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2.3 Nutzen von Ratings in:

Werner Gleißner, Karsten Füser

Praxishandbuch Rating und Finanzierung, page 45 - 48

Strategien für den Mittelstand

3. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-3876-5, ISBN online: 978-3-8006-3877-2, https://doi.org/10.15358/9783800638772_45

Series: Finance Competence

Bibliographic information
2. Grundlagen der Finanzierung und des Ratings30 5-year 10-year Credit Rating Historical Risk- Neutral Ratio Historical Risk- Neutral Ratio Average Ratio AAA 0,14 % 0,54 % 3,83 0,80 % 1,65 % 2,07 3,57 AA 0,31 % 1,65 % 5,31 0,96 % 6,75 % 7,04 6,22 A 0,51 % 7,07 % 13,86 1,63 % 12,72 % 7,80 9,95 BBB 1,95 % 11,39 % 5,84 5,22 % 20,88 % 4,00 4,84 BB 11,42 % 21,07 % 1,85 21,48 % 39,16 % 1,82 1,86 B 31,00 % 34,90 % 1,13 46,52 % 62,48 % 1,34 1,21 Tabelle 3: Risikoneutrale und historische Ausfallwahrscheinlichkeiten26 Vor diesem Hintergrund stellt sich damit die F rage: Was nutzt ein Rating? 2.3 Nutzen von Ratings Abbildung 3 zeigt die verschiedenen Dimensionen auf, in denen ein Rating nützlich sein kann. Neben der Sicherung des Kreditspielraumes zu günstigen Konditionen spielen auch andere Aspekte eine wichtige Rolle. Die Demonstration der „Solidität“ eines Unternehmens für Mitarbeiter und Geschäftspartner ist ein nicht unwesentlicher, eigenständiger Erfolgsfaktor. Diesen Erfolgsfaktor nutzen zu können setzt jedoch voraus, dass ein Unternehmen ein glaubwürdiges externes Rating einer anerkannten Rating-Agentur besitzt und auch veröffentlichen kann – was leider bei den internen Ratings der Kreditinstitute i. d. R. nicht möglich ist. Abbildung 3: Nutzen eines Ratings 26 Quelle: Almeida/Philippon (2007). 2.3 Nutzen von Ratings 31 Welche Konsequenzen kann eine Verschlechterung des Ratings mit sich bringen? Generell sind vier Auswirkungen häufi g beobachtbar: 1. Schlechtere Zinskonditionen Seitdem das zweite Baseler Konsultationspapier zur Diskussion stand wurde darüber spekuliert, in welchem Umfang sich die Kreditkonditionen speziell bei Unternehmen mit einem schlechteren Rating „verschlimmern“ könnten. Da die Kreditinstitute seit der rechtlichen Umsetzung von Basel II im Januar 2007 über ihre Ratings präzisere Einschätzungen über die erwartete Ausfallwahrscheinlichkeit von Kredit engagements (Probability of Default) haben und zudem Kredite mit mehr Eigenkapital unterlegen müssen, ist einer Verschlechterung der Kreditkonditionen bei unbefriedigender Bonität naheliegend. Gerade bei mittelständischen Unternehmen, die ganz typische Rating-relevante Charakteristika aufweisen (z. B. Abhängigkeit von Schlüsselpersonen und geringe regionale Diversifi kation der Kunden) ist eine Verschlechterung der Zinskonditionen wahrscheinlich. Dabei hätte bereits eine Zinserhöhung um 0,5 % bis 1,0 % zur Folge, dass der Zinsaufwand, bezogen auf den Umsatz – je nach Branche etwas differierend  – um rund 0,1  % ansteigen dürfte. Dies ist sicherlich wenig erfreulich, wäre aber in den allermeisten Fällen weit von einer existenziellen Bedrohung entfernt. Die Mehrkosten, die hierdurch entstünden, rechtfertigen bei kleinen oder mittleren Unternehmen kaum einen Zusatzaufwand für „Abwehrmaßnahmen“. 2. Sinkender Unternehmenswert Ein Anstieg der Finanzierungskosten hat jedoch nicht nur Auswirkung auf den Gewinn einer Periode. Steigende Fremdkapitalzinsen führen zu einer Erhöhung der Gesamtkapitalkosten, die für die Bewertung des Unternehmens maßgeblich sind, weil mit diesem Satz sämtliche in der Zukunft erwarteten Erträge (Free Cashfl ows) abgezinst werden. Für die immer größere Anzahl von Unternehmen, die einen wertorientierten Unternehmensführungsansatz verfolgen, zeigt diese Überschlagsrechnung die große Bedeutung von Zinsänderungen. Die Insolvenzwahrscheinlichkeit wirkt wie eine negative Wachstumsrate und beeinfl usst so den Wert erheblich.27 Dennoch ist zu bedenken, dass diese Konsequenz ebenso in den allermeisten Fällen keine Bestandsgefährdung nach sich führt. 