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2.2 Was ist ein Rating? in:

Werner Gleißner, Karsten Füser

Praxishandbuch Rating und Finanzierung, page 32 - 45

Strategien für den Mittelstand

3. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-3876-5, ISBN online: 978-3-8006-3877-2, https://doi.org/10.15358/9783800638772_32

Series: Finance Competence

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2.2 Was ist ein Rating? 17 (Ausschüttungsquote) wird dabei sowohl hinsichtlich ihrer Implikationen für das Rating eines Unternehmens als auch in seiner Konsequenz für den Unternehmenswert betrachtet. Im Grundsatz ist die für den Unternehmenswert optimale Dividendenpolitik einfach: Gewinne werden solange komplett im Unternehmen reinvestiert, wie die mit diesen Investitionen verbundenen erwarteten Renditen über den risikoabhängigen Kapitalkostensätzen liegen. Mit diesem Ansatz lässt sich die empirisch feststellbare Dividendenpolitik speziell börsennotierter Aktiengesellschaften jedoch nicht erklären. Ein wichtiger Grund für relativ kontinuierliche Dividenden dürfte darin zu sehen sein, dass viele Aktionäre ein Interesse daran haben, ihre laufenden Konsumausgaben mit Dividenden fi nanzieren zu können, weil eine (psychologische) Abneigung gegen den Verkauf der Vermögensgegenstände an sich besteht. Zudem haben Dividenden eine erhebliche Bedeutung als Signal für eine hohe Ertragskraft des Unternehmens.9 Bei der Wahl der Finanzierungsformen eines Unternehmens fällt auf, dass es hier immer eine typische Abfolge gibt: Man spricht von der „Packing Order Theory “.10 Unternehmen neigen dazu, für die Finanzierung zunächst sämtliche internen Finanzquellen (Eigenfi nanzierung) zu nutzen. Wenn diese nicht ausreichen und eine externe Finanzierung erforderlich wird, werden zunächst die Möglichkeiten einer Fremdfi nanzierung ausgeschöpft. Erst als letztes werden externe Möglichkeiten der Eigenfi nanzierung (z. B. Kapitalerhöhung) genutzt. Diese Rangfolge der Finanzierungs- Aktivitäten ergibt sich, weil die externe Finanzierung  – insbesondere die externe Finanzierung mit Eigenkapital – teurer und meist auch erheblich langsamer zu realisieren ist. Gerade weil dies so ist, wird eine Eigenkapitalerhöhung in einem ungünstigen Marktumfeld an den Börsen als ausgesprochen negatives Signal interpretiert. Es verdeutlicht, dass dem Unternehmen offensichtlich keine anderen Finanzierungsmöglichkeiten mehr zur Verfügung stehen. Um einerseits derartige Signale an den Börsen oder auch gegenüber den fi nanzierenden Kreditinstituten zu vermeiden und andererseits auch kurzfristig den erforderlichen Finanzierungsspielraum für interessante Opportunitäten zu haben, benötigt ein Unternehmen eine adäquate Liquiditätsreserve. Zu dieser Liquiditätsreserve gehören neben Kontoguthaben auch kurzfristig verkäufliche Wertpapiere sowie der fest vereinbarte Kreditrahmen. Eine Liquiditätsreserve, die meist relativ niedrig verzinst wird, ist daher im Sinne eines wertorientierten Managements durchaus sinnvoll und hat eine strategische Bedeutung. 2.2 Was ist ein Rating? 2.2.1 Defi nition und Begriff serklärung Während der zehn Jahre nach den durch Basel II initiierten grundlegenden Reformen der Eigenmittelunterlegung der Kreditinstitute haben Ratings eine enorme Bedeutung für nahezu alle Unternehmen gewonnen: Ratings sind in der deutlichen Mehrheit der deutschen und internationalen Kreditinstitute ein wichtiger Faktor in Kreditvergabe und eine wichtige Determinante des Kreditzinses. 9 Vgl. Lintner (1965), gemäß dem sogenannten Lintner-Ansatz ist die Unternehmensleitung bei ihrer Dividendenpolitik bestrebt, langfristig ein bestimmtes Verhältnis zwischen ausgeschütteten Dividenden und Jahresgewinn zu erreichen. Dabei orientieren sich Unternehmen bei der aktuellen Dividendenzahlung aber an einem nachhaltig erwarteten Gewinnniveau. Um keine negativen Signale zu setzen, versuchen Unternehmen, eine Reduzierung von Dividenden zu vermeiden. 10 Vgl. Zimmermann, 1995 und Myers, S. C./Majluf, N. S. (1984). 2. Grundlagen der Finanzierung und des Ratings18 Leider gibt es dennoch gerade bei abnehmender Unternehmensgröße Kenntnislücken über den Ratingprozess. Noch immer gibt es eine Vielzahl kleiner Unternehmen, die nicht wissen ob ein internes Rating ihrer Hausbank vorliegt.11 Dabei ist ein Rating deutlich mehr als nur ein „plakativer“ Indikator für die Finanzsituation eines Unternehmens. Wie sich während der globalen Finanzkrise nach 2009 gut beobachten ließ, können schlechte Ratings selbst Staaten in Refi nanzierungsnöte bringen. Was aber nun ist ein Rating? Fragt man Mittelständler nach ihren Erwartungen, werden besonders häufi g die Erweiterung des Finanzierungsrahmens und die Verbesserung der Finanzierungskonditionen durch gute Ratings genannt. Zudem werden das Potenzial zur Erweiterung des Gesellschafterkreises, die Erleichterung internationaler Geschäftsbeziehungen oder die Absicherung von Kunden- und Lieferantenbeziehung (d. h. positive PR-Wirkungen) als Vorteile eines guten Ratings erwähnt. Defi nition: Rating Ratings sind eine Beurteilung der Bonität und damit der Kreditwürdigkeit eines Unternehmens. Ratings sind damit Bewertungen, die die Fähigkeit eines Kreditnehmers beschreiben, seinen Zahlungsverpfl ichtungen, die er eingeht, in Zukunft nachzukommen. Das Rating bestimmt die Kreditkonditionen und den Kreditrahmen und ist zugleich ein Maßstab für die Krisenanfälligkeit, also ein Frühwarnindikator. Natürlich hat das Rating eine zentrale Bedeutung in der Kommunikation zwischen Unternehmen und seinen fi nanzierenden Banken und ist zentrales Thema der Entwicklung von Ratingstrategien, die oft unterstützt durch einen