3. Grundzüge der Raumstruktur in:

Johannes Bröcker, Michael Fritsch (Ed.)

Ökonomische Geographie, page 50 - 94

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3888-8, ISBN online: 978-3-8006-3889-5, https://doi.org/10.15358/9783800638895_50

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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3. Grundzüge der Raumstruktur Johannes Bröcker und Hayo Herrmann Die Regionalökonomik befasst sich mit dem Wirtschaftsgeschehen eines regional differenzierten Gesamtraumes, insbesondere mit der Verteilung wirtschaftlicher Aktivitäten zwischen den Regionen und mit ihren räumlichen Wohlstands- und Entwicklungsunterschieden. Die Bedeutung der Regionalökonomik ergibt sich daraus, dass Bevölkerung, Wirtschaftstätigkeit und Einkommen räumlich äußerst ungleich verteilt sind. Diese Beobachtung gilt vor allem im weltweiten Maßstab, aber auch für Europa und Deutschland. Über viele Jahrhunderte hat sich eine differenzierte Wirtschaftslandschaft herausgebildet. Die wichtigsten Merkmale, mit denen sie sich charakterisieren lässt, sind die Bevölkerung, die Betriebe mit ihrer wirtschaftlichen Aktivität und den dort tätigen Arbeitskräften, es sind Institutionen und Infrastruktureinrichtungen und die im Zuge der wirtschaftlichen Tätigkeit entstehenden Einkommen. Aus der Lokalisation, also der räumlichen Verankerung dieser Merkmale, entstehen Verflechtungen und Mobilitäten zwischen den Akteuren. Die regionalen Unterschiede, die man bei der Beschreibung der Wirtschaftslandschaft entdeckt, sind häufig über längere Zeiträume recht stabil und weisen eine Reihe auffälliger Muster und Regelmäßigkeiten auf. Selbst in einem imWeltmaßstab dicht besiedelten und von hoher Wirtschaftskraft geprägten Land wie Deutschland offenbaren sich erhebliche regionale Unterschiede, wenn man das Land z. B. in seine über 400 Kreise und kreisfreien Städte unterteilt. So schwankt die Bevölkerungsdichte (Einwohner pro Quadratkilometer) zwischen 40 in Mecklenburg-Vorpommern (Kreis Müritz) und über 4.000 (Stadt München), die jährliche Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt) je Arbeitsplatz lag im Jahr 2007 zwischen 40 Tsd. Euro in Vorpommern und 115 Tsd. Euro im Landkreis München, und das verfügbare pro Kopf-Einkommen der Haushalte bewegte sich im Jahr 2007 zwischen 13 Tsd. Euro in Vorpommern (Kreis Uecker-Randow) und knapp 30 Tsd. Euro im Umland von München (Kreis Starnberg). Beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf bewegten sich die Werte in Deutschland 2007 (nach Kreisen und kreisfreien Städten) zwischen 14 Tsd. und 84 Tsd. Euro, d. h. der höchste Wert war mehr als sechsmal so hoch wie der kleinste. Im Gebiet der aktuellen Europäischen Union (27 Staaten) waren die Unterschiede 2007 allerdings zwischen den über 1300 (NUTS 3-) Regionen weitaus stärker: Der Durchschnittswert (in Kaufkraftstandards KKS) der zehn reichsten Regionen war 14 mal so hoch wie der Durchschnitt der zehn ärmsten Regionen (allesamt aus Rumänien und Bulgarien). Kaufkraftstandards (KKS) sind fiktive Währungseinheiten, die die Kaufkraftunterschiede aufgrund verschiedener Preisniveaus zwischen den europäischen Regionen eliminie- 38 I. Daten und Fakten ren. Die durchschnittliche Kaufkraft eines Euro in der Europäischen Union entspricht also einem KKS. Im Abschnitt 3.5wird darauf näher eingegangen. Die Grundzüge der Raumstruktur werden im Folgenden als Stylized Facts dargestellt, sie sollen also über komplexe und vielschichtige sozio-ökonomische Details hinweg eine vereinfachte Darstellung, eine Generalisierung räumlicher Tatbestände liefern, die wiederum Ausgangspunkt für die eigentliche Aufgabe der Regionalökonomik ist, die Erklärung räumlicher Strukturen und Prozesse, ihre Bewertung und die Diskussion von Maßnahmen ihrer Beeinflussung. Die heutige Wirtschaftslandschaft ist über eine jahrhundertlange Vorgeschichte in einem langsam ablaufenden Prozess entstanden. Selbst einschneidende Ereignisse wie die beidenWeltkriege oder aus deutscher Sicht Mauerfall undWiedervereinigung haben nur einen begrenzten Einfluss auf die langfristigen Grundströmungen ausüben können. Zwei grundsätzlich zu unterscheidende Merkmalsgruppen liefern die empirischen Grundlagen der Entstehung und Veränderung der Raumstruktur: Die Merkmale erster Natur, also die Summe geographischer Gegebenheiten (Küsten, Flüsse, landwirtschaftliche Flächen, Topographie usw.), und die Merkmale zweiter Natur, die Lokalisation der Wohnbevölkerung, der Betriebe, Institutionen und Infrastruktureinrichtungen und der Verkehrsnetze einschließlich der Verkehrsknoten. Die räumliche Struktur der Merkmale erster und zweiter Natur bildet wiederum den Hintergrund für neue Wohnort- und Standortentscheidungen – Status und Veränderung der Raumstruktur stehen also in einem interdependenten Zusammenhang. Umso wichtiger ist es, bei der Darstellung der Stylized Facts zwischen der Situation zu einem bestimmten Zeitpunkt und der Veränderung bzw. der Entstehung dieser Situation („woher“) und ihrer weiteren Entwicklung („wohin“) zu unterscheiden. Bei aller Vielfalt räumlich differenzierter sozio-ökonomischer Sachverhalte stehen bei einer holzschnittartigen Darstellung zwei Themenbereiche im Vordergrund, die sich anhand der folgenden Fragestellungen eröffnen. Erstens: Beobachten wir eher ein disperses Standortmuster oder zeigt sich eher eine ausgeprägte Zentrum-Peripherie-Struktur? Welche Bedeutung haben urbane und ländliche, dünn besiedelte Regionen, und wie sind sie über den Raum verteilt? Wie sieht die Hierarchie der Städte eines Landes – von Metropolen bis zu Kleinstädten – aus? Haben sich Bevölkerung und Arbeitsplätze im Verlauf der Zeit räumlich stärker konzentriert oder gleichmäßiger über die Fläche verteilt? Und wie sehen diese Trends in der Zukunft aus? Diese Themen stellen die langfristige Entwicklung des Urbanisierungsgrads (3.1) und das hierarchische Städtesystem eines Landes oder eines Kontinents (3.2) ins Blickfeld. Sie untersuchen die Bedeutung und die geographische Lage von dicht besiedelten und ländlichen Regionen (3.3). Der Übergang zur Veränderungsanalyse führt zu den Fragen des räumlichen Strukturwandels, der zunehmenden Konzentration oder der räumlichen Dekonzentration, und – innerhalb von Agglomerationen – der Suburbanisierung oder Reurbanisierung: Trends, die sich aus dem Wechselspiel zentripetaler (agglomerierender) und zentrifugaler Kräfte ergeben (3.4). 3. Grundzüge der Raumstruktur 39 Und zweitens: Warum gibt es produktive und weniger produktive, warum gibt es arme und reiche Regionen? Warum wachsen einige Regionen besonders kräftig, während andere stagnieren oder sogar schrumpfen? Hier befassen sich die Themen mit Kennziffern der Wirtschaftsleistung, der Produktivität, der Innovationsintensität und der Einkommen, zunächst in Form eines regionalen Querschnittvergleichs (3.5). Im Mittelpunkt der Veränderungsanalyse steht die Konvergenzdiskussion: Kann man erwarten, dass Produktivitäts-, Einkommensoder Wohlstandsunterschiede zwischen Regionen im Zeitablauf abnehmen – oder werden sie zunehmen, ist also eher eine divergente Entwicklung zu erwarten (3.6)? Eine Besonderheit regionalwissenschaftlicher Fragestellungen ist, dass wir häufig Merkmale mit zweifachem Raumbezug verwenden. Die unterschiedliche geographische Verteilung von Akteuren und (wirtschaftlichen) Aktivitäten führt zwangsläufig zu Verflechtungsmerkmalen, insbesondere zu Bewegungen von Personen und Gütern im Raum, die sich auf zwei Orte (Quelle und Zielort) beziehen (3.7). Da sich dieses Kapitel auf die Grundzüge, die Stylized Facts, der Raumstruktur konzentriert, stehen Differenzierungen der betrachteten Größen, z. B. Bevölkerung nach persönlichen Merkmalen, Produktion und Arbeitsplätze nach Wirtschaftszweigen, Beschäftigte nach Berufen, hier nicht im Mittelpunkt. Auch die Verknüpfung der beobachteten räumlichen Strukturen und Trends mit ihren Einflussfaktoren, also insbesondere den zentripetalen Kräften, die eine zunehmende Konzentration, eine Verstärkung der Zentrum-Peripherie-Struktur, hervorrufen, und den (zentrifugalen) Gegenkräften, die zu einer Dekonzentration führen, wird in diesem Kapitel nur in Ansätzen verfolgt. Die Erklärung der Grundzüge der Raumstruktur und ihrer Veränderung bildet vielmehr den Gegenstand der weiteren Kapitel des Lehrbuchs. 3.1 Urbanisierung – langfristige Trends und regionale Unterschiede Der Begriff Urbanisierung oder Verstädterung ist insofern unscharf, weil man daran nicht erkennt, ob es sich um einen Zustand oder einen Prozess handelt. Wir werden daher für den Status auf den Begriff Urbanisierungsgrad (Verstädterungsgrad) zurückgreifen und die Bezeichnung Urbanisierung nur auf den Prozess, hier also auf eine Erhöhung des Urbanisierungsgrads beziehen. Bei einem sinkenden Urbanisierungsgrad spricht man auch vonDesurbanisierung. Der Urbanisierungsgrad ist als Anteil der urbanen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung definiert. Man könnte auch die urbane Bevölkerung auf die restliche (also die ländliche) Bevölkerung beziehen, diese Quote enthält aber im Prinzip dieselbe Information. Die Kennziffer für den Urbanisierungsgrad ist grundsätzlich so einfach, dass sie mit Hilfe von leicht zugänglichen Bevölkerungsdaten für alle Weltregionen erfasst und auch über längere Zeiträume verfolgt werden kann. Die Vereinten Nationen weisen den Urbanisierungsgrad und seine Veränderung über die vergangenen 50 Jahre in ihren World Urbanization Prospects aus und geben außerdem eine Prognose für die nächsten 50 Jahre ab (United Nations, 2008). Problematisch ist allerdings die statistische Abgrenzung der urbanen von der nicht urbanen, also der ländlichen Bevölkerung. Sie ist von den unterschiedlichen amtli- 40 I. Daten und Fakten chen Statistiken der Länder abhängig und kann daher nicht weltweit einheitlich sein. In Deutschland zählt z. B. die Bevölkerung aller kreisfreien Städte und aller Landkreise mit einer Dichte von mehr als 150 Einwohnern pro km2 zur urbanen Bevölkerung, sie ist also durchaus nicht nur auf die Städte im engeren Sinne begrenzt. Immerhin sind knapp 50% der deutschen Landkreise so dicht besiedelt, dass ihre Einwohner zur urbanen Bevölkerung zählen. Der Urbanisierungsgrad ist in Deutschland entsprechend hoch, er lag im Jahr 2005 bei 73%. MitderVeränderungdes Indikators inderZeitwirddieUrbanisierungdargestellt.Hier ist zwischen einer starkenundeiner schwachenDefinition zuunterscheiden:VonUrbanisierung in der starken Definition sprechen wir, wenn der Urbanisierungsgrad zunimmt und gleichzeitig die urbane Bevölkerungwächst und die ländliche zurückgeht. Bei der schwachen Definition reicht es dagegen aus, wenn der Urbanisierungsgrad steigt – dies kann z. B. bei generellem Bevölkerungszuwachs auch dann der Fall sein, wenn die urbane Bevölkerung schneller wächst als die ländliche oderwenn sie in einer schrumpfendenGesellschaftweniger stark abnimmtalsdie ländlicheBevölkerung. Welche Faktoren zu einer Veränderung des Urbanitätsgrades geführt haben, bleibt ohne ergänzende Analysen verborgen. So kann die Urbanisierung z. B. durchWanderung vom ländlichen Raum in die Städte („Landflucht“) hervorgerufen werden. Es können aber auch andere Faktoren wirksam sein, wie etwa eine selektive Zuwanderung von außerhalb, die stärker die Städte als den ländlichen Raum zum Ziel hat, oder eine Umwidmung ehemals ländlicher in urbane Räume, sofern ihre Verdichtung zugenommen hat. Eine sehr langfristige Darstellung der Urbanisierung Europas (Bairoch, 1991) zeigt, dass die Bevölkerung Europas (ohne Russland) ausgehend vom Mittelalter bis zum Beginn der industriellen Revolution nur moderat zugenommen hat: Sie wuchs in den Jahren 1000 bis 1700n.Chr. von 40 auf 100 Millionen, die urbane Bevölkerung etwa parallel von 4 auf 12 Millionen, und der Urbanisierungsgrad von knapp 10% auf 12%. Selbst der starke Bevölkerungszuwachs im 18. Jahrhundert war nicht mit einer Urbanisierung verbunden. Erst im 19. Jahrhundert änderte sich die Entwicklung dramatisch: Die europäische Bevölkerungszahl stieg innerhalb eines Jahrhunderts von 150 auf fast 300 Millionen, und in den Städten lebten um 1900 bereits über 100 Millionen Menschen, der Urbanisierungsgrad sprang von 12% auf 38%. Der Übergang von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft, von der Manufaktur zur industriellen Produktion vornehmlich in den Städten, verbunden mit einem Produktivitätsschub in der Landwirtschaft und daraus resultierend einer erheblichen Landflucht, erfasste Europa von England ausgehend und danach vom Westen in die östlichen und südlichen Teile des Kontinents, und er ließ mit London und Paris die ersten Metropolen der Neuzeit entstehen. Im 20. Jahrhundert setzte sich dieser Trend des Bevölkerungswachstums verbunden mit Urbanisierung fort. Heute leben in Europa (ohne Russland) 72% der Bevölkerung in Städten oder hoch verdichteten Räumen. Der Urbanisierungsgrad liegt damit auf ähnlichem Niveau wie in Nord- und Südamerika und weiterhin deutlich über dem in Asien und Afrika. Die Abbildung 3.2 zeigt die Entwicklung des Urbanisierungsgrads über die letzten 50 Jahre und die von den Vereinten Nationen prognostizierte Entwicklung bis 2050 für die Kontinente und für Deutschland. 3. Grundzüge der Raumstruktur 41 Abbildung 3.1: Bevölkerung und Stadtbevölkerung in Europa seit dem Jahr 1000 Europa ohne Russland Datenquellen: Daten bis 1950 nach Bairoch (1991); Daten 1950/2000 sowie Prognose 2050 nach United Nations (2008). Abbildung 3.2: Urbanisierung in ausgewähltenWeltregionen Daten 1950 bis 2000 und Prognose bis 2050 nach United Nations (2008). 42 I. Daten und Fakten In den hoch entwickelten Ländern Europas und Nordamerikas und auch in Lateinamerika wird der schon heute hohe Urbanisierungsgrad – so die Prognose der Vereinten Nationen – bis 2050 noch ansteigen, wobei die weitere Urbanisierung geringer sein wird als in den Jahren bis 1970. Dieser Trend wird zukünftig allerdings in größeren Teilen Europas und insbesondere auch in Deutschland von einem Bevölkerungsrückgang begleitet, der demographisch bedingt ist (Überschuss der Sterbefälle gegen- über den Geburten) und sowohl urbane als auch ländliche Räume betrifft. Die weitere Urbanisierung resultiert nunmehr daraus, dass die erwartete anhaltende Zuwanderung von Menschen aus ärmeren Regionen vor allem in die wohlhabenden westeuropäischen Länder überwiegend die städtischen und hochverdichteten und nicht die ländlichen Räume zumZiel hat und damit in den urbanen Räumen zu einer Stabilisierung der Bevölkerungszahl führen wird. In Asien und Afrika ist die Urbanisierung, ausgehend von einem niedrigen Urbanisierungsgrad, weiterhin stark ausgeprägt. Die Urbanisierungsgrade der Kontinente werden sich also in der Zukunft annähern, und im Jahr 2050 rechnet man damit, dass der Urbanisierungsgrad in Asien und Afrika das europäische Niveau der 1970er oder 1980er Jahre erreicht hat. Hier wird der räumliche Strukturwandel durch eine starke Landflucht in Kombination mit einem starken Bevölkerungswachstum geprägt. In dessen Folge werden die bereits existierenden Metropolen in den weniger entwickelten Ländern und in Südostasien weiterhin stark wachsen und neue Megastädte und polyzentrische Agglomerationen entstehen. Asien und Afrika holen damit die intensive Phase des Bevölkerungswachstums und der Urbanisierung nach, die für Europa und Amerika im Zeitraum 1800 bis 1970 charakteristisch war. Ein Ende oder zumindest ein deutliches Abflachen der Urbanisierung ist hier im Gegensatz zu den hoch entwickelten Ländern Europas und Amerikas im Prognosezeitraum noch nicht in Sicht. 