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Peter Gordon Rötzel, Kognitive Verzerrungen bei der Wahrnehmung von Risiken in:

Controlling, page 320 - 322

CON, Volume 27 (2015), Issue 6, ISSN: 0935-0381, ISSN online: 0935-0381, https://doi.org/10.15358/0935-0381-2015-6-320

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Kognitive Verzerrungen bei der Wahrnehmung von Risiken Peter Gordon Rötzel ........................................................ 1. Relevanz der Risikowahrnehmung für das Controlling ........................................................ Die Analyse, Bewertung, Kommunikation und Steuerung von Risiken wird oftmals durch das Controlling unterstützt oder selbst durchgeführt. Der Umgang mit Risiken ist geprägt durch mögliche kognitive Verzerrungen und subjektive Bewertungen der beteiligten Personen. So zeigen empirische Studien aus der betriebswirtschaftlichen und psychologischen Forschung bei der Risikowahrnehmung einige Verhaltensmuster von Entscheidungsträgern auf, die sich durch Heuristiken (sog. „Daumenregeln“) erklären lassen. Der Einsatz dieser Heuristiken ist evolutionär bedingt und ermöglicht es Menschen, durch einen sparsamen Umgang mit begrenzten kognitiven Ressourcen in kurzer Zeit zu einer Bewertung zu kommen (vgl. Renn et al., 2007). Der Einsatz von Heuristiken führt allerdings häufig dazu, dass die von Entscheidungsträgern geschätzte Eintrittswahrscheinlichkeit von Risiken sehr stark von der objektiven statistischen Eintrittswahrscheinlichkeit abweicht (vgl. Hertwig/Wulff, 2014). Die bisherige Forschung zu kognitiven Verzerrungen bei der Wahrnehmung von Risiken bezieht sich oftmals auf die „Neue Erwartungstheorie“, welche Daniel Kahneman und Amos Tversky als eine psychologisch realistischere Alternative zu der bis dahin vorherrschenden Erwartungsnutzentheorie entwickelten, da letztere das Verhalten von Entscheidungsträgern vielfach nicht zuverlässig vorhersagt. Ein Kern der Neuen Erwartungstheorie besteht darin, dass viele Entscheidungen unter Unsicherheit von kognitiven Verzerrungen (engl. „biases“) beeinflusst werden. Hinsichtlich der Risikoforschung haben experimentelle Untersuchungen beispielsweise ergeben, dass  Entscheidungsträger lieber Risiken eingehen, um einen bekannten Status quo zu erhalten, als in eine unsicherere, aber wahrscheinlich vorteilhaftere Situation zu gelangen  Entscheidungsträger ihre eigenen Kenntnisse und ihr Verständnis der Situation oft deutlich überschätzen  visuelle Information die Wahrnehmung von Risiken stärker beeinflusst als Textinformation  bekannte Risiken gegenüber unbekannten Risiken übergewichtet werden (vgl. Kahneman, 2011). Die Wahrnehmung von Risiken ist oftmals stärker von den kognitiven Verzerrungen des Entscheidungsträgers geprägt als von objektiven Wahrscheinlichkeiten. Darüber hinaus unterscheiden sich diese kognitiven Verzerrungen teilweise erheblich in verschiedenen Kulturkreisen. Internationale Projekte und Unternehmungen können folglich von unterschiedlichen Bewertungen ihrer Manager betroffen sein, wenn diese aus verschiedenen Kulturkreisen stammen (vgl. Kahan et al., 2009). Gegenstand des vorliegenden Beitrages ist es, eine Übersicht über die Rolle von kognitiven Verzerrungen der Risikowahrnehmung in der Risikoanalyse und in der Risikokommunikation zu geben. ........................................................ 2. Kognitive Verzerrungen der Risikowahrnehmung in der Risikoanalyse ........................................................ Risikoanalysen werden zur Risikoidentifikation und Risikobewertung genutzt, um im Rahmen des Risikomanagements wahrscheinlichen negativen Ereignissen mit Präventionsmaßnahmen zu begegnen. Diese Präventionsmaßnahmen können beispielsweise darauf abzielen, Risiken zu vermeiden, zu reduzieren oder auf Dritte abzuwälzen. Eine Auswahl an beispielhaften kognitiven Verzerrungen der Risikowahrnehmung in der Risikoanalyse findet sich in Abb. 1. In empirischen Studien wurde nachgewiesen, dass Entscheidungsträger in vielen Fällen dazu neigen, Risiken kategorisch zu unterschätzen oder zu ignorieren. Darüber hinaus haben Entscheidungsträger in Projekten oftmals das Problem der Rechtfertigung von Vermeidungskosten für Risiken und das Problem der Bestimmung der Kosten (vgl. Kutsch/Hall, 2009), sodass das Risikocontrolling zunehmend an Bedeutung gewinnt. Eine mögliche Gegenmaßnahme zur systematischen Unterschätzung von Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenshöhe wäre die Einführung des Vier- Augen-Prinzips. Hierbei erfüllt das Controlling neben der Sicherung der Ergebnis-, Finanz- und Strategietransparenz auch die Sicherung der Risikotransparenz (vgl. Schreckeneder, 2010). Die Wahrnehmung der Risiken bei der Risikoanalyse scheint allerdings, einer experimentellen Studie zu Investitionsentscheidungen von March/Shapira (1992) folgend, auch stark davon abhängig zu sein, ob geliehene oder eigene Ressourcen genutzt werden. Entscheidungsträger wiesen hier eine wesentlich höhere Risikobereitschaft für geliehene Ressourcen auf als für in ihrem Eigentum befindliche Ressourcen. Bei Investitionsentscheidungen können Entscheidungsträger also dazu tendieren, mit geliehenem Kapital höhere Risiken einzugehen als mit eigenem Kapital. Darüber hinaus scheint die Höhe der eingesetzten Ressourcen eine Auswirkung auf die Wahrnehmung des Risikos zu haben. Je weniger Ressourcen eingesetzt wurden, desto höher war die Risikobereitschaft. Umgekehrt sank die Risikobereitschaft, je mehr Ressourcen eingesetzt wurden (vgl. March/Shapira, 1992). Darüber hinaus scheinen die Art des Risikos und die mit dem Risiko verbundene Schadenshöhe einen maßgeblichen Einfluss auf die Wahrnehmung des Risikos zu nehmen. Empirische Studien zeigen, dass bei seltenen Ereignissen mit großer Schadenshöhe die Wahrscheinlichkeit in- 320 CONTROLLING-COMPACT CONTROLLING – ZEITSCHRIFT FÜR ERFOLGSORIENTIERTE UNTERNEHMENSSTEUERUNG Kognitive Verzerrung Mögliche Auswirkungen auf das Controlling Mögliche Gegenmaßnahmen Systematische Unterschätzung von Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenshöhe Falsche Risikostrategie wird gewählt (z. B. Risikoakzeptanz statt -verlagerung) Sicherung der Risikotransparenz über mehrere Personen vornehmen (Vier-Augen-Prinzip) Vermeidungskosten für Risiken werden überschätzt Potenzielle Risiken werden zu spät gesteuert („Feuerwehr“-Taktik) Stärkeres Monitoring von potenziellen Risiken Risikobereitschaft für geliehene Ressourcen höher als für eigene Ressourcen Fehlallokation von geliehenem Kapital in risikoreiche Investments Sicherung der Risikotransparenz über mehrere Personen vornehmen (Vier-Augen-Prinzip) Kurzfristige Ereignisse werden gegenüber langfristigen Entwicklungen übergewichtet Systematische Unterschätzung langfristiger Risiken Trennung der Einschätzung von kurzfristigen und langfristigen Risiken Abb. 1: Kognitive Verzerrungen der Risikowahrnehmung in der Risikoanalyse tuitiv als nahe Null eingeschätzt wird, obwohl sie aus statistischer Sicht deutlich höher liegt. Ferner zeigt sich auch das Phänomen, kurzfristige Ereignisse gegen- über langfristigen Entwicklungen überzugewichten (vgl. Kahneman, 2011). Auf die Risikoanalyse in Unternehmen bezogen bedeutet dies, dass Entscheidungsträger Risiken, welche die Existenz des Unternehmens bedrohen, oftmals gegenüber anderen Risiken untergewichten könnten. Eine mögliche Gegenmaßnahme wäre eine Trennung der Risikoanalyse von kurzfristigen und langfristigen Risiken. ........................................................ 3. Kognitive Verzerrungen der Risikowahrnehmung in der Risikokommunikation ........................................................ Die Kommunikation von Risiken, beispielsweise über Risikoberichte oder Risikoanalysen, hat zum Ziel, Entscheidungsträger und andere Stakeholder für Risiken zu sensibilisieren (vgl. Brühwiler, 2011). Jedoch können sich die genannten kognitiven Verzerrungen bei einer Risikokommunikation deutlich erhöhen, da hier nicht nur der Entscheidungsträger kognitiven Verzerrungen unterliegt, sondern auch beispielsweise der Bereitsteller von Risikoinformationen. Eine Auswahl an beispielhaften kognitiven Verzerrungen der Risikowahrnehmung in der Risikokommunikation findet sich in Abb. 2. Den größten Einfluss auf die Risikowahrnehmung hat im Kontext der Risikokommunikation das Vertrauen des Entscheidungsträgers in den Informationsbereitsteller. Dieses Vertrauen wird empirischen Studien zufolge nur zu einem geringen Anteil durch die Expertise des Informationsbereitstellers beeinflusst. Das wahrgenommene Eigeninteresse des Informationsbereitstellers, Offenheit und gemeinsame Werte spielen eine größere Rolle für das Vertrauen in den Informationsbereitsteller als seine Expertise bezüglich der Risiken. Eine wirksame Gegenmaßnahme kann ein regelmäßiger persönlicher Austausch der beteiligten Akteure sein (vgl. Slovic/Peters, 2006). Darüber hinaus kann auch die Abfolge von negativen und positiven Informationen über den Bereitsteller von Risikoinformationen für die Analyse des Risikos relevant sein. Empirische Studien zeigen, dass es eine asymmetrische Wirkung von Information über Risiken auf das Vertrauen in den Informationsbereitsteller gibt („trust asymmetry”). So scheinen Entscheidungsträger negative Informationen über den Informationsbereitsteller (z. B. Fehler in den Daten, verspätete Lieferung des Berichts) gegenüber positiven Informationen (z. B. pünktliche Lieferung der Informationen, Exaktheit und Verständlichkeit des Berichts) überzugewichten. Es bedarf nur wenig negativer Information über den Bereitsteller, um das Vertrauen in diesen deutlich zu reduzieren. Je niedriger das Vertrauen in den Informationsbereitsteller, desto niedriger werden auch Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenshöhe geschätzt. Umgekehrt bedarf es sehr viel wiederholter positiver Information, um das Vertrauen wieder aufzubauen. Dies bedeutet, dass ein vereinzelter Irrtum, eine fehlerhafte oder zu späte Berichterstattung eine deutlich stärkere Auswirkung haben als eine stetige, korrekte Bereitstellung von Informationen. Dies trifft insbesondere auf Risiken zu, die eine große Schadenshöhe und eine geringe Eintrittswahrscheinlichkeit besitzen. Eine mögliche Gegenmaßnahme wäre auch hier ein Vier-Augen-Prinzip, um den potenziellen Risiken transparent und rechtzeitig zu begegnen (vgl. Rozin/Royzman, 2001). Ferner kann sich die Art der Risikokommunikation stark auf die Einschätzung von Entscheidungsträgern hinsichtlich des Zeitpunkts, wann ein Eingreifen nötig ist, auswirken (vgl. McCubbins/ Schwartz, 1984). So kann eine ausgeweitete Risikokommunikation dazu führen, Kognitive Verzerrungen bei der Wahrnehmung von Risiken 321 27. Jahrgang 2015, Heft 6 Kognitive Verzerrung Mögliche Auswirkungen auf das Controlling Mögliche Gegenmaßnahmen Vertrauen in Bereitsteller von Risikoinformationen ist schneller verloren als gewonnen Risikoberichte werden nicht oder nur am Rande zur Entscheidungsfindung genutzt Regelmäßiger persönlicher Austausch der beteiligten Akteure Entscheidungsträger greifen eher zu spät als zu früh ein Erkannte Risiken bleiben unbeachtet bis sie realisiert werden Sicherung der Risikotransparenz über mehrere Personen vornehmen (Vier-Augen-Prinzip) Symbolisch dargestellte Risiken werden übergewichtet Hohe Kosten für Risikomaßnahmen Ausgewogene Darstellung von Risiken in Berichten Abb. 2: Kognitive Verzerrungen der Risikowahrnehmung in der Risikokommunikation dass Entscheidungsträger deutlich später mit Risiken umgehen, als wenn die Risikokommunikation spärlich ist. Das heißt, ein Risiko wird nicht vermindert, vermieden oder verlagert, obwohl ein Eingriff nötig wäre. Dies gründet sich wesentlich auf die systematische Unterschätzung des Risikos hinsichtlich Eintrittswahrscheinlichkeit und Kosten durch die Entscheidungsträger und auf die systematische Überschätzung der Kosten des proaktiven Handelns. Je knapper die Risikokommunikation, desto früher beginnen Entscheidungsträger bei potenziellen Risiken einzugreifen, jedoch kann dies auch dazu führen, dass ein Risiko vermindert, vermieden oder verlagert wird, obwohl ein Eingriff nicht nötig wäre. Das Ausmaß der Kommunikation über Risiken kann also auch einen Einfluss darauf haben, wann Entscheidungsträger bei Risiken tätig werden. Daher sollte die