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5.1 Aufgabe und Anforderungen an eine Rating-Software in:

Werner Gleißner, Karsten Füser

Praxishandbuch Rating und Finanzierung, page 404 - 407

Strategien für den Mittelstand

3. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-3876-5, ISBN online: 978-3-8006-3877-2, https://doi.org/10.15358/9783800638772_404

Series: Finance Competence

Bibliographic information
IT-gestützte Hilfsmittel für Rating und Finanzierung 5 5.1 Aufgabe und Anforderungen an eine Rating-Software426 Bei der Vorbereitung auf interne oder externe Ratings und die Steuerung des Ratings kann Rating-Software eine wesentliche Hilfe bieten. Speziell für die Entwicklung und Bewertung einer Rating-Strategie, die die erforderlichen Maßnahmen für eine nachhaltige Sicherung der Finanzierung zu wettbewerbsfähigen Konditionen zusammenfasst, ist der Einsatz einer geeigneten Rating-Software eine kostengünstige und effi ziente Alternative zur Beauftragung eines spezialisierten Beraters. Im Laufe der Jahre hat sich ein sehr weites Spektrum von Softwareprodukten entwickelt.427 Aus dieser Auswahl sollen in diesem Kapitel zwei Software-Lösungen mit etwas unterschiedlicher Schwerpunktsetzung vorgestellt werden. Die beiden Softwaresysteme – „Quick-Rater“ und „Strategie-Navigator Risiko & Rating-Light “ – sind als kostenlose Lösungen auf der Begleit-CD zu diesem Buch zu fi nden. Erwähnenswert ist, dass nachfolgend in Abschnitt 5.2 aus der Familie des „Strategie-Navigators“ auch auf die Software „Risiko-Kompass Plus Rating“428 eingegangen wird. Während der Strategie-Navigator insbesondere für die Unterstützung eines wertorientierten Managements ausgerichtet ist, dient der Risiko-Kompass insbesondere bei der Ersteinschätzung des Ratings mittelständischer Unternehmen und der organisatorischen Verankerung des Risikomanagements. Wesentliche „Bausteine“, wie Unternehmensplanung und Ratingprognosen sowie die Jahresabschluss-Analyse, sind in beiden Software-Systemen jedoch identisch.429 Bei der Auswahl einer Software sollte man sich zunächst klar werden, welchen grundsätzlichen Aufgaben eine solche Rating-Software gerecht werden sollte. Auch bei den in der Zwischenzeit immer häufi ger veröffentlichten Vergleichsstudien über Rating- Software wird leider in vielen Fällen nicht ausreichend kommuniziert, hinsichtlich welcher Aufgabenstellung die betrachteten alternativen Software-Angebote verglichen und wie gegebenenfalls diese einzelnen Leistungen priorisiert und gewichtet wurden. Infolge der sehr unterschiedlichen Beurteilungsperspektiven in den verschiedenen Studien wundern die teilweise sehr differierenden Einschätzungen der am Markt verfügbaren Software-Lösungen nicht. Es gibt sicherlich keine Software am Markt, die hinsichtlich sämtlicher möglichen und sinnvollen Aufgabenstellungen dominiert. Software-Lösungen, die ein Banken-Rating möglichst gut reproduzieren können, schaffen nicht zwangsläufi g eine möglichst präzise Einschätzung der tatsächlichen Insolvenzgefährdung eines Unternehmens, weil sie bestimmte Arten prinzipiell relevanter Informationen vernachlässigen. 426 In Anlehnung an Gleißner (2005b). 427 Vgl. Gleißner/Everling (2007). 428 Funk RMCE und AXA Risk&Claims Services GmbH. 429 Die Softwarelösung „Strategie-Navigator/mit integriertem Risikokompass“ verknüpft beide Software-Systeme. Sie stellt ein umfassendes System für eine wertorientierte Steuerung und Rating dar. 5. IT-gestützte Hilfsmittel für Rating und Finanzierung392 Bei dieser Aufgabenstellung bietet sich die Nutzung einer kostenlosen (oder weitgehend kostenlosen) Software an, wie sie auf der CD dieses Buchs verfügbar ist. Als Beispiele einer kostenlosen Software werden wir • den „Quick-Rater“ und • „Strategie-Navigator Risiko Rating-Light“ der FutureValue Group AG im Verlauf dieses Kapitels vorstellen. Der geringe Zeitbedarf beim Einsatz dieser Software und die Fokussierung auf die wichtigsten Kriterien ermöglichen eine sinnvolle Ersteinschätzung der Rating-Stufe eines Unternehmens. Die anschließend aufgeführten Aufgaben und Funktionen dienen als Anhaltspunkte für einen möglichen Anforderungskatalog an eine Rating-Software. (1) Abschätzung der Insolvenzwahrscheinlichkeit und Krisengefährdung eines Unternehmens Kreditinstitute können bei der