Christian Schalt, AUDIO NOW – Vom Radio zur Audioplattform in:

MedienWirtschaft, page 46 - 53

MW, Volume 17 (2020), Issue 4, ISSN: 1613-0669, ISSN online: 1613-0669, https://doi.org/10.15358/1613-0669-2020-4-46

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Die Audiolandschaft im Zeichen der Digitalisierung (III) Mit dieser Ausgabe setzen wir die in Heft 1/2020 begonnene Serie zum Thema Audio fort. Unserem interdisziplinären Konzept folgend beleuchten wir die hochaktuelle Thematik der „Audiolandschaft im Zeichen der Digitalisierung“ aus unterschiedlichen Perspektiven. Wir präsentieren Beiträge mit Blick auf inhaltliche, wirtschaftliche, technische oder politisch-rechtliche Fragestellungen und unterlegen sie mit verschiedenen Fallbeispielen aus der Praxis sowie mit fokussierten Analysen zu speziellen Aspekten wie Podcast, Musik, Controlling oder Voice. Mit dem vorletzten und dem letzten Heft haben wir die Thematik bereits in großer Breite aufgegriffen – hier der Überblick: Heft 1/2020 Vanessa Beule/ Stefan Hirschmeier/Detlef Schoder (Universität zu Köln): Der digitale Wandel im Hörfunk. Heft 2-3/2020 Klaus Goldhammer/Mathias Birkel (Goldmedia): Audio auf der Überholspur. Das neue Leitmedium – Der Audiomarkt ist heftig in Bewegung. Ein Faktencheck zur Nutzung, zu wirtschaftlichen Kennzahlen und Trends Hans Knobloch/Bernt von zur Mühlen/Martin Zimper (Zürcher Hochschule der Künste/Beratung für Medien und Kultur): Wir müssen reden – Die Podcast-Story Viola Granow/Florian Hager (funk – Das Content-Network von ARD & ZDF): Öffentlich-rechtliche Audioinhalte für junge Menschen – Podcasts bei funk Nicola Balkenhol (Deutschlandradio): Zur Rolle und Bedeutung von Radio in der digitalen Audiowelt Heft 4/2020 Christian Schalt (RTL Radio Deutschland): AUDIO NOW – Vom Radio zur Audioplattform Die Serie werden wir auch in Heft 1/2021 fortsetzen. In Vorbereitung sind weitere interessante Beiträge zum Thema Konvergenz der Audiowelten, zur Medienpolitik, zum Controlling und zu Voice. © in k dr op s to ck .a do be .c om Dass wir die Thematik von Audio in unserer Fachzeitschrift aufrufen, geht ganz zufällig mit einer interessanten Ausstellung einher, auf die wir Sie gerne aufmerksam machen wollen: ON AIR. 100 Jahre Radio Jubiläums-Ausstellung im Museum für Kommunikation Berlin zur Geschichte des Rundfunks in Deutschland 2. Oktober 2020 bis 29. August 2021 In der Pressemitteilung ist zu lesen: „Es war nie weg, aber aktuell erlebt es eine regelrechte Renaissance: das Radio. Es liefert verlässlich Information, gibt uns Struktur und begleitet uns durch den Tag. Gerade in Krisenzeiten zieht es Menschen vermehrt vor die Empfangsgeräte und vermittelt uns das Gefühl, dass wir mit unseren Ängsten und Sorgen nicht allein sind. Was heutzutage selbstverständlich erscheint, war vor 100 Jahren eine Sensation: Am 22. Dezember 1920 spielten Reichspostmitarbeitende der Hauptfunkstelle Königs Wusterhausen bei Berlin ein historisches Weihnachtskonzert – die erste öffentliche Rundfunkaussendung in Deutschland. Zum 100-jährigen Jubiläum beleuchtet die Ausstellung ON AIR. 100 Jahre Radio im Museum für Kommunikation Berlin vom 2. Oktober 2020 bis zum 29. August 2021 Erfolge, Brüche und Zukünfte des ersten elektronischen Massenmediums der Welt. Beim Rundgang durch 100 Jahre Radiogeschichte in Deutschland begegnen die Besucher*innen rund 250 Objekten, die von den technischen Grundlagen und den Anfängen des Rundfunks über dessen Rolle in der NS-Zeit bis zur Neuordnung im geteilten und dann wiedervereinten Deutschland erzählen.