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2.1 Finanzierung: eine knappe Themenübersicht in:

Werner Gleißner, Karsten Füser

Praxishandbuch Rating und Finanzierung, page 26 - 32

Strategien für den Mittelstand

3. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-3876-5, ISBN online: 978-3-8006-3877-2, https://doi.org/10.15358/9783800638772_26

Series: Finance Competence

Bibliographic information
Grundlagen der Finanzierung und des Ratings 2 Finanzierung und Rating sind eng miteinander verknüpft. Aufgabe der Finanzierung ist es, die in einem Unternehmen benötigten Finanzmittel (erfasst auf der Passivseite der Bilanz) zu möglichst günstigen Konditionen bereitzustellen. Die Kosten der Finanzierung, die Kapitalkosten, entsprechen der erwarteten Rendite der Geldgeber und sind abhängig von den Risiken, die diese zu tragen haben.4 Die Fremdkapitalgeber (Gläubiger) haben dabei (im Wesentlichen) vertraglich fi xierte Verzinsungsansprüche. Sie tragen aber Risiko infolge einer möglichen Insolvenz des Unternehmens. Die Insolvenzwahrscheinlichkeit (bzw. Ausfallwahrscheinlichkeit) wird durch das Rating ausgedrückt. Damit besteht eine wesentliche unternehmerische Aufgabe darin, die Insolvenzwahrscheinlichkeit auf einem für Gläubiger akzeptablen Level zu halten und die Zahlungsund Kapitaldienstfähigkeit – ausgedrückt durch das Rating – glaubhaft zu belegen. In diesem ersten Abschnitt des Kapitels werden allgemeine Grundlagen zur Finanzierung von Unternehmen erläutert, insbesondere bezüglich der Bestimmung des Kapital- bzw. Finanzierungsbedarfs und der grundsätzlichen Möglichkeit, diesen durch die Aufnahme von Kapital zu decken. Dem Schwerpunkt dieses Buchs entsprechend, beschäftigen sich die folgenden Abschnitte dann mit dem Rating als Maßstab für die Beurteilung eines Unternehmens aus Perspektive der Gläubiger. Die Beurteilung des aktuellen, die Prognose des zukünftig zu erwartenden Ratings und die Entwicklung einer Ratingstrategie, die die Finanzierung des Unternehmens zu adäquaten Konditionen sicherstellt, sind die zentralen Herausforderungen im Kontext der Unternehmensfi nanzierung  – und Schwerpunkt dieses Buchs. Die Entwicklung einer Ratingstrategie zur Absicherung des Ratings und damit der Finanzierung und letztlich des Bestands des Unternehmens wird nach diesen grundlegenden Einführungen zur Finanzierung in den folgenden Kapiteln erläutert. 2.1 Finanzierung : eine knapp e Themenübersicht Für die Produktion in einem Unternehmen sind  – neben dem Einsatz von Arbeitskraft – immer Vermögenswerte notwendig. Beispielsweise benötigt ein Unternehmen Grundstücke, Gebäude, Anlagen und Maschinen. Die Beschaffung dieser langfristig im Unternehmen gebundenen Sachkapitalgüter bezeichnet man als Investition; darüber hinaus werden auch langfristige Finanzanlagen den Investitionen zugeordnet. Zur Unterscheidung von den (Sach-)Investitionen spricht man hier von sogenannten Finanzinvestitionen. Zusammen mit dem (kurzfristigen) Umlaufvermögen, also den Vorräten an Rohstoffen und Fertigwaren, den ausstehenden Forderungen gegenüber Kunden und den liquiden Mitteln (Kassenbestand, Wertpapiere, Bankguthaben), bilden die genannten langfristig im Unternehmen verbleibenden Vermögensgegenstände das Gesamtvermögen des Unternehmens. Das Gesamtvermögen wird – gegliedert nach unterschiedlichen Arten – auf der Aktiv- Seite der Bilanz aufgelistet. Die Gesamtheit des Unternehmensvermögens stellt die für die Leistungserstellung des Unternehmens notwendige Mittelverwendung dar. 4 Siehe Kruschwitz/Löffl er (2007). 