7. Stadtökonomik in:

Johannes Bröcker, Michael Fritsch (Ed.)

Ökonomische Geographie, page 145 - 164

1. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3888-8, ISBN online: 978-3-8006-3889-5, https://doi.org/10.15358/9783800638895_145

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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7. Stadtökonomik Gabriel Lee und Joachim Möller 7.1 Einleitung: Grundfragen der Stadtökonomik Eine Stadt könnte man in einfacher Weise als einen verdichteten Siedlungsraum bezeichnen, der eine politisch-administrative Einheit darstellt. Die Encyclopædia Britannica (2005) definiert eine Stadt als „. . . relatively permanent and highly organized centre of population, of greater size or importance than a town or village. The name city is given to certain urban communities by virtue of some legal or conventional distinction that can vary between regions or nations. In most cases, however, the concept of city refers to a particular type of community, the urban community, and its culture, known as ‚urbanism‘.“ Diese Definition deutet bereits die Komplexität des Begriffs der Stadt an. Neben der reinen Verdichtung des Siedlungsraums spielen auch sozio-kulturelle und historische Faktoren für die Charakterisierung einer Stadt eine Rolle. Im Folgenden soll es jedoch primär um die ökonomischen Faktoren gehen, die für eine Stadt von Bedeutung sind. Dies ist der Gegenstand der Stadtökonomik, die sich etwa seit Mitte des 20. Jahrhunderts als eigenständige Teildisziplin der Volkswirtschaftslehre entwickelt hat. Die Festlegung, ab welcher Einwohnerzahl man von einer Stadt oder Stadtregion spricht, variiert beträchtlich von Land zu Land. Auch darin spiegeln sich geschichtliche, kulturelle und politische Traditionen wider. Vom Bureau of Census in den Vereinigten Staaten wird ein Siedlungsraum mit einem zentralen Ort und einem umgebenden Gürtel von Randgemeinden als verstädterte Region bezeichnet, wenn er insgesamt mehr als 50 000 Einwohner aufweist. Die Vereinten Nationen haben ihre Daten in der Weise standardisiert, dass sie von einer Bevölkerung ab 20 000 von Städten (urban settlements), ab einer Einwohnerzahl von 100 000 von Großstädten (cities) und ab 5 Millionen vonWeltstädten (metropolises) sprechen. Mehr und mehr bürgert es sich ein, Städte mit mehr als 10 Millionen Einwohnern als Mega-Städte zu bezeichnen. In der Realität werden solche Abgrenzungen durch die Tatsache erschwert, dass die administrativen Grenzen zur Festlegung einer Stadtregion nur sehr bedingt tauglich sind. Beispielsweise ist es unklar, inwieweit Einpendler aus weiter entfernt gelegenen Orten einer Stadtregion zugerechnet werden sollen. Warum führen Leute nicht typischerweise das Leben eines Robinson Crusoe auf einer isolierten Insel? Warum bevorzugen sie häufig sehr belebte, vielfach aber auch schmutzige und unsichere Plätze wie New York City? Mit anderen Worten: Warum konzentriert sich die Bevölkerung in bestimmten Orten? Vorstellbar wäre doch auch eine gleichförmige Siedlungsstruktur, die sich über ein Land zieht, ohne besondere Verdichtungsräume aufzuweisen. 136 II. Raumstrukturen Weitere Fragen schließen sich an: Warum gibt es ein System von Städten, das von Klein- und Mittelstädten bis hin zu Metropolen und riesigen Mega-Citys wie Sao Paolo und Tokio mit weit über 10 Millionen Einwohnern reicht? Was lässt sich über die Wirtschaftsstrukturen innerhalb dieser Gebilde aussagen? Steigt beispielsweise die Spezialisierung oder die Diversifikation mit der Größe der Stadt? Ziehen größere Agglomerationen auch besser qualifizierte Arbeitnehmer an? Steve McQueen, ein verstorbener Schauspieler, sagte einst: „Ich würde lieber mitten imNiemandsland aufwachen als in irgendeiner Stadt auf der Erde.“ Für einen Ökonomen bedeutet dies, dass Mr. McQueen für sich selbst entschieden hat, das Landleben dem Stadtleben vorzuziehen. Anders ausgedrückt: Diese Aussage impliziert, dass der Nettonutzen des ersteren den des letzteren übersteigt. Solche Präferenzen lassen sich aber offenbar nicht generalisieren. Da niemand gezwungen wird, in Städten wie New York, Berlin oder Hamburg zu wohnen, muss es wohl so sein, dass für deren Bewohner die Nettovorteile des Lebens dort höher sind als anderswo. Dies hat entscheidend auch mit Ökonomie zu tun. Ziel des Kapitels 7 ist es, einen Überblick über das heutige Verständnis der ökonomischen Natur und Funktionsweise einer Stadt zu geben. Darüber hinaus geht es um die wichtigsten Merkmale einer Hierarchie von Städten und einige Aussagen zu der Entwicklung urbaner Systeme. Unser Ansatzpunkt ist, dass ökonomische Faktoren nicht nur die Existenz von Städten erklären sondern auch hinter dem weltweiten Prozess der Urbanisierung stehen. Das Kapitel ist wie folgt aufgebaut: Abschnitt 7.2 geht zunächst auf einige empirische Grundtatbestände ein. Abschnitt 7.3 untersucht die ökonomischen Vorteile, die eine Stadt bietet, unter theoretischer Perspektive.Abschnitt 7.4 fragt, welche Stadtgröße optimal ist. Abschnitt 7.5 ist dann der Mietpreisstruktur und der Ansiedlungsentscheidung der Haushalte in der Stadt gewidmet. 7.2 Stadt und Land im Vergleich: Einige Fakten für Deutschland DieHistorie der Urbanisierung imglobalenMaßstabwurde bereits imAbschnitt 3.1 behandelt. Hier geht es darum,was die Stadt vom Land unterscheidet. Dabei unterscheiden wir im Folgenden zwischen den kreisfreien Städten (als Stadt) und den Landkreisen (als Land). Diese Aufteilung, die die Messlatte für die Festlegung städtischer Regioneneherhochanlegt, ist aus statistischenGründennotwendig, dawichtigeDaten nur in dieser Abgrenzung vorliegen. In Deutschland machen heute die kreisfreien Städte weniger als 5% der Fläche aus. Dort lebt knapp ein Drittel der Einwohner und sindknapp44%derBeschäftigten tätig, die imJahr2001etwasmehr als 45%desBruttoinlandsprodukts erzeugten. Knapp 40%des Gesamt- undmehr als 42% des Auslandsumsatzes imProduzierendenGewerbewird in Städten erbracht (sieheTabelle 7.1). Die Zahlen belegen die hohe räumliche Konzentration der Wirtschaftsaktivität in Städten. Weiterhin weist die Tatsache, dass der am Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessene Produktionsanteil den Beschäftigtenanteil der Städte übersteigt, auf die höhere Produktivität in urbanen Räumen hin. Die erhöhte Exportintensität der städtischen Produktion schließlich lässt auf eine Konzentration technologisch anspruchsvoller Herstellungsverfahren schließen. 