Michael Speth, Hockey-Stick-Effekt in:

Controlling, page 67 - 68

CON, Volume 29 (2017), Issue 4, ISSN: 0935-0381, ISSN online: 0935-0381, https://doi.org/10.15358/0935-0381-2017-4-67

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Plangröße (Kapitalrendite) Zeit 20 % 15 % 5 % 10 % 25 % 30 % 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 realisierter Verlauf Plan 2019Plan 2018 Plan 2021 Plan 2020 Abb. 1: Hockey-Stick-Effekt (in Anlehnung anMankins/Steele, 2005, S. 67) Hockey-Stick-Effekt Michael Speth, M. Sc., StuttgartDer Hockey-Stick-Effekt der Planung Der sogenannte „Hockey-Stick-Effekt“ beschreibt eine weit verbreitete Prognoseverzerrung in der Planungspraxis. Seinen Namen erhielt der Hockey- Stick-Effekt aufgrund des einem Hockeyschläger gleichenden Verlaufs der Planungskurve einer solchen Planungsverzerrung. Exemplarische Planungsgrößen sind in diesem Zusammenhang Absatz-, Umsatz- oder Gewinnwerte (vgl. Eschenbach/Siller, 2011, S. 161). Kennzeichnung des Hockey-Stick-Effekts Der Hockey-Stick-Effekt ist dadurch gekennzeichnet, dass der Planungsverantwortliche eine zunächst verhaltene, mitunter untertriebene Prognose für den ersten Abschnitt einer Planungsperiode abgibt. Für die nachfolgenden Abschnitte werden hingegen zu hohe Planwerte prognostiziert. Grafisch manifestiert sich dies in einer zunächst sinkenden, konstant bleibenden oder nur schwach zunehmenden und im weiteren Verlauf stark nach oben ansteigenden Planungskurve (vgl. Pieroth, 2013, S. 203). Die daraus resultierende Prognoseverzerrung lässt sich anhand des in Abb. 1 dargestellten Planungsverlaufs veranschaulichen. In dem hier abgebildeten Beispiel werden vier Prognosen für ein spezifisches Projekt eines Unternehmens gezeigt. Insgesamt sind Planungskurven für die Jahre 2018 bis 2021 abgebildet. Als Plangröße dient die Projektleistung in Form der Kapitalrendite. Der Projektbeginn ist im Jahr 2018. Das Management billigt hier einen strategischen Plan, in dem für das erste Jahr ein zunächst moderater Anstieg der Projektrendite prognostiziert wird. In den darauffolgenden Jahren wird jedoch mit einem starken Anstieg der Plangröße gerechnet (Plan 2018). Zu Beginn von Jahr 2019 wird das Management bestätigt und belohnt, da sie mit ihrer Planung die Prognose getroffen haben. Im zweiten Jahr wird anschließend eine neue Prognose erstellt. Bei der Planung im zweiten Jahr wird zunächst wieder eine anfänglich schwache und anschließend eine starke Zunahme der Projektrendite prognostiziert (Plan 2019). Auch dieser Plan ist nur in Teilen erfolgreich. Zu Beginn von Jahr 2020 wird erneut eine neue Planung erstellt (Plan 2020). Dieses Vorgehen wiederholt sich dementsprechend, wodurch der realisierte Verlauf der Plangröße anhand der gepunkteten Linie zu erkennen ist (vgl. Mankins/Steele, 2005, S. 67). Ursachen des Hockey-Stick-Effekts Für das Zustandekommen des Hockey-Stick-Effekts werden diverse Gründe aufgeführt. Eine mögliche Ursache liegt in kognitiven Verzerrungen. So lässt sich dieser Planungsfehler etwa auf einen LEXIKON 29. JAHRGANG 2017 · 4/2017 67 übermäßigen Optimismus der Planungsverantwortlichen für die fernere Zukunft zurückführen. Dieser bewirkt eine Unterbewertung von Projektrisiken und schlägt sich in der Projektplanung nieder. So werden beispielsweise im Rahmen eines Investitionsplans zeitlich weiter entfernte Investitionen im Planungszeitraum als sehr profitabel abgebildet. Der Hockey-Stick-Effekt spiegelt sich hierbei in der Überschätzung der Profitabilität der geplanten Investitionen in ferner Zukunft wider. Diese zu profitabel eingeschätzten Investitionen haben trotz Abzinsung ein großes Gewicht innerhalb des Investitionsplans. Die Folge können weitreichende Fehlentscheidungen sein, die auf Basis dieser, durch überhöhten Optimismus verzerrten Prognose getroffen werden. Dieses Phänomen tritt häufig bei Businessplänen von Start-up-Unternehmen auf, bei denen anfänglich starke Verluste durch hohe Erträge in ferner Zukunft ausgeglichen werden sollen (vgl. Behringer, 2014, S. 150). Als weitere Ursache gelten anreizbedingte Prognoseverzerrungen. Findet eine Erfolgskontrolle des Planungsverantwortlichen respektive des Managers nach dem ersten Planungsabschnitt statt, so hat diese einen maßgeblichen Einfluss auf die Prognose. In der Regel umfasst ein solcher Planungsabschnitt ein Jahr. Der Erfolg innerhalb des ersten Jahres lässt sich plausibel der Realisationskompetenz des Managers zuweisen, weshalb die Erfolgskontrolle