2. Grundlagen der Finanzierung und des Ratings12 Die Art der Mittelbeschaffung (Kapital) zeigt sich auf der Passiv-Seite der Bilanz, die gewissermaßen die Besitzverhältnisse an diesem Unternehmensvermögen verdeutlicht. Da insgesamt offensichtlich genauso viele Mittel beschafft werden müssen wie Mittel verwendet werden, sind Aktiv- und Passiv-Seite der Bilanz geldwertmäßig gleich (Vermögen = Kapital), was im Übrigen der Bilanz ihren Namen gibt. Alle Maßnahmen, die der Beschaffung des notwendigen Kapitals dienen, bezeichnet man als Finanzierung. Das zur Beschaffung der benötigten Vermögenswerte verwendete Kapital kann in Form von Eigenkapital oder Fremdkapital (Bankdarlehen), Verbindlichkeiten gegenüber Lieferanten, Rückstellungen (z. B. für in Zukunft zu zahlende Betriebsrenten) gebildet werden. Aus dem Gesagten ergibt sich der folgende vereinfachte Bilanzaufbau: AKTIVA PASSIVA Anlagevermögen: Grundstücke Gebäude Maschinen Umlaufvermögen: Vorräte Forderungen Wertpapiere Kassenbestand, Bank Eigenkapital Stamm-/Grundkapital Rücklagen Fremdkapital Rückstellungen Verbindlichkeiten = Bilanzsumme Aktiva = Bilanzsumme Passiva Im ersten Schritt des betrieblichen Wertekreislaufes werden die in Form von Eigenkapital oder Fremdkapital beschafften Finanzmittel in Grundstücke, Gebäude, Maschinen usw. investiert. Wesentlich ist, dass das Unternehmen die für die Produktion benötigten Vermögenswerte – ebenso wie die Löhne und Gehälter für die Arbeitskraft – vorfi nanzieren muss, d. h. nicht aus den Umsatzeinnahmen bezahlen kann. Erst im zweiten Schritt des Wertekreislaufes werden durch den Verkauf der erstellten Leistungen die darin gebundenen Werte (Arbeitskraft, Rohstoffe und Abschreibung, also anteiliger Wertverlust auf Gebäude und Maschinen) und zusätzlich ein Finanzmittelüberschuss (= Gewinn) freigesetzt. Durch den Verkauf der Leistungen fl ießen dem Unternehmen also wieder Finanzmittel zu, die den Wertekreislauf schließen. Das Unternehmen muss durch eine geeignete Finanzplanung die Zeitspanne zwischen Ausgaben für die Produktionseinsatzfaktoren (Investition im weiteren Sinn) und Finanzmittelrückfl uss (Desinvestition) überbrücken. Dadurch entsteht ein Kapitalbedarf. Die Finanzierungstheorie befasst sich mit folgenden Themenfeldern: • Bestimmung der Kapitalbindung und damit des Finanzbedarfs, • Festlegung eines optimalen Verschuldungsgrads, also der Relation von Eigen- und Fremdfi nanzierung, • Ausschüttungspolitik, • Optimierung der Kosten für Eigen- und Fremdfi nanzierung (einschließlich Ratingstrategie), • Risikobewältigung (inkl. Risikotransfer) zur Reduzierung des Eigenkapitalbedarfs (Risikotragfähigkeit). 2.1 Finanzierung: eine knappe Themenübersicht 13 Eine wesentliche Aufgabe vor der eigentlichen Finanzierungsplanung (als Teil der Unternehmensplanung) ist die oben erwähnte Bestimmung des Kapitalbedarfs (Capital Employed), der maßgeblich von der Produktionskapazität und dem Umsatz abhängt. Mit der Produktionskapazität, die wiederum aus dem erwarteten Umsatzpotenzial resultiert, wird der Bedarf an Gegenständen des Anlagevermögens (Immobilien, Anlagen und Maschinen) festgelegt. Der Kapitalbedarf im Umlaufvermögen (insbesondere also für Forderungen aus Lieferungen und Leistungen und Vorräten) hängt dagegen weitgehend proportional vom tatsächlichen Umsatz ab. Die Ermittlung des Kapitalbedarfs geschieht dabei meist in zwei Stufen; zunächst wird der Kapitalbedarf für das Anlagevermögen ermittelt, dann der Kapitalbedarf für das Umlaufvermögen. Zum Anlagevermögen zählen: • Grundstücke, • Gebäude, • Maschinen, • Büroeinrichtung, • Fahrzeuge etc. Zum Umlaufvermögen zählen: • Vorräte an Rohstoffen, • Vorräte an Fertigwaren, • Büromaterial, • Forderungen aus Lieferungen und Leistungen, • Kassenbestände, Bankgutachten. Der Kapitalbedarf für das Umlaufvermögen entsteht durch die zeitliche Differenz zwischen Bezahlung der Rohstoffe, Vorleistungen und der Arbeitskräfte einerseits und dem Erhalt von Finanzmitteln aus dem Verkauf