3.2 Städtehierarchie und Städtesysteme In diesem Abschnitt steht die Größenstruktur der Städte im Vordergrund, wobei die Städtehierarchie zunächst noch ohne die Verteilung der Städte im Raum diskutiert wird. Diese wird erst im Rahmen der Beschreibung des Städtesystems eines Landes einbezogen. Aussagen zur Städtehierarchie beginnen mit der Beobachtung, dass es – z. B. in Deutschland, den Vereinigten Staaten oder Europa – viele kleine und einige wenige große Städte gibt. Im nächsten Schritt fragt man nach einer Regelmäßigkeit, die die Städtehierarchie verschiedener Länder oder Weltregionen womöglich in ähnlicher Weise widerspiegelt. Würden die Daten tatsächlich auf die Gültigkeit einer solchen Ranggrößenregel (Rank Size Rule) hindeuten, ist im nächsten Schritt nach ökonomischen Ursachen zu fragen, die zur Entstehung einer solchen stabilen Hierarchie geführt haben. Erste Überlegungen zu einer Regel für die Größenstruktur von Städten gehen auf Felix Auerbach (1913) zurück, der einen Zusammenhang zwischen der Stadtgröße und ihrem Rang innerhalb der Städtehierarchie eines Landes annahm, welcher einer Pa- 3. Grundzüge der Raumstruktur 43 reto-Verteilung (Power Law) folgt: Ri ¼ c B i . Ri ist dabei der Rang der Stadt i. Gleichzeitig gibt Ri 1ð Þ die Anzahl der Städte an, deren Einwohnerzahl (B) höher ist als die der Stadt i. Die Größe c ist eine Konstante, und der Parameter ist ein Maß für die Größenhierarchie der Städte: Je größer ist, desto „flacher“ ist die Hierarchie, d. h. desto weniger unterscheiden sich die Städte hinsichtlich ihrer Einwohnerzahl. Die Pareto-Formel lässt sich auch in ihrer inversen Form darstellen. Dann ist Bi ¼ b Ri 1= mit b ¼ c1= . Damit ließe sich bei gegebenen Werten für b und aus dem Rang einer Stadt auf ihre Einwohnerzahl schließen. Geläufig ist auch die Umwandlung der Pareto-Formel in eine lineare Form, indem beide Seiten logarithmiert werden: logRi ¼ log c logBi. In der hierzu gehörigen stochastischen Gleichung logRi ¼ 0 þ 1 logBi þ "i lassen sich die Parameter 0 und 1 ¼ in einer Regression schätzen. Der Linguist und Philologe George K. Zipf (1949) griff Erkenntnisse seiner Untersuchungen von Wort- oder Buchstabenhäufigkeiten in Texten auf und übertrug sie auf die Stadtgrößenverteilung: Das Zipf-Gesetz als Spezialfall der Ranggrößenregel geht dabei von einemWert für den Exponenten von Eins aus: Ri ¼ c Bi 1 ¼ c=Bi. In dieser speziellen Variante entspricht die Konstante c also der Bevölkerungszahl der größten Stadt, und das Produkt aus der Einwohnerzahl einer Stadt und ihrem Rang in der Städtehierarchie müsste demnach immer dieser Konstanten c entsprechen. Oder anders ausgedrückt: Die zweitgrößte Stadt (eines Landes) ist halb so groß wie die größte, die drittgrößte Stadt ist ein Drittel mal so groß usw., und die Stadt mit dem Rang 10 hat 10% der Einwohner der größten Stadt. Hier liegt der Wert für und damit die Ausprägung der Hierarchie fest. Für den Fall > 1 wäre die Hierarchie also flacher, für < 1 wäre sie ausgeprägter als im Spezialfall nach Zipf. Die Ranggrößenregel und speziell das Zipf-Gesetz stellen zunächst einmal ein empirisches Phänomen dar, nämlich eine Verteilungsregel einer Anzahl von Städten nach ihrer Größe, ohne dass irgendeine ökonomische Begründung geliefert würde. Sie lässt sich darüber hinaus als Regel der Größenverteilung einer großen Anzahl distinkter Einheiten verallgemeinern – nachweisbar z. B. bei persönlichen Einkommen oder bei nicht ökonomischen Merkmalen wie der Erdbebenstärke, der Größenverteilung der Scherben einer zerschlagenen Keramik oder der Häufigkeit einzelner Noten in Musikstücken. Zur empirischen Prüfung der Ranggrößenregel wurden Ländervergleiche angestellt, die Stabilität der Regel über längere Zeiträume geprüft und insbesondere auch Schätzungen des Hierarchieparameters durchgeführt – letzteres um die Frage zu klären, ob Zipfs Hypothese ð ¼ 1Þ haltbar ist und ob der Parameter von ökonomischen Grö- ßen wie Entwicklungsstand, Einkommen oder Bevölkerungsdichte abhängt (Rosen, Resnick, 1980). Tatsächlich führen die Schätzungen mehrheitlich zu -Werten, die über dem Zipf-Wert von eins liegen, vor allem, wenn sie Städte und nicht Stadtregionen (Städte plus Umland) zugrunde legen. Für Systeme aus Städten sind die Hierarchien im Mittel also etwas flacher als bei der Zipf-Regel, während die Hierarchie der Stadtregionen meist ausgeprägter ist und der Zipf-Aussage deutlich näher steht. Die beiden Abbildungen 3.3 und 3.4 zeigen beispielhaft auf der Basis aktueller Städte in Deutschland und Europa über 20 Tsd. Einwohner, dass die Ranggrößenregel recht 44 I. Daten und Fakten gut getroffen wird. In logarithmierter Form müssten die Städte genau auf einer Geraden liegen, deren Steigung (absolut) dem Schätzwert des Hierarchieparameters entspricht. Dies ist zumindest dann der Fall, wenn kleinere Städte (unter 20 Tsd. Einwohner) nicht mit einbezogen werden. Im Bereich kleiner Städte ist die Größenhierarchie allerdings ausgeprägter als bei den Städten über 20 Tsd. Einwohner. Dort wiederum ist sie flacher als nach der Zipf-Regel: Der Schätzwert für den Hierarchieparameter liegt für Deutschland bei 1,29 und für Europa bei 1,33. In beiden Fällen findet man im Bereich der 15 größten Städte eine Gruppemit sehr flacher Hierarchie: In Deutschland sind es zehn Städte, deren Einwohnerzahl sich gemessen an der Ranggrößenregel nur wenig unterscheidet (650–500 Tsd.). Überlegungen zur Begründung der Regel gehen in zwei Richtungen: Stochastische Theorien und ökonomische Theorien (Gabaix, 2006). Stochastische Theorien gehen meist von der Vorstellung eines proportionalen Wachstums der Städte aus, etwa in der Form, dass sich die städtische Bevölkerung eines Landes, wenn sie in Schüben wächst (z. B. durch Zuwanderung), auf die vorhandenen Städte proportional zu ihrer Größe verteilt. Daneben werden auch neue Städte gegründet. Die Vorstellung ist mit der Aussage verbunden, dass die Wachstumsrate der städtischen Bevölkerung nicht systematisch von der Stadtgröße abhängt. Dieser stochastische Prozess würde aber auf eine Lognormal-Verteilung der Stadtgrößen und nicht auf eine Pareto-Verteilung nach der Ranggrößenregel hinauslaufen. Abbildung 3.3: Darstellung der Ranggrößenregel für deutsche Städte 2006 Daten aus der „Laufenden Raumbeobachtung“ des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) 3. Grundzüge der Raumstruktur 45 Abbildung 3.4: Darstellung der Ranggrößenregel für europäische Städte 2005 Abkürzungen für die größten Städte: P = Paris, L = London, B = Berlin, M = Madrid, R = Rom. Die Daten wurden vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zur Verfügung gestellt. Sie stammen von EUROSTAT bzw. aus der „Laufenden Raumbeobachtung Europa“ des BBSR. Dennoch besteht zwischen den beiden Aussagen – (a) die Stadtgrößenverteilung folgt der Ranggrößenregel, also einer Pareto-Verteilung, und (b) proportionales Städtewachstum erzeugt eine Lognormal-Verteilung der Stadtgrößen – kein Widerspruch, wenn man bedenkt, dass die empirischen Tests zur Ranggrößenregel traditionell mit Städten ab einer bestimmten Größe erfolgten. Erst in jüngerer Zeit werden in die Analysen auch kleinere Städte und ländliche Orte einbezogen, deren Hierarchie sich von der der größeren Städte unterscheidet. Für große undmittlere Städte, also für eine derart „abgeschnittene“ Verteilung der Stadtgrößen, lässt sich aber zwischen einer Pareto- und dem rechten Ast einer Lognormal-Verteilung kein wesentlicher Unterschied feststellen (Eeckhout, 2004). Ökonomische Erklärungsansätze eines hierarchischen Städtesystems bedienen sich der Theorie der zentralen Orte (siehe Kapitel 5), oder sie leiten ein räumliches Gleichgewicht eines Städtesystems aus dem Zusammenwirken verschiedener Agglomerationseffekte und Raumüberwindungskosten ab, die je nach Stadtgröße unterschiedlich ausfallen (Urban System Models, Cheshire, 1999). Auf dieser Basis gelingt es zwar, ein hierarchisches Städtesystem zu begründen, dieses folgt aber nicht notwendig der konkreten Verteilungsaussage der Ranggrößenregel oder gar des Zipf-Gesetzes. Erst 46 I. Daten und Fakten in jüngster Zeit ist es gelungen, den stochastischen mit einem ökonomischen Erklärungsansatz zu verbinden, indem die Entstehung und das Wachstum von Städten auf das räumliche Zusammenwirken von Grundlagenwissen, Produktinnovation, Wissensübertragung und Technologietransfer zurückgeführt wird (Duranton, 2006). Ein von der Ranggrößenregel abweichendes Maß für die Städtehierarchie eines Landes ist der Hauptstadt-Indikator (Primacy Indicator). Er bezieht die Einwohnerzahl der größten Stadt (häufig identisch mit der Hauptstadt) auf die gesamte Bevölkerung der n größten Städte des Landes. Hier werden die Unterschiede zwischen Ländern deutlicher sichtbar als bei der über die Länder erstaunlich stabilen Ranggrößenregel, d. h. monozentrische Länder wie Österreich, Ungarn oder das Vereinigte Königreich haben deutlich höhere Werte des Hauptstadt-Indikators als z. B. Deutschland. Abbildung 3.5: Geographische Verteilung der Städte in Europa Die Abbildung wurde uns vom BBSR zur Verfügung gestellt. 3. Grundzüge der Raumstruktur 47 Der Schritt von der Städtehierarchie zu Städtesystemen bezieht zusätzlich die räumliche Verteilung der Städte mit ein. Eine Abbildung der europäischen Städte nach ihrer geographischen Lage und ihrer Größe zeigt dreierlei: (1) Die räumliche Verteilung wird durch geographische oder geologische Besonderheiten beeinflusst – Flussufer, Küsten oder Orte mit Rohstoffvorkommen sind häufiger Standorte für Städte als Räume ohne diese Merkmale, in Gebirgsregionen sind Städte dagegen höchst selten. (2) Eine im historischen Prozess entstandene hohe Bevölkerungsdichte (z. B. in den Niederlanden) führt zu polyzentrischen Agglomerationen, bestehend aus einer Vielzahl eng benachbarter Städte. (3) Aber abseits dieser besonderen Merkmale sind Städte gleicher Größenordnung recht gleichmäßig über die Fläche verteilt, dies gilt insbesondere für die Städte im oberen Bereich der Rangordnung. Hinzu kommt eine auch über längere Perioden starke Persistenz des Städtesystems, zumindest in den Weltregionen, in denen der Urbanisierungsgrad schon über längere Phasen hoch war. Für Deutschland bestätigt sich dieses Bild: Abgesehen von einer Häufung großer Städte in der rheinisch-westfälischen Industrieregion sind die 15 größten Städte gleichmäßig über Deutschland verteilt, und im Zeitablauf haben selbst einschneidende Ereignisse wie die Weltkriege oder die Wiedervereinigung kaum größere Ver- änderungen des Städtesystems hervorrufen können. 3.3 Grundtypen der Raumstruktur Die Raumstruktur zeigt auf, inwieweit ein Wirtschaftsraum eher durch eine ausgeprägte Zentrum-/Peripheriestruktur oder eher durch ein gleichmäßiges Standortmuster geprägt ist. Sie liefert einen Bezugspunkt für die Darstellung des räumlichen Strukturwandels (Abschnitt 3.4) und eine Grundlage für Analysen räumlicher Disparitäten verschiedener Merkmale, z. B. zu Wirtschaftsleistung, Produktivität und Einkommen (Abschnitt 3.5) oder zu Arbeitsmarkt, Infrastruktur, Umwelt- oder Lebensqualität. Mit der Raumstruktur beobachten wir die räumliche Verdichtung von Bevölkerung und Arbeitsplätzen, die Lokalisation der Städte und die geographischen Verteilung einerseits der hoch verdichteten und andererseits der dünn besiedelten Räume. Deutschland stellt im internationalen Vergleich einen relativ hoch verdichteten Wirtschaftsraum dar – ein Resultat der ausgeprägten Urbanisierungswelle des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Obwohl sich das Land – im Vergleich z. B. mit Frankreich – durch eine polyzentrische Struktur mit einer ganzen Reihe von Agglomerationen ähnlicher Größe auszeichnet, ist die Bevölkerung über die Fläche relativ hoch konzentriert: Heute leben auf 10% der Fläche Deutschlands über 50% der Menschen, und fast 80% aller Einwohner konzentrieren sich auf rund einem Drittel der Fläche. Diese Verteilung hat sich mittelfristig (seit 1989) kaum verändert, tendenziell ist die Konzentration etwas zurückgegangen. Im Rahmen des Raumordnungsberichts 2005 (BBSR, 2005) teilt das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) Deutschland und Europa (EU) in Zentral-, 48 I. Daten und Fakten Zwischen- und Peripherräume auf und stellt die räumliche Verteilung dieser Raumtypen dar. Grundlage der Einteilung ist die Kombination zweier Merkmale: Die Bevölkerungsdichte (hoch verdichtet oder dünn besiedelt) und die Erreichbarkeit der gro- ßen städtischen Zentren als Maß für Marktnähe und Kontaktpotenzial (zentrale oder periphere Lage). Die Zentralräume bilden die Metropolen und Großstädte mit ihrem engeren Umland. In Deutschland nimmt diese Kategorie nur gut 10% der Gesamtfläche ein, hier lebt aber die Hälfte der Gesamtbevölkerung. In den Zwischenräumen am Rand bzw. als Verbindungskorridore der Zentralräume wohnt ein Viertel der Bevölkerung. Diese Räume gewähren den Menschen ebenfalls noch eine gute Erreichbarkeit der großen Abbildung 3.6: Räumliche Verteilung der Bevölkerung in Deutschland 2006 Verteilung der Bevölkerung im Jahr 2006, räumlich differenziert nach den 12 300 deutschen Gemeinden, dargestellt mit einer Lorenz-Kurve. Die Gemeinden sind vom Ursprung des Diagramms ausgehend nach ihrer Bevölkerungsdichte absteigend geordnet. In der Abbildung dargestelltes Beispiel: Auf die 870 deutschen Gemeinden mit der größten Bevölkerungsdichte (große und mittlere Städte) entfällt ein Anteil von 10% der deutschen Gesamtfläche, hier wohnen 52% der Bevölkerung Deutschlands. Datenquelle: Bevölkerungsdaten des Statistischen Bundesamtes 3. Grundzüge der Raumstruktur 49 Zentren. Außerhalb dieser beiden Kategorien liegen die dünner besiedelten und zentrumsferneren peripheren Räume. Bei einem Flächenanteil von knapp 60% lebt in Deutschland ein Viertel der Gesamtbevölkerung in diesen Gebieten. Die Bevölkerungsdichte ist in den deutschen Zentralräumen mit über 1000 Einwohnern pro km2 deutlich höher als in den Zwischenräumen (knapp 200 Einwohner/km2) oder in den ländlich-peripheren Räumen (unter 100 Einwohner/km2). In der Europäischen Union der alten Abgrenzung (EU15) entfiel im Jahr 2005 ein Anteil von 37% der Bevölkerung auf die Zentralräume, knapp 40% der Menschen lebten in den Zwischenräumen und ein weiteres Viertel in peripheren Räumen. In den mittel- und osteuropäischen Beitrittsländern befinden sich dagegen keine Zentralräume, hier lebte ein Drittel der Bevölkerung in Zwischen- und zwei Drittel in peripheren Räumen. Die deutschen Zentralräume bestehen aus einer Reihe monozentrischer Agglomerationen, die geographisch relativ gleichmäßig verteilt sind, während sich die polyzentrischen Räume, ausgehend vom rheinisch-westfälischen Industriegebiet, entlang von Rhein, Main undNeckar vonWest- nach Südwestdeutschland erstrecken. Größere zusammenhängende Peripherräume konzentrieren sich vor allem auf Ostdeutschland (nördliche Teile und südlich von Berlin), einige Küstenregionen, das nördliche Hessen oder das östliche Bayern. Während in Deutschland ein, allerdings durchaus differenziertes West-Ost-Gefälle erkennbar ist, zeigt sich für die EU ein deutliches Zentralitätsgefälle von der Mitte an die Ränder, mit einem zusammenhängenden europäischen Zentralraum um Südostengland, die Benelux-Staaten, Nordostfrankreich, West- und Südwestdeutschland. Die empirische Aufgabe, Grundzüge der Abhängigkeit sozio-ökonomischer Merkmale vom Zentrum-Peripherie-Gefälle, also von den Verdichtungsräumen bis zu den ländlich-peripheren Räumen, nachzuweisen, gelingt natürlich besonders gut bei Merkmalen, die unmittelbar mit demVerdichtungsgrad einer Region verbunden sind. Die empirische Raumbeobachtung in Deutschland verwendet üblicherweise ein räumliches Konzept, das auf der Einteilung in Kreise (kreisfreie Städte und Landkreise) aufbaut. Die über 400 Kreise (2009: 412 Kreise, darunter 301 Landkreise) werden zu Raumordnungsregionen zusammengefasst (2009: 96 Regionen), die der Vorstellung einer funktionalen Region, bestehend aus einem städtischen Zentrum und dem dazugehörigen Umland, folgen. Je nach der Verdichtung und der Größe ihrer Zentren werden die Raumordnungsregionen drei räumlichen Typen zugeordnet: Agglomerationsräume, verstädterte und ländliche Räume. Innerhalb dieser Grundtypen wird wiederum nach den Regionszentren und den unterschiedlich verdichteten Gebieten um die städtischen Zentren unterschieden. Damit ist es möglich, neben der großräumigen Raumstruktur und ihrer Veränderung auch einen Blick auf die innere Struktur der Agglomerations- und der verstädterten Räume zu werfen. Dieses Raumkonzept stellt die Grundlage der laufenden Raumbeobachtung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und vieler anderer empirischer Regionalanalysen für Deutschland dar. 50 I. Daten und Fakten Abbildung 3.7: Zentral-, Zwischen- und Peripherräume in Deutschland 3. Grundzüge der Raumstruktur 51 Abbildung 3.8: Zentral-, Zwischen- und Peripherräume in Europa (EU) Die Unterschiede der drei Grundtypen von Raumordnungsregionen wird anhand einiger quantitativer Indikatoren deutlich, die typischerweise zur Messung räumlicher Verdichtung herangezogen werden: – Bevölkerungsdichte: Einwohner je km2 Regionsfläche, – Flächenbelastung: Anteil der Siedlungs- und Verkehrsfläche an der gesamten Regionsfläche, – Siedlungsdichte: Einwohner je km2 Siedlungs- und Verkehrsfläche, – Grundstückspreise: Kaufwerte für Bauland in Euro je m2. 