“ Gefördert von der Kulturstiftung der Länder In Kooperation mit der Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv Medienpartner: Deutschlandfunk Kultur und rbb Kultur Mit freundlicher Unterstützung von TechniSat Digital GmbH www.radio.museumsstiftung.de 48 MedienWirtschaft 4/2020 Standpunkt Christian Schalt RTL Radio Deutschland GmbH Chief Digital Officer (CDO) christian.schalt@rtlradio.de Die Audiolandschaft im Zeichen der Digitalisierung (III) AUDIO NOW – Vom Radio zur Audioplattform Audioinhalte sind gefragt wie lange nicht mehr. Wurde der Hörfunk in den vergangenen Jahrzehnten – trotz seiner hohen Reichweiten in allen Altersgruppen – oft vergleichsweise wenig beachtet (Heinrich, 2010), so stehen abrufbare Audiofiles, vor allem in der Form von Podcasts, an zentraler Stelle in der Strategie vieler Medienunternehmen sowie der großen Technologie-Konzerne. Fand Podcasting, also das Abonnieren und Abrufen von Audioinhalten verschiedenster Themenbereiche, vor allem in den Anfangsjahren stark auf den Plattformen von Apple statt – allein der Begriff Podcasting referenziert auf das erste massentaugliche Nutzungsgerät, den Apple iPod (Team Sounder, 2019), so ist Podcasting mittlerweile weit verbreitet und integraler Bestandteil unter anderem Fot o: R TL R ad io D eu ts ch la nd /B en no K ra eh ah n Schlüsselbegriffe: Audioplattform | AUDIO NOW | Radio | Podcast | Bertelsmann Content Alliance Smartphones sind Hauptnutzungsgeräte für Podcasts Einer der Katalysatoren für die wachsende Popularität von Podcasts ist die stark zunehmende Verbreitung von Smartphones, die zeitsouveränes und individuell zusammengestelltes Hören von Audioinhalten ermöglichen (Inside Radio, 2019). Damit einhergehend entstand vor allem im englischsprachigen Raum ein riesiges Angebot an entsprechenden Inhalten; von Podcasts für Nischen bis hin zu massenattraktiven, professionell produzierten Angeboten großer Medienhäuser. Gerade für Hörfunkunternehmen bietet Podcasting ein immenses Wachstumspotential und einen großen Hebel für die Digitalisierung der eigenen Inhalte. In den USA sind daher unter den größten Anbietern von Podcastinhalten auch der größte öffentlich-rechtliche Radioverbund NPR und die größte US-amerikanische Privatradiokette iHeart Media. Dazu kommen die New York Times (vor allem mit ihrem werktäglichen Podcast The Daily) sowie unabhängige Podcast-Networks wie Wondery (Podtrac, 2020; Spinelli, 2019; Rios, 2020). In den USA erreichen die großen Publisher monatliche Downloadzahlen von mehr als 25 Millionen, was auch das ökomische Potential des Podcasttrends andeutet. Langjährige Erhebungen zeigen, dass mittlerweile ein Drittel der US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner regelmäßig Podcasts nutzt (Edison Research, 2020). Auch in Deutschland ist eine zunehmende Nutzung von Podcasts zu beobachten, verglichen mit den USA noch auf geringerem Niveau. Da die Struktur der Hörerinnen und Hörer den amerikanischen Verhältnissen ähnlich ist, wird auch hierzulande davon ausgegangen, dass die Podcastnutzung einen ähnlich dynamischen Verlauf nimmt wie in den USA (Goldmedia, 2020; Domenichini, 2018). Um die Verbreitung von Podcasts in Deutschland und den USA vergleichbar zu machen, wurde im vergangenen Jahr die amerikanische Studie „The Infinite Dial“ auch in Deutschland durchgeführt (Edison Research, 2019). Durch das identische Studiendesign und den gleichen Fragebogen konnte so die Nutzung in beiden Ländern methodisch korrekt verglichen werden. Dabei zeigte sich, dass in Deutschland 17 Prozent der Deutschen über 16 Jahren regelmäßig Podcasts nutzen, bei den – auch in den USA – besonders affinen 16-34-Jährigen schon mehr als ein Drittel (vgl. Abbildung 1). der Angebote von Spotify, Amazon, Google und vieler etablierter Medienanbieter wie der ARD sowie von der Mediengruppe RTL und Bertelsmann mit AUDIO NOW. 4/2020 MedienWirtschaft 49 Standpunkt Vergleicht man die deutschen Zahlen mit denen der USA, befinden sich diese in etwa auf dem amerikanischen Niveau des Jahres 2015, so dass bei ähnlich dynamischen