Ratingadvisor durchgeführt wird. Und natürlich ist das Rating das Ergebnis von Ratinggutachten durch Ratinganalysten. In Anbetracht der häufi gen Nutzung des Begriffs „Ratingnote“ oder „Ratingstufe“scheint zumindest ein Gefühl darüber vorzuherrschen, was ein Rating überhaupt aussagt. Tatsächlich fehlt es gerade hier an der erforderlichen Klarheit. In diesem Abschnitt wird im Folgenden aufgezeigt, welche unterschiedlichen Vorstellungen bezüglich eines Ratings (präziser Corporate-Ratings) bestehen, die es erforderlich machen, den Ratingbegriff – in Abhängigkeit der jeweiligen Fragestellung – zu präzisieren. Bezüglich eines Corporate-Ratings sind folgende Aspekte zu präzisieren:12 1. Defi nition des Ausfalls In der Bankenwelt und Forscherszene gibt es ein reichhaltiges Angebot an unterschiedlichen Defi nitionen für einen Default. Die Spannweite reicht von einem Zahlungsverzug über eine bestimmte Anzahl von Tagen hinaus (beispielsweise 90 Tage) über die Anmeldung einer Insolvenz bis hin zum Eintritt der Insolvenz. Beispielsweise gilt nach Basel II der „Kreditausfall im Hinblick auf einen spezifi schen Schuldner als gegeben, wenn eines oder beide der folgenden Ereignisse eingetreten sind: • Die Bank geht davon aus, dass der Schuldner seinen Kreditverpfl ichtungen gegen- über der Bankengruppe mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in voller Höhe nachkommen wird, ohne dass die Bank auf Maßnahmen wie beispielsweise die Verwertung von Sicherheiten (soweit vorhanden) zurückgreift. 11 Vgl. KfW Bankengruppe, Unternehmensbefragung in den Jahren 2001 – 2011; http://www.kfw.de/kfw/de/KfW-Konzern/Research/Befragungen 12 In Anlehnung an Gleißner/Leibbrand (2008). 2.2 Was ist ein Rating? 19 • Eine wesentliche Verbindlichkeit des Schuldners gegenüber der Bankengruppe ist mehr als 90 Tage überfällig.13 Überziehungen werden als überfällig betrachtet, wenn der Kreditnehmer ein zugesagtes Limit überschritten hat oder ihm ein geringeres Limit als die aktuelle Inanspruchnahme mitgeteilt wurde“.14 Nachfolgend soll unter einem Default die Erfüllung der Voraussetzung für eine Insolvenz durch Überschuldung oder Illiquidität verstanden werden. 2. Zeitpunkte Zunächst ist zu klären, auf welchen Zeitpunkt oder Zeitraum und auf welchen Informationsstand sich das Rating bezieht. Ein Rating sagt etwas aus über die Ausfallwahrscheinlichkeit eines Unternehmens zwischen einem Zeitpunkt t und dem Zeitpunkt t + s unter Berücksichtigung eines Informationsstandes zum Zeitpunkt r. Alle Parameter sind zu klären (siehe auch 3.). Basiert beispielsweise ein Rating auf dem Informationsstand zum 31.12.2010 für das folgende Jahr, weil der Jahresabschluss 2010 zugrunde gelegt wurde? Oder sind auch aktuellere Informationen (Kontostände, revidierte Umsatzprognosen, ...) eingefl ossen? Oder handelt es sich gar um eine Ratingprognose, die vorhersagt, welche Ratingnote beispielsweise für den Zeitraum bis Ende 2012 oder 2013 zu erwarten ist, wenn die jetzt der Unternehmensplanung zugrunde gelegten Investitionen vorgenommen werden? Gerade derartige Ratingprognosen sind natürlich für die Unternehmenssteuerung von besonderer Bedeutung, weil die Vergangenheit nicht mehr beeinfl usst werden kann – unternehmerische Maßnahmen können lediglich dazu beitragen, das zukünftige Rating zu verbessern und zu stabilisieren. Das „Fine-Tuning“des aktuellen Ratings durch eine Datenaufbereitung und eine Verbesserung der Kommunikationspolitik mit der Hausbank bietet nur wenig Potenziale für die Verbesserung, weil die Ratingnoten speziell der Kreditinstitute im Wesentlichen durch Finanzkennzahlen basierend auf dem letzten Jahresabschluss geprägt sind. Gerade wenn es um die Beurteilung möglicher Handlungsoptionen des Unternehmens geht, beispielsweise die Aufnahme von mezzaninem Kapital oder die Durchführung einer großen Investition, muss das Unternehmen (gegebenenfalls unterstützt durch einen Ratingadvisor) sich darüber Gedanken machen, welche Konsequenzen dies für das zukünftige Rating hat. Bei derartigen Ratingprognosen ist zu beachten, dass bei einem Blick in die Zukunft lediglich (risikobedingte) Bandbreiten der zukünftigen Ratingentwicklung angegeben werden können („stochastische Ratingprognosen“), in denen sich der Grad der Planungsunsicherheit widerspiegelt (vgl. Abschnitt 4.1). 3. Zeitraumbezug Wie schon unter 2. ausgeführt, ist es neben dem Bezugszeitpunkt des Ratings (oben t genannt) zusätzlich erforderlich anzugeben, über welchen Zeitraum s das Rating erstellt würde. Bezieht sich die Ausfallwahrscheinlichkeit, die dem Rating zugrunde liegt, auf das nächste Jahr (s = 1 Jahr)? Oder auf die nächsten 5 Jahre? Und wird bei einer mehrperiodigen Prognose zwischen den Ausfallwahrscheinlichkeiten jedes einzelnen Betrachtungsjahres unterschieden? Oder ein Jahresdurchschnitt berechnet? Oder die Ausfallwahrscheinlichkeit während der nächsten 5 Jahre? 13 Bei Retail- und PSE-Forderungen kann die Aufsicht die 90-Tage-Frist für verschiedene Produkte bis auf 180 Tage erhöhen, falls dies den lokalen Gepfl ogenheiten entspricht. In einem Mitgliedsland legen lokale Gepfl ogenheiten eine Frist von bis zu 180 Tagen auch für Kredite an Unternehmen nahe; diese gilt für eine Übergangsfrist von 5 Jahren. 14 Vgl. Basler Ausschuss für Bankenaufsicht (2004), S. 87. 