52 I. Daten und Fakten Die in der Tabelle 3.1 dargestellten Zahlen für Deutschland zeigen ein eindeutiges Gefälle der Verdichtungsindikatoren von den Agglomerationsräumen über die verstädterten bis hin zu den ländlichen Räumen. Tabelle 3.1: Merkmale räumlicher Verdichtung in Deutschland nach Raumtypen Merkmal Agglomerationsräume Verstädterte Räume Ländliche Räume Anteil an der Gesamtfläche in v.H. (2007) 27% 43% 30% Anteil an der Gesamtbevölkerung in v.H. (2007) 53% 35% 12% Bevölkerungsdichte (Einwohner je km2) (2007) 459 186 98 Flächenbelastung (in v.H.) (2004) 18,2% 12,3% 8,7% Siedlungsdichte (Einwohner je km2) (2004) 2511 1519 1144 Grundstückspreise (€ je m2) Westdeutschland (2007) Ostdeutschland (2007) 278 71 100 34 95 32 Datenquelle: Laufende Raumbeobachtung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) Darüber hinaus lässt sich bei allen vier hier dargestellten Indikatoren ein entsprechendes Gefälle auch innerhalb der Agglomerationsräume zwischen den Zentren, dem hoch verdichteten und dem geringer verdichteten Umland feststellen (gleiches gilt für die Zentren und das Umland in den verstädterten Räumen). So nimmt z. B. die Siedlungsdichte innerhalb der deutschen Agglomerationsräume von knapp 1.100 Einwohnern je km2 Siedlungsfläche im ländlichen Umland über 2.500 Einwohner im hoch verdichteten engeren Umland der Zentren bis zu einemWert von 4.100 Einwohnern je km2 Siedlungsfläche in den Agglomerationszentren zu. Verschiedene Verdichtungsmerkmale zeigen also übereinstimmend ein großräumiges Gefälle von den Agglomerationsräumen zu den ländlichen Räumen, aber auch ein starkes innerregionales Gefälle von den städtischen Zentren über das unmittelbar angrenzende Umland bis hin zu den daran anschließenden ländlichen Umlandgebieten. 3.4 Grundzüge des räumlichen Strukturwandels In Deutschland und Europa sind einige langfristige Trends zu beobachten, die räumlich differenzierte Auswirkungen haben. Dazu gehören Trends der Bevölkerung (schrumpfende und alternde Bevölkerung, Individualisierung der Gesellschaft), der Wirtschaftsstruktur (Tertiarisierung), der Arbeitswelt (Rückgang der Normal-Arbeitsverhältnisse, Zunahme hoch qualifizierter Tätigkeiten) oder des Handels (Globalisierung). 3. Grundzüge der Raumstruktur 53 Der Abschnitt 3.4 befasst sich mit einem weiteren Trend, dem räumlichen Strukturwandel, d. h. der Veränderung der räumlichen Verteilung der Bevölkerung und der Beschäftigten bzw. der Arbeitsplätze. Er stellt sich als ein langsam ablaufender Prozess dar, der durch historische Wurzeln geprägt ist und ein großes Trägheitsmoment aufweist. Dennoch sind über lange Zeiträume gelegentliche Trendwechsel zu beobachten. Während die Veränderungen bei der Bevölkerung über die Mobilität (Binnen- und Außenwanderung) oder über räumlich unterschiedliche demographische Trends (Geburten, Sterbefälle) ablaufen, bilden bei der regionalen Beschäftigung die Entwicklung bestehender Betriebe, betriebliche Gründungen und Schließungen und räumliche Verlagerungen von Betrieben den Hintergrund des Geschehens. Dabei sind die räumlichen Trends der Bevölkerung und der Beschäftigung eng miteinander verbunden, sie laufen imWesentlichen parallel ab. Hinsichtlich der großräumigen Entwicklungsunterschiede in Deutschland stehen sowohl bei der Bevölkerung als auch bei der Beschäftigung die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland im Vordergrund. Sie werden in der Abbildung 3.9 der Beschäftigungsentwicklung in den deutschen Raumordnungsregionen im Zeitraum ab 1993 deutlich (Statistische Ämter des Bundes und der Länder, 2010): Mit Ausnahme der Regionen um Potsdam, Dresden und Leipzig erreichten keine weiteren ostdeutschen Regionen eine dem deutschen Durchschnitt entsprechende Entwicklung. Dagegen zeigen sich in Westdeutschland einige Teilräume, in denen die Beschäftigung über den gesamten Zeitraum überdurchschnittlich (um 10% undmehr) zugenommen hat. Dazu gehören der Großraum um München, Teile Baden-Württembergs und – vielleicht überraschend – auch einige ländliche Regionen im westlichen Niedersachsen (z. B. das Emsland) bzw. um die Städte Osnabrück und Münster. Sichtbar wird in der Abbildung auch die ungünstige Entwicklung der Montanregionen an Rhein und Ruhr. Ein großräumiges Entwicklungsgefälle von Süd- nach Norddeutschland ist jedenfalls nicht eindeutig erkennbar. Der interregionale Strukturwandel beschreibt Gewichtsverschiebungen im Sinne einer Verstärkung der räumlichen Konzentration oder einer zunehmenden räumlichen Dekonzentration. Interregionale Verschiebungen sind also – auch begrifflich – von innerregionalen zu unterscheiden, also von Veränderungen, die innerhalb von Regionen stattfinden (Suburbanisierung oder Reurbanisierung). Bis in die 1950er Jahre war das Bild des räumlichen Strukturwandels in den europäischen Kernländern insofern einfach, weil es noch keine Stadt-Umland-Strukturen im heutigen Sinne gab. Dominierend war in dieser Zeit der Prozess wachsender Urbanisierung, der mit einer Erhöhung der Siedlungsdichte und der Ausdehnung der Städte, aber noch nicht mit der Entstehung eines weitläufigen städtischen Umlands einherging. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg führten dann der wachsende Wohlstand, der Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel, die zügige Ausbreitung individueller Mobilität und zunehmende Engpässe in den städtischen Zentren zur Suburbanisierung und damit zu parallel verlaufenden interregionalen und innerregionalen Prozessen. In den Vereinigten Staaten begann die Suburbanisierung bereits in den 1920er und 1930er Jahren aufgrund der frühen Massenmotorisierung (Cheshire, 1995). 54 I. Daten und Fakten Abbildung 3.9: Beschäftigungsentwicklung in den deutschen Regionen 1993–2008 Entwicklung der Erwerbstätigkeit im Zeitraum 1993 bis 2008, gemessen durch Indexzahlen der Erwerbstätigen 2008 (für 1993=100), für die deutschen Raumordnungsregionen Regionale Zuordnung der Erwerbstätigen nach ihrem Arbeitsort. Daten des Arbeitskreises „Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder“ (Statistisches Amt des Bundes und der Länder, 2010). 3. Grundzüge der Raumstruktur 55 Nimmt man als Maßstab für den interregionalen Strukturwandel die zeitliche Veränderung des Anteils der Beschäftigung in den Agglomerationsräumen an der Gesamtbeschäftigung, ist für Deutschland zweierlei zu beachten. Erstens ist zwischen Westund Ostdeutschland zu unterscheiden: Der räumliche Wandel in Ostdeutschland unterliegt immer noch den Sondereinflüssen dieser abrupt einer neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zugeführten Region. Und zweitens stellen die hoch verdichteten westdeutschen Montan- und Stahlreviere an Rhein, Ruhr und Saar einen Sonderfall unter den hoch verdichteten Regionen dar, der sich von den übrigen Agglomerationsräumen unterscheidet: Die Montanregionen haben sich über den gesamten hier dargestellten Zeitraum ab Mitte der 1970er Jahre ungünstiger entwickelt als Westdeutschland und die meisten seiner Agglomerationsräume. Betrachtet man die westdeutschen Agglomerationsräume ohne die Montanregionen, so hat sich der Anteil ihrer Beschäftigtenzahl an allen Beschäftigten in Westdeutschland seit 1976 nicht einheitlich entwickelt. Es gab Phasen mit rückläufigem Anteil (1976–1980 und 1989–1995), also mit interregionaler Dekonzentration, aber auch Perioden mit leicht zunehmendem Anteil der Agglomerationsräume (1980–1989 und 1995–2002) oder mit nahezu konstantem Anteil (2002–2008). Über den gesamten Zeitraum sind diese Entwicklungen aber von geringer Intensität: Im Jahr 2008 lag der Anteil der Agglomerationsräume an der Gesamtbeschäftigung in Westdeutschland mit 45,7% jedenfalls etwa auf dem Niveau von 1980 (45,1%). Im Durchschnitt deuten die Trends zum interregionalen Strukturwandel in Westdeutschland also darauf hin, dass sich die zentripetalen und die zentrifugalen Kräfte über die Jahre nahezu ausgeglichen haben. Dies muss aber vor dem Hintergrund sehr unterschiedlicher Entwicklungen der einzelnen Agglomerationen gesehen werden. Von einem für alle Agglomerationen gleichermaßen typischen Befund kann man jedenfalls nicht sprechen. In Ostdeutschland lässt sich der räumliche Strukturwandel bezüglich der Beschäftigung für die Jahre ab 1993 verfolgen, also für die Zeit kurz nach der Wiedervereinigung und dem damit verbundenen Umbruch von Wirtschaft und Gesellschaft. Hier ist Ende der 1990er Jahre ein Trendwechsel zu beobachten: Bis 1998 ging der Anteil der Beschäftigten in den Agglomerationsräumen an allen ostdeutschen Beschäftigten im Sinne einer interregionalen Dekonzentration leicht zurück, seitdem aber nimmt er deutlich zu: Es kam also zu einemWechsel in Richtung einer interregionalen Konzentration, insbesondere auf Kosten der ländlichen Räume. Der innerregionale Strukturwandel betrachtet die Prozesse innerhalb von Agglomerationsräumen oder Stadtregionen, also zwischen den Zentren und dem Umland dieser Räume. Über viele Jahrzehnte war die Suburbanisierung in Form einer Gewichtsverlagerung auf Kosten der Zentren und zugunsten des städtischen Umlands ein starker, ungebrochener Trend in allen hoch entwickelten Industrieländern mit demokratischmarktwirtschaftlicher Ordnung. Ursachen waren die Mobilisierung der Gesellschaft, die im Zuge der historischen Urbanisierung wachsende Bodenknappheit in den Zentren und das Leitbild der räumlichen Trennung von Wohnen und Arbeiten. Hinzu kam z. B. in Deutschland die politisch motivierte fiskalische Unterstützung von Wohneigentum und Berufspendlermobilität. Der Wohnortwechsel der Bevölkerung aus den Zentren ins Umland wurde, z. T. mit Verzögerung, von einer industriellgewerblichen und danach von einer tertiären Suburbanisierung begleitet, also von 56 I. Daten und Fakten der Verlagerung der Industrie- und später der Handels- und Dienstleistungsstandorte an den Rand der Stadtregionen. Verantwortlich für die Wohnort- und Standortverlagerung ins Umland waren und sind sowohl Push- also auch Pull-Faktoren, also negative Impulse, die die Menschen und Betriebe aus den Zentren herausdrängen, und positive Impulse, die die Anziehungskraft des Umlands darstellen. Im Grunde geht es dabei immer darum, negative Agglomerationseffekte eines städtischenWohnorts oder Standorts zu vermeiden, sich aber dennoch in Reichweite der positiven Agglomerationseffekte einer Stadt anzusiedeln. Im historischen Prozess hat sich die Suburbanisierung, ausgehend von ihrer traditionellen Form, dem „Überlaufen“ der Städte, verbunden mit einer radialen, an Verkehrsachsen orientierten Mobilität, gewandelt. Heute muss das herkömmliche Bild eines von den urbanen Funktionen des Zentrums abhängigen Umlands („Schlafstädte“) und der strahlenförmigen Mobilität innerhalb der Region korrigiert werden. Die äußeren Gebiete der Agglomerationen haben zunehmend eigenständige Zentren mit starken Entwicklungspotentialen entwickelt, sie profitieren nicht mehr nur von Wohnort- und Standortverlagerungen aus der Kernstadt. In der Folge ist auch die Mobilität innerhalb der Stadtregion nicht mehr ausschließlich zentripetal (arbeiten im Zentrum, wohnen im Umland), sondern zunehmend auch zentrifugal oder räumlich dispers orientiert (siehe Abschnitt 3.7). Aber nicht nur die Form der Suburbanisierung hat sich geändert. Empirische Befunde in mehreren Ländern der „alten“ EU deuten auf eine Abschwächung oder ein Ende dieses grundlegenden Trends der letzten Jahrzehnte, vielleicht sogar auf eine Umkehr in Richtung einer Reurbanisierung hin. In Westdeutschland war die Suburbanisierung der Bevölkerung und der Arbeitsplätze in den Agglomerationsräumen zweifellos bis weit in die 1990er Jahre hinein die stärkste Komponente des räumlichen Wandels. Allein zwischen 1985 und 1995 stieg der Anteil der Beschäftigung im Umland an der gesamten Beschäftigung aller westdeutschen Agglomerationsräume (ohne Montanregionen) um 8% bzw. um 3,5 Prozentpunkte (von 43,6% auf 47,1%), und in den Stadtregionen abseits der Metropolen war dieser Trend ebenfalls erkennbar, wenn auchmit geringerer Intensität. In den folgenden Jahren war die Zunahme der Beschäftigten- und der Bevölkerungsanteile des Umlands an den Agglomerationen dann deutlich schwächer, und im jüngsten Zeitraum 2003–2008 ist keine Suburbanisierung in den westdeutschen Agglomerationen mehr messbar. Allenfalls im verarbeitenden Gewerbe zeigt sich immer noch ein Suburbanisierungstrend. Diese Befunde stellen allerdings einen Durchschnitt aus recht unterschiedlichen Trends in den einzelnen Agglomerationen dar. So kann man z. B. in der Metropolregion Hamburg in der Zeit nach 2004 eine leichte Reurbanisierung beobachten. In Ostdeutschland ist die Suburbanisierung ein relativ junges Phänomen, da sie in den 1970er und 1980er Jahren, zu Zeiten der DDR, durch raumordnungspolitische Eingriffe quasi „zurückgestaut“ wurde. Nach der Wiedervereinigung setzte sie dann ab 1993 mit hoher Intensität ein: So verringerte sich der Anteil der Zentren an allen Beschäftigten der Agglomerationsräume in der Periode 1993–1999 um 10%. Allerdings erreichte dieser noch junge Suburbanisierungstrend zunächst nur das unmittelbare Umland der Zentren (mit Ausnahme Berlins), während das Umland vergleichba- 3. Grundzüge der Raumstruktur 57 rer Agglomerationen in Westdeutschland bereits eine deutlich höhere Ausdehnung erreicht hat. Außerdem erfuhr der räumliche Wandel in Ostdeutschland nicht nur auf interregionaler Ebene, sondern auch innerhalb der Agglomerationen einen abrupten Wechsel: Seit Ende der 1990er Jahre nimmt der Anteil der Zentren an den Beschäftigten der Agglomerationsräume zu. Hier kann man also, anders als in Westdeutschland, tatsächlich von einem Wechsel von Suburbanisierung zur Reurbanisierung sprechen. Dies gilt für die Gesamtbeschäftigung und für den tertiären Sektor, während die Suburbanisierung im verarbeitenden Gewerbe weiter fortschreitet. Auch bei der Bevölkerung ist derselbe deutliche Trendwechsel Ende der 1990er Jahre erkennbar (Siedentop, 2008). Fazit: Die räumlichen Trends der Bevölkerung und der Beschäftigung haben sich in Deutschland in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre verändert: In Westdeutschland konnten viele Agglomerationsräume ihre Position gegenüber den verstädterten und ländlichen Räumen verbessern, und die zuvor über 30 Jahre andauernde Suburbanisierung innerhalb der Agglomerationen hat sich erheblich abgeschwächt, in einzelnen Regionen sogar in eine Reurbanisierung verwandelt. In Ostdeutschland zeigen die Trends ab Ende der 1990er Jahre einen deutlichen Wechsel in Richtung räumlicher Konzentration, und zwar sowohl interregional als auch innerhalb der Agglomerationen. Untersuchungen für andere Länder liefern hinsichtlich der interregionalen Trends keine einheitlichen Befunde. So ist im Vereinigten Königreich weiterhin Dekonzentration messbar, in anderen europäischen Ländern schwächt sich dieser Prozess aber ab. Andererseits ist in Spanien,Dänemark oder in den postsozialistischen Staaten sogar interregionale Konzentration zu beobachten. Und bei der Frage nach Sub- oder Reurbanisierung innerhalb derAgglomerationenwird zwar für dieMehrheit der Länder auch nach dem Jahr 2000 eine Fortsetzung der Suburbanisierung festgestellt (Vereinigte Staaten, Vereinigtes Königreich, postsozialistische Staaten), ihre Intensität nimmt aber in vielen Fällen ab und es gibt auch einzelne Fälle von Reurbanisierung, z. B. in einigen Agglomerationen Norwegens, Finnlands oder Spaniens. Die Entwicklungsmuster innerhalbderAgglomerationen und Stadtregionen zeigen also international ein differenziertes Bild (Siedentop, 2008). 