der erstellten Fertigprodukte andererseits. Das Unternehmen muss diese Ausgaben zwischenzeitlich vorfi nanzieren. Dabei müssen genau diejenigen Ausgaben vorfi nanziert werden, die bis zum Beginn des Verkaufs der ersten Produkteinheit aufl aufen. Danach sollte der Finanzmittelbedarf für die Produktion aus dem laufenden Verkauf der Produktion gedeckt werden. Der vorzufi nanzierende Finanzmittelbedarf für das Umlaufvermögen (Vorräte an Material und Rohstoffen etc.) inklusive der zu leistenden Lohnzahlungen lässt sich als Produkt aus Finanzmittelbestand (für Personal, Material etc.) pro Tag und der „Durchlaufzeit“ von Auftragserteilung bis Zahlungseingang ermitteln. Werden bspw. täglich durchschnittlich 50.000 Euro an Material-, Energie- und Arbeitsleistungen im Produktionsprozess verwendet, beträgt die Lagerdauer der Werkstoffe durchschnittlich 10 Tage, dauert die Produktion durchschnittlich 5 Tage, die Lagerung der Fertigfabrikate 10 Tage und die Kreditinanspruchnahme der Kunden durchschnittlich 25 Tage, so ist erst nach 50 Tagen (10 + 5 + 10 + 25) der Eingang liquider Mittel zu erwarten, der Finanzmittelbedarf zur Vorfi nanzierung des Umlaufvermögens kann wie folgt abgeschätzt werden: 50.000 Euro · 50 = 2,5 Mio. Euro Im Beispiel wurde nicht berücksichtigt, dass der Kapitalbedarf teilweise durch Verbindlichkeiten gegenüber Lieferanten (auch die Lieferantenrechnungen müssen nicht sofort bezahlt werden), durch Kundenanzahlungen und durch verzögerte Lohnzahlungen (Lohnzahlung erst am Ende des Monats) fi nanziert werden kann. Dieses Finanzierungspotenzial lässt sich analog des Kapitalbedarfs berechnen und muss in Abzug gebracht werden. 2. Grundlagen der Finanzierung und des Ratings14 Aus Sicht des wertorientierten Managements ist es hier beabsichtigt, eine hohe Kapitaleffi zienz  – also einen hohen Kapitalumschlag   – zu erreichen. Das Verhältnis von Kapitalbedarf zu Umsatz sollte also verbessert werden, was sich ceteres paribus wertsteigernd auswirkt. Bedeutsam sind hier Verfahren zur optimalen Planung der Produktionskapazität (z. B. Fabrikplanung), zur richtigen Abschätzung der erforderlichen Produktionskapazität, zur Optimierung des Lagermanagements (Logistik, Lagerhaltungsplanung) sowie das Forderungsmanagement (Mahnwesen). Vor der eigentlichen Optimierung der Finanzierung sollte untersucht werden, ob eine Reduzierung der Kapitalbindung im Anlagevermögen und Working Capital möglich ist. Ansatzpunkte sind beispielsweise die folgenden: • der Abbau der Lagerbestände (Vorräte) durch eine bessere Lagerhaltungs- und Bestellmengenplanung, • der Abbau der Lagerbestände durch eine Reduzierung der Lieferbereitschaft, • der Verkauf nicht betriebsnotwendiger Teile des Anlagevermögens (z. B. Immobilien), • die Intensivierung des Mahnwesens oder Einräumen von Skonto zur Reduzierung der Forderungen aus Lieferungen und Leistungen sowie • die Verschiebung von Investitionen durch die Erhöhung der wirtschaftlichen Nutzungsdauer von Maschinen, Anlagen und Fahrzeugen. Neben der Optimierung des Kapitalbedarfs besteht die zweite Teilaufgabe darin, die Kosten für die Finanzierung des erforderlichen Kapitals zu reduzieren. Dabei muss im ersten Schritt entschieden werden, wie viel Eigenkapital zur Risikodeckung nötig ist. Der restliche Kapitlabedarf wird fremdfi nanziert, wobei hier unter dem Gesichtspunkt der Kapitalkosten zwischen vielen Finanzierungsformen (Anleihen, Bankkredit, Leasing, Lieferantenverbindlichkeiten etc.) zu wählen ist. Nach den Quellen der Mittelherkunft sind Außen- und Innenfi nanzierung zu unterscheiden. Die Innenfi nanzierung umfasst alle Möglichkeiten des Unternehmens, sich aus dem betrieblichen Umsatzprozess, d. h. aus „eigener Kraft“ heraus, Finanzmittel zu beschaffen. Zwar fl ießen auch die