Alexander Teubner, Informationstechnologie, Produktivität und Wirtschaftswachstum in:

WiSt - Wirtschaftswissenschaftliches Studium, page 29 - 37

WIST, Volume 50 (2021), Issue 5, ISSN: 0340-1650, ISSN online: 0340-1650, https://doi.org/10.15358/0340-1650-2021-5-29

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Wissenschaftliche Beiträge Informationstechnologie, Produktivität und Wirtschaftswachstum Die aktuelle Diskussion zur Digitalisierung von Wirtschaft und Verwaltung sieht in (digitalen) Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) den Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg. Diese Einschätzung wird jedoch durch volkswirtschaftliche Daten nicht gestützt. Wachstums- und Produktivitätswirkungen, wie sie von vorangegangenen Technologieinnovationen bekannt sind, konnten bislang für die IKT nicht beobachtet werden. Mögliche Erklärungen sind neben Messproblemen vor allem aufwändige Anpassungsprozesse, die mit dem Einsatz von IKT einhergehen, sowie hohe Konsumentenrenten bei digitalen Produkten und Dienstleistungen. Dr. Rolf Alexander Teubner leitet die Forschungsgruppe für Strategisches Informationsmanagement am European Research Center for Information Systems (ERCIS) und ist Professor für Informationsmanagement an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Bevorzugte Forschungsgebiete: IT/IS-Strategien, IT/IS- Investitionsplanung, IT-Organisation und Governance. Summary: The current debate on the Digitalization of industry and administration assigns information and communication technology (ICT) a crucial role in driving productivity and economic growth. Economic productivity and growth data, however, contradict this view. They do not show increases of the same scale that have shown up for previous technology innovations. Possible explanations beyond measurement problems are costly and time-consuming adaptations that are necessary to introduce ICT into business practice as well as increased consumer rents for digital products and services. Stichwörter: Informationstechnologie, Technologischer Fortschritt, General Purpose Technologie, Produktivität, Wirtschaftswachstum, Produktivitätsparadoxon der Informationstechnologie 1. Ökonomische Grundlagen 1.1. Technologie und Produktivität Die Begriffe „Produktivität“ und „Wirtschaftlichkeit“ sind Zentralbegriffe der Wirtschaftswissenschaften. Mit Produktivität wird grundsätzlich ein Verhältnis ausgedrückt zwischen einem Ergebnis und den Mitteln, die zur Erstellung dieses Ergebnisses eingesetzt werden. Werden Mittel bewusst zur Erstellung eines materiellen oder immateriellen Gutes eingesetzt, so spricht man von einer Produktion. Mittel, die in die Produktion eingehen, werden in diesem Zusammenhang Produktionsfaktoren genannt, das Ergebnis ist das (End-)Produkt. Die Gesamtproduktivität einer Produktion ergibt sich dann als Verhältnis der Ausbringungsmenge des Endprodukts zu den Einsatzmengen der Produktionsfaktoren. Sogenannte Faktorproduktivitäten geben darüber hinaus das Verhältnis der produzierten Menge zu jeweils einem bestimmten Produktionsfaktor (Maschinen, Rohstoffe, Arbeit) an. Da die Produktion durch die technischen Zusammenhänge in der Kombination der Produktionsfaktoren bestimmt wird, lässt sich die Produktivität prinzipiell durch die Technisierung der Produktion erhöhen. Weil eine Ausweitung des Technikeinsatzes eine Erhöhung des Sachkapitals in der Produktion bedeutet, wird ein relativer Mehreinsatz von Technik im Verhältnis zum Arbeitseinsatz auch als Kapitalvertiefung bezeichnet. Der Steigerung der Produktivität durch Kapitalvertiefung sind Grenzen gesetzt; ab einem bestimmten Punkt der Kapitalvertiefung sinken die Produktivitätszuwächse. Noch entscheidender für die Steigerung der Produktivität als der WiSt Heft 5 · 2021 29 Technologie 2020 Technologie 2010 Faktoreinsatz Ausbringungsmenge 1. Kondratieff 2. Kondratieff 3. Kondratieff 4. Kondratieff 5. Kondratieff 1800 1850 1900 1950 2000 Dampfmaschine, Baumwolle Eisenbahn, Stahl Elektrontechnik, Chemie Automobil, Petrochemie, Informationstechnik Abb. 1: Verschiebung der Produktionsfunktion durch technologischen Fortschritt Abb. 2: Technologische Innovationen und lange Konjunkturwellen Umfang des Technikeinsatzes ist deshalb der technologische Fortschritt. Denn das Wissen um die Technik und deren produktive Anwendungsmöglichkeiten (Technologie (griech.) = Wissen über die Technik) entwickelt sich im Laufe der Zeit weiter und ermöglicht neue, effizientere Produktionsweisen. Anders als im Falle der Kapitalvertiefung wird die Produktionsfunktion im Falle des technischen Fortschritts auf ein neues, höheres Niveau gebracht. Abb. 1 stellt den Zusammenhang zwischen