2. Grundlagen der Finanzierung und des Ratings20 4. Beurteilungsperspektive und Informationsstand Von besonderer Bedeutung ist die klare Unterscheidung, ob ein Rating aus der Perspektive (das heißt mit dem Informationsstand) von Eigentümern beziehungsweise Management oder aus Perspektive eines Externen (speziell eines Kreditinstituts) erstellt wird. Natürlich hat die Unternehmensführung einen Informationsvorsprung gegenüber dem Kreditinstitut. Kreditinstitute kennen in der Regel die Unternehmensplanung und die Risiken, die Planabweichungen auslösen können, nicht so gut wie die Unternehmensführung – beziehungsweise können den entsprechenden Angaben seitens des Unternehmens nicht uneingeschränkt vertrauen. Auch die Erfolgspotenziale und die Strategie des Unternehmens können – schon aus Zeitgründen – nicht so gut eingeschätzt werden und entsprechend fi nden derartige Informationen bei der Erstellung eines Ratings durch ein Kreditinstitut weniger Gewicht, als die objektiven Daten des Jahresabschlusses (Finanzkennzahlenrating, Bilanzrating). Der unterschiedliche Informationsstand von Unternehmen und Kreditinstituten macht es erforderlich zu unterscheiden, welche Informationen in eine Ratingnote eingefl ossen sind. In der Praxis sind beide Arten von Ratings bedeutsam und sollten beide auch explizit ausgewiesen werden. Die Beurteilung des Ratings mit dem vollen Informationsstand der Unternehmensführung ist offenkundig sinnvoll, wenn es darum geht, den bestmöglichen Schätzer für die Insolvenzwahrscheinlichkeit – die Krisenanfälligkeit – eines Unternehmens herzuleiten. Dies ist beispielsweise hilfreich, um für die Unternehmensführung die Informationsgrundlage zu schaffen, die für die Beurteilung zum Beispiel einer Wachstumsstrategie oder von Großinvestitionen erforderlich ist. Neben dieser „bestmöglichen“Abschätzung des Ratings ist aber auch interessant einzuschätzen, wie ein Kreditinstitut mit seinem Informationsstand ein (zukünftiges) Rating des Unternehmens bestimmen würde. Denn die Einschätzung des Kreditinstitutes ist es letztlich, die für Kreditrahmen und Kreditkonditionen maßgeblich sind. Im Rahmen von Ratinggutachten und erst recht bei Beratungsleistungen von Ratingadvisorn sollte deshalb explizit ausgewiesen werden, • mit welchem Informationsstand und aus wessen Perspektive ein Rating der Kreditinstitute erstellt wird, und welche Ausfallwahrscheinlichkeit sich daraus ergibt (pGläubiger), und • mit welchen zusätzlichen Informationen eine präzisere Einschätzung der tatsächlichen Ausfallwahrscheinlichkeit des entsprechenden Ratings möglich ist, also die Bestimmung von pEigentümer. 5. Through-the-Cycle oder Point-in-Time-Rating Zur Herstellung der Vergleichbarkeit verschiedener Ratingsysteme und zur Berechnung des Kreditaufschlages für erwartete Verluste muss jeder Ratingklasse eine Ausfallwahrscheinlichkeit zugeordnet werden. Dieses Mapping von Ratingklasse zu Ausfallwahrscheinlichkeit ist nicht trivial. Die großen Ratingagenturen setzen hier hauptsächlich auf die relative Einschätzung der Unternehmen gegeneinander und weisen eine mittlere Ausfallwahrscheinlichkeit über lange Zeiträume (mindestens über einen ganzen Konjunkturzyklus hinweg) aus. Damit reagiert die den einzelnen Ratingklassen zugeordnete Ausfallwahrscheinlichkeit nur auf permanente Veränderungen, nicht jedoch auf temporäre Effekte. Zur Beurteilung des Risikoaufschlages auf Kredite muss natürlich die aktuelle wirtschaftliche Lage, also auch der aktuelle Konjunkturstand einbezogen werden. Damit werden die Current-Condition – beziehungsweise Point-in-Time  – Ratings interessant. Sie sind nötig für die Berechnung von Kreditkonditionen. Hierbei sind die Ausfallwahrscheinlichkeiten natürlich wesentlich volatiler. Empirisch sind nur Daten aus einem vergleichbaren Konjunkturzyklus zur Kalibrierung zugelassen. 2.2 Was ist ein Rating? 21 6. Black-Box-Rating vs. Ratingerklärung Häufi g wird nicht klar unterschieden, ob das der Ermittlung des Ratings zugrunde liegende Modell beziehungsweise Verfahren „lediglich“ ein Prognose- oder ein Erklärungsmodell ist. Prognosemodelle zielen darauf ab, die Ausfallwahrscheinlichkeit eines Unternehmens, und damit die Ratingnote, möglichst gut zu prognostizieren. In derartig induktiv-statistischen Ratingmodellen, wie den logistischen Regressionsmodellen, werden all diejenigen Informationen verarbeitet, die statistisch geeignet sind, die Erklärung der Ausfallwahrscheinlichkeit zu verbessern. Es muss jedoch klar gestellt werden, dass derartige Erklärungsfaktoren damit nicht zwangsläufi g kausale Ursachen für die Insolvenzwahrscheinlichkeit sind. So zeigen beispielsweise empirische Untersuchungen, dass höhere Steuerzahlungen einhergehen mit einer sinkenden Insolvenzwahrscheinlichkeit  – wobei natürlich offenkundig höhere Steuerzahlungen nicht tatsächlich zu höherer Unternehmensstabilität beitragen. Tatsächlich gibt es gemeinsame Ursachen für die Steuerhöhe und die Ausfallwahrscheinlichkeit.15 Bestmögliche Schätzer der Ausfallwahrscheinlichkeit helfen wenig, um konkrete Ansatzpunkte für die Verbesserung der zukünftigen Ausfallwahrscheinlichkeiten und des zukünftigen Ratings eines Unternehmens zu fi nden. Gerade dies ist jedoch bei der Entwicklung von Ratingstrategien, die die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens um Kapital sicherstellen und alle Arten von Ratingadvisory-Dienstleistungen, erforderlich. Um die richtigen Ansatzpunkte für die Verbesserung des (zukünftigen) Ratings zu fi nden, ist es notwendig, sich über die Ursachen der Ausfallwahrscheinlichkeit von Unternehmen Klarheit zu verschaffen. Dies leisten sogenannte strukturelle Modelle (Planungsmodell), mit deren Hilfe aufgezeigt werden kann, wie sich beispielsweise Veränderungen von Umsätzen, Kosten, Debitorenfristen oder Risiken auf das Rating auswirken. Bekanntlich lässt sich die Insolvenzwahrscheinlichkeit eines Unternehmens letztlich erklären in Abhängigkeit von16 • dem erwarteten Ertragsniveau, • dem Risikoumfang, also den möglichen Abweichungen vom erwarteten Ertragsniveau, • der Risikotragfähigkeit, also Eigenkapital und Liquiditätsausstattung (inkl. potenzieller Refi nanzierungsmöglichkeiten), und • den diese zentralen primären Determinanten des Ratings beeinfl ussenden Faktoren (wie zum Beispiel Vertriebsaktivität, Risikobewältigungsaktivitäten oder Kostenmanagementmaßnahmen). Das Hauptinteresse der Kreditinstitute besteht in möglichst aussagefähigen Insolvenzprognosen, oft auf Basis statistisch induktiver Insolvenzprognoseverfahren. Im Rahmen von Ratingadvisory-Dienstleistungen hingegen ist es unumgänglich, kausale Insolvenzerklärungsverfahren vorzuweisen, die die Einfl ussfaktoren auf das zukünftige Rating transparent aufzeigen, was die Fundierung von Empfehlungen überhaupt erst möglich macht. 