1.2 Stellung und Teilbereiche der ökonomischen Geographie in:

Johannes Bröcker, Michael Fritsch (Ed.)

Ökonomische Geographie, page 17 - 18

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3888-8, ISBN online: 978-3-8006-3889-5, https://doi.org/10.15358/9783800638895_17_1

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
1. Regionalwissenschaft, Regionalökonomik, ökonomische Geographie – Eine Einführung Johannes Bröcker undMichael Fritsch 1.1 Die Bedeutung des Raumes für die wirtschaftliche Tätigkeit Alle unsere Handlungen haben eine räumliche Dimension. Wir befinden uns an einem bestimmten Ort, legen beim Laufen, Fahren oder Fliegen räumliche Distanzen zurück und kommunizieren via Telefon oder Internet mit Menschen an anderen Orten. Wir erwerben Güter, die in weit entfernten Regionen produziert worden sind, und erzeugen damit Verkehrsströme, machen Urlaubsreisen über weite Distanzen usw. Besonders spürbar wird die räumliche Dimension unseres Handels durch die Notwendigkeit persönlicher Kontakte von Angesicht zu Angesicht, die nicht durch Mittel der Telekommunikation substituierbar sind und räumliche Mobilität, etwa in Form von Pendeln, Reisen zu Projekttreffen, Konferenzen oder Kundenbesuchen erfordern. Die Bedeutung des Raumes bzw. regionsspezifischer Gegebenheiten schlägt sich in regionalen Unterschieden von Lebensbedingungen und ökonomischen Aktivitäten nieder. So legen Phänomene wie die räumliche Konzentration wirtschaftlicher Aktivitäten in Städten, regionale Unterschiede der Wirtschaftsstruktur oder der Innovationsleistung und insbesondere auch unterschiedliche Wohlstandniveaus beredtes Zeugnis von der Wirksamkeit solcher räumlichen Faktoren ab. Die Beiträge in diesem Buch geben eine Einführung in wesentliche Gebiete der ökonomischen Geographie, des Teilgebiets der Wirtschaftswissenschaften, das sich mit der räumlichen Dimension des Wirtschaftsprozesses befasst. Dabei geht es darum, die vielfältigen räumlichen Phänomene mit ökonomischen Theorien zu erklären und daraus Handlungsempfehlungen für die Politik abzuleiten. Unter ökonomischer Geographie verstehen wir nicht allein die so genannte Neue Ökonomische Geographie, die sich seit einer grundlegenden Arbeit von Paul Krugman in den letzten zwei Dekaden entwickelt hat, sondern auch ältere, heute als klassisch zu bezeichnende Theorieansätze, aus denen nach wie vor vieles über die räumliche Wirtschaftsstruktur zu lernen ist. 1.2 Stellung und Teilbereiche der ökonomischen Geographie Die ökonomische Geographie stellt einen Teilbereich im weiten Feld der Regionalwissenschaft dar. In einer allgemeinen Definition umfasst die Regionalwissenschaft alle Disziplinen, die sich mit raumrelevanten Fragestellungen menschlichen Handelns beschäftigen wie etwa die Humangeographie, die Landschaftsplanung, die Verkehrs- 2 1. Regionalwissenschaft, Regionalökonomik, ökonomische Geographie wissenschaft, die Mobilitätsforschung, die Handelstheorie, die Standorttheorie und die Föderalismustheorie. Diese Auswahl aus der Vielfalt von Themenstellungen, die unter dem Begriff der Regionalwissenschaft zusammengefasst werden, weist sehr deutlich auf die Notwendigkeit zur Interdisziplinarität in den Regionalwissenschaften hin. Innerhalb der Wirtschaftswissenschaften hat sich hier über die Zeit insbesondere das Teilgebiet der Regionalökonomik herausgebildet, das neuerdings auch als ökonomische Geographie bezeichnet wird. Weitgehend parallel hierzu beschäftigt sich die Wirtschaftsgeographie, eine Teildisziplin der Geographie, mit sehr ähnlichen Fragen, die dort aber tendenziell mit einer größeren Methodenvielfalt angegangen werden. In den Wirtschaftswissenschaften hat sich eine klassische Unterteilung in Theorie der Raumstruktur und Theorie der regionalen Entwicklung (regionale Wachstumstheorie) herausgebildet. Die Theorie der Raumstruktur versucht, die Verteilung wirtschaftlicher Aktivitäten im Raum zu erklären, also z. B. zu ergründen, warum es Städte gibt, in welchem Verhältnis diese Städte zu anderen Teilräumen stehen und wie sich die Städte im Raum verteilen. Die Theorie der Raumstruktur, die in der aktuellen Version auch als Neue Ökonomische Geographie bezeichnet wird, hat zu relativ klaren Ergebnissen geführt, wobei sich neuere Arbeiten insbesondere auf die Theorie der Agglomeration, also die Erklärung der Häufung ökonomischer Aktivitäten im Raum, beziehen. Demgegenüber ist die Theorie der regionalen Entwicklung noch relativ diffus und stärker im Fluss. Hier hat die Neue Wachstumstheorie auf einer relativ abstrakten Ebene insbesondere die Bedeutung von Innovation für wirtschaftliche Entwicklung herausgearbeitet. Die genauere Untersuchung einzelner wachstumsrelevanter Faktoren geschieht dann in diversen Spezialgebieten der Regionalwissenschaft, wie zum Beispiel der Innovationsökonomik, der Infrastrukturtheorie, der Humankapital-Theorie oder der Entrepreneurship-Forschung. Anknüpfungspunkt für regionalwissenschaftliche Untersuchungen stellen häufig empirische Phänomene dar. Oft handelt es sich dabei um besondere Problemlagen in einzelnen Teilgebieten, die politisches Handeln erfordern. Aus diesem Grunde kommt der Existenz eines regionalen Berichtssystems, das räumlich differenzierte Informationen zu wichtigen Sachverhalten bereitstellt, eine entscheidende Bedeutung für die regionalwissenschaftliche Forschung zu. Ein solches regionales Berichtssystem erlaubt es, räumliche Phänomene umfassend zu beschreiben und zu analysieren, die Gegebenheit in den einzelnen Teilräumen miteinander zu vergleichen, Problemfelder regionaler Entwicklung und Problemregionen zu identifizieren sowie Empfehlungen für die Politik abzuleiten. 1.3 Überblick über die Beiträge Der vorliegende Band versucht, der Vielfalt der Fragestellungen im Bereich der ökonomischen Geographie Rechnung zu tragen. Die beiden Kapitel des Teils I (Daten und Fakten) geben einen Überblick über die Methoden der Regionalanalyse (Joachim Möller) sowie über die Grundzüge der Raumstruktur und deren Entwicklung (Johannes Bröcker, Hayo Herrmann).