technologischem Fortschritt und Produktivität grafisch dar. Der Fortschritt „streckt“ die Produktionsfunktion nach oben, was bedeutet, dass der Output gesteigert werden kann, ohne den Gesamteinsatz an Produktionsfaktoren entsprechend zu erhöhen. Man kann auch sagen, dass sich die Produktivität der Einsatzfaktoren erhöht. In der Volkswirtschaftslehre wird deshalb auch von einer Erhöhung der Multifaktorproduktivität (MFP) oder auch der Totalen Faktorproduktivität (TFP) gesprochen. Die MFP ist eine Residualgröße, die denjenigen Teil des Outputwachstums beschreibt, der nicht unmittelbar durch Steigerungen der Inputfaktoren erklärt werden kann. Aus diesem Grund gilt die MFP auch als Indikator für den technologischen Fortschritt. 1.2. Technologischer Fortschritt und Wirtschaftswachstum Prinzipiell wird die Technologie stetig besser. Die Technologieentwicklung verläuft dabei nicht immer gleichmäßig, sondern Technologieinnovationen treten zu bestimmten Zeiten verstärkt auf. Viele Fortschritte sind Ausdruck des Bemühens um die laufende Verbesserung des verfügbaren technologischen Wissens. Darüber hinaus werden immer wieder bahnbrechende Erfindungen gemacht, die dieses Wissen grundlegend verändern und erweitern. Solche grundlegenden Erfindungen sind nicht direkt anwendbar, sondern stoßen weitere, anwendungsbezogene Innovationen an, die dann einen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft auslösen können. Erfindungen dieser Art werden deshalb auch als Basisinnovationen oder Basistechnologien (GPT – General Purpose Technology) bezeichnet. Drei Merkmale werden als kennzeichnend für GPTs erachtet (vgl. Bresnahan, 2010, S. 764): ) Anwendungsbereich: Die Anwendungsmöglichkeiten der Technologie sind nicht auf bestimmte Zwecke beschränkt, sondern es bestehen breite Einsatzmöglichkeiten („General Purpose“) in unterschiedlichen Sektoren und Branchen. ) Weiterentwicklungspotenzial: Das Entwicklungspotenzial der GPT ist hoch, ihre Leistungsfähigkeit entwickelt sich im Zeitablauf schnell weiter. ) Innovationspotenzial: Als Basisinnovation hat eine GPT aktivierende Wirkung auf die Forschungs- und Entwicklungstätigkeit und stößt weitere, anwendungsnahe Innovationen in unterschiedlichen Bereichen an. Zwischen der GPT und etablierten Technologien gibt es komplementäre Beziehungen, die zusätzliche Ko-Innovationen stimulieren. Der Ökonom Joseph Schumpeter, der sich mit der Wirkung von Basisinnovationen auf die wirtschaftliche Entwicklung befasst hat, beobachtete, dass diese ein intensives Wirtschaftswachstum auslösten. Dieses schwächte sich jedoch mit Erschöpfung der Innovationskraft der GPT ab, so dass dem Wachstumsschub wieder ein Abschwung folgte. Schumpeter (1939) nannte die resultierenden Entwicklungszyklen, die der Form nach langen Konjunkturzyklen ähneln, „Kondratieff-Zyklen“. Damit bezog er sich auf Arbeiten von Nikolai Kondratieff, der bereits zuvor einen Zusammenhang zwischen technologischen Basisinnovation und zyklisch verlaufenden, langfristigen wirtschaftliche Entwicklungen hergestellt hatte. Nach Kondratieffs Untersuchungen traten solche Zyklen etwa alle 40 bis 60 Jahren auf. Wissenschaftliche Beiträge WiSt Heft 5 · 202130 Dekade Outputwachstum Kapital (Vertiefung) Arbeit (Mehreinsatz) Multifaktorproduktivität 1950-1960 3,5 % 1.1 % 0.8 % 1.6 % 1960-1970 4,1 % 1,2 % 1,3 % 1,7 % 1970-1980 3,1 % 0,9 % 1,6 % 0,5 % 1980-1990 2,9 % 0.8 % 1,3 % 0,8 % 1990-1999 3,2 % 0,8 % 0,9 % 1,5 % Durchschnitt 3,4 % 1,0 % 1,2 % 1,2 % Tab. 1: Entwicklung von Wirtschaftswachstum und Multifaktorproduktivität Abb. 2 stellt den Zusammenhang zwischen Basisinnovationen und langen Phasen wirtschaftlicher Prosperität grafisch dar. Der erste lange Konjunkturzyklus begann mit der Erfindung der Dampfmaschine und löste die erste industrielle Revolution aus. Es folgten Eisenbahn, Elektrotechnik, Chemie und Automobil als weitere GPTs. Mit Beginn der 1980er Jahre wurde schließlich auch der Informationstechnik zunehmend die Rolle einer GPT zuerkannt, verbunden mit der Erwartung, dass diese einen fünften langen Konjunkturzyklus einleite (vgl. Jovanovic/Rousseau, 2005; Basu/Fernald, 2007). 