Bernd Raffelhüschen, Verhältnismäßigkeit in der Pandemie: Geht das? in:

WiSt - Wirtschaftswissenschaftliches Studium, page 33 - 39

WIST, Volume 49 (2020), Issue 10, ISSN: 0340-1650, ISSN online: 0340-1650, https://doi.org/10.15358/0340-1650-2020-10-33

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Verhältnismäßigkeit in der Pandemie: Geht das? Angesichts der sich abzeichnenden wirtschaftlichen Folgen der Corona- Pandemie in Deutschland stellt sich die Frage, ob die Reaktionen zur Eindämmung der Pandemie die wirtschaftlichen Konsequenzen ausreichend berücksichtigt haben. Während durch den „Lockdown“ unter Berücksichtigung der Vorerkrankungen etwa 180.000 Lebensjahre gewonnen werden konnten, zeigt dieser Beitrag, dass das Aussetzen des medizinisch-technischen Fortschritts durch den Wachstumseinbruch mindestens 3,7 Millionen Lebensjahre kosten könnte. Eine dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit genügende Laissez-faire-Strategie à la Schweden wäre allerdings ebenfalls nicht zielführend gewesen – zumindest dann nicht, wenn nicht alle gemeinsam dieser Strategie gefolgt wären. Für die Zukunft ist daher ein weltweit koordiniertes Vorgehen – oder zumindest eine engere Zusammenarbeit zwischen den wirtschaftlich intensiv verflochtenen Ökonomien – absolut notwendig. Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen* ist Professor für Finanzwissenschaft und Sozialpolitik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und Direktor des Forschungszentrums Generationenverträge. Bevorzugte Forschungsgebiete: Finanzwissenschaft, Sozialpolitik, Immobilienökonomie und Glücksforschung. Summary: In the light of the sever economic distortions caused by the corona pandemic, the question arises whether the economic consequences had been sufficiently considered by the authorities when the measurements in order to contain the pandemic were adopted. With the help of the economic „lockdown“, we were able to gain about 180,000 years of life expectancy – taking into account the pre-existing health conditions. This paper illustrates that the loss of technical progress in health care due to the slump in economic growth could cost at least 3,7 million years of life expectancy. However, an isolated laissez-faire strategy à la Sweden would not have been purposeful either – especially considering the national incentives to deviate from this strategy. In order to prepare for future pandemics a globally coordinated laissez-faire approach – or at least closer cooperation between the interconnected economies – is the better way to go. Stichwörter: Corona-Pandemie, Lebenserwartung, intergenerative Gerechtigkeit, ökonomische Konsequenzen des Lockdowns, Verhältnismäßigkeit 1. Von Epidemiologie und Ökonomie Soviel * Für wertvolle Hinweise dankt der Autor Lewe Bahnsen. ist jedenfalls sicher: Das Jahr 2020 scheint in vieler Hinsicht Rekorde zu schreiben. Folgt man den medialen und politischen Äußerungen, so wird es wohl in die Geschichtsbücher eingehen als das Jahr der schwersten Pandemie seit der „Spanischen Grippe“ in den Jahren 1918 bis 1920. Statistisch bestätigt sich dieser weit verbreitete Eindruck allerdings nicht: Damals verloren nach den vorliegenden Schätzungen weltweit zwischen 20 und 50 Millionen Menschen ihr Leben, Deutschland beklagte 426 000 Tote (vgl. Buda, S., RKI, Ärzteblatt 4.1.20). Die Covid-19- Pandemie hat bis zum 11. Juni 2020 mit 417.022 Toten weltweit weniger Leben gekostet als die „Spanische Grippe“ damals allein in Deutschland. Die Dimensionen sind mithin WiSt Heft 10 · 2020 33 nicht vergleichbar. Und dies gilt auch für die „Asiatische Grippe“ (1957) und die „Hongkong-Grippe“ (1968) die – wie die „Spanische Grippe“ auch – eben gar keine waren, weil sie nicht von Grippe-Viren, sondern von spezifischen Influenzaviren verursacht wurden. Derartige Viren sind historisch offenbar kein Einzelfall, will heißen: Die nächsten mutierten Viren kommen bestimmt. Nur wissen wir nicht, welche gesundheitlichen Auswirkungen diese haben werden und ob die Krankheitsverläufe ebenfalls so schwer verlaufen, wie dies in bestimmten Einzelfällen z. B. beim Coronavirus Sars-CoV-2 der Fall ist. Aber vielleicht ist die Dimension auch deshalb eine andere geblieben, weil die Politik im Gegensatz zu den Zeiten nach dem ersten Weltkrieg handlungsfähiger war und das gegenwärtige Gesundheitssystem natürlich ebenso weitaus handlungsfähiger ist als in jenen Tagen. Wie auch immer man dies aus epidemiologischer Sicht beurteilt (und die wissenschaftlichen Meinungen unter den Medizinern gehen weit auseinander), aus gesundheitsökonomischer Sicht gilt es, die Frage der Effizienz der Corona-Maßnahmen und ihrer Verhältnismäßigkeit zu bewerten. Sicher ist, dass (auch) die politischen Entscheidungen dazu beigetragen haben, das deutsche Infektionsgeschehen einzudämmen. Insgesamt wurde Deutschland weitaus weniger stark getroffen als beispielsweise Italien oder Spanien. Und dies, obwohl die Bundesregierung hinsichtlich der Isolationsmaßnahmen und des ökonomischen Lockdowns deutlich moderatere Wege eingeschlagen hat als viele andere Länder der westlichen Welt. Nur die schwedische Regierung ist noch moderater gefahren, verzeichnet jedoch – relativ gesehen – eine viermal so hohe Sterblichkeit wie Deutschland. Sicher ist aber auch, dass weltweit – unabhängig vom Grad der verhängten Isolationsmaßnahmen – die wirtschaftlichen Aktivitäten durch den Ausfall der globalisierten Wertschöpfungsketten quasi zum Stillstand gekommen sind. Auch der schwedische Sonderweg, die Infektionen eher zu beschleunigen, um auf diese Weise zu einer sogenannten Herdenimmunisierung zu kommen, konnte dies nicht verhindern – der wirtschaftliche Einbruch entspricht dem der gesamten westlichen Welt. Tatsächlich bricht das Jahr 2020 aber zumindest aus ökonomischer Perspektive wirklich alle Rekorde: Fest steht, dass durch die internationalen Corona-Maßnahmen der stärkste Konjunktureinbruch seit dem „Schwarzen Freitag“ des Jahres 1929 zu verzeichnen ist. Und ob die globalisierte Weltwirtschaft wirklich nur eine Delle im Konjunkturverlauf erhalten hat oder sich die Weltwirtschaft auf einen deutlich niedrigeren Wachstumspfad katapultiert hat, bleibt eine offene Frage, die wohl erst in einigen Jahren beantwortet werden kann. Was auch immer sich dabei herauskristallisieren wird, sowohl der Konjunktureinbruch als auch der Wachstumseinbruch lassen die Staatsverschuldung vieler Länder in astronomische Größenordnungen ansteigen. Damit werden zukünftige Generationen von Steuerzahlern Zins- bzw. Tilgungslasten zu finanzieren haben, die nach bisherigem ökonomischem Verständnis nicht ohne Währungsreformen – oder anders ausgedrückt – „Staatspleiten“ zu schultern sind. Dennoch stellt sich natürlich die Frage, ob sich der finanzielle Aufwand denn tatsächlich gelohnt hat, zumal doch in erheblichem Maße „Menschenleben gerettet“ worden sind. Im Gegensatz zur oft geäußerten Meinung ist es faktisch leider keiner Regierung der Welt möglich, „Menschenleben zu retten“. Mit hundertprozentiger Sicherheit ist das Leben statistisch gesehen ein endlicher Prozess, der durch effizientes gesundheitspolitisches Handeln verlängert oder durch ein gegenteiliges verkürzt werden kann. Gesundheitsökonomen wie auch Mediziner beurteilen seit jeher beispielsweise neue Behandlungsmethoden, indem