Peter Rötzel, Gesundheitscontrolling in:

Controlling, page 657 - 659

CON, Volume 23 (2011), Issue 12, ISSN: 0935-0381, ISSN online: 0935-0381, https://doi.org/10.15358/0935-0381-2011-12-657

Browse Volumes and Issues: Controlling

Bibliographic information
Kennzahl Definition/Formel Anteil von Langzeitarbeitsunfähigkeitsfällen Langzeitarbeitsfähigkeitsunfälle/Arbeitsunfähigkeitsunfälle Arbeitsunfallrate Arbeitsunfälle/Jahr Burn-Out-Rate Burn-Out-Vorfälle/Mitarbeiteranzahl Schwere der Arbeitsunfälle Schwere Arbeitsunfälle pro Jahr/Arbeitsunfälle pro Jahr Unfallhäufigkeit Arbeitsunfälle je 1000 Arbeitsstunden Abb. 1: Beispiele zu Kennzahlen zur Gesundheitsgefährdung (vgl. Siller/Stierle, 2011; Günther et al., 2009; Baase, 2007) Gesundheitscontrolling Peter Rötzel ........................................................ Relevanz des Gesundheitsaspektes für das Controlling ........................................................ Die Entwicklung von mitarbeiterfokussierten Controllingansätzen insbesondere im Personalcontrolling wurde durch die Balanced Scorecard mit ihrer Lern- und Entwicklungsperspektive nachhaltig gefördert. Die steigende Bedeutung spiegelt sich auch in der zunehmenden Berücksichtigung in Kennzahlen- und Personalinformationssystemen wider (vgl. Günther et al., 2009; Brandl, 2002). Hierbei spielt vor allem die hohe Korrelation von krankheitsbedingter Abwesenheit auf Kennzahlen wie Arbeitszufriedenheit, Mitarbeitermotivation oder Produktivität eine wesentliche Rolle. Derzeit resultieren 15 % der Verluste an Gesamtproduktivität aus krankheitsbedingtem Absentismus (Mitarbeiter ist krank und nicht am Arbeitsplatz) und Präsentismus (Mitarbeiter ist trotz Krankheit am Arbeitsplatz) (vgl. Siller/ Stierle, 2011). Aus ökonomischen Gesichtspunkten ist die Produktivität bei Krankheit Null, während beim Präsentismus eine wesentlich verringerte Produktivität vorliegt. Die Studie von Baase (2007) zeigt, dass die Mehrzahl der Arbeitnehmer unabhängig davon, ob es sich um Mitarbeiter in der Produktion mit hohem körperlichen Einsatz oder Büromitarbeiter handelt, an chronischen Krankheiten leidet. Dies führt zu entsprechenden Produktivitätsverlusten bei den Unternehmen, was sich auch signifikant auf die langfristige Arbeitsfähigkeit, Fehlzeiten und medizinische Behandlungskosten auswirkt. Das Gesundheitscontrolling ist hier vom Controlling im Gesundheitswesen abzugrenzen. Das Gesundheitscontrolling fokussiert auf die Gesundheitsaspekte im unternehmensinternen Managementund Steuerungsprozess. Gegenstand des vorliegenden Beitrages ist es, eine Übersicht über die mögliche Anwendung von Elementen des Gesundheitscontrollings in Unternehmen zu geben. ........................................................ Gesundheitscontrolling im Unternehmen ........................................................ Treiber eines Gesundheitscontrollings im Unternehmen sind zum einen die deutlich höhere Produktivität gesunder, motivierter und gut ausgebildeter Mitarbeiter (vgl. Siller/Stierle, 2011). Neben ökonomischen Gesichtspunkten ist es zum anderen auch eine arbeitsvertragliche Pflicht des Unternehmens als Arbeitgeber, die Gesundheit und körperliche Unversehrtheit von Arbeitnehmern nicht zu gefährden (Fürsorgepflicht gem. § 1157 ABGB sowie § 18 AngG und ASchG). Die Anwendungsmöglichkeiten des Gesundheitscontrollings im Unternehmen sind vielfältig. Grundsätzlich kann das Gesundheitscontrolling sowohl strategisch als auch operativ eingesetzt werden. Beispielhaft werden im vorliegenden Beitrag mögliche Kennzahlen für das Gesundheitscontrolling sowie eine Kostenrechnung im Gesundheitscontrolling dargestellt. ........................................................ Kennzahlen im Gesundheitscontrolling ........................................................ Wie in anderen Anwendungsgebieten des Controllings können Kennzahlen im Gesundheitscontrolling sowohl zur Identifikation der gegenwärtigen Situation im Unternehmen im Rahmen eines Soll-Ist- Vergleiches als auch zur Früherkennung genutzt werden. Damit trägt das Gesundheitscontrolling dazu bei, frühzeitig Anpassungs- und Korrekturmaßnahmen einleiten zu können. Günther et al. (2009) folgend, lassen sich Kennzahlen für den Gesundheitsschutz in drei Klassen differenzieren:  Gesundheitsgefährdung,  Gesundheitsförderung,  Arbeitszufriedenheit. Die Gesundheitsgefährdung bildet Kennzahlen zu möglichen Gefahren für die Mitarbeiter des Unternehmens ab, die sich z. B. aus der Arbeitsgestaltung oder der Tätigkeit an sich ableiten lassen. Beispielhafte Kennzahlen für die Gesundheitsgefährdung sind in Abb. 1 dargestellt. Die zweite Klasse von Kennzahlen, die Gesundheitsförderung, wirkt Gefährdungen entgegen. Die hier zusammengefassten Kennzahlen und die daraus ableitbaren Maßnahmen wirken reduzierend auf Gesundheitsgefährdung und fördernd auf Arbeitszufriedenheit. Mithilfe dieser Kennzahlenklasse sollen die Wirksamkeit der Maßnahmen zur Gesundheitsförderung sowie mögliche Problembereiche aufgezeigt werden. Baase (2007) zeigt am Beispiel amerikanischer Unternehmen, dass sich frühzeitige Interventionen zur Prävention von Krankheiten oder zur 657CONTROLLING-COMPACT 23. Jahrgang 2011, Heft 12 Kennzahl Definition/Formel Beteiligungsrate Gesundheitsförderung An Gesundheitsfördermaßnahmen teilnehmende Mitarbeiter/Mitarbeiteranzahl Kosten der Gesundheitsförderung je Mitarbeiter Kosten spezifischer arbeitsbedingter Erkrankung Produktivitätsreduktion aufgrund chronischer Krankheiten Kosten aller Gesundheitsförderungsmaßnahmen/ Mitarbeiteranzahl Verbesserungsvorschlagsindex Durchschnittliche Anzahl gesundheitsrelevanter Verbesserungsvorschläge je Mitarbeiter Verhältnis akuter zu chronischen Krankheiten Krankheitstage aufgrund akuter Krankheit/ Krankheitstage aufgrund chronischer Krankheit Kennzahl Definition/Formel Krankenstandsdaten und Daten zur Leistung Hierbei sind verschiedene Kennzahlen möglich, je nachdem worauf der Schwerpunkt gelegt wird, als Beispiele sind die Anzahl der Krankmeldungen an Montagen, Freitagen und Brückentagen oder niedrige Outputmengen im Vergleich zu Vorjahren bzw. im Vergleich zu anderen Mitarbeitern zu nennen Rate der Versetzungsanträge Versetzungsanträge/Mitarbeiteranzahl Abb. 2: Beispiele zu Kennzahlen zur Gesundheitsförderung (vgl. Siller/Stierle, 2011; Günther et al., 2009; Baase, 2007) Abb. 3: Beispiele zu Kennzahlen zur Arbeitszufriedenheit (vgl. Siller/Stierle, 2011; Günther et al., 2009) Verbesserung von medizinischen Behandlungsergebnissen für den Arbeitgeber in hohem Maße rentieren. Eine vollständige Vermeidung von Arbeitsunfähigkeit und krankheitsbedingten Fehlzeiten kann aufgrund steigender Grenzkosten nicht erzielt werden. Jedoch zeigt Baase (2007), dass die