Bestimmung von Ratings offensichtlich nur die bei ihnen verfügbaren Informationen nutzen – und selbst diese werden aus Gründen der beschränkten Arbeitszeit für die Erstellung von Ratings nur unvollständig ausgewertet. Unter Nutzung von Informationen, die nur der Unternehmensführung selbst vorliegen, ist damit grundsätzlich eine bessere Einschätzung der tatsächlichen Insolvenzwahrscheinlichkeit eines Unternehmens möglich, als dies aus der Außenperspektive von Banken und Sparkassen möglich ist. Rating-Software, die diese Aufgabenstellung unterstützt, muss auch Informationen auswerten, die ein Kreditinstitut im Rahmen seines Ratings nicht (oder kaum) berücksichtigen kann. Zu nennen sind hierbei insbesondere Informationen aus der Unternehmensplanung und Informationen über diejenigen Risiken, die zu Planabweichungen in der Zukunft führen können. Da Kreditinstitute (fast) ausschließlich historische Daten über ein Unternehmen zur Verfügung haben, kann die tatsächliche Ausfallwahrscheinlichkeit (und damit das tatsächlich angemessene Rating) von der Einschätzung eines Kreditinstituts deutlich abweichen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn aufgrund der Unternehmensplanung von einer deutlichen Veränderung der Unternehmensstruktur (z. B. durch Großinvestitionen) oder von der Existenz gravierender Risiken ausgegangen werden muss. Hinsichtlich der Risiken ist zu beachten, dass Kreditinstitute im Wesentlichen nur solche Risiken in ihrer Rating-Beurteilung berücksichtigen (können), die (zufällig) in der Vergangenheit tatsächlich eingetreten sind und sich damit in den Finanzkennzahlen widerspiegeln. Für die ,,direkte“ Ableitung eines an sich angemessenen Ratings unter Nutzung voller Informationen muss eine Rating-Software Funktionalitäten für eine quantitative Auswertung der Unternehmensplanung und der Aggregation von Risiken im Kontext der Unternehmensplanung (Monte-Carlo-Simulation zur Risikoaggregation) aufweisen.430 (2) Erstellung von Rating-Prognosen und Rating-Steuerung Während das Rating zunächst nichts anderes als die heutige Sichtweise der Gläubiger hinsichtlich der Bonität des Unternehmens widerspiegelt, zeigen Rating-Prognosen die zukünftig zu erwartenden Veränderungen des Ratings auf. Das wiederum bietet der Unternehmensleitung Ansatzpunkte für gegebenenfalls erforderliche Maßnahmen zur Stabilisierung des Ratings. So können beispielsweise schon jetzt erforderliche Gegenmaßnahmen initiiert werden, wenn aufgrund von geplanten Investitionen oder im Falle des Wirksamwerdens gravierender Risiken (in einem „Stressszenario“) eine 430 Vgl. hierzu Gleißner/Everling (2007), S. 16–32. 5.1 Aufgabe und Anforderungen an eine Rating-Software 393 kritische Entwicklung des Ratings zu befürchten ist. Gerade die Ratingprognosen sind aufgrund ihres Zukunftsbezugs damit die Grundlage für die Entwicklung und Beurteilung einer Rating-Strategie zur nachhaltigen Stabilisierung der Finanzierung. Zu unterscheiden sind dabei 1. „deterministische Rating-Prognosen“, bei denen aufgrund der Unternehmensplanung auf das zukünftig zu erwartende Rating geschlossen wird (indem aus der Unternehmensplanung Finanzkennzahlen abgeleitet werden, die das Rating bestimmen), und 2. „stochastische Rating-Prognosen“, welche zusätzlich Risiken berücksichtigen und damit auch Bandbreiten für die Entwicklung des zukünftigen Ratings prognostizieren. (vgl. Abschnitt 4.4.7) R isikobedingte B andbreiten des zukünftigen R atings Rating-Prognosen zeigen kritische Veränderungen der Ratings bevor diese im Finanz-Rating – und damit für die Banken – erkennbar werden. Es zeigt zukünftig zu erwartende Veränderungen des Rating an, so dass ggf. nötige Maßnahmen rechtzeitig initiiert werden können. Es bewertet die Konsequenzen der Unternehmensplanung für das Rating (also aus Perspektive eines Gläubigers). Rating-Prognosen zeigen die möglichen Konsequenzen des Eintretens von Risiken auf das Rating. Rating-Prognosen sind damit unverzichtbar, wenn • größere Veränderungen im Unternehmen, z.B. Groß- Investitionen, • der Risikoumfang sehr groß oder • die Risikotragfähigkeit sehr niedrig ist. Ratingprognosen als Frühwarninstrument Abbildung 101: Rating-Prognosen zeigen Konsequenzen der Unternehmensplanung und der Risiken (3) Aufzeigen von Ansatzpunkten für die Verbesserung des Ratings