sie die dadurch gewonnenen Lebensjahre den entsprechenden Kosten gegenüberstellen. Gängige Praxis ist dabei oft die Adjustierung der gewonnenen Lebensjahre hinsichtlich der zu erwartenden Lebensqualität, wie bereits von Klarmann et al. (1968) skizziert. Dieser auch im Rahmen von ökonomischen Kosten-Nutzen-Analysen verwendete Ansatz birgt natürlich ein ethisches Problem, das in der moralisch aufgeheizten Debatte zum Totschlagargument wird. Die monetäre Bewertung von Leben – so oft sie auch implizit vorgenommen wird – ist explizit zum Tabu geworden. Um diesen Weg in den „Morast der Moral“ zu umgehen, sollen im Folgenden die Wirkungen der Anti-Corona-Maßnahmen auf die Lebenserwartung der Gesamtbevölkerung vollständig illustriert werden. Zum einen haben die Maßnahmen den Tod vieler Menschen verzögert und damit Lebensjahre bewahrt, die ansonsten verloren gegangen wären. Zum anderen hat aber die politisch verordnete ökonomische Vollbremsung den ansonsten zu erwartenden Anstieg der zukünftigen Lebenserwartung aller Menschen mindestens gebremst, wenn nicht gar in sein Gegenteil verkehrt. Zur Beurteilung des Gesamteffektes müssen die gewonnenen Lebensjahre den verlorenen Lebensjahren gegenübergestellt werden. Nur so kann man unter Umgehung der moralischen Dimension zu einer umfassenden Gesamtbewertung der politischen Maßnahmen gelangen. 2. Vom Segen der Corona-Maßnahmen Sicher ist, dass ohne die politischen Entscheidungen der Bundesregierung im Frühjahr 2020 deutlich mehr Tote durch den Covid-19-Virus zu verzeichnen gewesen wären. Die Angst vor italienischen Verhältnissen dominierte über Wochen die mediale Berichterstattung und bestätigte die Politik darin, richtig gehandelt zu haben. Ein Blick auf die Wissenschaftliche Beiträge WiSt Heft 10 · 202034 0 5.000 10.000 15.000 20.000 4. Feb. 18. Feb. 3. Mrz. 17. Mrz. 31. Mrz. 14. Apr. 28. Apr. 12. Mai. 26. Mai. 9. Jun. 23. Jun. 7. Jul. 21. Jul. 4. Aug. 18. Aug. 1. Sep. 15. Sep. 29. Sep. 13. Okt. 27. Okt. 0 10.000 20.000 30.000 40.000 50.000 60.000 70.000 4. Feb. 18. Feb. 3. Mrz. 17. Mrz. 31. Mrz. 14. Apr. 28. Apr. 12. Mai. 26. Mai. 9. Jun. 23. Jun. 7. Jul. 21. Jul. 4. Aug. 18. Aug. 1. Sep. 15. Sep. 29. Sep. 13. Okt. 27. Okt. 0 10.000 20.000 30.000 40.000 50.000 60.000 4. Feb. 18. Feb. 3. Mrz. 17. Mrz. 31. Mrz. 14. Apr. 28. Apr. 12. Mai. 26. Mai. 9. Jun. 23. Jun. 7. Jul. 21. Jul. 4. Aug. 18. Aug. 1. Sep. 15. Sep. 29. Sep. 13. Okt. 27. Okt. 0% 5% 10% 15% 20% 25% 0-9 Jahre 10-19 Jahre 20-29 Jahre 30-39 Jahre 40-49 Jahre 50-59 Jahre 60-69 Jahre 70-79 Jahre 80-89 Jahre 90-99 Jahre 100 und älter P ro ze n tu a le r A n te il a n a lle n C O V ID -1 9 -T o te n Männer Frauen Quelle: Berechnungen des Forschungszentrums Generationenverträge auf Grundlage von Daten des RKI bzw. Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME), University of Washington. Der schattierte Bereich illustriert den Unsicherheitskorridor. Abb. 1: Projektion der Todesfälle in Verbindung mit Covid-19 (Status quo-Szenario Quelle: Berechnungen des Forschungszentrums Generationenverträge auf Grundlage von Daten des RKI. Stand: 06.07.2020 Abb. 2: Alters- und Geschlechtsstruktur der Covid-19-Toten Projektion der Todesfälle bei schwedischen Mortalitätsraten (Laissez-faire-Szenario) Differenz zwischen Status quo- und Laissez-faire-Szenario Projektion der Todesfälle in Verbindung mit Covid-19 verdeutlicht das Ausmaß dieser Einschätzung. Demnach sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts bis Anfang Juli 2020 circa 9.100 Menschen dem Virus zum Opfer gefallen. Bei reiner Fortschreibung der entsprechenden Annahmen und bei Ausbleiben einer zweiten Welle würden sich die Todesfälle bis Ende