2. Das Produktivitätsparadoxon der Informationstechnologie Den vorgestellten volkswirtschaftlichen Theorien zufolge müsste mit einer zunehmenden Investitionstätigkeit in die Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) spätestens ab den 1980er Jahren ein deutliches wirtschaftliches Wachstum festzustellen sein. Die nachfolgende Tabelle stellt am Beispiel der USA, einem Industrieland, das besonders stark in IKT investiert ist, die Zahlen zum Wirtschaftswachstum für die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts zusammen (vgl. Isbel, 2001). Die Daten aus Tab. 1 enttäuschen die Erwartungen an die IKT als GPT. Der verbreitete Einzug von Computern und IKT hat bis zur Jahrtausendwende kein nennenswertes Wirtschaftswachstum ausgelöst. Die Wachstumsraten (Spalte 2) für den Zeitraum 1970er-1990 liegen sogar noch unter den Raten der Vordekaden, in denen Computer für kommerzielle Zwecke noch kaum zur Verfügung standen. Hinweise auf eine von der Informationstechnologie getriebene lange Welle wirtschaftlicher Prosperität („5. Kondratieffzyklus“) finden sich definitiv nicht. Ähnliches gilt für die Produktivitätszuwächse (Spalte 5). Die MFP lagen während des Einzugs von Computern in die Wirtschaft in den 1970er und der Verbreitung des Personal Computers in den 1980er Jahren deutlich unter dem Durchschnitt. Sie stiegen erst in den 1990er Jahren leicht über diesen hinaus an. Verwundert über das Ausbleiben sichtbarer Wirkungen der IKT untersuchten die Ökonomen daraufhin Produktivität und Wirtschaftswachstum differenzierter nach Sektoren. Besonderes Augenmerk galt dem IKT-Sektor, dem die Rolle eines Innovationsmotors für die gesamte Wirtschaft zugeschrieben wird. Denn da der IKT-Sektor Anwendungstechnologien entwickelt und technologiebasierte Dienstleistungen anbietet, erwartete man im nächsten Schritt auch nachhaltige Wirkungen auf die Produktivität und das Wirtschaftswachstum nachgelagerter Sektoren, die diese Leistungen nutzen. Besonders interessant waren der Dienstleistungssektor und die Bereiche Büro und Verwaltung, da hier in großem Umfang Informationen verarbeitet und ausgetauscht werden. Die erwarteten Effekte auf nachgelagerte Sektoren blieben trotz eines deutlichen Wachstums des Technologiesektors jedoch aus. Das zeigt sehr eindrücklich eine Untersuchung von Brynjolffson (1993) zum IKT-Einsatz im Bürobereich. Die Ergebnisse dieser Untersuchung sind in Abb. 3 dargestellt. Im oberen Bereich weist die Abbildung den zunehmenden Einsatz von Computern in den 1970er und 1980er Jahren aus. Sie gleicht diesen im unteren Bereich mit der Entwicklung der Arbeitsproduktivität im Bürobereich ab. Die Kurven zeigen, dass trotz einer deutlichen Zunahme des Computereinsatzes die Produktivität im Bürobereich nicht nur nicht zunimmt, sondern Anfang der 1980er Jahre sogar deutlich abnimmt. Robert Solow, der sich als Ökonom intensiv mit dem Zusammenhang von Wirtschaftswachstum und technologischem Fortschritt befasst hat und für seine Forschung mit dem Nobel-Gedächtnispreis ausgezeichnet wurde, hat diese Situation mit dem Satz kommentiert: „You can see the computer age everywhere but in the productivity statistics“ (Solow, 1984). Obwohl nur beiläufig geäußert, ist sein Kommentar zur gängigen Formulierung des sog. Produktivitätsparadoxons der Informationstechnologie geworden. Für die zweite Hälfte der 1990er Jahre bis 2003 stellen Jorgenson und Vu (2005) sowie auch Isbel (2001) einen leichten Anstieg von Wirtschaftswachstum und Produktivität fest (vgl. Tab. 2, Zeile 4). Dieses führen die Verfasser allerdings weitgehend auf die Erhöhung der Inputfaktoren Kapital (Spalten 3) und der Quantität und Qualität der Arbeit Teubner, Informationstechnologie, Produktivität und Wirtschaftswachstum WiSt Heft 5 · 2021 31 0 0,02 0,04 0,06 0,08 0,1 0,12 C o m p u te r a ls p ro ze n tu a le r A n te il a n l a n g le b ig e n W ir ts c h a ft s g ü tt e rn 80 85 90 95 100 105 110 115 120 P ro d u k ti v it ä t B ü ro tä ti g k e it e n (I n d e x ) Volkswirtschaften Wirtschaftswachstum Kapitaleinsatz insgesamt IKT Einsatz von Arbeit MFP Alle 110 3,45 % 1,56 % 0,53 % 0,89 % 0,99 % G7 Länder 2,56 % 1,43 % 0,69 % 0,46 % 0,67 % Deutschland 0,86 % 0,90 % 0,40 % - 0,15 % 0,11 % USA 3,56 % 1,01 % 0,88 % 0,87 % 0,99 % Abb. 3: Computerisierung und Arbeitsproduktivität im Bürobereich (vgl. Brynjolffson, 1993) Tab. 2: Komponenten des Wirtschaftswachstums 1995–2003 (Spalte 4) zurück. Der Multifaktorproduktivität sprechen sie demgegenüber nur einen geringeren Beitrag zu (Spalte 5). Im Vergleich zu den USA fallen die Zahlen für Deutschland (vgl. Tab. 2, Zeile 3) und die G7-Länder (vgl. Tab. 2, Zeile 2) sogar noch schwächer aus. Weniger industrialisierte Länder können nach diesen Studien sogar größere Zuwächse realisieren als die stark in IKT investierten Industriestaaten (vgl. Tab. 2, Zeile 1). Eine Studie von Ceccobelli, Gitto und Manusco (2012) kommt für 14 OECD-Länder zu ähnlichen Ergebnissen. Insgesamt lassen sich aus den Daten für die 1990er Jahre und noch über den Millenniumswechsel hinaus keine der erwarteten Effekte der IKT auf Produktivität und Wirtschaftswachstum ablesen. Dies ist umso gravierender, als in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre der Ausbau der Weitverkehrsnetze (WAN – Wide Area Networks) und des Internet in den Industrieländern einen Entwicklungsstand erreichte, der eine umfassende kommerzielle Nutzung ermöglichte. Unternehmen begannen damit, ihre Produkte und Dienstleistungen im World Wide Web darzustellen und zu bewerben. Einige Unternehmen wie Amazon oder Ebay gingen sogar noch einen Schritt weiter und nutzten das Internet als Absatzkanal. Der elektronische Handel (Electronic Commerce, E-Commerce) bezog sich zunächst überwiegend auf die Endkunden (Business-to-Consumer, b2c) und wurde nachfolgend auf den Handel zwischen Unternehmen (Business-to-Business, b2b) ausgeweitet. Noch weiter geht die elektronische Geschäftstätigkeit (Electronic Business, E-Business), die als nächste Ausbaustufe über eine „Elektronifizierung“ von Handelstransaktionen hinaus auch eine umfassende Unterstützung und Integration der dahinterliegenden Geschäftsprozesse durch IKT anstrebt. Die umfassende kommerziellen Nutzung der IKT Ende der 1990er Jahre kulminierte sogar in der Vorstellung von einer Wissenschaftliche Beiträge WiSt Heft 5 · 202132 -10,00% -5,00% 0,00% 5,00% 10,00% 15,00% 20,00% 25,00% 30,00% 35,00% 1 9 9 8 1 9 9 9 2 0 0 0 2 0 0 1 2 0 0 2 2 0 0 3 2 0 0 4 2 0 0 5 2 0 0 6 2 0 0 7 2 0 0 8 2 0 0 9 2 0 1 0 2 0 1 1 2 0 1 2 2 0 1 3 2 0 1 4 2 0 1 5 2 0 1 6 2 0 1 7 2 0 1 8 2 0 1 9 2 0 2 0 BIP MFP IT-Investitionen Abb. 4: BIP, IKT-Investitionen und MFP für Deutschland 1998– 2020 „New Economy“. Die Gewinnerwartungen an Unternehmen aus dem IKT-Sektor waren so hoch, dass diese für innovative Ideen ohne Schwierigkeiten große Mengen Wagniskapital („Venture Capital“) einwerben konnten. Dies führte zur Gründung vieler neuen Unternehmen („Startups“). Viele dieser Unternehmen nutzten für ihre Internetpräsenz die Top-Level-Domäne „com“ (für Englisch „commercial“), die dann über als Appendix abgetrennt durch einen Punkt (Englisch „dot“) Bestandteil ihrer Internetadressen wurde („.com“). Deshalb bezeichnete man diese Unternehmen später auch in der Gesamtheit als „Dotcoms“. Im Jahr 1997 wurde in Deutschland mit dem „Neuen Markt“ ein eigenständiges Börsensegment für Hochtechnologieunternehmen eröffnet, in dem viele Dotcom-Unternehmen vertreten waren. Allerdings erfüllten sich die hohen Erwartungen an die Dotcoms und eine New Economy nicht. Stattdessen mussten bereits zu Beginn der 2000er Jahre die ersten hochbewerteten Dotcoms Insolvenz anmelden. Anleger verkauften daraufhin Aktien und zogen Wagniskapital ab, so dass die Börsenkurse einbrachen. In der sogenannten „Dotcom-Krise“ stürzten die Kurse so weit in die Tiefe, dass der Neue Markt Anfang des Jahres 2003 geschlossen wurde. Die Dotcom-Krise und die enttäuschten Erwartungen an eine New Economy könnten als Bestätigung für ein „Produktivitätsparadoxon der IT“ gewertet werden: Die Anleger hatten ihr Vertrauen in die Erfolgsaussichten des IKT- Sektors als Motor für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung verloren. Nach der Überwindung der Dotcom-Krise zeichnete sich für Deutschland ein leichter Aufwärtstrend ab. Abb. 4 stellt überblicksartig das Wirtschaftswachstum in Bezug zu IKT- Einsatz und technischem Fortschritt für die Zeit nach dem Milleniumswechsel dar. Die obere Linie in der Abbildung zeigt die Entwicklung des Bruttoinlandprodukts („Gross Domestic Product“) im Verhältnis zum Indexwert 1998 (vgl. OECD, 2021a). Die Wachstumsraten liegen im Durchschnitt bei moderaten 1,34 Prozentpunkten, unter Einbezug der jüngsten Effekte der Coronapandemie allerdings noch darunter. Wie die gepunktete Kurve zeigt, leistet die MFP nur einen geringen Beitrag zum Wirtschaftswachstum (vgl. OECD, 2021a). Sie schwankt und liegt mit durchschnittlich 0,5 % auf historisch eher niedrigem Niveau (vgl. Tab. 1). Die gestrichelte Kurve zeigt die Investitionstätigkeit („Gross Fixed Capital Formation”) in IKT gemessen als Anteil der Investitionen in Hardware und Datenbanken, Software und Telekomminikation an den Gesamtinvestitionen. Der Anteil an IKT- Investitionen nimmt leicht aber kontinuierlich ab (vgl. OECD, 2021b) und in Bezug dazu auch der geschätzte Beitrag des IKT-Kapitalstocks (vgl. OECD, 2021a). Erwartungen an die IKT als Treiber von Produktivität und Wirtschaftswachstum werden auch durch diese neueren Zahlen nicht bestätigt. 