7. Insolvenz – Überschuldung vs. Illiquidität Im Rating drückt sich die Wahrscheinlichkeit einer Insolvenz, sowohl durch Überschuldung als auch durch Illiquidität, aus. Ein Unternehmen ist insolvent, wenn es entweder überschuldet oder illiquide ist. Um gezielt Ansatzpunkte für die Stabilisierung und Verbesserung des zukünftigen Ratings im Rahmen eines Ratingadvisory- Prozesses ableiten zu können, ist es sinnvoll aufzuzeigen, inwieweit das Rating be- 15 Siehe hierzu Bemmann (2007) und Bemmann/Gleißner (2007). 16 Siehe Gleißner (2002) und Gleißner/Leibbrand (2004a, 2004b) und Abschnitt 2.4.3. 2. Grundlagen der Finanzierung und des Ratings22 stimmt wird durch die Wahrscheinlichkeit von Überschuldung beziehungsweise die Wahrscheinlichkeit der Illiquidität. Beide potenzielle Insolvenzursachen haben offenkundig in vielen Fällen deutlich unterschiedliche Maßnahmen zur Konsequenz. Heute ist es noch oft festzustellen, dass eine Unterscheidung nach Überschuldungswahrscheinlichkeit und Illiquiditätswahrscheinlichkeit überhaupt nicht vorgenommen wird.17 2.2.2 Rating – eine volkswirtschaftliche Aufgabe der Banken? Eine grundlegende volkswirtschaftliche Aufgabe der Banken ist die Transformation von Fristen- und Bonitätsrisiken, eine Aufgabe, die die Bonitätsprüfungen im Kreditgeschäft zu einer der Kernfunktionen der Banken macht. Im Gegensatz zu externen Ratings von Rating-Agenturen sind interne Ratings der Banken infolge der Kreditwürdigkeitsprüfungen schon lange Zeit für interne Zwecke zum Risikomanagement und -controlling in Gebrauch. Das aufsichtsrechtlich vorzuhaltende Eigenkapital einer Bank (zur Unterlegung von Kredit- bzw. Adressausfallrisiken) jedoch in Abhängigkeit eines Ratings zu quantifi zieren war eine Neuerung, die im Jahre 2001 durch das zweite Baseler Konsultationspapier Einzug hielt und mit seiner rechtlichen Umsetzung im Januar 2007 zu einem allgemeinen Bestandteil in der Bankenpraxis wurde. Früher zielte die Kreditwürdigkeitsprüfung der Banken grundsätzlich nur auf die Kreditvergabeentscheidung, die im Eigeninteresse der Institute (hinsichtlich der Ausfallrisiken) möglichst zu optimieren war. Neben historischen Daten aus dem Rechnungswesen basiert ein Rating zu einem Gutteil auch auf technisch-betriebswirtschaftlichen, zukunftsorientierten Kriterien. Ein Rating vermittelt damit in Form einer Ratingnote (z. B. „AAA“) auch Informationen über die Zukunftsaussichten eines Unternehmens. Schwerpunkt des Buchs sind sogenannte Corporate Ratings (auch Bonitätsratings genannt), also Ratings ganzer Unternehmen, die auf dem Kapitalmarkt fi nanzielle Mittel aufnehmen möchten. Ein Corporate Credit Rating ist in diesem Zusammenhang ein Rating, das nicht an eine bestimmte Emission oder Bankverbindlichkeit gekoppelt ist, sondern die Meinung einer Rating-Agentur zur allgemeinen Kreditwürdigkeit eines Unternehmens ist und dessen Fähigkeit beschreibt, bestehende Verbindlichkeiten fristgerecht zu bedienen. Corporate Credit Ratings geben also Auskunft über • die Wahrscheinlichkeit von Zahlungsstörungen bzw. -ausfällen (Ausfallwahrscheinlichkeit oder Probability of Default) und – beim Credit-Rating zusätzlich – • die erwartete Schwere eines möglichen Ausfalls (erwarteter Verlust oder Expected Loss). Ergänzend gehen wir auch auf Ratings bezüglich einzelner Finanzierungskomponenten (Emissionen, wie beispielsweise Unternehmensanleihen) und Projektfi nanzierung (Projektratings) ein (siehe Abschnitt 3.9.1 und 3.9.2). Zu unterscheiden ist ein Rating von einer „reinen“ Bilanzanalyse. Beide Begriffe sollen nachfolgend kurz voneinander abgegrenzt und im Kontext des Postulats der wertorientierten Unternehmensführung diskutiert werden. 2.2.3 Rating und Bilanzanalyse Die traditionelle Kreditwürdigkeitsprüfung stützt sich im Wesentlichen auf den handelsrechtlichen Jahresabschluss, d. h. auf die Bilanz und GuV-Rechnung. Im Rahmen 17 In enger Anlehnung an Gleißner/Leibbrand (2008), S. 20 ff. 2.2 Was ist ein Rating? 23 der Bilanzanalyse wird anhand von Bilanzkennzahlen die wirtschaftliche Lage (Vermögens-, Finanz- und Ertragslage) eines Unternehmens transparent gemacht. Die Bilanzanalyse ist kennzahlenorientiert und basiert ausschließlich auf historischen Zahlen. Im Gegensatz hierzu gilt es bei einem (externen) Rating, auch die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens einzuschätzen. Hierzu werden bei einem externen Rating, im Gegensatz zu einer reinen Bilanzanalyse, neben quantitativen, bilanziellen Größen auch qualitative Bewertungen vorgenommen. Beurteilt werden z. B. die Qualität des Managements oder die Branchenaussichten. 