3.5 Räumliche Produktivitäts- und Einkommensunterschiede Ein zentraler Bereich der empirischen Regionalforschung befasst sich mit der ökonomischen Leistungsfähigkeit von Regionen: Wie stark sind die räumlichen Unterschiede der Wirtschaftsleistung, der Produktivität, der Innovationsintensität und der Einkommen? Haben die hoch verdichteten Regionen hier einen systematischen Vorteil? Und nehmen die räumlichen Unterschiede in der Zeit eher zu oder eher ab (Abschnitt 3.6)? Der regionalpolitische Hintergrund zu räumlichen Einkommensunterschieden und zur Entwicklung dieser Disparitäten ergibt sich aus gesellschaftspolitischen Zielsetzungen, z. B. im EG-Gründungsvertrag (Art. 158, „Stärkung des wirtschaftlichen und 58 I. Daten und Fakten sozialen Zusammenhalts“). Das daraus abgeleitete Kohäsionsziel ist ein wichtiger Pfeiler der Struktur- und Regionalpolitik der EU. Zur Messung regionaler Disparitäten der ökonomischen Leistungsfähigkeit werden üblicherweise Kennzahlen verwendet, die die Wirtschaftsleistung oder das Einkommen auf einen Personenkreis beziehen. Der Quotient aus dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) und der Beschäftigtenzahl gibt die durchschnittliche Produktivität eines Arbeitsplatzes wieder, als Maß für die Wirtschaftsleistung pro Kopf wird das BIP auf die Bevölkerung einer Region bezogen, und als Einkommenskennziffer kann das verfügbare Einkommen pro Kopf der Bevölkerung verwendet werden. Weitere Kennziffern sind z. B. das Bruttoinlandsprodukt je Arbeitsstunde (Stundenproduktivität der Arbeit), die Arbeitseinkommen (Löhne und Gehälter) je Beschäftigten oder die Innovationsintensität. Dabei ist zu beachten, dass das BIP, die Arbeitseinkommen und die Beschäftigten in der Regel regional dem Produktionsstandort zugeordnet werden (Arbeitsortprinzip), während das verfügbare Einkommen und die Bevölkerung nach dem Wohnort erfasst sind (Wohnortprinzip). Ein in diesem Sinne gemischter Indikator wie das BIP pro Kopf ist dann problematisch, wenn die Produktion und die daran beteiligte Erwerbsbevölkerung verschiedenen Regionen zugerechnet werden. Bereits in der Einleitung zum Kapitel 3wurden einige Kennzahlen regionaler Einkommensunterschiede in Deutschland und in der EU genannt: Die regionalen Disparitäten sind in der EU, vor allem nach ihrer jüngsten Erweiterung um mittelosteuropäische Staaten, weitaus größer als in Deutschland. Ferner kann man festhalten, dass die regionalen Unterschiede in ganz Deutschland größer sind als innerhalb Westoder Ostdeutschlands (Eurostat, 2010; Statistische Ämter der Länder, 2010). Für die EU und für Deutschland gilt gleichermaßen: Die Disparitäten sind beim BIP je Beschäftigten (Produktivität) größer als beim verfügbaren Einkommen pro Kopf, und vor allem bei der Produktivität sind sie umso größer, je tiefer der Gesamtraum regional gegliedert ist. Dies zeigen die Disparitätskennziffern in Tabelle 3.2, die den höchsten durch den niedrigsten Regionalwert (jeweils in Euro) dividieren, und zwar (a) für die über 400 deutschen Kreise und kreisfreien Städte und (b) für die auf Basis der Kreise gebildeten knapp 100 Raumordnungsregionen. Tabelle 3.2: Disparitäten in Deutschland für Kreise und Raumordnungsregionen BIP je Beschäftigten (2007) verfügbares Einkommen pro Kopf (2007) Deutschland: (a) 2,8 (b) 1,8 Deutschland: (a) 2,1 (b) 1,9 Westdeutschland: (a) 2,7 (b) 1,6 Westdeutschland: (a) 1,9 (b) 1,5 Ostdeutschland: (a) 1,7 (b) 1,3 Ostdeutschland: (a) 1,3 (b) 1,4 Neben der Bandbreite zwischen dem höchsten und niedrigsten Regionalwert interessiert bei der regionalen Verteilung der Produktivitäts- und Einkommenskennziffern, welche großräumigen Unterschiede in Europa und Deutschland bestehen und ob es ein ausgeprägtes (Zentrum-Peripherie-) Gefälle zwischen den hoch verdichteten Agglomerationen und dem ländlichen Raum gibt. Für die deutschen Raumordnungsregionen werden die regionalen Unterschiede anhand der Abbildungen 3.10 und 3.11 für das BIP je Beschäftigten und das verfügbare Einkommen pro Kopf sichtbar. 3. Grundzüge der Raumstruktur 59 Abbildung 3.10: Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen in Deutschland 2007 Bruttoinlandsprodukt in Tsd. Euro 2007 (zu Preisen von 2007) je Erwerbstätigem 2007 für die deutschen Raumordnungsregionen Regionale Zuordnung des Bruttoinlandsproduktes und der Erwerbstätigen nach dem Produktions- bzw. Arbeitsort. Daten des Arbeitskreises „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder“ (Statistisches Amt der Länder, 2010). 60 I. Daten und Fakten Abbildung 3.11: Verfügbares Einkommen pro Kopf in Deutschland 2007 Verfügbares Haushaltseinkommen in Preisen von 2007 (in Tsd. Euro) bezogen auf die Bevölkerung 2007 für die deutschen Raumordnungsregionen Regionale Zuordnung des verfügbaren Einkommens und der Bevölkerung nach dem Wohnort. Daten des Arbeitskreises „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder“ (Statistisches Amt der Länder, 2010). Auffälligstes Merkmal ist das eindeutige West-Ost-Gefälle der Produktivität: Neben Berlin gelingt es nur drei weiteren ostdeutschen Regionen, in die untere Skala der westdeutschen Regionen einzudringen. Innerhalb Westdeutschlands besteht ein Süd- Nord-Gefälle, das im Norden allerdings durch hohe Werte für die Agglomerationen Hamburg, Bremen und Hannover relativiert wird. Die Regionen mit der höchsten Produktivität sind München und Frankfurt. 3. Grundzüge der Raumstruktur 61 Beim verfügbaren Einkommen pro Kopf ändert sich das Bild gegenüber der Produktivität in einzelnen Regionen, aber nicht im Gesamteindruck. Wiederum dominiert das West-Ost-Gefälle: Nur die „reichste“ ostdeutsche Region im Westen Berlins (mit dem Zentrum Potsdam) bleibt vor der „ärmsten“ westdeutschen Region (Ostfriesland). Die Regionen München, Garmisch (Alpenrand) und Stuttgart liegen an der Spitze. Während die Produktivität im Großraum um München und im Raum zwischen Frankfurt und Karlsruhe sehr hoch ist, erreicht das pro Kopf-Einkommen vor allem in weiten Teilen Baden-Württembergs ein hohes Niveau. Für die EU gilt ebenso wie für Deutschland, dass die regionalen Unterschiede umso größer ausfallen, je feiner die regionale Gliederung gewählt wird. Eingangs wurde für die über 1.300 NUTS 3-Regionen beim Unterschied zwischen den Durchschnitten der zehn höchsten und der zehn niedrigsten regionalen BIP pro Kopf-Werte 2007, gemessen in Kaufkraftstandards (KKS), ein Faktor von über 15 genannt. Für die größeren NUTS 2-Regionen (ca. 270 in der EU) lag dieser Faktor 2007 gemessen an den fünf reichsten und fünf ärmsten Regionen unter neun und damit immer noch weitaus höher als bei den deutschen Raumordnungsregionen. Misst man das BIP pro Kopf der EU Regionen ebenso wie in Deutschland in Euro und nicht in Kaufkraftstandards, sind die regionalen Divergenzen in Europa deutlich ausgeprägter als bei der Messung in KKS. Beim Vergleich der zehn reichsten mit den zehn ärmsten europäischen Regionen erhöht sich der Faktor im Jahr 2007 von 14 (KKS) auf 36 (in Euro). Mit der Verwendung von Kaufkraftstandards (KKS), die die Kaufkraftunterschiede aufgrund verschiedener Preisniveaus zwischen den europäischen Regionen eliminieren, werden die regionalen Unterschiede der Wirtschaftsleistung pro Kopf innerhalb Europas also deutlich kleiner ausgewiesen als bei der Messung in Euro (Eurostat, 2010). Auf europäischer Ebene wird ein eindeutiges und starkes Gefälle zwischen den zentral gelegenen Regionen der „alten“ EU und den neuen mittelosteuropäischen Regionen sowie ein (schwächeres) Zentrum-Peripherie-Gefälle sichtbar: Die Randregionen (in Portugal, Griechenland, Schottland, Süditalien und Spanien) haben geringere BIP pro Kopf-Werte als das europäische Zentrum. Durchbrochenwird dieses Bild nur von einigen produktiven und einkommensstarken Regionen in Skandinavien und Irland. Am höchsten sind die BIP pro Kopf- und Produktivitätskennziffern im Kerngebiet der alten EU und dort vor allem in herausragenden Agglomerationen (London, Paris, Brüssel, Amsterdam) sowie in Süddeutschland und Norditalien. Neben den großräumigen Unterschieden zeigt sich in Deutschland ein Produktivitätsund Einkommensgefälle von den Agglomerationen zu den verstädterten und ländlichen Räumen, das allerdings je nach dem gewählten Einkommensindikator und für West- und Ostdeutschland unterschiedlich ausgeprägt ist. In Westdeutschland war die Produktivität im Jahr 2007 in den Agglomerationen (ohne Montanregionen) im Durchschnitt um 17% höher als in den übrigen Regionen, bei den Arbeitnehmereinkommen (Löhne und Gehälter je Arbeitnehmer) lag der Unterschied bei 13% und bei den verfügbaren Einkommen pro Kopf bei 11%. Die Werte der verstädterten Regionen lagen dabei nur geringfügig über denen der ländlichen Regionen. 62 I. Daten und Fakten Abbildung 3.12: Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in der EU 2006 Bruttoinlandsprodukt in Tsd. KKS (Kaufkraftstandards) für das Jahr 2006 (KKS von 2006) pro Kopf der Bevölkerung für die NUTS2-Regionen der Europäischen Union Regionale Zuordnung des Bruttoinlandsproduktes nach dem Produktionsort und der Bevölkerung nach dem Wohnort. Daten des Statistischen Amtes der Europäischen Union (Eurostat, 2010). Die Daten für Norwegen und die Schweiz stammen aus den amtlichen Statistiken der beiden Länder. Für die übrigen Staaten außerhalb der EU wurden keine Werte ermittelt, sie sind in der Abbildung durch Querschraffur dargestellt. In Ostdeutschland war der Vorsprung der Agglomerationen gegenüber den verstädterten und ländlichen Räumen bei der Produktivität und beim verfügbaren Einkommen im Jahr 2007 deutlich geringer als im Westen (3% bei der Produktivität und knapp 5% bei den verfügbaren Einkommen), bei den Löhnen und Gehältern war der Abstand aber ähnlich (11%). Innerhalb der Agglomerationsräume zeigt sich in Westdeutschland sowohl bei der Produktivität als auch bei den Arbeitnehmereinkommen ein starkes Gefälle zwischen den Zentren, dem unmittelbar angrenzenden hoch verdichteten Umland und dem weiter entfernten ländlichen Umland. Das Gefälle, gemessen am Unterschied zwischen dem Zentrum und dem ländlichen Umland, lag 2007 bei der Produktivität 3. Grundzüge der Raumstruktur 63 (BIP je Erwerbstätigen) bei 25%, bei den Arbeitnehmereinkommen bei 28%, und bei den Löhnen und Gehältern in der Industrie sogar bei 45%. Dagegen war der Unterschied bei den verfügbaren Einkommen pro Kopf gering, er lag bei 10%. Auch für die verstädterten Regionen ist ein Gefälle zwischen Zentrum undUmland bei der Produktivität und den Löhnen sichtbar, es ist aber deutlich geringer als das Gefälle innerhalb der Agglomerationen, und beim verfügbaren Einkommen ist kein Gefälle erkennbar. In Ostdeutschland bestand 2007 innerhalb der Agglomerationsräume bei der Produktivität nur ein geringes Gefälle zwischen Zentren und Umland, bei den Arbeitnehmereinkommen lag es bei 20% (in der Industrie sogar bei 44%), und bei den verfügbaren Einkommen gab es keinen Unterschied innerhalb der Agglomerationen. Fazit: Die räumlichen Unterschiede sind bei der Produktivität und den Arbeitnehmereinkommen größer als beim verfügbaren Einkommen pro Kopf – dies gilt sowohl im Vergleich der Agglomerationen mit den ländlichen Räumen als auch innerhalb der Agglomerationen zwischen Zentrum und Umland. In Ostdeutschland bestehen diese räumlichen Unterschiede bei den Löhnen ebenfalls, bei der Produktivität und den verfügbaren Einkommen sind sie aber deutlich geringer als bei den Löhnen. In Westdeutschland wird auf Kreisebene außerdem eine hohe positive Korrelation zwischen der Produktivität und den Arbeitnehmereinkommen pro Kopf gemessen, sie lag 2007 bei +0,8, die Löhne und Gehälter orientieren sich also recht stark an der Produktivität. Dieser Zusammenhang ist in Ostdeutschland bislang deutlich schwächer, die Korrelation lag 2007 nur bei +0,3. Untersuchungen, die am Gefälle von Produktivität und Arbeitseinkommen zwischen städtischen Zentren und ihrem Umland bzw. dem ländlichen Raum ansetzen, zerlegen den empirisch in vielen Ländern nachgewiesenen Vorsprung der Städte und insbesondere der Agglomerationsräume bei Produktivität und Entlohnung in verschiedene Komponenten. Ein systematischer Vorsprung der Agglomerationen gegenüber dem kleinstädtischen und ländlichen Raum besteht bei der Ausstattung mit hochwertigen Arbeitsplätzen in den Bereichen Management, Unternehmensdienste, Verwaltung und Bildung und bei Forschung und Entwicklung. Im Zusammenwirken der Komponenten ergibt sich in den Agglomerationsräumen ein höherer Bestand an Humankapital, ein besserer Zugang zuWissen und eine höhere Forschungs- und Innovationsintensität. Darüber hinaus sind die Firmen in den Agglomerationsräumen im Durchschnitt größer und das Preisniveau ist dort höher als im ländlichen Raum. Die genannten systematischen Unterschiede zwischen den großen Städten und den übrigen, vor allem den ländlichen Räumen lassen sich für Deutschland nachweisen. Die Mehrzahl der Agglomerationsräume sind auf hochwertige, d. h. produktive und hoch entlohnte Arbeitsplätze aus den Bereichen Management, Verwaltung, Finanzund Unternehmensdienstleistungen, Forschung und Entwicklung oder Hochschulen spezialisiert, und innerhalb der Agglomerationen sind diese Arbeitsplätze auf ihre Zentren konzentriert. Entsprechend hoch sind dort der Anteil der Hochqualifizierten und die Entlohnung pro Kopf. Die höhere Qualifikation der Arbeitskräfte in den Agglomerationen und besonders in ihren Zentren ist gleichzeitig ein Resultat eines räumlichen Sortierprozesses der Arbeitskräfte – die Hochqualifizierten bevorzugen große Arbeitsmärkte mit einem vielfältigen Angebot hochwertiger Arbeitsplätze, das 64 I. Daten und Fakten ihnen viele Exit-Optionen garantiert. Agglomerationen und insbesondere ihre Zentren haben allerdings auch ein höheres Preisniveau als geringer verdichtete Räume, das gilt insbesondere bei den Wohnkosten aufgrund höherer Mieten und Grundstückspreise. Dieser Faktor geht zumindest teilweise in die Nominalentlohnung ein. Tabelle 3.3: Qualität der Arbeitsplätze und Preisniveau in Deutschland nach Raumtypen Merkmal Indikator Agglomerationsräume Verstädterte Räume Ländliche Räume Arbeitsplätze in wissensintensiven Unternehmensdienstleistungen Anteil der Beschäftigten in wissensintensiven Unternehmensdienstleistungen an allen abhängig Beschäftigten in % (2007) West: 7,2% Ost: 6,7% 4,1% 4,5% 3,5% 4,2% Arbeitsplätze mit hoch qualifizierten Arbeitskräften Anteil der Beschäftigten mit Hoch- und Fachhochschulabschluss an allen abhängig Beschäftigten in % (2007) West: 11,5% Ost: 13,3% 7,5% 10,3% 5,4% 8,5% Regionales Preisniveau Regionaler Preisindex auf Basis von Preisdaten 2005–2009 Indexzahlen (Deutschland = 100) West:103,9 Ost: 97,3 98,3 93,6 96,4 93,3 Datenquellen: „Laufende Raumbeobachtung“ des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR); Regionaler Preisindex: Eigene Auswertung auf Basis einer Analyse des BBSR zum regionalen Preisniveau. Quelle: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (2009). Ist über diese Einflüsse hinaus aber noch ein echter Lohnvorsprung der Agglomerationsräumemessbar? Führt die räumliche Konzentration derWirtschaft zu einem produktiveren Einsatz der Arbeitskräfte und damit zu einer höheren Entlohnung in den Städten gegenüber dem ländlichen Raum selbst dann, wenn es sich beim Vergleich um gleiche Jobs und gleiche Merkmale (insbesondere Qualifikationen) der Beschäftigten handelt? Einen solchen Lohnvorsprung bezeichnet man als städtische Lohnprämie. Falls man eine positive städtische Lohnprämie beobachtet, würde sie anzeigen, dass Agglomerationsvorteile die Arbeit bei gegebener Qualifikation produktiver machen. Empirische Analysen zur städtischen Lohnprämie zeigen zunächst, dass die unkorrigierten Lohnunterschiede zwischen Städten und dem ländlichen Raum in den Vereinigten Staatenmit über 30% deutlich höher sind als in den europäischen Kernländern, in Deutschland liegen sie bei ca. 25%. Berücksichtigt man die genannten strukturellen Unterschiede, bleibt aber immer noch ein Vorsprung, also eine städtische Lohnprämie bestehen, die z. B. in Deutschland je nach Beschäftigtengruppen zwischen 3% und 25% liegt (vgl.Abschnitt 7.2). Ein weiteres Element der ökonomischen Leistungsfähigkeit von Regionen stellt die Innovationsintensität dar, gemessen an dem personellen und finanziellen Einsatz in Forschung und Entwicklung (FuE) bis hin zu FuE-Ergebnissen, etwa in Form neuer angemeldeter Patente oder neuer Produkte. In den hoch entwickelten Volkswirtschaften ist eine starke Tendenz zur räumlichen Konzentration der Innovationsaktivitäten erkenn- 3. Grundzüge der Raumstruktur 65 bar, ein Hinweis auf die Bedeutung von Agglomerationsvorteilen für die Entstehung undWeitergabe vonWissen, sei es durch die Privatwirtschaft, durchHochschulen und Forschungseinrichtungen oder durchKooperationen beider Ebenen (vgl.Kapitel 9). Bei der Verteilung der Innovationspotentiale in Europa überlappen sich zwei Effekte: Neben einem ausgeprägten Nord-Süd-Gefälle ist zusätzlich ein Zentrum-Peripherie- Gefälle erkennbar. Die Innovationspotentiale