des Jahres auf über 12.000 kumulieren. Ganz anders sähe die Entwicklung ohne die entsprechenden Maßnahmen aus. Unterstellt man, die Bundesregierung hätte eine Laissez-faire-Strategie nach schwedischem Vorbild eingeschlagen, wären fast fünfmal so viele Todesfälle zu verzeichnen gewesen. Pessimistisch gerechnet läge das Maximum sogar bei etwa 65.000 Toten, wobei die Differenz der beiden Szenarien im Durchschnitt bei gut 25.000 liegt. Als Zwischenfazit lässt sich somit konstatieren, dass die Corona-Maßnahmen Schlimmeres verhindert und im besten Fall 49.000 Menschenleben „gerettet“ wurden. Soweit zunächst die „blauäugige“ Einschätzung. Rationaler wäre es natürlich, wenn hinterfragt werden würde, wer eigentlich genau zur Risikogruppe der Erkrankung gehört. Ein Blick auf die Alters- und Geschlechtsstruktur der in Deutschland erfassten Todesfälle in Abb. 2 zeigt deutlich, dass mehr als 95 Prozent der Todesfälle ein Alter von 60+ erreicht hatten und der altersspezifische Anstieg bei beiden Geschlechtern exponentiell verläuft. Die wirkliche Risikogruppe waren offensichtlich alte Menschen und hier insbesondere die sogenannten ältesten Alten (75+). Der durchschnittliche Todesfall war mithin über 80 Jahre alt, Raffelhüschen, Verhältnismäßigkeit in der Pandemie: Geht das? WiSt Heft 10 · 2020 35 38.411 119.865 175.722 548.351 0 100.000 200.000 300.000 400.000 500.000 600.000 700.000 Status-quo-Szenario mit Begleiterkrankungen (LE 2,9 Jahre) Status quo-Szenario (LE 9,2 Jahre) Laissez-faire-Szenario mit Begleiterkrankungen (LE 2,9 Jahre) Laissez-faire-Szenario (LE 9,2 Jahre) Le b e n sj a h re Abb. 3: „Verlorene“ Lebensjahre in Verbindung mit Covid-19 wobei die irrelevante Diskussion der todesursächlichen Wirkung des Covid-19-Virus ausgespart bleiben soll. Wichtig in diesem Zusammenhang ist allein die Frage der ferneren Lebenserwartung, die jene gehabt hätten, wären sie eben nicht „an oder mit“ dem Virus gestorben. Für einen durchschnittlichen an Covid-19 Verstorbenen liegt dieser Wert laut Sterbetafel des Statistischen Bundesamtes gegenwärtig bei 9,2 Jahren, wobei die Toten im Median 82 Lebensjahre aufwiesen. Tatsächlich sind erhebliche Zweifel daran laut geworden, ob denn die an Covid-19 Erkrankten dem statistischen Durchschnitt entsprachen. Gemäß einer aktuellen Untersuchung von Hanlon et al. (2020) waren die weitaus meisten der Corona-Opfer nicht nur alt, sondern wiesen bereits im Vorfeld weit überdurchschnittlich eine oder mehrere Begleiterkrankungen wie beispielsweise Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass die ferne Lebenserwartung daher eben nicht der durchschnittlichen entspricht und bei pessimistischer Einschätzung stattdessen bei nur 2,9 Jahren gelegen hätte. Sollte es sich bewahrheiten, dass fast alle Todesfälle bereits Vorerkrankungen aufgewiesen haben, müsste diese Zahl noch weiter nach unten korrigiert werden, was in diesem Zusammenhang allerdings nicht weiter berücksichtigt werden soll. Eine erste Bilanz der Corona-Pandemie ist in Abb. 3 illustriert: Je nachdem, ob die Vorerkrankungen im Status quo-Szenario mit einbezogen werden oder die fernere Lebenserwartung der Durchschnittsbevölkerung verwendet wird, bedeutete die Pandemie einen Verlust an Lebensjahren, der zwischen 38.411 und 119.865 liegen dürfte. Dieser Korridor resultiert aus der Differenz der ferneren Lebenserwartung. Hätte man stattdessen die schwedische Laissezfaire-Strategie eingeschlagen, wären deutlich mehr Lebensjahre verloren gegangen. Im Durchschnitt kumuliert der Wert für den Fall einer durch Vorerkrankungen verkürzten ferneren Lebenserwartung auf 175.722 Lebensjahre. Unterstellt man jedoch einen durchschnittlichen