3. Verschlechterung des Ansehens bei Kunden und Mitarbeitern Ein glaubwürdiges Rating kann ein Aushängeschild für ein Unternehmen sein. Gerade in Anbetracht der krisenhaften Entwicklung vieler Unternehmen in Folge der Finanzmarktkrise 2008/2009 achten zunehmend auch qualifi zierte Mitarbeiter wieder mehr auf die fi nanzielle Solidität des Unternehmens. Auch bei langfristigen Geschäftsbeziehungen – sei es mit Kunden oder Lieferanten – ist es im Interesse der Geschäftspartner, auch die fi nanzielle Solidität in die Entscheidungen über eine langfristige Kooperation mit einfl ießen zu lassen. Ein Rating, das eine unbefriedigende Bonität signalisiert, kann damit für das Unternehmen wichtige Geschäftsbeziehung unmöglich machen und letztlich zu einer Erosion von Erfolgspotenzialen führen. Diese Auswirkungen sollten in ihrer Konsequenz nicht unterschätzt werden und können im Extremfall durchaus bestandsgefährdenden Charakter annehmen. Diese negativen Auswirkungen sind nur zu erwarten, falls das Rating veröffentlicht wird. Dies ist bei bankinternen Ratings in Deutschland üblicherweise nicht der Fall. 4. Reduzierung von Kreditrahmen Schlechtere Ratings führen nicht nur zu einer Erhöhung der Zinssätze. Schon aus Imagegründen können Banken nicht beliebig hohe Zinsen verlangen, weshalb beim Über- 27 Vgl. Gleißner (2011c) und Knabe (2012). 2. Grundlagen der Finanzierung und des Ratings32 schreiten einer bestimmten Ausfallwahrscheinlichkeit (also ab einer defi nierten Rating- Stufe) für die Bank nur die Option bleibt, die Kreditlinien zu kürzen oder komplett zu kündigen. Nur so können Banken die eigenen Risiken beschränken bzw. reduzieren und ein adäquates Verhältnis zwischen Ausfallwahrscheinlichkeit einerseits und vereinbartem Zins andererseits herstellen. Auch können Unternehmen, die bereits eine relativ niedrige fi nanzielle Stabilität aufweisen, nicht beliebig hohe Zinsaufwendungen tragen und leiden daher unter „Kreditrationierung“. Eine Reduzierung oder gar Kündigung von Krediten oder Kreditlinien kann bei Unternehmen bestandsgefährdende Liquiditätsengpässe auslösen. Zumindest besteht aber die Gefahr, dass eine derartige Einschränkung des Finanzierungsspielraums für die Sicherung der Wettbewerbsposition wichtige Investitionen unmöglich macht oder zukünftige Wachstumspotenziale einschränkt. In dieser Hinsicht führt die zu erwartende Kredit rationierung bei sich verschlechterndem Rating zu einer Bedrohung wesentlicher Erfolgspotenziale des Unternehmens. Derartige Kreditrationierungen sind eine viel größere Gefahr für Unternehmen als eine Erhöhung der Kreditzinsen. Geldpolitische Forschungen aus den letzten Jahren zeigen, dass Kreditrationierungen eine hohe makroökonomische Bedeutung haben. Die in der Regel gravierendste Auswirkung für Firmenkunden bei Absenkung eines Ratings ist die Reduzierung bzw. Kündigung bestehender Kreditlinien. Diese Gefahr verdeutlicht die Notwendigkeit für ein Unternehmen, sich präventiv mit der Entwicklung einer geeigneten „Rating-Strategie“ auseinander zu setzen, die letztlich darauf abzielt, die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Kapitalmarkt zu verbessern. In Anbetracht beschränkter Finanzierungsmöglichkeiten wird dieser Wettbewerb auf dem Kapitalmarkt zukünftig eine immer größere Rolle spielen und in allen Überlegungen zur langfristigen Unternehmensplanung zu berücksichtigen sein. Für die Verbesserung des Ratings eines Unternehmens gibt es grundsätzlich vier miteinander verbundene Ansatzpunkte, nämlich: 1. Eine Verbesserung der Ertragskraft und damit eine Steigerung des Unternehmenswerts (wertorientierte Unternehmensführung), beispielsweise durch eine Verbesserung der strategischen Ausrichtung oder die Optimierung operativer Werttreiber (z. B. verbesserter Kundennutzen, zielgruppenorientierter Vertrieb oder effi zientere Prozesse). An Stelle von „Steigerung des Unternehmenswerts“ kann man auch – weniger abstrakt – von einer „Stärkung des Unternehmens“ sprechen. 2. Die systematische Reduzierung von unternehmerischen Risiken, beispielsweise durch einen gezielten Risikotransfer an Dritte (Versicherung oder Kapitalmärkte) mit der Konsequenz einer Reduzierung der Insolvenzwahrscheinlichkeit (bzw. präzise: Wahrscheinlichkeit eines „Defaults“). 