der Wirtschaft sind dabei weitaus stärker als die wirtschaftlichen Aktivitäten insgesamt auf die europäischen Verdichtungsräume konzentriert. Diese starke räumliche Konzentration ist sowohl europaweit als auch innerhalb der einzelnen Mitgliedsländer auf die Standorte von Großunternehmen zurückzuführen, die einen großen Teil des FuE-Personals einsetzen (Gemeinschaftsgutachten, 2000). Die FuE in der Privatwirtschaft ist in Deutschland zwar räumlich gleichmäßiger verteilt als in anderen EU-Ländern, sie ist aber wie in Europa erheblich stärker auf die Agglomerationen konzentriert als die gesamte wirtschaftliche Aktivität. Während die industrielle Produktion in Deutschland eine leichte räumliche Dekonzentrationstendenz zeigt, hat die im Vergleich bereits hohe räumliche Konzentration wirtschaftlicher FuE noch weiter zugenommen. In Deutschland zeigt sich parallel zur relativ gleichmäßigen Verteilung der Bevölkerung eine eher polyzentrische Struktur wirtschaftlicher FuE-Kapazitäten. Dabei besteht hier neben dem Zentrum-Peripherie-Gefälle ein starkes West-Ost- und ein Süd-Nord-Gefälle, wobei die Unterschiede zwischen dem Süden und dem Norden vor allem auf die Situation in den Ballungsräumen in Süd- und Norddeutschland zurückzuführen sind. Die betriebliche FuE etablierte sich in der deutschen Nachkriegsgeschichte verstärkt im süddeutschen Raum, speziell im Großraum München sowie im Raum Stuttgart, in der Rhein-Main- und der Rhein-Neckar-Region. Diese Regionen vereinigen fast 40% des gesamten deutschen FuE-Personals auf sich. Typischerweise verfügen sie über eine breite Palette von Hoch- und Spitzentechnologien und sind weniger auf einzelne, enge Innovationsnischen spezialisiert – ihr Wissens- und Technologieportfolio ist also relativ umfassend ausgerichtet. Die breite technologische Kompetenz der innovativen Verdichtungsräume basiert somit eher auf Urbanisations- als auf speziellen Lokalisationsvorteilen. Diese vielfältige technologische Ausrichtung wird ebenso wie die im europäischen Vergleich breitere räumliche Verteilung in Deutschland als Stärke gesehen. Insbesondere verringern diese Eigenschaften die Risiken, die durch den Reifeprozess einzelner Produktkategorien oder Technologien im Zuge ihres Lebenszyklus auf hoch spezialisierte Regionen einwirken können (Gemeinschaftsgutachten, 2000). In Deutschland sind Management (und Verwaltung) und FuE in Relation zur Fertigung überdurchschnittlich in den Zentren vertreten, und die Relationen Management zu Fertigung und FuE zu Fertigung nehmen in den Agglomerationskernen in der Zeit weiter zu. Allerdings nimmt die Relation FuE zu Fertigung weniger stark zu als die Relation Management zu Fertigung. Dies folgt der Hypothese, dass Ingenieure – anders als Management und Verwaltung – häufiger der Fertigung folgen müssen, also auch in Räume abseits der Agglomerationskerne gehen, weil zwischen Forschung und Produktion in vielen Hochtechnologiebereichen direkte persönliche Kontakte erforderlich sind. Dagegen kann die Zusammenarbeit Management-Fertigung 66 I. Daten und Fakten unter Nutzung moderner Informations- und Kommunikationssysteme an zwei Standorten funktionieren, Management und Verwaltung können also auch bei Verlagerung der Fertigung an städtischen Standorten verbleiben (Dohse et al., 2005). Tabelle 3.4: Innovationsintensität in Deutschland nach Raumtypen Merkmal Indikator Agglomerationsräume Verstädterte Räume Ländliche Räume Arbeitsplätze in Forschung und Entwicklung (FuE) Beschäftigte in FuE je 1000 abhängig Beschäftigte (2005) West: 15,1 Ost: 8,2 10,6 4,1 7,3 3,4 Patentintensität Patentanmeldungen (2000–2005) je 1Mio. Erwerbstätige (2005), Indexzahlen (Deutschland = 100) West: 122,2 Ost: 34,3 111,9 42,8 83,1 24,8 FuE-Beschäftigte: „Laufende Raumbeobachtung“ des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), FuE-Daten des Stifterverbands für die DeutscheWissenschaft; Patentintensität: Eigene Auswertung auf der Basis von Patentdaten aus dem Patentatlas des Deutschen Patent- und Markenamtes. Quelle: Schmiedl, D., Niedermeyer, G. (2006). Auch die öffentlichen FuE-Kapazitäten sind in Deutschland – begünstigt durch das föderative Staatssystem und eine von den Ländern mitgestaltete Wissenschafts- und Technologiepolitik – großräumig gleichmäßiger verteilt als in vergleichbaren EU-Ländern. Sie sind innerhalb Deutschlands auch gleichmäßiger verteilt als die FuE-Kapazitäten der Privatwirtschaft, und das ausgeprägte Süd-Nord-Gefälle der FuE-Aktivitäten der Wirtschaft bestätigt sich bei den öffentlichen Kapazitäten nicht. Europaweit zeigt sich, dass Regionen mit hohem personellen und finanziellen FuE- Einsatz meist auch die führenden Patentanmelder sind. Die FuE-intensivsten Regionen haben auch bei der Patentierung eine breite technologische Ausrichtung, regionale Spezialisierungen sind eher die Ausnahme. Der Spitzentechnologiewettbewerb wird dabei zwischen denMetropolregionen ausgetragen, während die übrigen Regionen eher im Wettbewerb um mittlere Technologien stehen, sie sind in der Regel auch stärker auf einzelne technologische Nischen spezialisiert. Auch in Deutschland ist das Patentaufkommen stark auf die Verdichtungsräume im Süden und Westen konzentriert, der Norden und vor allem der Osten des Landes fallen deutlich zurück. Trotzdem ist die räumliche Verteilung in Deutschland auch bei den Patenten gleichmäßiger als in anderen EU-Ländern. 3.6 Produktivität und Einkommen: Räumliche Konvergenz oder Divergenz Welche Regelmäßigkeiten lassen sich ausmachen, wenn man die Veränderung der pro Kopf-Einkommen im Zeitverlauf betrachtet? Hier interessiert man sich vornehmlich für die Frage nach Konvergenz bzw. Divergenz: Nehmen die Abstände der pro Kopf-Einkommen im Zeitverlauf zu oder ab? 3. Grundzüge der Raumstruktur 67 Eine eindeutige Antwort zur Konvergenz-/Divergenz-Diskussion liefern weder Theorie noch Empirie. Die NeueWachstumstheorie oder die Neue Ökonomische Geographie äußern sich hinsichtlich der Frage nach Konvergenz oder Divergenz ambivalent, anders als die traditionelle neoklassische Wachstumstheorie: Sie betont die Dominanz der Konvergenzkräfte, die durch eine Erhöhung der Faktormobilität und den Abbau von Handelshemmnissen sogar noch verstärkt werden. Auch die empirische Wirklichkeit zeigt offenbart ein Nebeneinander von Konvergenz und Divergenz, die von regionalpolitischen Impulsen bereinigten Prozesse können wir ohnehin nicht beobachten, und verschiedene Messkonzepte liefern abweichende Befunde (Barro, Sala-i-Martin, 1991). Bei der Messung von Konvergenz oder Divergenz muss ein geeigneter Indikator der regionalen Wirtschaftsleistung ausgewählt und eine Vorschrift festgelegt werden, mit der auf Annäherung oder auf zunehmende regionale Unterschiede des Merkmals geschlossen werden kann. Was ist eine Annäherung? In wachsenden Volkswirtschaften kann sich z. B. das Verhältnis regionaler Leistungskennziffern zueinander in der Zeit dem Wert eins annähern und ihr absoluter Abstand kann dennoch zunehmen. Tatsächlich stellt die Messung meist auf relative und nicht auf absolute Abstände ab. Indikatoren räumlicher Konvergenz oder Divergenz werden als Konvergenzkriterien bezeichnet. Üblicherweise konzentriert man sich dabei auf Indikatoren der regionalen Produktivität, der Wirtschaftskraft oder der Einkommen. Im Folgenden sei dieser regional und zeitlich spezifizierte Indikator vereinfacht als „pro Kopf-Einkommen“ bezeichnet und mit dem Symbol yrt gekennzeichnet (für r ¼ 1; :::; n Regionen und t ¼ 0; :::; T Jahre). Unter den empirischen Methoden, mit denen das regionale pro Kopf-Einkommen über die Zeit verfolgt wird, gibt es rein deskriptive Konzepte und solche, die auf einem theoretischen Modell aufbauen. Der optische Eindruck, den ein Vergleich zweier Regionalkarten liefert – eine Karte mit den Ausgangswerten der pro Kopf-Einkommen in t ¼ 0, die andere mit ihrer Entwicklung über die Zeit (von 0 bis T ) – mag erste Hinweise auf Konvergenz oder Divergenz geben: Gehen hohe regionale Ausgangswerte systematisch eher mit einer günstigen oder einer ungünstigen Entwicklung einher (was auf Divergenz oder Konvergenz hindeutet), oder ist keine derartige Systematik erkennbar? Eine deskriptive Messzahl ist das Konzept der Sigma-Konvergenz. Das Maß (Sigma) misst für ein Jahr t die Standardabweichung der logarithmierten pro Kopf-Einkommen yr über die Regionen. Man nimmt nicht die pro Kopf-Einkommen selbst, sondern ihre Logarithmen, weil man auf die relativen und nicht die absoluten Unterscheide abstellt (Beachte: Wenn für zwei Regionen r und s die Relation yrt yst= in der Zeit unverändert bleibt, ändert sich in den logarithmierten Größen die Differenz nicht). Man spricht von -Konvergenz ( -Divergenz), wenn t im Zeitverlauf sinkt (zunimmt). Die deskriptive -Konvergenz ist von der Beta-Konvergenz ( -Konvergenz) zu unterscheiden, die auf Basis der Grundaussagen der traditionellen neoklassischen Wachstumstheorie entwickelt wurde. Die unbedingte -Konvergenz prüft, ob es eine statistisch signifikante Angleichungstendenz gibt undwie stark diese gegebenenfalls ist. Es 68 I. Daten und Fakten gibt neben diesem Konzept auch das der bedingten -Konvergenz, das uns hier jedoch zunächst nicht weiter interessiert. Was -Konvergenz bedeutet, sieht man am besten an der Abbildung 3.13.Auf der Abszisse stehen die pro Kopf-Einkommen in einem Ausgangsjahr (hier das Jahr 1998), und zwar in Logarithmen. Gleiche Abstände auf der Abszisse bedeuten gleiche Relationen der Ausgangswerte. Auf der Ordinate stehen die durchschnittlichen jährlichen Wachstumsraten (hier für den Zeitraum 1998–2007). Jeder Punkt stellt den Ausgangswert und die Entwicklung einer NUTS 3-Region der EU dar. Ein Punkt links oben kennzeichnet eine Region mit geringem Ausgangsniveau und mit hohem Wachstum, ein Punkt rechts unten eine Region mit hohem Ausgangsniveau und geringem Wachstum. Konvergenz heißt offenbar, dass die Punkte tendenziell auf einer fallenden Linie liegen, denn dann wachsen die Regionen, die anfangs relativ arm waren, schnell, und diejenigen, die anfangs relativ reich waren, wachsen dagegen langsam. Arm und Reich bewegen sich also aufeinander zu. Natürlich ist nicht zu erwarten, dass alle Punkte genau auf einer Linie liegen. Eine Tendenz lässt sich aber identifizieren, indem man eine Regressionsgerade durch die Punktwolke legt. Ist ihre Steigung signifikant negativ (positiv), sprechen wir von signifikanter -Konvergenz ( -Divergenz). In unserem Falle liegt signifikante -Konvergenz vor. Die sogenannte Konvergenzrate ist ein Maß dafür, wie schnell die Regionen sich aufeinander zu bewegen. ist eine Rate gemessen pro Jahr. Üblicherweise gibt man das 100fache in Prozent pro Jahr an: ¼ 100 . Eine Konvergenzrate von ¼ 2% pro Jahr bedeutet z. B., dass sich die relativen Abstände der Regionen tendenziell um 2% pro Jahr verringern. Die empirische Formulierung der -Konvergenz führt zu der folgenden stochastischen Gleichung, deren Parameter mit einer linearen (OLS-) Regression geschätzt werden können. logðyrT =yr0Þ ¼ log yrT log yr0 ¼ 0 þ 1 log yr0 þ "r; mit r ¼ 1; :::; n Regionen, 0 = Ausgangsjahr, T= Endjahr, "r= Störvariable. Die jährliche Wachstumsrate des pro Kopf-Einkommens ist dann 1=Tð Þ logðyrT =yr0Þ. Bei Vorliegen von -Konvergenz wird man für 1 einen signifikant negativenWert erwarten, bei Divergenz entsprechend einen positiven Wert. Wenn die Hypothese 1 ¼ 0 aufgrund der Regression nicht verworfen werden kann, liegen offenbar weder gesicherte Befunde für Konvergenz noch für Divergenz vor. Der Schätzwert für 1 kann mit der Formel b ¼ logð1þ 1Þ=T in die -Konvergenzrate (pro Jahr) umgerechnet werden, und mit der Formel h ¼ ð log 0:5Þ= wird daraus die Halbwertszeit der Konvergenz berechnet (sofern 1 signifikant positiv ist). Die Halbwertszeit ist der Zeitraum in Jahren, der bei einer Konvergenzrate von benötigt wird, damit sich der relative Abstand zwischen den regionalen pro Kopf-Einkommen und ihrem langfristigen Gleichgewichtswert und damit auch der relative Abstand zwischen den pro Kopf-Einkommen aller Regionen halbiert. Die Halbwertszeitberechnung kann näherungsweise auch mit der 70-Regel erfolgen: h 70= . Eine Konvergenzrate von 2% pro Jahr entspricht dann einer Halbwertszeit von 35 Jahren. 3. Grundzüge der Raumstruktur 69 Neben der unbedingten -Konvergenz ist auch die bedingte -Konvergenz Gegenstand empirischer Analysen in Form von Konvergenzregressionen. Dabei geht man davon aus, dass die Regionen nicht gleiche oder ähnliche, sondern unterschiedliche Produktions- und Standortbedingungen aufweisen. Ihre pro-Kopf-Einkommen nähern sich dann – so die Aussage der neoklassischen Wachstumstheorie – ihrem jeweils eigenen langfristigen Gleichgewicht. In der empirischen Umsetzung folgt daraus, dass die stochastische Konvergenzgleichung um weitere Merkmale ergänzt wird, die etwas über die regionsspezifischen Bedingungen aussagen. Eine solche Regression kann zwar über regionale Faktoren Aufschluss geben, die die regionale Einkommensentwicklung beeinflussen, mit der ursprünglichen Konvergenzvorstellung hat die bedingte -Konvergenz aber im Grunde nichts mehr zu tun, denn sie lässt durchaus zu, dass sich die regionalen Einkommen untereinander in der Zeit nicht annähern. Die Clubkonvergenz nimmt eine Position zwischen der (unbedingten) Konvergenzaussage für alle Regionen und dem auf jede einzelne Region ausgerichteten Konzept der bedingten Konvergenz ein. Sie unterstellt, dass sich die Produktions- und Standortbedingungen zwischen einzelnen Regionsgruppen unterscheiden, dass sie aber innerhalb der Gruppen gleich oder ähnlich sind. Nun kann empirisch geprüft werden, ob zumindest innerhalb der einzelnen Clubs eine unbedingte -Konvergenz vorliegt. Benachbarte Regionen haben häufig ähnliche Werte für das pro Kopf-Einkommen im Ausgangsjahr und für die Entwicklung dieser Größe. Sie haben also einen gemeinsamen Konvergenzpfad, weil Interaktionen und Ausbreitungsprozesse (Spillovers) zwischen benachbarten Regionen enge Zusammenhänge räumlicher Entwicklungen hervorrufen. Eine solche räumliche Autokorrelation kann im Rahmen der Konvergenzregression durch darauf abgestimmte Schätzmodelle berücksichtigt werden. Langfristige Analysen auf Basis der -Konvergenz überspannen einen Zeitraum ab 1860 für diejenigen europäischen Staaten, die in den 1990er Jahren der EU angehörten: Während bis 1940 noch keine nennenswerte Konvergenz der nationalen pro Kopf-Einkommen erkennbar ist, wird die moderne Epoche nach dem Zweiten Weltkrieg von Konvergenz der westeuropäischen Staaten geprägt. Differenziert man die EU weiter nach Regionen, werden für die Zeit 1950 bis 1990 Teilperioden mit unterschiedlicher -Konvergenz sichtbar. Über alle EU-Regionen lag die Konvergenzrate in den 1950er Jahren unter 1%, gefolgt von den 1960er Jahren mit relativ starker Konvergenz bei einer Rate um 3% (Halbwertszeit ca. 25 Jahre). In den 1970er und 1980er Jahren lag die Konvergenzrate dann wieder bei knapp über 1% (Halbwertszeit 50–60 Jahre) (Armstrong, 1995). Die in neueren Konvergenzstudien für Europa untersuchte Periode umfasst einen Zeitraum, der ab Mitte der 1990er Jahre durch eine Neuorientierung der mittelosteuropäischen Staaten und ihre Vorbereitung auf den Eintritt in die EU (2004 bzw. 2007) geprägt war. Im Zuge dieses Wandels der europäischen Wirtschaftslandschaft hat sich offenbar wieder eine Konvergenzverstärkung eingestellt. Betrachtet man alle NUTS 3-Regionen der aktuellen EU, so ergibt sich aus einer Konvergenzregression über die Periode 1998–2007 eine -Konvergenzrate von ca. 3% (Halbwertszeit etwa 23 Jahre). Als Gesamtbild zeigt sich für Europa in den Jahren nach 1960 also ein Uförmiger Verlauf der Konvergenzgeschwindigkeit. 