Verlauf wie in den USA bis 2023 die derzeitige US-Nutzungszahl von einem Drittel der Gesamtbevölkerung erreicht wäre (vgl. Abbildung 2). Dieses Potential von umgerechnet etwa 23 Millionen deutschen Nutzerinnen und Nutzer ist die Motivation für die umfangreichen Investitionen und Aktivitäten im Podcastbereich in Deutschland. Aus Sicht des Hörfunks ist dabei interessant, dass die Nutzung von Podcasts komplementär zur Radionutzung erfolgt: Radio hat seinen Nutzungspeak vor allem am Morgen und in etwas abgeschwächter Form am Nachmittag in der „Drivetime“. Gegen Abend sinkt die Radionutzung stark und traditionell verliert der Hörfunk den Großteil seiner Hörerinnen und Hörer im Laufe des Abends. Spätestens ab 20.00 Uhr ist die Radionutzung in Deutschland auf geringem Niveau (Klingler & Turecek, 2016). Die Podcastnutzung hingegen findet ihren Peak am Abend (Radiozentrale, 2017), und es ist daher anzunehmen, dass Podcasting im Streit um das Mediennutzungsbudget eher mit anderen Mediengattungen wie TV, Büchern oder Musik konkurriert als mit dem Hörfunk. Auch aus diesem Grund bietet der Podcastmarkt umfangreiche Möglichkeiten für Hörfunkveranstalter (Lloyd, 2019): Ein gewonnener Podcastnutzer erweitert in vielen Fällen den Nutzerkreis der Hörfunksender und führt eher nicht zu einer Kannibalisierung der Nutzung des bestehenden Radioprogramms. Corona-Lockdown als Beschleuniger der Podcastnutzung Der Lockdown im Rahmen der Corona-Krise, vor allem die damit einhergehende ausgeweitete Präsenz vieler Menschen in ihrer Wohnung, führte zu einer deutlich veränderten Nutzung von Audioinhalten. Insbesondere in Ländern mit einer kontinuierlichen Reichweitenmessung zeigte sich, dass vor allem durch den Wegfall der täglichen Pendelstrecken die Radionutzung im Auto zurückging und die Nutzung von Podcasts sich wiederum erhöhte (Ofcom, 2020). Auch wenn sich dieser Effekt mit den zunehmenden Abb. 1: Monatliche Podcastnutzung in Deutschland 2019 Quelle: Edison Research/ RTL Radio Deutschland Abb. 2: Vergleich der monatlichen Podcastnutzung in den USA und Deutschland Quelle: Edison Research/ RTL Radio Deutschland 50 MedienWirtschaft 4/2020 Standpunkt Lockerungen der Corona-Einschränkungen abgeschwächt hat, und sich die Radionutzung in vielen Ländern auf Vor- Krisen-Niveau einpendelt, so besteht doch aus Sicht der Podcastbranche die Chance, dass sich durch den weiter fortbestehenden Anteil an Home Office die Podcastnutzung habitualisiert. Nicht zuletzt der Hörfunk profitiert seit vielen Jahren von dieser Habitualisierung der Nutzung und verdankt ihr auch einen beträchtlichen Anteil seiner hohen Reichweiten (Vowe & Wolling, 2004). Dazu kam, dass insbesondere während des Lockdowns das Informationsbedürfnis der Bevölkerung überdurchschnittlich hoch war. Dies führte zwar auch zu einer starken Nachfrage nach Informationen in den klassischen Radioangeboten, aber vor allem auch zu einer quantitativ beeindruckenden Nutzung von spezifischen Podcast-Angeboten mit Corona-Informationen. Allein das Corona Update von NDR Info mit Christian Drosten erreichte nach Angaben des NDR in den Monaten bis Juni 2020 55 Millionen Abrufe (NDR, 2020). Dazu kamen weitere reichweitenstarke Corona-Podcasts von BR, MDR, Stern oder auch der – zulassungsrechtlich nicht unumstrittene - Podcast der Bundesregierung (Brade, 2020). Herausforderungen aus Sicht der Publisher Es spricht demnach vieles dafür, als Publisher, insbesondere als Hörfunkveranstalter, in einen dynamisch wachsenden Markt zu investieren und entsprechende inhaltliche Angebote zu entwickeln. Daher bringen sowohl etablierte als auch neue Medienanbieter täglich frische Podcasts auf den Markt, von aus den klassischen Programmen abgeleiteten Audioformaten bis hin zu speziellen, eigens produzierten Podcasts für bestimmte Zielgruppen. Die