3. Systematische Erfassungsprobleme Für viele Ökonomen war und ist ein „Produktivitätsparadoxon der IT“ nicht plausibel bzw. entsprach nicht ihrer Alltagserfahrung. Sie überprüften deshalb die verwendeten Datengrundlagen und Messmethoden. Hierbei wurden verschiedenste Daten- und Messfehler aufgedeckt, die jedoch nicht so grundlegend erschienen, dass man das Produktivitätsparadoxon alleine auf Messfehler hätte zurückführen können (vgl. Hajli/Sims/Ibragimov, 2015; Syverson, 2017). Einige Ökonomen wiesen deshalb darauf hin, dass bei aggregierter marktpreisbasierter Erfassung der wirtschaftlichen Aktivitäten die Wirkungen der IKT systematisch unterschätzt werden. Im Wesentlichen verfolgen sie dabei vier verschiedene Argumentationslinien, die in den folgenden Abschnitten dargestellt werden. Teubner, Informationstechnologie, Produktivität und Wirtschaftswachstum WiSt Heft 5 · 2021 33 Menge Preis Nachfrage Mehrnutzen für Käufer, die bereits zum Preis gekauft haben Mehrnutzen für zusätzliche Käufer, die bereit gewesen wären, einen höheren Preis als zu zahlen. Abb. 5: Produktivitätssteigerung und erhöhte Konsumentenrente 3.1. Ausbringungsmengen vs. Marktpreise Für die Bestimmung der Produktivität auf volkswirtschaftlicher Ebene stellt sich das grundlegende Problem, dass Input- und Outputgrößen nicht mengenmäßig erfasst werden können. Denn um die Mengen unterschiedlicher Produktionsfaktoren und Produkte über Unternehmen und Branchen hinweg zu aggregieren, müssen diese zuvor normiert werden. Dies ist über Preise möglich. Naheliegend und in der volkswirtschaftlichen Analyse üblich ist deshalb eine Bewertung zu Marktpreisen. Dadurch kann zum einen im Idealfall der Bezug zu den Präferenzen der Marktteilnehmer hergestellt werden und zum anderen auf Daten zurückgegriffen werden, die Unternehmen in ihren Jahresabschlüssen dokumentieren. Die Verwendung von Marktpreisen kann aber leicht zu Verzerrungen in der Messung der realen, mengenmäßigen Produktivität führen. Vor allem werden über Marktpreise nur jene Bereiche wirtschaftlicher Aktivität erfasst, in denen marktliche Transaktionen stattfinden. Dies ist jedoch nicht für alle IKT-basierter Leistungen der Fall. So wird der überwiegende Anteil der im World Wide Web verfügbaren Inhalte kostenfrei bereitgestellt, ebenso wie die Suchmaschinen, mit denen solche Inhalte gefunden werden können. In anderen Fällen werden die Leistungen zwar vergütet, jedoch nicht nutzungsgerecht. Oft zahlt der Nutzer eine feste monatliche Gebühr, unabhängig davon, in welchem Umfang er Leistungen in Anspruch nimmt. Möglich sind solche „Flatrate“-Angebote dadurch, dass den Anbietern auch bei intensiver Nutzung kaum (zusätzliche) Kosten entstehen, die sie an die Kunden weitergeben müssten (vgl. Brynjolfsson/Oh, 2012). Dies gilt insbesondere für Informations- und Medienangebote, bei denen die Grenzkosten der Produktion nahe Null liegen (vgl. Teubner, 2005). 3.2. Marktpreis vs. Kundennutzen Das Argument, dass nur ein Teil des Nutzens, den die IKT Unternehmen und Konsumenten bringt, über die Preise abgebildet wird, lässt sich auch auf Produkte und Dienstleistungen übertragen, für deren Erstellung die IKT genutzt wird (vgl. Hitt/Brynjolfsson, 1996). Dies soll anhand eines einfachen Marktmodells veranschaulicht werden, wie es in Abb. 5 dargestellt ist. Angenommen die Nachfrage nach einem Produkt nähme mit steigendem Preis linear ab. In einer Situation annähernd vollkommenen Wettbewerbs würden die Anbieter das Produkt zu etwa den Grenzkosten der Produktion anbieten. Dies ist in Abb. 3 der Preis P0, bei dem die Menge M0 nachgefragt wird. Nehmen wir nun an, dass durch den Einsatz von IKT die Produktivität erhöht werden kann und dadurch die Ausbringungsmenge steigt. Das vergrößerte Angebot lässt die Preise sinken, und zwar – wieder unter der Annahme vollkommenen Wettbewerbs – auf das Niveau der neuen, geringeren Grenzkosten der Produktion. Für das Produkt wird bei dem neuen, geringeren Preis PIT eine höhere Menge MIT nachgefragt. Die Kunden, die das Gut bereits zum ursprünglichen Preis P0 gekauft haben, können es nun zum Preis PIT viel günstiger erwerben. Der Nutzenvorteil, den diese Kunden durch die Preissenkung haben, entspricht in Abb. 3 der Fläche des grau schraffierten Rechtecks. Hinzu kommen Kunden, die das Gut zum Preis P0 nicht kaufen würden, aber bereit wären, es zu einem Preis zu erwerben, der höher als PIT liegt. Auch diese Kunden würden einen unbezahlten Mehrnutzen realisieren, der in Abb. 3 als graues Dreieck dargestellt ist. Die Gesamtheit des unbezahlten Mehrnutzens für die Kunden, also die Summe der grauen Flächen in Abb. 3, wird als Konsumentenrente bezeichnet. Die Konsumentenrente kann als Pendant zur Produzentenrente gesehen werden. Diese bezeichnet den Anteil des Marktpreises, der oberhalb des Preises liegt, zu dem der Anbieter kostendeckend produzieren kann. Mit anderen Worten: Es ist durchaus möglich, dass der Einsatz der IKT zu Produktivitätssteigerungen führt. Diese zeigen sich in den Produktivitätsstatistiken aber nur dann, wenn die Unternehmen sich die daraus resultierenden Kosteneinsparungen als