3. Eine Verbesserung der Risikotragfähigkeit und der Finanzierung, beispielsweise durch eine Reduzierung der Kapitalbindung (z. B. in Vorräten), einer Vermeidung von temporären Fremdfi nanzierungsspitzen oder der Erschließung alternativer Kapitalquellen (z. B. Venture Capital). 4. Eine Verbesserung der Transparenz über die eigene Risikosituation und eine offene Kommunikation diesbezüglich mit der Hausbank. Dies geschieht beispielsweise durch den Ausbau der Controlling-, Frühaufklärungs- und Risikomanagementsysteme, die Entwicklung einer Balanced Scorecard sowie die Erarbeitung einer Kommunikationsstrategie mit den Hausbanken. Entscheidend ist, dass nahezu alle diese Aktivitäten zur Verbesserung des Ratings auch unternehmerisch sinnvoll wären, wenn es das Thema „Rating“ überhaupt nicht gäbe! Die Entwicklung einer „Rating-Strategie“ ist daher immer auch als Anlass für eine Stärkung der Zukunftsfähigkeit und des Werts eines Unternehmens zu sehen. 2.4 Rating, Risiko und Unternehmenswert 33 In welcher Weise kann und sollte sich also ein mittelständisches Unternehmen auf das Rating durch seine Hausbank – ggf. auch durch eine Rating-Agentur – vorbereiten? Hier haben mittelständische Unternehmen eine Reihe von Möglichkeiten: Defi zite erkennen und reduzieren: Während es hinreichend sein mag, die Fragen der Bilanzstruktur mit der Hausbank zu besprechen, sollte die Diskussion der „weichen Faktoren“ mit einem Berater erfolgen, der die Defi zite identifi ziert und entsprechend reduziert, d. h. die „Aufstellung“ des mittelständischen Unternehmens optimiert. Ein für mittelständische Unternehmen und für die Arbeitsmarktpolitik wichtiger Gestaltungsansatz liegt dabei im Personalbereich, insbesondere der Organisation, der Qualifi kation und evtl. dem Setzen von Leistungsanreizen durch eine Mitarbeiterbeteiligung.28 Verbesserung der Eigenkapitalbasis: Da die Eigenkapitalbasis, die Risikotragfähigkeit, weiterhin eine zentrale Rolle bei der Bonitätsprüfung spielen wird, lässt sich durch sie ein Rating-Ergebnis beeinfl ussen. Einen für den Mittelstand gangbaren Weg stellt möglicherweise auch hier die Mitarbeiterbeteiligung dar. Verbund, Kooperation, Wachstum, Übernahmen: Die Diversifi kation im Hinblick auf Standorte und Produkte – als Proxy zur Risikoreduktion – stellt ein wichtiges Element des Ratings dar, weshalb hier der Mittelständler optimieren muss zwischen der „Selbstbestimmung im Haus“ und der erforderlichen kritischen Größe des Unternehmens (bzw. seiner Gruppe). Strategische Kooperationen (bzw. Zusammenschlüsse) sind wichtige Elemente, um zukünftig das erforderliche Humankapital im Unternehmen halten zu können. Spezialisierung und Nischenbildung: Eine einzigartige Wettbewerbsposition garantiert eine erhebliche Stabilität des Unternehmens auch in Zeiten eines schwierigen Umfeldes. Ob damit jedoch gute Ratings erzielt werden können, ist durchaus umstritten, denn Spezialisierung kann durchaus zu erhöhten wirtschaftlichen Abhängigkeiten und Konzentrationsrisiken in Absatz- und Faktormärkten führen, die das Rating negativ beeinfl ussen. Die Möglichkeiten mittelständischer Unternehmen, sich auf ein Rating vorzubereiten, werden im Kapitel 4 im Detail diskutiert. 2.4 Rating, Risiko und Unternehmenswert 2.4.1 Grundbegriff e: Risiko, Ausfallwahrscheinlichkeit und Rating Der Risikobegriff wird in der einschlägigen Literatur zum Risikomanagement je nach der damit verbundenen Zielsetzung unterschiedlich, teilweise auch widersprüchlich defi niert. In ei ner engen Defi nition wird „Risiko “ als die Möglichkeit einer negativen Abweichung eines tatsächlichen Ergebnisses von einem erwarteten Ergebnis (i. S. einer Verlust- oder Schadensgefahr) beschrieben. Wirtschaftlich äquivalent dazu ist eine Formulierung, die Risiko als die Nichterreichung eines Ziels defi niert und in der Risiko in Form einer Soll-Ist-Abweichung gemessen wird. Im Sinne der engen Defi nition bzw. Interpretation des KonTraG (vgl. §  91 Abs.  2 AktG) ist z. B. primär die negative Abweichung des tatsächlichen Ergebnisses vom erwarteten Ergebnis für das Unternehmensrisiko relevant. Die Möglichkeit einer po- 28 Vgl. Leibbrand (2001).