Produktivität durch Gesundheitsförderungsmaßnahmen für die Mitarbeiter im Unternehmen stark erhöht werden kann. Diesbezügliche Kennzahlen werden in Abb. 2 aufgeführt. Die dritte Kennzahlklasse – Arbeitszufriedenheit – bezieht sich auf die Zufriedenheit des Mitarbeiters mit den Arbeitsbedingungen und dem Arbeitsumfeld. Günther et al. (2009) empfehlen die Nutzung dieser Kennzahlklasse als indirekten Indikator zur Beschreibung des Gesundheitsschutzes. Eine direkte Messung der Zufriedenheit ist schwierig, so dass neben der abstrakten Arbeitszufriedenheit auch Kennzahlen genutzt werden können, die stark mit dieser korrelieren, wie beispielsweise die Fluktuationsrate. In die Fluktuationsrate können auch Problemfelder wie Über- oder Unterforderung, Mobbing oder allgemeine Unzufriedenheit mit der Arbeit einfließen. Daher kann es sinnvoll sein, bei deutlichen Anstiegen in der Fluktuationsrate eine genauere Betrachtung des betroffenen Bereiches durchzuführen. Die Zufriedenheit mit dem Arbeitsumfeld ist primär von der funktionalen Qualität des Arbeitsplatzes geprägt. Hierbei steht nicht die objektive Qualität der Ausstattung, sondern die subjektive Einschätzung des Mitarbeiters im Fokus. Abb. 3 zeigt exemplarisch Kennzahlen zur Arbeitszufriedenheit und zur Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen und dem Arbeitsumfeld. Kostenrechnung im Gesundheitscontrolling Erste Ansätze zu einer Gesundheitskostenrechnung haben Günther/Albers (2009) in einer Studie in Anlehnung an Wildemanns Qualitätskostenrechnung aufgestellt. Hierbei wurden die Kosten grundsätzlich in direkte und indirekte Kosten unterteilt. Die direkten Kosten wurden in drei Bereiche – Krankheitsvermeidungskosten, Prüfkosten und Krankheitsfolgekosten – differenziert. Der Qualitätskostenrechnung folgend sind Krankheitsvermeidungskosten als Fehlerverhütungskosten zu verstehen. Günther/Albers (2009) zeigen, dass die überwiegende Mehrzahl der an der Studie teilnehmenden Unternehmen nicht in der Lage ist, die Folgekosten monetär zu quantifizieren oder die Auswirkung auf Wertschöpfung oder Mehrarbeit, z. B. durch Leiharbeiter oder Überstunden, nachzuhalten. Dem gegenüber stehen Investitionen in Gesundheitsmaßnahmen. So können nach einer Metastudie von Kreis/Bödecker (2003) einzelne Gesundheitsmaßnahmen nach drei bis vier Jahren zur deutlichen Reduktion von krankheitsbedingten Kosten beitragen. Die Relation von Investition zu Einsparungen liegt in den von Günther/Albers (2009) untersuchten Studien zwischen 1:2 bis 1:10 je nach Unternehmen. ........................................................ Fazit ........................................................ Die Steuerung von Gesundheitsförderung und Krankheitsvermeidung hat in der Vergangenheit immer mehr Bedeutung gewonnen. Dies ist zum einen durch einen intensiver werdenden Kostendruck begründet, zum anderen ergibt sich diese Entwicklung aus dem stärker gewordenen Gesundheitsbewusstsein und einer umfassenderen Steuerung von krankheitsbedingten Kosten (vgl. Siller/Stierle, 2011; Günter/Albers, 2009; Baase, 2007). Die empirischen Beiträge (u. a. Baase, 2007) zeigen deutlich, dass krankheitsbedingte Kosten bei ungenügender Steuerung und ohne entgegenwirkende Maßnahmen deutliche Wettbewerbsnachteile verursachen. Im umgekehrten Fall können Investitionen in gesundheitsfördernde Maßnahmen zu deutlichen Einsparungen