2.2.4 Rating und wertorientierte Unternehmensführung Die Nähe der Themen „Rating“ und „wertorientierte Unternehmensführung “ ist offensichtlich. Sowohl für den Wert eines Unternehmens als auch für die Wahrscheinlichkeit der Bedienung der Ansprüche von Fremdkapitalgebern (und damit das Rating) sind die erwarteten zukünftigen Finanzzufl üsse des Unternehmens bedeutsam. Eine Verbesserung des Unternehmenswertes wird damit tendenziell, falls das Gesamtunternehmensrisiko konstant bleibt, zugleich zu einer Verbesserung des Ratings führen. Mit dem Unternehmenswert , als Maß für die nachhaltige Ertragskraft, und dem Rating, als Indikator für die Insolvenzwahrscheinlichkeit, stehen für die Unternehmenssteuerung zwei zentrale Größen zur Verfügung. Auf diese Weise wird es insbesondere möglich, unternehmerische Maßnahmen oder Strategie-Varianten sowohl aus Perspektive der Eigentümer (Unternehmenswert) als auch Perspektive der Gläubiger (Rating) zu beurteilen. Das Einhalten eines vorgegebenen Mindest- oder Zielratings entspricht einer Nebenbedingung der Unternehmenssteuerung, da bei allen möglichen Handlungsoptionen (z. B. den in der folgenden Abbildung dargestellten Projekten) die (zukünftige) Finanzierung gesichert sein soll. 10 % 20 % 20 % 10 % 0 % Risiko (Kapitalkostensatz) Erwartete Rendite Investieren Maximalrisikolinie Projekt A Nicht Investieren Risikotoleranz Projekt D 8 % mehr Risiko 4 % mehr Rendite Projekt B Projekt C Abbildung 2: Rendite-Risiko-Diagramm (Eigene Darstellung) 2. Grundlagen der Finanzierung und des Ratings24 Kern des wertorientierten Managements ist die Aussage, dass die von der Unternehmensführung gewählten Projekte eine Rendite erwarten lassen müssen, die mindestens den risikogerechten Kapitalkosten entspricht (siehe Abbildung 2). Zudem ist zu fordern, dass auch bei Durchführung eines Projektes die durch das Rating operationalisierte „Maximalrisikolinie“ nicht überschritten wird. Der Shareholder-Value-Ansatz beurteilt z. B. ausschließlich diejenigen Kriterien, die für die zukünftigen Erträge und die damit verbundenen Risiken wesentlich sind. Dieser Ansatz ist damit insbesondere für Eigenkapitalgeber interessant. Rating-Ansätze hingegen beurteilen ausschließlich diejenigen Aspekte, die aus Sicht eines Fremdkapitalgebers maßgeblich sind. In einigen Ausnahmefällen kann durchaus die Situation eintreten, dass durch unternehmerische Entscheidungen der Unternehmenswert (Shareholder-Value) steigt und zugleich sich aber das Rating verschlechtert. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Unternehmensführung nach Aufnahme von Krediten das Unternehmensrisiko deutlich erhöht. 2.2.5 Interne und externe Ratings : Inhalt und Kritik Externe Ratings haben seit der Umsetzung des Rahmenwerks Basel II an Wichtigkeit gewonnen, weil sie seitdem als ein Mittel zur Bestimmung aufsichtsrechtlicher Eigenkapitalanforderungen dienen. Dabei gilt es jedoch nur, Mindestanforderungen zu entsprechen, denen interne Rating-Modelle (die sich wiederum auf externe Bewertungen stützen können) gleichermaßen genügen müssen. Zu nennen wären unter anderem die Forderungen nach Transparenz und größerer Objektivität. Die Verfahren der beiden großen kommerziellen Anbieter Standard & Poor’s und Moody’s sind noch immer intransparent. Die Agenturen suchen dies durch anschauliche Symbolik (z. B. „AAA“ bei S&P und „Aaa“ bei Moody’s) zu überlagern. Dabei fällt die Interpretation der Einschätzung des Bonitätsrisikos („beste Qualität, geringstes Ausfallrisiko“ oder „sehr spekulativ“) dem Beobachter zu. Bei Moody’s Ratings handelt es sich z. B. um Meinungen über Eintrittswahrscheinlichkeiten von Zahlungsstörungen, die auf den Erfahrungen der Rating-Agentur über historische Zahlungsstörungen basieren. Erhöhte Transparenz schaffen zumindest die hinter den einzelnen Rating-Klassen liegenden und teilweise veröffentlichten Ausfallwahrscheinlichkeiten. Es bleibt jedoch die Frage, ob ein (externes) Rating ein gutes Maß für eine Ausfallwahrscheinlichkeit ist, wenngleich die Anforderungen an ein solches seitens des Baseler Ausschusses hoch sind. Offen bleibt zudem, ob die Wahrscheinlichkeitsaussagen stabil und intern verwertbar sind. Es sind – dies zeigt die Praxis – zukünftig noch zahlreiche empirische Untersuchungen notwendig, um die qualitativen Mindestanforderungen an Ratings präzise beschreiben zu können. Zu beachten ist, dass das externe Rating auf dem individuellen Urteil eines Analysten bzw. einer Analystengruppe basiert. Beim internen Rating hingegen kommen vielfach mathematisch-statistische Verfahren objektivierend zum Einsatz, dabei sind lediglich die Auswahl eines Modells und seiner Parameter subjektiv geprägt. Kritik wird heute sowohl gegen die internen als auch die externen Ansätze gerichtet, wobei die Hauptvorwürfe des externen Ratings wohl immer noch die mangelnde Marktabdeckung (fehlende Ratings für den Mittelstand) und die Intransparenz sind, wohingegen bei den internen Modellen der Vorwurf im Raum steht, dass die Nutzer der Modelle oft nicht hinreichend qualifi ziert seien. Mangelnde Transparenz wirft auch die Frage nach der Haftung einer Rating-Agentur auf. Während der Subprime-Krise sind zum einen Negativbeispiele für zu gute Ratings und zum anderen auch Negativbeispiele für zu schlechte Ratings durch die in- 2.2 Was ist ein Rating? 