7. Stadtökonomik 137 Tabelle 7.1: Fläche, Einwohner, Beschäftigte undWirtschaftskraft der Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland (2001) Alle Wirtschaftszweige Produzierendes Gewerbe Fläche in km2 Einwohner in Tsd. Beschäftigte in Tsd. BIP in Mill. € Umsatz in Mill. € Ausl. Ums. in Mill. € Kreisfreie Städte 16918,0 26989,3 12170,9 921367,6 731359,7 325054,1 Kreise 340105,0 55451,2 15720,7 1110692,1 1113207,5 455294,3 Gesamt 357023,0 82440,5 27891,6 2032059,7 1844567,2 780348,3 Anteil Kreisfreie Städte 4,7% 32,7% 43,6% 45,3% 39,6% 41,7% Anteil Kreise 95,3% 67,3% 56,4% 54,7% 60,4% 58,3% Quelle: INKAR (2003), eigene Berechnungen. Die Tabelle 7.2 zeigt einige weitere Strukturmerkmale. Wegen des geringen Flächenanteils der Städte erscheint es dabei nicht weiter verwunderlich, dass der Primäre Sektor (Landwirtschaft, Bergbau und Energie) in den Städten klar unterrepräsentiert ist. Bemerkenswert sind aber die Ergebnisse bezüglich der Beschäftigtenanteile des Sekundären Sektors (kurz: der Industrie) und des Tertiären Sektors (kurz: der Dienstleistungen). Der Industriebeschäftigungsanteil in den Städten liegt demnach bei fast genau einem Drittel. Beim Vergleich mit dem Beschäftigungsanteil in Deutschland von knapp 44% zeigt sich also, dass der klassische Industriesektor heute in den Städten unterrepräsentiert ist. Das Gegenteil ist beim Tertiären Sektor, also den Dienstleistungen, der Fall. Hier halten die kreisfreien Städte einen Anteil von etwa 50% ihrer Gesamtbeschäftigung. Die urbane Beschäftigung in Deutschland ist somit eindeutig dienstleistungsorientiert. Dies ist auch in anderen Ländern der Fall. Für die Vereinigten Staaten hat beispielsweise Edward L. Glaeser (1998) ermittelt, dass der starke Rückgang des Verarbeitenden Gewerbes in den Städten noch deutlich ausgeprägter ist als in den ländlichen Räumen. Die Tabelle 7.2 enthält auch Angaben über die Qualifikationsstruktur. Erkennbar ist auf der einen Seite, dass der Anteil der Geringqualifizierten in Städten fast genau dem Anteil der Geringqualifizierten an der Gesamtbeschäftigung entspricht (44,3% gegenüber 43,6%). Auf der anderen Seite arbeiten 59% der Hochqualifizierten in Städten und damit weit mehr als anteilig zu erwarten wäre. Die Ergebnisse implizieren, dass die in Tabelle 7.2 nicht aufgeführte mittlere Qualifikationskategorie (Beschäftigte mit abgeschlossener Berufsausbildung, jedoch ohne Hochschulabschluss) in den Städten weniger stark vertreten ist als in den Landkreisen. Es lässt sich festhalten, dass die urbane Beschäftigung vergleichsweise durch einen intensiveren Einsatz von Hochqualifizierten gekennzeichnet ist. Zugleich ist bei gleichem Beschäftigungsanteil von Geringqualifizierten die Qualifikationsstruktur der Städte somit heterogener als auf dem Land. 138 II. Raumstrukturen Tabelle 7.2: Beschäftigtenstruktur nach Sektoren und Qualifikationen in den Kreisen und kreisfreien Städten Deutschlands (2001) Beschäftigung Sektor I Beschäftigung Sektor II Beschäftigung Sektor III Beschäftigung Geringqual. Beschäftigung Hochqual. Summe Beschäftigte Summe Kreisfreie Städte 50,7 3241,2 8879,0 3608,9 1428,5 12171,3 Summe Kreise 290,6 6531,6 8898,5 4545,5 993,9 15720,0 Gesamt 341,2 9772,8 17777,6 8154,3 2422,4 27891,2 Anteil Kreisfreie Städte 14,9% 33,2% 49,9% 44,3% 59,0% 43,6% Anteil Kreise 85,1% 66,8% 50,1% 55,7% 41,0% 56,4% Quelle: INKAR (2003), eigene Berechnungen. In den Städten sind die Verdienste der Arbeitnehmer in der Regel höher. Die Tabelle 7.3 zeigt den prozentualen Aufschlag, den Gruppen von Arbeitnehmern mit gleichen Qualifikations- und Berufserfahrungsprofilen in der Stadt erhalten, die so genannte urbane Lohnprämie. Mit Ausnahme einer Gruppe (den männlichen Geringqualifizierten mit geringer Berufserfahrung) ist die urbane Lohnprämie positiv und erreicht bei den Männern zwischen 3% und 12%, bei den Frauen zwischen 2% und 25%. Tabelle 7.3: Urbane Lohnprämie der sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten nach Alter und Bildungskategorie in Prozent (2001, nur Westdeutschland) Männer Frauen Alter Geringe Qual. Mittl. Qual. Hohe Qual. Geringe Qual. Mittl. Qual. Hohe Qual. 25 –6,15 4,87 5,46 2,01 11,04 6,62 35 2,92 9,35 6,70 13,05 20,02 13,27 50 8,48 12,06 8,22 18,67 24,91 19,80 Quelle: Eigene Schätzungen mit Daten der IAB-Regionalstichprobe. Stadt und Land unterscheiden sich auch bezüglich einiger weiterer sozio-ökonomischer Faktoren. In Städten konzentriert sich nicht nur die ökonomische Aktivität. Städte sind auch soziale Brennpunkte, die typischerweise eine höhere Arbeitslosenund Sozialhilfeempfängerquote aufweisen. Die Tabelle 7.4 zeigt, dass – bei einem Anteil der Städte an den abhängigen Erwerbspersonen von etwas über 44% – der Anteil der Arbeitslosen dort bei mehr als der Hälfte liegt, der der Sozialhilfeempfänger sogar bei fast 65%. 7. Stadtökonomik 139 Tabelle 7.4: Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger und abhängige Erwerbspersonen in den Kreisen und kreisfreien Städten Deutschlands (2001/2002) Beschäftigung Abh. Erwerbspersonen Arbeitslose Sozialhilfeempfänger Summe Kreisfreie Städte 12171,3 13876,2 1705,0 629,8 Summe Kreise 15720,0 17375,4 1655,4 347,8 Gesamt 27891,2 31251,6 3360,4 977,6 Anteil Kreisfreie Städte 43,6% 44,4% 50,7% 64,4% Anteil Kreise 56,4% 55,6% 49,3% 35,6% Quelle: INKAR (2003), eigene Berechnungen. 7.3 Worauf beruht die Attraktivität von Städten? Was sind die Gründe für den in Abschnitt 7.2 beschriebenen Urbanisierungsprozess? Auf den ersten Blick spricht wenig für einen Vorteil der Städte. Sollten nicht immer mehr Bewohner den Städten den Rücken kehren angesichts von Armut, Verfallserscheinungen, Überfüllung, Umweltverschmutzung und Kriminalität? Und von Seiten der Firmen: In Städten werden höhere Löhne gezahlt als auf dem Lande, zugleich sind die Bodenpreise weit höher. Warum meiden gewinnorientierte Unternehmen nicht generell die urbanen Hochlohnregionen mit knappem Flächenangebot? Da dies offensichtlich nicht der Fall ist, müssen die genannten Kostennachteile durch bedeutende Vorteile der Stadt aufgewogen werden, die sich letztlich in einer erhöhten Produktivität, gemessen als Arbeitsergebnis im Verhältnis zum Arbeitseinsatz, niederschlagen. Aus ökonomischer Sicht ist zu klären, welche Faktoren dafür verantwortlich sind, das Wachstum der Städte in Gang zu halten, so dass die Anziehungskräfte höher sind als die Fliehkräfte. Wichtige Schlagworte für den Vorteil der Städte sind Transportkostenersparnisse, Infrastrukturnutzung, die Größe des Marktes, aber auch Humankapitalakkumulation durch Wissensaustausch (knowledge spillovers) und Cluster-Bildung. In der Summe sind diese Vorteile offenbar geeignet, die angesprochenen Agglomerationsnachteile zu kompensieren und Anreize dafür zu schaffen, einen Großteil der ökonomischen Aktivität in Städten zu konzentrieren. Die herkömmliche Erklärung für höhere Löhne und Produktivität in Verdichtungsräumen fußt auf dem einfachen Argument der Transportkostenersparnis. Wenn die Distanz zwischen Hersteller und Konsumenten gering ist, lassen sich Transportkosten niedrig halten. Davon profitieren sowohl Anbieter als auch Nachfrager. Es ist jedoch die Frage, ob das Argument der Transportkostenersparnis in dieser Form trägt. Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte zeigt eine rückläufige Bedeutung der Transportkosten für die Endkundenbelieferung. Die Transporttechnologie und Logistik verbessern sich ständig, und das Sozialprodukt wird gleichsam immer „leichter“, also einfacher und kostengünstiger zu transportieren. Städte können lokale öffentliche Güter bzw. Infrastruktureinrichtungen bereitstellen, die es in weniger verdichteten Räumen nicht gibt. So wie im Mittelalter die Bürger einer Stadt gemeinsam den Schutz einer Stadtmauer genossen, die sie natürlich auch 140 II. Raumstrukturen zu finanzieren hatten, lässt sich auch heute eine Vielzahl von Einrichtungen nennen, deren Verfügbarkeit sich in der Regel auf urbane Räume beschränkt. Zu denken ist dabei z. B. an Ausbildungs- und Forschungsinstitute sowie kulturelle Einrichtungen wie Museen, Theater oder Opernhäuser. Städte haben zumeist auch einen Vorsprung in der Einführung moderner Kommunikationsinfrastruktur, z. B. bei Hochgeschwindigkeitsdatennetzen. Die Verdichtung der Bevölkerung in den urbanen Zonen lässt dort natürlich auch eine Konzentration von Kaufkraft entstehen. Städte