Umsatzeinnahmen von außen zu, aber sie stellen nur den Rückfl uss für bereits früher im Unternehmen investierte Mittel dar. Formen der Innenfi nanzierung sind • die Einbehaltung von Gewinnen (Selbstfi nanzierung), • die Bildung von Rückstellungen, • Freisetzung der Gegenwerte von Vermögensgegenständen (Abschreibungen). Die Summe aller durch die Innenfi nanzierung zur Verfügung gestellten Finanzmittel ist der Cashfl ow. Bei der Innenfi nanzierung kann man weiter unterscheiden zwischen Finanzierung durch neu in das Unternehmen gebrachte Mittel (Kapital- bzw. Vermögenszuwachs; entspricht einer Bilanzverlängerung) und Finanzierung durch die Freisetzung bereits früher investierter Gelder, d. h. Umtausch von Gegenständen des Sachvermögens in Vermögensgegenstände des kurzfristigen Finanzvermögens, was bilanztechnisch einem Austausch zweier Buchungsposten der Aktivseite entspricht (Aktivtausch). Gewinne (soweit sie nicht ausgeschüttet werden), Abschreibungen und Zuführungen zu Rückstellungen stellen denjenigen Teil der Umsatzerlöse dar, der nicht für den Kauf von Materialien oder die Bezahlung von Personal ausgegeben wurde und damit einer Vermehrung von Finanzmitteln gleichkommt, der damit für zusätzliche Investitionen in Sachkapitalgüter oder langfristige Finanzanlagen zur Verfügung steht. Diesen Teil der Umsatzerlöse bezeichnet man als betrieblichen Cashfl ow: Cashfl ow = Gewinn + Abschreibungen + Zuführung zu Rückstellungen 2.1 Finanzierung: eine knappe Themenübersicht 15 Bei der Außenfi nanzierung werden dem Unternehmen Finanzmittel von außerhalb zur Verfügung gestellt. Es ist somit auf die „Mitarbeit“ der Finanzmittelgeber angewiesen. Zur Außenfi nanzierung zählen • der Verkauf neuer Aktien und Gesellschafterbeteiligungen, • der Verkauf von Anleihen (bedarf der staatlichen Genehmigung), • der Verkauf von Wandelanleihen und Optionsanleihen (nur bei Aktiengesellschaften), • Aufnahme von Bankkrediten (Hypothekendarlehen, Lombardkredit, Wechselkredit, Kontokorrentkredit), • Aufnahme von Krediten von Privatpersonen oder anderen Unternehmen (Schuldscheindarlehen), • Inanspruchnahme von Lieferantenkrediten, • Aufnahme von Krediten der öffentlichen Hand (z. B. durch die KfW-Mittelstandsbank). Eine andere Gliederung der Finanzierungsarten orientiert sich an der Rechtsstellung der Kapitalgeber. Man unterscheidet hier Eigenfi nanzierung und Fremdfi nanzierung. Beide Formen können sowohl als Innen- oder Außenfi nanzierung auftreten. Bei der Eigenfi nanzierung wird dem Unternehmen Eigenkapital, also Kapital, das die Haftung und das Unternehmensrisiko trägt, zugeführt. Zur Eigenfi nanzierung zählen • eine Kapitalerhöhung (die Ausgabe neuer Aktien oder die Erhöhung des Stammkapitals einer GmbH) und • das Einbehalten von Gewinnen. Das durch die Fremdfi nanzierung zugeführte Kapital (Fremd- oder Gläubigerkapital) trägt (möglichst) kein Unternehmensrisiko5 und ist nicht am Unternehmensgewinn beteiligt, sondern erhält eine feste Verzinsung. Zur Fremdfi nanzierung gehören • Ausgabe von Anleihen, • die Aufnahme von Bankkrediten, • die Inanspruchnahme von Lieferantenverbindlichkeiten und • die Finanzierung aus Rückstellungen. Zum Schutz der Gläubiger (Fremdkapitalgeber) vor Kapitalverlust sind die folgenden Sicherungsformen üblich: • Sicherung der Kredite durch Grundpfandrechte auf Immobilien (Eintragung einer Grundschuld oder einer an das Bestehen einer konkreten Forderung gebundenen Hypothek), • Verpfändung von Mobilien (Wertpapiere, Vorräte), • Zession (Abtretung) von Forderungen, • Abschluss einer Kreditversicherung, • Eigentumsvorbehalt des Lieferanten,6 • Negativerklärung.7 Weitere Sonderformen der Fremdfi nanzierung, die an dieser Stelle jedoch nicht weiter behandelt werden, sind Leasing und Factoring (vgl. Abschnitt 4.5.4). 