Produzentenrente aneignen können. Die Bedingungen dafür sind auf monopolistischen und oligopolistischen Märkten gut, weil die Anbieter hier aktiv Einfluss auf das Angebot und die Preise nehmen können. Die IKT trägt allerdings tendenziell zu einer Intensivierung des Wettbewerbs bei, indem sie die Markttransparenz erhöht und den Marktzugang für neue Anbieter erleichtert. So ermöglicht beispielsweise das Internet den Kunden, sich einen Überblick über Angebote und Preise zu verschaffen und diese zu vergleichen. Wenn die Anbieter in wettbewerbsintensiven Märkten aufgrund erhöhter Produktivität ihre Ausbringungsmengen steigern können, lässt die damit verbundene Ausweitung des Marktangebots die Preise langfristig sinken. Die Kosteneinsparungen werden dann in Wissenschaftliche Beiträge WiSt Heft 5 · 202134 großem Umfang an die Kunden weitergegeben. Damit erhöhen sich vor allem die Konsumentenrenten, nicht aber die Produzentenrenten. Erstere werden allerdings in den volkswirtschaftlichen Statistiken nicht sichtbar. Steigende Konsumentenrenten können technologiebedingte Produktivitätszuwächse auch verschleiern, ohne dass die Preise fallen, wenn sich dafür aber die Qualität der Produkte und Dienstleistungen erhöht. Nehmen wir den Automobilbau als Beispiel. Dieser wurde in den 1980er und 1990er Jahren durch Systeme zur Computerintegrierten Fertigungssteuerung (CIM – Computer Integrated Manufacturing) revolutioniert. Ein Teil der dabei erzielten Produktivitätsgewinne wurden in Form besserer und besser ausgestatteter Fahrzeuge an die Kunden weitergegeben. So hat ein VW-Golf aus den 1980er Jahren mit einem heutigen Modell in Größe, Technik und Ausstattungsvarianten kaum mehr als den Namen gemeinsam. Im Vergleich dazu hat sich der Preis inflationsbereinigt nur mäßig erhöht. Ein anderes Beispiel ist der Einsatz von Computern und Textverarbeitungssoftware. Im Vergleich zum Einsatz von Schreibmaschinen hat dieser die Dokumentenerstellung in Unternehmen und Verwaltungen entschieden vereinfacht und verbessert. Gleichzeitig hat sich aber auch der Anspruch an die betriebliche Dokumentenerstellung erhöht. Tippfehler, manuelle Korrekturen oder ein schlechtes Layout werden nicht mehr toleriert. Diese zu vermeiden erfordert zusätzlichen Aufwand, ohne dass der Markt diesen honorieren würde. An den Marktpreisen lassen sich solche Qualitätsverbesserungen deshalb nicht ablesen. 3.3. Preise vs. Qualität der IK-Technologie Wenn die Marktpreise für die produzierten Güter sinken, werden Produktivitätssteigerungen systematisch unterschätzt. Wenn dagegen die Marktpreise für die Inputfaktoren sinken, werden sie systematisch überschätzt. Letzteres gilt für die IKT, deren Entwicklung durch hohe Leistungssteigerungen bei gleichzeitig fallenden Preisen gekennzeichnet ist. Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, werden die Preise für IKT in den Produktivitätsstatistiken oft um Qualitätssteigerungen bereinigt. Dabei besteht jedoch die Gefahr, qualitätsbereinigte Preise für die IKT zu hoch anzusetzen, mit der Konsequenz, dass die Produktivitätsbeiträge der IKT systematisch unterschätzt werden. So legt beispielsweise Moore‘s Law für die Entwicklung der Prozessorkapazität eine Verdopplung der Leistungsfähigkeit alle zwei Jahre nahe. Durch eine analoge Qualitätsbereinigung der Computerpreise würden die Investitionen – rein rechnerisch – um 50 % pro Jahr steigen. Damit wären schon erhebliche Produktivitätssteigerungen notwendig, alleine um das Produktivitätsniveau rechnerisch zu halten. Für Hardwarekomponenten werden inzwischen zunehmend differenziertere Preisbereinigungsverfahren eingesetzt (vgl. Ademer et al., 2017). Schwieriger als für Hardware ist die Korrektur der Preise für Software. So sind Stückmengen je nach Art der Software (e.g. Office Software Paket vs. Enterprise Resource Planning) nur schwer zu bestimmen. Zudem sind technologische Fortschritte bei Software schwerer zu erfassen, weil Software divers und nur bedingt vergleichbar ist. Hinzu kommen Schwierigkeiten bei der korrekten Erfassung des Wertes eigenentwickelter Software. Lange Zeit bestand nach deutschem Handels- und Steuerrecht ein Aktivierungsverbot, so dass diese in Unternehmensbilanzen nicht einmal ausgewiesen wurde. 