bieten einen „großen Markt“. Wenn die Firmen einen wesentlichen Teil ihrer Produktion in der Nahzone absetzen und Kostenersparnisse mit steigender Ausbringungsmenge einhergehen, dann entsteht durch die Größe des Heimatmarktes ein beträchtlicher Vorteil. Konkret kann es sich um interne Skalenertragsvorteile der Unternehmen handeln, also um fallende Durchschnittskosten bei steigender Firmengröße. Interne Skalenerträge entstehen beispielsweise durch hohe Fixkostenanteile bei der Produktion (z. B. Entwicklungskosten neuer Produkte). Obwohl die bisher genannten Punkte zweifellos Bedeutung besitzen, bilden sie die Vorzüge der Produktion in verdichteten Räumen bisher nur unvollkommen ab. Es fehlt ein wichtiges Element, ohne das die ökonomischen Vorteile und damit letztlich die Existenz von Städten nicht zu verstehen sind. Gemeint sind Faktoren, die sich mit dem Begriff externe Skalenertragseffekte beschreiben lassen. Externe Skalenerträge sind Kostenvorteile, die mit zunehmender Agglomerationsdichte durch firmenübergreifende Effekte und Beziehungen entstehen. Soweit es sich dabei um Effekte aufgrund der Nähe von Firmen derselben Branche handelt, spricht man von Lokalisierungsvorteilen, bei Effekten aufgrund von Branchen überschreitenden Beziehungen von Urbanisierungsvorteilen (sieheÜbersicht 7.1). Bestimmte Produktionsweisen gehen eine „Symbiose“ mit anderen Arten wirtschaftlicher Aktivität ein. Viele Firmen bedürfen der Nähe zu anderen Produzenten, Konsumenten oder Forschungseinrichtungen, um sich entwickeln zu können. In diesen Bereichen, in denen im weitesten Sinne Fühlungsvorteile eine Rolle spielen, entwickelt ein urbanes Umfeld seine Vorteile im Ver- Übersicht 7.1: Aufgliederung der Skaleneffekte bei Agglomeration 7. Stadtökonomik 141 hältnis zum ländlichen Raum. Diese „Fühlungsvorteile“ sollen im Abschnitt 7.2.4 noch genauer unter die Lupe genommen werden. 7.3.1 Städte und Cluster Wesentlich für die Erklärung der Existenz von Städten sind also Interaktionen und positive Übertragungseffekte (spillovers) zwischen verschiedenen Akteuren (Firmen, Konsumenten, Forschungseinrichtungen und sonstigen Institutionen). Diese Übertragungseffekte, die man auch als standortgebundene externe Effekte bezeichnen könnte, sind von entscheidender Bedeutung für die Ballung von Produktionsaktivitäten in so genannten Clustern (engl. cluster = Traube, Haufen, Gruppe). Erst die Clusterbildung führt durch das Zusammenspiel verschiedener Akteure zu einer höheren Arbeitsproduktivität, die es den Firmen ermöglicht, höhere Löhne zu zahlen. Höhere Löhne sind notwendig, um Arbeitskräfte anzulocken, die ja entweder höhere Immobilienpreise bzw. Wohnungsmieten in der Stadt oder die Kosten des Pendelns zur Arbeitsstätte tragen müssen. Der Prozess der Clusterbildung bedarf noch der näheren Analyse. Auf welche Weise Firmen von Forschungsaktivitäten profitieren, lässt sich leicht ausmalen. Auf welche Weise profitieren aber Firmen von der Nähe anderer Firmen? Auf welche Weise die Haushalte bzw. die Konsumenten? Mindestens drei positive Effekte der Clusterbildung sind bereits seit Alfred Marshall (1890) bekannt. Firmen im Cluster haben den Vorteil, auf ein umfassendes Angebot von Zwischen- und Vorprodukten sowie hoch spezialisierten Dienstleistungen ebenso zurückgreifen zu können wie auf einen Pool von qualifizierten und spezialisierten Arbeitskräften sowie auf marktrelevante Informationen. Aufbauend auf den Grundideen vonMarshall hat in den letzten Jahren besonders Michael Porter die Vorteile der Clusterbildung für Unternehmen herausgearbeitet. Sehr populär geworden ist das so genannte Portersche Diamantmodell. Porter zählt vier Kernbedingungen und zwei Randbedingungen erfolgreicher industrieller Kerne auf. Es sind dies: – Faktorbedingungen, d. h. Menge und Qualifikation der Arbeitskräfte, Verfügbarkeit von Kapital, Umfang und Qualität der Infrastruktur sowie auch die Qualität des Ausbildungssystems; – Nachfragebedingungen, d. h. Zahl, Struktur und das Qualitätsbewusstsein der Verbraucher sowie Größe des Marktes; Rückmeldungen der Konsumenten an die Produzenten finden bei räumlicher Nähe unmittelbar statt, Produzenten können so beispielsweise aus der Kritik an bestimmten Produkteigenschaften schneller lernen und die Produktion besser auf die Bedürfnisse der Konsumenten abstimmen; – Stärke von Industriekomplexen bzw. Clustern, d. h. Vielfalt der Anbieter in verwandten Branchen, das Vorhandensein hochspezialisierter Zulieferer und Dienstleister, horizontale und vertikale Verflechtungen zwischen Unternehmen, spillovers von technischemWissen und Marktinformationen; – Unternehmensstrategien/Wettbewerb, d. h. Strategien des Managements (z. B. Besitzstandsdenken oder Innovation) sowie Stärke des Wettbewerbsdrucks, dem Unternehmen ausgesetzt sind. 142 II. Raumstrukturen Als Randbedingungen kommen hinzu: – Zufall, z. B. Nachwirkung historischer Ereignisse (Kriege, Handelsbarrieren); herausragende Einzelpersönlichkeiten (z. B. große Erfinder oder Unternehmer), und schließlich – der Staat, d. h. Wettbewerbs- und Ordnungspolitik, Normensetzung und nicht zuletzt auch staatliche Nachfrage zur Initialzündung bei neuen Produkten. Ein wichtiger Punkt ist für Porter auch, dass „Fühlungsvorteile“ zwischen Firmen ganz unterschiedliche Ursachen haben können. Nähe kann verstärkte Konkurrenz, aber auch Kooperation bedeuten. Im ersten Fall steht der Ansporn zur Innovation und Qualitätssteigerung, die Orientierung an Leitbetrieben oder der Zugang zu Marktinformationen im Vordergrund. Im zweiten Fall geht es um Arbeitsteilung, um Kombination vonWissen aus verschiedenen Bereichen oder andere Formen gegenseitiger Ergänzung (Komplementarität). Verstärkt werden auch Beziehungen zwischen Produzenten in Form so genannter Coopetitions beobachtet. Der Kunstbegriff Coopetition (durch Zusammenziehen der Begriffe Cooperation und Competition gebildet) bezeichnet punktuelle Kooperationsbeziehungen zwischen grundsätzlich miteinander konkurrierenden Wirtschaftsunternehmen. Ein weiterer Punkt bezieht sich auf soziale Netzwerkbildung und Lerneffekte. Beispielsweise kann davon ausgegangen werden, dass der Austausch vonWissen in verdichteten Räumen besser und einfacher geschieht als in weniger verdichteten. Die Stadt besitzt deshalb Vorteile bei der Akkumulation von Humankapital. Wenn berufliches Wissen gerade von jungen Leuten mit guter Schulbildung aufgebaut wird, so wäre zu erwarten, dass die Agglomerationszentren eine besonders hohe Attraktivität für eben diese Gruppe besitzen. 