Gesundheitszustand der Verstorbenen und damit die fernere Lebenserwartung von 9,2 Jahren, dann beziffert sich der Wert auf 548.351 Lebensjahre. Aus dem Vergleich des deutschen Status quo-Szenarios mit dem Laissez-faire-Szenario lässt sich unmittelbar abschätzen, wie viele Lebensjahre zusätzlich verloren gegangen wären, hätte die Bundesregierung keinen Lockdown betrieben. Isoliert betrachtet sprechen die Zahlen eindeutig für den deutschen Weg, denn anderenfalls wären zusätzlich zwischen 137.311 unter Berücksichtigung der Vorerkrankungen und 428.485 Lebensjahre bei Nichtberücksichtigung verloren gegangen (Differenzen der Szenarien in Abb. 3). Offensichtlich war bzw. ist der schwedische Weg keine vernünftige Alternative und das Ergebnis scheint den fast überall in der Welt mehr oder weniger früh eingeschlagenen Weg als richtige Antwort auf die Pandemie zu legitimieren. Allerdings ist die erste Bilanz vorschnell und unter Nichtberücksichtigung der mit der Therapie unmittelbar verknüpften Nebenwirkungen gemacht. 3. Von den übersehenen Folgen der Vollbremsung Die ökonomische Konsequenz der weltweit eingeschlagenen Corona-Maßnahmen zeigte sich unmittelbar und lag im weitgehenden Ausfall der globalisierten Wertschöpfungsketten. Diese Vollbremsung geschah, zumindest in Deutschland, zu einem Zeitpunkt, der rückblickend eine Dekade des durchgehenden Wirtschaftswachstums bei gleichzeitig enorm steigender Beschäftigung beendet hat. Historisch ist der Zeitraum 2009 bis 2020 nur mit dem Wirtschaftswunder der 1950er bzw. 1960er Jahre vergleichbar. Wachstum und Beschäftigung resultierten dabei nicht zuletzt aus den umfassenden Steuer-, Arbeitsmarkt und Sozialreformen der Agenda 2010. Das vorläufige Ende des Wirtschaftswachstums wurde dabei so abrupt eingeleitet, dass im Jahr 2020 ein voraussichtlich zweistelliger Einbruch im realen BIP zu verzeichnen sein wird. Soviel zur Analyse des zumindest nach herrschender Lehrmeinung Wissenschaftliche Beiträge WiSt Heft 10 · 202036 70 75 80 85 90 95 0 5000 10000 15000 20000 25000 30000 35000 40000 Le b e n se rw a rt u n g Reales BIP pro Kopf Abb. 4: Einfluss des realen BIP- Wachstums auf die Lebenserwartung 1950–2018 drastischen Einbruchs im realen Wirtschaftswachstum sowie im Einkommens- und Beschäftigungsniveau. Triebfeder jedes Wirtschaftswachstums – und auch hier ist die herrschende Lehrmeinung eindeutig – ist der technische Fortschritt. Ohne technischen Fortschritt herrscht bestenfalls Stillstand, jedoch ist die Beziehung wechselseitig, denn Wachstum und technischer Fortschritt bedingen sich gegenseitig. Wachstum und allgemeiner technischer Fortschritt sind allerdings auch Vorbedingung für den medizinisch-technischen Fortschritt. Je höher der technische Fortschritt und damit das reale BIP-Wachstum, desto ausgeprägter ist auch der Spielraum für den fast ausschließlich produkt-innovativen medizinisch-pharmazeutischen Fortschritt. Will hei- ßen: Marktwirtschaftliche Systeme schaffen für ihre Bevölkerung einen Zugang zu lebenserhaltenden Innovationen – und zwar umso mehr, je stärker sie wachsen. Der Erfolg der sozialen Marktwirtschaft lässt sich mithin nicht nur daran festmachen, dass das Deutschland des Jahres 2019 so reich war, wie nie eine deutsche Gesellschaft gewesen ist. Vielmehr ist es auch das Deutschland, das die langlebigsten Menschen beheimatet, die jemals in diesem Land gelebt haben. Durch den medizinisch-technischen Fortschritt, der aus Wachstum gespeist wird, gewinnen die westlichen Industrienationen im Durchschnitt von Generation zu Generation etwa fünf Jahre an Lebenserwartung. In Deutschland ist die langfristige Korrelation zwischen Lebenserwartung