und zu einer höheren Produktivität führen (vgl. Günther/ Albers, 2009; Kreis/Bödecker, 2003). Die dargestellten Anwendungsmöglichkeiten für das Gesundheitscontrolling bilden Ansatzpunkte für Unternehmen, durch Gesundheitscontrolling bislang vernachlässigte Ineffizienzen zu verringern und so Wettbewerbsvorteile zu generieren. Literatur Baase, C. M., Auswirkungen chronischer Krankheiten auf Arbeitsproduktivität und Absentismus und daraus resultierende Kosten für die Betriebe, in: Badura, B./Schellschmidt, H./Vetter, C. (Hrsg.), Fehlzeiten-Report 2006, Heidelberg 2007, S. 45–59. 658 CONTROLLING-COMPACT CONTROLLING – ZEITSCHRIFT FÜR ERFOLGSORIENTIERTE UNTERNEHMENSSTEUERUNG Krankheitsvermeidungskosten Personalkosten des Gesundheitsschutzes Fremdleistungskosten (z. B. für Gesundheitsmaßnahmen) Kapitalkosten (z. B. Abschreibungen für Sicherheitseinrichtungen) Kosten monetärer Anreizsysteme im Gesundheitsschutz Prüfkosten Personalkosten (z. B. für Fachkräfte für Arbeitssicherheit oder den Betriebsarzt) Fremdleistungskosten Krankheitsfolgekosten Kosten für Arbeitsausfall Schäden durch Unfälle Wertschöpfungsverlust Versicherungen und Beiträge Indirekte Kosten Image- und Reputationskosten Kosten für Qualität Abb. 4: Strukturierung von Gesundheitskosten (vgl. Günther/Albers, 2009) Brandl, J., Die Problematik der Kennzahlen in Personalinformationssystemen, in: Personalführung, 35. Jg. (2002), H. 9, S. 42–47. Günther, T./Albers, C., Kosten und Nutzen des betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutzes, in: Controlling, 21. Jg. (2009), H. 7, S. 388–395. Günther, T./Albers, C./Hamann, M., Kennzahlen zum Gesundheitscontrolling in Unternehmen, in: Zeitschrift für Controlling & Management, 53. Jg. (2009), H. 6, S. 367– 375. Kreis, J./Bödeker, W., Gesundheitlicher und ökonomischer Nutzen betrieblicher Gesundheitsförderung und Prävention, Zusammenstellung der wissenschaftlichen Evidenz, in: Initiative Gesundheit und Arbeit (Hrsg.), IGA Report, Essen 2003. Siller, H./Stierle, J., Gesundheitscontrolling: Früherkennung und Eigenverantwortung zur nachhaltigen Gesundheitssicherung, in: CFO aktuell, 5. Jg. (2011), S. 103–106. Wildemann, H., Kosten- und Leistungsbeurteilung von Qualitätssicherungssystemen, in: Zeitschrift für Betriebswirtschaftslehre, 62. Jg. (1992), H. 7, S. 761–782. Dr. Peter Rötzel ist Habilitand am Lehrstuhl Controlling der Universität Stuttgart. Gesundheitscontrolling 659 23. Jahrgang 2011, Heft 12

Chapter Preview

References

Abstract

Month by month, Controlling - Zeitschrift für erfolgsorientierte Unternehmenssteuerung publishes peer-reviewed, applied research contributions for business management, accounting and reporting. Key elements of succesful corporate controlling are presented in an analytic, well-structured manner.

Language: German.

For more information for authors and subscribers, see www.zeitschrift-controlling.de.

Zusammenfassung

Die Controlling - Zeitschrift für erfolgsorientierte Unternehmenssteuerung liefert Monat für Monat fundierte und anwendungsorientierte Fachbeiträge für das Management sowie das Finanz- und Rechnungswesen in Unternehmen. Klar gegliedert und strukturiert werden für alle Controlling-Bereiche die Faktoren für eine erfolgreiche Unternehmenssteuerung aufgezeigt.

Weitere Informationen für Autoren und Abonnenten finden Sie unter www.zeitschrift-controlling.de.