7.3.2 Vorwärts- und Rückwärtskoppelungen Die neue Regionalökonomik hat unter der Bezeichnung „Neue Ökonomische Geographie“ Modelle hervorgebracht, die Clusterbildung aufgrund der Interaktionen von Firmen und Konsumenten bei Existenz von Skalenerträgen und Transportkosten erklären (siehe Kapitel 6). Das Wechselspiel von Produktion, Konsumtion und Ansiedlungsentscheidungen kann dabei einen Selbstverstärkungsprozess in Gang setzen, der eine Zentralisierung der Produktion und damit letztlich urbanes Wachstum hervorbringt. In vereinfachter Form lässt sich diese wechselseitige Verursachung wie folgt schildern: Die Unternehmen gehen dorthin, wo die Konsumenten sind, und die Konsumenten siedeln sich dort an, wo die Arbeitsplätze sind. In diesem Zusammenhang kommt auch der von Albert O. Hirschman (1958) eingeführten Definition von Rückwärts- und Vorwärtskoppelungen eine große Bedeutung zu. Rückwärts- und Vorwärtskoppelungen sind pekuniäre Externalitäten, d. h. geldwerte Vorteile, die durch die Produktions- oder Nachfrageausweitungen anderer Wirtschaftssubjekte entstehen. Dies soll anhand eines Beispiels verdeutlicht werden. Stellen wir uns eine Wertschöpfungskette aus Produktionsbetrieben vor, die entlang eines Flusslaufs angesiedelt sind. Flussaufwärts finden sich die ersten Glieder der Wertschöpfungskette, z. B. die Produktion einfacher Vorprodukte wie Schrauben, Bleche oder chemische Grundstoffe. Diese Vorprodukte werden verschifft und von Be- 7. Stadtökonomik 143 trieben flussabwärts weiterverarbeitet. Entlang des Flusslaufs findet sich stromabwärts die Produktion immer komplexerer Güter. An der Mündung des Flusses sind die Endprodukthersteller angesiedelt. Angenommen wird nun, dass jeder Betrieb unter steigenden Skalenerträgen arbeitet und genau ein Produkt herstellt. Betrachtet sei nun eine Produktionsstätte P irgendwo zwischen Quelle und Mündung. Sie wird beliefert von Zulieferern stromaufwärts und ist zugleich Zulieferer für die Betriebe stromabwärts. Diese Produktionsstätte kann von zwei Arten von Externalitäten betroffen sein: (i) durch eine Zunahme der Zahl der Firmen nimmt die Produktion stromaufwärts zu; (ii) durch eine Zunahme der Zahl der Firmen nimmt die Produktion stromabwärts zu. Welche Konsequenzen besitzt der erste Fall? Zunächst ist evident, dass P dann mehr Varianten von Vorprodukten zur Verfügung stehen. Aus theoretischen Überlegungen folgt, dass es günstig für einen Betrieb ist, wenn die Vielfalt der Zulieferprodukte zunimmt. Diese Vorteile können darin bestehen, dass die Zulieferprodukte im Produktionsprozess der Firma P besser, d. h. beispielsweise effizienter oder passgenauer eingesetzt werden können. Somit kann P Kostenvorteile realisieren, wenn die Zahl der Firmen flussaufwärts zunimmt. Da dieser Vorteil nicht durch eine eigene Handlung zustande kommt, handelt es sich um einen externen Effekt. Der Effekt wird von Firmen stromaufwärts ausgelöst und kommt den Firmen stromabwärts zugute. Da die Wirkungsrichtung der Richtung des Stroms entspricht, wird der Sachverhalt als Vorwärtskoppelung (forward linkage) bezeichnet. Umgekehrt ist die Situation im zweiten Fall. Die Produktionszunahme stromabwärts bedeutet für P eine Erhöhung der Nachfrage, da das Produkt von P als Input von den Firmen stromabwärts benötigt wird. Als Reaktion auf die Nachfrageerhöhung weitet P die Produktion aus. Wegen steigender Skalenerträge kommt es zu einer Stückkostensenkung und folglich zu einer Gewinnsteigerung für P. Da nun die Wirkungsrichtung des Effekts gegen die Stromrichtung verläuft, spricht man nun von Rückwärtskoppelung (backward linkage). Natürlich tritt der Effekt einer Rückwärtskoppelung auch bei einer Steigerung der Endnachfrage auf. Die Vorwärts- und Rückwärtskoppelungen setzen räumliche Nähe bzw. niedrige Transportkosten voraus. Bei sehr hohen Transportkosten ist Arbeitsteilung unter den Firmen nicht vorteilhaft. Statt ein Vorprodukt einzukaufen, ist es dann günstiger, es selbst herzustellen. Mit anderen Worten: Bei hohen Transportkosten steigt die Fertigungstiefe, weil die Skalenerträge durch die Transportkosten aufgezehrt werden. In der oben gebrauchten Parabel steht der Fluss für ein Verkehrssystem, das niedrige Transportkosten ermöglicht. Ein Verdichtungsraum bietet durch Verkehrsinfrastruktur und räumliche Nähe ebenfalls den Vorteil günstiger Transportkosten zwischen den wirtschaftlichen Akteuren. Die beschriebenen Vorwärts- und Rückwärtsbindungen sind somit auch für einen urbanen Siedlungsraum charakteristisch. Sie bringen ein System wechselseitiger ökonomischer Vorteile hervor, das letztlich die ökonomische Basis der Agglomerationen bildet. Werden nicht nur Produzenten, sondern auch Konsumenten einbezogen, so kommt ein weiterer Sachverhalt hinzu. Aus der Sicht der Haushalte oder Konsumenten bedeutet eine höhere Dichte der Produzenten nicht nur eine größere Zahl von Arbeitsplätzen, sondern auch eine größere Vielfalt der Güter und Dienste, die lokal (d. h. 144 II. Raumstrukturen ohne Transportkostenzuschlag) angeboten werden. Unter sonst gleichen Bedingungen erhöht sich damit der erreichbare Nutzen, d. h. es verbessert sich die Lebensqualität. Auch dieser Effekt kann zum Zuzug von Personen und zu weiterer Verdichtung führen. 7.3.3 Die urbane Lohnprämie und die erhöhte Produktivität in Städten Die geschilderten Ansätze implizieren, dass die Produktivität in Städten höher ist als in ländlichen Räumen. Einer der ersten Autoren, die den Zusammenhang zwischen Stadtgröße und Produktivität empirisch untersucht haben, ist Leo Sveikauskas (1975). Sveikauskas bestimmt anhand regionalisierter Produktivitätsdaten, dass die Produktivität – gemessen als Output pro Arbeitnehmer –mit der Bevölkerungsdichte zunimmt. Dies schlägt sich auch in einem höheren Lohnniveau nieder. Sveikauskas zufolge ist eine Verdoppelung der Einwohnerzahl einer Stadt mit einer fünfprozentigen Erhöhung des Lohnniveaus verknüpft. Dieses Ergebnis ist nicht durch die höhere Qualifikation innerhalb der Stadt bestimmt, da dieser Aspekt in der Studie berücksichtigt wird. Allerdings haben andere Autoren kritisch bemerkt, dass die Richtung der Kausalität unklar ist. Mit anderen Worten: Es besteht ein „Henne-und-Ei-Problem“. Ist es so, dass die Stadt produktiver ist und deshalb wächst, oder wachsen Städte dort, wo die Menschen produktiver sind? Antonio Ciccone und Robert E. Hall (1996) gehen von der Beobachtung aus, dass erhebliche Diskrepanzen bezüglich der Produktivität zwischen den amerikanischen Bundesstaaten bestehen. So liegt der Output pro Beschäftigten im produktivsten Bundesstaat um etwa zwei Drittel über dem im am wenigsten produktiven Bundesstaat. Die Autoren analysieren, ob die Bevölkerungsdichte einen wesentlichen Erklärungsbeitrag für diese räumliche Variation in der Produktivität liefern kann. Dabei wenden die Autoren einige Mühe auf, um den Einwand einer umgekehrten Kausalbeziehung zu entkräften. Einer der stilisierten Fakten aus der Untersuchung von Ciccone, Hall (1996) ist, dass ceteris paribus eine Verdoppelung der Beschäftigungsdichte zu einem Produktivitätsschub von etwa 6% führt. Die Variation der Beschäftigungsdichte ist damit in der Lage, etwa 50% der räumlichen Variation der Produktivität zwischen den Bundesstaaten zu erklären. Die Autoren zeigen weiterhin, dass die Produktivitätsdifferenzen nicht durch andere Faktoren wie z. B. die Entwicklung der Infrastruktur erklärt werden können. Die Ergebnisse bleiben im Wesentlichen auch dann erhalten, wenn man den Unterschieden im durchschnittlichen Ausbildungsstand Rechnung trägt. Den Autoren zufolge ist es ebenfalls unwahrscheinlich, dass die höhere Produktivität allein durch die Marktgröße bestimmt wird. 7.3.4 Humankapitalansätze Ein weiterer Aspekt für die Erklärung der erhöhten Produktivität in Städten ergibt sich durch die Humankapitaltheorie. Robert E. Lucas (1988) und andere Autoren haben darauf hingewiesen, dass die Produktivität einer qualifizierten Arbeitskraft nicht nur von den eigenen Qualifikationen abhängt, sondern auch von den Qualifikationen anderer Personen in ihremUmfeld. Dies bedeutet, dass in vielen Fällen die Pro- 7. Stadtökonomik 145 duktivität einer gut ausgebildeten Person steigt, wenn sie im Teammit anderen Hochqualifizierten interagiert. Diese positiven externen Effekte