3.4. Umverteilung von Umsätzen und Gewinnen Die Wirkung der IKT auf die Produktivität der Unternehmen hängt nicht nur unmittelbar von der Leistungsfähigkeit der Technologie ab, sondern auch davon, ob und in welchem Maße Unternehmen in der Lage sind, sich neue Technologien anzueignen. Um technologische Fortschritte zu verstehen, deren wirtschaftliche Potenziale zu erkennen und sich diese anzueignen sind besondere Managementfähigkeiten erforderlich. Hierzu gehören vor allem die Fähigkeit, relevante IKT-Entwicklungen zu erkennen, gezielt zu investieren und die Potenziale der IKT für den Aufbau organisationaler Fähigkeiten und neuer inner- und interorganisationaler Strukturen zu nutzen (vgl. Schryen, 2013; Ravichadran, 2018, Teubner/Stockhinger, 2020). Solche „absorptiven Fähigkeiten“ sind von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich ausgeprägt. In der Folge ziehen nicht alle Unternehmen in gleichem Maße aus der IKT Nutzen, selbst wenn sie in gleicher Weise Zugang zu ihr haben. Als Beispiele für eine erfolgreiche IKT-Nutzung wird gerne auf Online-Unternehmen wie Amazon, Ebay, Google/Alphabet oder Facebook verwiesen, deren „digitale“ Geschäftsmodelle sich unmittelbar auf den Einsatz der IKT abstützen. Durch die innovative Nutzung der IKT haben diese Unternehmen nicht nur ungeahnte Markterfolge erzielt, sondern sich mit der gewonnenen Kundenbasis und Markterfahrung auch eine überlegene Wettbewerbsposition für die Zukunft gesichert. Ist es beispielsweise einem elektronischen Marktplatz erst einmal gelungen, einen großen Kundenstamm zu gewinnen, so steigt dessen Attraktivität für neue, zusätzliche Kunden mit der Anzahl der aktiven Anbieter und Nachfrager. Ab einer bestimmten kritischen Größe haben Wettbewerber dann kaum noch eine Chance gleichzuziehen, noch nicht einmal dann, wenn sie eine technisch überlegene Lösung anbieten können. Der IKT werden deshalb auch Winner-takes-it-all-Effekte im Hinblick auf Produktivität und Wachstum zugesprochen: Einige Unternehmen gewinnen auf Kosten anderer Unternehmen. Der Kuchen wird nicht größer, sondern nur umverteilt. Teubner, Informationstechnologie, Produktivität und Wirtschaftswachstum WiSt Heft 5 · 2021 35 4. Zusammenfassung und Ausblick Die weitverbreitete Erwartung an die IKT, Produktivitätsund Wirtschaftswachstum zu beschleunigen, wird durch die traditionellen volkswirtschaftlichen Indikatoren wie „Multifaktorproduktivität“ und „Bruttoinlandsprodukt“ bislang nicht bestätigt. Als Erklärung kann zunächst einmal angeführt werden, dass traditionelle volkswirtschaftliche Indikatoren wie Multifaktorproduktivität und Bruttoinlandsprodukt die Wirkungen der IKT nur unzureichend abbilden. So ist es wahrscheinlich, dass Qualitätsverbesserungen durch IKT nicht in entsprechendem Maße durch höhere Preise am Markt vergütet werden. Zudem kann angenommen werden, dass durch den Einsatz der IKT Produktivitätszuwächse erzielt werden, die sich die Unternehmen aufgrund eines starken Wettbewerbs nicht aneignen können. Wenn sie diese jedoch über Preissenkungen an die Konsumenten weitergeben, steigen die Konsumentenrenten, ohne dass diese Steigerungen in den volkswirtschaftlichen Statistiken sichtbar werden. Dies kann insbesondere für digitale Produkte und Dienstleistungen angenommen werden, da für diese die (Grenz-)Kosten der Produktion gering sind und mit steigender Ausbringungsmenge gegen Null tendieren (vgl. Teubner, 2005). Brynjolfsson und Collis (2019) gehen davon aus, dass der Nutzen digitaler Produkte und Dienstleistungen bei einem Vielfachen dessen liegt, was an Erlösen eingespielt wird. Sie fordern deshalb, die traditionellen Verfahren zur Erfassung der Digitalen Ökonomie so zu erweitern, dass auch nicht-monetäre Wohlfahrtseffekte sichtbar werden. Jenseits solcher Erfassungsprobleme lassen sich auch inhaltliche Erklärungen für das Produktivitätsparadoxon anführen. Zum einen kann davon ausgegangen werden, dass ein Teil der durch IKT generierten Wertbeiträge in den aggregierten gesamtwirtschaftlichen Statistiken nicht sichtbar wird, weil er zwischen Unternehmen umverteilt wird („The winner takes it all!“). Hinzu kommt, dass der produktive Einsatz der IKT einen hohen organisatorischen Aufwand erfordert, der Produktivitäts- und Wachstumseffekte für einige Zeit überlagern könnte. Bereits bei vorangegangenen Technologieinnovationen dauerte es Jahrzehnte, bis diese effektiv genutzt wurden. Die traditionellen GPTs betrafen allesamt die Transformation von Rohstoffen und Energie. Ihre Anwendung war damit im Wesentlichen auf den Industriesektor und die Fertigung beschränkt. Die Anwendungsmöglichkeiten der IKT gehen demgegenüber deutlich weiter. Sie betreffen nicht nur die Fertigung, sondern Organisationen als Ganzes und deren Zusammenarbeit mit Partnern und Kunden. Deshalb ist es gerechtfertigt anzunehmen, dass Anpassungsprozesse für eine produktive Nutzung der IKT umfassender, aufwändiger und damit auch langwieriger sein könnten, als dies bei den vorangegangenen GPTs der Fall war. In diesem Sinne argumentieren auch Haskel und Westlake (2018), die sich speziell mit der Rolle immaterieller Investitionen (e.g. in