Susanne Pfab, Wir sind deins: Der Dienst an der Gesellschaft prägt unsere Haltung in:

MedienWirtschaft, page 11 - 13

MW, Volume 17 (2020), Issue 1, ISSN: 1613-0669, ISSN online: 1613-0669, https://doi.org/10.15358/1613-0669-2020-1-11

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1/2020 MedienWirtschaft 11 Aktuelle Themen Dr. Susanne Pfab ARD-Generalsekretärin susanne.pfab@ard-gs.de Wir sind deins: Der Dienst an der Gesellschaft prägt unsere Haltung © A RD /A nn et te K or ol l Gemeinwohlorientierung gehört zur DNA unseres Medienverbundes. Im Rundfunkstaatsvertrag und in allen Rundfunkgesetzen der Länder ist der gesellschaftliche Auftrag des öffentlichen Rundfunks ähnlich formuliert: als Medium und Faktor im Prozess der Meinungsbildung „die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen.“ Dieses übergeordnete Ziel wird durch einen Kanon von Werten und Aufgaben ergänzt. Im Rundfunkstaatsvertrag ist beispielsweise festgeschrieben, die „internationale Verständigung, die europäische Integration und den gesellschaftlichen Zusammenhalt“ zu fördern. Durch unsere Onlineangebote soll „allen Bevölkerungsgruppen die Teilhabe an der Informationsgesellschaft“ ermöglicht werden, insbesondere auch Menschen mit Behinderungen – was wir beispielsweise durch einen stetigen Ausbau des Angebots mit Untertiteln, Videos in Gebärdensprache und Nachrichten in leichter Sprache umsetzen. Der NDR-Staatsvertrag verlangt u. a. vom Norddeutschen Rundfunk, „sich für die Erhaltung von Natur und Umwelt einzusetzen.“ Und die Landtage im Südwesten nahmen in den SWR- Staatsvertrag den Anspruch auf, das Programm habe die Achtung „vor Glauben und Meinung anderer zu stärken, die Gleichstellung von Frau und Mann zu fördern“ und sich nicht „gegen die Wahrung von Frieden und Freiheit“ zu richten. Diese Zitate verdeutlichen, dass die Förderung des gesellschaftlichen Wohlergehens und die Schaffung von Public Value für die ARD keine Frage eines unternehmerischen Selbstverständnisses oder einer Marketingstrategie ist, sondern unser Wesenskern und unser Daseinszweck. Dies gilt es mit Leben zu füllen, Tag für Tag – und zwar mit der Herausforderung, dass die „demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft“ nicht nur zahlreich und vielfältig sind, sondern auch subjektiv bzw. individuell verschieden empfunden werden und eins ganz sicher nicht sind: statisch. So hat meines Erachtens die Aufgabe, zur Verständigung und zum Zusammenhalt beizutragen, eine neue Dimension von Relevanz und Aktualität erreicht. Der gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden – im Programm und darüber hinaus Zentral für die Entfaltung des Public Value ist die Behandlung gesellschaftlich wichtiger Themen im Programm – vielfältig in Inhalt und Machart, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Von der Dokumentation zum Thema Organspende aus der Perspektive von Ärzten wenige Tage vor der diesbezüglichen Bundestagsentscheidung im Januar – im Ersten um 20.15 Uhr – über die Themen des „Tatorts“ wie Mobbing an Schulen (den WDR-Tatort „Kein Mitleid, keine Gnade“ schauten über 10 Millionen Menschen) bis zum Podcast mit Aha-Effekt (wie Bayern 2 radioWissen) oder kindgerechter Online-Informationen über die KiKA-App: Die ARD behandelt die Debatten unserer Zeit in einer Vielfalt, die für jede und jeden ein entsprechendes Angebot umfasst. Besonders deutlich wird diese Pluralität während der jährlichen ARD-Themenwochen, in denen sich Das Erste und die Dritten Programme, alle regionalen Hörfunkwellen und Onlineangebote über eine Woche hinweg verschiedenen Facetten eines großen Themas widmen: „Zukunft der Arbeit“ (2016), „Woran glaubst Du?