kommen z. B. durch den Austausch von Wissen, durch fachliche Diskussionen usw. zustande. Es spricht viel dafür, dass diese Interaktionen in Städten intensiver und häufiger stattfinden als in weniger verdichteten Räumen (Glaeser, 1998). Anders ausgedrückt: Der Lernprozess wird durch eine räumliche Konzentration gut ausgebildeter Arbeitnehmer, d. h. überdurchschnittlich innovativer und fähiger Leute, beschleunigt. Städte sind deshalb Laboratorien für neue Ideen, sie reduzieren die Kosten des Ideenaustausches und des Lernens. Diese Effekte der Wissensübertragung (knowledge spillover) sind entscheidend für eine erhöhte Humankapitalakkumulation. Der Theorie zufolge sollte sich diese letztlich in erhöhter Produktivität niederschlagen. Empirisch ist dies beispielsweise von James E. Rauch (1993) untersucht worden. Der Autor betrachtet als Komponenten des Humankapitals sowohl Berufserfahrung als auch Ausbildung. Es ergibt sich, dass die Spillover-Effekte für Qualifikation höher sind als für Berufserfahrung. Durch Lerneffekte üben eine gute Ausbildung und ein hoher Wissensstand einer Person auch auf andere Personen im Umfeld positive Wirkungen aus, d. h. es kommt auch auf diese Weise zu positiven Externalitäten. Wegen dieser Spillovers sind die gesamtwirtschaftlichen Erträge von Ausbildung höher als die individuellen. Die Studie von Rauch bestätigt diese Aussage. 7.4 Die optimale Stadtgröße Welche Stadtgröße ist optimal? Die Stadtökonomie sagt uns, dass eine große Agglomeration positive Externalitäten generiert. Diese Externalitäten bieten einen Nettovorteil bis zu einer bestimmten Größe der Stadt. Wird diese kritische Größe überschritten, können andere Mechanismen wie Zunahme der Umweltverschmutzung, der Kriminalität oder der Stauphänomene so stark werden, dass sie die positiven Effekte überlagern. Ein System von Städten ist in einem Gleichgewicht, wenn einerseits die Gewinne der Firmen und andererseits die Nutzenniveaus der Haushalte in den einzelnen Städten übereinstimmen. Andernfalls würde eine Stadt Firmen bzw. Bevölkerung verlieren (oder gewinnen), wenn sie im Verhältnis zu den von ihr gebotenen Agglomerationsvorteilen ein zu hohes (bzw. zu niedriges) Mietniveau aufweisen würde. Hieraus folgt die Erkenntnis, dass die Stadtgröße selbst das Ergebnis von Marktkräften ist. Wenn Haushalte und Firmen in ihren Nutzen- bzw. Produktionsfunktionen unterschiedliche Parameter für die Agglomerationsvorteile aufweisen, dann ist zu erwarten, dass sich ein System von Städten unterschiedlicher Größe etabliert. Wie von John V. Henderson (1974) vorgeschlagen wurde, sind beispielsweise die externen Vorteile je nach Industriezweig unterschiedlich, während seiner Argumentation zufolge die Agglomerationsnachteile im Wesentlichen nur von der Stadtgröße abhängen. Als Konsequenz ergibt sich, dass es wegen der steigenden Agglomerationsnachteile bei wachsender Stadtgröße nicht sinnvoll ist, Industrien in der gleichen Stadt zu beherbergen, die keine gegenseitigen Spillovers aufzuweisen haben. 146 II. Raumstrukturen Jede Stadt sollte sich demnach auf eine oder wenige Industrien spezialisieren, die externe Skalenerträge ausweisen und zwischen denen enge Austauschbeziehungen bestehen. 7.5 Theorie der Mietstruktur undWohnortwahl in der Stadt 7.5.1 Die Theorie des Mietgebots Warum gibt es in Frankfurt mehr Hochhäuser als in Hamburg? Warum sind die Bodenpreise in der Innenstadt von München so viel höher als in der Peripherie? Warum gibt es innerhalb der Städte ebenso große Unterschiede wie zwischen den Städten? Was lässt sich über die Mietpreisstruktur in einer Stadt aussagen? Wer zahlt die höherenMieten und konsumiert mehr vomGut „Wohnung“?Welche Nutzungsmuster lassen sich innerhalb von Städten erkennen? Welche Einkommensschichten siedeln sich in welchen Zonen einer Stadt an? Verdrängen die reichen Haushalte die armen aus der Stadt?Wie verändert sich die Mietpreisstruktur bei Veränderungen der Transportinfrastruktur (z. B. einem U-Bahn-Bau) oder bei schrumpfender oder wachsender Bevölkerung? Diese und weitere Fragen lassen sich mit der von William Alonso (1964), Edwin S. Mills (1972) und Richard F. Muth (1969) ausgearbeiteten Theorie derMiet- bzw. Pachtgebote (bid-rent-theory) klären, die aber ursprünglich auf Johann Heinrich von Thünen (1826) zurückgeht (siehe Abschnitt 4.4). Die Mietgebotstheorie erklärt die Funktionsweise einer monozentrischen Stadt mit einem radialen (sternförmigen) Transportsystem. Bereits die Fragestellung, wo sich die Haushalte ansiedeln werden und welche Mieten sie dabei zu zahlen bereit sind, ist vielschichtig. Direkt oder indirekt sind dabei Untersuchungen über das Zusammenspiel sechs verschiedener Märkte notwendig: Neben dem Wohnungsmarkt sind dies die Märkte für Boden und für Kapital, da diese Faktoren bei der Erstellung von Wohnungen benötigt werden. Ferner sind zu berücksichtigen: Der Markt für Transportdienstleistungen, der Arbeitsmarkt und schließlich der Markt für die produzierten Güter und Dienste, die die Firmen im zentralen Geschäftsbereich erstellen. Um das Modell in seiner Grundstruktur überschaubar zu halten, ist eine Reihe von Vereinfachungen notwendig. Angenommen wird, dass die Stadt in einer „Ebene ohne Eigenschaften“ (featureless plain) liegt, d. h. es gibt keine besonderen landschaftlichen Schönheiten wie Seen, Flüsse oder Parks, keine Lagevorteile beim Zugang zu öffentlichen Einrichtungen sowie keine Unterschiede in Lärmbelästigungen oder anderen umweltrelevanten Aspekten. Obwohl all diese Aspekte auf dem realen Immobilienmarkt eine große Bedeutung besitzen, wird im Modell davon abstrahiert, um nicht zu viele Faktoren zur gleichen Zeit analysieren zu müssen. „Lage“ ist in diesem Ansatz ausschließlich durch die Entfernung zumZentrum bestimmt. Weiterhin sollen die Transportkosten linear zur zurückgelegten Entfernung sein. Durch Vernachlässigung der Hausbaukosten werden keine Unterschiede zwischen dem Erwerb bzw. der Pacht von Grund und Boden auf der einen und Kauf bzw. Miete von Wohnungen 7. Stadtökonomik 147 auf der anderen Seite gemacht. Alle Individuen sind Preisnehmer, die Produzenten arbeiten unter konstanten Skalenerträgen und es gibt freien Marktzutritt. Weiterhin geht das Basismodell davon aus, dass Transport nur zu Pendlerzwecken erfolgt und keine Opportunitätskosten des Pendelns zu berücksichtigen sind (z. B. Zeitverlust und dadurch entstehender Verdienstausfall). Auch von Staubildung oder sonstigen Überfüllungseffekten wird abgesehen. Im Standardfall wird das Modell einer geschlossenen Stadt betrachtet, d. h. es ist keine Migration in die Stadt oder aus der Stadt heraus zugelassen. Demgegenüber ist in einemModell einer offenen StadtMigration jederzeit kostenlos möglich. Das Stadtmodell von Alonso (1964) geht davon aus, dass der Haushalt zwischen einer bestimmtenWohnfläche in einer bestimmten Lage auf der einen Seite und einem Konsumgüterbündel auf der anderen Seite wählen muss. Dabei wendet er ein statisches Nutzenmaximierungskalkül an. Das Entscheidungsproblem lässt sich wie folgt charakterisieren: Der Haushalt hat auf der einen Seite ein Interesse daran, dem zentralen Geschäftsbezirk der Stadt möglichst nahe zu sein, wo sich sein Arbeitsplatz befindet, zu dem er täglich pendeln muss. Durch eine Ansiedlung in Zentrumsnähe kann er die Fahrtkosten niedrig halten. Auf der anderen Seite ist Wohnraum in Zentrumsnähe knapp und teuer. Eine Ansiedlung weiter draußen in der Peripherie würde also Mietkosten einsparen. Es besteht somit ein für Entscheidungssituationen typisches Abwägungsproblem. Das Entscheidungsproblem eines Haushalts sei nun etwas formaler beschrieben. Das Güterbündel, das alle Güter mit Ausnahme des Guts „Wohnung“ umfasst, wird mit z und die nachgefragte Wohnfläche mit s bezeichnet. Der Preis für z sei auf den Wert 1 normiert. Die Transportkosten werden der Einfachheit halber als proportional zur Entfernung x zwischen Wohnung und Arbeitsstelle angenommen. 