und realem BIP Wachstum für die statistisch erfasste Nachkriegszeit, wie in Abb. 4 dargestellt, außerordentlich signifikant. Wird das reale BIP-Wachstum pro-Kopf auf die Lebenserwartung regressiert, ln(LEt) = c + β ln(BIPtreal) + ε t so zeigt sich, dass eine Erhöhung des realen BIP pro Kopf um 1 Prozent die Lebenserwartung ceteris paribus um 0,085 Prozent (=β ) ansteigen lässt (R2=0,97). Sicher ist, dass diese Korrelation noch keine Kausalität widerspiegelt und sicher ist auch, dass monokausale Erklärungen mit Vorsicht zu interpretieren sind. Dennoch kann grob geschätzt davon ausgegangen werden, dass 1 Prozent reales pro-Kopf-Wachstum (gleichbedeutend mit einer technischen Fortschrittsrate gleicher Höhe), die Lebenserwartung der Bevölkerung im Durchschnitt um etwa 0,9 Monate (= 27 Tage) erhöht. Geht man allerdings – wie die Bundesregierung – von einem Wirtschaftseinbruch von 6,3 Prozent aus und unterstellt ferner, dass dies nicht nur ein negativer konjunktureller Schock ist, der in Zukunft wieder aufgeholt wird, so bedeutet dies einen Verlust an zusätzlicher Lebenserwartung von mehr als fünf Monaten. Bezogen auf die derzeitige Bevölkerung bedeutet dies, dass der ökonomische Wachstumseinbruch durch die Corona-Maßnahmen über 37 Millionen verlorene Lebensjahre induzieren wird. Dies ist ein Vielfaches dessen, was durch den Lockdown an Lebensjahren bewahrt worden ist. Die kurzfristig durch den Lockdown gewonnenen Lebensjahre bewegen sich – wie oben gezeigt – in einer Spanne zwischen 137.311 Lebensjahren bei Berücksichtigung und 428.485 Lebensjahren bei Nichtberücksichtigung der Vorerkrankungen (vgl. Abb. 5). Allerdings entspricht der unwiederbringliche Verlust von fünf Monaten an Lebenserwartung einem gemeinhin für unrealistisch gehaltenen Einbruch des langfristigen Wachstumspfades in der gesamten industrialisierten Welt. Für den Fall, dass der ursprüngliche Wachstumspfad nach der unterstellten scharfen Rezession, wie bei der Finanzkrise 2008, relativ schnell wieder erreicht werden würde, käme es nur zu einer kurzfristigen Abbremsung des im Normalfall stattfindenden Zuwachses an Lebenserwartung. Unterstellt man in einem solchen optimistischen Szenario, dass die ökonomische Vollbremsung die Lebenserwartung nur um ein Zehntel des obigen Maximalwertes, also etwa zwei Wochen, reduziert, so wären langfristig 3,8 Millionen Lebensjahre verloren. Es gilt also abzuwägen zwischen 3,8 oder 38 Millionen langfristig für alle verlorenen Lebensjahre gegenüber maximal 428.485 gewonnenen Lebensjahren der Jahrgänge 1960 und älter. Insgesamt kostet der politisch induzierte Wachstumseinbruch mithin deutlich mehr an Lebenserwartung als unter dem Strich bewahrt werden konn- Raffelhüschen, Verhältnismäßigkeit in der Pandemie: Geht das? WiSt Heft 10 · 2020 37 3.764.562 137.311 428.485 37.645.620 0 5.000.000 10.000.000 15.000.000 20.000.000 25.000.000 30.000.000 35.000.000 40.000.000 Gewonnene Lebensjahre durch den Lockdown (mit Begleiterkrankungen) Gewonnene Lebensjahre durch den Lockdown (ohne Begleiterkrankungen) Verlorene Lebensjahre durch den Lockdown (Minimum/Maximum) Le b e n sj a h re 2000 2500 3000 3500 4000 4500 1. Jan. 15. Jan. 29. Jan. 12. Feb. 26. Feb. 11. Mrz. 25. Mrz. 8. Apr. 22. Apr. 6. Mai. 20. Mai. 3. Jun. T o d e sf ä lle 2017 2018 2019 2020 Ø 2016-2019 Abb. 5: Gewonnene bzw. verlorene Lebensjahre als Folge des Wirtschaftseinbruchs Abb. 6: Covid-19 und Übersterblichkeit te. Verlierer ist dabei jeder, die Jungen mehr, die Alten weniger und das Prinzip der Verhältnismäßigkeit ist mitnichten gewahrt worden. Allerdings stellt sich natürlich die Frage, ob die Reaktion der Bundesregierung nicht alternativlos gewesen ist, zumal sie selbst durch eine Laissez-faire-Strategie den Wirtschaftseinbruch – ebenso wenig wie die schwedische Regierung – quasi im Alleingang hätte vermeiden können. 