Allein aus der Beurteilung von Ausfallwahrscheinlichkeit oder Rating ergeben sich keinerlei konkrete Ansatzpunkte für eine Rating-Strategie, speziell die Initiierung von Verbesserungsmaßnahmen. Wenn beispielsweise die Ratingeinschätzung ausschließlich auf Finanzkennzahlen basiert (Finanzrating oder – synonym – Bilanzrating), so kann hiermit unter Umständen eine sehr gute Prognose der Ausfallwahrscheinlichkeit erreicht werden, weil gerade die Finanzkennzahlen gemäß empirischer Untersuchungen eine hohe Bedeutung für die (kurzfristige, einjährige) Insolvenzprognose haben, auf die Basel II und Basel III abzielen. Aus derartigen Informationen lassen sich jedoch kaum sinnvolle Handlungsmöglichkeiten für die Unternehmensleitung ableiten. Für die Entwicklung einer Rating-Strategie muss deshalb eine Rating-Software auch auf beeinfl ussbare Ursachen eines unbefriedigenden Ratings hinweisen. Hilfreich sind 5. IT-gestützte Hilfsmittel für Rating und Finanzierung394 hier beispielsweise Sensitivitätsanalysen431, die jene kritischen, „Rating-Kriterien“ zeigen, die das Rating besonders stark (negativ) beeinfl ussen. Speziell müssen diejenigen beeinfl ussbaren Faktoren aufgezeigt werden (dies sind oft sogenannte „Softfaktoren“ des Ratings), die in einem Unternehmen unmittelbar beeinfl usst werden können und die das zukünftige Finanzrating beeinfl ussen. Hier kann auch ein „Expertensystem“, das Maßnahmen zur Rating-Verbesserung (z. B. speziell auch zur Risikobewältigung) gestützt auf die vorhandenen Daten vorschlägt, hilfreich sein. (4) Unterstützung der Umsetzung einer Rating-Strategie Auch die Umsetzung einer gezielten Verbesserung des Ratings und der Kreditwürdigkeit eines Unternehmens, also die Realisierung der entwickelten Rating-Strategie, kann durch Rating-Software unterstützt werden. Eine wesentliche Funktion ist dabei ein Maßnahmen-Controlling, das die vereinbarten Maßnahmen erfasst, bestehenden Handlungsbedarf (z. B. durch eine Ampel-Funktion) aufzeigt und so die Umsetzung der Rating-Strategie steuert. Beispielsweise können so vereinbarte Risikobewältigungsmaßnahmen (und die zugrunde liegenden Risiken) kontinuierlich überwacht werden, um bei kritischen Entwicklungen rechtzeitig intervenieren zu können. Gerade bei dieser Aufgabenstellung wird eine Rating-Software innerhalb des Controlling- und Managementzyklus eines Unternehmens kontinuierlich im Einsatz sein. (5) Flankierende Zusatzfunktionen und integrierte Unternehmenssteuerungssoftware Für das Rating eines Unternehmens ist eine Vielzahl von Kriterien maßgeblich. Damit weist eine Rating-Software zwangsläufi g in erheblichem Umfang Überschneidungen mit anderen Aufgabenstellungen im Unternehmen auf, die grundsätzlich auch mit Hilfe einer Software unterstützt werden können. Wesentliche Zusatzfunktionen, die durch eine Rating-Software mit abgebildet werden können, betreffen insbesondere die (traditionelle) Unternehmensanalyse (Erstellung von Stärken-Schwächen-Profi len), eine umfassende kennzahlengestützte Jahresabschlussanalyse und Funktionalitäten für die Erarbeitung einer operativen Unternehmensplanung (Erfolgsplanung und Bilanzplanung). Da das Rating eine Betrachtung der Risiken eines Unternehmens aus Fremdkapitalgeber-Perspektive darstellt, ist insbesondere die Einbeziehung von Funktionen des Risikomanagements, das die Risiken aus Eigentümerperspektive betrachtet, naheliegend. In dieser Hinsicht kann Rating-Software bei der Identifi kation, Bewertung, Aggregation (Bestimmung des Gesamtrisikoumfangs) von Risiken sowie der Abbildung der organisatorischen Regelungen (z. B. Überwachungsfunktion) eines Risikomanagementsystems helfen, das den Anforderungen des Kontroll- und Transparenzgesetzes (KonTraG) von 1998 gerecht wird. 5.2 Der Risiko-Kompass plus Rating und die Softwareplattform Strategie-Navigator 432 5.2.1 Idee, Aufbau und Anwendungsschwerpunkte Die Softwareplattform Strategie-Navigator stellt verschiedene Module bereit, mit deren Hilfe ein breites Spektrum an IT-Tools im Bereich des Risikomanagements, Ratings, Strategie und wertorientierte Steuerung abgedeckt werden, auf Wunsch auch kundenspezifi sch angepasst. Die Spezialversion „Strategie-Navigator/Value Manager Edi- 431 Vgl. zu „Rating-Impact-Analyse“ Gleißner (2009a). 432 In Anlehnung an Gleißner/Schmidt (2007).