mit Anreizen zur Beförderung verknüpft ist. Da im ersten Planungsjahr ein geringer Argumentationsspielraum hinsichtlich exogener Effekte auf den Erfolg besteht, gibt der Manager aufgrund der bevorstehenden Erfolgskontrolle eine entsprechend neutrale respektive verhaltene Prognose ab. Dieser niedrige Vergleichswert erleichtert es dem Manager, Nahziele einfacher zu erreichen und gegebenenfalls einen Bonus zu erzielen. Im zweiten Planungsabschnitt wächst hingegen der Argumentationsspielraum. Exogene Effekte als Rechtfertigung für einen möglichen Misserfolg erscheinen wahrscheinlicher, die Zurückhaltung durch die Erfolgskontrolle verliert an Gewicht und die Prognose erfolgt zuversichtlicher. Im Hinblick auf das benötigte Budget wird dieser Effekt verstärkt. Die aufgrund der Erfolgskontrolle untertriebene Prognose im ersten Jahr wird der Manager durch eine umso zuversichtlichere Prognose im darauffolgenden Jahr ausgleichen, um das gewünschte Projektbudget zu erhalten (vgl. Pieroth, 2013, S. 203 f.). Ansätze zur Vermeidung des Hockey- Stick-Effekts Konkrete Handlungsempfehlungen zur Verhinderung des Hockey-Stick-Effekts gibt es nur in Ansätzen (vgl. Pieroth, 2013, S. 205). Nachfolgend werden einige Ansätze zur Vermeidung angesprochen. Um der Prognoseverzerrung durch den Optimismus von Führungskräften entgegenzutreten, empfiehlt Weber den Controllern, die Rolle des „advocatus diaboli“ einzunehmen, um die Planwerte auf ein realitätsnahes Niveau zu bringen. Die risikoaverse Haltung der Controller gepaart mit dem übermäßigen Optimismus der Manger können in Kombination zu besseren Planungsergebnissen führen (vgl.Weber, 2008, S. 293). Daran anknüpfend empfiehlt Weissmann den Controllern, mit Zustimmung der Unternehmensführung einen Risikoabschlag in die Planung einzuführen, um der zu hohen Entwicklung der Prognosewerte entgegenzuwirken (vgl. Weissmann, 2005, S. 173). Ein weiterer Ansatz zur Vermeidung des Hockey- Stick-Effekts besteht in der stetigen Analyse von Echtzeitdaten, die im Rahmen des Customer-Relationship-Managements und aus Daten der Supply- Chain gesammelt werden. Diese ermöglicht eine fortlaufende Sicht auf die aktuelle Geschäftstätigkeit und stellt einen starken Kontrast zu den oftmals statischen monatlichen Reports dar. Unternehmen sind dadurch in der Lage, Trends schneller zu erkennen. Ebenso können Reduzierungen der Absatzentwicklung, Engpässe in der Supply-Chain oder Budgetüberschreitungen erkannt werden, sobald diese auftreten. Dieses Wissen kann verwendet werden, um bisherige Forecasts zu vergleichen. Mit diesen Informationen können anschließend zukünftige Forecasts generiert werden, um letzten Endes den Hockey-Stick-Effekt zu reduzieren. (vgl. Axson, 2010, S. 190). Literatur Axson, D. A. J., Best Practices in Planning and Performance Management – Radically Rethinking Management for a Volatile World, 3. Aufl., New Jersey 2010. Behringer, S., Konzerncontrolling, 2. Aufl., Heidelberg 2014. Eschenbach, R./Siller, H., Controlling professionell – Konzeption und Werkzeuge, 2. Aufl., Stuttgart 2011. Mankins, M. C./Steele, R., Turning Great Strategy into Great Performance, in: Harvard Business Review, July-August 2005, S. 64–72. Pieroth, G., Systematische Prognosefehler in der Unternehmensplanung – Eine ökonomisch-psychologische Analyse, Wiesbaden 2013. Weber, J., Das Advanced-Controlling-Handbuch Volume 2, 1. Aufl., Weinheim 2008. Weissmann, F., Unternehmen Steuern mit Controlling – Leitfaden und Toolbox für die Praxis, 1. Aufl., Heidelberg 2005. HOCKEY-STICK-EFFEKT 68 CONTROLLING – ZEITSCHRIFT FÜR ERFOLGSORIENTIERTE UNTERNEHMENSSTEUERUNG

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Abstract

Month by month, Controlling - Zeitschrift für erfolgsorientierte Unternehmenssteuerung publishes peer-reviewed, applied research contributions for business management, accounting and reporting. Key elements of succesful corporate controlling are presented in an analytic, well-structured manner.

Language: German.

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Zusammenfassung

Die Controlling - Zeitschrift für erfolgsorientierte Unternehmenssteuerung liefert Monat für Monat fundierte und anwendungsorientierte Fachbeiträge für das Management sowie das Finanz- und Rechnungswesen in Unternehmen. Klar gegliedert und strukturiert werden für alle Controlling-Bereiche die Faktoren für eine erfolgreiche Unternehmenssteuerung aufgezeigt.

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