Darstellung von Risiken ausgewogen erfolgen (vgl. McCubbins/Schwartz, 1984). Hinsichtlich der Wahrnehmung von Risiken ist hierbei auch relevant, ob es sich um erfahrungsbasierte oder beschreibungsbasierte Entscheidungen handelt (vgl. Hertwig/Wulff, 2014). Wenn Risiken mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit über symbolische Informationen kommuniziert werden (z. B. rote Ampeln in einem Risikobericht), so werden diese tendenziell höher gewichtet. Bei sehr seltenen Ereignissen, mit denen Entscheidungsträger keine Erfahrungen haben (z. B. der Ausbruch eines Vulkans), tendieren diese dazu, diese unterzugewichten (vgl. Hertwig/Wulff, 2014). ........................................................ 4. Fazit ........................................................ Die Wahrnehmung von Risiken ist maßgeblich durch kognitive Verzerrungen beeinflusst. Diese treten nicht nur bei der Analyse oder Bewertung des Risikos auf, sondern auch in der Kommunikation von Risiken. Hierbei überschätzen Entscheidungsträger oftmals ihren eigenen Einfluss auf Zufallsereignisse und überschätzen die Eintrittswahrscheinlichkeit von Risiken. Kognitive Verzerrungen in der Risikowahrnehmung betreffen die Bereiche Risikoanalyse und Risikokommunikation nicht nur unabhängig voneinander, sondern es bestehen auch Interdependenzen zwischen den beiden Bereichen. So können beispielsweise Risikoanalysen für die Kommunikation von Risikosituationen verwendet werden, um die Risikowahrnehmung zu verbessern (vgl. Brühwiler, 2011). Literatur Brühwiler, B., Risikomanagement als Führungsaufgabe: ISO 31000 mit ONR 49000 wirksam umsetzen, Bern 2011. Hertwig, R./Wulff, D. U., Risikoentscheidungen: Die Kluft zwischen Erfahrung und Beschreibung, in: Controlling, 26. Jg. (2014), H. 11, S. 630–636. Kahneman, D., Thinking, Fast and Slow, Allen Lane 2011. Kahan, B./Slovic, G./Cohen, M., Cultural Cognition of Nanotechnology Risks and Benefits, in: Nature Nanotechnology, 4. Jg. (2009), H. 2, S. 87–91. Kutsch, E./Hall, M., The Rational Choice of not Applying Project Risk Management in Information Technology Projects, in: Project Management Journal, 40. Jg. (2009), H. 3, S. 72–81. March, J. G./Shapira, Z., Variable Risk Preferences and the Focus of Attention, in: Psychological Review, 99. Jg. (1992), H. 1, S. 172–188. McCubbins, M. D./Schwartz, T., Congressional Oversight Overlooked: Police Patrols versus Fire Alarms, in: American Journal of Political Science, 28. Jg. (1984), H. 1, S. 165–179. Renn, O./Schweizer, P.-J./Dreyer, M./Klinke, A., Risiko. Über den gesellschaftlichen Umgang mit Unsicherheit, München 2007. Rozin, P./Royzman, E., Negativity Bias, Negativity Dominance, and Contagion, in: Personality and Social Psychology Review, 5. Jg. (2001), H. 4, S. 296–320. Schreckeneder, B. C., Projektcontrolling, 3. Aufl., Freiburg 2010. Slovic, P./Peters, E., Risk Perception and Affect, in: Current Directions in Psychological Science, 15. Jg. (2006), H. 6, S. 322–325. Dr. Peter Gordon Rötzel, LL.M. ist Akademischer Rat und Habilitand am Lehrstuhl für Controlling der Universität Stuttgart und forscht u. a. zu Fragestellungen des Risikocontrollings. 322 CONTROLLING-COMPACT CONTROLLING – ZEITSCHRIFT FÜR ERFOLGSORIENTIERTE UNTERNEHMENSSTEUERUNG

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Abstract

Month by month, Controlling - Zeitschrift für erfolgsorientierte Unternehmenssteuerung publishes peer-reviewed, applied research contributions for business management, accounting and reporting. Key elements of succesful corporate controlling are presented in an analytic, well-structured manner.

Language: German.

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Zusammenfassung

Die Controlling - Zeitschrift für erfolgsorientierte Unternehmenssteuerung liefert Monat für Monat fundierte und anwendungsorientierte Fachbeiträge für das Management sowie das Finanz- und Rechnungswesen in Unternehmen. Klar gegliedert und strukturiert werden für alle Controlling-Bereiche die Faktoren für eine erfolgreiche Unternehmenssteuerung aufgezeigt.

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