4. Und was lernen wir aus der Corona-Pandemie? Die weltweite Reaktion auf die Covid-19-Pandemie war durch Panik und Hysterie geprägt. Derartige Überreaktionen sind polit-ökonomisch im Rahmen einer „Mediendemokratie“ westlicher Prägung leicht zu erklären. Keine Regierung hat bewusst Fehler gemacht, aber alle haben die Hysterie einer bereits erheblich gealterten Bevölkerung mit einem etwa 55-jährigen Medianwähler sehr ernst genommen. Zu wenig zu handeln war keine politische Option – populäre Entscheidungen müssen über das soziale Optimum hinausgehen. Und damit wäre eine dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit genügende Laissez-faire-Strategie à la Schweden eigentlich auch nicht zielführend gewesen – zumindest dann nicht, wenn nicht alle Staaten gemeinsam dieser Strategie gefolgt wären. Nur ein koordiniertes Vorgehen weltweit – oder zumindest eine Koordination in den wirtschaftlich intensiv verflochtenen Ökonomien – hätte einen deutlichen Wohlfahrtsgewinn gegenüber der jetzigen Situation für alle ergeben können – ein klassisches Gefangenendilemma. Nur ist man hinterher immer schlauer und die richtige Antwort auf die Corona-Pandemie verbleibt nicht nur fiktiv, sondern auch obsolet: Es braucht keine Suche nach den Schuldigen für Dinge, die ohnehin nicht mehr geändert werden können. Allerdings müssen wir uns für die Zukunft rüsten, um auf Covid-20, 21, 22 etc. vorbereitet zu sein – so wie auf spanische, asiatische oder aus Hongkong stammende „Grippen“. Und dass Covid-19 eben keine außergewöhnliche Übersterblichkeit (zumindest) in Deutschland erzeugt hat, steht nach der aktuell vorliegenden Statistik des Bundesamtes (vgl. Abb. 6) offensichtlich fest. Sicherlich haben die Corona-Maßnahmen dazu beigetragen, die Sterblichkeit abzumildern, aber sicher ist auch, dass Covid-18 oder SARS oder vielleicht doch die gewöhnliche Grippe im Jahr 2018 ähnlich viele Tote induziert hat, als Covid-19 mit schwedischer Laissez-faire-Strategie induziert hätte. Nur wusste die Öffentlichkeit 2018 noch nichts von all dem und die mediale Aufmerksamkeit rangierte gegen Null. Was aber, wenn eine zweite Infektionswelle kommt? Was, wenn auch im nächsten Jahr noch kein geeigneter Impf- Wissenschaftliche Beiträge WiSt Heft 10 · 202038 Erhältlich im Buchhandel oder bei: vahlen.de | Verlag Franz Vahlen GmbH · 80791 München kundenservice@beck.de | Preise inkl. MwSt. | 170492 Emotionale Intelligenz in der Praxis. Bariso EQ – Emotionale Intelligenz 2019. XIV, 183 Seiten. Kartoniert € 22,90 ISBN 978-3-8006-6069-8 In EQ – Emotionale Intelligenz veranschaulicht Justin Bariso anhand fundierter Forschungen, moderner Beispiele und persönlicher Geschichten die Kraft des emotionalen Einflusses und wie emotionale Intelligenz in der realen Welt funktioniert – er zeigt darin, wie man Emotionen für sich anstatt gegen sich arbeiten lässt. Das Buch bietet praktische Werkzeuge und Übungen, die zeigen, wie man seine Gefühle kanalisiert, so dass sie uns und unseren (privaten und geschäftlichen) Beziehungen nützlich sind und wie man sich beispielsweise vor Manipulation schützt. P o rt o fr e ie L ie fe ru n g va h le n .d e /2 77 8 6 53 0 stoff gefunden wurde und 2021 analog abläuft? Und was, wenn die Sterblichkeitsraten bei Covid-22 wieder ein Niveau erreichen, wie es sich 2018 ergeben hat? Eine endlose Folge von ökonomischen Bremsvorgängen ist ausgeschlossen – schon einen zweiten Lockdown wird es aller Voraussicht nach zumindest weltweit nicht mehr geben. Und