25 ternationale Presse gegangen und deren mögliche Auswirkungen weltweit kontrovers diskutiert worden. Auch für ein Unternehmen kann eine falsche Rating-Beurteilung durch eine Rating- Agentur verheerende Auswirkungen haben, weil die Ergebnisse im Regelfall veröffentlicht werden. Im Gegensatz dazu können solche negativen Folgen bei einer falschen bankinternen Bonitätsbeurteilung in diesem Umfang nicht auftreten, da es sich in diesem Fall um nicht-öffentliche Ergebnisse handelt, die durch das Bankgeheimnis geschützt sind. Sind bankinterne Ratings also die bessere Alternative zu externen Rating-Urteilen? Dies kann man sicherlich so nicht sagen. Die von Kreditinstituten erstellen Ratings müssen allerdings mit deutlich weniger Zeiteinsatz erstellt werden, als dies bei einem Rating durch eine Ratingagentur der Fall ist. Auf der anderen Seite werten Kreditinstitute die Zahlungsströme (Kontobewegungen) gerade mittelständischer Unternehmen aus, was nützliche Zusatzinformation bietet. Weder Kreditinstitute noch externe Ratingagenturen berücksichtigen bisher allerdings gerade die für die Insolvenzwahrscheinlichkeit besonders interessanten zukünftigen Risiken im an sich wünschenswerten Umfang. Ursächlich hierfür ist, dass die Informationen über die zukünftigen Risiken im Wesentlichen nur dem Unternehmen selbst bekannt sind. Und gerade deshalb sind die von einem Unternehmen selbst erstellten Ratings oder Ratingprognosen aufgrund der Verfügbarkeit überlegener Informationen besonders aussagefähig, wenn diese unter Nutzung bewährter Ratingverfahren erstellt werden (siehe dazu Kapitel 3). Grundsätzlich zeigt sich die Qualität eines Ratings erst durch eine ex-post-Betrachtung über einen langen Zeitraum. Daher sind aus heutiger Sicht lediglich die Qualität der Ratings der international etablierten Rating-Agenturen Standard & Poor’s und Moody’s beurteilbar (vgl. Abschnitt 2.9 zur Methodik der Validierung). Ursprünglich bewerteten diese Rating-Agenturen handelbare Finanzpapiere, später kam dann die Beurteilung von Banken, Versicherungen und Industriekonzernen hinzu. Bewertet werden heute sowohl Emittenten als auch Emissionen über lang- und kurzfristige Zeiträume, wobei das Bewertungsspektrum von einzelnen Finanzprodukten, über Bankinstitute und Milliardenkredite bis hin zu den Umweltaktivitäten von Unternehmen reicht. Die standardisierten Ratings bieten Dritten (z. B. internationalen Investoren) die Möglichkeit, die mit einem Engagement verbundenen Risiken einzuschätzen. Ein Rating-Urteil bewertet dabei in Form einer Kurzschrift („AAA“, „BB“ oder „D“) z. B. die Kreditqualität des Emittenten oder Schuldners. Es sagt aus, inwieweit ein Emittent in der Lage ist, seinen fi nanziellen Verpfl ichtungen nachzukommen. Jede Rating-Stufe beschreibt dabei eine Ausfallwahrscheinlichkeit, die z. B. von „AAA“ = 0,01 % bis „D“ = 100 % (D steht für engl. Default, Zahlungsausfall) reichen kann. Die Bewertungen folgen üblicherweise dem Alphabet (und gleichen einer Kurzschrift). Standard & Poor’s und Moody’s verwenden z. B. für Unternehmen und Wertpapiere dieser Unternehmen die Bewertungsskala aus Tabelle 1. 2. Grundlagen der Finanzierung und des Ratings26 Bonitätsnote Verbale Beschreibung Bonitätsnote Verbale Beschreibung Standard Moody’s18 Moody’s19 Standard and Poor’s20 and Poor’s Aaa Aaa-geratete Verbindlichkeiten sind von höchster Qualität und bergen ein minimales Kreditrisiko. AAA AAA-geratete Kreditnehmer besitzen extrem gute Möglichkeiten, ihren Zahlungsverpfl ichtungen nachzukommen. AAA ist das beste von Standard and Poor’s vergebene Rating. Aa Aa-geratete Verbindlichkeiten sind von hoher Qualität und bergen ein sehr geringes Kreditrisiko. AA AA-geratete Kreditnehmer besitzen sehr gute Möglichkeiten, ihren Zahlungsverpfl ichtungen nachzukommen. Sie weichen von den AAA-gerateten Kreditnehmern nur geringfügig ab. A A-geratete Verbindlichkeiten werden der „oberen Mittelklasse“ zugerechnet und bergen ein geringes Kreditrisiko. A A-geratete Kreditnehmer besitzen sehr gute Möglichkeiten, ihren Zahlungsverpfl ichtungen nachzukommen, sind jedoch anfälliger gegenüber ungünstigen Änderungen von Marktbedingungen als höhergeratete Kreditnehmer. Baa Baa-geratete Verbindlichkeiten bergen ein moderates Kreditrisiko. Sie gelten als von mittlerer Qualität und weisen als solche mitunter gewisse spekulative Elemente auf. BBB BBB-geratete Kreditnehmer besitzen angemessene Möglichkeiten, ihren Zahlungsverpfl ichtungen nachzukommen. Ungünstige Marktbedingungen oder wechselnde Umstände können jedoch zu einer geschwächten Fähigkeit, Zahlungsverpfl ichtungen nachzukommen, führen. Ba Ba-geratete Verbindlichkeiten weisen spekulative Elemente auf und bergen ein erhebliches Kreditrisiko. BB BB-geratete Kreditnehmer sind in der nahen Zukunft weniger gefährdet als schlechter geratete Kreditnehmer. Sie sind allerdings größeren andauernden Unsicherheiten ausgesetzt. Ungünstige Bedingungen können dazu führen, dass die Kreditnehmer nicht in der Lage sind, fi nanziellen Verpfl ichtungen nachzukommen. B B-geratete Verbindlichkeiten werden als spekulativ angesehen und bergen ein hohes Kreditrisiko. B B-geratete Kreditnehner sind gefährdeter als BB-geratete Kreditnehmer, aber gegenwärtig in der Lage, Zahlungsverpfl ichtungen zu bedienen. Ungünstigere Marktbedingungen würedn vermutlich die Zahlungsfähigkeit oder -bereitschaft des Kreditnehmers beeinfl ussen. 18 Hinweis: Moody’s verwendet in den Ratingkategorien „Aa“ bis „Caa“ zusätzlich numerische Unterteilungen. Der Zusatz „1“ bedeutet, dass eine entsprechend bewertete Verbindlichkeit in das obere Drittel der jeweiligen Ratingkategorie einzuordnen ist, während „2“ und „3“ das mittlere bzw. untere Drittel anzeigen. 19 Quelle: http://www.moodys.com/researchdocumentcontentpage.aspx? 20 Quelle: http://www.standardandpoors.com/spf/ratings/Understanding_SandP_RatingDefi nitions.pdf 2.2 Was ist ein Rating? 