Design, Informationen, Wissen, Software) in modernen Volkswirtschaften befassen. Sie sehen bislang ungekannte Wechselwirkungen zwischen Investitionen in die IKT und intangible Güter wie Informationen, Wissen und Ideen, deren Entfaltung allerdings einen grundlegenden Wandel von Institutionen, Normen und Managementpraktiken erfordert. Die Annahme, dass die Nutzung der IKT grundlegendere Anpassungsprozesse erfordert als andere GPTs, wird auch durch die aktuelle Diskussion um eine „Digitale Transformation“ gestützt. Im Mittelpunkt stehen dabei neueste IKT-Entwicklungen in Bereichen wie Social Media, Mobile, Analytics und Cloud („SMAC“). Diese können die Produkte und Dienstleistungen von Unternehmen, deren Arbeitsweisen, die Interaktion mit dem Kunden und die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen grundlegend verändern (vgl. Teubner/Stockhinger, 2020). Die SMAC-Technologien durchdringen darüber hinaus weite Bereiche des privaten Lebens und verändern somit das Verhalten von Konsumenten ebenso wie die Erwartungen von Arbeitnehmern. Auch hierauf müssen sich die Unternehmen einstellen. Wie der Begriff „Digitale Transformation“ schon ausdrückt, wird mit den digitalen Technologien ein grundlegender Wandel der Gesellschaft und der Strukturen wirtschaftlicher Leistungserstellung verbunden, auf den sich Unternehmen durch den Aufbau neuer Fähigkeiten und Strukturen vorbereiten müssen. Investitionen in (digitale) Technologien sind nur eine, wenn auch notwendige Voraussetzung. Hinzu kommen grundlegende organisatorische und kulturelle Anpassungen, die mit hohem Aufwand verbunden sind und Zeit in Anspruch nehmen. Die Anpassungsprozesse sind zudem mit Friktionen und Risiken behaftet, die nicht jedes Unternehmen erfolgreich bewältigen wird. Literatur Ademer, M. et al., Produktivität in Deutschland – Messbarkeit und Entwicklung. 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McChrystal/Collins/Silverman/Fussell Team of Teams 2020. 292 Seiten. Kartoniert € 26,90 ISBN 978-3-8006-6050-6 Flexibilität ist Trumpf Wenn die Geschwindigkeit der Umweltanpassung zum Erfolgsfaktor wird, benötigt man flexible Einheiten, die unter zentral gesetzten Maßgaben selbstständig agieren. In diesem Buch werden die Erfahrungen mit hochleistungsfähigen Teams am Beispiel der ISAF-Truppen bei ihrem Kampf gegen die Taliban in Afghanistan destilliert und dienen dazu, den Improvisationswillen auch bei »normalen« Organisationen anzuregen. Die gute Botschaft für Ver- änderungswillige: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Die schlechte: Es gibt nur eine temporäre Stabilität, man muss in Bewegung bleiben. Po rt of re ie L ie fe ru n g va h le n .d e/ 27 70 8 0 79 Erhältlich im Buchhandel oder bei: beck-shop.de | Verlag Franz Vahlen GmbH · 80791 München | kundenservice@beck.de | Preise inkl. MwSt. | 172366 | linkedin.com/company/vahlen Brynjolfsson, E., J.H. 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Abstract

The current debate on the Digitalization of industry and administration assigns Information and communication technology (ICT) a crucial role in driving productivity and economic growth. Economic productivity and growth data, however, contradict this view. They do not show increases of the same scale that have shown up for previous technology innovations. Possible explanations beyond measurement problems are costly and time-consuming adaptations that are necessary to introduce ICT into business practice as well as increased consumer rents for digital products and services.

Zusammenfassung

Die aktuelle Diskussion zur Digitalisierung von Wirtschaft und Verwaltung sieht in (digitalen) Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) den Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg. Diese Einschätzung wird jedoch durch volkswirtschaftliche Daten nicht gestützt. Wachstums- und Produktivitätswirkungen, wie sie von vorangegangenen Technologieinnovationen bekannt sind, konnten bislang für die IKT nicht beobachtet werden. Mögliche Erklärungen sind neben Messproblemen vor allem aufwändige Anpassungsprozesse, die mit dem Einsatz von IKT einhergehen, sowie hohe Konsumentenrenten bei digitalen Produkten und Dienstleistungen.

References

Abstract

Up-to-date knowlegde of the main topics and proven methods in business and economics research is the key factor for success in both academia and business. Month by month, WiSt delivers this knowledge by presenting and discussing latest trends and current topics on the basis of models from the business and economics sciences.

Language: German.

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Zusammenfassung

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