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Zusammenfassung

Vorteile

- Umfassender Überblick

- Moderne und klassische Ansätze

- Einfacher Zugang zur modernen Theorie

- Verbindung von Theorie und Empirie

- Handlungsmöglichkeiten für die Politik

Zum Werk

Räumliche Aspekte des Wirtschaftens sind in den letzten Jahrzehnten immer wichtiger geworden. Daher hat sich das Gebiet der Ökonomischen Geographie als Teilbereich der Wirtschaftswissenschaften dynamisch entwickelt. Ursache für die Beschäftigung mit räumlich differenziert ablaufenden Wirtschaftprozessen sind oft regionale Wohlstandsunterschiede. Dementsprechend besteht ein Ziel der Ökonomischen Geographie darin, räumliche Entwicklungsunterschiede zu erklären und hieraus politische Handlungsmöglichkeiten abzuleiten.

Themen des Buches sind unter anderem:

- Empirische Entwicklungstrends

- Theorie der Raumstruktur

- Regionales Wachstum, Entrepreneurship und Innovation

- Infrastruktur

- Regionalpolitik

Herausgeber

Prof. Dr. Johannes Bröcker lehrt Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Prof. Dr. Michael Fritsch lehrt Volkswirtschaftlehre an der Friedrich-Schiller Universität Jena.

Autoren

Johannes Bröcker, Michael Fritsch, Hayo Herrmann, Helmuth Karl, Gerhard Kempkes, Gabriel Lee, Joachim Möller und Helmut Seitz.

Zielgruppe

Studierende in den Bereichen Geographie, Wirtschaftswissenschaften sowie der Stadt- und Regionalplanung