7.5.2 Wohnortwahl bei vorgegebenen Marktmieten: Die Muth‘sche Bedingung Wir wollen zunächst die Ansiedlungsentscheidung eines Haushalts für den Fall betrachten, dass die Marktmieten vorgegeben sind. Unterstellt sei dabei eine Eigenschaft der Marktmietenkurve, die erst im nächsten Absatz hergeleitet wird: Ein mit zunehmender Zentrumsferne monotoner Fall der Marktmieten. Es erhebt sich dann die Frage, welche Entfernung zum Zentrum in Kauf genommen wird, um in den Genuss günstiger Mieten zu kommen. Das Problem der Ansiedlungsentscheidung kann mit einem Gedankenexperiment gelöst werden. Dabei lassen wir ein Individuum seine Suche im Zentrum der Stadt beginnen. Sie oder er wird überlegen: Wenn ich bei Wahl einer Wohnung eine bestimmte Distanz, dx, zum Zentrum (z. B. einen Kilometer) akzeptiere, werden die Mietkosten um einen bestimmten Betrag, sagen wir dM, fallen. Falls die Mietersparnisse, also dM, kleiner sind als die zusätzlichen Transportkosten dT , so ist es am günstigsten, eine Wohnung direkt im Zentrum zu nehmen. Wenn dies aber nicht so ist, lohnt sich die Inkaufnahme einer Entfernung dx zum Zentrum auf jeden Fall. Wäre aber eine Bewegung weg vom Zentrum um einen weiteren Kilometer nicht noch günstiger? 148 II. Raumstrukturen Wiederum sind Mietkostenersparnis und höhere Transportkosten gegeneinander aufzurechnen. Überwiegt die Mietkostenersparnis, so wird unser Musterhaushalt bei der Wohnungssuche mindestens um dx weiter in die Peripherie ziehen wollen usw. Der Prozess endet erst dann, wenn die Mietkostenersparnis durch größere Zentrumsferne und der Mehraufwand beim Transport gleich groß sind. Eine solche Situation stellt ein Gleichgewicht dar, in dem der Haushalt keinen Grund hat, von seiner Wohnortwahl abzuweichen. Die optimale Distanz zum Zentrum wird mit x bezeichnet. Im Gleichgewicht gilt die bekannteMuth’sche Bedingung. Sie besagt: „Die Lage desWohnorts ist dort optimal gewählt, wo bei einer geringfügigen Erhöhung der Distanz zum zentralen Geschäftsbereich die höheren Transportkosten die Mietkostenersparnisse genau aufwiegen.“ Aus der Logik der Haushaltsentscheidung zwischen dem Gut Wohnen und allen anderen Konsumgütern lässt sich herleiten, dass ein Haushalt in Zentrumsferne unter sonst gleichen Bedingungen eine größere Wohnfläche wählen wird als in Zentrumsnähe, wo die Mietpreise pro Quadratmeter höher sind als in der Peripherie. Daraus folgt dann, dass Haushalte, die einen höheren Platzbedarf haben (z. B. Familien mit Kindern), tendenziell eine größere Zentrumsferne bevorzugen werden. 7.5.3 Herleitung der Marktmietenkurve bei identischen Haushalten Bisher wurde von einer gegebenen Marktmietenkurve ausgegangen. Das Modell ist aber auch in der Lage, die Marktmietenkurve selbst zu erklären. Der Einfachheit halber gehen wir von identischen Individuen in einer geschlossenen Stadt aus. Betrachtet wird die Haushaltsentscheidung zwischen der Wohnfläche s und der Lage der Wohnung x sowie dem Konsum sonstiger Güter z. Jeder Haushalt wird die Kombination dieser Größen so wählen, dass bei Einhaltung der Budgetrestriktion sein Nutzen möglichst groß wird. Ein Gleichgewicht ist dadurch gekennzeichnet, dass kein Anlass besteht, eine gewählte Kombination zu verändern. Diese Kombination muss also den höchstmöglichen Nutzen stiften, den wir mit u bezeichnen. Da alle Individuen identisch sind, müssen alle Stadtbewohner dieses Nutzenniveau u erreichen. Der Ansatz besteht jetzt darin, die Zahlungsbereitschaft der Stadtbewohner pro Quadratmeter Mietfläche in Lage x im Gleichgewicht zu bestimmen. Natürlich ist es unmöglich, dass alle Bewohner der Stadt dieselbe Lage ihrer Wohnung wählen. Die Bewohner müssen sich auf das zentrumsnahe und zentrumsferne Stadtgebiet verteilen. Wie kann ein Haushalt in der Peripherie dasselbe Nutzenniveau erreichen wie im Zentrum, obwohl er die Kosten des Pendelns tragen muss? Die Antwort ist natürlich, dass er in der Peripherie einen niedrigeren Mietzins bezahlen wird. Die Zahlungsbereitschaft pro Quadratmeter sinkt deshalb mit zunehmender Zentrumsferne. Die Kurve der maximalen Zahlungsbereitschaft für die Einheit Wohnfläche ðx; uÞ bestimmt im Gleichgewicht die Marktmieten: ðx; u Þ ¼ MðxÞ. Die Abbildung 7.1 verdeutlicht den Sachverhalt. Die Marktmietenkurve fällt monoton mit zunehmender Zentrumsentfernung x. In der Entfernung x1 ist ein Haushalt im Gleichgewicht bereit, für einen Quadratmeter nicht mehr alsM1 zu zahlen. Bei dieser Miete kann er das Nutzenniveau u gerade noch erreichen. Die Konkurrenz unter den 7. Stadtökonomik 149 Haushalten führt dazu, dass diese Zahlungsbereitschaft auch tatsächlich ausgeschöpft wird. Abbildung 7.1: Zahlungsbereitschaft und Marktmietenkurve im Gleichgewicht (identische Haushalte) 7.5.4 Herleitung der Marktmietenkurve bei unterschiedlichen Haushalten Es werde nun von unterschiedlichen Haushaltstypen ausgegangen. Konkret werde angenommen, dass es zwei Gruppen gibt, die sich im Einkommen unterscheiden, ansonsten aber identisch sind. Die armen Haushalte seien mit dem Index 1, die reichen mit dem Index 2 bezeichnet. Wiederum lässt sich die maximale Zahlungsbereitschaft für einen Quadratmeter Mietfläche, d. h. das maximale Mietgebot, in Abhängigkeit von einem gegebenen Nutzenniveau angeben. Die beiden Gruppen von Haushalten werden um die gesamte Fläche konkurrieren. Diejenigen, derenMietgebot für eine gegebene Lage höher ist, werden sich am Markt durchsetzen. Letztlich führt die Konkurrenz der Gruppen zu einem Gleichgewicht, das für die armen Haushalte mit einem Nutzenniveau u 1 und für die reichen mit u 2 > u 1 verbunden ist. Zu diesem Gleichgewicht gehören die Mietgebotskurven für die beiden Haushaltstypen 1 u 1‚x und 2 u 2‚x , die beide wiederum mit der Entfernungx zum Zentrum monoton fallen. Die entscheidende Frage ist, ob etwas über den Verlauf dieser Mietgebotskurven ausgesagt werden kann. Die mathematische Analyse zeigt, dass 1 u 1‚x steiler als 2 u 2‚x verläuft. Ohne dass diese Herleitung hier im Detail nachvollzogen werden soll, gibt es einen intuitiven Grund dafür: Wohnen ist kein inferiores Gut, die reichen Haushalte werden also unter sonst gleichen Bedingungen mehr Wohnraum nachfragen. Für einen Haushalt, der einen großen Wohnraumbedarf hat, bringt ein Ausweichen in die zentrumsfernere Zone mehr an Mietkostenersparnis als für einen Haushalt mit einer geringen Wohnraumnachfrage. Da die Pendlerkosten für beide Gruppen als gleich angenommen wurden, ergibt sich somit zwangsläufig, dass die peripheren Lagen tendenziell für die reichen Haushalte attraktiver sind als für die armen. 2 u 2‚x wird damit flacher verlaufen als 1 u 1‚x . 