RIC), Stuttgart. Institut der deutschen Wirtschaft Köln (2009): Deutschland in Zahlen, Ausgabe 2009, Köln. Perridon, L./Steiner, M./Rathgeber, A. (2009): Finanzwirtschaft der Unternehmung, 15.Aufl., München. Spremann, K./Gantenbein, P. (2005): Kapitalmärkte, Stuttgart. Sprink, J. (2000): Finanzierung, Stuttgart. Troßmann, E. (1998): Investition, Stuttgart.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Vorteile

- Kompakter Einstieg in das Lehrgebiet Investition und Finanzierung

- Geringer Umfang erlaubt die schnelle Prüfungsvorbereitung in stressigen Zeiten

Zum Werk

Dieses Lehrbuch führt in die Grundlagen der Investition und Finanzierung ein, wie sie üblicherweise an den Fachhochschulen und Berufsakademien gelehrt werden. Zuerst werden die zentralen Methoden der Investition vorgestellt, wie statische und dynamische Investitionsrechenverfahren. Daran schließen sich die wichtigsten Konzepte der Finanzierung an, bevor im letzten Kapitel die zu tätigenden Investitions- und Finanzierungsentscheidungen vorgestellt werden.

Aufgrund der Kürze dieses Lehrbuches und der Behandlung ausschließlich zentrale Konzepte aus der Investiton und Finanzierung eignet sich das Werk ideal zur Vorbereitung einer anstehenden Prüfung.

Autoren

Dr. Hans Putnoki ist Professor für Finanzierung und Volkswirtschaftslehre an der Berufsakademie Ravensburg, an der auch

Prof. Dr. Heike Schwadorf im Lehrgebiet Investition und Finanzierung tätig ist.

Prof. Dr. Friedrich Then Bergh leitet den Studiengang Finanzdienstleistungen an der BA Ravensburg.

Zielgruppe

Für Studierende der Wirtschaftswissenschaften an Fachhochschulen, Berufsakademien und Verwaltungsschulen.

Onlinematerialien (optional):

- Alle Abbildungen sowie ein Foliensatz zum Buch für den Einsatz in der Lehre (für Dozenten)

- Lösungen zu den Aufgaben im Buch sowie eine kurze Sammlung mit den wichtigsten Formeln zur Mitnahmen in die Prüfung (für Studierende)