70 I. Daten und Fakten Die Abbildung 3.13 zeigt, dass hinter dem Konvergenzbefund der Periode 1998 bis 2007 in erster Linie eine Annäherung der Einkommen in den EU-Beitrittsländern an diejenigen in der alten EU steht. So war die Konvergenzrate innerhalb der Regionen der alten EU im genannten Zeitraum mit 1,6% (Halbwertszeit 42 Jahre) ebenso wie innerhalb der Regionen der neuen EU-Länder (1,9%, Halbwertszeit 37 Jahre) deutlich geringer als für den gesamten Querschnitt aller EU-Regionen. Außerdem wird die herausragende Position vieler europäischer Hauptstadtregionen sichtbar, die häufig die einkommensstärksten Regionen ihrer Länder sind und sich darüber hinaus auch in ihrer Entwicklung positiv vom Landesdurchschnitt abheben. Ergänzt man das Gesamtbild um Konvergenzanalysen innerhalb der einzelnen EU-Länder, zeigt sich, dass der Konvergenzprozess im Gebiet der aktuellen EU seit Mitte der 1990er Jahre durch eine Annäherung der Länder gekennzeichnet ist, während innerhalb der Länder konvergente, häufig aber auch divergente Prozesse zu beobachten sind. Zusätzlich wird die Verstärkung der Position der Hauptstadtregionen insbesondere in einigen der Beitrittsländer sichtbar. AbMitte der 1990er Jahre sind die Konvergenzbefunde angesichts der Neuorientierung Mittelosteuropas und der EU-Erweiterung also vielschichtig und nicht in eine einzige These zu fassen. Abbildung 3.13: Konvergenz in Europa? Bruttoinlandsprodukt pro Kopf: Entwicklung 1998–2007 in den NUTS3-Regionen der EU Regionen werden getrennt für Westeuropa WE (EU15) und Mittel- und Osteuropa MOE ausgewiesen, die Hauptstadtregionen HS werden jeweils gesondert dargestellt. Bruttoinlandsprodukt in Tsd. Euro (in jeweiligen Preisen) pro Kopf der Bevölkerung der Jahre 1998 und 2007, regionale Zuordnung des Bruttoinlandsproduktes nach dem Produktionsort und der Bevölkerung nach dem Wohnort. Daten des Statistischen Amtes der Europäischen Union (Eurostat, 2010) für die NUTS2-Regionen. Entwicklungskennziffer: Durchschnittliche jährliche Wachstumsraten des BIP pro Kopf in % 3. Grundzüge der Raumstruktur 71 Konvergenzanalysen für Deutschland sind vor demHintergrund einer gegenüber Europa deutlich geringeren Bandbreite der regionalen Einkommen zu betrachten. Dies gilt insbesondere für die langfristige Entwicklung der westdeutschen Regionen. In den 1970er und 1980er Jahren wird für die westdeutschen Raumordnungsregionen zwar eine konvergierende Produktivitätsentwicklung (Bruttoinlandsprodukt je Beschäftigten) bestätigt, sie war aber z. B. in den Jahren 1976 bis 1987 mit einer Konvergenzrate von knapp 1% (Halbwertszeit ca. 70 Jahre) nur schwach ausgeprägt. Bei Untersuchungen für alle Regionen in West- und Ostdeutschland ist eine Periode zu wählen, die nicht mehr auf die ersten Jahre unmittelbar nach der Wiedervereinigung zurückgreift, welche von starken Sondereffekten im Zuge des Transformationsprozesses geprägt waren. Der Zeitraum 1996 bis 2007 weist für Deutschland ein zweigeteiltes Konvergenzbild aus: Zwischen Ost- und Westdeutschland ist in dieser Periode Konvergenz nachweisbar, dagegen ist innerhalb der beiden Gebiete kaum eine Konvergenz zu sehen. Abbildung 3.14: Konvergenz in Deutschland? Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen: Entwicklung 1996–2007 in den deutschen Raumordnungsregionen. Die Regionen werden getrennt für West- und Ostdeutschland dargestellt. Bruttoinlandsprodukt in Tsd. Euro (in jeweiligen Preisen) je Erwerbstätigen der Jahre 1996 und 2007, regionale Zuordnung des Bruttoinlandsproduktes und der Erwerbstätigen nach dem Produktions- bzw. Arbeitsort. Entwicklungskennziffer: Durchschnittliche jährlicheWachstumsraten des BIP je Erwerbstätigen in %. Daten des Arbeitskreises „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder“ (Statistisches Amt der Länder, 2010). 72 I. Daten und Fakten 3.7 Räumliche Interaktionen und das Gravitationsgesetz Eine differenzierte Raumstruktur mit einer unterschiedlichen Verteilung funktionaler Raumnutzungen (Wohnen, Arbeiten, Versorgen, Ausbildung, Freizeit, . . .), mit einer regionalen Spezialisierung auf verschiedene Wirtschaftszweige und verbunden mit regionalen Einkommensunterschieden, findet ihren Niederschlag in Bewegungen von Personen, Gütern und Informationen im Raum. Diese kann man anhand von Verflechtungsmerkmalen, also Merkmalen mit zweifachem Raumbezug (Quelle und Ziel), beobachten. Die Mobilität von Menschen und Gütern geht wiederum mit Verkehrsströmen einher, sie zeigt sich in der Belastung der Verkehrsinfrastruktur und in der verkehrlichen Lagegunst bzw. Erreichbarkeit von Regionen, letztlich also in deren Attraktivität als Wohn- undWirtschaftsstandort. Raumstruktur, Mobilität und Standort- bzw. Wohnortwahl stehen damit in einer interdependenten Beziehung. Bewegungen von Menschen, Gütern, Kapital, Information und Wissen im geographischen Raum finden einmalig, gelegentlich oder regelmäßig statt. Zum Teil sind sie „verbundene“Mobilitäten, wenn z. B. eine Beratungsleistung mit einem persönlichen Kontakt und damit implizit mit der Mobilität von Menschen einhergeht. Räumlich differenzierte Verflechtungsbefunde werden erst dann zu einem Gegenstand der Regionalökonomik, wenn die Raumüberwindung und die damit verbundenen Hemmnisse Zeit und Mühe erfordern, kurz gesagt Kosten verursachen, wenn also Raumüberwindungskosten weder (nahe) Null sind noch unendlich hoch (vollständige Immobilität). Dies ist immer dann der Fall, wenn die räumlichen Interaktionen mit Bewegungen von Gütern und Menschen im Raum verbunden sind, und es gilt umso mehr, wenn es sich um regelmäßige und nicht einmalige Mobilität handelt. Bei der räumlichen Mobilität von Gütern haben Schätzungen für das Jahr 2004 bei grenzüberschreitendem Handel einen mittleren Aufschlag von 120% auf den Ab- Werk-Preis ergeben. Über die Hälfte dieses Aufschlags besteht dabei aus entfernungsabhängigen Handelskosten, und darunter nehmen die Kosten, die durch den Grenz- übertritt und die Überwindung internationaler Hemmnisse entstehen, einen doppelt so hohen Stellenwert ein wie die eigentlichen Transportkosten (Fracht, Zeitaufwand). Letztlich erreichen die Kosten der Überwindung internationaler Hemmnisse im Durchschnitt einen Anteil von knapp 40% des gesamten Handelsaufschlags auf den Ab-Werk-Preis. Dagegen sind die Raumüberwindungskosten bei der räumlichen Übertragung von Informationen und Wissen in modernen Zeiten scheinbar nur noch von geringer Bedeutung – dies gilt aber nur, solange das Wissen explizit und die Übertragung damit „telekommunizierbar“ ist. Dagegen kann implizites, an eine Person gebundenes Wissen nur über persönliche Kontakte übertragen werden, die in vielen Fällen die räumliche Mobilität von Menschen voraussetzen (vgl. Kapitel 4). Räumliche Interaktionen lassen sich mit dem Gravitationsmodell in Anlehnung an Isaac Newtons Gravitationsgesetz der Physik beschreiben (vgl. Kapitel 2). Das Gesetz wurde bereits in den 1940er Jahren als Gravitationsmodell auf verschiedene Bereiche der Sozialwissenschaften übertragen (Social Physics), insbesondere auf die Migrationsforschung (interregionale Wanderung) und auf empirische Analysen des internationalen und interregionalen Handels. 3. Grundzüge der Raumstruktur 73 Das traditionelle deterministische Gravitationsmodell folgt der Formel ars ¼ m 1r m 2s d rs ; ars sind die Interaktionen von r nach s (analog zur Anziehungskraft aij zwischen den Objekten i und j im physischen Gravitationsgesetz),m ist die Masse von r und s, d ist die Distanz zwischen r und s. Die Parameter des Modells sind , 1, 2 und . Für die Distanzfunktion kann an Stelle der Potenzform fðdrsÞ ¼ d rs auch die Exponentialform fðdrsÞ ¼ expð drsÞ verwendet werden. Setzt man für die Interaktionen interregionale Handelsströme ein, so sind die Erklärungsfaktoren auf der Basis des Gravitationsmodells durch die Massen, d. h. durch die ökonomische Größe der betrachteten Regionen bzw. Länder, und durch den Abstand, also die geographische Distanz zwischen den Wirtschaftszentren der Regionen, repräsentiert. Die Größe, häufig gemessen am Bruttoinlandsprodukt, steht für die Angebots- und Nachfragestärke der Quell- und Zielregion, und die Distanz steht für die entfernungsabhängigen Transaktionskosten der Handelsaktivitäten, die aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt sind: Fracht- und Logistikkosten sowie verschiedene Kosten des Grenzübertritts, also des Tatbestands, dass Quell- und Zielregion zwei verschiedenen Ländern angehören (vgl. Abschnitt 4.2 zu Raumüberwindungskosten). Bereits dieses Basismodell ist in der Lage die beobachteten internationalen Handelsströme recht genau abzubilden. Insofern ist es ein Ausgangspunkt zur Untersuchung weiterer Faktoren, die das räumliche Handelsmuster prägen bzw. die Handelsströme positiv oder negativ beeinflussen, negativ durch tarifäre und technische Hemmnisse (Zölle, Quoten, Qualitätsnormen, Währung) sowie durch kulturelle und institutionelle Hemmnisse (Kultur, Sprache, Bürokratie), positiv durch Integrationsmaßnahmen (Handelsabkommen, Präferenzzonen). Außerdem stellt das Gravitationsmodell eine empirische Basis zur Schätzung interregionaler Handelsströme (innerhalb von Staaten) dar, die in den amtlichen Statistiken meist nicht erfasst sind. Für ein empirisches Schätzmodell lässt sich die deterministische Gravitationsformel in eine stochastische Gleichung umwandeln, die in der logarithmierten Form einer einfachen linearen Regression zugänglich ist. logHrs ¼ log þ 1 logYr þ 2 logYs þ 3Grs þ 4 log drs þ "rs; dabei istHrs der Handel von r nach s, Yr ist das Bruttoinlandsprodukt (Masse) der Region r (bzw. der Region s). Grs ist eine „Dummy-Variable“ (Werte: 1 bei Grenzübertritt, 0 bei intranationalem Handel), und "rs ist die Störvariable. Die Parameter sind 1 und 2 für den Einfluss der Masse auf den Handelsstrom (als Elastizität, erwartete Werte: positiv), 3 für den Einfluss des Grenzübertritts auf den Handelsstrom (erwarteter Wert: negativ), und 4 für den Einfluss der Distanz auf den Handelsstrom (erwarteter Wert: negativ). Dabei ist 4= der Distanzwiderstand, ist gemessen als Elastizität. In diesem Regressionsmodell ist die Distanzfunktion in Potenzform definiert. Wenn sie in der Exponentialform angewendet wird, ist der Parameter für den Distanzwiderstand eine Semi-Elastizität. Sie misst den Einfluss einer absoluten Distanzänderung (z. B. in km) auf die relative Änderung des Handelsstroms. 74 I. Daten und Fakten Eine erste Anwendung einer Handelsregression auf Basis der Gravitationsidee entstand in den 1970er Jahren. Sie stellte sich zur Aufgabe, die räumliche Verteilung des Welthandels auf die geographische Distanz, die Existenz von Präferenzzonen (z. B. EU, EFTA) und insbesondere auf Kommunikationskosten zurückzuführen, die beim Handel zwischen Ländern höher sind als beim Handel zwischen Regionen eines Landes. Die Hemmnisse, die beim Handel über mindestens eine Staatsgrenze entstehen und die Kommunikationskosten erhöhen, lassen sich wiederum in Kategorien unterteilen: Unterschiedliche Sprache, kulturelle Unterschiede, unterschiedliche Währung, institutionelle und technische Hemmnisse (abweichende technische Standards) oder Unterschiede in den nationalen Rechtssystemen (Herrmann et al., 1982). Die empirischen Ergebnisse zeigten, dass die geographische Distanz den größten Erklärungsbeitrag zum räumlichen Muster der Welthandelsströme liefert. Die Bedeutung der mit den Kommunikationskosten verbundenen Handelshemmnisse ist, auch im Vergleich zum Erklärungsbeitrag der Präferenzzonen, z. B. bei nicht standardisierten Investitionsgütern, die in kleinen und mittleren Betrieben produziert und exportiert werden, höher einzuschätzen als bei standardisierten, in Massenproduktion und in Großunternehmen hergestellten Gütern. In den 1990er Jahren wurde die Gravitationsanalogie erneut aufgegriffen, um den Handel zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada zu erklären, nun allerdings in tieferer räumlicher Gliederung nach kanadischen Provinzen und amerikanischen Bundesstaaten, also für Ströme innerhalb Kanadas oder der Vereinigten Staaten und für Ströme zwischen den beiden Ländern. Die ersten Befunde für 1988 kamen zu dem verblüffenden Ergebnis, dass die Handelsströme aus der Sicht Kanadas innerhalb des eigenen Landes um das 20fache höher waren als der Handel mit den US- Staaten – ceteris paribus, also bei gleicher Masse (Regionsgröße) und gleicher physischer Entfernung: Überraschend deshalb, weil die Grenze zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten angesichts geringer kultureller, sprachlicher oder institutioneller Unterschiede eher als „harmlos“ gelten kann (McCallum, 1995; Helliwell, 1998). Dieser Schätzung eines Grenzen-Effekts folgten eine ganze Reihe weiterer Untersuchungen mit neueren Daten, unterschiedlichen Ländern und Regionen, verschiedenen Gütergruppen und einer differenzierteren Messung der Hemmnisse bei internationalen Handelsströmen, also bei Handel mit Grenzübertritt. Hemmnisse – oder umgekehrt Ähnlichkeiten oder Gemeinsamkeiten zwischen Ländern – werden anhand folgender Merkmale gemessen: (1) Sprache, (2) Währung, (3) Nachbarschaft (gemeinsame Grenze), (4) Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Präferenzzone, (5) Kultur (Verhaltensnormen, Vorurteile, Religion), (6) technische Barrieren (Normen, Standards), (7) institutionelle und administrative Barrieren (Bürokratie), (8) sonstige Barrieren (z. B. Kriminalität, Korruption). Meist werden die vier oder fünf zuerst genannten Merkmale in der Regression explizit als „Dummy-Variablen“ berücksichtigt, während die weiteren Elemente des „Grenzen-Effekts“ durch eine Dummy-Variable repräsentiert werden, die den Wert Eins bei Grenzübertritt und Null bei intranationalem Handel annimmt. Dabei wird offenkundig, dass die handelsbeschränkenden Effekte, die sich bei der Lieferung über Landesgrenzen ergeben, länderspezifisch sind und über die Zeit variieren. Sie unterscheiden sich außerdem für verschiedene Gütergruppen: Der Grenzen- 3. Grundzüge der Raumstruktur 75 Effekt und damit die Bedeutung der Transaktionskosten nimmt mit dem Organisationsgrad des Marktes und der Homogenität der Güter ab undmit der Substituierbarkeit der Güter zu. Die handelsbeschränkenden Effekte gehen außerdem durch die Wirksamkeit bilateraler oder multilateraler Integrationsmaßnahmen zurück (Freihandelszonen, Zollunion, gemeinsamer Markt mit unbeschränkter Mobilität bis hin zur Währungsunion). Dies konnte sowohl für den Handel zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten als auch für die EU gezeigt werden. So ging der handelsbeschränkende Effekt des Grenz- übertritts im Falle Kanada – Vereinigte Staaten nach Einführung des Free Trade Agreement zwischen den beiden Ländern in den 1990er Jahren deutlich zurück, ebenso für die zehn Kernländer der EU in den 1980er und 1990er Jahren (Helliwell, 2002). ImDurchschnitt der OECD-Länder lag der mit Hilfe von Gravitationsregressionen geschätzte handelsbeschränkende Effekt der Lieferung über die Grenze (im Vergleich zur inländischen Lieferung) Anfang der 1990er Jahre bei knapp 10: Der inländische Handel war also um das Zehnfache höher als der grenzüberschreitende Handel – bei gleicher Regionsgröße und gleicher physischer Distanz zwischen Quell- und Zielregion. Dieser Wert verringert sich für Länder derselben Präferenzzone (EU), für Länderpaare mit derselben Sprache oder mit einer gemeinsamen Grenze, wobei diese Eigenschaften kumulativ wirken. Trotzdem bleibt auch dann noch ein handelsbeschränkender Faktor der Lieferung über eine Grenze bestehen. Der Integrationsprozess hat also langfristig einen Abbau der Hemmnisse erreicht, die beim Handel über Landesgrenzen entstehen. Gleichwohl deuten die geschätzten handelsbeschränkenden Effekte auch nach vielen Integrationsschritten noch aufweiterhin bestehende Hemmnisse des Handels über Ländergrenzen gegenüber dem Güteraustausch innerhalb der Länder hin, es bleiben also Spielräume für weitere Integration bestehen. Ein zweiter Fall für die Anwendung der Gravitationsformel ist dieMobilität vonMenschen. Menschen bewegen sich aus unterschiedlichen Motiven im Raum. Die Bandbreite reicht von einmaliger oder seltener Mobilität, dies betrifft insbesondere den Wechsel des Wohnortes (Migration) oder die jährliche Urlaubsreise, über gelegentliche Mobilität (z. B. Geschäftsreisen, Freizeitmobilität) bis hin zu regelmäßigen, insbesondere täglichen Fahrten zum Arbeitsplatz (Berufspendeln), zur Ausbildung oder zum Einkaufen. Dabei hat die räumliche Distanz zwischen Quell- und Zielort, etwa für einen Tagespendler, eine größere Bedeutung als z. B. bei einem einmaligen Umzug an einen neuen Ort. Der Distanzwiderstand ist also je nach Art der Mobilität höchst unterschiedlich. Das besondere Interesse an der Migration beruht auf ihrem Einfluss auf die Bevölkerungsentwicklung und ihre räumliche Verteilung, während die Berufspendlerströme sowohl aus Sicht der regionalen Arbeitsmärkte als auch für die Belastung der Verkehrsinfrastruktur von Bedeutung sind. Migration findet über große und mittlere Distanzen oder auch innerhalb einer Stadt oder Region statt. Aus