5 Außer einer möglichen Insolvenz, was gerade durch das Rating ausgedrückt wird. 6 Die Ware bleibt Eigentum des Lieferanten bis der Kaufpreis komplett bezahlt ist. 7 Der Kreditnehmer verpfl ichtet sich gegenüber dem Kreditgeber, geschäftsbezogene Beschränkungen einzubehalten. 2. Grundlagen der Finanzierung und des Ratings16 Aktivitäten im Finanzmanagement, die unmittelbare Auswirkungen auf die Finanzierungs- bzw. Kapitalkostensätze haben, sind bspw: • Vereinbarung von Zinskonditionen und Zinsfestschreibungsdauer für Bankkredite, • Nutzung von Leasing, • Nutzung von Factoring und Forfaitierung, • Optimierung des Rating (das Kernthema dieses Buches), • Optimierung des Treasury (z. B. Cash-Pooling, Kontenausgleich). Alle hier erwähnten Aktivitäten haben Auswirkungen auf die Finanzierungskosten und unter Umständen auch auf die Risiken des Unternehmens und sind folglich im Hinblick auf ihre Konsequenzen auf Rating und den nachhaltigen Ertrag (Unternehmenswert) zu beurteilen. Zentrale Aufgabe der Finanzierungspolitik ist die Bestimmung des Verschuldungsgrads, also das Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital. Der später mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Überlegung von Modigliani und Miller zufolge ist sowohl die Kapitalstruktur (Verschuldungsgrad) als auch die Ausschüttungspolitik für den Unternehmenswert irrelevant. Durch Veränderungen des Verschuldungsgrads wäre demnach kein Mehrwert für die Eigentümer zu erzielen. Dementsprechend wäre die von Banken – z. B. beim Rating – beachtete Eigenkapitalquote für die Eigentümer eines Unternehmens ohne Bedeutung. Die Überlegungen von Modigliani und Miller basieren auf Arbitrage-Überlegungen: Weil jeder Aktionär die Möglichkeit hat, Aktien auf Kredit zu kaufen, kann er den Verschuldungsgrad seines Investments selbst bestimmen. Würde durch eine derartige Veränderung des Verschuldungsgrads ein Aktienmehrwert zu erzielen sein, würden hierdurch risikolose Gewinnmöglichkeiten (Arbitrage) entstehen. Die praktische Bedeutung des Modigliani-Miller-Theorems ist jedoch durch die zugrunde liegenden restriktiven Annahmen erheblich eingeschränkt. Sowohl Konkurskosten 8 als auch die steuerlichen Vorteile des Fremdkapitals gegenüber dem Eigenkapital bewirken, dass der Verschuldungsgrad eines Unternehmens nicht irrelevant ist. Die steuerliche Abzugsfähigkeit von Fremdkapitalzinsen bei der Ermittlung des zu versteuernden Gewinns führt dazu, dass Unternehmen tendenziell Eigenkapital durch Fremdkapital ersetzen. Diesem Effekt laufen die mit steigendem Verschuldungsgrad an Bedeutung gewinnenden Konkurskosten entgegen. Mit zunehmendem Verschuldungsgrad steigt die Wahrscheinlichkeit einer Insolvenz, und damit der Erwartungswert, der mit einer solchen Insolvenz verbundenen Kosten (z. B. Entwertung spezifi scher Sachanlagen, Verlust mitarbeiterbezogener Kompetenzen, Reputationsverlust etc.). Durch diese beiden gegenläufi gen Tendenzen (sowie einiger weiterer Aspekte) ergibt sich ein hinsichtlich des Unternehmenswertes optimaler Verschuldungsgrad , der insbesondere von der Höhe der Konkurskosten und der Wahrscheinlichkeit einer Insolvenz abhängt, die wiederum durch die Risiken bestimmt wird (vgl. Abschnitt 4.7 zum Zusammenhang Wert und Insolvenzwahrscheinlichkeit). Als Faustregel kann zunächst festgehalten werden, dass der Verschuldungsgrad, und damit die Eigenkapitalausstattung, eines Unternehmens so zu wählen ist, dass die Wahrscheinlichkeit einer Insolvenz (und damit das Rating) bei gegebenem Risikoumfang auf einen auch für Banken akzeptablen Wert beschränkt bleibt („Safety First“). Auch mit dem im strategischen Management immer wieder diskutierten Thema des Umfangs einer angemessenen Ausschüttung (Dividende) für die Gesellschafter befasst sich die Finanzierungstheorie. Die Höhe der Ausschüttungen am Gesamtgewinn 8 Vgl. Gleißner (2011c), Baule/Ammann/Tallau (2006) sowie Knabe (2012). 