“ (2017), „Gerechtigkeit (2018) und zuletzt „Zukunft Bildung“ (2019). Gerade im Bereich Bildung engagieren wir uns vielfältig auch außerhalb des Programms, sei es durch die Schul- Kooperationen unserer Klangkörper zur Kulturvermittlung, jährlichen Musik-Veranstaltungen wie den Donaueschinger Musiktagen (SWR), dem ältesten und größten Festival für Neue Musik weltweit, oder Angeboten zur Medienkompetenzvermittlung. So waren am 11. und 12. November 2019 rund 2.300 Schülerinnen und Schüler in unseren Studios und Redaktionen zu Gast – im Rahmen des ersten bundesweiten ARD-Jugendmedientages, um Journalismus und Programmmachen unmittelbar in der Praxis zu erleben. Das langjährige Engagement der Landesrundfunkanstalten im Bereich der Medienkompetenzbildung wurde an diesen Tagen durch die Bündelung von Senderbesuchen, Diskussionsrunden und Mitmachaktionen ganz besonders sichtbar. Ein kleines, aber feines Off-Air-Beispiel für unser Bemühen um das gesellschaftliche Miteinander ist für mich die Aktion „Wir Weihnachten“ des Rundfunks Berlin-Brandenburg. Um der Vereinsamung zur Weihnachtszeit entgegenzuwirken und Menschen in Kontakt zu bringen, richtete der rbb in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk nebenan.de ein eigenes Portal ein: Unter der Adresse wirweihnachten.de konnten kleine und große Feiern im Sendegebiet einge- 12 MedienWirtschaft 1/2020 Aktuelle Themen Fo to : A RD /D et le f O ve rm an n Die ARD ist für die Menschen in ganz Deutschland da tragen werden – damit Einladende und Interessierte zusammenfinden. Rund 300 Feste fanden statt, und auch die Redaktionen selbst beteiligten sich. So verbrachten 50 Hörerinnen und Hörer von rbb 88.8 den Heiligen Abend gemeinsam im festlich geschmückten 14. Obergeschoss des Senders, sangen und feierten bei Wein und Kartoffelsalat. Reporterinnen und Reporter begleiteten die durch die Aktion entstandenen Begegnungen und erzählten die Geschichten in allen Programmen. Ein unmittelbar erlebbarer Beitrag des öffentlichen Rundfunks zum Gemeinwesen, der zugleich Hoffnung macht auf die Kraft des Gemeinsinns. Nachhaltigkeit als Dimension des Public Value Ein aus meiner Sicht weiterer wichtiger Aspekt im Kontext der Diskussionen um den gesellschaftlichen Wert einer Institution ist, ob ihr Beitrag nachhaltig ist. Damit ist nicht nur der langfristige und verlässliche Impact auf und für die Gesellschaft gemeint, sondern auch die ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit. So ist schon ein erster Beitrag, die Notwendigkeit einer jeden Dienstreise zu überprüfen und z. B. verstärkt auf Videokonferenzen zu setzen. Im Produktionsbereich ermöglichen Remote-Verfahren, bei internationalen Sportevents Personal und Technik im Inland zu belassen und ohne Qualitätsabstriche kostengünstiger und klimafreundlicher zu übertragen. „Grüne Dreharbeiten“ berücksichtigen Aspekte wie den Einsatz energiesparender LED-Beleuchtung und wiederaufladbarer Akkus, regionales Catering oder Verzicht auf Plastikbecher. Wir tragen gerade in allen Landesrundfunkanstalten „best practices“ zusammen, um die Möglichkeiten zu nachhaltigem Arbeiten weiter auszuschöpfen. Die Vermessung des Gemeinwohls Aber wie misst man den gesellschaftlichen Wert einer Institution, um ihren Public Value auch wissenschaftlich greifbar zu machen? Dieser Aufgabe hat sich der Leipziger Wirtschaftspsychologe Prof. Dr. Timo Meynhardt gemeinsam mit einem internationalen Forschungsteam angenommen und seine Ergebnisse als „GemeinwohlAtlas“ publiziert. Seine Überlegungen zum Wesen von Public Value sind grundsätzlich und zugleich lebensnah: „Gemeinwohl wird erst dann geschaffen, wenn es in den Köpfen und Herzen der Menschen ankommt. Das heißt auch: Die Fakten allein reichen nicht aus. Gemeinwohl entsteht nur dann, wenn sich die Handlungen einer Organisation auch in eine positive Wahrnehmung durch Individuen übersetzen.