der Sicht eines Landes bezeichnet man als Binnenwanderung den Wohnortwechsel innerhalb des Landes, während bei Außenwanderung die Landesgrenze überschritten wird. Die Wanderung zwischen Deutschland und dem Ausland zeigte in den Jahren 1998 bis 2007 einen leichten Zuwanderungsüberschuss: 7,8Mio. Zuzügen standen gut 6,5Mio. Fortzüge gegenüber. Mit dem positiven Zu- 76 I. Daten und Fakten wanderungssaldo gelang es den Bevölkerungsstand zu halten. In den 1990er Jahren konzentrierte sich die Zuwanderung stark auf Westdeutschland und dort vor allem auf die hoch verdichteten Räume, insbesondere die Städte. Sie verstärkte damit das West-Ost-Gefälle der Bevölkerungsentwicklung und glich die städtischen Bevölkerungsverluste durch Suburbanisierung teilweise aus. In Zukunft wird die Zuwanderung von außen den demographisch bedingten Bevölkerungsrückgang und die damit einhergehende Alterung in weiten Teilen Deutschlands zwar abmildern, sie wird aber nicht in der Lage sein diese Trends umzukehren. Bei der Binnenwanderung ist der Wohnortwechsel zwischen den verschiedenen Teilräumen Deutschlands vom innerregionalen Wechsel zu unterscheiden, bei dem der Lebensraum (Wohnen, Arbeit, Freizeit, soziale Kontakte) weitgehend erhalten bleibt. Jährlich finden in Deutschland ca. 4Mio. Binnenwanderungen mit einemWechsel der Stadt oder Gemeinde statt, darunter ist aber nur jeder vierte Fall ein Wohnortwechsel zwischen Bundesländern. Beim Wohnortwechsel innerhalb einer Region dominierte über viele Jahre die Suburbanisierung, also der Fortzug aus der Stadt ins Umland. Heute stellen sich diese kleinräumlichen Bewegungen differenzierter dar. Jedenfalls ist bei dieser Mobilität der Zusammenhang zwischen der Wohnortentscheidung und der Entscheidung zwischen demWohn- und Arbeitsort zu pendeln besonders ausgeprägt. Auch die empirischen Analysen der Wanderungsströme bedienen sich im Prinzip eines Gravitationsmodells, denn auch hier sind die Masse der Quell- und Zielregion und die Distanz zwischen ihnen entscheidende Faktoren. Umfang und Richtung der Mobilität werden dabei allerdings nicht nur durch die geographische Entfernung, sondern ganz entscheidend auch durch regionale Attraktivitäts- und Ausstattungsunterschiede bestimmt – man verlässt eine Region mit geringer Attraktivität zugunsten einer anderen mit hoher Anziehungskraft, es wirken also Push-Faktoren der Quellregion und Pull-Faktoren der Zielregion. Auch bei der Migration werden im Übrigen besondere Mobilitätshemmnisse beim Überschreiten einer Landesgrenze wirksam, die sich ähnlich wie beim Handel auf kulturelle, sprachliche oder institutionelle Unterschiede zurückführen lassen. Berufspendler sind Erwerbstätige, die nicht an ihremWohnsitz arbeiten. Das trifft auf nahezu alle Erwerbstätigen zu. In der empirischen Darstellung befasst man sich allerdings nur mit den Fällen, in denen der Arbeitsort nicht in der Wohnsitzgemeinde angesiedelt ist, oder man beschränkt sich sogar nur auf die Pendler, die auf demWeg zur Arbeit ihren Landkreis oder ihre kreisfreie Stadt verlassen. Die Pendlerzahlen werden damit entscheidend von der räumlichen Abgrenzung bestimmt. Die Pendlermobilität leistet einen wesentlichen Beitrag zum räumlichen Ausgleich von Arbeitskräfteangebot und -nachfrage: Sie ist Abbild der Bereitschaft der Arbeitskräfte, eine räumliche Distanz zwischen Wohnung und Arbeitsplatz hinzunehmen, um entweder die Wohnqualität unter Wahrung des Arbeitsplatzes oder die Arbeitsplatzqualität unter Beibehaltung der Wohnung zu erhalten oder zu verbessern. Die besondere Belastung der Verkehrswege ergibt sich weniger aus dem Umfang der Pendlermobilität als vielmehr aus ihrer hohen zeitlichen und räumlichen Konzentration. 3. Grundzüge der Raumstruktur 77 Über die vergangenen Jahrzehnte hat sich die durchschnittliche Wegezeit bei den Tagespendlern in Deutschland nur unwesentlich erhöht. Langfristig gelang es aber, die Wegelänge durch zunehmende Pendelgeschwindigkeit zu steigern. Dies wurde durch die Ausbreitung des motorisierten Individualverkehrs und den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur (Straßen und öffentlicher Nahverkehr) ermöglicht. Gleichwohl bewegen sich 80% der Tagespendler auch heute noch innerhalb eines relativ kleinen Radius von 25 km. Weitere Distanzen treten vor allem in den ländlichen Räumen Norddeutschlands und der nördlichen Hälfte Ostdeutschlands, im weiteren Umland der Metropolregionen, bei Pendlern von Stadt zu Stadt oder bei der Gruppe der Wochenendpendler auf. In Ostdeutschland nehmen die Pendeldistanzen auch weiterhin zu. Das räumliche Pendelmuster hat sich in Deutschland in den letzten 20–30 Jahren ver- ändert. So hat die Berufsmobilität über große Distanzen zugenommen (Fernpendler, Wochenendpendler). Innerhalb der städtischen Arbeitsmärkte hat die zentripetale Mobilität (wohnen im Umland, arbeiten in der Stadt) zwar immer noch den größten Stellenwert, daneben gewinnen aber neue Kategorien an Bedeutung: Die zentrifugale Mobilität aus den Zentren heraus zu den Arbeitsplätzen im Umland und vor allem die dispersen Bewegungen zwischen verschiedenen Teilen des städtischen Umlands (tangentiales Pendeln) (Raumordnungsbericht, 2005). Die Auswirkungen dieser Entwicklung auf die regionalen Verkehrsströme sind ambivalent: Einerseits wächst die Belastung der radialen Verkehrsachsen durch die zentripetale Mobilität nicht mehr so stark wie noch in den 1970er und 1980er Jahren, andererseits ist die disperse Mobilität nur schwer in das eher radiale Konzept öffentlicher Verkehrsträger einzubinden. Die wachsenden dispersen Pendlerbewegungen sind im Zusammenhang mit der zweiten Suburbanisierungswelle zu sehen: Die parallele Verlagerung sowohl der Bevölkerung als auch der Arbeitsplätze aus den Zentren ins Umland der Regionen nährte die Hoffnung, dass die Pendlermobilität mit einer zunehmenden Funktionsmischung, also der Auflösung der strikten Trennung von Wohnbereichen und gewerblichen Gebieten, reduziert werden könnte. Wohn- und Arbeitsorte sind zwar auf diese Weise tatsächlich räumlich näher gerückt, die zunehmende Spezialisierung und Segmentierung der Arbeitsplätze und der Qualifikation der Arbeitskräfte hat aber die Wahrscheinlichkeit in der Nähe des Wohnortes zu arbeiten stark reduziert. Die Pendlermobilität ist aufgrund ihrer hohen Frequenz äußerst distanzempfindlich. Daher ist auch hier das Gravitationsmodell eine geeignete Methode Pendlerbewegungen zu schätzen, den Einfluss von Hemmnissen, z. B. einer Landesgrenze, oder von Verkehrsinfrastruktur-Maßnahmen auf die Pendlerzahlen zu ermitteln und insbesondere auch Anhaltspunkte über den „Distanzwiderstand“ zu gewinnen. Nimmt man das Bundesland Schleswig-Holstein als Beispiel, so konnte auf Basis einer Gravitationsschätzung für die Pendlermobilität zwischen den über tausend Gemeinden des Landes im Jahr 2004 ein Distanzwiderstand ermittelt werden, der auf zweierlei Weise interpretiert werden kann: (a) Mit jedem zusätzlichen Kilometer Entfernung zum Wohnort sinkt die Bedeutung der Arbeitsplätze für einen Pendler um 6%, oder (b) mit jeder Erhöhung der Distanz zwischen Wohn- und Arbeitsort um einen Betrag von 10 km sinkt die Bedeutung der Arbeitsplätze um die Hälfte: Das ist 78 I. Daten und Fakten die Halbwertsdistanz. Schätzungen für die zentripetale Pendlermobilität im Raum Schleswig-Holstein/Hamburg für die Zeit ab 1993 haben außerdem ergeben, dass sich der Distanzwiderstand seitdem (vor allem in den 1990er Jahren) abgebaut hat – die in km gemessene durchschnittliche Pendlerdistanz hat also innerhalb der Arbeitsmarktregionen zugenommen. 3.8 Zusammenfassung Bei der Darstellung der Raumstruktur standen Europa und Deutschland im Blickpunkt. Selbst auf einem Kontinent mit einem im Weltmaßstab relativ einheitlichen Entwicklungsstand hat sich über lange Zeiträume eine differenzierte Wirtschaftslandschaft herausgebildet, die eine Reihe von Mustern und Regelmäßigkeiten aufweist. Sie ist über die Zeit nicht konstant, ihre Veränderungen finden in der Regel aber relativ langsam statt. In Europa leben drei Viertel der Menschen in Städten oder hoch verdichteten Räumen. Der Urbanisierungsgrad liegt auf ähnlichem Niveau wie in Nord- und Südamerika, und er wird bis 2050 noch etwas zunehmen. Die zu erwartende Zuwanderung von Menschen aus anderen Weltregionen wird sich vor allem auf die städtischen Räume konzentrieren. Die europäische und deutsche Raumstruktur ist durch ein Nebeneinander von hoch verdichteten Räumen (Agglomerationen) und ländlichen, gering verdichteten Räumen geprägt. Dabei zeigt sich eine erstaunlich feste, zeitlich stabile Hierarchie aus gro- ßen und kleineren Städten als Folge eines proportionalen Städtewachstums. Abseits geographischer Besonderheiten (Küsten, Flüsse, Gebirge, Rohstoffquellen) verteilen sich Städte gleicher Größenordnung relativ gleichmäßig über die Fläche. Der räumliche Strukturwandel ist ein langfristiger Prozess, der auf zwei Ebenen stattfindet: Einerseits können sich die Gewichte zwischen den hoch verdichteten (Agglomerations-) Räumen und den ländlich-peripheren Räumen in der Zeit verschieben, andererseits findet auch innerhalb von Agglomerationen und städtischen Regionen eine Verschiebung zwischen dem Zentrum und dem Umland statt. Beim zuerst genannten interregionalen Strukturwandel hat sich in Westdeutschland in den letzten 40 Jahren nur wenig getan. Die Kräfte, die den Strukturwandel antreiben, zentripetale, konzentrationsfördernde oder zentrifugale, dispersionsfördernde Kräfte, haben sich per Saldo nahezu ausgeglichen. Dagegen war die Verlagerung der Bevölkerung und der Arbeitsplätze aus den Zentren ins Umland der Agglomerationen und der Stadtregionen über mehrere Jahrzehnte ein starker, ungebrochener Trend in allen hoch entwickelten Industrienationen, auch in Westdeutschland. Erst in jüngerer Zeit, etwa ab Mitte der 1990er Jahre, zeigt sich eine Abschwächung des Suburbanisierungstrends, in einigen Fällen auch bereits eine Umkehrung in Richtung einer Reurbanisierung. Insbesondere in Ostdeutschland ist dies seit Ende der 1990er Jahre sichtbar. Räumliche Unterschiede der Wirtschaftsleistung und der Einkommen sind in Europa weitaus größer als in Deutschland, und sie sind bei der Produktivität (Wirtschaftsleistung je Beschäftigten) und den Arbeitseinkommen größer als beim verfügbaren pro 3. Grundzüge der Raumstruktur 79 Kopf-Einkommen. In Deutschland besteht immer noch ein West-Ost-Gefälle und innerhalb West- und Ostdeutschlands ein, allerdings schwächeres, Süd-Nord-Gefälle. Neben den großräumigen Unterschieden zeigt sich für Europa und Deutschland ein Produktivitäts- und Einkommensgefälle von den hoch verdichteten zu den ländlichen Räumen und innerhalb der Agglomerationen von den Zentren zum Umland. Wiederum sind die Unterschiede bei Produktivität und Arbeitseinkommen stärker als beim verfügbaren Einkommen. Der Vorsprung der Städte bei den Arbeitseinkommen folgt aus der Konzentration der hochwertigen Arbeitsplätze und der hoch qualifizierten Arbeitskräfte, z. B. in den Bereichen Management, Forschung und Entwicklung oder Unternehmensdienstleistungen, vor allem auf die Zentren der Agglomerationsräume. Aber auch darüber hinaus besteht noch ein Lohnvorsprung der Städte bei vergleichbaren Arbeitsplätzen, der sich aus Agglomerationsvorteilen urbaner Räume ergibt. Die Konvergenzdiskussion stellt sich die Frage, ob die regionalen Unterschiede der Wirtschaftsleistung und der proKopf-Einkommen imZeitverlauf zu- oder abnehmen. In Europa war im Zeitraum 1860 bis 1940 keine Konvergenz der nationalen Einkommen erkennbar, dagegen lassen sich nach dem Zweiten Weltkrieg Konvergenzphasen mit unterschiedlicher Intensität erkennen. Auch in der jüngeren Vergangenheit, ab Mitte der 1990er Jahre, ist die Konvergenz der Einkommen vor allem ein Phänomen der europäischen Länder, während regional, also innerhalb der Länder, sowohl Konvergenz also auch Divergenz beobachtet werden kann. Vor allem für die EU-Beitrittsländer ausMittel- undOsteuropa gilt, dass ihre Annäherung an den europäischen Einkommensdurchschnitt von divergenten Prozessen innerhalb der Länder begleitet wird. Deutschland zeigt in dieser Zeit ein zweigeteiltes Konvergenzbild: Zwischen Ost- undWestdeutschland ist Konvergenz nachweisbar, dagegen ist innerhalb der beiden Teile des Landes kaum eine solche Tendenz zu sehen. Räumliche Interaktionen, die Bewegung von Menschen, Gütern, Kapital oder Information im geographischen Raum, werden zu einem Gegenstand der Regionalökonomik, wenn die Hemmnisse der Raumüberwindung Zeit und Mühe erfordern, wenn also die Raumüberwindungskosten weder Null noch unendlich hoch sind. Das ist dann der Fall, wenn Interaktionen mit Bewegungen von Gütern und Menschen im Raum verbunden sind. Bei interregionalen Handelsströmen zeigen empirische Befunde die Barrieren der geographischen Distanz, aber auch die Hemmnisse auf, die beim Überschreiten mindestens einer Landesgrenze entstehen: Sprachliche, kulturelle, technische oder institutionelle Barrieren zwischen den Staaten beschränken die Handelsströme um ein Vielfaches. Sie werden durch Integrationsmaßnahmen (Freihandelszonen, Währungsunion,.. .) zwar abgemildert, aber selbst innerhalb der Europäischen Union bleiben noch erhebliche Spielräume für weitere Integration bestehen. Ein wesentliches Motiv für die Bewegung von Menschen im Raum ist der tägliche Weg von der Wohnung zum Arbeitsplatz. Das räumliche Muster der Berufspendlerströme hat sich in Deutschland in den letzten 20–30 Jahren verändert. Einerseits hat die Berufsmobilität über große Distanzen zugenommen (Fernpendler). Und innerhalb der städtischen Arbeitsmärkte hat die traditionelle zentripetale Mobilität aus dem Umland in die Stadt zwar immer noch einen hohen Stellenwert, daneben gewinnen aber andere Pendlerströme an Bedeutung: Die zentrifugale Mobilität aus den Zentren 80 I. Daten und Fakten zu den Arbeitsplätzen im Umland und vor allem die Pendlerströme zwischen verschiedenen Teilen des städtischen Umlands. Diese disperse, nicht mehr radial orientierte Mobilität ist nur schwer in die Konzepte öffentlicher Verkehrsträger einzubinden. Literaturhinweise zu Kapitel 3 Bairoch (1991) schildert den langfristigen Prozess der Urbanisierung Europas, ausgehend vom Römischen Reich, und die Vereinten Nationen beschreiben in ihren jährlichenWorld Urbanization Prospects (United Nations, 2008) die Urbanisierung in den Weltregionen in den letzten 50 Jahren und die erwartete Entwicklung in den nächsten 50 Jahren (Abschnitt 3.2). Duranton (2006) greift die Idee der Ranggrößenregel von Städten nach Zipf (1949) auf und verbindet einen stochastischen mit einem ökonomischen Erklärungsansatz für die Städtehierarchie (Abschnitt 3.3). Die räumliche Verteilung der Bevölkerung und der Arbeitsplätze in Deutschland ist Gegenstand der empirischen Raumbeobachtung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), das auch in regelmäßigen Abständen Raumordnungsberichte für Deutschland erstellt. Siedentop (2008) fasst die Entwicklungen der Raumstruktur in Deutschland, den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern Europas mit besonderem Augenmerk auf die Jahre nach 1990 zusammen. Weitere im Abschnitt 3.4 dargestellte Befunde sind auf eigene empirische Analysen zurückzuführen. Die empirischen Befunde im Abschnitt 3.5 stammen ebenfalls aus eigenen Analysen, aus der Laufenden Raumbeobachtung des BBSR sowie einemGemeinschaftsgutachten (2000) unter Federführung des Fraunhofer-Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung zur regionalen Verteilung von Innovationspotentialen in Deutschland und Europa. Einen Überblick über empirische Konvergenzanalysen für Europa und Deutschland liefern Eckey, Kosfeld, Türck (2007), im Abschnitt 3.6 werden auch eigene Ergebnisse von Konvergenzregressionen dargestellt. Darüber hinaus nehmen die regelmäßig von der Europäischen Union publizierten Kohäsionsberichte zur Frage der Konvergenz zwischen den EU-Regionen Stellung. Der im Abschnitt 3.7 erwähnten ersten Anwendung einer Handelsregression auf Basis der Gravitationsidee (Herrmann et al., 1982) folgten ähnliche Analysen für Regionen der Vereinigten Staaten und Kanadas (McCallum 1995;Helliwell 1998), mit denen die theoretische und empirische Diskussion von Handelshemmnissen neu belebt wurde. Die Schätzungen des Pendlerverhaltens in Schleswig-Holstein (Distanzwiderstand) basieren auf eigenen Berechnungen. II. Raumstrukturen