Distribution von Podcasts erfolgt dabei – nicht unähnlich der Verbreitung digitaler Hörfunkprogramme – meist über mehrere Plattformen, sogenannte Podcatcher. Dazu zählen neben den Angeboten der gro- ßen Technologie-Konzerne wie Apple Podcasts, Google Podcasts oder Amazon auch Musikstreaming-Plattformen wie Spotify oder Deezer sowie viele weitere unabhängige Anbieter. Diese Form der Distribution bietet durch die potentiell große kombinierte Reichweite verschiedener Plattformen die Chance auf ein entsprechend großes Publikum, führt jedoch in vielen Bereichen auch zu Einschränkungen: Abhängigkeiten von der jeweiligen Distributionsplattform, unzureichende Nutzungsdaten – und nicht zuletzt auch zu fehlender Kontrolle der eigenen Inhalte (Schalt, 2019). AUDIO NOW als Podcast-Plattform der Bertelsmann Content Alliance Daher entschied sich RTL Radio Deutschland im März 2019, eine eigene Podcast-Plattform ins Leben zu rufen, AUDIO NOW. Auf dieser finden sich neben den Angeboten der Radiosender von RTL Radio Deutschland von Beginn an auch zahlreiche Angebote deutscher und internationaler Publisher, von der ZEIT, über den SPIEGEL bis hin zur New York Times oder Wondery. 2019 wurde auch die Bertelsmann Content Alliance gegründet, in der die Inhalteunternehmen von Bertelsmann zusammenarbeiten. Getrieben durch das dynamische Wachstum von Podcasting in Deutschland und durch die zunehmenden Audioproduktionsaktivitäten auch der Nicht-Audio-Divisionen von Bertelsmann wurde im Rahmen der Content Alliance die Audio Alliance gegründet, die als Podcast-Produktionsfirma die Contentproduktion aller Bertelsmann-Divisionen bündelt. Die Bertelsmann Content Alliance bündelt seit dem 1. Februar 2019 die Abb. 3: Startseite von AUDIO NOW Quelle: RTL Radio Deutschland 4/2020 MedienWirtschaft 51 Standpunkt Publisher. Vertreten sind nahezu alle großen Podcastproduzenten, darunter auch die Audio-Angebote der ARD. Neben der zusätzlichen Reichweite, die über die Präsenz auf AUDIO NOW generiert werden kann, ist ein weiteres Motiv für das Engagement externe Publisher, dass diese Zugang bekommen zu den auf AUDIO NOW generierten Nutzungsdaten. So erfahren die Anbieter von Podcasts detailliert, welche Gruppe ihre Podcasts nutzt, wo die Nutzung geographisch stattfindet und welcher Altersgruppe ihr Publikum angehört. Anders als viele andere Plattformen, die oft ihr Kernmodell darauf bauen, durch die Integration fremder Inhalte eigene Daten zu generieren und diese für sich zu behalten, teilt AUDIO NOW auch allgemeine Nutzungsdaten der Plattform, was im Folgenden anhand einiger relevanter Nutzungsmuster gezeigt werden soll. AUDIO NOW-Nutzerschaft: jung, weiblich, urban Betrachtet man die allgemeine Plattformnutzung von AU- DIO NOW, so zeigt sich, dass zwar auch eine relevante Nutzerschaft in den Zielgruppen vorhanden ist, die auch andere Inhalte der Bertelsmann Content Alliance konsumieren (vor allem die Gruppe der 35-49-Jährigen), der Kern der Nutzung jedoch vor allem in der podcastaffinen jungen Gruppe stattfindet; und hier insbesondere bei einem weiblichen Publikum (vgl. Abbildung 4). AUDIO NOW trifft damit mit seinen Inhalten und Funktionalitäten die Erwartungen und Wünsche eines Publikums, das in einem urban geprägten Umfeld lebt und unterhaltende, beratende und inspirierende Audioinhalte sucht. Zusammenarbeit aller Inhaltegeschäfte des internationalen Medien-, Dienstleistungs- und Bildungsunternehmens in Deutschland: Mediengruppe RTL Deutschland, RTL Radio, die TV-Produktionsfirma UFA, die Penguin Random House Verlagsgruppe, Gruner + Jahr sowie das Musikunternehmen BMG. Bertelsmann verfolgt unter anderem das Ziel, bereichsübergreifend gemeinsame Formate zu entwickeln und zu vermarkten und damit umfassende Angebote für Kreative zu schaffen. AUDIO NOW ist seitdem die zentrale