“ Erfreulicherweise zeigen die Ergebnisse (auch) der neuesten Auflage des „GemeinwohlAtlas“, für den über 11.000 Personen zwischen 18 und 93 Jahren befragt wurden, dass die Menschen uns als wichtig für ihr Wohlergehen und das der Gesellschaft ansehen. Im branchenübergreifenden Ranking von 137 Organisationen und Unternehmen (vgl. Tabelle 1), bei der die Dimensionen „Aufgabenerfüllung“, „Zusammenhalt“, „Lebensqualität“ und „Moral“ berücksichtigt werden, setzen die Befragten die Dritten Programme auf Platz 16 und die ARD auf Platz 18, und somit beispielsweise vor UNICEF, Amnesty International oder 1/2020 MedienWirtschaft 13 Aktuelle Themen den beiden großen Kirchen. Innerhalb des Medienbereichs leisten wir nach Einschätzung der Befragten den größten Gemeinwohlbeitrag. Medien müssen Haltung zeigen Müssen Medien Haltung zeigen? Ja, natürlich, davon bin ich fest überzeugt. Haltung ist aber nicht zu verwechseln mit einer (politischen) Positionierung. Alle Medien sind auf die Grundpfeiler des Grundgesetzes verpflichtet. Dies spiegelt sich in entsprechenden Zitaten im Pressekodex oder im Rundfunkstaatsvertrag; so ist allen Rundfunkanbietern in § 3 RStV aufgegeben, „die Würde des Menschen zu achten und zu schützen“ und mit ihren Angeboten dazu beizutragen, „die Achtung vor Glauben und Meinungen anderer zu stärken“. Dazu gehört es, die Meinungsfreiheit und -vielfalt zu verteidigen und zu fördern, das Wissen übereinander und Verständnis füreinander zu mehren und so den für die Demokratie lebensnotwendigen offenen gesellschaftlichen Diskurs mit zu ermöglichen. Etwas mehr Toleranz und souveräne Gelassenheit täte unserer derzeitigen Debattenkultur durchaus gut – dazu müssen und können wir als Medien maßgeblich beitragen. 1. Feuerwehr 5,69 16. Die Dritten 4,73 18. ARD 4,50 21. ZDF 4,45 32. Süddeutsche Zeitung 4,32 36. Frankfurter Allgemeine Zeitung 4,26 65. Die Welt 3,81 67. Spiegel 3,81 79. Bertelsmann 3,64 91. Walt Disney 3,53 93. Google 3,53 104. Youtube 3,35 120. VOX 3,12 122. Sat.1 3,01 123. Axel Springer 3,01 128. RTL Television 2,84 129. Instagram 2,78 131. Twitter 2,59 132. Facebook 2,54 135. Bild 2,26 137. Marlboro 1,88 Vollständige Liste verfügbar unter https://www.gemeinwohlatlas.de/ Tab. 1: Auswahl der 137 gelisteten Unternehmen und Marken mit Fokus auf Medienanbieter und Intermediäre. Gemeinwohl-Score auf einer Skala von 1 bis 6.

Zusammenfassung

„Wertorientierung ist uns als öffentlich-rechtlichem Sender praktisch in die Wiege gelegt und zudem durch eine Reihe von Gesetzen sowie den Rundfunkstaatsvertrag festgezurrt“, betonte die ARD-Generalsekretärin Dr. Susanne Pfab in der Podiumsrunde. / Gemeinwohlorientierung gehört zur DNA unseres Medienverbundes. Im Rundfunkstaatsvertrag und in allen Rundfunkgesetzen der Länder ist der gesellschaftliche Auftrag des öffentlichen Rundfunks ähnlich formuliert: als Medium und Faktor im Prozess der Meinungsbildung „die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen.“ Dieses übergeordnete Ziel wird durch einen Kanon von Werten und Aufgaben ergänzt.

References

Zusammenfassung

MedienWirtschaft - Zeitschrift für Medienmanagement und Medienökonomie