2.2 Was ist ein Rating? 17 (Ausschüttungsquote) wird dabei sowohl hinsichtlich ihrer Implikationen für das Rating eines Unternehmens als auch in seiner Konsequenz für den Unternehmenswert betrachtet. Im Grundsatz ist die für den Unternehmenswert optimale Dividendenpolitik einfach: Gewinne werden solange komplett im Unternehmen reinvestiert, wie die mit diesen Investitionen verbundenen erwarteten Renditen über den risikoabhängigen Kapitalkostensätzen liegen. Mit diesem Ansatz lässt sich die empirisch feststellbare Dividendenpolitik speziell börsennotierter Aktiengesellschaften jedoch nicht erklären. Ein wichtiger Grund für relativ kontinuierliche Dividenden dürfte darin zu sehen sein, dass viele Aktionäre ein Interesse daran haben, ihre laufenden Konsumausgaben mit Dividenden fi nanzieren zu können, weil eine (psychologische) Abneigung gegen den Verkauf der Vermögensgegenstände an sich besteht. Zudem haben Dividenden eine erhebliche Bedeutung als Signal für eine hohe Ertragskraft des Unternehmens.9 Bei der Wahl der Finanzierungsformen eines Unternehmens fällt auf, dass es hier immer eine typische Abfolge gibt: Man spricht von der „Packing Order Theory “.10 Unternehmen neigen dazu, für die Finanzierung zunächst sämtliche internen Finanzquellen (Eigenfi nanzierung) zu nutzen. Wenn diese nicht ausreichen und eine externe Finanzierung erforderlich wird, werden zunächst die Möglichkeiten einer Fremdfi nanzierung ausgeschöpft. Erst als letztes werden externe Möglichkeiten der Eigenfi nanzierung (z. B. Kapitalerhöhung) genutzt. Diese Rangfolge der Finanzierungs- Aktivitäten ergibt sich, weil die externe Finanzierung  – insbesondere die externe Finanzierung mit Eigenkapital – teurer und meist auch erheblich langsamer zu realisieren ist. Gerade weil dies so ist, wird eine Eigenkapitalerhöhung in einem ungünstigen Marktumfeld an den Börsen als ausgesprochen negatives Signal interpretiert. Es verdeutlicht, dass dem Unternehmen offensichtlich keine anderen Finanzierungsmöglichkeiten mehr zur Verfügung stehen. Um einerseits derartige Signale an den Börsen oder auch gegenüber den fi nanzierenden Kreditinstituten zu vermeiden und andererseits auch kurzfristig den erforderlichen Finanzierungsspielraum für interessante Opportunitäten zu haben, benötigt ein Unternehmen eine adäquate Liquiditätsreserve. Zu dieser Liquiditätsreserve gehören neben Kontoguthaben auch kurzfristig verkäufliche Wertpapiere sowie der fest vereinbarte Kreditrahmen. Eine Liquiditätsreserve, die meist relativ niedrig verzinst wird, ist daher im Sinne eines wertorientierten Managements durchaus sinnvoll und hat eine strategische Bedeutung. 2.2 Was ist ein Rating? 2.2.1 Defi nition und Begriff serklärung Während der zehn Jahre nach den durch Basel II initiierten grundlegenden Reformen der Eigenmittelunterlegung der Kreditinstitute haben Ratings eine enorme Bedeutung für nahezu alle Unternehmen gewonnen: Ratings sind in der deutlichen Mehrheit der deutschen und internationalen Kreditinstitute ein wichtiger Faktor in Kreditvergabe und eine wichtige Determinante des Kreditzinses. 9 Vgl. Lintner (1965), gemäß dem sogenannten Lintner-Ansatz ist die Unternehmensleitung bei ihrer Dividendenpolitik bestrebt, langfristig ein bestimmtes Verhältnis zwischen ausgeschütteten Dividenden und Jahresgewinn zu erreichen. Dabei orientieren sich Unternehmen bei der aktuellen Dividendenzahlung aber an einem nachhaltig erwarteten Gewinnniveau. Um keine negativen Signale zu setzen, versuchen Unternehmen, eine Reduzierung von Dividenden zu vermeiden. 10 Vgl. Zimmermann, 1995 und Myers, S. C./Majluf, N. S. (1984).