Audio-Distributions- Plattform der Bertelsmann Content Alliance und auf ihr werden sämtliche Podcasts distribuiert, darunter auch exklusive Formate, die nur auf AUDIO NOW zu finden sind. Das Ziel von AUDIO NOW ist es, für die Nutzerinnen und Nutzer der bestehenden Inhalte der Bertelsmann-Divisionen ein kuratiertes Angebot an Podcasts zu bieten. Eine eigene Redaktion gestaltet dieses täglich neu; mit verschiedenen Darstellungs- und Aufbereitungsformen in der AUDIO NOW-App und auf der Webseite sollen Zugänge für die unterschiedlichsten Interessen geschaffen werden. Die App bietet einen redaktionell gestalteten Bereich, in dem interessante und stark genutzte Inhalte leicht zu entdecken sind (siehe Abbildung 3). Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, passende Inhalte nach Kategorien oder über Schlagworte zu suchen und sich auch ein entsprechendes Angebot an Podcastserien individuell zusammenzustellen. Neben den Inhalten der Bertelsmann Content Alliance finden sich auf der Plattform zahlreiche Podcasts externer Abb. 4: Plattformnutzung von AUDIO NOW nach Alter, Geschlecht und Region Quelle: RTL Radio Deutschland 52 MedienWirtschaft 4/2020 Standpunkt Podcasting unterscheidet sich in der erzählerischen und journalistischen Darstellungsform oft deutlich von der Aufbereitung im Hörfunk: während das Radio aufgrund seiner Rolle als Tagesbegleiter oft auf kurze Informations- und Unterhaltungselemente setzt, stehen bei Podcasts längere Erzähl- und Dialogformen im Vordergrund, insbesondere das vor allem in den USA populär gewordene Immersive Storytelling (Dowling, 2019; Preger, 2019). Bei dieser inhaltlichen Aufbereitung sollen durch szenische Einstiege, bildhafte Reportagen vom Ort des Geschehens und eine insgesamt auf Intimität setzende Gesprächshaltung die Nutzerinnen und Nutzer möglichst stark in die Story oder das Diskussionsthema hineinziehen. Diese Erzählform ist in den USA vor allem über den Podcast The Serial bekannt geworden, der für viele Medienkonsumentinnen und Medienkonsumenten der erste und wichtigste Podcast war und in den USA in starkem Maße dazu beigetragen hat, dass Podcasts einer breiten Hörerschaft bekannt wurden (McCracken, 2017). Das dazugehörige Genre True Crime, also das oft szenische Nacherzählen von echten Kriminalfällen, ist auch in Deutschland einer der am meisten nachgefragten Podcastinhalte. Analysiert man die bei AUDIO NOW meistgenutzten Genres, so ist True Crime mit Abstand der erfolgreichste Plattforminhalt, gefolgt von Comedy (oft in Dialogform präsentiert) und Content für Kinder (vgl. Abbildung 5). Ausblick: Podcast wird Mainstream Es sieht so aus, als ob das Jahr 2020 mit seinem ungewöhnlichen Verlauf zum Jahr wird, in dem in Deutschland Podcasting den Weg in den Mainstream der Mediennutzung findet. Steigende Abrufzahlen immer neuer Podcasts auf immer mehr neuen Plattformen zeugen von einer Dynamik, die in den nächsten Jahren ähnlich wie in den USA dazu führen kann, dass Podcast einen signifikanten Teil der Audionutzung einnimmt und – insbesondere in jüngeren, urbanen Zielgruppen – zu einer ähnlich populären Mediengattung heranwächst wie der Hörfunk. Dies wird auch dazu führen, dass der bisher noch vergleichsweise kleine Werbemarkt das Medium Podcast stärker wahrnimmt und die entsprechenden Stärken nutzt, insbesondere die immersiven und intimen Erzählweisen und die damit einhergehenden Möglichkeiten effektiver Werbeeinbindung (Wieland, 2019; Krugmann/Pallus, 2008). Darüber hinaus lässt sich schon jetzt beobachten, dass die bisher klare Unterscheidung zwischen Podcast, Hörfunk und Musikstreaming-Plattformen zunehmend geringer wird und die Nutzung der Zukunft hybride Modelle bevorzugt: Podcasts gemischt mit Musikangeboten, Podcasts, die als Playlists zu einer Art linearem Programm werden, Podcasts, die in Radioprogramme