150 II. Raumstrukturen Eine einfache Überlegung zeigt nun, dass sich Haushalte mit steileren Mietgebotskurven in Zentrumsnähe durchsetzen, solche mit flacheren Mietgebotskurven in Zentrumsferne. Die Situation ist in Abbildung 7.2 verdeutlicht. Die beiden Mietgebotskurven schneiden sich in der Entfernung ~x vomZentrum. Links von diesem Schnittpunkt dominiert 1ðx; u 1Þ das Mietgebot der armen Haushalte. Unter den Annahmen des Modells wird sich deshalb in Zentrumsnähe der erste Haushaltstyp durchsetzen und den Zuschlag für die Wohnungen in dieser Lage erhalten. Rechts von ~x hingegen dominiert 2ðx; u 2Þ, die Mietgebotsfunktion der reichen Haushalte. Dies bedeutet, dass im Gleichgewicht die reichen die armen Haushalte in jeder Lage x > ~x überbieten und damit verdrängen werden. Abbildung 7.2: Gleichgewichtige Mietgebotskurven für einen reichen und einen armen Haushaltstyp Die Abbildung 7.3 zeigt nun neben den Mietgebotskurven auch die Marktmietenkurve. Aus der Tatsache, dass sich in jeder Lage das höchste Mietgebot durchsetzt, folgt, dass die Marktmietenkurve die obere Einhüllende der Mietgebotskurven sein muss. Bei nur zwei Einkommensklassen weist die Marktmietenkurve deshalb eine Knickstelle bei der kritischen Entfernung ~x auf. Natürlich wird sich die Marktmietenkurve glätten, wenn nicht von nur zwei Einkommensklassen, sondern von einem Kontinuum der Haushaltseinkommen ausgegangen wird. Auch für ein auf ein Kontinuum von Einkommensklassen ausgeweitetes Modell gilt, dass die armen Haushalte die zentrumsnahen, die reicheren hingegen die zentrumsferneren Wohnlagen okkupieren. Dies mag auf den ersten Blick der Intuition widersprechen, da die Zentrumslagen mit „teuer“ assoziiert werden und tendenziell die wohlhabenden Schichten die teuren Wohnungen belegen. Die Evidenz für viele amerikanische Städte belegt aber dieses stadtökonomische Modell sehr gut. In den Metropolen Detroit, Chicago, Oakland oder New York finden sich die meisten Ghettos nahe dem Stadtzentrum, während sich die Wohlhabenden in den Villenbezirken der Vororte ansiedeln. 7. Stadtökonomik 151 Die Evidenz für typische europäische Städte scheint weniger gut in Übereinstimmung mit den Aussagen des Modells zu stehen. Phänomene wie „Wiederentdeckung der Stadtzentren“ oder „Luxusmodernisierung von Altbauten“ deuten darauf hin, dass zumindest bestimmte Gruppen unter den Wohlhabenden (wieder) zentrumsnahe Lagen bevorzugen. In der Tat sollte man auf die zum Teil stark vereinfachten Annahmen des Modells verweisen: Angenommen wurde, dass die Fahrtkosten für reiche und arme Haushalte gleich sind. Dies widerspricht jedoch dem Opportunitätskostenprinzip. Eine Fahrtzeit von einer Stunde ist für eine Person mit einem Stundenverdienst von 100Euro mit Opportunitätskosten in dieser Höhe verbunden, während diese bei einer Person mit geringeren Verdiensten entsprechend niedriger liegen. Das Argument wird noch verstärkt, wenn berücksichtigt wird, dass die Wahrscheinlichkeit von Staubildungen gerade im Berufsverkehr ständig zugenommen hat. Eine Berücksichtigung der Opportunitätskosten der Fahrt führt zu einer Modifikation der Modellaussagen. Technisch gesprochen: Nur solange die Einkommenselastizität der Wohnraumnachfrage größer ist als die Einkommenselastizität der Pendlerkosten, gilt das bisherige Ergebnis einer flacheren Mietgebotskurve für die Wohlhabenden. Im erweiterten Modell gilt typischerweise diese Annahme für Spitzenverdiener nicht mehr. Dies aber würde bedeuten, dass im erweiterten Modell die hohen und die niedrigen Einkommensklassen die steilsten Mietgebotskurven aufweisen, mittlere Einkommensklassen hingegen relativ flache. Letztere siedeln sich demnach in den peripheren Stadtlagen an, während sich Arme und Reiche im Zentrum wieder finden. Das Modell impliziert somit eine vergleichsweise große Heterogenität des Einkommens der Innenstadtbewohner. Natürlich gibt es auch andere Faktoren, die die Wohnortwahl verschiedener Gruppen beeinflussen. So kann die Stadt selbst z. B. ein höheres Steuerniveau aufweisen, schlechtere Schulen, mehr Umweltverschmutzung und Kriminalität. All dies flacht die Mietgebotskurven für die Wohlhabenden ab, sofern diese Schichten sensitiv auf die genannten Faktoren reagieren. Wohlhabende Haushalte werden deshalb die ärmeren Schichten in den Bezirken überbieten, die höhere Sicherheit, geringere Um- Abbildung 7.3: Marktmietenkurve im Gleichgewicht in einem Modell mit einem reichen und einem armen Haushaltstyp 152 II. Raumstrukturen weltbelastung und bessere Schulen versprechen. Dies sind dann typischerweise bestimmte Vororte. 7.6 Zusammenfassung Die Konzentration der Bevölkerung und der Wirtschaftsaktivität in Städten unterschiedlicher Größe ist ein Grundtatbestand moderner Gesellschaften und wird von jedermann wie ein Naturphänomen hingenommen. Zwar mögen historisch auch nicht- ökonomische Faktoren bei der Bildung von Städten eine Rolle gespielt haben, aber der heutige Grad der Urbanisierung sowie die Charakteristiken von Städten im Vergleich zum Land lassen sich im Wesentlichen durch rein ökonomische Faktoren erklären. Skalenvorteile führen in Verbindung mit Kosten der Raumüberwindung zu Agglomerationsvorteilen, die die Haushalte und Firmen dazu veranlassen, ihren Wohnort bzw. Standort in Städten zu wählen und für den Vorteil, den die Städte bieten, auf dem Wohnungsmarkt, dem Bodenmarkt und dem Arbeitsmarkt hohe Prämien zu zahlen. In ihrer inneren Struktur weisen Städte ein charakteristisches Gefälle der Bodenpreise und damit auch der Mieten vom Zentrum zum Rand hin auf. Das liegt daran, dass weiter außen wohnende Haushalte für den höheren Aufwand, das Zentrum zu erreichen, durch niedrigere Mieten bzw. Bodenpreise kompensiert werden müssen. Würden sie nicht kompensiert, so würden sich alle in Stadtnähe drängen und dort den Bodenpreis hochtreiben sowie ihn in der Peripherie drücken, bis gerade der Gleichgewichtszustand erreicht ist, in dem für jeden Haushalt der Vorteil größerer Zentrumsnähe sich gegen den Nachteil eines höheren Bodenpreises bzw. einer höheren Miete gerade ausgleicht. Unterscheiden sich Haushalte nach ihrem Einkommen, dann sortieren sie sich im Stadtgebiet derart, dass die reicheren Haushalte tendenziell eher die äußeren Stadtviertel belegen, es sei denn, Reiche hätten eine deutlich schwächere Vorliebe für große Grundstücke und eine deutlich stärkere Bereitschaft als Arme, für Einsparungen von Pendelzeiten zu zahlen. Wir konnten in diesem Kapitel allerdings nur einen ersten Einblick in das vielfältige und faszinierende Gebiet der Stadtökonomik geben. Es findet in Deutschland bislang weniger Beachtung als z. B. in den Vereinigten Staaten, obwohl die Pioniere dieses Gebietes wie Thünen, Christaller und Lösch aus Deutschland stammen. Literaturhinweise zu Kapitel 7 Die Theorie des Mietgebots wurde von Alonso (1964) begründet. Klassische Lehrbücher zur Stadtökonomik sind die von Muth (1969) und Mills (1972). Eine umfassende, allerdings formal anspruchsvolle Darstellung liefert Fujita (1990). Zu den Agglomerationsvorteilen siehe die Literaturhinweise zu Kapitel 4, zur Neuen Ökonomischen Geographie die zu Kapital 6. Die Koppelungseffekte wurden zuerst vonHirschman (1958) dargestellt. Lucas (1988) weist auf die externen Effekte des Humankapitals hin, Rauch (1993) und Glaeser (1998) zeigen die Bedeutung dieser ex- 7. Stadtökonomik 153 ternen Effekte für die Erklärung städtischer Produktivitätsvorteile. Wegweisende Beiträge zur Messung städtischer Produktivitätsvorteile stammen von Sveikauskas (1975) sowie Ciccone, Hall (1996). Henderson (1974) ist der Pionier der Theorie von Städtesystemen, die hier nur gestreift wurde. III. Raumentwicklung