27 Caa Caa-geratete Verbindlichkeiten sind von geringer Qualität und bergen ein sehr hohes Kreditrisiko. CCC CCC-geratete Kreditnehemr sind gegenwärtig gefährdet und abhängig von günstigen geschäftlichen, fi nanziellen und ökonomischen Bedingen, um seinen fi nanziellen Verpfl ichtungen nachkommen zu können. Ca Ca-geratete Verbindlichkeiten werden als hochgradig spekulativ angesehen. Ein Zahlungsausfall ist möglicherweise bereits eingetreten oder steht kurz bevor. Es bestehen gewisse Aussichten auf Zins- und/ oder Kapitalrückzahlungen. CC CC-geratete Kreditnehmer sind gegenwärtig sehr gefährdet. C Ca-geratete Verbindlichkeiten werden als hochgradig spekulativ angesehen. Ein Zahlungsausfall ist möglicherweise bereits eingetreten oder steht kurz bevor. Es bestehen gewisse Aussichten auf Zins- und/ oder Kapitalrückzahlungen. Tabelle 1: Bonitätsnoten Moody’s und S&P mit verbaler Beschreibung Jede Rating-Stufe entspricht einer mathematisch-statistischen Ausfallwahrscheinlichkeit und ist damit als Risikomaß (für die Wahrscheinlichkeit eines Ausfalls) zu interpretieren. Erwähnenswert ist, dass für einen Gläubiger natürlich nicht alleine die Insolvenz oder Ausfallwahrscheinlichkeit interessant ist, sondern auch der Schaden im Falle eines „Defaults“. Die erwartete Schadenshöhe (z. B. in Prozent des Kreditvolumens) wird ausgedrückt durch den „Expected Loss“. Die nachfolgende Tabelle zeigt für verschiedene Ratingstufen sowohl die zugehörigen Ausfallwahrscheinlichkeiten (PD) wie auch den Expected Loss (EL). Ratingnote Recovery Rate (RR) (Altman, 2007) Probability of Default (PD) (Moody’s 1920 bis 2009) Expected Loss (EL) AAA/Aaa 82,55 % 0,00 % 0,00 % AA/Aa 65,68 % 0,03 % 0,01 % A/A 53,91 % 0,02 % 0,01 % BBB/Baa 42,15 % 0,18 % 0,10 % BB/Ba 36,25 % 1,11 % 0,71 % B/B 34,11 % 5,29 % 3,49 % CCC/Caa 37,67 % 23,41 % 14,59 % Tabelle 2: Expected Loss und Rating21 Wie man sieht, sind Ausfallwahrscheinlichkeit und die sogenannte „Recovery Rate“ (RR) nicht unabhängig voneinander22. Unternehmen mit einem besseren Rating wei- 21 Hier ist RR=Recovery Rate (Erlösquote bei Forderungsausfällen). 22 Es gilt Expected Loss = (1 – Recovery Rate) x Probability of Default. 2. Grundlagen der Finanzierung und des Ratings28 sen eine niedrigere Probability of Default und typischerweise zugleich eine höhere Recovery Rate aus. Ratings beinhalten auch subjektive Kriterien, was sich auch daran zeigt, dass die herangezogenen Kriterien und ihre Gewichtungen nicht (zeit-)stabil sind. Üblicherweise legen Ratingagenturen die Details zur Ermittlung eines Ratings für Ausstehende nicht offen. In Anbetracht der Komplexität der Informationen, die für ein Rating von Bedeutung sind, bezweifeln selbst Befürworter von Ratings, zu denen auch viele Banken zählen, dass ein vollständig standardisiertes Verfahren zur Ermittlung eines Ratings in der Praxis überhaupt möglich ist. Würde eine Rating-Agentur ihren Rating-Ansatz vollständig systematisieren und transparent machen, gäbe sie zugleich ihr Geschäftsgeheimnis preis. Bei Offenlegung der Methode bleibt aber die Aufgabe, bessere Annahmen über die Zukunft zu treffen als andere. Rating-Agenturen haben damit kein Interesse daran, ihre Rating-Ansätze (im Detail) Dritten zugänglich zu machen. Dies führt in der Praxis dazu, dass die Transparenz der Ratings deutlich niedriger ist als sie prinzipiell sein müsste. Ratings weisen also eine Reihe von Problemen auf: • mangelnde Transparenz und Nachvollziehbarkeit, • Gefahr der Verfolgung von Eigeninteressen, • stets vorhandene Abhängigkeit von subjektiven Meinungen der Rating-Analysten sowie • mangelnde Vergleichbarkeit von Ratings (bedingt durch deren subjektive Elemente). Zur Subjektivität von Ratings trägt auch bei, dass der Eindruck, den die Unternehmensführung im Gespräch mit dem Firmenkunden-Berater oder dem Rating-Analysten hinterlässt, das Rating durchaus maßgeblich beeinfl usst. Der persönliche Eindruck dürfte ein besonders großes Gewicht gewinnen, wenn die vorliegenden objektiven Daten weniger aussagefähig sind. Beispielsweise ist die Bewertung des Managements zwangsläufi g zu einem erheblichen Teil subjektiv geprägt, aufgrund seiner Bedeutung für die Beurteilung der langfristigen Erfolgsaussichten eines Unternehmens aber unerlässlich. 2.2.6 Die Baseler Rahmenwerke: Basel I, II und III Für börsennotierte Aktiengesellschaften ist eine hohe Kapitalmarktorientierung und damit verbundene Politik der Transparenz in Finanzierungsfragen längst selbstverständlich. Auch für mittelständische Unternehmen ist dies inzwischen Realität: Banken machen Kreditkonditionen und Kreditspielräume von der Bonität ihrer Kunden abhängig. Die Messung der Bonität drückt sich in einem Rating aus, und die Ratingerstellung erfordert eine umfassende Datenaufnahme durch das Institut. Banken ihrerseits müssen für Kredite höheren Risikogehalts, d. h. schlechterem Rating, mehr Eigenkapital vorhalten. Seit dem Inkrafttreten von Basel II im Januar 2007 müssen „schlechte“ Risiken teilweise mit dem Vier- bis Sechsfachen an Eigenkapital gegenüber Basel I unterlegt werden, um die gemessenen Adressausfallrisiken zu kompensieren. Vor dem Hintergrund der Finanzmarktkrise seit 2007 werden mit dem Reformpaket Basel III Anforderungen zusammengestellt, die den Bankensektor stabilisieren und krisenfester machen sollen. Hervorzuheben sind neben dem antizyklischen Kapitalpuffer auch die Einführung einer neuen, nicht risikogewichteten und somit robusten Höchstverschuldungsrate – der „Leverage Ratio“ –, sowie grundlegende Änderungen (bzw. Erhöhungen) in Qualität, Konsistenz und Transparenz der Eigenkapitalbasis. Zukünftig sollen nunmehr ausschließlich Aktienkapital und Gewinnrücklagen als hartes Kernkapital anerkannt werden. Während die unmittelbaren Veränderungen der Regelungen in Hinblick etwa auf Dokumentationsanforderungen oder Risikomanagementsysteme für mittelständischen 2.2 Was ist ein Rating? 