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References

Zusammenfassung

Vorteile

- Umfassender Überblick

- Moderne und klassische Ansätze

- Einfacher Zugang zur modernen Theorie

- Verbindung von Theorie und Empirie

- Handlungsmöglichkeiten für die Politik

Zum Werk

Räumliche Aspekte des Wirtschaftens sind in den letzten Jahrzehnten immer wichtiger geworden. Daher hat sich das Gebiet der Ökonomischen Geographie als Teilbereich der Wirtschaftswissenschaften dynamisch entwickelt. Ursache für die Beschäftigung mit räumlich differenziert ablaufenden Wirtschaftprozessen sind oft regionale Wohlstandsunterschiede. Dementsprechend besteht ein Ziel der Ökonomischen Geographie darin, räumliche Entwicklungsunterschiede zu erklären und hieraus politische Handlungsmöglichkeiten abzuleiten.

Themen des Buches sind unter anderem:

- Empirische Entwicklungstrends

- Theorie der Raumstruktur

- Regionales Wachstum, Entrepreneurship und Innovation

- Infrastruktur

- Regionalpolitik

Herausgeber

Prof. Dr. Johannes Bröcker lehrt Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Prof. Dr. Michael Fritsch lehrt Volkswirtschaftlehre an der Friedrich-Schiller Universität Jena.

Autoren

Johannes Bröcker, Michael Fritsch, Hayo Herrmann, Helmuth Karl, Gerhard Kempkes, Gabriel Lee, Joachim Möller und Helmut Seitz.

Zielgruppe

Studierende in den Bereichen Geographie, Wirtschaftswissenschaften sowie der Stadt- und Regionalplanung