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Rating und Finanzierung unter Basel III

Mit Basel III hat der sogenannte Baseler Ausschuss ein neues Regelwerk mit Eigenkapitalvorschriften für Banken veröffentlicht, das ab 2013 schrittweise in Kraft tritt. Während Basel II vor allem die Risikomessung zum Gegenstand hat, geht es in den neuen Regelungen um die Definition des Eigenkapitals und die erforderlichen Mindestquoten. Das stellt insbesondere mittelständische Firmen, die auf weitere Kreditvergabe durch Banken angewiesen sind, vor neue Herausforderungen.

Das Praxishandbuch Rating und Finanzierung stellt Firmen Bausteine für eine ratingorientierte Unternehmensführung zur Verfügung.

Die Schwerpunkte:

- Rating als Erfolgsfaktor

- Analyse der eigenen Situation: Wie gut ist unser Rating?

- Optimierung des Ratings

- IT-gestützte Hilfsmittel für das Rating

- Die Zukunft von Rating und Finanzierung

Besonders praktisch

sind die Checklisten zur Analyse und Optimierung des eigenen Unternehmens sowie die CD mit der Software Quick-Rater, die eine Eigenbewertung des Unternehmens ermöglicht.

Die Autoren

Dr. Werner Gleißner ist Vorstand der FutureValue Group AG und Dr. Karsten Füser ist Partner bei Ernst&Young.

Zielgruppe

Mitarbeiter in den Finanzabteilungen mittelständischer Unternehmen.