29 Unternehmen durch Basel III eher gering sein dürften, könnten insbesondere die vorgesehenen Änderungen der Eigenkapitalbasis mittelständische Unternehmen hart treffen, da Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken, die für ihre enge Bindung an den Mittelstand bekannt sind, durch die Neuregelung besonders betroffen sind. So warnte der deutscher Sparkassen- und Giroverband jüngst, schärfere Eigenkapitalregeln gefährdeten ein Drittel des Kreditangebots. Die derzeitigen Vorschläge bedeuteten eine Verknappung des Kreditangebots der Sparkassen um mehr als 200 Mrd. Euro. Der DIHK rechnet damit, dass sich mit Basel III die Export- und Handelsfi nanzierung, die Immobilienfi nanzierung, das Fördergeschäft und auch die Kommunalfi nanzierung verteuert oder sogar verdrängt wird. Auch die Einführung der Leverage Ratio dürfte nicht zu einer großzügigeren Kreditvergabepolitik der Banken führen, da sie sich am harten Kernkapital orientiert und durch die fehlende Risikogewichtung risikoreicher investiert werden könnte, um bei gleicher Belegung des Eigenkapitals eine höhere Rendite zu erwirtschaften. Dazu wird mit dem derzeit vor der Einführung stehenden Rahmenwerk Basel III die Forderung nach zusätzlichen (antizyklischen) Kapitalpuffern zu einer Erhöhung des insgesamt vorzuhaltenden Eigenkapitals in Banken führen, was die generelle Bereitschaft zur Kreditvergabe schmälern dürfte. Vor diesem Hintergrund umfassen denkbare Szenarien und Entwicklungen u. a. • die Verteuerung und ggf. sogar Verknappung langfristiger Kredite; • Kreditinstitute werden mehr verdienen müssen und werden verstärkt Risiken etwa durch Verbriefung wieder auslagern wollen; • Unternehmen dürften zur Minderung des Risikos der Kreditinstitute zukünftig das eigene Eigenkapital erhöhen und höhere Sicherheiten stellen müssen; • Unternehmen werden verstärkt zu Kreditalternativen greifen (z. B. Leasing/Factoring); • der Wettbewerb der Banken um gute Kunden verstärkt sich. Gleichzeitig nimmt die Spreizung der Konditionen nach Bonität weiter zu. Ein besonderer Aspekt der Änderungen durch Basel III bildet die Empfehlung an die Bankenbranche, in stärkerem Maße interne Rating-Methoden zu verwenden, um bei Verwendung des Standardansatzes externe Ratings besser vergleichen zu können. Dadurch dürfte die Finanzkommunikation zwischen Kreditinstitut und Kunde ein bedeutsamer Faktor einer guten Geschäftsbeziehung werden. Kreditkonditionen in Abhängigkeit von Ratings zu gestalten, war keine Innovation durch Basel II, sondern insbesondere in den USA schon länger üblich. Die von Ratings abhängigen Zuschläge auf den Kreditzins, sogenannte Risikospreads, sind durchaus signifi kant. In der Zeit vom 1. Januar 1990 bis 2. Juni 1995 ergaben sich beispielsweise folgende Risikozuschläge (Credit Spreads) für Anleihen von US-Industrieunternehmen gegenüber den häufi g als nahezu risikolos angenommenen Staatsanleihen:23 • AAA: +0,32 % • AA: +0,43 % • A: +0,58 % • BBB: +0,80 % • BB: +2,92 %. Es zeigt sich eine deutliche Spreizung der Kreditkonditionen oder Anleihe-Spreads 24 in Abhängigkeit des Ratings.25 23 Vgl. Behrenwaldt (1996) in: Büschgen/Everling (1996), S. 314. 24 Vergleiche Rendite einer Anleihe abzüglich Rendite einer risikolosen Anlage. 25 Vgl. auch Tabelle 3, hier werden die „historischen“ Insolvenzwahrscheinlichkeiten verglichen mit den impliziten Wahrscheinlichkeiten, die aus Anleihenrenditen abgeleitet werden („Risk-Neutral“). 2. Grundlagen der Finanzierung und des Ratings30 5-year 10-year Credit Rating Historical Risk- Neutral Ratio Historical Risk- Neutral Ratio Average Ratio AAA 0,14 % 0,54 % 3,83 0,80 % 1,65 % 2,07 3,57 AA 0,31 % 1,65 % 5,31 0,96 % 6,75 % 7,04 6,22 A 0,51 % 7,07 % 13,86 1,63 % 12,72 % 7,80 9,95 BBB 1,95 % 11,39 % 5,84 5,22 % 20,88 % 4,00 4,84 BB 11,42 % 21,07 % 1,85 21,48 % 39,16 % 1,82 1,86 B 31,00 % 34,90 % 1,13 46,52 % 62,48 % 1,34 1,21 Tabelle 3: Risikoneutrale und historische Ausfallwahrscheinlichkeiten26 Vor diesem Hintergrund stellt sich damit die F rage: Was nutzt ein Rating? 2.3 Nutzen von Ratings Abbildung 3 zeigt die verschiedenen Dimensionen auf, in denen ein Rating nützlich sein kann. Neben der Sicherung des Kreditspielraumes zu günstigen Konditionen spielen auch andere Aspekte eine wichtige Rolle. Die Demonstration der „Solidität“ eines Unternehmens für Mitarbeiter und Geschäftspartner ist ein nicht unwesentlicher, eigenständiger Erfolgsfaktor. Diesen Erfolgsfaktor nutzen zu können setzt jedoch voraus, dass ein Unternehmen ein glaubwürdiges externes Rating einer anerkannten Rating-Agentur besitzt und auch veröffentlichen kann – was leider bei den internen Ratings der Kreditinstitute i. d. R. nicht möglich ist. Abbildung 3: Nutzen eines Ratings 26 Quelle: Almeida/Philippon (2007).

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References

Zusammenfassung

Rating und Finanzierung unter Basel III

Mit Basel III hat der sogenannte Baseler Ausschuss ein neues Regelwerk mit Eigenkapitalvorschriften für Banken veröffentlicht, das ab 2013 schrittweise in Kraft tritt. Während Basel II vor allem die Risikomessung zum Gegenstand hat, geht es in den neuen Regelungen um die Definition des Eigenkapitals und die erforderlichen Mindestquoten. Das stellt insbesondere mittelständische Firmen, die auf weitere Kreditvergabe durch Banken angewiesen sind, vor neue Herausforderungen.

Das Praxishandbuch Rating und Finanzierung stellt Firmen Bausteine für eine ratingorientierte Unternehmensführung zur Verfügung.

Die Schwerpunkte:

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Besonders praktisch

sind die Checklisten zur Analyse und Optimierung des eigenen Unternehmens sowie die CD mit der Software Quick-Rater, die eine Eigenbewertung des Unternehmens ermöglicht.

Die Autoren

Dr. Werner Gleißner ist Vorstand der FutureValue Group AG und Dr. Karsten Füser ist Partner bei Ernst&Young.

Zielgruppe

Mitarbeiter in den Finanzabteilungen mittelständischer Unternehmen.