damit ist kein Infektionsschutz mehr zu gewährleisten. Au- ßerdem ist es ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis eine Pandemie in den Ausmaßen der „Spanischen Grippe“ die Welt in Atem halten wird. Das könnte eine Reaktion wie gegenwärtig praktiziert tatsächlich erforderlich machen. Was aber, wenn der erforderliche Pfeil zur Gegenwehr nicht mehr im Köcher ist, sondern schon verschossen wurde? Und letztlich erfordert die Abwehr einer Pandemie ohnehin eine international koordinierte Strategie – Viren kennen keine Grenzen und nationale Alleingänge sind national alternativlos, aber auf die Gesamtheit im internationalen Kontext bezogen können sie schlicht unverhältnismäßig sein. Literatur Hanlon, P., Chadwick, F., Shah, A., Wood, R., Minton, J., McCartney, G., Fischbacher, C., Mair, F. S., Husmeier, D., Matthiopoulos, J. und D. McAllister (2020). COVID-19 – exploring the implications of long-term condition type and extent of multimorbidity on years of life lost: a modelling study, Wellcome Open Research, 5, 75. Klarman, H. E., Francis, J. und G. D. Rosenthal (1968). Cost Effectiveness Analysis Applied to the Treatment of Chronic Renal Disease, Medical Care, 6(1), 48–54. Raffelhüschen, Verhältnismäßigkeit in der Pandemie: Geht das? WiSt Heft 10 · 2020 39

Abstract

In the light of the sever economic distortions caused by the corona pandemic, the question arises whether the economic consequences had been sufficiently considered by the authorities when the measurements in order to contain the pandemic were adopted. With the help of the economic "lockdown", we were able to gain about 180,000 years of life expectancy – taking into account the pre-existing health conditions. This paper illustrates that the loss of technical progress in health care due to the slump in economic growth could cost at least 3,7 million years of life expectancy. However, an isolated laissez-faire strategy à la Sweden would not have been purposeful either – especially considering the national incentives to deviate from this strategy. In order to prepare for future pandemics a globally coordinated laissez-faire approach – or at least closer cooperation between the interconnected economies – is the better way to go.

Zusammenfassung

Angesichts der sich abzeichnenden wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie in Deutschland, stellt sich die Frage ob die Reaktionen zur Eindämmung der Pandemie die wirtschaftlichen Konsequenzen ausreichend berücksichtigt haben. Während durch den „Lockdown“ unter Berücksichtigung der Vorerkrankungen etwa 180.000 Lebensjahre gewonnen werden konnten, zeigt dieser Beitrag, dass das Aussetzen des medizinisch-technischem Fortschritt durch den Wachstumseinbruch mindestens 3,7 Millionen Lebensjahre kosten könnte. Eine dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit genügende Laissez-faire-Strategie à la Schweden wäre allerdings ebenfalls nicht zielführend gewesen – zumindest dann nicht, wenn nicht alle gemeinsam dieser Strategie gefolgt wären. Für die Zukunft ist daher ein weltweit koordiniertes Vorgehen – oder zumindest eine engere Zusammenarbeit zwischen den wirtschaftlich intensiv verflochtenen Ökonomien – absolut notwendig.

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Up-to-date knowlegde of the main topics and proven methods in business and economics research is the key factor for success in both academia and business. Month by month, WiSt delivers this knowledge by presenting and discussing latest trends and current topics on the basis of models from the business and economics sciences.

Language: German.

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