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References

Zusammenfassung

Vorteile

- Umfassender Überblick

- Moderne und klassische Ansätze

- Einfacher Zugang zur modernen Theorie

- Verbindung von Theorie und Empirie

- Handlungsmöglichkeiten für die Politik

Zum Werk

Räumliche Aspekte des Wirtschaftens sind in den letzten Jahrzehnten immer wichtiger geworden. Daher hat sich das Gebiet der Ökonomischen Geographie als Teilbereich der Wirtschaftswissenschaften dynamisch entwickelt. Ursache für die Beschäftigung mit räumlich differenziert ablaufenden Wirtschaftprozessen sind oft regionale Wohlstandsunterschiede. Dementsprechend besteht ein Ziel der Ökonomischen Geographie darin, räumliche Entwicklungsunterschiede zu erklären und hieraus politische Handlungsmöglichkeiten abzuleiten.

Themen des Buches sind unter anderem:

- Empirische Entwicklungstrends

- Theorie der Raumstruktur

- Regionales Wachstum, Entrepreneurship und Innovation

- Infrastruktur

- Regionalpolitik

Herausgeber

Prof. Dr. Johannes Bröcker lehrt Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Prof. Dr. Michael Fritsch lehrt Volkswirtschaftlehre an der Friedrich-Schiller Universität Jena.

Autoren

Johannes Bröcker, Michael Fritsch, Hayo Herrmann, Helmuth Karl, Gerhard Kempkes, Gabriel Lee, Joachim Möller und Helmut Seitz.

Zielgruppe

Studierende in den Bereichen Geographie, Wirtschaftswissenschaften sowie der Stadt- und Regionalplanung