integriert werden oder Radiosendungen, die sich als Podcasts weiterverbreiten. Auch die Plattformen werden diesen Nutzungsmix widerspiegeln, nicht zuletzt mit dieser Perspektive finden sich schon jetzt auch Radio- und Musikangebote auf AUDIO NOW. Podcasts schaffen das, was dem klassischen Hörfunk in den letzten Jahren immer schwerer gelungen ist: Audioinhalte, die vor allem bei jungen Nutzerinnen und Nutzern beliebt sind. Für die Distributionsplattformen ist diese Form von Audio zum echten Nutzungstreiber geworden. Abb. 5: Beliebteste Kategorien bei AUDIO NOW Quelle: RTL Radio Deutschland 4/2020 MedienWirtschaft 53 Standpunkt Literatur Brade, Alexander (2020): Corona-Podcast der Regierung: Ein Tanz auf Messers Schneide? https://intr2dok.vifa-recht.de/ [Zugriff: 20.08.2020]. Domenichini, Bernard (2018): Podcastnutzung in Deutschland, in: Media Perspektiven, H. 2/2018, S. 46–49. Dowling, David Oakey (2019): Immersive Longform Storytelling: Media, Technology, Audience. Routledge, Taylor & Francis Group. Edison Research (2020): The Infinite Dial 2020, https://www.edisonresearch. com/the-infinite-dial-2020/. Edison Research (2020): The Infinite Dial Germany 2019, https://www.edisonresearch.com/the-infinite-dial-germany-2019/. Goldmedia (2020): Goldmedia Trendmonitor 2020. https://www.goldmedia. com/aktuelles/trendmonitor-2020/ [Zugriff: 20.08.2020]. Heinrich, Jürgen (2010): Medienökonomie: Band 2: Hörfunk und Fernsehen, 2. Aufl., Wiesbaden. 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Ofcom (2020): Covid-19 News and Information: Consumption and Attitudes. Ofcom, 18. August 2020, https://www.ofcom.org.uk/research-and-data/ tv-radio-and-on-demand/newsmedia/coronavirus-news-consumption-attitudes-behaviour [Zugriff: 20.08.2020]. Otto, Katrin (2020): Podcast-Nutzung steigt – Viele Veranstaltungen finden als Podcast statt. https://www.wuv.de/medien/podcastnutzung_steigt_viele_ veranstaltungen_finden_als_podcast_statt. [Zugriff: 20.08.2020]. Podtrac (2020): Top Podcast Publishers, http://analytics.podtrac.com/podcastpublisher-rankings. [Zugriff: 27.08.2020]. Preger, Sven (2019): Geschichten erzählen: Storytelling für Radio und Podcast. Wiesbaden. Radiozentrale (2017): Spot on Podcast: Auszüge aus den Ergebnissen der gleichnamigen Studie der AS&S Radio. http://www.radiozentrale.de/studienund-daten/studien-pool/spot-onpodcast-studie-ass/ [Zugriff: 20.08.2020]. Rios, Orlando (2020): The Podcast Book 2020: The Directory of Top Podcasts. podDB Incorporated. 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Finden und gefunden werden CP GUIDETop-DiensTleisTer für CorporaTe CommuniCaTions www.Cp-moniTor.De/guiDe CP-Guide-Typo-Az_2014_210x148.indd 1 23.09.2014 14:58:51

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Audioinhalte sind gefragt wie lange nicht mehr. Wurde der Hörfunk in den vergangenen Jahrzehnten – trotz seiner hohen Reichweiten in allen Altersgruppen – oft vergleichsweise wenig beachtet (Heinrich, 2010), so stehen abrufbare Audiofiles, vor allem in der Form von Podcasts, an zentraler Stelle in der Strategie vieler Medienunternehmen sowie der großen Technologie-Konzerne. Fand Podcasting, also das Abonnieren und Abrufen von Audioinhalten verschiedenster Themenbereiche, vor allem in den Anfangsjahren stark auf den Plattformen von Apple statt – allein der Begriff Podcasting referenziert auf das erste massentaugliche Nutzungsgerät, den Apple iPod (Team Sounder, 2019), so ist Podcasting mittlerweile weit verbreitet und integraler Bestandteil unter anderem der Angebote von Spotify, Amazon, Google und vieler etablierter Medienanbieter wie der ARD sowie von der Mediengruppe RTL und Bertelsmann mit AUDIO NOW.

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MedienWirtschaft - Zeitschrift für Medienmanagement und Medienökonomie