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References

Zusammenfassung

Rating und Finanzierung unter Basel III

Mit Basel III hat der sogenannte Baseler Ausschuss ein neues Regelwerk mit Eigenkapitalvorschriften für Banken veröffentlicht, das ab 2013 schrittweise in Kraft tritt. Während Basel II vor allem die Risikomessung zum Gegenstand hat, geht es in den neuen Regelungen um die Definition des Eigenkapitals und die erforderlichen Mindestquoten. Das stellt insbesondere mittelständische Firmen, die auf weitere Kreditvergabe durch Banken angewiesen sind, vor neue Herausforderungen.

Das Praxishandbuch Rating und Finanzierung stellt Firmen Bausteine für eine ratingorientierte Unternehmensführung zur Verfügung.

Die Schwerpunkte:

- Rating als Erfolgsfaktor

- Analyse der eigenen Situation: Wie gut ist unser Rating?

- Optimierung des Ratings

- IT-gestützte Hilfsmittel für das Rating

- Die Zukunft von Rating und Finanzierung

Besonders praktisch

sind die Checklisten zur Analyse und Optimierung des eigenen Unternehmens sowie die CD mit der Software Quick-Rater, die eine Eigenbewertung des Unternehmens ermöglicht.

Die Autoren

Dr. Werner Gleißner ist Vorstand der FutureValue Group AG und Dr. Karsten Füser ist Partner bei Ernst&Young.

Zielgruppe

Mitarbeiter in den Finanzabteilungen mittelständischer Unternehmen.