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Rating und Finanzierung unter Basel III

Mit Basel III hat der sogenannte Baseler Ausschuss ein neues Regelwerk mit Eigenkapitalvorschriften für Banken veröffentlicht, das ab 2013 schrittweise in Kraft tritt. Während Basel II vor allem die Risikomessung zum Gegenstand hat, geht es in den neuen Regelungen um die Definition des Eigenkapitals und die erforderlichen Mindestquoten. Das stellt insbesondere mittelständische Firmen, die auf weitere Kreditvergabe durch Banken angewiesen sind, vor neue Herausforderungen.

Das Praxishandbuch Rating und Finanzierung stellt Firmen Bausteine für eine ratingorientierte Unternehmensführung zur Verfügung.

Die Schwerpunkte:

- Rating als Erfolgsfaktor

- Analyse der eigenen Situation: Wie gut ist unser Rating?

- Optimierung des Ratings

- IT-gestützte Hilfsmittel für das Rating

- Die Zukunft von Rating und Finanzierung

Besonders praktisch

sind die Checklisten zur Analyse und Optimierung des eigenen Unternehmens sowie die CD mit der Software Quick-Rater, die eine Eigenbewertung des Unternehmens ermöglicht.

Die Autoren

Dr. Werner Gleißner ist Vorstand der FutureValue Group AG und Dr. Karsten Füser ist Partner bei Ernst&Young.

Zielgruppe

Mitarbeiter in den Finanzabteilungen mittelständischer Unternehmen.